
Ich hatte die einschüchternde Wucht rorakischer Befestigungsanlagen gesehen, die sinistre Präsenz andrinischer Wolkenkratzer erfahren und die gewaltige, unvorstellbare Himmelstreppe von Uranor mit eigenen Augen gesehen. Und doch ist der Anblick der Totenfestung, die sich wie ein grauschwarzer Schatten vor uns erhebt und den Sternen das kümmerliche Licht auszusaugen trachtet, eine besondere Erfahrung. Ich habe mal gelesen, dass es ein beliebter Trick autoritärer Regime ist, monumentale Bauwerke zu nutzen, um ihre Bürger einzuschüchtern und daran zu erinnern, wie unbedeutend sie angesichts der alles beherrschenden Staatsmacht sind. Ganz ähnlich funktioniert es wohl hier. Nur, dass der Herrscher der Tod ist und seine machtlosen Untertanen die Lebenden. Der große, wuchtige, Bau, dessen Eingangstor bereits drei Mal so hoch ist wie ich und Krimara aufeinandergestapelt, macht jede Hoffnung, jeden Traum, jedes Lächeln, alles essen, freuen, tanzen und lieben zu einer lächerlichen Farce. Selbst das Atmen, das bloße Existieren wirkt hier wie ein Sakrileg. Wenn jemand der Depression ein Denkmal hätte setzen wollen, wäre es dieses gewesen. Jener gnadenlose, fensterlose Block aus dunkelgrauem, von weißer Asche bedecktem Gestein, mit all den schattengefüllten Vertiefungen aus denen einem die Leere selbst spöttisch zuzwinkert.
„Mein Gott“, sage ich, „wer baut so etwas?“
„Deprimierend, nicht wahr?“, fragt Krimara, „wahrscheinlich wirst du es mir nicht glauben, aber dies war mal ein friedlicher Ort. Genau wie die anderen Totenfestungen.“
„Das glaube ich tatsächlich nicht“, bemerke ich.
„Und doch war es so. Zu jener Zeit, als Luth Nomor selbst ein Ort des Trostes war. Es gibt verschiedene Arten dem Tod zu dienen, musst du wissen. Und je nachdem wie man es tut, passen seine Tempel sich an. Das passiert, wenn man ihm zum absoluten Herrscher macht“, sagt Krimara.
„Wie kommen wir rein?“, frage ich.
„Einfach durch die Tür“, sagt Krimara, holt ein Seil hervor und schlingt es sich so eng um ihr linkes Handgelenk, dass man durchaus vermuten, kann, dass sie sich die Hand abtrennen will.
„Was soll das?“, erkundige ich mich.
„Um die Totenfestung betreten zu können musst du so wenig Anzeichen von Leben zeigen, wie du kannst“, erwidert Krimara, „oder wie ein Spruch meines Volkes sagt: Vor kalter Hand weicht Stein und Wand. Das ist aber verkürzt. Es ist auch wichtig, den Atem anzuhalten und an rein gar nichts zu denken. Das gilt auch für dich, wenn du mir folgen willst.“
„Was, wenn ich doch an etwas denke?“, frage ich.
„Dann kehrt der Stein sofort zurück und dein Körper muss weichen“, sagt Krimara vieldeutig.
Ich schlucke und muss an einen Spruch aus meiner Welt denken: „Denke nicht an einen rosa Elefanten“.
Andererseits hatte ich schon meine – nicht immer ganz freiwilligen – Erfahrungen mit Meditation gemacht. Ein paar Sekunden Gedankenlosigkeit sollten da schon drin sein.
So treten wir vor die Festung und Krimara legt ihre abgeschnürte Hand auf das gewaltige Tor. Sofort gleitet es auf. Ohne jedes noch so leise Geräusch. Im Gegenteil, es wirkt fast so, als würde es eine Art Antischall erzeugen, der jeglichen laut auffrisst wie ein Endoren. Hinter der Tür erwartet uns vollständige, wenig einladende Dunkelheit.
Krimara stört sich nicht daran und geht hindurch. Langsam und still wie eine Tote. Ich beeile mich ihr zu folgen, schon allein aus Angst, dass sich das Tor vor mir schließen wird, was zumindest das zweitschlimmste, denkbare Szenario wäre.
Ich halte den Atem an und kaum, da ich die Schwelle mit dem Fuß berühre, wollen mich die Gedanken bestürmen. Aber ich halte stand. Zumindest so lange, bis ich ins Innere der Totenfestung hinüberwechsle.
„Du kannst wieder atmen“, sagt Krimara, „und sprechen ebenfalls. Aber rede leise. Dieser Ort toleriert keine laute Ausgelassenheit und überschwänglich gezeigte Lebensfreude. Nicht mehr zumindest. Und die, die hier verweilen tolerieren sie noch viel weniger.“
Ich zweifle keinen Moment lang an ihren Worten. Die Festung, in der – der von außen sichtbaren Dunkelheit zum Trotz – ein kaltes, leicht bläuliches Licht vorherrscht, das wie Sporen aus den Wänden sickert, wirkt so lebensfeindlich wie der Mond. Lebende haben hier höchstens ein Gastrecht und die zwar nicht stinkende, aber abgestandene Luft scheint nicht für unsere Lungen bestimmt. Auch dem lebenden Auge hat die Festung nicht viel zu bieten: Graue Wände, schwarzer Boden und eine Decke, so hoch, dass sie in den Schatten jenseits der Lichter verschwindet.
„Was erwartet uns hier drinnen?“, will ich wissen.
„Ich weiß es nicht“, sagt Krimara, „nicht genau jedenfalls. Es ist jedes Mal anders. Die Totenfestungen sind wie Spiegel des Zustands von Luth Nomor. Sie ändern ihre Form und sie reagieren auch ein Stück weit auf die, die sie besuchen.“
„Heißt das, wir sehen nicht dasselbe?“, frage ich.
„Ja und Nein“, sagt Krimara, „die Grundlagen der physischen Realität sind dieselben. Aber was wir darin sehen, muss nicht dasselbe sein. Ist unsere Wahrnehmung aber deckungsgleich, und handelt es sich um eine Bedrohung, ist sie real. Wenn du etwas siehst, solltest du es mir also unbedingt mitteilen. Und wenn du sichergehen willst, solltest du mich berühren. Dann synchronisiert sich unsere Wahrnehmung für gewöhnlich.„
„Verstanden“, sage ich und stelle beiläufig fest, dass die Wand neben mir nicht länger aus massivem grauen Stein, sondern mittlerweile aus einer spiegelnden Oberfläche besteht. Eine Oberfläche, in der ich nicht meine verwelkte Gestalt, sondern ein kleines Baby auf allen Vieren krabbeln sehe, das mich neugierig und ein wenig verängstigt anblickt und mir vage bekannt vorkommt.
„Ich sehe da etwas“, sage ich und Krimara blickt mich sofort alarmiert an, „nichts Bedrohliches. Nur ein Baby. Ein menschliches. Siehst du es auch?“
Sofort scheint sich Krimara etwas zu entspannen. „Nein, ich sehe eine kleine Luth Nomorerin“, sagt sie lächelnd, „aber das ist in diesem Fall nicht allzu schlimm. Es ist der Spiegel der Reise. Er taucht häufig in den Festungen auf. Wenn du ihn nicht zu lange betrachtest, ist er ungefährlich, außer durch sein Potenzial dich abzulenken. Achte also weiter auf deine Umgebung, egal, was du darin siehst. Aber sieh den Spiegel auf keinen Fall länger als eine Minute am Stück an und hör nicht auf das, was er dir erzählt, falls er zu dir spricht.“
Ich nicke. Doch es ist leichter gesagt als getan. Das Baby – ich, wenn ich das korrekt interpretiere – beginnt nun zu lächeln und etwas näher an den Spiegel zu krabbeln. Es ist bereits ein winziges Stück größer geworden und scheint sich nicht mehr vor meinem monströsen Anblick zu ängstigen. Ich gehe ein paar Schritte näher und höhere erst damit auf, als sich Krimara tadelnd räuspert.
„Was habe ich dir von Ablenkung erzählt?“, sagt Krimara, „sind deine Ohren gestorben oder dein Verstand?“
„Es tut mir leid, es ist faszinierend mich so zu sehen und dieser Raum ist sonst so …“, suche ich nach Worten.
„Reizlos?“, fragt sie.
„Genau“, bestätige ich.
„Du kommst aus einer Welt voller Zerstreuungen, oder?“, fragt sie mit Worten kaum lauter als Schnee, der auf Gras fällt. Und ich begreife sofort, dass sie mich vor allem in ein Gespräch verwickelt, um mich von weiteren Dummheiten abzuhalten.
„Kann man so sagen ja“, sage ich, „wir verbringen inzwischen fast unser ganze Leben mit Ablenkungen. Im besten Fall mit Geschichten. Im schlimmsten mit kurzfristigen Reizen und schnellen Dopamin-Kicks.“
„Ich verstehe …“, sagt sie. Und plötzlich küsst sie mich. Direkt auf meinen verrotteten Mund. Der Kuss ist fest, herzlich und nicht mechanisch, aber auch ohne echte Leidenschaft.
„Was sollte das?“, frage ich verwirrt , „nicht, dass ich mich beschweren will, aber …“
„Ich wollte dich küssen, mehr nicht“, erklärt sie.
„Also bedeutete es nichts?“, frage ich und streiche mir verwirrt mit der Hand über die Lippen.
„Doch, es bedeutete etwas“, sagte sie, „vieles sogar. Nur nicht den Beginn einer festen Bindung, falls du das denkst.“
„Was dann?“, will ich wissen.
„Zum einen war es ein Ausgleich und eine Entschuldigung“, sagt sie mit einem verschmitzten Gesichtsausdruck, „ich habe dich wirklich schlecht behandelt, wenn man bedenkt, dass du meine Schwester gerettet hast und mich auf meiner Mission begleitest.“
„Zum anderen ist es ein emotionaler Anker für dich. Denn ich habe vorhin versäumt dir etwas Wesentliches zu sagen. Du sollst zwar keine starken Emotionen zeigen, aber empfinden darfst du sie durchaus. Es ist sogar hilfreich. Denn je wilder und chaotischer deine Emotionen sind und je mehr du auf dein Inneres fokussiert bist, um so eher wird verhindert, dass du dich in diesem Ort und seinen Ablenkungen verlierst.“
„Ich verstehe“, sage ich, „aber war das nicht auch eine Äußerung von Lebensfreude, wie sie hier eigentlich unangebracht sein soll?“
„Wenn man sehr niedrige Maßstäbe anlegt, vielleicht“, sagt Krimara verschmitzt, „du magst es vielleicht nicht glauben, aber wir Luth Nomorer können durchaus sehr leidenschaftlich werden, wenn wir es wollen. Gegenüber lebenden Partnern. Aber vor allem gegenüber dem Toten. Es herrscht die Auffassung, dass wir deren Reglosigkeit kompensieren und sie mit unserem Funken beseelen müssen, für den Moment der Ekstase. Und dann gibt es da noch das Ritual der „letzten Nacht“. Ein Akt der schrankenlosen Lust, in den auch berauschende, aber tödliche Gifte involviert sind und der die Sinne bis zur Zerstörung reizt und kitzelt. Ich habe das selbst noch nie durchgeführt, aber …“
„Ah danke“, sage ich, „ich glaube, ich brauche keine weiteren Details.“
„Wie gesagt, jede Regung ist gut. Ekel ist auch ein Impuls des Lebens“, meint sie trocken.
„Du sprachst von mehreren Bedeutungen. Bedeutete der Kuss noch etwas?“, frage ich.
„Ja“, sagt Krimara, „ich wollte testen, ob ich selbst noch solche Dinge fühlen kann.“
„Und“, fragte ich, „kannst du es noch?“
„Ja“, sagte sie, „aber eher so wie ein Schauspieler den Schwertkampf beherrscht. Es erscheint authentisch und in den versunkensten Momenten gibt es fast keinen Unterschied. Aber letztlich bleibt es Imitation.“
„Das klingt bitter“, sage ich.
„Das ist es auch“, sagt Krimara traurig, „ich habe nie vollständig verstanden, wie sehr meine Mutter durch all ihre Tode gelitten haben muss. Nun beginne ich, es zu begreifen.“
„Lässt sich der Prozess gar nicht rückgängig machen?“, frage ich.
„Eher könntest du ein zerschlagenes Ei neu zusammensetzen“, sagt sie. Dann legte sie ihre Hand auf die Tür, die nun vor uns liegt. Wieder verspüre ich den Impuls, in den Spiegel der Reise zu sehen. Doch ich widerstehe ihm. Offenbar hat Krimaras Taktik Früchte getragen: Meine Aufmerksamkeit liegt nun tatsächlich mehr in meinem Inneren.
Unwillkürlich frage ich mich, ob ich etwas für sie empfinde. Die Antwort, die ich finde, ist komplex und führt mich zu der Erkenntnis, dass mein Innenleben noch verworrener ist als die unzähligen Wendungen meiner Reisen. Ich bin immer noch bereit Menschen – oder andere intelligente Lebewesen – an mich heranzulassen, von ihnen zu nehmen, was sie geben können und ihnen zu geben, was ich geben kann. Aber ich zweifle ernsthaft daran, dass ich noch fähig zu einer ernsthaften Beziehung bin. Diesen Teil von mir habe ich wohl eingebüßt, ganz ähnlich wie Krimara. Nur habe ich ihn nicht in der kalten Erde des Grabes verloren, sondern auf der rauen Erde meiner endlosen Pfade.
Die Tür schwingt auf und offenbart uns einen gänzlich anders aussehenden Raum. Er ist schwach beleuchtet. Schatten schwimmen in allen Ecken und wo sie diese nicht einhüllen tut dies schwarzer, weicher Samt. Selbst der Spiegel der Reise ist hier kaum zu erkennen. Genau in der Mitte spendet allein ein großer, ausladender Kerzenleuchter etwas Licht.
Dieses Licht fällt auf zahlreiche Betten. Ebenfalls schwarz und teils umrahmt von feinen, weißen Vorhängen, die ihnen dem Anschein von Spinnenkokons verleihen. Und in diesen Betten liegen die Toten. Tote in unterschiedlichen Graden der Verwesung, doch allesamt Luth Nomorer. Und sie alle scheinen zu schlafen. Bis jetzt zumindest. Denn kaum, dass wir den Raum betreten haben, erheben sie sich so unbekümmert, als hätten gerade ihre Wecker geklingelt. Erst jetzt kriecht ein starker Geruch der Verwesung in meine Nase und bringt mich zum Würgen.
