Fortgeschritten: Die Grabfelder von Luth Nomor 5

„Das … das … ist unmöglich“, sage ich stotternd, als wir die nächste Türe in dieser unseligen Festung durchschreiten, „siehst du das auch?“

„Falls du diesen Raum mit all der seltsamen Technik und den eigenartigen Möbeln darin meinst, dann ja“, antwortet Krimara.

Damit ist es klar, dass es keine Illusion ist. Zumindest keine, die sich allein in meinem Kopf abspielt. Wir sind bei meinen Eltern. Ähnlich wie schon bei meiner Vision in Uranor. Doch zugleich ist es anders. Dieser Raum gleicht meiner elterlichen Wohnung zu großen Teilen: dieselben Schränke, derselbe Fernseher, dieselben Teppiche, dieselbe Deko. Gleichzeitig ist dieser Ort verzerrt und mit dem dunklen Mauerwerk der Totenfestung verschmolzen, das die Raufasertapete, den ständigen Begleiter meiner Kindheit und Jugend, so nahtlos ablöst wie der Schattenstrahler einst mein eigenes Fleisch.

Vor allem jedoch ist unsere Haustür nicht mehr unsere Haustür, sondern ein großes, dunkles Tor mit verschiedenen, runden Vertiefungen darin.

Und wir sind nicht allein. Meine Eltern sitzen auf der Couch. Sie sind exakt so, wie ich sie kannte. Keine verzerrten Abbilder, keine fleischhungrigen, verrotteten Zombies. Sie sehen einfach nur zufrieden und zugleich ein wenig traurig aus. Vor allem aber scheinen sie mich wahrzunehmen und mich direkt anzusehen. Nicht wie einen Geist oder ein fernes Nachbild, sondern wie eine echte Person. Neben ihnen sitzt der von der Steinkrankheit gezeichnete Pingo mit einem Bandshirt der Rolling Stones (was für ein Wortspiel) und einer grauen Jeans und außerdem ein Mädchen in meinem Alter, das mir vage bekannt vorkommt, selbst wenn ich nicht sagen kann, woher.

„Warum gelten eigentlich die meisten Prüfungen mir?“, frage ich Krimara, die die Anwesenden vollständig zu ignorieren scheinen.

„Weil du mehr Leben in dir trägst“, antwortet Krimara bitter, „und Leben gebiert Chaos, das geordnet werden will.“

So mochte es sein. Denn tatsächlich fühle ich mich in diesem Moment äußerst lebendig. Vielleicht nicht unbedingt auf die angenehmste Art und Weise, aber doch lebendig. Wie rauer, viel zu heißer Asphalt am letzten warmen Tag eines bittersüßen Sommers, der so nie mehr wiederkehren wird.

Ja, es ist eine Prüfung. Eine Illusion. Das alles ist mir klar. Aber dieses Wissen ist nicht mehr als ein Merkzettel in meiner Hosentasche. Zerknüllt und verwischt von Schweiß und Zeit. Ich bin hier. Ich will hier sein. Was immer das auch am Ende bedeuten wird.

Jedenfalls kann ich nicht anders, als in diese Szenerie einzutauchen. Fast automatisch gehe ich auf meine Mutter zu. Ich schließe sie in die Arme. Ihre Haut ist weich, warm und lebendig. Sie riecht nach Sonne und diesem günstigen, aber dennoch angenehmen, cremigen Parfüm. Vor allem aber duftet sie nach Trost. Ich spüre, wie ihre Hand mein Haar streichelt, und ich erschauere vor bittersüßer Wiedersehensfreude.

„Es ist schön, dich wiederzusehen, mein Wanderer“, sagt sie, „ich bin so stolz auf dich, auch wenn du uns fehlst. Dein Zimmer ist so leer. Wir nutzen es immer noch nicht, weißt du? Alles ist noch genau so, wie du es verlassen hast.“

Ihre Worte stechen wie Dolche in mich hinein. Ich spüre, wie meine Hände zittern.

