
Zu den gruseligsten Vorstellungen meiner Kindheit und frühen Jugend gehörte es, zu einer Marionette zu werden. Selbst Pinocchio war in dieser Zeit wie eine Art Horrorfilm für mich gewesen. Und obwohl ich in meiner Existenz als Fortgeschrittener schon oft in der Situation gewesen war, keine wirkliche Kontrolle über meinen Körper oder meine Gedanken zu haben, ist das hier anders. Es ist keine übernatürliche, sanfte Hypnose, kein Sirenengesang und kein mächtiger Wille, der mein Bewusstsein beiseitedrückt und mir zumindest erlaubt, mich dem Fatalismus hinzugeben. Ich bleibe vollständig in meinem Körper präsent. Ich fühle ihn, bewohne ihn und kann ihn theoretisch bewegen. Aber immer wenn ich das tatsächlich versuche, fährt ein radikaler Impuls in mich hinein, der meine Muskeln lähmt oder umlenkt. Grob, brutal, ohne jede Finesse und dennoch erschreckend effektiv.
„Du kannst mich jetzt freigeben, Krimara“, will ich zu meiner Kerkermeisterin sagen, „wir sind weit genug von deinen Leuten weg. Du musst die Tarnung nicht mehr aufrechterhalten.“
Doch dieser Gedanke kommt eher als „… eigeben … mara … weg …“ aus meinem fremdbestimmten Mund gestolpert.
Krimara scheint mich dennoch zu verstehen. Doch ob das ein Grund zur Freude ist, bleibt abzuwarten.
„Schweig, Diener!“, sagt die Luth Nomorerin gebieterisch, „mein Kopf brummt … ich kann dein Geschnatter gerade nicht ertragen. Ich bin jetzt … eine Hochnatorin. Eine Wanderin der anderen Seite. Darüber muss ich erst einmal reflektieren.“
„Hey, so hatten wir nicht gewettet“, entfährt es mir und diesmal kommen meine Worte sogar halbwegs verständlich heraus, „ich bin nicht dein Sklave. Wir sind Verbündete! Und diese ganze Hochnatoren-Show wolltest du allein für unsere Mission durchziehen. Ich hab schon genug widerlichen Scheiß für dich gemacht. Ekliger als so ziemlich alles, was ich je tun musste. Und nun ist es an der Zeit, dass wir …“
„Sei endlich still!“, tadelt mich Krimara erneut und diesmal um einiges schärfer und autoritärer als zuvor. Dabei schneidet sie mir nicht einfach nur das Wort ab. Ich spüre vielmehr, wie sich meine Kehle wie von selbst zudrückt. Millimeter für Millimeter. Für einen schrecklichen Augenblick bin ich sicher, zu ersticken. Dann lässt der Druck auf meine Luftröhre endlich wieder nach. Was bleibt, ist das Wissen, dass Krimara meinen Körper besser kontrollieren kann als ich es je vermochte.
„Ich …“, sagt Krimara verwirrt und etwas in ihrem Ausdruck ändert sich. Ob zum guten oder schlechten kann ich nicht sagen. Jedenfalls blickt sie mich für einen Moment sehr ratlos an, „… ich brauche Ruhe. Ja … ich muss einfach etwas allein sein! Ganz allein!“
Krimara sieht sich ein letztes Mal um, sieht auch zu der Fabrik, die nur noch ein ferner Fleck am Horizont ist und zuletzt zu mir. Die Augen erfüllt von Wut, Verwirrung, Arroganz, und Ratlosigkeit. Dann rennt sie einfach davon, als wären Dämonen hinter ihr her.
„Hey!“, will ich sagen, doch mein Mund ist gelähmt. Genau wie mein restlicher Körper, außer meiner Atmung, meinem Herzschlag und meiner Augenmuskulatur. Offenbar ein Abschiedsgeschenk von meiner ach so wertvollen Verbündeten.
Ich hasse diese Welt, denke ich, während ich hilflos dabei zusehe, wie Krimara hinter den Grabsteinen verschwindet. Jetzt stehe ich hier wie eine beschissene Statue, geformt aus totem und lebenden Fleisch. Auf gewisse Weise bin ich schon wieder lebendig begraben und bin jeder Bedrohung, die Luth Nomor mir zu bieten hat, hilflos ausgeliefert. Seien es Endoren, Zjuschiqwa, Hochnatoren oder Kreaturen und Gefahren, die ich mir nicht mal ausmalen kann. Ob Krimara je zurückkehren wird? Hat sie vielleicht doch einen größeren Teil ihrer Seele eingebüßt, als sie dachte, und ist jetzt mehr oder weniger auf Linie mit den wahnsinnigen Nekrokraten, die ihr Volk regieren? In diesem Fall kann ich wohl nur darauf hoffen, dass mich irgendetwas mit scharfen Zähnen lebendig auffrisst, bevor sie und ihre Kultistenkollegen zurückkehren, denke ich sarkastisch.
Doch mein Zynismus ist kein sehr guter Schutz gegen die Angst, die mich befällt. Immer wieder scannen meine Augen mein beschränktes Sichtfeld ab und registrieren jede noch so winzige Bewegung darin. Jedes vom Wind vorangetriebene Blatt, jedes Zittern von Ästen. Und all das verwandelt sich mehr und mehr in latente, geisterhafte Bedrohungen. Selbst ein Kind unter seiner Bettdecke ist besser geschützt als ich, denke ich und fühle mich so vollkommen hilflos. So hilflos und allein, dass ich mir verzweifelt eine andere Welt herbeisehne. Und irgendwie, auf Wegen, die ich immer noch nicht recht begreife, findet mich eine solche Welt. Eng, warm und noch übelriechender als die tote Haut, unter der ich mich verberge.
~o~
Atemlos hält Andy an. Die Flucht vor dem laufenden Geschwür hat ihn an seine körperlichen Grenzen gebracht. Zweimal hatte er sich dem Ding zum Kampf stellen müssen, weil es ihn eingeholt hatte. Beide Male hatte er gesiegt. Er hatte es übel zugerichtet, zerschnitten und viele seiner Fäden abgetrennt. Aber hatte es nicht töten können. Nicht hier, an diesem Ort, wo der Tod keine Macht besitzt. Aber anders als so manch anderes Lebewesen in dieser elenden Welt hat sich dieses Monster immer wieder geheilt, während Andy immer schwächer und erschöpfter geworden war. Inzwischen ist er so müde und außer Atem, dass er sich einem dritten Kampf nicht würde stellen können. Das weiß er ganz genau. Das Ding würde ihn wahrscheinlich schlicht auseinanderreißen.
Aber das Geschwür ist seit ihrem zweiten Aufeinandertreffen nicht mehr aufgetaucht. Schon seit etwa einer Stunde nicht mehr. Entweder es lauert auf seine Chance oder Any hat wirklich etwas mit dieser fieberhaften Hetzjagd zu tun gehabt. Jedenfalls behauptet die Pyramide in seinen Klauen, dass Andy endlich an seinem Ziel angekommen ist. Zunächst will er nicht so recht daran glauben, immerhin sieht dieser Gang hier so aus wie jeder andere. Aber gerade als er sich schon fragt, ob er doch noch etwas weitergehen soll, hört er Schritte.
Und auch Stimmen. Sie kommen von rechts. Direkt von der Kreuzung, die sich vor ihm auftut. Hektisch sucht Andy nach einem Versteck und findet es in einer flachen Vertiefung an der rechten Wand. Direkt hinter einer großen, wabbeligen, grünen und von dicken Adern durchzogenen Keimdrüse, die leise in einer Art matschigem Herzschlag pulsiert.
„Wir können und dürfen nicht aufgeben. Was haben wir denn zu verlieren? Mit dem Tod können sie uns nicht drohen“, hört Andy eine weibliche Stimme sagen. Der hysterische Trotz in ihren Worten passt gut zu ihrem Äußeren, das Andy selbst hinter der übelriechenden Drüse recht gut erkennen kann. Sie war sicher einst jung und gutaussehend gewesen, aber das muss lange her sein.
Inzwischen hätte sie in einem Schönheitswettbewerb wahrscheinlich sogar ernsthafte Schwierigkeiten, sich gegen Andy durchzusetzen. Dort, wo ihr blasser Körper nicht von schmutzigen Lumpen bedeckt ist, haben unansehnliche Geschwüre die Herrschaft übernommen. Sie bedecken einen Großteil ihres Gesichtes, sodass nur dünne, brüchige Lippen, ein zugeschwollenes Auge und ein paar strähnige Haare aus der eitrigen Katastrophe eines Kopfes herausragen. Aber sie sitzen auch wie glänzende, gelbe Edelsteine auf ihren Schultern, verunstalten ihre eigentlich spindeldürren Beine und bilden eine regelrechte Kolonie dort, wo wahrscheinlich einmal ihre Brüste gewesen waren.
Andy kann sich nicht einmal vorstellen, wie grauenhaft ihre Existenz sein mochte, und zum ersten Mal seit langer Zeit hat er das Gefühl, dass sein eigenes Los vielleicht nicht das schlimmstmögliche im Multiversum ist. Einen Vorteil zumindest besitzt die Frau aber ihm gegenüber: Direkt an ihrem von Geschwüren übersäten, rechten Arm befand sich eine schwarze Waffe mit kreisrunder Öffnung. Ein Schattenstrahler, wie Andy anhand der Berichte von Adrian erkennt. Waffen, die nicht immer, aber oft von einem Kwang Grong bewohnt werden. Das würde auch erklären, warum die Frau trotz ihres erbärmlichen Zustandes noch so voller Kampfgeist zu sein scheint.
„Nein, nicht mit dem Tod. Aber mit den Verwahrern, Dyvanna“, erwidert eine männliche Stimme. Sie gehört einem älteren Mann, dessen Körper so vollständig mit dickem Schorf und knotigem Narbengewebe verunstaltet ist, dass man ihn auf den ersten Blick auch für einen Golem oder eine andere künstlich geschaffene Kreatur halten kann. Wahrscheinlich, so denkt Andy, handelt es sich aber ebenfalls um einen Bravianer. Vielleicht auch um einen Deovani oder einen Menschen. Es ist aber unmöglich, das mit Sicherheit zu sagen. Auch der Mann ist bewaffnet, jedoch mit einer zerkratzten, alten Pistole, wie man sie am ehesten auf einem Schrottplatz finden kann, auch wenn Andy vermutet, dass sie zumindest noch funktionsfähig ist. Die beiden sehen elend aus, ohne Frage. Aber sicher sind sie immer noch in der Lage, ihn zu verstümmeln, wenn sie das wollen.
Andy fragt sich, ob schon der richtige Zeitpunkt ist, sich zu erkennen zu geben. Wahrscheinlich noch nicht. Nicht, wo sie gerade so aufgewühlt sind. Der Timer auf der Uhr gibt ihm recht. Demnach wird es noch ca. zweieinhalb Minuten dauern, bis er sich den beiden zeigen kann. Andy spielt zwar mit dem Gedanken, es früher zu tun, schon allein um einmal aus Anys einengender Logik fliehen zu können, aber er weiß auch, dass das albern wäre. Diese Art der Rebellion sollte er sich vermutlich besser für einen anderen, wichtigeren Zeitpunkt aufsparen.
„Wären die Verwahrer wirklich so viel schlimmer als unsere jetzige Existenz, Endron?“, antwortet Dyvanna, „sieh uns doch an. Wir können uns ohnehin kaum noch bewegen und diese verlausten Höhlen sind auch kein anregenderer Anblick als eine Kiste. Dort hätten wir wenigstens unsere Ruhe.“
„Du weißt nicht, was du da sagst“, entgegnet Endron furchtsam, „frag Nerrin. Er hat ein ganzes Jahr in so einem Ding verbracht, bevor man ihn für Experimente hervorgeholt hat und er dabei fliehen konnte. Lass ihn erzählen, wie schrecklich das war. Und hör besser genau zu. Dann wirst du erkennen, dass du wirklich rein gar nichts über die Verwahrer weißt.“
„Ich weiß nur, dass ich es nicht mehr aushalte, tatenlos zu bleiben“, sagt Dyvanna, „ich meine, warum verstecken wir uns überhaupt vor den Gesundern, wenn wir nichts gegen sie unternehmen wollen?“
„Du hast schon etwas unternommen und uns damit zum Ziel ihrer Rache gemacht. Reicht dir das etwa nicht?“, fragt Endron vorwurfsvoll.
„Du meinst die Kaperung des Bakteroiden?“, fragt Dyvanna, „uns hat niemand gesehen. Das hat Tregmar mir versichert. Er hat bessere Sinne als ich. Er hätte das bemerkt.“
„Dein Kwang Grong verwendet dieselben Sinne wie du“, widerspricht Endron, „vielleicht verwendet er sie etwas besser, so viel will ich eingestehen. Aber er ist kein Gott, Dyvanna. Und seine Anwesenheit in deinem Körper macht auch dich nicht zu einem. Und dass die Angriffe der Gesunder sich verstärkt haben, ist kein Zufall. Jeden zweiten Tag tauchen irgendwelche halb wahnsinnigen Söldner auf, die uns von Lager zu Lager folgen und die für ein wenig Gesundheit alles tun würden. Hätten wir uns still verhalten, wäre das nicht passiert.“
„Dass die Gesunder uns jagen, ist doch nichts Neues“, widerspricht Dyvanna, „wir sind Rebellen, gottverdammt. Natürlich greifen sie uns an. Ich bin nicht dumm, Endron. Das ist keiner von uns. Wir haben alle Angst. Aus gutem Grund. Aber wenn die anderen hören könnten, wie feige du redest, wie sehr du dich vor den Tyrannen duckst, dann …“
„Wir haben bereits alles gehört“, mischt sich eine jüngere, männliche Stimme ein. Einen Augenblick später kann Andy den Sprecher sehen. Er scheint körperlich vollkommen intakt zu sein. Das ist sehr leicht zu erkennen, da seine Haut vollkommen und sein Fleisch teilweise transparent ist. Es offenbart sein Verdauungssystem, seinen Kreislauf und viele weitere Dinge, die kein viel ästhetischerer Anblick sind als die von Krankheit zerfressenen Leiber seiner Kollegen.
„Nerrin“, sagt Endron überrascht.
„Nicht schwer zu erkennen, was?“, fragt Nerrin lachend, „und doch bin selbst ich nicht so durchschaubar wie du, Endron. Wie oft habe ich gesagt, dass du meine Erlebnisse nicht für deine Feigheit instrumentalisieren sollst? Im Verwahrer war es schrecklich gewesen, aber das hat nur dafür gesorgt, dass ich um jeden Preis verhindern will, dass das auch nur irgendeinem anderen Wesen noch einmal passiert. Und glaub mir, die meisten von uns sehen das genauso wie ich. Und wie Dyvanna.“
„So kenne ich dich gar nicht. Du bist in Braviania Pazifist gewesen“, erinnert ihn Endron, „genau wie ich. Wir haben uns für dieselbe Sache eingesetzt. Wir haben gesehen, wohin blinde Rachegelüste führen können.“
„Das stimmt. Es ist aber etwas völlig anderes, ob man sich von einem der großen Häuser in den Krieg gegen andere arme Schweine schleifen lässt, um den Reichtum irgendwelcher Aristokraten zu schützen, oder ob man seine eigene Freiheit gegen wahnsinnige Tyrannen verteidigt“, erwidert Nerrin, „das eine ist Dummheit, das andere Mut.“
„Und beides führt zu Leid“, antwortet Endron, „genau wie eure Selbstüberschätzung. Wir sind nicht einmal dreißig Leute. Selbst die Gesunder sind zahlreicher. Und ihre Abhängigen sowieso. Ihr wollt sie tatsächlich angreifen? Das ist vollkommen verrückt. Vielleicht werden wir nicht einmal im Verwahrer enden, sondern als empfindungsfähiger Staub und Matsch auf dem Boden dieser verdammten Höhlen. Wollt ihr das wirklich?“
„Pessimismus ist wohl die gefährlichste Krankheit von allen, die diese Höhlen heimsuchen“, antwortet Dyvanna, „sie ist die Leine, an der wir für sie tanzen. Ich will das nicht länger. Ich will diesen Tyrannen in den Arsch treten und ihnen ihre eigene Medizin zu schmecken geben. Mit dem Bakteroiden und weiteren seiner Art, könnte das gelingen. Sollen sie doch versuchen, uns zu unterdrücken, wenn sie tiefenverseucht sind.“
„Ich bleibe dabei“, antwortet Endron, „ohne eine Armee ist das nicht mehr als ein schöner Traum. Und wir haben keine Armee.“
Andy, der das Gespräch bislang aufmerksam verfolgt hat, sieht auf die kleine Pyramide. Noch eine Minute bis er Kontakt aufnehmen muss, stellt er fest. Doch wie soll er diese Leute davon überzeugen, dass er auf ihrer Seite steht und ihnen von Nutzen ist? Immerhin ist er für sie nur ein weiterer Fremder in dieser ewigen Verdammnis. Plötzlich, ganz leise, vibriert die Pyramide in seiner Klaue und für einen kurzen Moment wird der Countdown von einer Textnachricht unterbrochen: „Sie werden Verbündete finden. Truppen aus Cestralia, die gegen die Gesunder kämpfen. Sie kommen in zehn Minuten an. Erzähle es.“
Der Lauftext erscheint nur ein einziges Mal und ist nur für wenige Sekunden zu sehen, bevor der Countdown zurückkehrt und noch einunddreißig Sekunden anzeigt.
Was zur Hölle, denkt Andy, das werden die mir doch niemals glauben. Andererseits, selbst wenn sie mich für verrückt halten, ist das wohl nicht allzu schlimm. Wichtig ist nur, dass sie mich für einen harmlosen Verrückten halten und mich nicht verscheuchen. So lange zumindest, bis die Ankunft dieser Truppen meine Worte belegt. Falls das denn passieren wird.
Andy atmet noch einmal tief durch, dann tritt er mit einem vorsichtigen, aber nicht ZU vorsichtigen Schritt aus seiner Deckung.
„Achtung, da ist etwas!“, warnt Nerrin, der Andy sofort bemerkt und mit seiner Waffe, einer seltsamen Mischung aus Lanze und Gewehr, direkt auf seinen Kopf zielt.
„Ich mag wie ein Etwas aussehen, aber ich bin ein Jemand“, korrigiert Andy so freundlich wie möglich, „und vielleicht kenne ich eine Lösung für euer Problem.“
„Ach, was? Ist das so?“, fragt Dyvanna skeptisch, „versteckst du etwa eine Armee hinter deinem Rücken?“
„Das nicht“, sagt Andy, „aber wenn ihr mich kurz erklären lasst …“
„Wer bist du überhaupt und wo kommst du her?“, unterbricht Nerrin ihn, „lange kannst du noch nicht hier sein. Dafür siehst du viel zu gesund aus.“
„Das ist kein großes Mysterium“, meint Endron, „Er wird ein Agent der Gesunder sein. Das erklärt, warum er uns belauscht hat und auch, warum er in so guter Verfassung ist. Ein kleiner Vorschuss an Gesundheit, damit er seine Mission verfolgen kann. Und später eine ganze Handvoll Ampullen für seinen Verrat. Sie haben ihre Taktik geändert. Infiltration statt offener Aggression.“
„Das ist dämlich“, widerspricht Dyvanna, „wenn er sich bei uns einschleichen wollte, müsste er genauso krank aussehen wie wir. Gerade weil wir sonst sofort Verdacht schöpfen würden.“
„Lasst ihn doch zumindest seine Geschichte erzählen. Dann können wir immer noch entscheiden, was wir mit ihm tun“, meint Nerrin.