Doch das ist bei weitem noch nicht das Schlimmste. Denn die Toten kriechen aufeinander zu und … verschmelzen. Sie verbinden sich, Rücken an Rücken. Verfaulte Haut an verfaulter Haut, wie eine Lawine, die Masse ansammelt, bevor sie bereit ist, eine ganze Siedlung zu zermalmen.
Es dauerte lediglich Augenblicke, bis ein unförmiger Ball aus stinkendem Fleisch, grinsenden Schädeln und hilflos herumrudernden Extremitäten auf mich zurollt. Ohne wirkliches Bewusstsein, aber mit der Fähigkeit mich zu zermalmen. Ich warte nicht länger. Ich greife mein Pendel und schwinge es … fast, als ich von Krimara aufgehalten werde, die meine Hand mit roher Gewalt festhält.
„Lass das, du Wahnsinniger. Du bringst uns um“, höre ich Krimara warnend flüstern und in dem Moment, als mich ihre Hand berührt, verstehe ich ihren Zorn. Die Toten sind durchaus real. Doch sind sie weder hässlich und verrottet, noch zu einem humanoiden Rattenkönig verbunden. Stattdessen ist ihre Haut glatt und jung. Dafür fehlen ihnen jegliche Gesichtszüge. Ihre Köpfe sind glatte Ovale ohne Augen, Nase oder Mund. Lediglich anhand ihrer Größe und ihres Geschlechts lassen sich Unterschiede ausmachen. Doch so verstörend auch dieser Anblick immer noch ist: aggressiv erscheinen sie mir nicht. Noch nicht zumindest.
„Lass mich raten“, sage ich leise, „wenn ich auf sie geschossen hätte, hätten sie sich gewehrt?“
„Ja, Schlaumeier“, ätzt Krimara, „gut, dass du das wenigstens jetzt begreifst. Doch vor allem hättest du eine Seele zerstört. Diese hier sind in einem sehr fragilen Zustand. Sie warten darauf, dass sie jemand sie an das erinnert, was sie sind und sie sicher geleitet und ins nächste Leben oder das danach führt.“
„Sind das also echte Personen?“, frage ich, „ich dachte, dass wäre nur eine Art Prüfung.“
„Sie sind real“, sagt Krimara, „und es ist eine Prüfung. Eine Prüfung, in der wir beide versagen werden, wenn du alles mit Gewalt lösen willst und wenn du weiter auf meinen Rat pfeifst. Ich habe dir doch gesagt, dass du im Zweifel meine Hand ergreifen sollst.“
„Du hast ja recht. Aber warum hast du mir nicht gesagt, was auf uns zukommt?“, frage ich meinerseits empört und zugleich beschämt über mein dummes, impulsives Handeln.
„Weil ich es nicht wissen konnte“, erklärt Krimara, „die Festungen haben viele dutzende von uns bekannten Räumen hervorgebracht. Wann welche davon erscheinen und ob sie erscheinen, kann niemand sagen. Das ist immer im Fluss. Dir alle Möglichkeiten aufzuzählen, wäre nur verwirrend und ermüdend. Und gelegentlich werden auch neue Räume erschaffen.“
„Was tun wir jetzt mit diesen Toten? Sie in Ruhe lassen? Oder langsam an ihnen vorbeigehen?“, frage ich.
„Hast du mir nicht zugehört?“, fragt Krimara ungeduldig und hebt theatralisch die Hände über den Kopf, „wir müssen sie geleiteten. Nicht sie alle natürlich. Aber jeder von uns muss einen Partner passend zu seinen Vorlieben wählen und ihn zum Altar im nächsten Raum führen. Wenn alles glattgeht, gewinnen sie ihre Identität zurück und können weitergehen. Und wir auch.“
Ich verkneife mir den Kommentar, dass ich nicht scharf darauf bin, eine Leiche zu ehelichen genauso wie die Anspielung auf einen Film von Tim Burton, der eine ganz ähnliche Thematik hatte. Krimara ist schon schlechtgelaunt genug.
Stattdessen lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen auf der Suche nach einer „Partnerin“. Zunächst frage ich mich, was überhaupt meine Vorlieben sind. Im Laufe meiner Abenteuer bin ich ausgesprochen pansexuell geworden, aber wenn ich wählen muss, unabhängig von einer konkreten Person, fühle ich mich wohl immer noch am meisten zu Frauen hingezogen. Das hilft mir aber noch nicht wirklich weiter. Denn die Auswahl ist gar nicht so leicht bei einer Damenwelt, die nur aus fleischgewordenen Schaufensterpuppen besteht. Ich warte also auf irgendeine spirituelle Eingebung oder Intuition. Auf das Flüstern meiner inneren Stimme, die mir eine Tendenz eingeben wird, wo mir meine Sinne nicht weiterhelfen. Doch auch aus dieser Richtung ernte ich nichts als Schweigen. So entscheide ich mich für die einzige etwas individuell erscheinende, weibliche „Person“, die sich zumindest durch ihre überdurchschnittliche Größe und ihr ausgeprägtes Kinn etwas von den anderen abhebt.
„Ergreife ihre Hand“, sagt Krimara, die selbiges schon mit einem kleinen, feingliedrigen Mann gemacht hat, der wenig Ähnlichkeit mit mir hat. Offenbar bin ich wirklich nicht ihr Typ.
Ich verscheuche diesen Gedanken und die seltsame Eifersucht, die daraus erwächst, gehorche und greife nach der Hand meiner „Braut“. Sie fühlt sich eiskalt an, löst aber keinen Ekel in mir aus. Ihr Fleisch ist ja weder verrottet noch aufgedunsen, so wie ich es in meiner Vision gesehen hatte.
„Und nun?“, frage ich.
„Geh durch die Tür am Ende des Raums“, sage Krimara, „und mache mir sonst einfach alles nach, was ich tue. Ihr beide werdet einander kennenlernen. Du wirst ihr Fragen stellen und sie dir. Aber keine Sorge, dieses Kennenlernen ist nicht romantischer Natur, falls du das befürchtet. Trotzdem musst du sie anständig behandeln. Betrachte dich als ihren Todesabschnittsgefährten.“
Diese unerwartete Äußerung von trockene Humor lässt mich schmunzeln, aber dieses erleichternde Gefühl, wird schnell von einem düsteren Gedanken vertrieben, den ich prompt ausspreche.
„Was passiert, wenn ich es nicht richtig mache?“, frage ich.
„Geh einfach weiter“, sagt Krimara nur, aber ihr düsterer Blick sagt mir alles, was ich wissen will, auch wenn ich mir nicht mehr so sicher bin, ob ich es wirklich wissen will.
Trotzdem folge ich ihr mit meiner charakterlosen Braut und verlasse den seltsamen Raum. Die Tote an der einen und Krimara an der anderen Hand, sodass wir eine seltsame Kette bilden.
„Hier wird es keine Illusionen geben“, informiert mich Krimara, „du brauchst meine Hand nicht zu halten.“
Also lasse ich los, etwas unwillig, weil es bedeutet, dass die Berührung der Toten nun die einzige ist, die ich spüre.
Vor uns entfaltet sich indessen etwas, das in seiner Anmutung irgendwo zwischen Kirche, satanischer Messe, Gothic Festival und Lovecraft liegt. Ein langer, hellgrau gefliester Raum mit pyramidenförmigen Deckenabschnitten von gleichmäßiger Grundfläche an denen grüne Kristalle, aber auch blaue Kerzenflammen leuchten. Alles ist erfüllt von einem kühlen, trockenen Nebel, der mich ein wenig an den erinnert, der auf Festivals und in Diskotheken anzutreffen, nur das er würziger und schärfer riecht. Hier und da sehe ich weiße Fetzen, die wie Geisterfragmente oder abgeschälte Haut über uns auftauchen und uns manchmal zart am Kopf berühren. Ob sie in der Luft schweben oder an dünnen Schnüren befestigt sind, ist schwer zu sagen. Ganz am Ende dieser verwirrenden Szenerie entdecke ich den besprochenen Altar. Nicht eckig, sondern rund und aus einem grün gemasertem, glänzenden Stein, der im unsteten Licht zu atmen scheint.
„Wo bist du gewesen?“, höre ich Krimaras Stimme laut und deutlich neben mir. So laut, dass ich fast zusammenzucken, weswegen ich vermute, dass die Regel leise zu sein, hier nicht gilt. Die Antwort, die ihr Bräutigam gab, erklingt jedoch ungleich leiser. Mit breiten Lippen, die gerade erst erschienen sein mussten, flüstert er ihr Worte ins Ohr, die ich nicht verstehen kann.
Dennoch ist mein Weg nun klar.
Ich sehe das Fleischding neben mir an und verspüre plötzlich den starken Drang, seine Hand loszulassen und es wegzustoßen. Ich habe Leichenbrei gegessen und dennoch übersteigt der Ekel, der verspätet, aber umso heftiger in mir hochkommt sogar noch dieses Erlebnis. Aber ich bleibe standhaft und sehe den glatten, unheimlichen Fleischpuppenkopf lächelnd an, bevor ich meine Frage stelle.
„Wo bist du gewesen?“, frage ich.
Natürlich habe ich damit gerechnet, nachdem ich Krimara und ihren „Mann“ beobachtet hatte. Aber zu sehen, wie aus dieser blanken Fleischkugel ein zwar blasser, aber natürlicher Mund wächst und anfängt zu sprechen ist trotzdem mehr als erschütternd.
„In Akrenwa. In der Weite. Jenseits der Hauptsiedlung. Wo die Lichter stets wandern und die Küsten im Staub ertrinken“, haucht mir eine zischende, helle Stimme ins Ohr, die meine Seele mit feinen Messern filetiert. Meine Hand verkrampft sich um die ihre und das garantiert nicht aus Liebe.
Und erneut sehe ich, wie sich ihr Mund bewegt. Unnatürlich und angsteinflößend wie ein Riss in der Ewigkeit. Diesmal stellt er mir eine Frage.
„Welche Sünde bereust du?“, fragt sie mich.
Eine gute Frage. Es gibt so verdammt viele. Welche soll ich nur wählen auf einem Weg, der so voller Fehler war? Und was ist, wenn ich die falsche Antwort gebe? Krimara hat es mir nicht gesagt.
„Den Verrat an meinen Freunden“, sage ich und denke nicht nur, aber zuvorderst an Korf.
Ein zynisches Lächeln formt sich auf ihrem frisch gewachsenen Mund, während sie meine Hand streichelt in der spöttischen Nachahmung einer Liebkosung. Dann spricht sie wieder. Kalt und leblos wie Stahl. „Oh das Leid der Bekannten schneidet am tiefsten. Nicht, wahr? Jener, deren Herz du besitzt. Deren Geschichte du besitzt, deren Zeit du besitzt. Die Fremden hingegen, ihre Schreie verhallen ungehört. Selbst die Schreie der Kleinsten. In den Kisten, in den Höhlen. In der Umarmung ihres endlosen Echos. Ein Herz, weit genug für den Clan, doch nicht so weit wie die Welt.“
Diese eindeutige Anspielung auf Cestralia und Hyronanin lässt mich erschaudern. Sie muss meine Seele, meine Gedanken, meine Erinnerungen lesen. Doch auf irgendeine Art muss sie diese Antwort doch zufriedengestellt haben. Denn nun besitzt sie ein Auge. Ein einzelnes zwar nur, aber immerhin. Braun und voller Schmerz hat es sich in ihrer linken Gesichtshälfte geöffnet wie eine Aasblume im Mondschein.
Dass ihr Gesicht mittlerweile langsam einem gewohnteren Anblick ähnelt, sollte mich beruhigen. Doch dieses eine Auge treibt sie nur noch tiefer ins Uncanny Valley und ich spüre, wie mein Herzschlag sich weiter beschleunigt. Ich bin dermaßen verstört, dass ich Krimaras nächste Frage an ihren Bräutigam fast verpasse.
„… hast du getan?“, höre ich sie grade sagen und wiederhole die Frage gegenüber meiner düsteren Freundin.
„Ich habe über Tote geboten und über Lebende. Ich habe geforscht. Ich habe erweckt. Die Ruhe gestört und Schicksale gebrochen. Ich habe zerteilt, getrennt und vereint. Junge Pfade beendet und Alte endlos gestreckt. Fleisch war mein Ton und mein Wille Befehl. Ich war Hiranga. Nekromantin und einst Ewigtrauernde, die zuletzt die Trauer brachte“, antwortete die Frau, deren Namen ich inzwischen kenne.
Da bin ich ja in bester Gesellschaft, denke ich innerlich kichernd und fühlte mich zugleich noch unwohler. Nur weil ich selbst eine Biografie als Monster habe, macht mich das nicht immun gegen die Angst vor einem. Wenn ich eines aus all den fiktiven Werken gelernt habe, die ich auf der Erde konsumiert habe, dann, dass Bestien nicht zögern, Bestien zu töten.
„Welche Untat hat dich am meisten erfüllt?“, fragt Hiranga. Ihre Augen strahlen nun. Sie ist keine Richterin mehr, die ein Geständnis möchte. Sie ist eine eifrige Zuhörerin. Ein Publikum, das nach Unterhaltung giert.
„Keine“, sage ich automatisch und angewidert und erkenne noch im selben Moment, dass es eine Lüge ist. Oder zumindest eine halbe.
Hirangas Gesichtsausdruck verändert sich. Ihr Lächeln gefriert, wird wütend.
„Keine Lügen“, sagt sie und ihre glatte junge Haut, wird faltig, während ihre Hände so fest zupacken wie Krallen. Ich versuche mich zu lösen, da ihre Nägel in mein Fleisch schneiden, aber es gelingt mir nicht, „beschmutze unseren Bund nicht. Sage die Wahrheit!“
Aber was ist die Wahrheit? Oder zumindest: Was war die Wahrheit? Denn das ist es, was sie hören will. Sie will, dass ich ihr mein Selbst zeige wie es gehandelt und empfunden hat, nicht die heutige, geläuterte Erzählung davon.