„Schon in Ordnung“, höre ich eine tiefere Stimme sagen, die meinem Vater gehört, „wir verstehen das. Zumindest hier, in unseren Träumen. Wir machen dir keinen Vorwurf. Wir wissen, die Welt war dir zu klein und unsere Welt sowieso. Wir wissen, unsere Liebe hat dir nicht ausgereicht. Auch wenn wir versucht haben, dir zu genügen.“

„Das stimmt nicht!“, widerspreche ich energisch, „ihr wart mir nicht zu wenig!“

„Es stimmt, Adrian“, sagt Pingo, der nicht sitzt, sondern wie eine Statue vor mir steht, „Liebe und Freundschaft nähren dich, aber sie machen dich nicht satt. Du musst weiterziehen. Und das ist in Ordnung. Das ist das, was du bist. So wie der Stein in mir mich formt, so formt diese Sehnsucht dich.“

„Ich bin kein Sklave des Katalogs“, widerspreche ich, „so wie du keiner des Steins bist.“

„Nein“, sagt Pingo, „wir sind keine Sklaven. Aber vielleicht haben wir genau das gefunden, wonach wir immer schon gesucht haben.“

„Das glaube ich nicht“, sage ich und glaube es doch, „das Einzige, was ich immer gesucht habe, war …“

„… ein Ausweg?“, sagt die junge Frau und blickt wie zufällig zu der seltsamen Tür. Und irgendwas daran, der schnippische Tonfall, der Schwung ihrer Kopfdrehung, die Aura aus purem Selbstbewusstsein rufen etwas in mir wach. Ein Fetzen von … Erinnerung. Erinnerung, die nicht mal meine eigene ist.

„Ich kenne dich“, sage ich, als es mir dämmert, „du warst in dem Supermarkt auf Xakrischidaah, im Bauch des Planetenkrebses.“

Ich weiß nicht, was ich da sage. Ich kenne Xakrischidaah nicht. Nicht aus eigenem Erleben zumindest. Ich weiß wohl, dass es Tarenas Wohnort ist. Aber ein Supermarkt … ein Planetenkrebs … das macht überhaupt keinen Sinn. Und doch. Ich sehe die Szene vor mir. Ich sehe mich – mein anderes Ich – das zusammen mit Tarena diese junge Frau retten könnte … und es nicht tut.

Ich fühle Schuld für Taten, die ich nicht verantwortet habe. Oder doch? Fuck, wie ist das möglich? Wie verdreht ist diese Welt? Und wie abgefuckt ist mein Kopf?

Sie nickt zustimmend. Aber sie zeigte ein verschmitztes Lächeln. Ein wissendes Lächeln.

Da ist noch mehr. Viel mehr. Weitere Erinnerungen. Solche, die mit der geliehenen zusammenhängen, aber diesmal mir gehören. Immer schon mir gehörten. Sie sind klein, aber nicht zu ignorieren. Wie Spinneneier, die in meinen Muskeln schlüpfen.

Ich sehe die Bilder vor mir wie ein inneres Hologramm. Meine Eltern, die weinen. Ich, der still und zurückgezogen wird. Der wegläuft, der nur noch flüchten will. Ich sehe Platz in meinem Zimmer, in einem anderen Bett, das es nicht geben sollte. Ein Platz, der frei wurde. Nun bewohnt von gieriger, schwarzer Leere, die die Form eines jungen Mädchens besitzt, deren Verbleib niemand kennt. Die Erkenntnis trifft mich wie ein Hammerschlag.

„Du bist …“, beginne ich zögernd.

„… deine Schwester, du Schnellmerker“, antwortet sie nickend, „du warst immer schon zerstreut, aber dass du mich vergisst, ist wirklich mal was Neues.“

Ich sehe hilflos zu Krimara, die das Ganze wie ein stiller Zeuge beobachtet. Doch sie gewährt mir keine Unterstützung. Sie scheint nicht mal Anteil zu nehmen. Dies ist wohl tatsächlich meine Prüfung.