„Gut, dann leg los“, sagt Dyvanna, „sag, wer du bist und wie du meinst, uns helfen zu können.“
Und Andy beginnt.
„Mein Name ist Andy. Meine Mutter ist eine Jägerin vom Insektenvolk aus Xikraschidaa und mein Vater ist ein Mensch von der Erde. Ich bin euch freundlich gesinnt und gerne bereit, mich euch anzuschließen. Vor allem will ich euch aber mit Informationen helfen. Mit einer ganz bestimmten Information, um genau zu sein. Sie betrifft ein Invasionsheer aus Cestralia, das in … “
Andy sieht auf die kleine Pyramide in seinen Klauen.
„… etwa achteinhalb Minuten hier sein wird.“
Die drei Rebellen sehen Andy genauso an, wie er es erwartet hat. Er hat von Anfang an gewusst, dass es praktisch keine Möglichkeit gab, sie direkt zu überzeugen. Nicht ohne Beweise. Aber immerhin haben sie ihn noch nicht verjagt oder auf ihn geschossen. Das ist ein Erfolg.
„Siehst du“, sagt Nerrin mit einem trockenen Lachen, „der Typ ist harmlos. Nicht jede Krankheit kann man von außen erkennen. Der arme Kerl hat den Verstand verloren. Und da ist er ja leider nicht der Erste. Vielleicht ist es aber auch etwas Organisches. Ich weiß nicht, ob es dieses Xakrischidaa gibt oder wie die Leute dort normalerweise aussehen, doch dieser aufgeblähte Schädel könnte durchaus krankhaft sein. Eine Wasseransammlung oder Krebsgewebe, das Druck auf sein Gehirn ausübt. Aber wenn er kämpfen kann, können wir ihn trotzdem aufnehmen. Vielleicht hat er ja das Herz am rechten Fleck. Und aggressiv scheint er zumindest nicht zu sein.“
„Das sehe ich etwas anders“, sagt Endron kopfschüttelnd, „vielleicht habt ihr recht. So eine absurde Geschichte würde uns ein Agent der Gesunder niemals auftischen, und wenn er ein harmloser Irrer ist, kann er gerne bei uns im Lager bleiben. Wir lassen niemanden zurück, der Hilfe braucht. Aber mit uns kämpfen lassen lassen wir ihn trotzdem nicht. Ich möchte niemanden an meiner Seite wissen, der mir vielleicht in den Rücken fällt. Egal ob ihn Heimtücke oder Halluzinationen dazu bringen.“
„Ich verstehe, dass ihr mir nicht glaubt“, antwortet Andy, „aber was habt ihr zu verlieren? Wartet einfach noch sieben Minuten ab und ihr werdet sehen, ob ich Lüge.“
„Mal angenommen, du sprichst die Wahrheit und diese Armee aus dem Herzen der friedlichsten Welt des gesamten Multiversums erscheint gleich vor unseren Augen“, sagt Dyvanna, „in welcher Verbindung stehst du dann zu dieser Streitmacht? Und warum bist du nicht mit ihnen gereist? Bist du ein Kundschafter? Oder ein Diplomat?“
„Nein“, antwortet Andy, „nicht direkt. Sie kennen mich nicht. Aber ich bin … zufällig an diese Information gelangt. Ich weiß bestimmte Dinge. Dinge, die passieren werden. Es ist kompliziert … aber ich sage die Wahrheit.“
„Ach, nun bist du auch noch ein Prophet“, lacht Nerrin, „oder ein Wahrsager? So hohen Besuch dürfen wir einfachen Leute hier unten selten empfangen.“
Andy hätte nicht gedacht, dass Scham so wehtun kann. Aber man lernt immer wieder dazu.
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„Geben wir ihm die Chance, das ist doch zumindest amüsant. Und wenn eine Zauberarmee daherkommt, sage ich nicht nein“, sagt Dyvanna, „und wer weiß: Auch in Braviania ist das Konzept von Leuten, die die Zukunft kennen, nicht unbekannt.“
„Nein, aber auch dort sind sie wahrscheinlich Legenden“, bemerkt Endron, „und wenn nicht, dann sind sie so selten, dass es kaum einen Unterschied macht. Aber du hast recht. Gönnen wir uns den Spaß.“
Die nächsten sechs Minuten gehören sicher zu den unangenehmsten in Andys bisherigem Leben. Selten hat er sich so lächerlich, so verletzlich, so albern gefühlt wie in dieser Zeit. Das ist auch nicht überraschend. Immerhin gehört schon einiges dazu, von ein paar entstellten, rebellischen Außenseitern im tiefsten Kreis der Verdammnis in einer Welt, in der kein Tod existiert, für verrückt gehalten zu werden.
„Was ist jetzt?“, fragt Endron ungeduldig, „wo ist deine Armee? Ist sie auch noch unsichtbar?“
Andy will widersprechen, aber er weiß, dass das keinen Sinn hat. Der Countdown auf der Pyramide ist abgelaufen. Und niemand ist gekommen.
„Schon okay“, sagt Dyvanna mitfühlend und tätschelt mit ihrer unförmigen Hand seine Schulter, „wir jagen alle unseren Träumen nach. Nur gehen die hier leider selten in Erfüllung.“
„Aber sie sollten eigentlich …“, sagt Andy und bricht ab. Er weiß, dass ihn jedes weitere Wort nur noch lächerlicher dastehen lassen würde. Any muss sie angelogen haben oder sie hat sich geirrt, und irgendetwas hatte den Lauf dieser Zeitlinie bereits so verändert, dass die Cestral nicht eintreffen würden. So oder so hat er keine Ahnung, was er nun tun soll. Weder weiß er, wo seine Mutter ist, noch hat er einen eigenen Plan für seine Zukunft. Das ist vielleicht das Schlimmste daran, einer Frau wie Any zu dienen: Es lässt das Verfolgen eigener Träume irgendwann vollkommen sinnlos erscheinen.
„Ich muss getäuscht worden sein“, sagt Andy ernst, um wenigstens etwas Würde zurückzuerhalten.
„Da wärst du nicht der Erste“, antwortet Nerrin lachend, „meine Eltern hatten mir als Kind auch eine große und glückliche Zukunft prophezeit.“
„Wir sollten zurück ins Lager“, sagt Endron und hebt beschwichtigend die Hände, als er sieht, dass Dyvanna protestieren will. „Bevor du etwas sagst, Dyvanna: Selbst wenn ihr nach dem Ausbleiben dieser Fantasie-Verstärkung an eurer Torheit festhalten wollt, brauchen wir zumindest etwas Vorbereitung für unseren Angriff auf die Gesunder. Oder etwa nicht?“
„Das stimmt“, gesteht Dyvanna zähneknirschend ein, „lasst uns gehen. Und du komm gerne mit, Andy. Darauf bestehe ich. Ich glaube nicht, dass du für uns gefährlich bist. Außerdem können wir wirklich jede Hilfe gebrauchen. Und sei es nur in Form erheiternder Geschichten.“
~o~
„Also das nenne ich mal ein stinkendes Drecksloch“, sagt Callan angewidert, als sie sich in den Seuchenhöhlen materialisiert haben, „dagegen sind selbst die Endmärkte ein wohlduftendes Paradies.“
„Ich finde es gar nicht so schlimm“, sinniert Makra und betrachtet eine der warzigen Seuchendrüsen, „ich meine, ja, der Geruch ist wirklich unerfreulich. Aber eine Welt, in der der Tod nicht endgültig ist, ist trotzdem faszinierend. Man könnte so viel experimentieren. Schnitte, die sonst niemals in Frage kämen. Chirurgische Anpassungen. Und dann erst die Krankheiten. Fieber verändert die Wahrnehmung und Schwäche führt zur totalen Hingabe an das Schicksal. Fast wie bei einem Baby, das sich den Launen seiner Umwelt unterwerfen und auf Gnade hoffen muss. Ich frage mich, welche Krankheiten sich an diesem Ort verbergen.“
„Hörst du dich selbst reden? Du sprichst schon fast wie eine Gesunderin“, sagt Scynra, „und das meine ich nicht als Kompliment.“
„Ich bin kein bisschen wie die“, antwortet Makra empört, „sie stehen für Zwang und Grausamkeit. Mein Antrieb ist reine Neugier. Ich würde mein Leben dafür geben, um zu verhindern, dass jemand gegen seinen Willen auf einem Operationstisch liegen muss. Aber was ist falsch daran, davon zu träumen, mit Leuten spielen zu dürfen, die es genießen?“
„Können wir bitte das Thema wechseln?“, fragt Callan peinlich berührt, „ich habe wirklich keinen Bock darauf,zerschnitten oder krank zu werden. Daran ist gar nichts faszinierend. Wir sind doch hoffentlich vor all den Krankheiten in diesen Höhlen geschützt, oder Fienna?“
„Ja“, sagt Fienna. Sie steht hinter Callan und Makra. Nicht als Anführerin, sondern als eine der hunderten kampfbereiten Einwohner von Cestralia, die sich wie ein breiter Wurm aus Leibern in der Höhle drängen, „ich habe einen magischen Schutz auf uns alle gewirkt. Er sollte uns zwei oder drei Tage lang vor den Auswirkungen der Keime bewahren. Länger sollten wir nicht brauchen. Wichtig ist aber, dass ihr in meiner Nähe bleibt. Ich weiß nicht, wie groß die Reichweite des Zaubers wirklich ist.“
„Na, perfekt“, sagt Callan seufzend, „das macht ja praktisch jedes taktische Manöver von vorneherein zunichte.“
„Wenn du einen besseren Zauber hast, wirke ihn gerne“, erwidert Fienna grinsend.
„Touché“, sagt Callan und verfällt in amüsiertes Gelächter, „ich glaube, da muss ich passen. Aber gegen ein wenig Kuscheln ist ja auch nichts einzuwenden.“
„Sollten wir nicht lieber vorsichtig sein?“, fragt ein schlanker, großer Cestral mit jungenhaftem Gesicht hinter ihnen, während er eine siechende Flechte davon abhält, ihre fahlen Pilzfinger nach seinem Nacken auszustrecken, „die Gesunder könnten uns hören.“
„Vorsicht ist nicht notwendig“, entgegnet Fienna kriegerisch, „wir sind kein Skalpell. Wir sind ein Vorschlaghammer, der ihre Schreckensherrschaft zertrümmern wird.“
„Das hast du nett ausgedrückt“, sagt Makra, „mir wäre auch danach, ein bisschen was zu zertrümmern. Haben wir denn einen Plan?“
„Ja“, sagt Scynra, „ich werde uns direkt in ihr Hauptquartier führen. Und dort schlagen wir zu. Schnell und hart. Ich kenne den Weg noch sehr gut.“
„Könnten sie ihren Standort nicht verlegt haben?“, erkundigt sich Callan.
„Das wäre eher unwahrscheinlich“, entgegnet Scynra, „die Höhle, in der sie residieren – und ich früher auch –, ist nicht zufällig ausgewählt. Sie hat Elemente in ihrem Gestein, die sie frei von Keimen halten. So etwas findet man hier unten wahrscheinlich kein zweites Mal.“
„Sollten dann nicht alle sofort gesund werden, an denen dort experimentiert wird?“, fragt Makra neugierig.
„Es funktioniert nur für jene, die über ein intaktes Immunsystem verfügen“, erklärt Scynra, „wer bereits schwer krank ist, bleibt es dort auch. Und für alle anderen gibt es auch Sprays, die die schützende Wirkung aufheben. Aber über solche Fragen können wir später noch philosophieren. Jetzt sollten wir vor allem schnell vorrücken. Denn zwar hat Fienna durchaus recht, was die Sinnlosigkeit von Geheimhaltung angeht – den Gesundern wird auf keinen Fall entgehen, wenn sich ein so großes Heer in ihr Reich begibt –, aber gerade deshalb sollten wir ihnen nicht zu viel Gelegenheit geben, ihre Verteidigung vorzubereiten. Bisher mussten sie sich vor allem gegen ein paar verzweifelte Rebellen und unwillige Patienten zur Wehr setzen. Auf eine Armee sind sie womöglich nicht vorbereitet. Das ist unsere Chance. Bis jetzt noch. Aber meine Leute sind nicht dumm. Wenn wir nicht schnell genug agieren, werden sie sich anpassen.“
„Was können sie uns denn entgegenwerfen?“, fragt Callan.
„Eine ganze Menge“, sagt Scynra, „am gefährlichsten sind die Bakteroiden. Schnelle, autonome, mechanische Einheiten, die einen ohne Mühe zerquetschen, vor allem aber potente Krankheitserreger injizieren können. Und nicht irgendwelche. Sie führen zu einer Tiefenverseuchung, die das Immunsystem unweigerlich ruiniert. Nicht einmal Gesundheit oder Nanotechnologie helfen dann noch. Es ist schlimmer als jedes Todesurteil.
Dann gibt es da noch Ernter. Jeder Cestral sollte nur zu gut wissen, dass das gefährliche Bastarde sind. Gesundheitsabhängige Söldner im Dienste der Gesunder, die Unschuldige aus fremden Welten kidnappen. Sie nehmen dafür nur die besten und kampfstärksten. Es sind ihre Eliteeinheiten. Ihre Zahl variiert stark. Zu manchen Zeiten gab es nur vier oder fünf. Zu anderen fast hundert. Nicht alle werden gerade vor Ort sein, aber da ihre Missionen aufgrund der Beschränkungen der Portalmaschine nie länger als eine Stunde dauern können, können sie sie schnell mobilisieren.“
„Ich bin jetzt kein Militärexperte“, meint Callan, „aber die Ernter scheinen mir irrelevant, wenn es so wenige sind.“
„Adrian war einer von ihnen und hat fast unsere Welt ruiniert“, sagt Fienna bitter, „unterschätze diese Leute nicht.“
„Fienna hat recht“, sagte Scynra, „das sind abgebrühte Meuchelmörder. Ich denke, mit etwas Pech können sie ein paar Dutzend unserer Soldaten ausschalten, bevor wir einen von ihnen zur Strecke bringen können. Und dann gibt es noch weitere Söldner, die den Gesundern die Rebellen vom Hals halten oder Botengänge erledigen. Nicht so stark, aber zahlreicher. Vielleicht nochmal einige hundert. Zudem sind die Gesunder selbst auch gute Kämpfer.“
Callan dreht sich um und sieht zu den mehr als zehntausend Cestral, die von noch einmal knapp tausend Dunkelweltlern und mehreren Dutzend Traumdrachen begleitet werden, welche über ihren Köpfen direkt unter der Höhlendecke schweben.
„Ich denke, das ist machbar“, sagt Callan lächelnd, „wir sind ihnen ungefähr zehn zu eins überlegen.“
„Machbar ist es“, antwortet Scynra, „wenn wir nicht Opfer unserer eigenen Arroganz und Leichtsinnigkeit werden. Die Gesunder haben ihre Dominanz nur erlangt, weil sie erfindungsreich und skrupellos sind. Sie werden Überraschungen für uns haben, die nicht einmal ich mir jetzt ausmalen kann. Auch solltest du die wandelnden Kranken nicht vergessen. Das sind Tausende. Arme Schweine, die den Verstand, nicht aber ihre Gefährlichkeit verloren haben. Sie stehen zwar auf keiner Seite, können aber zu einem echten Hindernis werden.“
„Was ist mit den Rebellen?“, fragt Fienna, „könnten sie uns nicht unterstützen?“
„Ihre großen Zeiten sind vorbei“, sagt Scynra und wirkt dabei sehr traurig, „mag sein, dass es noch ein paar tapfere Widerständler gibt, aber was wir mit den letzten von ihnen gemacht hatten, war … barbarisch. Selbst für unsere Verhältnisse. Ich denke nicht, dass sie noch ein relevanter Faktor sind. Aber auch wenn ich mich irre, so werden wir sie kaum finden. Sie sind praktisch gezwungen, in Bewegung zu bleiben, und wenn sie so viele unbekannte Leute in ihren Höhlen sehen, gehen sie wahrscheinlich nicht von Verbündeten aus. Hier unten erwartet niemand Verbündete.“
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„Ich habe keine Wahl“, flüstert Tarena leise zu sich selbst. Viel zu oft hatte sie diesen Satz in letzter Zeit sagen müssen. Doch das änderte nichts an seinem Wahrheitsgehalt. Sie hatte das seltsame Geschwür, das sie unermüdlich durch diese pestgeschwängerten Gänge gehetzt hatte, schon dreimal besiegt und mit On-Grarins Peitsche in seine Einzelteile zerlegt. Aber jedes Mal hatte es sich von Neuem erhoben. Und sie ist sich sicher, dass es wieder geschehen wird. Und das ist mehr als eine Ahnung oder ein logischer Schluss. Sie kann bereits das Kratzen hinter sich hören, mit dem sich die fein zerschnittenen Teile wieder zusammenfügen. Und Tarena ist zu erschöpft, um noch zu kämpfen oder auch nur wegzulaufen. Zumal der einzige Ausweg über einen recht steilen Tunnel nach oben führt.
Doch vor allem hat sie keine Zeit mehr. Der gnadenlose Countdown auf der verfluchten Pyramide behauptet, dass ihr noch knapp fünf Minuten bleiben, um ihren Bestimmungsort zu erreichen. Sie kann versuchen, zu rennen. Aber das Ding wäre schneller als sie in ihrem jetzigen Zustand. Auch das weiß sie inzwischen.
„Du hast dich wohl verrechnet, Any“, sagt sie bitter und enttäuscht von ihrer Sklavenhalterin. Nollotsch ist wohl die einzige Option, die sie noch hat. Für einen schrecklichen Moment fragt sie sich, ob ihre kalte Herrin nicht sogar das Angebot ihres anderen finsteren Herrn in ihre Berechnungen einbezogen hat. Aber sie schiebt diesen Gedanken beiseite. Schon allein, um nicht völlig den Verstand zu verlieren. „Nein“, flüstert sie halblaut, „zumindest meine Fehler mache ich immer noch selbst.“
Und dass es ein Fehler sein könnte, weiß sie. Doch in Notsituationen neigen die meisten von uns dazu, sich selbst die größte Scheiße schönzureden, wenn sie zumindest irgendeinen Ausweg verspricht. „Was soll es schon schaden?“, versucht sich Tarena zu überzeugen, „diese Welt ist eh schon ein wahr gewordener Albtraum, oder? Wen juckt da eine Krankheit mehr oder weniger?“
Sie seufzt tief und frustriert. Dann legt sie ihre Peitsche neben sich ab, kniet sich auf den weichen Boden und drückt ihre Finger durch die schleimige Schicht aus Flechten und Bakterienfilm, bis sie lockeres Erdreich erreicht. „Ob ich schon tief genug bin?“, murmelt sie. Aber ein lautes Schleifen erübrigt ihre Frage. Sie blickt auf und sieht, wie das hässliche Ding seinen Körper durch die Höhlenöffnung steckt. Oh, wie sehr sie diesen Anblick verabscheut.