„Ich habe es geliebt zu herrschen“, platz es aus mir heraus, „in jener Zeit in Konor. Es war berauschend gewesen, anderen meinen Willen aufzuzwingen, sie nach meinen Ideen tanzen zu lassen wie Schachfiguren. Ich habe es genossen. Fast jede Sekunde davon.“
„Hast du es geliebt, sie leiden zu sehen?“, fragt Hiranga mit lüsterner Begierde.
„Nein“, sage ich entschieden, „aber es hat mich nicht genug gestört.“
„Danke liebster“, sagt sie und ihr Lächeln kehrt zurück, auch wenn ihre Haut faltig bleibt. Dafür tut sich ein zweites Auge auf. Sie ist nun fast eine Luth Nomorerin. Eine nasen- und Ohrlose, alte Luth Nomorerin, deren Anblick mich nicht so sehr abstößt, wie er es eigentlich sollte. Da ist Angst, da ist Ekel. Vor ihrem Körper und ihren Taten. Aber zugleich ist da auch Anziehung. Und das ist vielleicht das Schlimmste.
„Was hast du geliebt?“, wiederhole ich Krimaras nächste Frage an Hiranga gerichtet.
„Ich habe das Leid geliebt“, sagt sie stolz, jedoch jetzt auch mit einem Hauch von kritischer Distanz, so als würde sie beginnen ihr eigenes Leben aus anderen Augen zu betrachten, „das Leid der anderen. Leid ist ein ehrlicher und reiner Zustand. Und er war mir wichtiger als Herrschaft. Herrschaft ist an einen Herrscher oder ein System gebunden. Aber Leid kann sich verstetigen, wenn man es richtig anstellt und als Nekromantin hatte ich die Macht, es zu verstetigen. Ansonsten habe ich nichts geliebt. Niemanden. Nicht einmal mich selbst. Außer vielleicht früher. Bevor ich der Trauer gewidmet wurde. Trauer ist ein Kind des Mitgefühls. Aber es kann missraten, wenn man es verhätschelt und manchmal frisst es seine Mutter bis auf den letzten Fetzen Fleisch.“
Dieses Geständnis lässt mich erschaudern. Und ich weiß nicht, ob aus Mitleid oder Verachtung.
„Würdest du deinen Katalog zurückgeben? Würdest du ihn verbrennen, wenn du damit den Schaden rückgängig machen könntest, den du angerichtet hast?“, fragt Hiranga ihrerseits.
„Nein“, antworte ich diesmal ohne zu zögern, „diesen Preis würde ich nicht zahlen. Die Reisen sind, was ich bin.“
„Gut“, sagte sie und hat plötzlich wieder eine Nase. Sie ist nun fast kein Monster mehr – zumindest optisch. Nur noch eine fremdartige Greisin, zu der ich mich zunehmend hingezogen fühle. Und jetzt bemerke ich, wie ich unterbewusst ihre faltigen Krallenhände mit meinen blutigen Fingern streichle.
„Wovon hast du geträumt?“, ertappe ich mich zu säuseln.
„Von geöffneten Schädeln“, haucht sie, „von verformtem Gewebe. Von gebrochenen Fingern, so klein und zart und von ihrer Neukonstruktion. In Schleifen, Bögen und Kreuzungen. Von müden Augen, die weiter dienen, dem ewigen Schlaf entrissen. Ohne Ende. Ohne Erlösung. Ich habe meinen Traum gelebt.“
Wieder sind ihre Worte euphorisch fast ekstatisch. Doch nur zu Beginn. Und ihr anfangs freudiges Gesicht verzieht sich jetzt zum ersten Mal angewidert.
Jetzt erscheinen auch ihre restlichen Gesichtsmerkmale. Ohren, Haare, andere Feinheiten. Und schließlich kehrt auch ihre Jugend zurück. Meine unnatürliche Anziehung fühlt sich jetzt nicht mehr so falsch an. Nun, zumindest nicht, wenn man ausblendet, was diese Frau mir gerade alles gestanden hat. Aber das ist zumindest meinem Körper herzlich egal und sie scheint es zu spüren. Ihr Gesicht kommt näher, ganz nah an das meine.
„Würdest du sie wollen? Diese Macht, die du kanntest, diese Macht, grenzenloses Leid anzurichten? Würdest du sie wieder besitzen wollen? Gemeinsam, mit mir?“, haucht sie und ich kann nicht sagen, ob ihr Atem nach Kräutern oder nach Verwesung duftet oder eher so neutral wie ein eisiger Morgen. Wahrscheinlich alles zugleich.
„Ja“, sage ich, sorgsam darauf achtend, nicht zu lügen. Dieser Wunsch ist immer noch in mir. Er ist ein Teil von mir und wird es vielleicht immer sein. Macht ist wie Alkohol. Es gibt Menschen, die können sie kosten, um sich kurz zu berauschen. In kleinen harmlosen Dosen. Aber andere sind ihr ausgeliefert. Nicht nur als Betroffene. Sondern ganz besonders, wenn sie sie ausüben dürfen. Sie können sich entwöhnen, mit viel Willenskraft, aber er sie bleiben immer anfällig für Rückfälle.
Sie gibt mir einen Kuss. Den Kuss weicher Lippen. Weich und sinnlich … oder aufgeschwemmt und aufgedunsen von Fäulnis und darin krabbelnden Insekten, wer weiß. Beides macht mich in diesem Moment an. Und das ist erschreckend.
„Wirst du es tun?“, fragt sie, als sich ihre Lippen von meinen lösen und sich ihre Zunge oder etwas anderes glitschiges, zuckendes, forschendes aus meinem Mund zurückziehen, „es wäre möglich. Wir können diesen Ort verlassen, wenn du mir hilfst. Wir können meinen Körper aufspüren und gemeinsam herrschen, über ein Heer von Leblosen. Sag, willst du es wahr machen?“
„Nein“, sage ich entschlossen, wenn auch nicht genauso entschlossen wie vorher. Die Bilder von mir, von Adrian auf einem Thron aus Schädeln in einer Rüstung aus Knochen schiebe ich weg. Nicht ganz ohne Wehmut, aber doch ohne echtes Bedauern.
„Warum?“, fragt sie erstaunt und ein bisschen verärgert, „warum nimmst du dir nicht, was du begehrst?“
„Weil meine Begierden nicht alles sind, was für mich zählt“, antworte ich und merke, wie sie mich fester zu sich zieht. Nicht aus Leidenschaft, sondern aus Wut. Ihr Griff ist hart und erbarmungslos und ich spüre einen wachsenden Druck auf meinem Brustkorb.
„Warum?“, fragt sie erneut und mit deutlich mehr Nachdruck. Fieberhaft denke ich darüber nach, was an meiner Antwort falsch war. Bis es mir endlich bewusst wird.
„Weil Harmonie auch eine Begierde ist“, antworte ich, „es bereitet mir mehr Freude in einer Welt mit gleichwertigen und glücklichen Wesen zu leben als über weinende Sklaven zu herrschen. Das musste ich erst lernen, aber ich habe es wahrscheinlich gelernt. Leere Straßen voller Tristesse, Angst und gequälter Schreie haben keinen Reiz. Ein Wanderer will Geschichten erleben und nur lebendige Herzen erzählen Geschichten.“
Hirangas Druck um meinen Körper lässt nach. Aus ihrem Todesgriff wird wieder eine gewöhnliche Umarmung.
„Danke für deine Ehrlichkeit“, sagt sie nachdenklich, zieht sich von mir zurück und wird wieder still.
„Was hast du vermisst?“, höre ich Krimara neben mir sagen. Doch irgendwie fühlt sich diese Frage, so philosophisch sie auch anmutend mag, nun deplatziert an. Also tue ich das, was ich am besten kann: Ich weiche vom Protokoll ab.
„Du wirktest nicht mehr nur stolz auf deine Taten als du auf meine letzte Frage geantwortet hast? Hast du eine Ahnung warum? Hast du Angst vor einer Strafe im Jenseits oder hat es andere Gründe?“, frage ich sie. Nicht wie ein Monster in einem seltsamen Ritual, sondern wie ein echtes Gegenüber.
Halb rechne ich damit, dass sie sich nun in Luft auflöst oder zur Bestie mutiert. Aber nichts davon geschieht.
„Das hast du richtig beobachtet“, sagt sie ruhig, ihre Augen sind in die Ferne gerichtet, „ich halte meine Taten nicht mehr für richtig. Der Genuss war echt und er war gut. Ihn bereue ich nicht. Aber ich war ein Subtrahend, eine Dienerin der Nullsumme. Ich habe anderen Freude abgezogen, wo ich sie hätte multiplizieren sollen. Das muss mir kein Gott sagen, kein strafender Diktator im Himmel, das erkenne ich nun höchstselbst. Ich spüre keine Reue, aber den Wunsch nach Wiedergutmachung.“
Und plötzlich, so kühl und logisch ihre reflektierenden Worte auch klangen, beginnt sie zu weinen. Und ich folge dem natürlichsten Impuls von allem. Ich schließe sie ebenfalls in die Arme. Nicht begehrend, sondern tröstend. Für einen Moment, für einen kurzen Augenblick erscheinen ihre Tränen wie Fäulnisflüssigkeit. Schmierig, schleimig und widerlich. Aber es lässt mich seltsam kalt. Egal welche Form ihr Körper hat, Ihre Traurigkeit ist dennoch echt. So echt, dass ich selber anfange zu weinen. Um vertane Chancen, um meine Vergangenheit und um den Menschen, der ich hätte sein können. Vor allem aber um das von dem ich dachte, dass ich es verarbeitet hätte: Ich weine die Tränen all jener, denen ich Leid zugefügt habe.
„Ich hatte einst ein Schiff gebaut, ein Schiff aus kleinen Ästen“, sagt sie plötzlich. Sie wirkt dabei wie ein Kind, „es war wunderschön, aber ein scharfer Felsen in der Strömung hat es zerbrochen. Ich hätte ein neues machen sollen, statt zum Felsen zu werden“, sagt sie bedauernd, fast im Tonfall eines jungen Mädchens. Ekel, Angst aber auch das seltsame Begehren sind verschwunden.
„Das habe ich auch mal gemacht“, sage ich lächelnd, „kleine Flöße im Wald. Sie sind nie zerbrochen, jedenfalls nicht so weit ich das mitbekommen habe. Aber ich habe zugesehen, wie sie am Horizont verschwinden. Meist habe ich mir vorgestellt, auf ihnen mitzureisen bis zum Ende des Flusses und darüber hinaus. Manchmal habe ich ihnen auch nachgetrauert, all den Mühen, die ich in sie gesteckt habe. Aber nicht oft. Es ist der Sinn von Booten, weiterzureisen. Sie sind nicht dafür gemacht, an einem Ort zu bleiben.“
Erst als etwas Hartes, Glattes gegen meinen Oberschenkel stößt wie ein Boot gegen einen Felsen, bemerke ich, dass wir am Altar angekommen sind, zu dem wir die ganze Zeit langsam weitergewandert sind. Schlaftrunken, irgendwo zwischen träumen und wachen.
„Vergibst du uns?“, fragt Hiranga mich. Sie ist wieder eine vollständige Person. Nicht nur optisch, sondern auch von ihrer Ausstrahlung her. Diese Frage ist hart. Gerade, weil sie sie für uns beide gestellt hat. Mir selbst habe ich sie schon öfters gestellt, ohne dass sie in mir zur Ruhe fand. Kann man Mördern und Schändern vergeben? Haben sie selbst das Recht dazu, zu entscheiden, ob sie genügend Strafe erhalten haben, ob sie geläutert sind? Oder liegt dieses Urteil nicht eher bei ihren Opfern und deren Angehörigen? Haben vermeintliche „Helden“ ein Recht darauf, frei zu bleiben, nur weil sie nicht greifbar für die Justiz sind? Weil sie so leicht fliehen können? Weil sie die Macht haben, zur Besserung von Leben beizutragen, wie zu deren Zerstörung? Weil sie eine gute Geschichte zu erzählen haben?
Ist es gerecht, dass ein Fortgeschrittener der Gerechtigkeit entging, wo ein gewöhnlicher Mensch oder auch andere denkende Wesen für viel kleinere Verfehlungen ihre Freiheit einbüßten? Eigentlich ist es das nicht. Eigentlich ist es gut, dass ich angekettet bin. Es ist lediglich die falsche Person, die die Kette hält. Any wird mich damit früher oder später zu neuen Untaten anleiten, da bin ich mir sicher. Die Kette sollte jemandem gehören, der darauf achtet, dass ich Gutes bewirke. Denn einer Überzeugung bleibe ich treu: Der Tod ist keine gerechte Strafe, für jene, die bereit sind, sich zu bessern. Das schließt auch mich ein. Denn Wiedergutmachung bringt den Leidenden mehr als Rache. Aber dennoch kann ich das nicht mit mir selbst ausmachen. Ich muss nach Cestralia. Irgendwie muss ich dorthin gelangen.
Was Hiranga betrifft, ist die Lage anders. Ihr Leben ist beendet und die Karten werden neu gemischt. Entweder sie wird jemand, der all das vergisst. Alle Schuld und allen Genuss am fremden Leid. Jemand der ein frisches, neues Leben anfängt. Oder sie geht irgendwohin wo ohnehin Vergebung auf jeden wartet. Vielleicht verschwindet sie auch einfach im Nichts. Was weiß ich schon. Nach all der Zeit, selbst nach meinem Aufenthalt in Uranor weiß ich immer noch nicht mit Sicherheit, ob es ein wahres, endgültiges Jenseits gibt oder eine strafende und vergebende Instanz. Oder ob es sie überhaupt braucht.
„Ich vergebe dir“, sage ich schließlich als ich merke, dass meine Gesprächspause wahrscheinlich schon viel zu lange dauert, „doch wenn du eine weitere Chance bekommst, dann werde bitte eine Schiffbauerin und ein Multiplikator, kein Subtrahend, okay?“
Hiranga nickt entschlossen. „Danke“, sagt sie und lässt meine Hand los, jedoch nicht, um sich von mir zu lösen, sondern um meine Wange zu streicheln als wäre ich ein alter, inniger Freund, den sie lange vermisst hatte. „Aber was ist mit dir? Die Frage war, ob du uns beiden vergeben kannst.“
„Ich vergebe meinem alten ich“, sage ich, „meinem jetzigen zu vergeben ist eine tagtägliche Herausforderung und etwas, was ich nicht allein tun kann.“
„Ich verstehe“, sagt sie, steht auf, tritt zu dem Altar hin und legt ihre Hände darauf, „danke für deine Begleitung. Ich wünsche dir alles Gute auf allen Wegen, die dich rufen.“
Ihre Stimme klingt noch eine ganze Weile nach, aber ihr Körper löst sich sofort auf. Nicht in Staub, aber in Rauch und Schatten, die immer weiter und weiter verblassen.