„Du bist … ist das … ist das real?“, frage ich sie, während die Antwort wie eine Sturzflut über meinen überforderten Geist hereinbricht. Gemeinsames Fußballspielen im Hof, Diskussionen über unsere Lieblings-Pokémon, Fernsehserien, die wir weitergesponnen und uns hitzig über den Verlauf gestritten haben, Grillen am Lagerfeuer mit unseren Eltern. Dann ein eigenartiger Abend kurz vor ihrem dreizehnten Geburtstag. Fieberträume. Komische Lichter und Geräusche. Ein modriger Geruch und am Morgen das leere Bett. Wir haben nie eine Spur von ihr gefunden. Nun weiß ich wenigstens, warum. Und auch, warum sie jetzt so viel älter ist.

„Ich bin so real wie Schmerz und Freude“, antwortet meine Schwester mit jenem festen, intelligenten Blick, den ich so bewundert hatte, „und ich sehe, dass du dich an beides gut erinnerst.“

„Ja …“, sage ich zerstreut, „an einiges. Aber nicht an alles davon. Auch nicht an deinen Namen. Weißt du ihn?“

„Ich weiß nur, was du weißt. Und Namen verfliegen am schnellsten“, sagt sie, „ich schlage vor, du gibst mir einen neuen. So wie du es auch bei dir gemacht hast.“

„Nancy“, sage ich, das Erste, was mir einfällt, nachdem ich bedeutungsschwangere Verweise auf verflossene Liebschaften oder Reisebekanntschaften schnell verwerfe. Sie mit einer anderen zu vergleichen, wäre noch schlimmer, als ihr einen falschen Namen zu verpassen.

„Dann soll ich wohl so heißen“, sagt sie grinsend, „ich würde von einer bewussten Gemeinheit ausgehen, aber ich kenne dich: In Namensgebung warst du schon immer beschissen. Einmal hast du einen GSG9-Soldaten, den wir in unsere Fanfiction eingebaut haben, „Siegbert“ nennen wollen. Weißt du noch?“

„Ja“, sage ich zerstreut. Jetzt weiß ich es wieder. Und nicht nur das. Bruchstücke prasseln auf mich ein wie Ladung, die durch ein zu breitmaschiges Netz rutscht und mir frontal ins Gesicht klatscht. Nicht genug für ein vollständiges Bild, aber genug für Wehmut und die Gewissheit, dass sie die Wahrheit spricht. Ich habe eine Schwester. Die ganze Zeit über hatte ich eine Schwester und ich habe sie nicht gerettet als ich es konnte, gottverdammt. Als sie mich mit flehenden, gebrochenen, grünen Augen angesehen und nach mir gegriffen hat. Nein … nicht nach mir … aber … verdammt. Das ist so bescheuert. Warum hat der Bastard sie nicht gerettet. Oder trage ich die Verantwortung? Trage ich die Verantwortung für alle Versionen von mir? Bin ich die echte … oder …. nein, ich darf nicht darüber nachdenken. Sonst verliere ich den Verstand. Ich konzentriere mich besser auf meine Schwester.

„Lebst du noch?“, frage ich sie, geschüttelt von Emotionen, die auf dem Rücken der Erinnerungen reisen, „was hat der Planetenkrebs mit dir angestellt?“

„Ich weiß es nicht, Dummerchen“, antwortet sie, „wie gesagt, ich bestehe aus deinen verschütteten Erinnerungen und die können nicht durch Raum und Zeit reisen. Zumindest nicht in die Gegenwart. Du wirst es wohl anders herausfinden müssen.“

Nun, was die Reisefähigkeiten von Erinnerungen betrifft, habe ich inzwischen eine andere Meinung. Aber ich verstehe, worauf sie hinauswill.