„Fuck it!“, sagt sie, sammelt ihren Speichel und pflanzt damit Nollotschs Samen in das Erdreich von Hyronanin, ohne auch nur zu ahnen, welche Auswirkungen das haben könnte. Rasch schüttet sie das Loch wieder mit einer Erd- und Schleimschicht zu, atmet ein paar Mal tief durch und blickt dann auf den Countdown. Noch dreieinhalb Minuten. Kaum noch genug Zeit, um an den von Any markierten Punkt zu gelangen. Sie fragt sich, was passieren wird, wenn sie es nicht rechtzeitig dorthin schafft. Ist dann alles umsonst gewesen? Ist das Multiversum dann verloren?
Tarena ist das gerade erschreckend egal. Vielleicht liegt es daran, dass sie keine Lust mehr verspürt, nach Anys Pfeife zu tanzen. Oder es ist einfach nur ihre Erschöpfung.
„Ich hab deinen verkackten Samen gepflanzt. Nun hilf mir auch, du elender Planetenkrebs. Hilf mir wenigstens, gegen deinesgleichen“, ruft sie in die verseuchte Luft, während der Tumor langsam auf seinen langen, glitschigen Fäden auf sie zukrabbelt. Doch nichts passiert. Und so streckt Tarena ihre müden Knie durch und hebt On-Grarins Peitsche, um sich irgendwie zu verteidigen.
Das tut sie gerade noch rechtzeitig, denn der bislang noch geradezu behäbige Tumor verfällt nun in einen Sprint und springt zuletzt mit einem gewaltigen Satz auf sie zu, seine „Arme“ ausgestreckt. Tarena kann ihren eigenen Arm kaum noch heben. Es ist fast, als gehöre er nicht mehr zu ihr. Zu ihrem Glück besitzt die Peitsche jedoch ein Eigenleben und trennt mit ihren scharfen Klingen wenigstens einen Teil der Tumorfäden ab. Doch leider nicht alle.
Drei der gefährlichen Extremitäten dringen durch ihre nachlässige Verteidigung, graben sich in ihre Brust und durchstoßen ihr linkes Auge. Ein kurzes, aber heftiges Druckgefühl, gefolgt von einseitiger Dunkelheit, kündet vom Verlust ihres Sehorgans. Dann jagt ein scharfer Schmerz durch ihr Bewusstsein, als sie spürt, wie die Fäden sich tiefer in sie eingraben, Zentimeter für Zentimeter. Eifrig, gierig, unermüdlich auf der Suche nach ihrem Gehirn und ihrem Herzen, um sie vielleicht nicht zu töten, aber doch ihren Körper zu einem unbrauchbaren Gefängnis zu machen. Erst jetzt, in höchster Not, erinnert sich Tarena wieder daran, dass sie nicht nur vier Gliedmaßen besitzt, und lenkt all ihre verbliebene Kraft in ihre Klauen, die anders als ihre Arme genau in der richtigen Position für einen Befreiungsschlag sind. Und es gelingt ihr.
Nicht nur schafft sie es, die Kreatur gleich mehrere Meter zurückzustoßen, sie hat sogar das Glück, dass ihre zerstörerischen Fortsätze nicht etwa abreißen und ihr grausames Werk autonom weiterführen, sondern mit einem qualvollen Ruck aus ihrem Körper gezogen werden.
Das Hochgefühl dieses kleinen Triumphes pumpt, zusammen mit dem Adrenalin des Kampfes, noch einmal Kraft in ihre müden Muskeln. Sie ignoriert den Schmerz in ihren Verletzungen, die sich weigern zu heilen, genauso wie auch Nollotsch sich nach wie vor weigert, ihr irgendeine Form von Unterstützung anzubieten. Sei es aus Unwillen oder Unvermögen.
Also tut sie das Einzige, was ihr bleibt. Sie springt auf, nimmt Anlauf und rennt auf die Rampe zu, ohne sich um das zu kümmern, was hinter ihr ist. Als die Steigung zu steil wird und somit verhindert, dass sie weiterkommt, geht sie hinab auf die Knie und zieht sich mit Händen, Klauen und den Dornen ihrer Peitsche stückchenweise nach vorne. Zu ihrer Erleichterung funktioniert das. Langsam zwar, aber sie kommt dennoch voran. Ein paar schwere Atemzüge später ist sie über den schwierigsten Punkt hinweg und sieht die Öffnung des nächsten Tunnels direkt vor sich. Euphorie steigt in ihr auf, als sie begreift, dass das die ideale Verteidigungsposition ist. Dort kann sie dieses nervige, unzerstörbare Ding mühelos zurückschlagen und sich einen Plan überlegen, wie sie die Kreatur blockieren und dauerhaft davon abhalten kann, sie zu verfolgen. Sie ignoriert die beginnenden Krämpfe in ihren Armen und Beinen und spannt ihre Muskeln an, um sich durch die Öffnung zu ziehen.
Kurz spürt sie warme Erleichterung. Wie um ihr zu ihrer Leistung zu gratulieren, vibriert die kleine Pyramide in ihrer Hosentasche. Aber genau im selben Moment sieht sie das Grinsen eines Gesunders und kurz darauf einen weißen Stiefel, der sie mitten ins Gesicht trifft. Ein Universum aus Schmerz detoniert in ihrem Kopf und sie rutscht ungebremst die Rampe hinunter. Benommen dreht sie sich um und stemmt sich hoch, nur um wieder die Tumorkreatur direkt über sich zu erblicken.
Sie hat all ihre Fäden erhoben, aber noch stoßen sie nicht zu.
„Großartig, Metastia! Du bist ja effektiver als jedes Fischernetz“, hört sie eine Stimme schwärmerisch sagen. Wahrscheinlich die des Angreifers.
„Ich komme nicht in feindlicher Absicht, sondern in diplomatischer Mission“, beeilt sich Tarena zu sagen, als sie feststellt, dass sich ihre Peitsche außerhalb ihrer Reichweite befindet. Sie hätte danach suchen können, aber sie wagt es nicht, das Monster durch irgendeine Bewegung zu provozieren. Zudem ist ziemlich klar, dass dieser Gesunder die Kreatur auf irgendeine Weise kontrolliert. Anders ist es kaum zu erklären, dass er sie beim Namen nennt und dass sie sich gerade so passiv verhält, obwohl ihr Opfer so nah ist. Es ist also ihre beste Chance, irgendwie mit diesem Mann zu verhandeln.
Doch der Gesunder scheint Tarenas Äußerungen nicht den geringsten Wert beizumessen. „Gleich schauen wir mal, was du uns gefangen hast“, sagt er nur, an die Kreatur gerichtet, „doch zunächst brauchen wir ein paar mehr Löcher in diesem Ding da. Aber lass das andere Auge intakt. Es könnte bei unseren Experimenten noch nützlich sein.“
Noch ehe Tarena reagieren kann, bohren sich alle Tumorfäden des Geschöpfes durch ihre Brust, ihren Bauch, ihren Unterleib und ihre Beine. Und für einen köstlichen Augenblick verliert sie das Bewusstsein, bevor sie in einem Meer aus Leid wieder erwacht.
„Was soll der Mist, Karrek?!“, hört sie eine weibliche Stimme sagen, so fern und unwirklich, als wäre es ein Traum, „Befiehl ihr sofort, aufzuhören. Das hier ist kein Spielzeug.“
„Was denn sonst, Drengda?“, fragt Karrek.
„Riechst du das nicht?“, antwortet die Frau, „diesen feinen, fleischigen Geruch an ihr. Das ist eine Krebsbotin. Die Dienerin eines Planetenkrebses. So eine wollte ich schon lange untersuchen, aber mehr als halb zerfallene Gewebeproben habe ich nie in meinen Besitz bringen können. Du wirst sie mir jetzt also gefälligst nicht zerfetzen, bis es nichts mehr zu untersuchen gibt, verstanden?!“
Hoffnung, wenn auch in ihrer schwächsten und pervertiertesten Form, keimt in Tarena auf und wird mit jeder Sekunde, die Karrek nicht auf die Ermahnung seiner Kollegin reagiert und die Fäden weiter ihren Körper zerstören, schwächer. Dann jedoch hört sie ein so genervtes wie erlösendes „Von mir aus“ und erlebt einen weiteren grauenhaften Schmerzimpuls bevor die Pein endlich auf ein schwächeres, wenn auch immer noch schwer erträgliches Maß abebbt.
Tarena, die selbst nicht mehr in der Lage ist, sich zu bewegen – sie vermutet eine Querschnittslähmung aufgrund durchtrennter Nervenbahnen –, bemerkt, wie sie hochgehoben wird, und sie in das überraschend freundliche Gesicht der Gesunderin blickt.
„Hallo, mein Name ist Drengda. Und wie heißt du? Falls du überhaupt sprechen kannst, heißt das?“, fragt ihre Retterin. Tarena weiß weder, ob sie das kann, noch, ob sie es will, aber letztlich tut sie es dennoch. Natürlich geht Tarena fest davon aus, dass man der Gesunderin nicht trauen kann, aber die Frau hat warmherzige, braune Augen und ein überraschend freundliches und einnehmendes Wesen. Fast kann Tarena sich vorstellen, mit ihr gemeinsam am Lagerfeuer zu sitzen und sich Männergeschichten zu erzählen. So absurd dieser Gedanke auch ist.
„Ja … kann ich …“, stöhnt sie mühsam und wundert sich darüber, was ihr Körper – und auch ihr Geist – alles ertragen kann, „mein Name ist …“
Dass es mit dem Ertragen wohl doch nicht so weit her ist, stellt Tarena fest, als ihre Worte in ein Stöhnen und unkontrolliertes, krampfendes Zähneklappern übergehen.
Unfähig, weiterzusprechen, beobachtet sie, wie die Gesunderin eine schlanke Spritze aufzieht und sie ihr ansatzlos in den Hals rammt.
Bereits kurz darauf lassen die Schmerzen deutlich nach. Sie hören immer noch nicht gänzlich auf und sind nichts, was sie ihrem schlimmsten Feind wünschen würde, aber zumindest kann sie wieder einigermaßen klar denken. Und zu ihrer Überraschung kann sie auch ihren Unterkörper wieder bewegen. Offenbar doch keine Querschnittslähmung.
„Danke …“, sagt sie erleichtert, „… mein Name ist Tarena.“
„Schön, dich kennenzulernen, Tarena. Ein wirklich klangvoller Name“, antwortet Drengda lächelnd, „das Schmerzmittel wirkt leider nur etwa eine halbe Stunde, aber so können wir uns etwas besser unterhalten. Jetzt würde ich nur noch gerne erfahren, wer dein Herr oder deine Herrin ist, wie du hergekommen bist, welcher Abstammung du bist und was zur eitrigen Sepsis dich in unsere wunderbare Welt geführt hat.“
„Das hatte sie bei sich“, sagt Karrek, noch bevor Tarena sich eine Antwort auf all diese Fragen überlegen kann. Mit ernster Miene reicht er die kleine Pyramide an seine Kollegin – oder vielleicht auch Vorgesetzte – weiter.
Drengda dreht den Gegenstand mit ihren langen Fingern in alle Richtungen und seziert ihn geradezu mit kritischen, geschulten Augen.
„So etwas habe ich noch nie gesehen. Das Design hat etwas Bravianisches. Aber es erinnert auch an Whe-Ann-Technologie und die Gewächse von Dank Qua. Ein ungewöhnliches Accessoire für eine Krebsbotin“, befindet Drengda, „genau wie diese andrinische Peitsche, die du da bei dir trägst. Da hast du uns wirklich einiges zu erklären. Fang besser gleich damit an. Mein Freund hier giert nämlich geradezu danach, die gute Metastia noch einmal im Einsatz zu sehen. Dass sie unzerstörbar ist, solltest du bereits bemerkt haben. Du aber bist es nicht, Tarena. Du bist nur unsterblich und das ist nicht dasselbe. Also gib mir ein paar gute Gründe dafür, dass ich Karrek nicht seinen Sadismus an dir ausleben lasse, in Ordnung? Das wäre wirklich tragisch. Für uns beide. Ach, und lüge mich bitte nicht an. Ich verfüge zwar weder über einen Lügendetektor im magischen noch im technischen Sinne, aber den brauche ich auch nicht. Ich hatte genügend Umgang mit Personen in Extremsituationen, um Wahrheit und Lüge voneinander zu unterscheiden.“
Tarena ist auch schon ohne diese farbenfrohe Drohung bewusst, wie wichtig ihre nächsten Worte für sie sein werden. Vor allem muss sie den Eindruck bestärken, dass Nollotsch der Einzige ist, in dessen Auftrag sie handelt. Alles andere würde sie wahrscheinlich erst so richtig in Schwierigkeiten bringen. Sie vermutet nicht, dass die Gesunder sich von Any als Marionetten nutzen lassen wollen. Die volle Wahrheit kann sie also nicht sagen. Aber vielleicht hilft ihr die richtige Mischung aus Wahrheit und Lüge weiter.
„Mein Herr heißt Nollotsch“, beginnt Tarena, „er ist ein Planetenkrebs aus meiner Heimatwelt Xakrischidaah. Mein Volk hat keinen Namen für sich selbst, aber andere nennen uns oft einfach das ‚Insektenvolk von Xakrischidaah‘. Der Dienst für Nollotsch hat meine Gestalt aber sehr verändert. Er hat mich mit einer Raumkapsel hierher geschickt und mir diese Ausrüstung mitgegeben. Woher sie stammt, weiß ich nicht. Vielleicht von einem meiner Vorgänger oder aus anderen Quellen. Gelegentlich begrüßen wir Gäste …“
„Fortgeschrittene sicher“, wirft Karrek ein, „wir sollten schauen, ob sie irgendwo einen Katalog versteckt hält. Sie könnte auch eine von ihnen sein.“
„Ich bin keine Fortgeschrittene“, beteuert Tarena, „auch wenn ich als Krebsdienerin natürlich über sie Bescheid weiß.“
„Red weiter“, sagt Drengda, „ich glaube auch nicht, dass du eine Fortgeschrittene bist, aber selbstverständlich werden wir Karreks Vermutung nachgehen und die Umgebung gründlich absuchen. Doch das hat noch Zeit. Also fahre ruhig fort.“
Tarena nickt und versucht dabei, ihr Erschrecken zu verbergen. Zwar hat sie nirgendwo einen Katalog versteckt, aber wenn diese Gesunder erst bemerken, dass sie Nollotschs Samen hier gepflanzt hat, wäre sie so richtig in Schwierigkeiten.
„… wie dem auch sei“, fährt Tarena so ruhig wie möglich fort, „mein Herr strebt ein Bündnis an. Das ist auch der Grund für meinen Besuch. Er weiß, dass ihr euch sehr gut mit Krankheiten und deren Verbreitung auskennt. Und da er selber eine Krankheit ist, fragt er sich, ob ihr ihm Wege zeigen könntet, um sich schneller im Multiversum zu verbreiten. Im Gegenzug würde er für euch spionieren, lohnende Opfer ausfindig machen und eure Beute gefügiger für eure Ernter machen.
„Das klingt verdammt interessant“, sagt Drengda überraschend euphorisch, „ich habe mich immer schon gefragt, wann der erste Planetenkrebs auf so einen Gedanken kommen würde. Solch ein Bündnis liegt natürlich nahe. Aber Kreativität ist für gewöhnlich nicht die größte Stärke dieser Geschöpfe. Ich vermute, es war deine Idee. Oder?“
„So ist es“, behauptet Tarena, „aber mein Herr war wirklich begeistert davon.“
„Das wundert mich nicht“, sagt Drengda, „aber so interessant dein Vorschlag auch klingt, will er doch gut überdacht sein. Unsere Ernter leisten nämlich schon ohne derartige Hilfe Erstaunliches und jeder weiß, dass der Bund mit einem Planetenkrebs selten ohne einen Haken daherkommt. Doch wir werden sehen. Zunächst einmal muss ich das in unserem Hauptquartier mit den anderen besprechen. Und du kommst mit uns.“
„Gern“, lügt Tarena. Natürlich hat sie keinerlei Lust darauf, in ein Lager voller Gesunder zu marschieren, aber immerhin ist das besser, als von Metastia in kleine Stücke gerissen zu werden.
„Aber könnt ihr mich vorher heilen?“, fragt Tarena, „vielleicht mit etwas Gesundheit? Ich wäre euch sonst eine Last, erst recht, wenn das Schmerzmittel nicht so lange anhält.“
Tarena ist durchaus bewusst, wie der „Gesundheit“ genannte Stoff gewonnen wird, aber gerade ist ihr nicht nach moralischen Feinheiten zumute. Dafür erinnert sie sich noch zu gut an den höllischen Schmerz.
„So weit ist es gar nicht“, sagt Drengda lächelnd, während sie beiläufig Tarenas Peitsche betastet, „so lange wird das Mittel schon halten. Außerdem bin ich keine Freundin von Gesundheit. Versteh mich nicht falsch, sie ist nützlich, aber Heilkünstler macht sie am Ende nur faul und dumm.“
„Ich hoffe, ich habe mich verhört“, sagt Karrek bissig.
„Nichts gegen dich, Karrek“, antwortet Drengda augenzwinkernd, „aber wenn wir ehrlich sind, bist du eher ein Forscher als ein Heiler. Und nach der Schweinerei, die du dabei regelmäßig anrichtest, hilft natürlich wirklich nur noch Gesundheit, wenn das Subjekt noch zu irgendetwas zu gebrauchen sein soll. Ich will deine andrinischen Operationsmethoden ja gar nicht kritisieren. Aber jeder hat nun mal seine Stärken und sein Spezialgebiet.“
„Dein Spezialgebiet ist es anscheinend, deine Zeit mit überflüssigem, historischem Handwerk zu vergeuden, obwohl uns Hochtechnologie zur Verfügung steht“, antwortet Karrek scharf.
„Mein Spezialgebiet ist es vor allem, deine Vorgesetzte zu sein. Vergiss das nicht“, erinnert ihn Drengda streng. Und Tarena beglückwünscht sich still zu ihrem guten Gespür, auch wenn ihr das natürlich gerade einen Scheiß einbringt.
Karrek sagt nichts, aber nickt schließlich devot.
„Tut mir leid für dieses unwürdige Geplänkel“, sagt Drengda an Tarena gewandt, „das gehört sich nicht auf diplomatischem Parkett, habe ich recht?“
„Schon in Ordnung“, antwortet Tarena, „ich glaube, so etwas kennt jedes soziale Lebewesen.“
„Die meisten zumindest“, bestätigt Drengda, „aber zurück zum Thema und zu der Frage, die ich dir eigentlich stellen wollte: Wärst du bereit, dich von mir behandeln zu lassen? Auf die gute, altmodische Weise?“
„Habe ich denn eine Wahl?“, fragt Tarena, die tatsächlich nicht scharf darauf ist, sich auf den Operationstisch einer Gesunderin zu legen.