Ich höre wie Krimara neben mich tritt. Auch sie ist umhüllt von Rauch und auf ihrem Gesicht stehen Tränen. Die Geschichte, die sie gehört hat, scheinen sie auch berührt zu haben.
„Was geschieht nun mit ihnen?“, frage ich.
„Das weiß ich nicht“, sagt Krimara mit belegter Stimme.
Und ich sehe sie erstaunt an.
„Wir Luth Nomorer beschäftigen uns viel mit dem Tod und dem Abschied und wir haben manchen Einfluss auf die Seelen, die dem Leben noch nahe sind. Aber werfen keinen Blick hinter den Schleier, nicht bei jenen, die wirklich weitergehen. Doch ich denke, die andere Welt ist genauso wild, bunt und vielfältig wie die unsere. Und sie zieht ihren Reiz allein daraus, dass sie ein Enigma bleiben wird. Für die Lebenden wie für die Beinah-Lebenden.“
„Rätsel sind die Würze des Lebens, was?“, frage ich.
„So ist es“, sagt Krimara.
„Und ein wunderbarer Grund einander die Köpfe einzuschlagen“, bemerke ich.
„Das schaffen die Leute auch ohne Konflikte um das Jenseits und vermeintliche Götter“, sagt Krimara, „oder hast du den Eindruck, dass es seit dem Ende von Uranor friedlicher im Multiversum geworden ist?“
„Woher weißt du davon?“, frage ich.
„Wir sind hier recht isoliert, das stimmt“, gesteht Krimara, „aber bestimmte Informationen machen selbst hier die Runde. Vergiss nicht, dass es den ein oder anderen Exil-Luth-Nomorer gibt. Aber das ist noch keine Antwort auf meine Frage, oder?“
„Nicht wirklich“, antworte ich auf ihre ursprüngliche Frage, „auch wenn es sich hier fast so anfühlt. Es ist irgendwie sehr friedlich hier drin, seit die beiden fort sind. Und das liegt nicht daran, dass Hiranga so grausame Taten verübt hat.“
„Erlösung und Friede sind Aspekte des Todes“, sagt Krimara sanft und leise lächelnd, „Aspekte, die selbst in dieser verdüsterten Festung noch präsent sind. Aber sie sind nicht die einzigen und nicht jeder von ihnen ist so harmlos. Lass uns weitergehen. Wir haben eine Mission zu erfüllen.“
Ich nicke und schließe mich Krimara an, die auf eine kleine, unscheinbare Holztür hinter dem Altar zustrebt.
„Was ich nicht so ganz verstehe“, frage ich, während Krimara knarrend die Tür öffnet, hinter dem ein weiterer, spärlich beleuchteter Raum zum Vorschein kommt, „sind all dies hier wirklich nur Prüfungen, die feststellen wollen, ob wir würdig sind, sind es Fallen, die Eindringlinge abhalten sollen oder sind es einfach nur willkürliche Manifestationen dieses Ortes und der Seelen, die in ihm leben?“
Meine Frage verfolgt Krimara wie ein Schatten, während sie kurz vor mir die Schwelle überschreitet. Aber genauso wie ein Schatten verhallt sie auch als die Tür hinter mir ins Schloss fällt.
„Krimara?“, schicke ich einen weiteren Verfolger hinterher, doch er geht ins Leere. Ebenso wie mein suchender Blick und meine tastende Hand.
Krimara ist weg. Sie ist einfach weg. Wieder einmal. Doch diesmal reichen Bosheit, Wahnsinn oder Feigheit nicht als Erklärung aus. Als sich meine Augen an das noch spärlichere Licht dieses Raums gewöhnen, erkenne ich endlich meine Umgebung. Ich befinde mich in einem weiß gefliesten mit Spiegelwänden ausgestatteten, riesigen Raum, in dem sich das wenige diffuse Licht nach wenigen Schritten in vollständiger Dunkelheit verliert.
Ich erkenne auch, dass es in meinem Umkreis keine Tür gibt, außer der, durch die wir gekommen sind und die, wie ein verzweifeltes Rütteln meinerseits zeigt, jetzt unverrückbar im Rahmen hängt. Und mein von vielen Reisen und Rätseln geschultes Auge entdeckt auch keine Falltür, keinen Geheimgang oder sonst irgendwas, das Krimara die Möglichkeit gegeben hätte, unbemerkt zu verschwinden.
Ist es Magie? Eine Täuschung dieses Ortes oder ein Verrat von ihr. All das wäre möglich, aber wenn es ein Zauber ist, der nicht nur meine Augen, sondern auch meine Ohren und meinen Tastsinn täuscht, welche Möglichkeit habe ich dann, gegen ihn vorzugehen?
Ich sehe zu dem Pendel in meiner Hand. Kann es mir irgendwie helfen? Ich spekuliere zwar nicht darauf, dadurch Hilfe von Any zu erhalten und weiß auch nicht, ob ich die überhaupt wollen würde, aber vielleicht lässt sich dem Ding noch ein anderer Trick entlocken. Immerhin hat Any mir ja schon offenbart, dass das Gerät mehr kann als nur zu Zerstören oder die Zeit anzuhalten.
Doch einfach wild damit rumzufuchteln und auf das richtige Ergebnis zu hoffen, ist wie die Suche nach einem bestimmten Sandkorn in der Wüste. Trotzdem versuche ich es. Es gibt ja auch Menschen, die Lotto spielen, oder?
„Enthülle die Täuschung“, sage ich und schwinge das Pendel unbeholfen und ziellos herum wie ein betrunkener und ausgesprochen untalentierter Hogwarts-Schüler im ersten Jahr. Auch meine nächsten Versuche bringen nichts. Egal, für welche willkürlichen Muster ich mich entscheide. Und auch, als ich meine Taktik ändere und nach einer Möglichkeit suche, etwas Licht in den beinah dunklen Raum zu bringen, tut sich rein gar nichts.
„Tolles Spielzeug. Passt zu Any. Es ist nur geeignet, fremde Willen zu brechen“, sage ich frustriert. Natürlich ist mir bewusst, dass mir wahrscheinlich lediglich das Wissen um die passenden Bewegungsmuster fehlt, die Any mir schlicht noch nicht in mein Muskelgedächtnis gepflanzt hat. Trotzdem vermisse ich wieder meine Armwaffe und Karmon, der mit ihr verbunden war. Zu dieser Zeit war ich nicht allein gewesen und das war längst nicht so schlimm gewesen wie es klingen mag.
Nun aber bin ich allein. Und dabei fühle ich mich nicht wie ein mutiger Krieger, der für Ruhm und Ehre in einen verzauberten Kerker hinabsteigt, sondern wie ein Kleinkind das von seinen Eltern im verruchtesten Viertel der Stadt zurückgelassen wurde. Immerhin kommt mir ein Gedanke wegen der Lichtproblematik. Es ist vielleicht ein wenig albern und womöglich fast so unwahrscheinlich wie zufällig die richtigen Pendelbewegungen zu finden. Aber als ich in die tiefen meines Rucksacks greife und dort in einem kleinen, mit einem Reißverschluss gesicherten Fach tatsächlich die kleine Taschenlampe finde, die ich dort vor langer Zeit deponiert und immer wieder vor diversen Widrigkeiten gerettet habe, lächle ich doch kurz in mich hinein. Ich betätige den Schalter, ohne das sich etwas tut, aber ich lasse mich nicht entmutigen. Und das ist auch gut so. Denn nach ein wenig Schütteln und Herumdrehen an den Batterien erwacht der Lichtstrahl flackernd zum Leben. Zwar mit einem ordentlichen Wackelkontakt, aber nach all dem, was dieses kleine Gerät erlebt hat, ist das immer noch erstaunlich.
Das Licht, mit dem ich vorsichtig und mit möglichst ruhiger Hand Löcher in die Dunkelheit steche, bringt aber keine wirkliche Hoffnung mit sich, sondern nur noch mehr Verzweiflung. Denn nachdem ich den großen ein wenig an einen Ballsaal erinnerten Raum genauestens abgesucht habe – ohne eine Spur von Krimara oder einer Tür zu finden -, sinkt mein Mut in sich zusammen.
Um zu verhindern, dass ich schlicht resigniere und darauf warte, zu verdursten, wende ich mich dem einzigen Anhaltspunkt zu. Der Tür, durch die wir gekommen sind. Vielleicht kann ich wenigstens diese Festung wieder verlassen. Auch wenn ich ohne meinen Katalog, der sich noch immer in Krimaras Besitz befindet, in Luth Nomor gefangen bleiben würde: Ein ganzer Planet ist immer noch ein angenehmeres Gefängnis, als diese verfluchte Totenfestung.
Doch auch dieser Versuch scheitert spektakulär. Zwar sprengt die Energieladung des Pendels die Tür in tausend Stücke, aber was dahinter zum Vorschein kommt, ist nichts als eine Wand.
„Das sieht echt cool aus“, höre ich eine Stimme rufen. Meine Stimme. Nur um einige Jahre jünger und gerade dem Stimmbruch entwachsen.
Sie kommt vom Spiegel. Natürlich. Woher auch sonst. Nun kann ich nicht behaupten, dass ich sonderlich Lust darauf habe, mir nochmal zu begegnen. Immerhin hat meine letzte Konfrontation mit mir selbst mir auch schon keine große Freude bereitet und Krimaras Warnung vor dem Spiegel hallt auch noch in meinem Kopf nach. Aber ich kann auch nicht behaupten, dass ich hier unten ein Übermaß an Zerstreuung oder Gesellschaft genieße. Und von mir selbst in eine Spiegelwelt der Verdammnis gezerrt zu werden, ist immerhin ein stilvollerer Tod, als langsam zu verdursten.
Also trete ich näher und sehe mir den jüngeren Adrian genauestens an. Er hat sich seit meinem letzten Blick in den Spiegel ziemlich gemacht. Inzwischen ist er ein blasser, dürrer und etwas verpeilt und verschlafen aussehender Junge, der lässig auf seinem abgewetzten PC-Stuhl sitzt. Er trägt ein zu weites, weißes T-Shirt mit einem roten Sonnenaufgang, Palmen und der Aufschrift „California“. Ich kann mich noch genau daran erinnern. Ich hatte es im Angebot irgendeines Billig-Klamottenladens gekauft. Ich war zwar kein riesiger USA-Fan gewesen, aber ich habe solche T-Shirts mit Aufschriften, Symbolen und Bildern von allen möglichen Ländern trotzdem sehr gerne gesammelt. Zu der Zeit sollte ich Dreizehn gewesen sein. Vielleicht auch vierzehn.
„Danke“, sage ich zu mir selbst und komme mir dabei auch nur mittelmäßig dämlich vor. Inzwischen hatte ich Routine im Mindfuck-Game.
„Bist echt ein cooler Loser“, sagte mein altes Ich grinsend.
„Pass auf, du beleidigst dich selbst“, warnte ich.
„Schon okay“, sagt Teenie-Adrian oder wie auch immer ich damals hieß, „ich weiß, dass ich ein Loser bin. Und wüsste es nicht, bräuchte ich nur auf meine Klassenkameraden zu hören.“
Da hatte der Bengel recht. Ich war damals zwar kein typisches Mobbing-Opfer, aber auch nicht unbedingt Everybodys Darling gewesen.
„Kürzen wir das ab, okay?“, sage ich ganz offen, „bist du eine Manifestation meiner Gedanken, eine bescheuerte Prüfung, mein wirkliches Vergangenheits-Ich oder einfach nur eine lauernde Abscheulichkeit im Teenie-Kostüm, das mich in seine beschissene Spiegelwelt ziehen will?“
Spiegel-Adrian fängt herzhaft an zu lachen. So ungezwungen und locker, dass ich mich sofort entspannen will. Dann aber verdüstert sich sein Gesicht, er drückt seinen Kopf ganz nah an das Glas und im Hintergrund seines unaufgeräumten Zimmers glaube ich plötzlich, träge, schattenhafte Nachbilder zu sehen, die für Sekundenbruchteile wie von eigenem Leben beseelt durch die Haufen an Socken, Jeans und Büchern streifen.
„Wenn ich ein gefährliches Monster wäre“, sagt er düster, „würde ich dir das kaum sagen, oder?“
Sein Lächeln ist warm, aber das Gefühl der Bedrohung bleibt. Ist es Show oder ein wohldosiertes Körnchen Wahrheit, das er mir präsentiert? Ich entschließe mich vorerst von ersterem auszugehen und locker zu bleiben. Immerhin erinnere ich mich gut daran, welche Vorliebe mein altes Ich für Theatralik hatte.
„Du kannst es mir ruhig offen sagen, wenn du ein Monster bist“, sage ich ermutigend, „ich würde trotzdem in den Spiegel steigen. Lebendig die Seele ausgesaugt zu bekommen ist spannender als dieser Ort und dein Zimmer sieht auch viel gemütlicher aus als diese staubige Abstellkammer hier.“
„Wie schade, dass du es nicht betreten kannst“, sagt Teenie-Adrian.
„Kann ich nicht?“, frage ich tatsächlich etwas enttäuscht.
„So funktioniert dieser Ort nicht“, sagt meine jüngere Version, „aber das heißt nicht, dass ich dir nicht helfen kann.“
„Ach was?“, frage ich vorsichtig etwas Hoffnung schöpfend, „und wie kannst du mir helfen?“
„Ich kann dir einen Weg öffnen“, sagt Teenie-Adrian.
„In die Spiegelwelt?“, frage ich.
„Nein, du Idiot, auf die andere Seite dieser Mauer“, erwidert mein Gegenüber.
„Das wäre sogar noch besser“, antworte ich.
