Die fünfte Entscheidung

Entscheidungen. Mein ganzes verdammtes Leben war immer schon auf ihnen aufgebaut. Nehme ich den Schnuller oder den Beißring? Kotze ich meine Mutter oder den Tisch an? Schwimme ich mit dem Strom oder mit dem Kopf in der Kloschüssel? Werde ich ein armer, ängstlicher Künstler oder ein armer, ängstlicher Büroarbeiter? Ziehe ich das weiße Hemd mit den blauen Streifen an oder das blaue mit den weißen Streifen? Wähle ich den Amoklauf oder das freundliche Lächeln?

Ich hasse Entscheidungen. Aber täglich werden sie mir abverlangt. Wie schwarze Löcher öffnen sie sich unvermittelt auf einem Weg, der doch eigentlich nur sicher und ungestört vom Bett und wieder zurück führen sollte. Aber nein, die Dinger springen mich an wie ein schlecht gemachter Jumpscare. Klammern sich an mein Nervensystem, öffnen ihre nach Reue, Schuld und Verantwortung stinkenden Mäuler und schreien mir Fragen und Rätsel ins Gesicht, bis meine Ohren so taub sind wie meine Seele.

Dabei will ich nur existieren, verdammt. Einfach nur atmen, fressen, träumen und all den anderen guten Scheiß, den das Leben zu bieten hat. Und wo ich mein Dopamin herbekomme: Who cares? Hauptsache, es kickt und verhindert, dass der Scheiß hier komplett zum Albtraum wird. Stattdessen stehe ich da wie so ein armes Opfer in einem dieser nervigen Schnellrestaurants.

Welches Brot? Welche Sauce? Mit Käse? Mit Analog-Käse? Mit Digital-Käse? Mit zehnfach Käse? Mit dreiviertelscharfen südostmexikanischen Frühherbstpeperoni? Welche Religion? Welche Vorurteile? Welche Subkultur? Welches Death-Metal-Subgenre? Welcher Streamingdienst in welchem Abomodell? Welcher Beruf? Welche Sorte Klopapier? Und mit welchem von den fünfunddreißig fast identischen, künstlich aromatisierten und in Zucker ertränkten Bechern geronnenen Paarhuferdrüsensekrets darf ich mich in ein frühes Grab futtern und lasse ich mich danach zum Diamanten pressen, ins All schleudern oder von einem heiligen Affen fressen und auf die Spitze des Himalaya-Gebirges scheißen? Ich kann nicht mehr, verdammt!

Und dann diese ganzen Weisheiten und Kalendersprüche.

„Deine Entscheidungen machen dich aus!“

„Übernimm endlich Verantwortung für deine Entscheidungen!“

„Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung!“

Bin ich in einer Gameshow, oder was? Am liebsten würde ich auf den ganzen Multiple-Choice-Albtraum eine Atombombe werfen, wenn sich daran nicht wieder tausend Entscheidungen knüpfen würden (Welches Material? Welcher Anreicherungsgrad? Woher beziehen? Wasserstoffbombe oder doch nur schmutzige Bombe?). Aber wahrscheinlich habe ich mich auch künstlich aufgeregt. Denn all das, alles, mit dem ich mich bisher herumschlagen musste, war nur ein fluffiger Witz gegen die harten Wahrheiten, denen ich jetzt gegenüberstehe.

Ironischerweise wurde mir die Entscheidung, hier zu sein, einfach abgenommen. Eines Morgens bin ich hier aufgewacht, in diesem düsteren Labyrinth. Über mir ein dunkler Dämmerungshimmel. Verhangen von trostlosen, bleischweren Wolken. Kein Mond, keine Sonne. Keine Sterne. Nur eine saugende und zugleich erdrückende Leere. Vollkommen windstill. Die Luft ist weder warm noch kalt. Und um mich herum erstreckt sich nur ein endloses Labyrinth aus Hecken. Aus ihnen sprießen Dornen, essbare Beeren und weitere Entscheidungen. Vier an der Zahl.

Links, rechts, vorwärts und zurück.

Klettern ist unmöglich. Denn die Hecken sind zehn Meter hoch und die Dornen hart wie Stahl. Und Graben geht auch nicht, denn der Boden, auf dem sie wachsen, besteht aus reinem Beton. Vier Möglichkeiten also, mehr nicht. Man sollte meinen, dass ich eine solche Reduktion begrüßen würde. Doch es stellt sich heraus, dass Entscheidungen nur umso beschissener schmecken, wenn man sie komprimiert und kondensiert.

Links. Ein langer Gang. Kurze Dornen. Rote Früchte. Die schmecken exakt wie die blauen, die weißen, die violetten und die gelben. Nicht gut und nicht beschissen. Nur viel zu süß. Doch sie halten mich am Leben. Ich esse ein paar. Kaue. Schlucke. Verdaue.

Rechts. Keine Früchte. Längere Dornen. Der Weg hat eine leichte Steigung. Das sind vielleicht die schlimmsten Pfade. Sie vermitteln Hoffnung, egal, wie oft sie schon enttäuscht wurde. Gegen Hoffnung gibt es wahrscheinlich keine Impfung.

Ich umgehe die Dornen mit der Erfahrung unzähliger Tage. Wie viele sind es bereits? Hundert? Dreihundert? Tausend? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nicht einmal, ob ich schon vorangekommen bin oder ob es hier ein Ende gibt. Ich habe Markierungen gemacht. Hab mit meinem Haustürschlüssel in den Betonboden gekratzt.