„Nein. Nicht, wenn Du mit uns verhandeln und gesund werden willst“, meint Drengda, „tut mir leid, aber wir sind Gesundheitsdienstleister, keine Wohltäter.“
Entgegen Tarenas Erwartungen spricht Drengda den letzten Teil ihres Satzes nicht sarkastisch oder abgeklärt aus. Für einen Moment glaubt sie sogar, darin so etwas wie Bedauern und Sehnsucht zu erkennen, die sich auch in Drengdas Gesicht widerspiegeln.
Tarena hält das nicht für Taktik, vor allem nicht, da Drengda diese Emotionen, sofort ertappt aus ihrem Gesicht verbannt, als Karrek sie ansieht. Es kann also nicht abgesprochen gewesen sein. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Tarena sich doch bereiterklärt, ihnen zu folgen. Immerhin scheint ihre Behandlerin zumindest auf den ersten Blick keine Barbarin zu sein und vielleicht ist das genau der Einstieg, den sie braucht, um Anys unmöglich scheinende Mission doch noch zu erfüllen und diesen schrecklichen Ort verlassen zu dürfen.
„Ich bin einverstanden“, sagt Tarena.
„Das freut mich“, sagt Drengda, „dann lass uns nicht länger Zeit verlieren. Dein Schmerzmittel kann ich nämlich gar nicht erneuern. Das ist keine Schikane, sondern Sorge um deine Gesundheit. Eine zu früh verabreichte zweite Dosis kann nämlich bleibende Hirnschäden verursachen.“
Na wunderbar, denkt Tarena und erinnert sich wieder daran, dass sie nicht zu vertrauensselig sein sollte. Drengda hat sicher nicht zufällig ausgerechnet ein solches Mittel verwendet. Bei allen Skrupeln, die sie im Vergleich zu Karrek haben mag, ist sie immer noch eine Gesunderin. Und für die ist Tarena nicht mehr als ein Stück krankes Fleisch, aus dem man einen Vorteil schlagen kann.
Ein Hirnschaden ist dennoch das Letzte, was sie gebrauchen kann. Zwar ist es möglich, dass Nollotsch sie noch einmal „reparieren“ kann, aber ob er das auch tun würde, steht auf einem anderen Blatt. Bisher jedenfalls hatte er nicht wieder zu ihren Gunsten eingegriffen, obwohl sie getan hatte, worum er sie gebeten hatte.
„Okay, dann zeigt mir den Weg“, sagt Tarena, „ich bin gespannt auf euer Hauptquartier.“
„Wartet“, sagt Karrek und macht eine unterbrechende Geste mit seiner siebenfingrigen Hand, „da hinten stimmt etwas nicht. Dort, diese Stelle am Boden. Da hat irgendetwas gegraben. Das sah vorher ganz anders aus.“
Zu Tarenas Entsetzen zeigt er genau auf die Stelle, an der sie Nollotschs Samen eingepflanzt hatte. Es ist zwar nur ein wenig Spucke, aber falls das, was in dieser Spucke gewesen war, schon Wurzeln geschlagen hat, kann sie sich wahrscheinlich schon einmal auf ausgiebige Folter und auf ein Leben in einem Verwahrer gefasst machen. Karrek zögert jedenfalls nicht und beginnt sofort und ziemlich schnell zu graben.
Auch Drengda tritt näher und kniet sich vor die Stelle, von der Tarena eigentlich gehofft hat, sie gut genug kaschiert zu haben.
Tarena denkt fieberhaft über eine Ausrede nach, beeilt sich aber dabei, sich ebenfalls zu der Stelle zu begeben. Diese Art von Neugier wäre für eine Unbeteiligte nur natürlich. Nur eine Schuldige würde sich vom Tatort fernhalten.
Doch diese wohlüberlegte Taktik nützt ihr leider nichts. Alles, was sie sieht, als sie zu den beiden aufschließt, ist das enttäuschte und feindselige Gesicht von Drengda und das klaffende Loch, in dem sich die zarten, feinen, hässlichen Fleischwurzeln des Planetenkrebses winden.
„Du hast deinen Meister in unser Heim gebracht, Krebsdienerin“, sagt Drengda eisig, „damit ist jede Verhandlung nichtig. Und deine Heilung auch. Stattdessen werde ich dich Karrek überlassen und …“
Tarena wird eiskalt. Sie macht sich auf einen aussichtslosen Kampf gefasst, als … als sich die Wurzeln plötzlich in einer einzigen, koordinierten, rhythmischen Bewegung winden und eine feine, leise Melodie von sich geben. Wenige Augenblicke später geschieht etwas mit Karrek und Drengda. Ihre Augen werden leer und sie beginnen sofort damit, das gerade erst geöffnete Loch wieder sorgfältig zuzuschütten. Erst als das vollbracht ist, verstummt die Melodie. Die beiden Gesunder erwachen aus ihrer Trance und sehen Tarena an, als wäre überhaupt nichts gewesen.
„Was stehen wir hier noch rum?“, sagt Drengda, ohne sich noch einmal zu der Narbe in der Erde umzudrehen, „lasst uns endlich gehen!“
„Danke, Nollotsch“, denkt Tarena, „anscheinend kümmerst du dich doch besser um deine Sklaven, als Any.“
~o~
„Was ist das für ein Zeug?“, fragt Callan angewidert und starrt auf die schleimige, heiße, grünlich-gelbe Substanz, die zäh von einer Höhlenwand zur anderen fließt und deren Strom an seiner breitesten Stelle mindestens sechs Meter im Durchmesser misst.
„Das ist eine Seuchenquelle“, erklärt Scynra, „sie ist nicht nur hochinfektiös bei direktem Kontakt, sondern auch so heiß wie Lava, und bespuckt all jene, die versuchen, sie zu überqueren, was der kompletten Zerstörung des Körpers gleichkommt. So eine breite Quelle habe ich aber noch nie zuvor gesehen.“
„Sieht fast aus wie ein Burggraben“, überlegt Makra, „in der andrinischen Vorzeit haben wir unsere Festungen mit Gräben aus Chemikalien gesichert. Das hielt äußere Feinde ab, diente zum Zeitvertreib und half dabei, den Burgfrieden zu bewahren. Glaubst du, sie haben schon bemerkt, dass wir hier sind, und haben extra eine Barrikade errichtet?“
„Das mit dem Burggraben ist ein interessanter Vergleich“, sagt Scynra, „aber ich glaube nicht, dass das hier Absicht war. Für gewöhnlich entstehen Seuchenquellen eher zufällig. Ausschließen kann ich es natürlich nicht. Aber Absicht ist extrem unwahrscheinlich.“
„Gibt es denn eine Möglichkeit, sie zu überqueren?“, fragt eine junge Cestral mit kurzen Haaren und Speer, „zumindest für uns? Immerhin sind wir nicht auf dieselbe Weise stofflich wie viele andere Spezies.“
„Ich sage das wirklich ungern“, meint Scynra, „aber habt ihr schon vergessen, wie zahlreich meine Leute euch geerntet haben? Wenn ihr so ätherisch wärt, wie ihr glaubt, hätten wir euch keine Gesundheit stehlen können. Ja, es stimmt, ihr seid etwas widerstandsfähiger als selbst Bravianer, aber man kann euch krank machen und man kann euch verbrennen. Beides musste ich miterleben.“
Der schuldbewusste Ausdruck in Scynras Augen macht mehr als deutlich, dass sie diese Gräuel nicht einfach nur passiv miterlebt hatte.
Kurz breitet sich eine brütende Stille aus, bevor ein bärtiger, männlicher Cestral mit einem optimistischen Lächeln vortritt und spricht.
„Was, wenn wir die Traumdrachen besteigen und unsere Truppen so nach und nach rüberbringen?“, schlägt er vor.
„Das würde ewig dauern“, widerspricht Fienna, „außerdem würden wir damit unser Heer trennen und unsere Nicht-Cestral-Freunde würden den Schutz meines Zaubers verlieren und sofort erkranken. Das kommt also absolut nicht in Frage.“
„Ist das denn wirklich der einzige Weg, auf dem wir die Gesunder erreichen können?“, will Callan wissen.
„Ja“, sagt Scynra bedauernd, „jeder andere Pfad würde einen gewaltigen Umweg bedeuten. Am besten warten wir ab, bis die Quelle wieder versiegt. In der Regel bestehen diese Quellen nie länger als zwei oder drei Tage. Es kann also gut sein, dass wir schon bald weiterziehen können.“
„Und was, wenn das Ding gerade erst entstanden ist?“, meint Makra, „ich habe keine Lust, zwei oder drei Tage zu warten und diesen Gestank zu ertragen, bis wir …“
Plötzlich ging ein lautes, donnerndes Rumpeln durch die Höhle, gefolgt von schrillen Schreien.
„Wir werden angegriffen“, stellt Callan fest, auch wenn er von seiner Position aus schon allein aufgrund der Masse an Leibern nicht viel erkennen kann.
„Für diese scharfe Kombinationsgabe liebe ich dich“, sagt Makra lachend und wendet sich dann an Scynra, „wie war das? Diese Dinger erscheinen also zufällig?“
„So ist es“, beharrt Scynra, „der Zufall kann in Hyronanin manchmal gefährlicher sein als jeder finstere Plan.“
„Für solche Diskussionen ist jetzt keine Zeit“, sagt eine junge Cestral neben ihnen, „lasst uns nachsehen und unseren Leuten beistehen!“
„Tut das!“, antwortet Fienna, „ich bleibe hier und achte darauf, dass niemand von uns aus Verzweiflung die Seuchenquelle überquert.“
„Reicht deine Kraft dafür denn aus?“, fragt Callan.
„Das muss sie“, sagt Fienna, „und jetzt los, beeilt euch!“
~o~
„Bei allen Dominanten“, sagt Callan, als sie etwa bis zur Mitte ihres Heeres vorgedrungen sind und er den Feind zum ersten Mal erblickt.
Callan hatte selbst nie den Krieg miterleben müssen. Das hatte zu den wenigen Privilegien in seinem grauenhaften Leben gehört.
Deovans Waffen waren stets Handel und Kapital gewesen. Seine Raketen der Mangel, seine Geschütze die Not und seine Panzer der Hunger. Natürlich hatte es dort auch Waffen gegeben. Und das nicht zu knapp. Aber die waren entweder dazu gedacht gewesen, exportiert zu werden, Firmeneigentum zu beschützen, heimlich die Konkurrenz loszuwerden oder irgendwelchen pervertierten Vorstellungen von Unterhaltung zu genügen. Einen richtigen, groß angelegten Krieg gegen andere Welten hatte Deovan nie führen müssen.
Callans Vorstellungen von Krieg stammten also vor allem aus seiner Tätigkeit als Redakteur, bei der er nicht selten reißerische Geschichten über die Konflikte anderer Welten verfasst hatte, wenn sie sich gut verkaufen ließen. Nun, man konnte argumentieren, dass Callans Einsatz im Haus des Lebens ebenfalls ein Kampf auf Leben und Tod gewesen war. Aber selbst da hatte er sich immer noch damit trösten können, im unwahrscheinlichen Fall seines Überlebens ausgesorgt zu haben. Ein Soldat jedoch hatte nichts zu gewinnen. So viel zumindest war ihm immer klar gewesen. Doch ansonsten ist sein Kopf, wenn es um Krieg geht, voll von Fantasien geordneter, disziplinierter Heere, die in raffiniert konzipierten Manövern gegeneinander vorgehen. Vorstellungen, die sich nicht mehr von dem unterscheiden können, was er nun vor sich sieht.
Hunderte von Gestalten in allen Farben, Größen und Formen, die chaotisch in ihre Schlachtordnung vordringen wie Säure in ungeschütztes Fleisch. Zerfetzte, wunde, von Eiter zerfressene Gesichter. Schorfige Beine und halbverfaulte Tentakel. Narbengewebe und geschwollene, von Parasiten durchzogene Arme. Zwei-, drei-, vier- oder hundertbeinige Kreaturen, die vorwärts stolpern, rennen, kriechen und krabbeln. Die trüben, entzündeten Augen erfüllt von Schmerz, Verwirrung und nacktem Wahnsinn. Es sind grausige Bilder von verzweifelten, bedauernswerten Existenzen. So schwach, so müde, so gequält, dass schon das bloße Dasein nichts als Marter bedeutet. Und dennoch – oder gerade aus diesem Grund – sind sie gefährlich. Sie wollen zerstören. Nicht aus Bosheit, nicht aus Berechnung, sondern einfach, weil die Cestral im Weg sind und weil sie etwas brauchen, um ihr unerträgliches Leid irgendwo zu entladen. Also tun sie genau das. Sie beißen mit eitrigen Zähnen, kratzen mit brüchigen Krallen und tauben Nägeln oder stechen ihre blanken Knochen in das Fleisch der überrumpelten Cestral-Krieger.
„Mein Gott, was ist das?“, fragt Makra und klingt dabei so empathisch und mitfühlend, dass es Callans Herz berührt, „… ich meine … wie kann … so etwas Schreckliches habe ich selbst in Andraddon nur selten gesehen. Ich meine, die Mädels und Jungs in der Schule hatten ähnliche Pläne für ihre künftigen Opfer. Aber die scheiterten am Ende immer an der Realität. Zum Glück.“
„Das ist der Grund, warum meine Heimat noch schlimmer ist als deine“, erklärt Scynra, „der Tod rettet hier niemanden vor der Folter des Lebens. Und bei diesen Geschöpfen sieht man es besonders gut. Das sind die wandelnden Kranken. Keine fremde Spezies, keine magischen Kreaturen, sondern etwas, das aus jedem hier werden kann. Auch aus uns, ohne Fiennas Schutz.“
„Ich wünschte, wir könnten ihnen irgendwie helfen“, sagt Callan.
„Das können wir nicht“, entgegnet Scynra traurig, „höchstens mit Gesundheit auf Kosten eines anderen Wesens. Und das auch nur bei denen, die nicht tiefenverseucht sind. Aber ihren Geist könnte nicht mal jenes grausame Mittel heilen. Nein, niemand kann sie retten. Alles, was wir tun können, ist, uns vor ihnen zu retten.“
Mit diesen Worten zieht Scynra ihre Skalpelle.
Callan zuckt bei der Vorstellung zurück, diesen jämmerlichen Geschöpfen noch mehr Leid zuzufügen, als sie jetzt schon ertragen müssen. Und auch Makra sieht nicht so aus. als würde sie sich sonderlich wohl bei dem Gedanken fühlen.
Doch die Cestral, die unablässig von den wandelnden Kranken angegriffen werden, haben ihre Skrupel bereits überwunden und stechen und schießen rücksichtslos auf ihre Angreifer, ganz gleich, ob sie dabei Arme, Beine oder Köpfe abtrennen. Nicht aus Grausamkeit oder Ignoranz. Vielmehr aus reinem Selbstschutz und der Spirale aus Schmerz und Schmerzreaktion, die noch viel ansteckender ist als jede Krankheit.
Makra seufzt tief, dann hebt auch sie ihre Peitsche, „Sieht leider so aus, als ob wir Schmerzen verteilen müssen. Glaub mir, das hat mir noch nie so wenig Freude bereitet, aber es muss sein.“
Callan sieht seine Freundin düster an. Dann jedoch nickt er und macht seinen Pinpointer schussbereit.
~o~
„Scheiße, das ist hier viel zu eng“, flucht Callan, nachdem er mehrmals erfolglos zum Schuss angesetzt hatte, „wie soll ich da einen von denen treffen, ohne aus unseren eigenen Leuten Hackfleisch zu machen?“
„Lasst mir den Vortritt“, schlägt Makra vor, „meine Peitsche lässt sich besser lenken. Falls das nicht an deinem Ego kratzt, heißt das.“
„Mein Wert definiert sich nicht über meine Kanone“, antwortet Callan feixend.
„Darüber kann man streiten“, erwidert Makra zwinkernd.
„Könnt ihr mit dieser pubertären Scheiße aufhören?“, beschwert sich Scynra, „das ist kein Spiel. Hier geht es um echtes Leben und echten Schmerz. Deshalb werde ich auch vorausgehen. Deine Peitsche Makra ist in der Enge hier genauso gefährlich wie Callans Pinpointer. Und zwar gefährlich für uns. Wir müssen direkt an die Front, wenn wir irgendwas ausrichten wollen. Deshalb gehe ich vor. Ihr gebt mir Rückendeckung.“
„In Ordnung“, sagt Callan und auch Makra nickt, jedoch nicht ohne leise zu murmeln: „wer hat dir eigentlich den Humor rausoperiert?“
~o~
Je näher sie der Frontlinie kommen, desto schlimmer sehen auch ihre Verbündeten aus. Zwar schlagen sich sowohl die Cestral, als auch die „Dunkelweltler“ sehr gut, und haben in vielen Fällen bereits einen Ring aus grauenhaft zerstückelten Angreifern um sich herum ausgebreitet. Doch auch einigen ihrer Leute fehlen inzwischen Gliedmaßen oder sie leiden unter grauenhaften Wunden. Besonders erschütternd findet Callan den Anblick einer sehr jungen, womöglich sogar noch minderjährigen Bravianerin. Deren rechte, obere Gesichtshälfte ist samt dem Auge abgeschnitten worden. Und ihr zerstörtes Gehirn kann ihre Bewegungen kaum noch kontrollieren, sodass sie zitternd und sabbernd mit ihrem Speer in der Luft herumstochert, während ihr verbleibendes Restgesicht in einer Maske aus Trauer und Entsetzen eingefroren ist.
Ihr Bewusstsein ist noch da, erinnert sich Callan mit Grauen, sie erlebt ihren eigenen Verfall.
Dass die Frau noch nicht ganz in Stücke geschlagen wurde, hat sie nur den anderen Soldaten zu verdanken, die sie unter Einsatz ihrer eigenen Gesundheit decken.
Zu diesen Verteidigern gesellt sich jetzt auch Scynra, die mit ihren beiden Skalpellen auf ein riesiges, geierähnliches Geschöpf eindringt, das mit den verkrusteten Krallen auf das noch verbliebene Auge der Frau zielt. Makra jedoch ist schneller als die Kreatur. Sie prescht vor, wirft sich dem Wesen entgegen und trennt die Sehnen beider Flügel so zielsicher durch, dass sie danach nutzlos hinabsinken.
„Danke!“, sagte ein junger, erschöpfter Cestral-Mann neben ihr. Auch er blutet aus mehreren Wunden und hat kaum noch die Kraft, seine Schusswaffe zu halten. Die Frau, die Scynra vor weiteren Schäden gerettet hat, bedankt sich nicht. Wahrscheinlich hat sie die Fähigkeit zu sprechen längst verloren.
Doch Scynra sucht ganz offensichtlich nicht nach Dank, sondern denkt und handelt wie immer ganz praktisch. Sie weicht dem zustoßenden, hornigen Schnabel ihres Gegenübers aus und schneidet an einer wohl gewählten Stelle direkt durch den Nacken des Wesens. Kurz darauf knickten die Beine der Vogelkreatur ein und sie liegt still und hilflos auf dem Boden.