„Wie man es nimmt“, sagt mein anderes Ich, „manche Wege sind noch verworrener als jeder Spiegel.“
„Ach komm, jetzt red nicht so einen Rätselmist. Was weißt du über das, was hinter der Wand liegt? Ich hasse Überraschungen“, sage ich.
„Das ist gelogen, du liebst sie“, sagt Teenie-Adrian, „genau wie du Rätsel liebst. Vielleicht bist du selbst dir auch deshalb immer noch eins. Weil du es nicht lösen willst. Weil es dir den Kern rauben würde. Das, was dich ausmacht und belebt. Deshalb werde ich dir die Rätsel nicht nehmen. Ich werde nicht sagen, was genau ich bin, nicht wie ich damals hieß, auch wenn ich es sogar weiß und ich werde dir verdammt nochmal nicht sagen, was dich erwartet. Aber den Weg, Kollege, den kann ich dir öffnen.“
Mit diesen Worten schoben sich die Wände, samt des Spiegels ein Stück auseinander, sodass mein eigensinniges Spiegelbild in der Mitte geteilt wird. Ich bin mir fast sicher, dass dieser Effekt beabsichtigt war.
„Du bist ein unerträgliches Rotzblag“, sage ich.
„Hey, komm, dafür, dass ich gerade erfahren habe, dass du meine Zukunft bist, halte ich mich doch ganz gut, oder nicht“, sagt das Ding lachend, das ein Teil von mir sein kann oder auch nicht.
Mit einem etwas skeptischen Seitenblick gehe ich dennoch durch die Öffnung und achte instinktiv darauf, den Spiegelenden nicht zu nahe zu kommen, aus Angst heraus doch davon verschluckt zu werden. Aber das passiert nicht. Mein Spiegelbild hält Wort und spart sich zugleich jedes weitere.
Was mich auf der anderen Seite erwartet,vist Schweigen. Aber wenigstens keine Dunkelheit. Stattdessen sehe ich einen recht gut beleuchteten, gewölbeartigen Keller. Die Decke ist niedrig, aber gerade nicht so niedrig, dass ich kriechen muss. Trotzdem gibt es mir sofort ein subtiles Gefühl von Klaustrophobie. Und das, obwohl der Keller selbst recht weitläufig ist. Links und rechts sehe ich weitere breite Gänge, abgetrennt von dicken Gitterstäben, die den Blick auf ein weitverzweigtes Tunnelnetzwerk freigeben.
Sofort packt mich meine Entdeckerlust. Natürlich ist meinem Verstand klar, dass es womöglich keine gute Idee ist, sich in dem Gewirr aus Gängen und Pfaden zu verlieren, aber meine Impulse sprechen da eine deutlich andere Sprache. Vielleicht zu meinem Glück haben sie in dieser Angelegenheit nicht viel zu melden. Denn die Gitterstäbe erweisen sich nicht nur als allgegenwärtig, sondern auch als unzerstörbar. Die Energieschübe von Anys Pendel prallen allesamt an dem schwarzen, mittelalterlich anmutenden Eisen ab. Und sich durch die Engen Stäbe zu quetschen, erscheint mir erst recht unmöglich. Dennoch lässt mich das Gefühl nicht los, dass es einen Weg geben muss. Denn von Zeit zu Zeit, nehme ich aus dem Augenwinkel Bewegungen in den Gängen war. Huschende Schatten, verstohlene Silhouetten oder auch plastische, aber nur zu einem kleinen Teil erkennbare Körper, die in der Ferne Schutz vor meinen Blicken suchen oder sich für einen Hinterhalt in Position bringen.
Sie sind humanoid. Zumindest meistens, auch wenn ich nie mehr als einen Fuß, ein Bein oder den Ansatz eines Oberkörpers ausmachen kann. Aber sind sie wirklich da oder bloße Halluzinationen? Ich habe nicht die geringste Ahnung und ohne die Berührung von Krimaras Hand habe ich wohl auch keine Möglichkeit, es festzustellen. Jedenfalls nicht, ehe es zu einer solchen Konfrontation kommt.
Anfangs versuche ich mehr zu erkennen, lauere meinerseits auf die Bewegungen, giere aufmerksam nach einem besseren, genaueren Blick, aber nach einer Weile gebe ich meine Versuche auf und gehe einfach weiter. Dieser Ort spielt seine Spiele mit mir, so viel ist klar. Und er wird mir seine Züge jetzt noch nicht offenbaren. Also gehe ich weiter. Über grauen, staubigen, rauen Stein, einen geraden, endlos erscheinenden Weg entlang. Minuten? Stunden? Ich weiß es nicht. Das Verstreichen der Zeit kann ich allein an den leiser werdenden Geräuschen und seltener sichtbaren Schatten ausmachen. Ist das ein gutes Zeichen oder ein schlechtes? Anfangs tendiere ich zu ersterer These, doch je länger ich durch diese eintönige Umgebung laufe, desto mehr bin ich vom Gegenteil überzeugt. Ein Angriff, eine konkrete Bedrohung, käme mir jetzt gerade recht. Ich merke bereits, wie meine Sinne stumpf werden, wie meine Wachsamkeit nachlässt und sich eine Müdigkeit in mir ausbreitet, die wenig mit körperlicher Erschöpfung zu tun hat.
Nach einiger Zeit ereignet sich zumindest etwas. Frisches Licht fällt herein. Helles, weißes Sonnenlicht, das in staubigen, dünnen, melancholischen Säulen von der Decke ragt. Durch Schlitze, die zu klein sind, um etwas dadurch zu erkennen, geschweige denn, sich einen Weg hinauf zu bahnen. Meinem Beschuss hält die Decke jedenfalls stand. Und das ist kein Wunder. Alles hier ist wie eingefroren. Das wird mir eindeutig klar, als ich testweise etwas von dem reichlich vorhanden Staub von den Wänden wischen will, er sich aber nicht im Geringsten bewegt oder verändert.
Das einzige, was sich an diesem Ort wirklich verändert hat, ist die Tatsache, dass der Eingang verschwunden ist. Das hatte ich bereits kurz nach meiner Ankunft hier festgestellt. Und warum auch nicht? Mit dieser verfluchten Totenfestung scheint es so zu sein, wie mit meinem Katalog: Es gibt keinen Weg zurück. Und anders als beim Katalog gibt es vielleicht nicht mal die Möglichkeit, einen langen komplizierten Umweg zu nehmen, auch wenn ich natürlich darauf hoffe. Immerhin: mein Weg ist klar vorgezeichnet, auch wenn mir immer noch nicht klar ist, wohin er führen wird.
Und es sieht auch nicht so aus, als ob sich dieses Geheimnisse in naher Zukunft lüften wird. Der Weg ist viel länger als ich zunächst angenommen habe. Selbst wenn meinem Zeitgefühl nicht wirklich zu trauen ist. Aber bald bin ich sicher, nicht nur Stunden, sondern Tage unterwegs zu sein. Und das, obwohl sich an dem trügerischen Sonnenlicht über mir nichts ändert. Keine Ahnung, welchen Irrsinn die Festung diesmal mit mir vorhat, aber inzwischen wünsche ich mir fast das Angebot von Hiranga angenommen und zum Führer eines Nekromantenkults avanciert zu sein. Dort wäre ich sicher auf mehr Leben getroffen als hier.
„Krimara!“, rufe ich immer wieder, wenn ich die Stille einmal nicht mehr ertrage. Weniger, weil ich ernsthaft darauf hoffe, eine Antwort zu erhalten. Vielmehr, um nicht den Verstand zu verlieren und wenigstens meine eigene Stimme zu hören. Womöglich aber auch, um irgendwen anzulocken. Sei es einen Freund, einen Feind oder eine kosmische Abscheulichkeit.
Doch mich besucht allein mein Echo. Ein müdes, raues Echo und irgendwann beginnen mir meine Stimmbänder wehzutun. Meine Kehle ist trocken und rau und Wasser ist nirgends in Sicht. Ich krame etwas aus meinem Rucksack hervor. Dort gibt es tatsächlich noch eine kleine Plastikflasche, die ich vor gefühlten Äonen mit dem Wasser irgendeiner fremden Welt gefühlt habe. Ich trinke daraus, doch es schmeckt widerlich abgestanden und alt. Dennoch würge ich es runter und irgendwie gibt es mir und meinen müden Gliedern wieder etwas mehr Kraft.
Trotzdem fühle ich mich unendlich erschöpft. Aber irgendwie bringe ich es nicht fertig, mich auszuruhen. Dieses Gewölbe ist kein Ort dafür. Das schreien mir alle bewussten und unbewussten Sinne förmlich zu. Es ist nicht so, dass ich es nicht versuche, aber sobald ich meinen Rücken gegen einer dieser Wände lehne, befällt mich ein überwältigendes Gefühl von Unruhe und Gefahr.
Dabei wird mein Bedürfnis, mich auszuruhen immer größer. Eine unerklärliche Müdigkeit, die über bloße körperliche Erschöpfung hinausgeht. Und da ist da noch dieser Durst, denn das letzte Tröpfchen an abgestandenem Wasser habe ich inzwischen längst aus den Windungen meiner Plastikflasche geleckt.
Dennoch schleppe ich mich weiter vorwärts und schließlich, nach vielen Stunden oder eher Tagen in dieser Monotonie, sehe ich einen Ausweg. Eine Treppe, die zu einer Falltür führt, die in der Decke eingelassen ist.
Obwohl mich mein Durst fast umbringt und ich es kaum erwarten kann, diesen Tunnel endlich zu verlassen, zögere ich zunächst. Kann meine Lage an solch einem Ort, überhaupt besser werden oder eher noch schlimmer?
Doch als ich meinen verbleibenden Mut und meine Kraft zusammennehme und endlich die Falltür aufstoße, bin ich überrascht.
Über mir ist der freie Himmel und eine Handvoll Gebäude einer kleinen Stadt oder eines Dorfes, deren runde Architektur stark an die Grabmale und Mausoleen von Luth Nomor erinnert. Über mir steht sogar eine echte und halbwegs warme Sonne. Hab ich es vielleicht wirklich geschafft, diese elende Illusion, Taschendimension oder was zur Hölle das hier auch immer ist, zu verlassen? Allein der Gedanke pumpt neue Energie in meine müden Glieder.
Erst recht als ich einen dunklen Springbrunnen im Zentrum des Ortes entdecke. Ich stürme darauf zu, tauche meine Hände in das lauwarme Wasser und benetze meine ausgetrockneten Lippen und schließlich meine raue Kehle mit dem ersehnten Nass. Es ist erleichternd, doch leider schmeckt es genauso schlecht wie das Wasser aus meiner Flasche. Wenn nicht sogar noch schlechter. Nicht giftig, nicht einmal richtig bitter. Aber tot, abgestanden und staubig.
Erst jetzt betrachte ich den Springbrunnen genauer. Das Wasser darin ist zwar nicht trüb, aber tatsächlich von einer feinen, unappetitlichen Schicht aus Staub überzogen. Nicht nur im Wasser, dass sich im Becken gesammelt hat, sondern auch in dem, das aus den gebogenen Wasserstrahlen stammt, die sich im Bögen vom Zentrum nach unten erstrecken und die vollkommen still stehen. Wie ist das möglich? Das Wasser ignoriert alle Gesetze der Schwerkraft und der Zeit und steht einfach wie eingefroren in der Luft.
Sofort befällt mich Übelkeit. Ich will die Flüssigkeit auswürgen. Aber mein bedürftiger Körper weigert sich zugleich, die kostbare Substanz wieder herzugeben. Schließlich gebe ich auf und trete einen Schritt zurück.
Erst jetzt sehe ich mir den Brunnen genauer an. Die beiden Wasserspeier, von denen die erstarrten Strahlen ausgehen, sind ein Mann und eine Frau mit eingefallenen Wangen, schrumpeliger Haut und gequältem Gesicht. Dieser Gesichtsausdruck befeuert meine Angst und meine Übelkeit nimmt mit einem Mal noch weiter zu.
Sicher eine halbe Stunde setze ich mich ängstlich auf den Boden und warte auf irgendwelche körperlichen oder neurologischen Symptome einer Vergiftung. Aber nichts geschieht, abgesehen von einem starken Gefühl der Vorahnung und der Angst. Wo zum Fick bin ich hier gelandet? Und vor allem: Wie finde ich wieder einen Weg zurück?
Ich entschließe mich, meine Suche in den Häusern fortzusetzen. Sie sehen alle ähnlich aus. Einstöckige, hellgraue Bauten mit weißen Fensterrahmen, trüben Fenstern und abgerundeten Ecken. Die Türen sind offen. Das innere der Gebäude ist karg und düster eingerichtet. Schwarzer Boden, dunkelgraue Wände, hellgraue Möbel, patiniert mit einer weißen, schmierigen Staubschicht. Dieser Staub ist aber nicht nur in und an den Möbeln. Er ist überall in der Luft. Ganz fein und auf den ersten Blick gewöhnlich. Aber dennoch widerstrebt es mir, ihn einzuatmen. Allein, welche Wahl habe ich?
Während ich durch die schmucklosen Räume streife, die wie eine Fusion aus einem gewöhnlichen Haus aus meiner Welt und der tristen Atmosphäre Luth Nomorischer Innenarchitektur wirken, begleitet mich jenes Gefühl der Bedrohung wie ein treuer Hund. Ich denke wieder an die Schemen aus den Tunneln und bei jedem selbstverursachten Knarzen, bei jeder Spiegelung des erstarrten Sonnenlichts auf Verzierungen und Elementen aus Metall, zucke ich zusammen, obwohl nichts weiter passiert.
Metall ist das einzige Material hier, in dem sich das Licht reflektieren kann. Winzige Blenden und Verzierungen, alle zu klein, um sich als Mensch darin erkennen zu können. Und gewöhnliche Spiegel gibt es hier auch nicht. Selbst das Wasser im Brunnen ist zu staubig dafür gewesen, wenn ich recht darüber nachdenke. Jedenfalls habe ich mein Gesicht darin nicht erkannt. Es ist fast so als wollte dieser Ort verhindern, dass man sich hier selbst spürt oder erkennt.
Dabei sehne ich mich danach, mich zu betrachten, zu schauen wie ich mich verändert habe und ob ich überhaupt noch ich bin oder ob ich gar in den Traum oder das Leben eines anderen gewechselt bin, ohne es zu bemerken. Dieses Verlangen ist fast so stark wie das Fernweh in mir, doch leider noch viel unstillbarer. Lediglich meine Finger vermitteln mir den Eindruck, dass ich hier nicht die seltsame Leichenhaut trage, die mir Krimara verschafft hat.