„Wir wissen es auch nicht“, bestätigt meine Mutter, „aber wir vermissen sie nicht weniger als dich. Nur länger.“

Fuck, denke ich, und erkenne, dass ich keinen Grund habe, mich über mein Schicksal zu beschweren. Meiner Schwester geht es wahrscheinlich richtig dreckig, falls sie überhaupt noch lebt. Und meine Eltern, meine wirklichen Eltern, sind nun ganz allein. Völlig allein. Erst jetzt glaube ich zu begreifen, was das bedeutet.

Was hatten die Straßen, der Katalog ihnen nur alles genommen. Und auch mir.

„Es tut mir leid“, sage ich und schließe meine Schwester in die Arme, „ich hätte dich nie vergessen dürfen.“

„Nicht deine Schuld“, sagt sie lapidar, „anders als so vieles. So ist das. Manche vergessen ihre Schlüssel. Andere ihre Liebsten.“

„Aber ich habe dich nicht vergessen“, sagte sie sanft, bevor ich etwas erwidern kann, „du hast es in meinen Augen gesehen. In Xakrischidaah.“

Und das stimmt. Das wird mir erst jetzt bewusst, wo ich diese seltsame Erinnerung ein weiteres Mal betrachte. Mein Gott, da ist nicht nur das Leid und die Erschöpfung in ihrem Blick. Ich – oder er –war nicht nur irgendein Fremder, von dem sie sich Hilfe erhofft hat. Sie hat mich auch erkannt und wenn sie noch lebt, wenn noch etwas von ihr übrig ist, wird sie an mich denken und sich fragen, warum ich sie hasse.

Scheiße, denke ich, ich muss zu ihr. Ich muss sie finden. Aber das geht nicht. Ich bin in dieser blöden Festung, auf diesem elenden Todesplaneten unter Anys Fuchtel.

„Ich wünschte, ich könnte euch mitnehmen, euch alle“, sage ich, „wenn ich nur wüsste, wie …

Ich breche ab, als ich Feuchtigkeit an meinen Füßen spüre. Sie sind nackt und etwas klebt an ihnen. Eine ölige, matschige Substanz, die unangenehm auf meiner Haut kribbelt. Ich blicke nach unten. Ich stehe in einer Pfütze aus schwarzem, stinkendem Schleim, die hier und an mehreren anderen Stellen des Raums aus dem Boden hervorsickert. Die Substanz ist dem Müllwasser in Itsch Zingtzschar nicht unähnlich. Sofort springe ich hoch und suche Zuflucht auf einem unbesetzten Sessel, was Krimara bereits in weiser Voraussicht auf einem anderen Möbelstück getan hat. Ich reiße ein Stück meines T-Shirts ab und wische die Flüssigkeit weg. Darunter ist mein Fuß von roten, brennenden und grauen, toten Stellen übersät.

„Ihr müsst euch davon fernhalten. Ihr müsst hier raus!“, sage ich zu Pingo und meiner Familie, die noch immer ungerührt an Ort und Stelle stehen und sitzen und denen die Flüssigkeit ebenfalls bereits bedenklich nahegekommen ist.

„Nein, du musst hier raus!“, widerspricht mein Vater, „und zwar schnell. Wir sind nur Erinnerungen. Du kannst uns auf andere Weise mit dir tragen.“

Zunächst halte ich das für eine rührselige Metapher, aber dann reicht Pingo mir ein Schwert aus schwarzem Onyx mit einer Kompassnadel als Klinge.

„Was soll ich damit anstellen?“, frage ich verwirrt.

„Das Tor“, antwortet meine Schwester, „sieh genau hin!“

Und das tue ich. Von meiner erhöhten Position aus kann ich die Vertiefungen besser erkennen. Und das sind keine zufälligen Muster. Das sind … Mein Gott, das sind Aussparungen für … Köpfe.

„Auf keinen Fall“, sage ich energisch, „das werde ich nicht tun. Ich habe die Schnauze voll von solchen beschissenen Metaphern. Wenn das ein Traum ist, dann lass mich aufwachen.“

„Manche sagen, das Leben sei ein Traum“, meint mein Vater, „trotzdem musst du tun, was du tun musst.“

„Das ist doch ein Scherz, oder?“, wende ich mich an Krimara und sie schüttelt nur den Kopf.