Scynra wischt sich so triumphierend wie nüchtern den blutigen Eiter aus dem Gesicht, mit dem die Kreatur sie bespritzt hat, und wendet sich an die erschöpften Cestral und Dunkelweltler.
„Zieht euch zurück und gönnt euch eine Pause. Wir übernehmen das hier!“, sagt sie, „wir sind besser bewaffnet und immer noch an einem Stück.“
Die erschöpften Kämpfer lassen sich das nicht zweimal sagen. Ihr Stolz ist als allererstes gefallen.
Außerdem macht Scynras Vorschlag durchaus Sinn. Denn nun haben Callan und Makra endlich genügend Platz, um ihre Waffen einzusetzen. Und das ist auch gut so. Denn kaum ist der gefiederte Gigant gefallen, bewegt sich eine Rotte von einem Dutzend Geschöpfen auf die drei zu. Wesen von einer Art, wie sie Callan noch nie zu Gesicht bekommen hat. Sie sind vage humanoid, jedoch mit dicken, aufgeblähten Hinterleibern, in denen sich Hunderte von winzigen, wurmartigen Dingen winden. Dabei ist unklar, ob es sich um so etwas wie Larven, ein Anzeichen einer Erkrankung oder um einen natürlichen Teil ihres Körpers handelt. So oder so sind ihre Hinterleiber unfassbar hässlich und gigantisch.
Ihr braun glänzender Oberkörper hingegen ist extrem hager und knochig, wenn auch ebenfalls breit und in einem fünfundvierzig-Grad-Winkel nach vorne geneigt. Er besitzt Ähnlichkeit zu Spare-Ribs, wobei links und rechts ihres langen Halses jeweils die Hälfte eines gespaltenen, länglichen Kopfes wie eine zerschnittene Traube am Rand hängt. Zwischen den Kopfhälften entfaltet sich ein regelrechter Albtraum aus Nesselpeitschen, die halb auf dem Boden hängen und von denen gelber, stinkender Eiter hinabtropft. Obwohl kränklich und geschwächt, bewegen sich die zwölf Wesen erstaunlich koordiniert. Fast wie ein eingespieltes Jagdrudel, das sogar die nachrückenden Kranken von sich abschirmt, so als wären sie trotz aller Schmerzen noch immer daran interessiert, Beute zu machen.
„Das sind Gegner nach meinem Geschmack“, sagt Makra großspurig und schwingt ihre Peitsche in Richtung der ersten Kreatur. Die dornenbesetzte Waffe bewegt sich zielsicher auf den Kopf des Wesens zu und wird sofort von dessen dünnen Nesseln abgefangen.
„Wie zum rostigen Nagel ist das möglich?“, fragt Makra, „ich habe schon ausgewachsene Rorak mit meiner Peitsche geköpft.“
„Es gibt immer einen, der besser ist als man selbst“, stichelt Scynra, bevor sie eine flinke, schuppige Kreatur mit dem Skalpell aufspießt, die sich fast unbemerkt an sie herangeschlichen hat.
Makra versucht derweil, ihre Peitsche von den Nesseln zu lösen, während das Rudel weiter zu ihnen aufschließt. Doch es gelingt ihr nicht, sich aus dem Griff der Kreatur zu befreien. Das Wesen hält die Waffe eisern fest.
„Fuck, hilf mir doch, Callan!“, ruft Makra und Callan lässt sich nicht lange bitten.
Der Pinpointer spuckt seine gewaltige Ladung. Und weil Callan nicht so dumm gewesen war, auf einen geschlossenen Behälter zu schießen, in dem tausend weitere potenzielle Feinde eingesperrt sind, die er im schlimmsten Fall befreien würde, hat er stattdessen in die Lücke zwischen den Kopfhälften des Geschöpfs gezielt.
Das funktioniert. Das verbesserte Geschoss des Pinpointers zerreißt den gesamten oberen Teil der Kreatur in einer blauen Stichflamme und verbreitet dabei einen üblen Geruch nach verbrannten Mandeln und verschimmeltem Käse. Nur Makras Peitsche bleibt – dank ihrer besonderen Eigenschaften – vor den Auswirkungen der Hitze geschützt. Schnell zieht sie sie zu sich zurück und wirft Callan dabei einen dankbaren Blick zu.
Callan lächelt ihr zu. Doch dieses Lächeln wandelt sich rasch in Unglauben, als sich das Gewebe um die „Parasiten“ wie eine sich öffnende Kuppel zurückzieht.
„Ihr Nervensystem muss die Membran gesteuert haben“, vermutet Scynra.
„So ein Dreckmist!“, flucht Callan und ehe er diesen Flucht ganz zu Ende gesprochen hat, kriechen die Würmer bereits wie eine rasende Flut auf sie zu.
Callan reagiert sofort und gibt weitere Schüsse ab. Dutzende der Wesen platzen in dem Inferno wie Seifenblasen, protestieren mit einem schrillen Quieken und verteilen lilafarbenes, kochendes Blut auf dem Boden. Und wer der Zerstörung entkommt, wird nicht selten Opfer von Makras Peitsche oder Scynras präzise zustechenden Skalpellen. Doch es sind einfach zu viele Gegner. Es ist schlicht unmöglich, sie alle zu erwischen. Also kommt es, wie es kommen muss. Der erste „Wurm“ dringt zu Callan vor und bohrt sich gierig in seinen rechten Oberschenkel. Es schmerzt wie Eis und Feuer zugleich, als der Parasit, oder was auch immer es ist, sich durch Callans Fleisch wühlt. Sofort versucht Callan, das Ding zu packen und herauszuziehen. Doch es ist bereits zu tief eingedrungen und verfolgt seine Mission, ihn von innen heraus aufzufressen, mit fanatischer Zielstrebigkeit.
~o~
Das Entsetzen lähmt Callan. Doch zu seinem Glück ist Scynra nicht gelähmt. So geistesgegenwärtig wie rücksichtslos packt sie sein Bein mit ihrer linken Hand, rammt ihr Skalpell brutal in die Wunde und spießt den Eindringling damit auf wie ein Würstchen. Callan brüllt. Wer je eine Spritze in den Muskel oder in sein Fettgewebe bekommen hat, sollte wissen, wie übel Verdrängungsschmerz sein kann. Das hier ist schlimmer. Aber Callan erträgt es, schon weil er kaum in der Lage ist, sich zu wehren. Scynra nimmt keine Rücksicht auf Callans Befinden. Und genauso unsanft, wie sie ihn erlegt hat, zieht sie den toten Wurm hervor und betrachtet ihn. Dann steckt sie den Parasiten, der noch immer ein Stückchen von Callans Muskelfleisch in seinem kleinen Mund trägt, einfach in ihre Tasche. Zur späteren, genaueren Untersuchung, wie Callan vermutet.
„Danke“, sagt Callan trotz seiner Qualen, „aber wäre das nicht etwas vorsichtiger gegangen? Du hast fast mehr in meinem Bein zerstört als der Wurm.“
„Es wird heilen“, antwortet Scynra schulterzuckend, „wir sind nicht mehr in Cestralia. Deine Naniten sollten hier wieder funktionieren. Und selbst wenn nicht: Es ist besser, ein Bein zu verlieren, als das zu erleben, was dir sonst bevorgestanden hätte. Aber das kann immer noch passieren, wenn wir nicht aufpassen.“
Callan versteht den Hinweis. Er setzt sich so in die Hocke, dass sein verletztes Bein möglichst wenig belastet wird, nimmt seine Waffe wieder auf und macht sich daran, etwaige Parasiten-Nachzügler auszuschalten.
Und auch Scynra wird von der Chirurgin sofort wieder zur Kämpferin. Und das keine Sekunde zu früh, denn schon haben sich weitere Würmer aufgemacht, ihren Verteidigungsring zu durchbrechen. Und das ist noch nicht alles. Die anderen Mitglieder des „Rudels“, die bislang abgewartet hatten, wenden nun erst ihre Köpfe, so als hätten sie irgendetwas hinter sich gehört, gesehen oder gewittert, und preschen dann ebenfalls auf die Frontlinie zu, die gefährlichen Nesselpeitschen zum Angriff erhoben.
Zu ihrem Glück sind mittlerweile einige der gesünderen Soldaten aus den hinteren Schlachtreihen zu ihnen aufgerückt.
„Helft uns, sie zu erledigen!“, ruft Makra den Neuankömmlingen zu, „aber macht sie nur bewegungsunfähig. Schießt auf ihre Beine. Nicht auf die Brutsäcke und nicht auf ihre Köpfe. Wir dürfen nicht noch mehr von diesen Viechern freisetzen.“
Genauso gehen sie vor. Callan, dessen Waffe nicht gerade für präzise Angriffe geeignet ist, konzentriert sich weiter darauf, verstreute Würmer zu erledigen. Während Makra und die Cestral-Soldaten die Gliedmaßen der Kreaturen bearbeiten.
Und diese Taktik erweist sich als ziemlich erfolgreich. Zwar ziehen sich manche der Cestral-Krieger üble Wunden zu oder werden durch die aggressiven Nesselzellen schwer entstellt, aber sie lassen sich dennoch nicht entmutigen. Gewehrfeuer, Energiestrahlen und Klingen kappen systematisch Bein um Bein, bis die Wesen zwar lebendig, aber völlig hilflos auf dem Boden liegen, wie verunfallte Autos, denen man die Reifen entfernt hat.
„Das wäre geschafft“, sagt Makra erschöpft, „aber was jetzt? Diese Dinger sind immer noch gefährlich und sie blockieren fast den gesamten Korridor vor uns.“
„Es stimmt. Es wird schwierig, da durchzukommen“, sagt ein junger, männlicher Cestral-Krieger. „vielleicht sollten wir doch besser versuchen, einen Weg über die Seuchenquelle auf der anderen Seite zu finden.“
„Ich habe eine bessere Idee“, entgegnet eine weibliche, silberhaarige Cestral, „wir können die Traumdrachen einsetzen. Wenn wir uns weit genug entfernen, sollten sie die Brutsäcke zerstören können, ohne dass wir in Gefahr geraten.“
„Das wäre immer noch zu gefährlich“, widerspricht eine Bravianerin mit wildem, buntem Haarschopf, „wir sollten besser Fienna holen. Ihre Magie könnte die Brut problemlos entsorgen.“
„Das würde sie völlig überfordern. Sie muss schon den Schutzschirm gegen all die gefährlichen Keime um uns herum aufrechterhalten“, gibt die Cestral zu bedenken.
„Wir wissen ja nicht mal, ob noch weitere wandelnde Kranke hinter diesen Viechern lauern“, meint Scynra, „ein erneuter Angriff könnte uns kalt erwischen, egal, welchen Plan wir auch verfolgen. Wir müssen uns bereit machen, notfalls einzugreifen.“
Ihr Argument wird schon wenige Augenblicke später bekräftigt, als sich eine kleine Gruppe von Humanoiden durch die Lücken zwischen den kampfunfähig gemachten Feinden quetscht. Es sind vielleicht etwas über ein Dutzend Leute. Sie mochten eines Tages Bravianer gewesen sein. Vielleicht auch Menschen, Deovani oder Andrin. Aber so genau lässt sich das kaum noch sagen, weil ihre Körper völlig zerfressen sind: von Krankheiten, Nekrosen, Krebsgeschwüren und eitrigen Entzündungen.
Die Nesselkreaturen scheinen sich nicht um sie zu kümmern, knurren sie nicht mal und versuchen auch nicht mit ihren verstümmelten Körpern nach ihnen zu schlagen oder zu schnappen. Wahrscheinlich erkennen sie diese Wanderer nicht mal mehr als Gefahr. Die Gruppe ist entkräftet, stolpert langsam und unsicher vorwärts und hält immer wieder kurz an, um sich zu übergeben, sich mit verkrampftem Gesicht einer Schmerzwelle hinzugeben, die durch ihr Nervensystem fegt, oder um in einen heftigen Hustenanfall auszubrechen. Es ist vollkommen klar, warum sie nicht zu denen gehört hatten, die den Pulk anführten. Sie mögen auf ihre Art auch wandelnde Kranke sein. Bedauernswerte Seelen, die die andere Seite des Wahnsinns betreten und sich darin verloren haben. Aber sie suchen nicht nach Rache, nicht nach Zerstörung, sondern nach Halt. Einige von ihnen halten sich sogar an den rauen, schwachen Händen, wie Blinde, die befürchten, sonst ihren Weg zu verlieren.
„Mein Gott, das … das kann ich nicht“, sagt Callan und sieht ratlos auf seine Waffe, „auf keinen Fall. Lieber lass ich mich in Stücke reißen … als …“
„Schon in Ordnung, mein Großer“, sagt Makra mitfühlend, „ich bring sowas auch nicht fertig. Ich wollte gegen die Gesunder kämpfen, nicht gegen ihre Opfer.“
Der Blick der Andrin wandert zu dem Schlachtfeld vor ihnen. Dort stehen nicht nur die immobilen Nesselkreaturen, die sich wütend, aber letztlich ohnmächtig winden, sondern auch Hunderte von regungslosen, zerstückelten Cestral, Andrin, Bravianern, Deovani sowie anderen humanoiden und nicht humanoiden Geschöpfen. Freund und „Feind“ sind nur noch unterscheidbar daran, wer krank und zerrissen und wer einfach nur zerrissen ist. Ein Schlachtfeld mit Gefallenen. Von der Art, wie im Multiversum täglich Zehntausende erblühten. Aber mit einem entscheidenden Unterschied: Diese vermeintlich Gefallenen leben noch immer.
Ein altes Sprichwort besagt, dass nur die Toten das Ende des Krieges gesehen haben. Doch das stimmt nicht wirklich. Die Toten haben nur die letzte Abzweigung vor dem ultimativen Leid genommen. Das wahre Ende ist dies hier: ein unerträgliches Dasein, erfüllt von dem ständigen Bewusstsein, welches Grauen Krieg und Unterdrückung mit sich bringen.
„Gewalt wird auch nicht nötig sein“, beruhigt Scynra ihre Freundin, „diese Leute werden wahrscheinlich vorerst die letzten Nachzügler gewesen sein, wenn man ihren Zustand bedenkt. Und eine Bedrohung stellen sie auch nicht dar. Ich bezweifle sogar, dass sie es bis zu uns schaffen.“
Zumindest in diesem Punkt irrt sich Scynra. Wenigstens, was die meisten von ihnen betrifft. Einige der vierzehn Neuankömmlinge kippen tatsächlich auf dem Weg um, aber neun von ihnen schaffen es immerhin bis auf Sprechweite.
„Lasst uns durch! Lasst uns durch, mein Gott, bitte!“, ruft eine kleine, schmächtige Frau, in deren rot-geäderten Augen mehr Trauer und Angst als Wahn zu erkennen ist. Ihr Körper schwankt wie ein Baum im Sturm, aber sie hält tapfer die Balance. Der Gestank, der von ihr ausgeht, ist überwältigend.
„Alles gut“, sagt Makra sanft, „wir wollen dir nichts tun. Noch wollten wir das bei den anderen. Wir verteidigen uns nur. Mehr nicht. Du kannst gerne bei uns Schutz suchen.“
„Ihr versteht nicht“, sagt die Frau kopfschüttelnd, wobei sie winzige Teile ihrer krustigen Haut in der Umgebung verteilt. Es gibt keinen Schutz. Nicht mal in der größten Zahl. Sie verfolgen uns. Wir müssen weg. Einfach nur weg. Sofort!“
Callan fragt sich, was es sein könnte, wovor eine so kranke und übel zugerichtete Frau noch Angst haben konnte. Doch bevor er ihr diese Frage stellen kann, beginnt sie sich schon von selbst zu beantworten. Mit einem leisen, aber doch nicht unhörbaren Surren.
„Was ist das?“, fragt Callan verwirrt.
Die Frau, die zu ihnen gesprochen hat, weiß offensichtlich, worum es sich handelt. Trotz ihrer Schwäche schleppt sie sich hustend einige weitere Zentimeter näher. Hilfesuchend streckt sie ihre Hände aus. Ihre schweigenden Begleiter hingegen haben sich inzwischen hingesetzt. Zu verzweifelt, zu erschöpft, um auch nur einen Schritt weiterzugehen, auch wenn sie Anzeichen derselben Angst zeigen.
„Zieht mich zu euch“, fleht die Frau, „oder tragt mich. Ich kann nicht mehr …“
Doch Callan und Makra und die meisten Cestral-Soldaten weichen instinktiv zurück. Bei allem Mitleid wollte niemand von ihr berührt werden. Zu groß ist der Ekel und zu groß auch die Angst vor einer möglichen Ansteckung. Schutzschirm hin oder her.
„Macht lieber eure Waffen bereit“, rät Scynra, „was auch immer sich da nähert, könnte …“
Weiter kommt sie nicht. Denn just in dieser Sekunde explodieren mehrere der Nesselkreaturen in einer Wolke aus Gewebe und Blut, als sich zehn silberglänzende, große, an Viren erinnernde Kugeln einfach durch sie hindurchschieben. Die Membranen, die die Cestral so sorgfältig vermieden hatten zu zerstören, platzen nun restlos auf und setzen noch einmal Abertausende der wurmartigen Parasiten frei. Doch das ist längst nicht das Schlimmste. Weitaus schlimmer ist, was mit den Nesselwesen geschieht, die nicht zerfetzt, sondern lediglich von den Bakteroiden gestreift werden und dabei eine Injektion von ihren großen, silbernen Spritzen abbekommen. Sie brüllen bestialisch und unmenschlich laut, bevor sie binnen Augenblicken bei lebendigem Leib verfaulen und sich in einen zähen, gelben Schleim verwandeln.
Callan feuert, so schnell er nur kann. Er schießt wahllos auf die Nesselwesen, auf die Würmer, ja einmal sogar versehentlich auf die liegengebliebenen Schutzsuchenden. Doch vor allem konzentriert er sein Feuer auf die Kugeln mit ihren silbernen, langen Stahlbeinen. Doch während die organischen Ziele unter seinem Beschuss recht zuverlässig zerstört werden, nehmen die Kugeln nur wenig Schaden. Manche taumeln oder werden zurückgeschleudert. Andere springen wie mäandernde Flummis durch die Höhle und entgehen seinen Schüssen, doch nicht eine einzige von ihnen wird ernsthaft beschädigt.
„Das sind Bakteroiden. Lauft!“, bringt Scynra noch heraus. Dann geht ihre Stimme in dem nachfolgenden Chaos unter, während sie in die Menge der Soldaten eintaucht, bestrebt, so weit wie möglich vor den gefährlichen Apparaturen zu fliehen. Nicht wenige, egal ob Cestral oder „Dunkelweltler“, folgen ihrem Beispiel.
Callan aber zögert noch. Er hat sich in Cestralia bereiterklärt, sich an diesem Befreiungskampf zu beteiligen. Er will nicht einfach feige fliehen. Immerhin kämpft er hier endlich aus Überzeugung für eine gute Sache und nicht aus Zwang oder wirtschaftlicher Not. Also bleibt er vorerst, genau wie auch Makra, und dass obwohl seine Wunden, wie von Scynra prophezeit, bereits verheilt sind. Callan blickt sich um und stellt erleichtert fest, dass sie nicht die Einzigen sind, die so denken.