Doch es mangelt nicht nur an Spiegeln. Auch sonst gibt es in den Häusern nicht viel zu finden. Jedenfalls zu Anfang. Erst nach gründlicherer Suche entdecke ich in manchen Behausungen verwinkelte, weitläufige Kellerräume, ohne erkennbaren Zweck, in denen nichts lagert als leere Kisten voller Schatten und Staub.
In anderen Häusern finde ich Türen, hinter denen allein grauen Mauern warten, selbst wenn ich das starke Gefühl habe, dass sie einst irgendwohin geführt haben. Doch wohin? In den weglosen Raum? Ins Geflecht? Zurück nach Luth Nomor oder in irgendeine andere, seltsame Dimension? Doch wohin auch immer sie einst geführt haben mochten: Ich fange schnell an zu begreifen, dass dieses Wohin mit hoher Wahrscheinlichkeit weit besser sein wird als der Ort an dem ich mich gerade befinde. Diese Stadt ist tot. Toter als alles, was Luth Nomor einst beherbergt hat. Sie ist geformt aus nekrotische, Gewebe, das selbst noch die dunkelste Form von Leben aus purem Selbstschutz abgeschnürt und ausgestoßen hat, um sich vor seinen Zerfallsgiften zu schützen.
Leben hat hier keinen Platz. Nicht einmal die höheren, bewussteren und von Hoffnung berührten Formen des Todes haben das. Und doch bin ich hier. Hineingelockt von meinem verfluchten Spiegelbild. Dabei sollte ich doch inzwischen wirklich gelernt haben, mir nicht zu vertrauen.
Anfangs denke ich, dass ich sterben werde. Verdursten vielleicht nicht, wo doch das abgestandene Wasser zumindest das verhindert. Aber doch verhungern, da man sich von Staub allein nicht ernähren kann.
Wie ein Geist streife ich umher, gehe von Haus zu Haus, suche nach Nahrung, nach einem Ausweg. Nach irgendetwas, was ich tun kann, in diesem Dorf, das doch größer ist, als auf den ersten Blick schien. Doch irgendwann bin ich schlicht zu erschöpft und beschließe morgen nach einem Ausweg zu suchen. Wenn man an diesem Ort ohne Zeit von einem Morgen sprechen kann. Also lege ich mich in eines der staubigen Betten, unter eine graue, alte Bettdecke, ziehe die schweren Vorhänge vor, um das allgegenwärtige Licht auszusperren und hoffe, dass mich die Dunkelheit in ihre Arme nimmt.
Das tut sie auch, wenn auch nicht auf jene Weise, wie ich es mir erhofft habe. Die ganze Zeit habe ich die Wesen aus den Tunneln nicht erblickt und kaum an sie gedacht, doch nun, wo ich verzweifelt und entkräftet in diesem ungemütlichen Bett liege und in das dunkle, fremde Zimmer starre, habe ich das drängende Gefühl, dass sie bei mir sind. Ich höre manches Flüstern, den ein oder anderen Windzug am Nacken und manchmal, kurz bevor ich die Augen schließe, glaube ich eine Hand oder den Schemen eines Gesichtes ganz in meiner Nähe zu erblicken. Doch mehr passiert nicht und wenn ich die Vorhänge öffne und das Licht hereinlasse ist da nichts.
Nach dem vierten Mal, wo ich mir auf solche Weise Erleichterung verschafft habe, komme ich zu der Überzeugung, dass der große, böse Adrian, der Bezwinger von Tausenden, der Vernichter von Welten und Auslöscher unzähliger Leben einfach Angst im Dunkeln hat. Wie kindisch, denke ich und versuche das Gefühl zu verdrängen, dass die Annahme, es würde keine Monster unter meinem Bett oder in den Schatten lauern. an einem Ort wie diesen vielleicht noch viel kindischer ist. Irgendwann schlafe ich dennoch ein, wenn auch vor allem durch pure Erschöpfung.
Es ist ein Rascheln, das mich wieder erwachen lässt, gefolgt von einem brummenden Fiepen in meinen Ohren und einem Gefühl von Schwere und Schwindel in meinem Kopf. Ich öffne die Augen, die sich träge und verklebt anfühlen und blicke der Hölle ins grinsende Gesicht. Auf mir sitzt eine Gestalt. Mit langen, schwarzen Gliedern, aufhockend wie ein Liebhaber, aber so weit entfernt von Liebe, wie man es nur sein kann. Das Gesicht, dürr und hager, mit langen, strähnigen, aber spärlichen Haaren, geschnitten aus Schatten und Fleisch, die wie lepröse Haut von ihrem Kopf herabhängen und kitzelnd über meine nackte Brust streichen.
Das Gesicht ist heller als der Rest. Mit einem geringeren Anteil an Schatten und mehr hässlichem, blassen Fleisch. Der Mund ist zu einer traurigen Grimasse verzogen, die jedoch allein sich selbst zu bemitleiden scheint und die Gesichtszüge sind hängend, verfallen und unförmig wie geschmolzener Käse.
Mein Herz donnert wie ein explodierender Eisklumpen gegen meine Brust. Ich spüre, wie mir das Geschöpf den Atem abschnürt und die Brust eindrückt, allein durch seine bloße Präsenz. Erst jetzt sehe ich feine, schwarz-violette und halbtransparente Rauchfäden von meinem Mund in seinen aufsteigen. Es trinkt, begreife ich. Es saugt mich aus. Es ist dieser Gedanke, der meine Starre zumindest teilweise bricht. Ich nehme meine Hände hoch oder versuche es zumindest. Aber sie sind viel zu schwach. Die Muskeln zucken erst kaum und als ich sie doch bewege, sind sie so schwer und ungelenk als wären sie vollkommen eingeschlafen. Dennoch gebe ich nicht auf, weigere mich in diesem elenden Zeitloch zu verrecken.
Doch das ist leichter gesagt als getan, denn meine körperlichen Kräfte verlassen mich mit jeder Sekunde in denen diese Kreatur an mir saugt noch weiter. In ihren dunklen Augen erkenne ich Genuss, Zufriedenheit, Triumph. Aber keine echte Bosheit. Nicht weil sie dafür zu dumm ist – sie erscheint mir sogar äußerst intelligent –, sondern weil sie einfach tut, was sie tut. Sie hat Hunger und ich bin Nahrung.
Aber ich bin keine Kuh in irgendeinem Stall, deren Milch oder Blut man abzapfen kann. Ich bin nicht wehrlos. Ich habe noch das Pendel. Ich habe es beim Schlafen vorsorglich in die Hand genommen und mir um das Handgelenk geschlungen. Vielleicht bringe ich zumindest die Kraft auf es zu nutzen, für einen einzigen Befreiungsschlag. Mühevoll wende ich meinen Kopf und erstarre fast vor Überraschung. Ich bin tatsächlich bewaffnet, wie ich feststelle. Aber nicht mit dem Pendel, sondern mit meiner Armwaffe. Fast wie zu der Zeit als ich meinen Körper noch geteilt habe mit …
„DU TRÄUMST, ADRIAN!“, höre ich Karmons Stimme in meinem Kopf. Ein Schauer der Rührung erfüllt mich bei diesen Worten. Erst jetzt realisiere ich wieder, wie ich ihn vermisst habe, wie sehr er ein Teil von mir gewesen ist.
Doch es ist nach der Klang seiner Stimme, es sind vor allem die Worte, die sie trägt, die mich aus meiner Starre reißen. Mit neuer, frischer Kraft richte ich meine Armwaffe auf das Geschöpf, dass nicht mit meinem Angriff rechnet. Ein schwarzer Blitz schießt hervor und stanzt ein gewaltiges Loch in die Kreatur, die zwar nicht vergeht, aber sich kreischend zurückzieht, aus dem Zimmer und irgendwo in die Tiefen dieser seltsamen Stadt.
Das Gefühl der Befriedigung, der Macht, ist berauschend. Viel besser als alles, was Any oder ihr Spielzeug mir vermitteln kann. Das bin ich! Das gehört zu mir! Genau wie auch Karmon. Mein geliebter Grong-Shin, der lange fort ist oder schlimmer noch: Zu Marnok geworden, einem Zerrbild seiner einstigen Größe und Weisheit.
Doch wie dem auch sein: Endlich kann ich wieder atmen und genieße diesen Luxus – ob real oder nicht – wieder in vollen Zügen. Auch erheben kann ich mich wieder. Doch die Stärke, die mich zusammen mit Karmons Stimme überkommen hat, ist leider verschwunden. Ich fühle mich wieder schwach, ausgelaugt. Aber immerhin noch kräftig genug, um aufzustehen und mich in dem Zimmer umzusehen, das tatsächlich nicht ganz normal aussieht. Die Wände, die Möbel, der Boden, die Decke – alles scheint ein wenig durchscheinend und erzeugt träge Nachbilder, die sie wie Kometenschweife hinter sich herziehen, wenn ich meinen Kopf zu schnell drehe.
„Du sagst, das ist ein Traum“, sage ich zu Karmon, falls er es denn ist, „heißt das, das Ding war auch nicht real?“
„JA UND NEIN“, antwortet die Stimme, „IN DER PHYSISCHEN WIRKLICHKEIT IST ES NUR EIN GEDANKE, EIN KONZEPT. ABER IN DEINEN TRÄUMEN IST ES REAL. UND HIER AN DIESEM ORT KANN ES DIR AUCH SCHADEN.“
„Und du?“, frage ich hoffnungsvoll, „bist du real?“
„JA“, sagt er und mein Herz macht einen Hüpfer vor Freude. Doch ich spüre das ABER schon, bevor Karmon es ausspricht.
„JEDER GRONG-SHIN HINTERLÄSST ETWAS IM ANDEREN“, erklärt Karmon, „KEINE TRENNUNG ODER VERÄNDERUNG KANN DAS AUSLÖSCHEN. ABER ICH BIN NUR EIN ECHO, KAUM MEHR ALS EIN FINGERABDRUCK ODER EINE HANDVOLL STAUB VON DEM, WAS EINST WAHR. UND ICH KANN ALLEIN HIER MIT DIR REDEN UND DICH UNTERSTÜTZEN, AN DIESEM ORT UND IN DIESEM ZUSTAND, WO DIE ZEIT MICH NICHT WEGWEHEN KANN. ICH BIN ABER IMMER DA, WENN DICH DAS TRÖSTET.“
„Gibt es keine Möglichkeit, dich zurückzuholen in die echte Welt?“, frage ich.
„FALLS ES DIE GIBT KENNE ICH SIE NICHT“, sagt Karmon, „MEINE WAHRNEHMUNG DER WELT IST SEHR BEGRENZT. UND SELBST, WENN ES GINGE, SO BIN ICH DOCH NUR EIN SCHATTEN. ICH WÜRDE DICH ENTTÄUSCHEN UND ICH WÜRDE WOHL BALD VERGEHEN.“
„Dann weißt du bestimmt auch nicht, wie ich diesen Ort verlassen kann?“, frage ich mit mühsam unterdrückter Enttäuschung.
„NEIN“, sagt Karmon knapp, „DEN WIRST DU SELBST FINDEN MÜSSEN.“
„Sprechen wir uns denn wieder?“, frage ich und spüre Tränen in meinen Traumaugen.
„JA“, sagt Karmon, „WENN ES DICH WIEDER ZU SICH ZIEHT, WERDE ICH DIR BEISTEHEN, SOWEIT ICH ES KANN. ABER SEI GEWARNT: ICH WERDE MIT JEDEM MAL MEHR VON DIESEM REST HIER VERLIEREN. MIT JEDEM WORT, MIT JEDEM ANGRIFF. UND IRGENDWANN … WIRST DU ALLEIN SEIN. DAS SOLLTEST DU WISSEN.“
Diese Offenbarung trifft mich so hart, dass es mir den Atem verschlägt. „Karmon, warte, wie meinst du das ich …“, sage ich hilflos aber Karmon ist verstummt. Nicht weil er gänzlich fort ist – noch nicht –, sondern weil ich wieder in meinem Bett in der realen Version dieses Ortes liege.
Doch auch wenn die Dinge um mich herum diese seltsame Düsternis und Verschwommenheit verloren haben, ist meine Stimmung so finster wie nie. Gerade als ich Karmon – zumindest in gewisser Weise – wiedergefunden habe, drohe ich ihn schon wieder zu verlieren. Außerdem ist nun das Schlafen selbst zu einer grausamen Bedrohung geworden und ich spüre immer noch deutlich die Energie, die mir dieses Geschöpf abgesaugt hat.
Ob es mehrere solcher Wesen gibt? Haben die Gestalten im Tunnel etwas mit ihm zu tun? Keines dieser Rätsel erschließt sich mir, aber ich habe auch ein ganz konkretes Problem. Ich brauche Nahrung. Das Wasser aus dem Brunnen hilft zwar, mich am Leben zu erhalten, aber wie ich schon festgestellt hatte: von Wasser und Staub allein kann ich mich auch nicht ernähren.
Zumindest dieses Problem erweist sich zum Glück als lösbar. Während ich die Stadt weiter erkunde, stoße ich schließlich auf eine Art Lebensmittelgeschäft, welches verschiedene Nahrungsriegel in mattem, wächsernen, schwarzen Papier anbietet. Die Aufschriften kann ich nicht entziffern. Dass es sich um Nahrung handelt, entnehme ich vor allem dem angenehmen Duft der verschiedenen Produkte, der mir zugleich Hoffnung macht, dass sie noch nicht verdorben sind. Vielleicht, weil sie in der Zeit konserviert sind. Ihre Anzahl macht zudem den Eindruck, dass ich damit Monate oder sogar Jahre auskommen kann, falls sie sich als genießbar und nahrhaft erweisen.
Leider stellt mich die Sprachbarriere beim Lesen der aufgedruckten Zutaten und Beschreibungen vor ein anderes Problem. Selbst wenn ich keine mir bekannten Nahrungsmittelallergien habe und bislang die meisten exotischen Nahrungsmittel auf meinen Reisen mehr oder weniger gut vertragen habe, befinde ich mich immer noch in einer Welt, in der man den Tod verehrt und mitunter wissentlich herbeiführt. Auch durch Nahrung. Es ist also gut möglich, dass mindestens einer dieser Riegel ein tödliches Gift enthält.