Und ich habe die Markierungen nie wieder gesehen. Ein Zeichen also, dass ich nicht im Kreis laufe? Oder wurden die Markierungen entfernt? Das wäre durchaus denkbar. Etwas folgt mir. Schon seit vielen Tagen. Es schleppt sich durch die Schatten, grinst zwischen winzigen Lücken in den Hecken hindurch und beobachtet mich, wenn ich schlafe. Manchmal, wenn ich zu langsam werde, kommt es ganz nah. Ich sehe nie mehr als einen Schatten oder ein verschwommenes Nachbild. Aber ich höre das Schnaufen, das leise, zischende Knurren und spüre den feuchten, warmen Atem, der meine Nackenhaare aufrichtet und meine brennenden Muskeln zu Höchstleistungen antreibt.

Gelegentlich spürte ich auch seine Berührung. An Kreuzungen, die mich zum Grübeln brachten. Aber vor allem in den schlaftrunkenen Momenten, kurz vor dem wirklichen Erwachen. Ein paar Mal hat es mich sogar gekratzt oder gebissen. Wenn ich zu langsam war oder nicht schnell genug aufgestanden bin. Nie zu tief. Nie so schlimm, dass es nicht verheilen würde. Es hat mich nie getötet und hat sich auch nie wirklich gezeigt.

Ist es der Wächter dieses Labyrinths? Ein weiterer Gefangener aus irgendeiner Höllensphäre? Lediglich ein Trugbild, und die Bisse und Kratzer kamen allein von den Dornen? Ich will das nicht entscheiden. Das nicht auch noch.

Der Weg führt weiter hinauf. Für einen Moment wirken die Hecken nicht mehr ganz so hoch. Der Himmel wird heller, wie ein Silberstreif am Horizont. Und für einen Augenblick sehe ich die Weite. Ich sehe den gesamten Horizont und bin mir fast sicher, dass ich ganz am Ende eine Stadt erkenne.

Strahlend, sauber, einladend. Voller prachtvoller Häuser mit warmen Herdfeuern und gastlichen, freundlichen Einwohnern, die mich aufnehmen, meine Verzweiflung heilen und mir schließlich einen Weg zurück zeigen werden, in jene Welt, wo die elenden Entscheidungen wenigstens vielfältiger sind. Dann führt der Weg wieder hinab, die Hecken wachsen wie von Zauberhand und ich bin mir noch viel sicherer, dass dort in der Ferne nichts weiter ist als Leere, Nebel und dorniges Gestrüpp.

Müde schleppe ich mich weiter. Links. Rechts. Geradeaus. Sackgasse. Zurück. Rechts. Rechts. Links. Geradeaus. Ich bin langsam heute. Langsamer als sonst. Links. Rote Beeren. Rechts. Lange Dornen. Links. Kurze Dornen. Dabei weiß ich, dass meine Muskeln noch Reserven haben. Links. Rechts. Zurück. Rechts. Das weiß es auch. Es testet meine Grenzen, aber es hetzt mich nicht zu Tode. Es will mich wohl rennen sehen, nicht sterben. Nicht unbedingt zumindest. Meine Muskeln können noch. Links. Links. Violette Beeren. Sackgasse. Allein mein Geist ist erschöpft.

Wie genau kam ich hierher? Links. Links. Links. Links. Zurück. Keine Beeren. Oder war ich doch immer schon hier? Rechts. Rechts. Vor. Zurück. Lange Dornen. Nein, es gibt da Bilder. Gewissheiten. Zwischen den Entscheidungen. Vertraut, freundlich, schmerzhaft schön. Blumen in einem Meer aus Scheiße, wo es hier nur noch Scheiße gibt. Links. Rechts. Links. Rechts. Beeren. Dornen. Dornige Beeren. Beerige Dornen. Horizont. Stadt. Nebel. Ich weine. Nein, nicht nur das. Meine Tränendrüsen sind geradezu inkontinent. Melancholie und Sehnsucht penetrieren meine Seele aus allen Richtungen. Ein bittersüßer Schmerz. Wie Dornen. Und Beeren.

Entscheidungen. Vier an der Zahl. Links. Rechts. Vorwärts. Rückwärts. Und doch … gibt es eine fünfte. Ja, warum bin ich nie darauf gekommen? All die vielen Tage nicht?

Ich werde langsamer. Halte schließlich ganz an. Die Zeit tickt dumpf im Takt meines Herzschlags. Ich erahne den Schatten, höre das Knurren, spüre den Atem und schließlich den Biss papierscharfer Klauen. Klauen, die erst necken, dann warnen, dann wühlen.

Haut zerreißt. Fleisch zerfasert. Knochen zerbricht. Begleitet von manischen Fressgeräuschen. Der Schmerz ist schlimm, doch ich bleibe weiter stehen. Halte ihn aus. Drehe nicht um. Laufe nicht weg. Nicht nach links. Nicht nach rechts. Nicht vorwärts. Nicht zurück. Das ist meine Entscheidung. Stehenbleiben und mich nicht länger den Spielregeln beugen.

Und während meine Körperruine weiter zur Unkenntlichkeit zerfetzt wird und ich langsam das Bewusstsein verliere, lächle ich doch in tiefem Frieden.

Denn gefangen im Irrgarten des Wahnsinns ist Sterben wie Heilung für die Seele.

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