Auch einige der Cestral, Bravianer und Angehörige weiterer Völker stellen sich den Bakteroiden mutig entgegen. Sie feuern ihre Schusswaffen auf sie ab, bewerfen sie mit Granaten und Energieblitzen oder suchen nach einer Lücke, in die sie ihre Speere stoßen können. Doch genauso gut hätten sie sich einem fahrenden Zug in den Weg stellen können. Die Robustheit und Schnelligkeit der Bakteroiden wird nur von ihrer Rücksichtslosigkeit übertroffen.
Gerade die Enge der Höhle und die große Zahl der Cestral-Soldaten wird ihnen hier zum Verhängnis. Viele von ihnen werden von den metallischen Infektionsmaschinen regelrecht plattgewalzt und bleiben mit zerdrückten Köpfen oder gebrochenen Knochen liegen. Und das sind noch die Glücklicheren. Eine junge, dunkelhaarige Deovani zum Beispiel entgeht einem Angriffsmanöver der silbernen Kugeln um Haaresbreite und beschließt, ihr Glück auszunutzen. Sie richtet ihre großkalibrige Kanone direkt auf eine der Stellen, an der die metallenen „Beine“ des Apparats aus dem Korpus herausragen, und drückt ab. Ihr Kalkül geht auf. Das Projektil der rückstoßoptimierten Waffe donnert hallend gegen das Metall und zerbricht nicht nur das Beinchen am Gelenk, sondern schlägt auch eine große Delle in den Körper des Bakteroiden. Der Triumph von Frinscha Geber, wie die Frau heißt, ist groß. Denn in Deovan hat sie gelernt, dass man seine seltenen Erfolge auskosten sollte und dass Bescheidenheit keine Tugend ist. Und ihr kurzer Aufenthalt in Cestralia hatte ihr diese Überzeugung nicht genommen. Leider ist dieser spezielle Triumph aber sogar noch flüchtiger als die, die sie bisher erlebt hat.
Er endet mit einem kurzen Piekser in ihrem Arm. Kaum schlimmer als der Stich eines Insekts. Und doch um ein Vielfaches gravierender in seinen Konsequenzen. Mit Entsetzen beobachtet sie, wie ihre Arme auf die doppelte Größe anschwellen, knallrot werden und sich dicke, pralle Blasen darauf bilden, aus denen schwarzgrüne Flüssigkeit hervorsprudelt. Sie spürt einen heftigen, reißenden Schmerz und ein unerträgliches Jucken in ihrem Körper. Doch nur für einen Augenblick.
Dann wird alles taub. Und kurz bevor sich ihre Netzhaut ablöst und ihre Ohren den Dienst versagen, hört sie das Geräusch von herabfallendem Fleisch und brechenden Knochen. Doch für sie klingt es nicht danach. Für sie klingt es wie eine Tür, die jemand zugeschlagen hat. Die Tür zu ihrem eigenen, inneren Kerker.
Frinscha ist mit ihrem Schicksal nicht allein. Die Tiefenverseuchung trifft erst Dutzende und dann Hunderte. Nur wenige schmelzen und denaturieren so extrem wie die Nesselkreaturen. Und einige von ihnen bleiben sogar noch bei Sinnen oder sogar bewegungsfähig und werden lediglich zu erbärmlichen Wracks mit der Kraft von greisen Männern. Manche Leute haben einfach unverschämtes Glück.
Doch am glücklichsten sind die Feigen, Vernünftigen oder Schnellen, die rechtzeitig den Rückzug antreten und der Zerstörungswut der silbrigen Erreger-Schleudern vorerst entgehen. Ihnen schließt sich jetzt auch Callan an, der Frinschas Schicksal aus nächster Nähe miterlebt hatte. Auch wenn er ihren Namen nicht kennt, so gehört für ihn nicht viel Fantasie oder Empathie dazu, sich in die Deovani hineinzuversetzen und ihr grausiges Los als seine eigene Zukunft zu erkennen.
Vielleicht wäre Callan dennoch geblieben. Gerade deswegen. Weil er genug davon hat, immer nur an sich zu denken. Aber Makras Blick und die mögliche Zukunft, die er darin erkennt, bringen seinen schwankenden Willen endgültig zum Kippen. Als sie ihn an der Hand nimmt, vergisst er seinen Stolz und – zumindest für den Augenblick – auch seine Prinzipien. Er rennt. Und Makra mit ihm. Genau wie zuvor Scynra versuchen die beiden, sich in Sicherheit zu bringen. Vor einem Schicksal, das weit schlimmer ist als der Tod.
So bekommen weder er noch Makra etwas von einem der wenigen wirklichen Erfolge ihrer Streitkräfte mit. Von jener Handvoll verwegener Bravianer, gesegnet mit der richtigen Ausrüstung, denen es mit einem Sperrfeuer aus ihren Schattenstrahlern tatsächlich gelingt, einen der Bakteroiden zu zerschmettern.
Ein Spektakel, ohne Frage. Und heldenhaft noch dazu. Doch letztlich ein Tropfen auf den heißen Stein. Und das erkennen auch die beteiligten Bravianer, ob nun bewohnt von einem Kwang Grong oder nicht. Denn als kurz nach ihrem ersten Erfolg gleich drei weitere Bakteroiden den Platz des zerstörten Exemplars einnehmen, nehmen auch sie die Beine in die Hand.
~o~
Fienna fühlt sich, als wäre sie in einer Albtraumschleife gefangen. Es ist kaum zwei Tage her, dass sie hatte miterleben müssen, wie Tausende in einem grausamen und sinnlosen Kampf gestorben waren, und nun durchlebt sie es erneut.
Sie ist nicht länger eine Herrscherin. Diese Verantwortung hat sie abgegeben. Und ihre Leute brauchten sie auch gar nicht. Sie agieren schlau, verhindern ganz dezentral, dass sich irgendeiner der Fliehenden aus lauter Panik über die Seuchenquelle wagt, und versuchen, einen Gegenangriff mit den Traumdrachen einzuleiten. Auch dass sie überhaupt von der Lage an der Front erfahren hat, hat sie dem spontan errichteten Kommunikationsnetz zu verdanken, das über eine wilde Mischung unterschiedlicher Technologien, Telepathie und laufende Boten funktioniert. Ein System, das erstaunlich effektiv ist. Erst recht, wenn man bedenkt, dass die meisten konventionellen Funksysteme in den Seuchenhöhlen nicht funktionieren.
Auf diese Selbstorganisation ist sie sehr stolz, aber sie bereitet ihr auch Kummer, denn sie kann es kaum ertragen, ihren Freunden nicht im Kampf helfen zu können. Sie weiß natürlich, dass ihr Eingreifen eher schaden als helfen würde. Wenn sie fällt, würde der schützende Immunschild, den sie geschaffen hatte, zusammenbrechen und dann wäre ihr Befreiungskampf endgültig verloren. Sie muss sich also möglichst aus dem Kampf heraushalten. Dass sie in dieser Sache so unersetzbar ist, hat vor allem damit zu tun, dass die anderen magiebegabten Cestral ihr ihre magischen Kräfte übertragen hatten, damit ihre Macht groß genug war, um der immensen Keimbelastung in den Seuchenhöhlen zu widerstehen. So eine Übertragung geschieht äußerst selten, aber die Umstände sind wohl durchaus als außergewöhnlich zu bezeichnen.
Sie ist eine der mächtigsten Magierinnen ihres Volkes. Dessen ist sie sich bewusst. Aber sie kennt auch ihre Grenzen. Wenn sie das Risiko eines Kampfes eingehen würde, wäre sie jenseits ihrer körperlichen Kampfkünste keine große Hilfe. Fienna weiß nicht genau, wie groß ihre magische Kraft gerade ist. Aber selbst wenn ihre Reserven es erlauben würden, weitere Zauber zu wirken, wäre das Risiko dennoch enorm. Sollte sie sich überschätzen und ihr Schutzschirm zusammenbrechen, wäre das eine Katastrophe. Denn sie würde den Zauber auf diese Weise kein zweites Mal wirken können. Das ist nun mal das Wesen ihrer fantasiebasierten Magie.
So bleibt ihr nichts anderes übrig, als abzuwarten und in die Ferne zu starren, wo sie die Traumdrachen träge, aber majestätisch mit ihren mächtigen, ätherischen Schwingen zur Front fliegen sieht. Dorthin, von wo sich die meisten Cestral und „Dunkelweltler“ gerade schlauerweise zurückziehen. Die Drachen sind ihre große, wenn nicht sogar letzte Hoffnung auf das Gelingen dieser katastrophalen Fehlentscheidung von einer Mission. Fienna weiß inzwischen, dass die Bakteroiden zwar nicht ganz, aber fast unzerstörbar sind. Und die Flucht über die Seuchenquelle würde ein Blutbad werden.
Der Erfolg oder Misserfolg der Traumdrachen ist also entscheidend. Entsprechend nervös und unruhig ist sie. Leider kann Fienna von ihrer Position aus nicht sonderlich viel von der Schlacht erkennen. Die Höhle ist elend lang, auch wenn kaum zehn Leute in ihrer Breite Platz finden. Und ihre Stellung verlassen kann sie nicht. Aber vielleicht würde etwas anderes gehen. Sie weiß, dass es wahrscheinlich keine gute Idee ist und dass sie lieber auf die Berichte warten sollte. Aber Fienna ist keine Heilige und das Wirken eines geringeren Zaubers ist vielleicht ein kalkulierbares Risiko. Also verdrängt sie den Gedanken an den möglichen Zusammenbruch des Schilds. Genauso wie den, dass die Fernsicht etwas ist, das sie in anderen, zukünftigen Situationen sicher besser gebrauchen könnte. All das schluckt sie hinunter und opfert es ihrer Neugier. Sie konzentriert ihr ganzes Wesen in die Ferne, jenseits ihrer direkten Sicht, und hängt sich an den vordersten der Traumdrachen, während ein winziges Stück ihrer Macht aus ihr herausfließt.
Es funktioniert genau wie erhofft. Wie eine unsichtbare Passagierin schwebt sie durch die Luft und fliegt gemeinsam mit den anderen Traumdrachen über die Köpfe der Soldaten hinweg. Dabei erblickt sie für einen Moment sogar Callan und Makra, jene Gefährten aus ihrem letzten Abenteuer, die sich panisch in die Menge zurückziehen. Allein dieser Anblick lässt Fienna erschaudern. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass diese Leute keine Feiglinge sind. Dass sie nur fliehen würden, wenn ein Kampf quasi aussichtslos ist. Immerhin hatten sie gemeinsam einen Planetenkrebs besiegt. Sie fliegt noch ein Stück weiter und sieht die Toten, die nicht tot sind. Hunderte von zerquetschten, aber belebten Körpern. Opfer, von denen sie bereits gehört hat. Aber so etwas zu sehen ist immer etwas gänzlich anderes.
„Wir müssen sie hier rausbringen“, schwört Fienna sich leise, „wenn wir sie nicht heilen können, müssen wir sie wenigstens dorthin bringen, wo sie sterben dürfen.“
Dann erblickt sie die Bakteroiden und dieser Gedanke rückt weit nach hinten. Die Bakteroiden sind fast unscheinbar. Groß natürlich und auf ihre Weise martialisch. Aber nicht halb so bedrohlich aussehend wie manche der wandelnden Kranken, die sie in ihrer unerträglichen Pein angegriffen hatten. Und auch nicht wie jene Driggdonn-Panzer oder anderes Kriegsgerät, von denen ihr so mancher „Dunkelweltler“ berichtet hatte. Aber was ihre Erscheinung an Bedrohlichkeit vermissen lässt, machen ihr Verhalten und ihre Effizienz wieder wett. Sie bewegen sich völlig unvorhersehbar und rasend schnell. Und allein sie zu treffen scheint einer unmöglichen Herausforderung gleichzukommen.
Zum Glück sind die Traumdrachen nicht machtlos. Sie sind Geschöpfe gestaltgewordener Fantasie und auf ihre ganz eigene Art furchterregend und kreativ. Das beweist auch das Exemplar, an dessen Rücken sie sich geheftet hat.
Anders als seine Artgenossen, deren Angriffe kaum mehr Schaden bewirken als die der Cestral- oder „Dunkelwelt“-Soldaten, hält sich „ihr“ Drache nicht damit auf, Feuer oder Energie zu speien oder seine Krallen und Zähne einzusetzen. Stattdessen nutzt es die Flexibilität seiner nicht gänzlich festen Gestalt und öffnet sein Maul über die Maßen weit. Dann schießt er in einer wendigen Drehbewegung nach unten und schnappt zu, als einer der Bakteroiden direkt unter ihm ist. Die silberne Monstrosität wird gänzlich von seinen Fängen umschlossen. Wie ein gefangener Fisch zappelt sie im Netz seines Mauls. Und ihre metallenen Arme schlagen hilflos gegen die halbstoffliche Haut des Traumdrachen, der nun unter Beweis stellt, dass er durchaus auch Teil der physikalischen Welt ist. Ansatzlos ziehen sich Muskeln und Gewebe wieder zusammen und beginnen, den Bakteroiden zu zerquetschen. Schon binnen weniger Augenblicke ächzen die Ärmchen unter dem gewaltigen Druck und Fienna ist einem Triumphschrei nahe.
Dann aber sticht die feine Spritze des Bakteroiden zu und ändert alles.
Einen Moment lang geschieht gar nichts. Dann aber, gerade als Fienna realisiert, dass dieser Stich das Ende der Gesundheit und Kampfkraft des Drachen bedeuten könnte, erfährt sie, dass sie mit dieser Annahme auf fatale Weise falschliegt.
Oh ja, auch der Drache schwillt an, bildet Geschwüre aus und wird mit Pocken und Pusteln übersät. Aber weder stürzt er dabei ab noch lässt er sich kontrolliert auf dem Boden nieder, um sich seinem Elend zu ergeben oder seine Wunden zu inspizieren.
Vielmehr öffnet er sein gewaltiges Maul, entlässt den Bakteroiden, so als würde der Kontakt mit ihm ihm unerträgliche Schmerzen bereiten, dreht um und fliegt direkt auf die fliehenden Cestral und „Dunkelweltler“ zu. Nicht länger als ein Verbündeter, sondern als eine neue, schreckliche Bedrohung.
Mein Gott, denkt Fienna entsetzt, das kann nicht sein.
„Lasst sie umkehren!“, ruft sie, „lasst sie sofort umkehren!“
Doch die Cestral um sie herum reagieren nur mit Verwirrung darauf. Kein Wunder, immerhin können sie ja nicht ahnen, dass Fienna die Fernsicht verwendet.
Als auch Fienna das bewusst wird, versucht sie, ihre Perspektive zu verlassen und wieder zu ihrem Körper zurückzukehren. Doch das glückt ihr genauso wenig, wie es ihr gelingt, ihre Warnung weiter zu erklären. Zu stark ist der Sog der Szenen, derer sie gewahr wird. Wie hypnotisiert verfolgt sie, wie der infizierte Traumdrache seinen Mund öffnet und einen roten Energiestrahl auf eine überraschte Rorak-Frau abfeuert, die kurz stehen geblieben war, um etwas Atem zu holen. Der vor Staunen offenstehende Mund der Frau wird noch offener, als der Energiestrahl die gesamte obere Hälfte ihres Kopfs absäbelt und sie so auf einen Schlag aller höheren Hirnfunktionen beraubt.
Diese Szenen sind schrecklich. Grauenhaft. Und wieder einmal hat Fienna das Gefühl, dass etwas in ihr zerbricht. Solch ein Ausmaß an Schrecken sollte nirgends im Multiversum existieren. Und dennoch tut er es und sie ist direkt in seinem Zentrum. Doch die ultimative Verstümmelung der Rorak ist noch nicht das Schlimmste Der wahre Schrecken geht von den infizierten Traumdrachen aus.
Denn anders als die scharf konturierten Energiestrahlen gewöhnlicher Traumdrachen sind die der tiefenverseuchten Bestien schlierig und von feinem roten Staub umgeben, der sich diffus in der Umgebung verbreitet. Es dauert nicht lange, bis einige Nachzügler direkt durch diese Wolken laufen und sie einatmen. Nur wenige Sekunden später beginnen sie zu husten, zu taumeln, sich zu übergeben oder kreidebleich zu werden. Mit anderen Worten: Sie werden krank und das ganz ohne die Berührung der Bakteroiden.
Ist mein Schutzschirm gefallen?, fragt sich Fienna, aber sie selbst fühlt sich – zumindest körperlich – nach wie vor gut. Vielleicht hat ihr Zauber nur an Kraft verloren. In diesem Fall wäre es ihre eigene alberne Neugier, die diese armen Leute zu einem grausigen Schicksal verdammt hat. Schuldbewusst versucht sie mit aller Macht, aus ihrer Fernsicht zurückzukehren und die Perspektive des verseuchenden Traumdrachen endlich zu verlassen, aber es will ihr nicht gelingen. Egal, wie sehr sie es auch versucht. Es ist, als wäre sie an dieser neuen Perspektive festgewachsen.
„Fienna, verdammt! Werd endlich wach“, vernimmt Fienna plötzlich Makras Stimme. Und endlich … endlich ist der Bann gebrochen. Sie sieht wieder durch ihre eigenen, physischen Augen. Doch es ist nicht Makras Stimme gewesen, die sie in ihren Körper zurückgeholt hat, sondern ein scharfer Schmerz in ihrem Rücken.
„Autsch!“, sagt sie, als sie die blutigen Striemen an ihrem Rücken betastet.
„Tut mir leid“, kommentiert Makra schulterzuckend, „anders habe ich dich nicht wach bekommen. Du hattest deine scheiß Augen nach innen verdreht. Es war echt gruselig.“
Die Andrin steht neben Callan und Scynra. Alle drei wirken erschöpft, aber kerngesund, wie Fienna erleichtert feststellt.
„Es war sicher nicht so gruselig wie das, was ich gesehen habe“, sagt Fienna düster, „die Traumdrachen …“
„Wir haben sie schon zurückgerufen“, sagt eine muskulöse Cestral-Kriegerin mit dunklen, traurigen Augen, „leider sind sie nicht alle zurückgekommen. Sie müssen anscheinend kampfunfähig …“
„Es ist schlimmer“, eröffnet Fienna, „ich … sie sind infiziert. Von den Bakteroiden. Und die Infektion macht sie völlig wahnsinnig. Sie greifen unsere eigenen Leute an und geben ihre Krankheit weiter. Trotz meines Schutzschilds. Es ist meine Schuld … ich habe Fernsicht verwendet und so meine magische Macht geschwächt. Ich habe unsere Mission gefährdet und die Gesundheit unserer Brüder und Schwestern, nur wegen meiner eigenen Schwäche.“
Die anwesenden Cestral sehen sie zwar nicht wütend, aber doch enttäuscht an, was für Fienna noch viel schlimmer ist. Aber bevor sie ihre Reue in weitere Worte kleiden kann, mischt sich Scynra ein.