Trotzdem muss ich es wohl auf einen Versuch ankommen lassen, wenn ich nicht einen potenziellen schnellen gegen einen sicheren langsamen Tod eintauschen möchte. Also reihe ich die verschiedenen Sorten vor mir auf und probiere ein winziges Stück des ersten Riegels. Der Geschmack ist köstlich, süßlich und prickelnd wie Ananas und Brause.
Ich entschließe mich, ihn zu genießen, da ich nicht weiß, ob er der letzte Geschmack sein wird, den ich je wahrnehmen werde. Dann warte ich auf verräterische Anzeichen einer Vergiftung. Die ersten Minuten geschieht nichts. Dann beginnt erst mein rechtes Augenlid, kurz darauf mein linker kleiner Finger und schließlich mein halber Körper unkontrolliert zu zucken. Ein saurer Geschmack steigt in meinen Mund auf und ich spüre wie schaumiger Speichel herausläuft.
Nach einer Viertelstunde ist der Krampfanfall vorbei und mein Körper scheint ihn mehr oder weniger heil überstanden zu haben.
Ich habe – nachvollziehbarerweise – wenig Lust auf einen weiteren Versuch, aber dennoch probiere ich mich weiter durch die Auswahl.
Nachdem ich fertig bin, fühle ich mich, als wäre ich mit einer Lungenentzündung einen Marathon gelaufen und hätte danach eine Schlägerei gegen zehn Leute bestritten.
Rings um mich hat sich ein Kreis aus Erbrochenem und Körpersäften gebildet. Aber ich lebe noch und habe einige Dinge herausgefunden. Von den sieben Sorten sind drei ungiftig, die glücklicherweise auch zu den häufigsten zählen. Je wohlschmeckender ein Riegel ist, desto gefährlicher ist er. Zwei der „genießbaren“ Sorten schmecken wie durchgekaute Pappe. Eine schmeckt selbst wie Erbrochenes, hat jedoch dafür sogar mild heilende Eigenschaften. Zumindest nehme ich das an, denn seitdem ich davon probiert habe, beginnt es mir etwas besser zu gehen.
Dennoch hat mir mein Experiment schwer zugesetzt. Aber zumindest ist meine Nahrungsversorgung gesichert und eine genauere Inventur lässt mich meine ursprüngliche Schätzung nach oben korrigieren: Selbst die ungiftigen Riegel sollten noch viele Jahre reichen. Auch wenn ich natürlich hoffe, diesen Vorrat nicht ausreizen zu müssen, ist diese Aussicht beruhigend. Verhungern ist kein schöner Tod und mein Fernweh ist immer noch zu groß um einfach aufzugeben. Ich will neue Horizonte erforschen und gottverdammt auch neue Freunde, Feinde und Weggefährten treffen. Und vielleicht ja auch alte wieder zu mir holen.
Schon allein aus diesem Grund, schwöre ich mir, Karmon oder was auch immer von ihm übrig ist, so wenig wie möglich zu bemühen. Ich will ihn nicht verlieren. Natürlich habe ich nicht die geringste Ahnung, ob es einen Weg gibt, ihn zurückzuholen oder ob auch er nur ein Fiebertraum ist, den diese Stadt mir ins Hirn gelegt hat wie eine Schlupfwespe ihr Ei. Aber wenn auch nur die geringste Chance besteht, mir meinen Gefährten zurückzuholen, will ich sie nicht Zunichte machen. Ob mir das gelingt, werde ich wohl oder übel erfahren, wenn mich die Müdigkeit erneut zum Schlafen zwingt.
Während ich mir den Tag damit vertreibe, meine Vorräte zu sortieren und weitere Gebäude zu erforschen, frage ich mich, was mit Krimara geschehen ist. Hat sie ihre Mission abgebrochen? Ist sie alleine weitergezogen? Oder ist seit meiner Abwesenheit bei ihr noch keine Zeit vergangen? All diese Szenarien sind denkbar, aber bis ich zurückkehre – falls ich das schaffe – werde ich keine Gewissheit darüber erlangen.
Auf meiner Erkundungstour fällt mir noch eine Eigenheit dieser Stadt auf. Je weiter ich sie erkunde, desto größer wird sie. Das geschieht ganz subtil. Nie sehe ich ein neues Gebäude auftauchen, aber wenn ich mich umdrehe und in eine Richtung bewege, die ich definitiv schon zur Gänze erforscht habe, sind dort einfach neue Häuser oder Geschäfte entstanden. Das ist so beängstigend wie bemerkenswert. Denn ich ahne, dass es auf meine Entdeckungslust abzielt. Irgendwie will das Dorf mich von seinem Zentrum weglocken. Und das hat sicher seinen Sinn. Zwar erscheint auf den ersten Blick jeder Ort so gut oder schlecht wie der andere, da auch der Eingang mir keinen Rückweg ermöglicht, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass dieser Ort, dieses Zentrum der einzige Platz ist, an dem eine solche Rückkehr möglich sein könnte.
Leider bin ich ein Fortgeschrittener und dem Ruf der Ferne kann ich nicht lange widerstehen. So dauert es keine drei Tage bis ich mich das erste Mal so weit in die sich ewig erweiternde Stadt vorgewagt habe, dass mir der Rückweg zum Zentrum erst nach vielen kraftraubenden Umwegen gelingt. Eine Zeitlang glaube ich sogar, ihn schlicht nie wieder finden zu können. Doch so sehr mich dieses Gefühl auch erschreckt, so sehr muss ich auch eingestehen, dass dieser Ort mich zu belohnen weiß.
Zum einen finde ich immer wieder neue Dinge. Nahrung und Getränke. Neue Arten von Riegeln und sogar exotische Fruchtsäfte. Alles versetzt mit Unmengen von Staub und einem faden, schalen Nachgeschmack, aber doch besser, schmackhafter und erfrischender als alles, was ich in der Nähe des Zentrums finden kann und vor allem vollkommen ungiftig. Zum anderen entdecke ich Dinge, die meine Neugier weiter anfachen. Skulpturen von Geschöpfen mit langen Köpfen und kurzen, zahlreichen Gliedmaßen, von denen ich nicht sagen kann, ob es Götter, Fantasiegeschöpfe oder Nachbildungen von den ursprünglichen Einwohnern dieser Stadt sind. Ich kann nur sagen, dass sie mich leicht an Bravianer erinnern, wenn auch mit einem monströsen, unförmigen Einschlag.
Außerdem finde ich Schriftstücke, in einer Sprache die ich nicht annähernd entziffern kann. Aber sie zeigen mir auch Zeichnungen von weiteren seltsamen Wesen, halb Pflanze, halb Tier, gewölbten Ozeanen im Himmel, vertikal gebauten Städten in denen bizarre Giganten herumkrabbeln und monolithartigen Bauten, die mir wie außerirdische Kultobjekte erscheinen. Ein Teil von mir ahnt, dass ich all das niemals finden werde, dass es vielleicht nicht einmal existiert und diese Zeichnungen allein für mich erschaffen wurden. Aber das tut der Faszination keinen Abbruch, denn letzten Ende wäre es dennoch möglich, habe ich ähnlich wundersames doch schon oft auf meinen Reisen gesehen.
Auch deshalb stopfe ich mir viel von diesen Souvenirs in meinen Rucksack. Diese Andeutungen und die bessere Nahrung sind aber nicht das einzige Zuckerbrot dieses Ortes. Das viel Wesentlichere ist das Ausbleiben der Peitsche. Wann immer ich weiterwandere und dabei eine Rast einlege, belohnt mich der Ort mit einem traumlosen Schlaf oder mit harmlosen luziden Träumen, in denen ich meine Fantasie ausleben, und Karmon herbeirufen kann, wenn ich es möchte. Letzteres spüre ich zwar, tue es aber nicht. Ich bin mir fast sicher, dass diese Stadt weiß, dass er mein Verteidiger ist und ich dazu verleiten will, seine Kraft zu verbrauchen. Vor allem aber will sie mir zeigen, dass die Traumkreatur fortbleibt, wenn ich weiter in ihr verhängnisvolles, klebriges Netz aus endlos generierten Gebäuden wandere. Ich habe es bislang noch nicht ausprobiert, aber ich vermute stark, dass sich das ändern wird, sobald ich wieder eine Nacht im Zentrum verbringe oder auf dem Rückweg einschlafe.
Davor habe ich große Angst, aber ich werde es dennoch riskieren müssen. Denn die Angst, die mein letzter Ausflug und dieses Gefühl mich vollkommen verloren und verirrt zu haben, in mir ausgelöst haben, ist sogar noch größer als jedes Fernweh und jede Neugier. Jedenfalls für den Moment. So wie ein gut gesättigter Löwe auch einmal an einer potenziellen Beute vorbeilaufen kann.
Heute, das schwöre ich mir, werde ich nicht wieder umherwandern, sondern mich dem Wesen stellen, das mir in meinen Träumen auflauert. Und Karmons Hilfe werde ich nur in Anspruch nehmen, wenn mir absolut keine andere Wahl bleibt.
Das ist vielleicht leichter gesagt als getan, aber ich habe immerhin einen Plan. Und meine Müdigkeit kommt mir dabei entgegen. Denn so schaffe ich es tatsächlich – gestützt von einigen Seilen und Möbeln – im Stehen einzuschlafen. Und wie ich gehofft habe, halte ich diese Position auch, als ich in den Traum herüberwechsle. Im Gesicht des Geschöpfes erkenne ich sofort Zorn, da es nicht einfach aufhocken und bequem meine Energie abzapfen kann. Dennoch bin ich vielleicht nicht ganz so schlau gewesen, wie ich gedacht habe. Denn auch wenn ich so nicht gänzlich gelähmt bin, sind meine Bewegungen immer noch langsam. So dauert es nicht lange, bis das Wesen mich an den Armen packt und seinen Mund so nahe an meinen bringt, dass es problemlos trinken kann.
Panik erfüllt mich und mein Blick geht sofort wieder zu meinem Waffenarm. Aber ich darf Karmon auf keinen Fall rufen. Irgendwie werde und muss ich es aus eigener Kraft schaffen. Also versuche ich mich zu wehren. Versuche, mich zu erinnern, was mich ausmacht, jenseits aller anderen, jenseits derer die ich getroffen, geliebt und verraten habe. Und dort finde ich Quellen, tiefer noch als die Lebenskraft, die das Geschöpf, das ich für mich „Aufhocker“ getauft habe, mir gerade absaugt: Mein Fernweh, meine Neugier, meine Abenteuerlust, aber auch der unbedingte Wille weiterzugehen. Nicht, weil ich muss, sondern weil ich will.
Und irgendwie gelingt es mir meinen Widerstand zu materialisieren in dem, was immerhin auch zum Teil MEIN Traum ist. Ein Schwert erscheint in meiner Hand. Scharf, groß, lodernd von Flammen und geformt wie eine Kompassnadel. Ich spüre sein Gewicht in meiner Hand und weiß sofort es zu benutzen, auch wenn ich wenig Erfahrung im Schwertkampf habe. Ansatzlos steche ich zu und nebeliges, schwarzes Blut spritzt aus der Kreatur hervor, die sich schreiend zurückzieht und sich erneut in den Tiefen des Hauses verliert. Erschöpft doch noch immer im Traumzustand setze ich mich aufs Bett und halte Wache. Ich widerstehe der Versuchung den Traum direkt zu verlassen, aus Sorge, dass ich dann erneut in die Enge getrieben werde, falls ich wieder einschlafen sollte. Doch irgendwann verschwindet der Traum von selbst und ich erwache ausgeruht und stolz darauf, nur auf meine eigenen Fähigkeiten zurückgegriffen zu haben.
Eine ganze Zeit lang bleibt das auch so. Es vergehen Wochen, Monate, in denen es mir gelingt den Aufhocker in die Flucht zu schlagen und zugleich den Verlockungen der Stadt zu widerstehen. Die Langeweile vertreibe ich mir, in dem ich die seltsamen Dokumente studiere, an meine Abenteuer zurückdenke oder gedanklich Stadt, Land, Fluss gegen mich selbst spiele. Es ist unfassbar öde, aber irgendwie ertrage ich es und ziehe Kraft daraus, Nacht um Nacht gegen das Ungeheuer zu triumphieren.
Doch leider scheint dieser Ort zu lernen. Langsam, aber beharrlich. Es beginnt damit, dass mich der Aufhocker prüft. Immer wieder zeigt er sich in der Tür, versteckt sich unter dem Bett, bricht sogar durch die Wände, die Decke und den Boden und prüft meine Verteidigung auf immer kreativere Art. Und manchmal gelingt es ihm sogar, mir kleinen Dosen meiner Energie abzuzapfen. Dabei werde ich schwächer und schwächer. Die Nächte werden eine Tortur, bis ich im Schlaf mehr Kraft verliere als ich gewinne. Und das ist noch nicht alles. Nach diesen Attacken bemerke ich, dass Lücken in meiner Erinnerung auftrete. Gerade die Zeit betreffend, in der ich noch kein Fortgeschrittener gewesen war. Das geht so weit, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann, wie genau meine Eltern aussehen, wie mein Zimmer damals gestaltet war oder wie ich meine Tage verbracht habe. Gleichzeitig schleichen sich neue, fremde Erinnerungen in meinen Kopf. Für eine ganze Zeit bin ich der Überzeugung eine Schwester gehabt zu haben, bevor ich mir wieder halbwegs aber nicht ganz sicher bin, das als falsche Erinnerung ausgemacht zu haben. Das alles ist beängstigend. Doch die Erschöpfung ist dennoch mein drängendstes Problem. Denn anders als meine Erinnerungen, die zumindest teilweise ihren Weg zurück in mein Bewusstsein finden, kehrt meine Kraft nicht wieder zurück.