„Dich trifft keine Schuld, Fienna“, erklärt sie, „die Bakteoriden sind in der Lage, andere Wesen tiefenzuverseuchen. Falls die Traumdrachen zumindest teilweise dagegen immun sind – und das müssen sie sein, wenn sie noch zu einem Angriff auf unsere Leute in der Lage waren –, ist es nicht ausgeschlossen, dass sie die Tiefenverseuchung weitertragen können. Es hat also nichts mit deinem Zauber zu tun. Er mag die gewöhnlichen Krankheiten von Hyronanin abwehren, aber gegen diese Form der Infektion ist er machtlos.“
„Trotzdem habe ich mit dem Leben meiner Leute gespielt“, beharrt Fienna, „das ist unverzeihlich.“
„Schuldzuweisungen bringen uns jetzt nicht weiter“, sagt Callan, „es ist, wie es ist. Und wenn ich das richtig verstanden habe, haben wir es jetzt nicht nur mit fast unzerstörbaren Seuchenschleudern, sondern auch noch mit fliegenden Seuchenschleudern zu tun. Was tun wir dagegen?“
„Es gibt eine Möglichkeit“, verkündet ein männlicher Cestral in einem weiten, bunt verzierten Umhang, „offenbar haben einige Bravianer es geschafft, einen Bakteroiden zu zerstören, indem sie Schattenstrahler verwendet haben.“
„Das ist doch großartig“, sagt Callan, „immerhin mal gute Nachrichten.“
„So großartig ist das nicht“, sagt Makra, „diese Dinger sind teuer und selbst in Braviania selten anzutreffen. Außerhalb von dort sind sie noch seltener zu finden. Jedenfalls hab ich das mal gehört. Die Exilanten dürfen sie nur mit Erlaubnis der höchsten Stellen mit sich führen. Dass jemand zusammen mit einer solchen Waffe nach Cestralia gelangt, ist also schon ein Riesenglück.“
„Das klingt logisch. Niederschmetternd, aber logisch. Wie viele Leute mit diesen Waffen gibt es denn in unseren Reihen?“, fragt Callan.
„Vielleicht ein knappes Dutzend, falls sie denn noch in ihrem Besitz sind“, vermutet Fienna, „aber trotzdem sollten wir sie finden und versammeln … und … oh nein!“
Fienna bricht ab, als sie eine Welle von panischen Schreien aufbrausen hört. Anders als zuvor brauchte sie keine magische Hilfe, um den Grund dafür zu erkennen: Mehrere der infizierten Drachen schweben bedrohlich an der Höhlendecke, verunstaltet mit Beulen, Pusteln und grausamen Verwachsungen, und speien ihre verseuchten Energiestrahlen in die zusammengepferchte Menge, während am Boden die Bakteroiden ihr Zerstörungswerk verrichten. Wie gigantische, finstere Murmeln, die jegliches Leben in ihrem Weg in eine Ruine verwandeln.
Jene Soldaten der Cestralia-Armee, die noch nicht tiefenverseucht oder in Panik geflohen sind, konzentrieren ihr Feuer jetzt auf die Traumdrachen. Anders als die Bakteroiden sind sie immerhin verletzlich und so regnet es schnell transparentes Blut und feinen Eiter, als Kugeln, Pfeile und Energiestrahlen die Flügel und Körper der Drachen durchschlagen. Doch auch das scheint nicht die beste Strategie zu sein. Nicht nur verbreiten die Körperflüssigkeiten der verletzten Flugkreaturen die Tiefenverseuchung fast ebenso effektiv, wie es ihre Energiestrahlen tun, es gelingt den Soldaten auch nur selten, die Flugwesen wirklich in ihrem Fieberwahn zu stoppen. Trotz vielfacher Wunden fliegen viele von ihnen ungerührt weiter.
Dennoch stellen die Krieger den Beschuss nicht ein. Etwas Schädliches zu tun fühlt sich eben manchmal immer noch besser an, als überhaupt nichts zu tun.
„Was sollen wir jetzt machen?“, ruft Makra frustriert, „das bringt doch alles nichts. Diese Bakteroiden-Dinger sind unverwundbar, unsere Waffen sind für den Arsch und auf die Traumdrachen ist auch kein Verlass. Warum hast du uns nicht davor gewarnt, Scynra? Warum hast du uns nicht gesagt, dass wir keine Chance haben würden?“
„So aussichtslos war die Lage nicht gewesen, als ich Hyronanin verlassen habe“, verteidigt sich die Gesunderin, „die Bakteroiden waren schon immer widerstandsfähig gewesen, aber nicht praktisch unüberwindbar. Unsere Forscher müssen sie deutlich optimiert haben.“
„Ein Hoch auf die Innovation“, sagt Makra sarkastisch und verdreht die Augen, während sie ihre Hände nervös zu Fäusten ballt, „Arrrghhh … Fuck … ich muss irgendwas … irgendwen kratzen, sonst werde ich wahnsinnig. Ernsthaft!“
Sie sieht zu Callan, der sie erst verwirrt ansieht und dann begreift. Vorsichtig nickt er und Makra geht kurzerhand zu ihm und zieht ihm ihre Nägel so fest über den Nacken, dass sie blutige Striemen hinterlässt.
„Danke!“, sagt sie zufrieden seufzend, „nun ist es besser.“
Die anderen sehen die beiden peinlich berührt an. Aber die Situation ist viel zu absurd, um sie zu kommentieren.
„Könntest du deine Magie nicht nutzen, um die Seuchenquelle zu überwinden?“, überlegt Callan, der sich ebenfalls unwohlfühlt und froh ist, über etwas anderes sprechen zu können.
„Dann werden wir alle krank“, sagt Fienna, „außer dir womöglich. Aber selbst darauf würde ich nicht wetten.“
„Besser krank werden, als in Stücke gerissen oder verbrannt zu werden“, entgegnet Callan.
„Das sagst du jetzt, wo du gesund bist“, meinte Scynra. „wenn du dir erst die Eingeweide aus dem Leib kotzt, wirst du anders darüber denken. Hast du Deinen Pilzbefall schon vergessen? Er wohnt noch immer in dir. Ich wäre mir an deiner Stelle nicht so sicher, dass die Naniten mit einer mehrfachen Infektion klarkommen.“
Callan nickt wortlos und blickt nachdenklich zu Boden.
Fienna jedoch erkennt, dass Callan trotz allem recht hat. Sie alle würden hier drin früher oder später zerquetscht oder verbrannt werden. Aber wenn sie den Schutzschirm fallen lässt, um ihnen einen Weg durch die Quelle zu bahnen, würde sie ihn nicht wieder aufbauen können. Weder sie noch irgendjemand sonst. Deshalb gibt es eigentlich nur eine Option.
„Ich bringe uns zurück“, entscheidet Fienna, „dieser Kampf ist verloren und unsere Rache ist nicht wichtiger als unsere Gesundheit. Wenn ich den Zauber schnell genug wechsle, kann ich uns alle nach Cestralia bringen, ohne dass wir uns infizieren.“
„Das ist nicht deine Entscheidung. Du bist nicht mehr unsere Herrscherin“, widerspricht eine in der Nähe stehende, verbissen aussehende Cestral, der es eben erst gelungen ist, einen der infizierten Traumdrachen aus der Luft zu holen, „was ist mit den Kranken, willst du sie etwa zurücklassen? Oder jene, die hier für alle Ewigkeit in kleinen Stücken auf dem Boden liegen müssen?“
„Nein“, sagt Fienna mitfühlend, „selbstverständlich nicht! Ich werde jeden von ihnen mitnehmen, damit wir sie heilen oder wenigstens in Würde sterben lassen können.“
Doch die Cestral bleibt hartnäckig. „Dann wirst du das Todesurteil für unsere Heimat unterschreiben“, sagt sie, „du wirst all diese Seuchen nach Cestralia bringen. Zu all jenen, die zurückgeblieben sind. Willst du das wirklich?“
Fienna will etwas erwidern, aber ihr fällt nichts ein. Gar nichts. „Scheiße!“, sagt sie nur, lässt sich auf den Boden sinken und vergräbt ihr Gesicht in den Händen, während die Kampf- und Schmerzensschreie ihrer Leute die Höhle füllen, „gibt es denn keine Hoffnung?“
Plötzlich öffnet sich, gleich einer Schiebetür, neben ihr die Wand. Dort erblickt sie einen jungen Käfer-Humanoiden mit Wasserkopf, der neben drei übel zugerichteten Bravianern steht. Dahinter, halb im Schatten verborgen, sind noch weitere Personen zu erkennen. Sie alle sehen wirklich schrecklich aus, aber jeder von ihnen scheint bei Verstand und einigermaßen kräftig zu sein.
„Doch, es gibt Hoffnung. Ausnahmsweise“, sagt der Käferjunge fröhlich, „aber damit es so bleibt, dürft ihr nicht fortgehen. Auf keinen Fall. Wir können euch helfen, die Bakteroiden aufzuhalten! Aber wir dürfen keine Zeit mehr verlieren.“
Sowohl Fienna und Makra als auch Scynra und die anwesenden Cestral sehen die Neuankömmlinge mit offenem Mund an. Nur Callan trägt ein fast amüsiertes Lächeln auf den Lippen. „Eines habe ich durch meine Zeit mit Clary gelernt“, sagt er verschmitzt, „Wunder sollte man annehmen.“
~o~
Genau wie bei meinem Hinübergleiten in meine Vision bemerke ich auch bei meiner Rückkehr dank des widerlichen Geruchs der Leichenhaut kaum, dass mein Bewusstsein erneut die Welt gewechselt hat. Und es ist nicht allein der Geruch, der Parallelen aufweist.
Meine Lage hier ist ähnlich aussichtslos wie die der Cestral, die Bedrohungen der Umwelt nicht viel geringer und auch die meisten der Leute in dieser Welt sind auf ihre Art genauso grausam wie die Gesunder. Das hat Krimara eben erst eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Aus der umgänglichen, herzlichen Frau scheint binnen eines einzigen Todes schon eine eiskalte herrische Tyrannin geworden zu sein.
Immerhin wurde ich weder aufgefressen noch zerrissen oder erneut in der kalten Erde verscharrt. Und nicht nur das. Ich bin sogar wieder in der Lage, mich ganz normal zu bewegen. Wie lange schon, das kann ich nur mutmaßen. Aber offenbar habe ich sehr wenig Kontrolle über meine Visionen und diese werden noch dazu immer eigenartiger. Dass ich Tarena oder Andy dabei über die Schulter schaue, kann ich ja noch nachvollziehen. Aber Callan? Ihn hab ich nur ein einziges Mal – noch dazu in einer anderen Gestalt – in Deovan getroffen. Und da konnte er mich nicht mal leiden. Das zeigt eindeutig, dass es Any bei diesen Visionen nicht darum geht, meine Neugier zu befriedigen oder mein Seelenheil zu bewahren. Es geht allein darum, Any Informationen zu liefern und mich wissen zu lassen, was ich für die Erfüllung ihrer Missionen wissen muss. Um nichts anderes. Meine Gefühle sind in dieser Angelegenheit scheißegal. Das bedeutet jedoch leider nicht, dass sie nicht involviert sind.
Es beschämt mich, zu sehen, wie Callan, der mich verabscheut, sich unterm Strich als besserer Mann erweist, als ich es je war. Vor allem schmerzt es mich aber, die Cestral zu sehen. Umso mehr, als letztlich ich es gewesen bin, der sie in diese Lage gebracht hat. Erst habe ich die Seuchenhöhlen zu ihnen gebracht und nun – zumindest indirekt – sie in die Seuchenhöhlen. An einem Ort, an dem sie, wenn es schlecht läuft, für alle Ewigkeit leben und leiden müssen.
Ich dachte, ich hätte zumindest ein Stück weit meinen Frieden mit meinen Taten gemacht, nach all der Buße und Selbstkasteiung in Uranor und auch danach. Aber das habe ich nicht. Und ich werde es auch ganz bestimmt nicht dadurch erreichen, dass ich Besserung gelobe und versuche, die Vergangenheit in mir zu vergraben. Ich muss mich mit den Cestral konfrontieren und mich ihrem Urteil beugen. Nicht juristisch natürlich. Weder habe ich Lust, ein weiteres Mal in einem Gefängnis zu landen, noch mein Leben auszuhauchen. Aber zumindest im moralischen Sinne. Ich muss es aushalten, bespuckt und mit Vorwürfen überzogen zu werden. Und ich muss versuchen, denen zu helfen, deren Leben ich ruiniert habe.
Das ist vielleicht ein komischer Gedanke an solch einem Ort und in solch einer Lage. Aber vielleicht gibt es auch keinen passenderen Ort dafür als Luth Nomor. Eine Welt, in der man ständig mit seiner Endlichkeit konfrontiert ist. Jedenfalls verspreche ich mir still, Cestralia aufzusuchen, sobald sich noch einmal die Gelegenheit dazu ergibt.
Dann, so als wäre dieser Schwur nötig gewesen, um nach der äußeren auch die innere Lähmung abzuschütteln, beginne ich endlich damit, diese abscheuliche Leichenhaut loszuwerden. Es ist eine widerliche und mühsame Arbeit, da sich das Gewebe nur schwer zerreißen lässt und ich mein Pendel nicht zur Hilfe nehmen kann, ohne mich selbst zu verletzen. Doch letzten Endes gelingt es mir, auch wenn ich mir sicher bin, dass ich den Geruch noch lange Zeit mit mir herumtragen werde.
Nun, wo endlich wieder meine eigene, extrem verschwitzte Haut mit der Außenwelt konfrontiert ist, erscheint mir Luth Nomor mit einem Mal ziemlich kalt. Das liegt sicher auch daran, dass ich unter meinem Leichenkostüm nur eben jene bloße Haut und eine Unterhose trage.
Doch die Kälte ist gerade mein geringstes Problem. Ich bin nackt in einer feindlichen Welt. Allein und ohne verlässliche Verbündete. Und dank Anys unsichtbarer Kette auch ohne die Möglichkeit, sie zu verlassen, selbst wenn ich im Moment nichts lieber tun würde.
Klar, ich bin nicht ohne Option. Ich kann theoretisch versuchen, mich an Krimaras Mutter zu wenden, und darauf hoffen, dass sie weniger launisch und etwas verlässlicher ist als ihre Tochter. Aber das ist riskant. Selbst dann, wenn ich bei ihrem Unterschlupf auf sie warte. Immerhin könnte ich dabei Krimara oder irgendeiner anderen Hochnatorin begegnen, die mir nicht freundlich gesinnt ist. Davon abgesehen hatte Krimara ja angedeutet, dass ihre Mutter das Eindringen in die Todesfestung nicht gutheißen wird, und damit wäre die Suche nach der Totenuhr, die Any begehrt, sofort gescheitert und ich bliebe in dieser Welt gefangen.
Aber ohne eine Hochnatorin kann ich auch nicht in die Totenfestung vordringen, in der sich die Uhr befindet, falls Krimara zumindest in dieser Hinsicht die Wahrheit gesprochen hat.
Was also dann tun? Soll ich mich einfach heimlich in die Stadt schleichen, einer Hochnatorin mit einem Knüppel eins überbraten, sie in einen Sack stopfen und sie zwingen, mir den Eingang der Festung zu öffnen? Wohl kaum. Da ist es sogar noch weniger riskant, einfach auf die Rückkehr von Krimaras Mutter zu hoffen und …
Wieder ist es ein Geräusch, das meine Gedanken und Schritte auf andere Bahnen lenkt. Und zwar nicht irgendein Geräusch, sondern ein Schluchzen von jener Art, wie ich sie selbst gut genug kenne: wehleidig und voller Selbstmitleid.
Ich beschließe, das zu untersuchen, lasse die ekelhaften Hautreste zurück und folge leise und vorsichtig dem Schluchzen, während ich mein Pendel verteidigungsbereit vor mich halte. Schon nach kurzer Zeit sehe ich eine dunkel gekleidete Gestalt zusammengesunken hinter einem großen Grabstein kauern. Trotz der schlechten Lichtverhältnisse erkenne ich schnell, dass es sich nur um Krimara handeln kann. Instinktiv versteife ich mich und überlege, umzukehren, aber sie hat mich bereits bemerkt.
„Adrian, dem Leben sei Dank!“, sagt sie verweint, wendet den Kopf und sieht mich an. In ihrem Gesicht ist keine Strenge mehr und auch kein Hass. Sie wirkt fast wieder wie vor der Verwandlung. Nur etwas blasser, trauriger und weniger strahlend, „es tut mir so leid, wie ich mich verhalten habe. Ich hätte dich warnen können, dass so etwas passieren kann. Das Wiedererwachen funktioniert nicht immer ohne Komplikationen. Manche werden danach eiskalt oder sogar bösartig, selbst wenn sie den Prozess noch nicht oft durchlebt haben.“
„Ich will jetzt nicht die beleidigte Leberwurst spielen“, sage ich, während ich Krimara skeptisch ansehe, „aber wenn du es bereust, wäre es dann nicht nett gewesen, mich zu wecken, anstatt mich wie ein leckeres Buffet-Gericht auf diesem Friedhof des Wahnsinns stehenzulassen?“
„Ich habe über dich gewacht“, sagt sie verteidigend und überzeugender sogar, als sogar ich es in ihrer Situation gekonnt hätte, „und wecken konnte ich dich einfach nicht. Und du hast dich nicht bewegt, obwohl ich deine Starre gelöst habe. Dieses Pendel hatte dich fest im Griff. Außerdem hat dir die Haut Sicherheit gegeben. Kaum etwas in Luth Nomor greift einen an, wenn man sich als Toter tarnt. Du hättest die Haut nicht zerstören dürfen!“
„Oh, Entschuldigung“, entgegne ich, „das hätte ich natürlich ahnen können. Tut mir leid, dass ich das gute Stück beschädigt habe. Ich kann es gerne wieder zusammennähen. Ich frage mich nur, was gewesen wäre, wenn einer von deinen Hochnatoren-Freunden vorbeigekommen wäre und sich gefragt hätte, warum da ein Toter gelangweilt rumsteht. Wenn er oder sie bemerkt hätte, dass da ein bisschen zu viel Haut im Spiel ist? Oder wenn irgendein Vieh dann doch gewittert hätte, dass da was Saftiges unter diesem alten Lappen steckt. Was wäre dann gewesen?“
„Ich habe dich immer im Blick gehabt“, wiederholt Krimara, „wäre dir etwas passiert …“
„… hättest Du dich um meine Bestattung gekümmert?“, ergänze ich sarkastisch.
„Das ist nicht … doch das … das ist fair“, sagt sie traurig und wirkt mit einem Mal nicht mehr so, als sähe sie einen Sinn darin, sich für irgendetwas zu rechtfertigen. Gerade das lässt auch meine Empörung verrauchen und erinnert mich daran, dass ich mir vielleicht abgewöhnen sollte, Leute für ihre inneren Konflikte zu tadeln. Zumindest dann, wenn sie nicht zum Massenmord an Unschuldigen, sondern nur zu ein paar Unannehmlichkeiten für mich führen. Immerhin bewohne ich, bildlich gesprochen, ein gut ausgebautes Glashaus, wenn es um solche Dinge geht.
„Was hast du verloren?“, frage ich sie stattdessen direkt, aber sanft, „durch deinen Tod, meine ich? Spürst du es schon?“
„Ja“, antwortet Krimara, „ich verlor meine Lebensfreude. Nicht alles, aber etwas davon. Sie brennt noch. Aber die Flamme ist kleiner und ich spüre, dass sie nie mehr so hell lodern kann wie einst.“
„Ein schlimmer Preis“, sage ich mitfühlend.
„So ist es“, antwortet Krimara, „und zugleich auch nicht. Es hätte noch viel schlimmer werden können. Ich hätte ein wenig so werden können wie die, die dich nach dem Ritual kontrolliert herumgeschubst hat. Mitleidlos, herrisch, ohne Gnade oder Respekt für das Leben.“
„Aber so bist du nicht geworden“, antworte ich zugleich feststellend und fragend.
„Nein“, entgegnet Krimara kopfschüttelnd, „noch nicht. Aber ich will ehrlich sein. Ich weiß nicht, ob die Neuordnung in mir schon abgeschlossen ist. Meine Mutter hat sich nach ihrem Erwachen auch öfter verändert, bevor sie ihren neuen finalen … Zustand erreicht hatte. Ich weiß nicht, ob das bei mir auch passieren wird. Sei also besser vorsichtig.“
„Ein guter Ratschlag, nur leider wenig hilfreich bei jemandem, der mich steuern kann wie eine Handpuppe“, sage ich grinsend.
Krimara erwidert das Grinsen. Doch eher maskenhaft und nicht so unbeschwert wie einst. Und das zu sehen, tut auch mir weh. Die fröhliche junge Frau ist ein Lichtstrahl gewesen in dieser dem Tode verpflichteten Welt. Aber jetzt ist da eine Dunkelheit, die sich nicht leugnen lässt. Natürlich kann ich nicht sagen, wie viel von ihrem Schwermut von ihren Schuldgefühlen und Erfahrungen kommt und wie viel wirklich in ihr gestorben ist. Aber letzten Endes läuft es wohl fast auf dasselbe hinaus.
„Renne am besten weit weg, wenn ich mich komisch verhalte“, empfiehlt sie mir ernst, „oder schlage mich direkt bewusstlos, falls du kannst. Bis dahin haben wir aber eine gemeinsame Mission, wenn du dich immer noch daran beteiligen willst.“
„Das will ich“, antworte ich, „aber eine Bitte hätte ich vorher noch.“
„Ja?“, fragt Krimara.
„Können wir irgendwo was zum Anziehen auftreiben? Ich will nicht, dass mein Körper noch jemanden zu Tode erschreckt“, bemerke ich schmunzelnd.
Jetzt lässt sich Krimara doch ein kurzes, aber heiteres Lachen entlocken, „ja, die Gefahr könnte bestehen. Nicht jeder ist da so abgehärtet wie ich.“
Ihr Lachen ebbt ab und sie wird wieder ernst und nachdenklich. „Leider können wir nicht riskieren, zu unserem Unterschlupf zu gehen. Wir könnten dort auf Mutter treffen und das wäre gerade eher ungünstig. Aber vielleicht kenne ich da eine andere Lösung.“
~o~
„Ist das nicht Grabschändung?“, frage ich, als Krimara langsam das dünne, steinerne Tor zu einem reich verzierten Mausoleum aufschiebt.
„Grundsätzlich schon“, sagt Krimara, „und ich wäre ganz vorne dabei, wenn es darum geht, Grabräuber auf die qualvollste Art hinzurichten, besonders, wenn sie aus Gier handeln. Aber hier liegen die Dinge etwas anders. Dieses Grab gehört den „Ankrengas“. Freunden meiner Mutter. Luth Nomorer, deren Linie schon lang erloschen ist und die freiwillig den endgültigen Tod gestorben sind. Unsere Familie hat eine Gedenkbürgschaft für sie übernommen. Wir müssen die Erinnerung an sie pflegen und ihren Namen verteidigen, dürfen aber auch über ihren Besitz verfügen. Mutter wird es nicht gefallen, wenn wir uns hier bedienen, das räume ich ein. Aber niemand wird uns deshalb vor ein Gericht stellen. Und ich gehe davon aus, dass du alles, was du hier findest, pfleglich behandeln wirst.“
„Das werde ich“, verspreche ich, „auch wenn ich natürlich für nichts garantieren kann, wenn wir in einen Kampf geraten.“
„Das ist klar. Derlei Dinge sind ja dafür gemacht, genutzt zu werden. Ich will nur, dass du sie mit Respekt behandelst und so weit schonst, wie es geht“, präzisiert Krimara.
Ich nicke. Dann betreten wir die trockene Dunkelheit. Eine Dunkelheit, die sich sofort zurückzieht, als Krimara einen Schalter an der Wand betätigt.
Passend zum düsteren Ambiente habe ich ein dezentes Licht erwartet. Elektrisch natürlich, aber von der Farbe her an Fackeln oder Gaslaternen erinnernd. Oder vielleicht auch klinisch weiß oder in der Farbe grünlicher Moorlichter. Stattdessen wird mein Sehnerv von einem Lumen-Bombardement gebraten, das in seiner Buntheit jede Dorfdisko in Grund und Boden gestrahlt hätte.
Dabei sind die Lampen, die in die Decke eingelassen sind, durchaus konventionell und schmucklos, jedoch mit bunten Folienstücken beklebt, die ihre Aufgabe der Karnevalisierung der Grabstätte mit Bravour vollbringen.
„Wie gesagt“, sagt Krimara mit einem peinlich berührten Lächeln, so als schäme sie sich für die farbenfrohe Gestaltung durch ihr früheres Ich, „die Verantwortung für das Erbe und die Grabpflege liegt bei uns. Und da meine Mutter dringendere Pflichten zu erfüllen hatte und in den letzten Jahren auch eine recht begrenzte Fähigkeit zu Empathie besaß, oblag mir diese Pflicht. Ich habe sie … nun, auf meine Weise erfüllt.“
„Du brauchst dich nicht dafür zu schämen“, versuche ich, sie zu ermutigen, da ich nicht zulassen will, dass sie diesen harmlosen Ausdruck von Lebensfreude als etwas Schlechtes betrachtet.
„Ich weiß nicht“, antwortet Krimara nachdenklich, „früher habe ich das wohl nicht. Es schien mir sogar passend. Die Ankrengas waren für unsere Verhältnisse auch recht fröhlich gewesen. Sie haben Humor geliebt. Ich hielt es deshalb für eine gute Sache, ihrer auf diese Weise zu gedenken. Ich dachte, ich vertreibe so die Schwere der Trauer aus ihrem Nachlass. Aber irgendwie … ist es auch … unwürdig. Die Dinge haben ihre Ordnung. Vielleicht sollte ich …“
„Nein!“, beharre ich energisch, „du lässt die Farben, wo sie sind!“
Dabei wundere ich mich selbst über meinen Ausbruch. Immerhin habe ich kein Recht, das zu entscheiden. Doch wahrscheinlich weiß ich selbst gut genug, wie es sich anfühlt, sich selbst zu verlieren. Dennoch erwäge ich, mich zu entschuldigen. Aber Krimara kommt mir zuvor.
„Womöglich hast du recht“, antwortet sie zögernd, „ja, vielleicht sollte ich das noch einmal überdenken. Immerhin ist dies auch eine Art Tradition und wenn ich die Dinge ändere, könnte es noch mehr Unordnung bringen.“
Ihr Gesicht sieht nachdenklich, aber auch gequält aus. Erfüllt von einem Zwiespalt, den selbst das quietschbunte Licht nicht vertreiben kann.
„Wie auch immer“, sagt sie und setzt dabei ein möglichst unbeschwertes Lächeln auf, „ich sollte dir die Familie wohl vorstellen, von der du dir die Leihgaben borgen wirst.“
Sie zeigt auf zwei große, eine etwas kleinere und eine sehr kleine Statue, die in vier Nischen in dem länglichen, von dunkelgrauen Fliesen und Wänden geprägten Raum platziert worden waren. Bis auf diese Statuen und zwei couchähnliche Sitzgelegenheiten ist der Raum praktisch leer, was den Kontrast zu der bunten Beleuchtung nur noch verstärkt.
„Das hier ist Tryakra“, meint Krimara und deutet auf eine große weibliche Statue, deren steinerne Züge grob angedeutet sind, „sie war eine intelligente Frau. Eine Lehrerin mit einem weiten Horizont. Sie hat manches gelehrt, was heute nicht mehr geduldet wird. Und sie war mir wie eine Tante. Oft habe ich bei ihr Zuflucht gesucht, wenn die Neugeburten meiner Mutter zu … Komplikationen geführt haben.“
Ich nicke respektvoll, ohne jedoch sonderlich beeindruckt zu sein. Nicht von der Frau selbst oder ihrem Lebenswerk, sondern von ihrer Statue. Denn selbst wenn ich auf der Erde kein passionierter Museumsbesucher gewesen bin, hatte ich sogar dort schönere und detailreichere Bildhauerarbeiten gesehen.
Doch offenbar habe ich mein Urteil über die Luth Nomorische Gedenkkunst etwas zu früh gefällt. Denn Krimara, die meinen unterwältigten Blick bemerkt haben muss, verzieht ihren Mund spöttisch und versenkt ihre Fingernägel in einem Spalt in dem Denkmal, der so versteckt ist, dass ich ihn zunächst kaum wahrgenommen habe. Kurz darauf klappt der Sarkophag auf, den ich als Statue missverstanden habe, und offenbart die wahre Kunstfertigkeit der Gedenkstätte. Denn was ich dort drin erblicke, ist kein Skelett und auch nicht irgendeine vertrocknete, halb verfaulte Mumie, sondern eine junge Luth Nomorerin mit schlanken Händen, hohen Wangenknochen und einer breiten Nase, die den Eindruck erweckt, jeden Moment aus dem Schlaf erwachen zu können. Ihre Haut ist blass, ja – aber nicht blasser als bei den lebenden Luth Nomorern. Und vor allem ist sie nicht wächsern oder grau.
„Berühre sie ruhig“, ermutigt mich Krimara und ich tue es.
Ich hatte schon tote Haut berührt. Und damit meine ich nicht all die Toten, die meinen Weg als Fortgeschrittener gepflastert haben, sondern meinen Großvater, den wir vor einigen Jahren auf der Erde begraben mussten. Wir hatten am offenen Sarg Abschied genommen. Der Bestatter hatte sein Bestes getan, ihn ästhetisch herzurichten, und da er nicht an Krebs oder einem Unfall, sondern an einem plötzlichen Schlaganfall gestorben war, war sein Körper kein allzu grausiger Anblick gewesen. Jedenfalls dann nicht, wenn man vom Verlust jenes warmherzigen Mannes absieht, der früher gerne mit mir die Natur entdeckt oder auch Brettspiele gespielt hatte. Aber dennoch hatte sich sein Körper wie etwas Totes angefühlt. Wie ein Ding, eine Puppe. Nicht wie das Gefäß einer menschlichen Seele. Doch Tryakra, die in eine kleidsame grau-schwarz-gestreifte Robe gehüllt ist und in ihrer rechten Hand einen hohen, feinen, silbernen Helm in Form eines halb verrotteten Schädels hält, ist sogar warm.
„Lebt sie etwa noch …“, murmele ich verblüfft.
„Nein“, widerspricht Krimara, „es ist nur ein kompliziertes Wechselspiel zwischen Tinkturen, Magie und Konservierungstechniken.“
„Der Traum eines jeden Nekromanten“, rutscht es mir raus und ich blicke peinlich berührt zu Boden, aus Angst, sie mit dieser albernen Bemerkung verletzt zu haben.
Doch sie antwortet zwar bitterernst, aber nicht beleidigt. „So ist es“, sagt sie, „zumindest früher hatten wir Probleme mit Magiern, die tatsächlich fremde Seelen oder auch die eigene in präparierte Leichen gesperrt und damit das Andenken der Verstorbenen beschmutzt haben. Doch inzwischen verwenden wir tödliche Gifte, sodass sich keine Seele dort halten kann. Nur wir Hochnatoren dürfen diese Körper führen, zum Gedenken oder als Schutz in Zeiten der allerhöchsten Not. Doch sie bleiben unbeseelt. Und damit friedlich und ohne Leid.“
Ich sehe besorgt auf meine Hand.
„Keine Sorge“, sagt Krimara, „diese Gifte wirken nur im Inneren der Leichen.“
„Gut“, sage ich immer noch etwas skeptisch, „du sprachst von Kleidung … soll ich etwa …“
„Nimm von ihr nur den Helm“, sagt Krimara, „er ist nicht schön, aber nützlich. Mit ihm wird es dir möglich sein, die Toten, die Lebenden und die Illusionen auseinanderzuhalten. Eine Fähigkeit, die in der Totenfestung von unschätzbarem Wert sein wird und über die du sonst – im Gegensatz zu mir – nicht verfügen wirst. Ergreife ihn ruhig!“
Zögernd strecke ich die Hand aus und nehme den Helm aus der Hand der Toten, die ihn bereitwillig freigibt. Jedoch setze ich ihn noch nicht auf.
„Deine Kleidung nimmst du am besten von Rerkwir“, erklärt Krimara und öffnet daraufhin den größeren Sarkophag, der einen muskulösen, bärtigen Mann mit traurigen Augen zum Vorschein bringt. Er trägt eine blütenweiße, nach Muskelgewebe aussehende Mischung zwischen Kampfanzug und Lederrüstung, die mit schwarzen Adern verziert ist, welche sich an manchen Stellen zu Schleifen und Spiralen vereinigen. In seinen Händen trägt er ein gezacktes, langes Messer und ein wuchtiges Gewehr, welche er nach Art eines Pharaos vor der Brust gekreuzt hält.
„Interessantes Design“, bemerke ich, „und sehr kriegerisch.“
„Rerkwir war ein Totenwächter“, sagt Krimara, „er bewachte seinerseits Grabstätten und frisch Verstorbene zu einer Zeit, als die Besuche von außerhalb noch häufiger und gelegentlich unfreundlich gewesen waren. Nicht nur durch die Nekromanten. Auch durch Grabräuber und Verrückte.“
„Eine verantwortungsvolle Aufgabe“, vermute ich.
„So ist es“, stimmt Krimara zu, „aber auch von extremer Langeweile geprägt. Es kam vor, dass er Wochen oder Monate Wache halten musste, bis er etwas Herausfordernderes bekämpfen musste als vielleicht einen übereifrigen Endoren. Aber er hat seine Pflicht lange Zeit gewissenhaft erfüllt. Wohl auch, weil er stets gewusst hatte, was – oder besser wer – ihn zu Hause erwartet. Er hatte seine Familie innig geliebt.“
„Durfte er seinen Posten denn verlassen?“, frage ich.
„Natürlich“, antwortet Krimara, „er war ja nicht alleine. Die Grabwächter arbeiteten in drei Schichten.“
„Wie ist er gestorben?“, frage ich.
„Ein Urteil“, erwidert Krimara, „es traf sie alle. Denn ein Mal, ein einziges Mal, hat er den täglichen Kampf gegen die Müdigkeit verloren. Dafür musste er bezahlen. Aber auch Tryakra und ihre Kinder Gren und Xayl. Obwohl sie keine Schuld traf.“
„Ein echt beschissenes Urteil, wenn du mich fragst“, sage ich.
„Es waren andere Zeiten. In mancher Hinsicht schlimmer gar als jetzt“, erklärt Krimara und ich kann ihr nicht widersprechen.
„Trotzdem war er ein Ehrenmann und du solltest stolz sein, seine Kleidung tragen zu dürfen. Die Kleidung eines Beschützers und Freundes“, antwortet Krimara und ich merke die Rührung in ihrer Stimme. Offenbar hat die Neugeburt ihre Seele noch nicht ganz gefressen.
Sie sieht mich auffordernd an und ich trete näher, wobei ich direkt die geschickt angebrachten Verschlüsse an der Rüstung erkenne, die es mir leicht machen, den Mann zu entkleiden. Zu meiner Erleichterung trägt er genau wie ich Unterwäsche, sodass ich ihn nicht entblößen muss.
Die extravagante Lederrüstung des Mannes passt wie angegossen und auch wenn es die Kleidung eines Toten ist, ist sie um ein Vielfaches angenehmer als die Totenhaut, die ich zuvor tragen musste.
„Und?“, frage ich lächelnd, „sehe ich schick aus?“
Krimara antwortet nicht, sondern sieht mich auf eine sehr eigenartige Art an. Fast als würde sie auf etwas warten.
Noch bevor ich sie fragen kann, worauf, spüre ich plötzlich ein seltsames, unangenehmes Kribbeln auf meiner Haut. Ich blicke auf meine Hände und sehe mit Entsetzen, dass sie plötzlich alt und grau aussehen. Beinah wie bei der Leichenhaut, die ich tragen musste.
„Scheiße, was ist das!“, schreie ich panisch.
„Der Leichenfluch“, sagt Krimara ruhig.
„Willst du mich verarschen?!“, rufe ich wütend, „du falsche Schlange, du Verräterin, du …“
„Beruhig dich“, antwortet Krimara und in ihren Augen sehe ich aufrechtes Bedauern, „das musste leider sein. Du hast die Totenhaut zerstört und so schnell hätte ich keinen Ersatz gefunden. Und du brauchst etwas Vergleichbares, wenn du in der Festung überleben willst.“
„Hättest du sie dann nicht einfach deinen Freunden abreißen können, statt …“, sage ich empört und erschrecke noch mehr, als Krimara mir einen Dolch an die Kehle hält, den sie wie aus dem Nichts aus dem Ärmel gezaubert hat.
„Sprich nicht weiter, oder ich bin gezwungen, dir dieses Sakrileg zu vergelten“, antwortet sie, „ich verstehe deinen Zorn, aber es gibt keinen Grund zur Sorge. Ich kenne ein Gegenmittel und werde es dir geben, wenn wir unsere Mission erfüllt haben. Außerdem ist der Fluch rein kosmetisch. Du wirst nicht daran sterben und nicht an Beweglichkeit verlieren. Und er wird dich auch nicht dauerhaft entstellen.“
„Aber dafür sehe ich jetzt aus wie ein verschimmeltes Butterbrot“, beschwere ich mich säuerlich, aber immer noch zu überrumpelt, um Krimara mit dem Zorn zu begegnen, der eigentlich angemessen wäre.
„Als wenn du vorher so viel hübscher gewesen wärst“, frotzelt Krimara augenzwinkernd und nimmt das Messer von meiner Kehle, „gräme dich nicht und lass uns jetzt aufbrechen. Meine Mutter wird bald zurückkehren und die Totenfestung wartet.“
„Von mir aus“, sage ich seufzend, verschiebe meine Rache auf später und setze mir den grässlichen Helm nun auch noch auf. Wahrscheinlich sieht er jetzt immer noch besser aus als mein Gesicht.
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