Und irgendwann kommt die Nacht, in der ich nicht mehr standhalten kann. Es ist nur eine kurze Unachtsamkeit. Ein Sekundenbruchteil, in dem mir meine astralen Augen zufallen. Dann ist er heran. Wie ein stroboskopartiger Schatten aus Schwarzlicht schlüpft er durch die Tür, drückt mich wie zuvor aufs Bett und zerbricht meine spröde gewordene Kompassklinge wie ein Streichholz. Kein Wunder. Ich bin nicht nur schwächer geworden, es ist auch stärker geworden. Seine Arme und Beine sind sehnig und muskulös und sein Maul ist auf die sechsfache Größe angewachsen, sodass es nicht mehr länger an mir saugt, sondern mich regelrecht verschlingt. Mein Kopf ist gefangen in vollständiger, feindseliger Dunkelheit an deren rändern sich helles, von dicken, pumpenden Adern durchzogenes Astralgewebe an meiner verbleibenden Kraft labt. Ich brauche Karmon, erkenne ich. Aber kann ich ihn überhaupt noch rufen?
„Bitte Karmon, hilf mir!“, flehe ich still und für einen schrecklichen Moment höre ich gar nichts, während meine Sinne zunehmend schwinden. Doch endlich, endlich erhalte ich Antwort.
„ICH BIN DA, ADRIAN!“, beruhigt mich Karmons Echo und auch wenn ich nichts sehen kann, höre ich das Flirren des Schattenstrahlers und eine Sekunde später bin ich vom Maul der Kreatur befreit. Doch besiegt ist der Aufhocker noch nicht. Er ist eindeutig stärker als zuvor, genährt von meiner Kraft und meinen Erinnerungen. Der Schuss wirft ihn zurück, aber verletzt ihn diesmal kaum.
„ICH BRAUCHE DEINE HILFE!“, ruft Karmon und trotz meiner eigenen Schwäche mache ich mich bereit meinem alten Freund, oder der Erinnerung an ihn, beizustehen. Irgendwie gelingt es mir, mein Kompassschwert neu zu erschaffen und gemeinsam dringen wir auf den Aufhocker ein.
Was folgt, ist eine wilde Jagd durch Gänge, Keller und schließlich eine noch gruseligere, schemenhafte Version der Stadt, in der ich mich befinde. Letzten Endes schaffen wir es doch, die Kreatur zu schwächen und zu vertreiben und nach diesem Triumph bemerke ich sogar, wie ein Teil der gestohlenen Kraft in mich zurückfließt. Doch ich bin mir nun absolut sicher, dass man das Wesen nicht endgültig besiegen kann. Er gehört zu dieser Stadt wie der staubige Boden und die eingefrorene Zeit. An diesem Ort habe ich wohl nur drei Möglichkeiten. Zum Futter des Aufhockers zu werden und entweder zu sterben oder als identitätslose Hülle wie eine Statue in der Stadt zu stehen. Zu fliehen, was ich immer noch für möglich halte, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie ich das anstellen sollte. Und schließlich weiterzuwandern, immer tiefer in diese verlockende Falle hinein, die der Ort für mich ausgebreitet hat.
Es ist Karmons Zustand, der den Ausschlag gibt. Am Ende unseres gemeinsamen Kampfes war er vollkommen still gewesen. Nicht mehr als eine Waffe, deren Zerstörungskraft stark abgenommen hat. Sollte ich noch einmal auf sein Echo zurückgreifen, soviel ist sicher, wird auch dieses Echo für immer verklingen.
Also packe ich meine Vorräte zusammen und ziehe los, immer weiter und weiter, wissend, dass ich vielleicht nie wieder zurückkehren werde. Doch ist eine ewige Wanderung nicht ein weniger schlimmes Schicksal für einen Fortgeschritten als das Vergessen?
Anfangs bin ich fast davon überzeugt. Über Wochen und Monate, in denen ich immer weiter wandere, neue Häuser mit neuer Nahrung entdecke und Tonnen von seltsamen Figuren, Artefakten, Modellen und Aufzeichnungen auftue kann ich meine Lage vergessen und fühle mich beinah frei. Umso mehr, da meine Nächte ruhig und friedlich bleiben. Aber irgendwann fühlt sich das alles zunehmend hohl an. Es erinnert mich an die generischen Zufalls-Dungeons diverser Computer-Rollenspiele, in denen ständig neue Items darüber hinwegtäuschen sollen, dass die Welt um einen herum nie von der Kreativität eines intelligenten Geistes berührt wurde. Es ist ein reines Reiz-Reaktionsschema, so bedeutungslos wie Buchstabensalat. Diese Erkenntnis entzieht mir den Boden unter den Füßen und nagt an meiner geistigen Gesundheit. Doch es ist nur ein Pfeiler meines geistigen Verfalls. Der andere ist die Einsamkeit. Im ersten Jahr meiner Wanderung begnüge ich mich noch mit Selbstgesprächen, in denen ich mir vorstelle, dass meine eigene Stimme die von Karmon wäre. Doch im zweiten Jahr trägt mich auch das nicht mehr. Bei jedem Schritt schleife ich eine seelische Müdigkeit hinter mir her, die sich inzwischen so groß und schwer wie ein Berggipfel anfühlt. Beinah glaube ich das Schleifen des Gesteins hinter mir im Sand zu hören.
„Ist irgendjemand hier!“, schreie ich in die Leere, „will mich niemand angreifen? Will mich niemand töten?!!“
Wieder und wieder. Und tatsächlich würde ich alles dafür geben, wenigstens einem realen Ungeheuer zu begegnen. Irgendeine echte Berührung zu erfahren und sei es die einer messerscharfen Kralle. Und erst scheint es mir fast so als würde die endlose Stadt mir meinen Wunsch erfüllen. Denn nur wenige hundert Meter später sehe ich eine graue, humanoide Gestalt an einer der Hauswände lehnen. Das erste greifbare andere Wesen, dem ich begegne. Adrenalin schießt durch meine verkrusteten Adern und ich mache mein fast vergessenes Pendel kampfbereit. Doch als ich mich nähere, erkenne ich, dass ich mich zu früh gefreut habe. Dort steht zwar tatsächlich ein humanoides Wesen, aber es ist alles andere als eine Bedrohung und auch sonst keine Form von Gesellschaft. Es ist ein Luth Nomorer, der entweder in einer katatonischen Starre gefangen oder auf das Bewusstsein einer Pflanze reduziert ist. Denn sein Blick ist leer und egal, wie ich an ihm rüttele oder was ich zu ihm sage: er reagiert kein bisschen. Es braucht nicht viel Fantasie, um zu ahnen, dass er einer meiner Vorgänger ist. Ein Toter, noch warm vom Leben, aber doch ausgesaugt von der absoluten Zeit- und Sinnlosigkeit dieses Ortes. Und ironischerweise ist es gerade dieser Anblick, der auch mich endgültig bricht.
Ich halte das nicht mehr aus. Doch ich weigere mich, auf dieselbe Art zu enden wie dieses bedauerliche Geschöpf. Stattdessen nehme ich ein kleines Taschenmesser aus meinem Rucksack und versuche zu beurteilen welches der nützlichen Werkzeuge am besten geeignet ist, meine Pulsadern zu öffnen.
Doch noch ehe ich zu einer Entscheidung gelangt bin, wendet ein plötzlicher Impuls meinen Kopf von meinen Selbstmordplänen ab. Stattdessen hebe ich den Kopf und sehe zu einer Hauswand. Dort gibt es nichts Besonderes, aber trotzdem gehe ich näher, so nah, bis ich nur noch einen Schritt von der Wand entfernt bin. Erst dann verwende ich das Messer. Jedoch nicht für meine Adern, sondern indem ich damit wie automatisch Worte in die Wand ritze, die ich selbst nicht erahne und die nicht als unleserliche Kratzer, sondern als klar abgegrenzte, rote Buchstaben auf dem generierten Gebäude erscheinen: „Zeit ist der Schlüssel. Minus mal Minus ergibt Plus.“
„Was zur Hölle soll das heißen?“, frage ich laut und diese Frage wird gefolgt von der, was mich überhaupt dazu gebracht hat, diese Worte zu schreiben. War es dieser Ort, der meine Flucht in den Tod nicht akzeptieren wollte, war es mein Unterbewusstsein oder war es vielleicht … Karmon?
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass letzteres der Fall sein könnte. Aber da Karmon mir keine Antwort gibt, als ich vorsichtig versuche Kontakt mit ihm aufzunehmen, kann ich leider keine Gewissheit erlangen. Trotzdem ist mein Wunsch, meiner Wanderung für immer ein Ende zu bereiten, fürs Erste verflogen. Denn das Rätsel an der Wand hält meinen Geist gefangen.
Zeit ist auf gewisse Weise natürlich ein bedeutender Faktor in dieser im Moment eingefrorenen Welt. Besonders durch ihre Abwesenheit. Doch was hat das mit Mathematik zu tun? Ich kann jedenfalls nicht von mir behaupten, ein mathematisches Genie zu sein. Das könnten diverse Lehrkräfte bestätigen. Aber dennoch ist mir das Konzept klar. Es geht darum, einen negativen Faktor in etwas Positives zu verwandeln, indem man ihm noch etwas weiteres negatives in die Gleichung gibt.
Und plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen. So plötzlich, dass ich in schallendes Gelächter und zugleich in Tränen ausbreche. Kann es sein, kann es wirklich sein, dass ich die Lösung für meine Probleme die ganze Zeit mit mir herumgetragen habe. Über viele Monate, sogar Jahre, ohne es auch nur auf einen Versuch ankommen zu lassen? Allein der Gedanke erscheint mir so dämlich, so absurd, dass ich fast hoffe zu scheitern. Aber als ich mein Pendel schwinge, den kleinen Zeittrick von Any anwende, um die Zeit an diesem zeitlosen Ort einzufrieren und sich vor mir langsam die Totenfestung materialisiert, bin ich dennoch unendlich dankbar. Bei meinem letzten Blick auf die verschwindende Stadt kann ich noch die blassen Schemen des Aufhockers ausmachen, der versucht nach mir zu greifen, irgendwo zwischen Traum und Realität. Doch ehe er mich erreichen kann, ist auch er verschwunden.
„Lass mich raten, du warst in Staubgrund?“, fragt mich Krimara, die wieder vor mir steht und mich gleichermaßen streng und mitfühlend ansieht.
„Vermutlich, wenn diese Stadt so heißt“, antworte ich etwas verwirrt, aber sehr erleichtert, sie wieder sehen zu können, „wie lange war ich für dich weg?“
Dass sie noch hier ist, zeigt mir, dass es unmöglich Monate oder Jahre gewesen sein können.
„Etwa zehn Minuten seit ich deinen Körper gefunden habe, der diesen Ort wahrscheinlich nie verlassen hat. Aber das muss nichts heißen. Wie du sicher selbst bemerkt hast, funktioniert die Zeit dort drüben ganz anders. Auch deshalb war es sehr dumm von dir, dich dorthin zu geben. Es ist aber so ein riesiges Wunder, dass du zurückgekehrt bist, dass ich fast geneigt bin, dich nicht für deine Dummheit auszuschimpfen“, sagt Krimara grinsend und offenbar auch etwas erleichtert.
„Warst du also nicht dort?“, frage ich, auch wenn ich das natürlich schon vermutet habe, „ich konnte dich plötzlich nicht mehr sehen und bin dann in diese Stadt … nun gestolpert.“
„Nein, in Staubgrund war ich nicht“, sagt Krimara, „ich habe lediglich meditiert und mich mit der Einsamkeit abgefunden. Nach ein paar Minuten habe ich dich wieder sehen können. Das war die eigentliche Prüfung. Alles andere hast du nur der Tatsache zu verdanken, dass du auf den Spiegel gehört hast. Und deine Rückkehr wahrscheinlich den Fähigkeiten dieses Pendels.“
„Woher wusstest du, dass ich ausgerechnet in dieser Stadt war?“, frage ich, „ist dir dieser Ort bekannt?“
„Ja“, sagt Krimara, „das ist er. Es gab schon Luth Nomorer, die sich nach Staubgrund verirrt haben. Auch außerhalb der Totenfestung. Es kommt nicht oft vor, aber manche betreten die Stadt in ihren Träumen und finden nie wieder von dort zurück. Nur Hochnatoren wie ich können diese Unglücklichen sehen. Aber wir können sie auch nicht zurückholen. Manche sind dort schon seit Jahrtausenden. Zumindest nach unserer Zeitrechnung. Für sie kann es sich aber wie Milliarden Jahre anfühlen. All das ist mir bekannt. Und ich konnte dich ebenfalls sehen. Zumindest ein paar Bilder und Szenen habe ich aufgeschnappt. Es fehlt mir noch an Übung für eine vollständige Beobachtung solcher Sphären. Aber ich kann dir versichern, dass der Tod auch kein Ausweg gewesen wäre. Das lässt Staubgrund nicht zu.“
Ein Schauer fährt über meinen Rücken, während ich den Staub von meiner Haut abklopfe, der sich dort abgesetzt hat, obwohl diese Haut eigentlich nie in Staubstadt gewesen war. Der Gedanke, dass ich ohne das Pendel an diesem Ort gestrandet wäre, ist fast unerträglich.
„Wie viele solcher Prüfungen warten noch auf uns?“, frage ich, während ich langsam wieder in der Realität ankomme.
„Das weiß ich nicht“, sagt Krimara, „aber eines kann ich dir sagen: Künftig solltest du wirklich auf meine Ratschläge hören.“
„In sowas bin ich nicht gut“, sage ich ganz offen.
„Dann musst du besser werden. Oder verloren gehen“, sagt Krimara düster, bevor sie sich der nächsten Tür zuwendet, die sich vor uns geöffnet hat. Doch ihre Worte höre ich kaum. Meine Gedanken schweifen längst zu Karmon. Ihn „wiedergesehen“ zu haben und sei es nur in dieser Form, hat eine tiefere Wunde gerissen als die lange Wanderung in der Stadt oder die Tatsache, der Ewigkeit in dieser Hölle knapp entgangen zu sein. War er bloße Einbildung gewesen oder tatsächlich ein Fragment meines alten Freundes? Und falls letzteres zutrifft, wie viel ist dann noch von ihm übrig? Genug, um ihn zurückzugewinnen?
All das bleibt wohl fürs erste Ungewiss. Aber eines ist sicher: Dieses Schweigen in meinem Kopf, das mir nach all der Zeit fast schon wieder natürlich erschienen war, ist nun fast unerträglich laut geworden. Wenn mir die Festung eine Lektion über Einsamkeit hatte erteilen wollen, so hat sie ihre Sache verdammt gut gemacht.