Ich blicke zu Pingo, der mir noch immer das Schwert hinhält. Die Flüssigkeit umspült jetzt schon seine Füße und frisst sich sogar durch den Stein.

„Nimm es!“, wiederholt er, und irgendwie reagiere ich darauf. Die Waffe zu nehmen, wäre ja nicht verkehrt. Immer alle Optionen offenhalten. Wie ein guter Opportunist. Wie ein guter Fortgeschrittener. Also ergreife ich sie.

Der Stein fühlte sich unerwartet warm an. Er vibriert voller Vorfreude. Er will eingesetzt werden.

Ich sehe in Pingos Kristallaugen. Sie sind freundlich und gütig. Warum können sie nicht tot und leer sein wie bei einer Statue?

Dann sehe ich zu der Flüssigkeit. Sie umgibt ihn jetzt vollständig und kriecht sprudelnd auf mich zu. Bald wird sie mich erreicht haben und dann werde ich meine grausame Tat nicht mehr vollbringen können, selbst wenn ich es will. Nicht, ohne meine Füße zu verlieren.

Und was dann? Diese Menschen mögen nicht real sein. Aber gilt das auch für die Flüssigkeit und die Schäden, die sie anrichtet? Wenn ich zögere, werde ich dann hier ertrinken und vergehen gemeinsam mit Krimara?

„Es ist in Ordnung“, sagt Pingo, der langsam schmilzt wie eine Tasse, in die man einen guten Schluck Lava gefüllt hat. Er scheint meinen inneren Zwiespalt zu sehen. „Ich bin nicht real“, sagt er, „und deshalb kann es immer noch ein Wiedersehen geben.“

Er hat recht, denke ich. Wenn ich hier sterbe, werde ich den wahren Pingo nie wiedertreffen. Also hole ich aus. Der erste Schlag trennt Pingos Kopf zur Hälfte von seinen Schultern ab. Kristallsplitter und Staub fliegen umher und ein klaffender Spalt entsteht. Pingo schreit, er brüllt und tobt vor Schmerz und bringt dennoch ein paar letzte Worte zustande. „Wir werden immer Freunde bleiben!“, ruft er röchelnd mit seinem halb abgeschlagenen Kopf. Tränen schießen in meine Augen, aber ich vollende mein Werk und fange seinen Kopf auf, bevor er in die schwarze Masse stürzen kann. Dann verstaue ich ihn in meinem Rucksack. Der Rest seines Körpers stürzt zischend in die Flüssigkeit.

Es zerreißt mich innerlich, doch der Damm ist gebrochen. Etwas in mir übernimmt die Führung. Etwas Kaltes und Effizientes, das ich auf meinen Reisen gut genährt habe. Fast wie ein Beifahrer sehe ich dabei zu, wie ich die schwarzen Pfützen umrunde und mich meiner Mutter nähere.

„Du bist das Wertvollste, was ich je bekommen habe“, sagt sie liebevoll, dann trenne ich ihren Kopf ab. Butterweich und in einem Schlag. Ihr Gesicht zeigt Enttäuschung und Überraschung, bevor sich ihre Augen für immer schließen. Mein Vater versucht zu fliehen. Aber es gelingt ihm nicht. Ich hacke seine Beine ab und schneide rasch seinen Kopf vom Torso, bevor ihn die Flüssigkeit holt und er für mich wertlos wird. Jetzt ist mein Rucksack voll mit grausiger Fracht. Nur Nancy ist noch übrig.

Sie fleht nicht, rennt nicht und gibt mir auch keine Absolution. Sie steht einfach da. Mutig, stolz und stoisch. „Du warst immer schon kreativ, wenn es darum ging, dir Todesarten auszudenken“, sagt sie lobend, „du hast den Kopf eines Künstlers und das Herz eines Psychopathen.“

Doch offensichtlich irrt sie sich. Ich bin kein Psychopath. Jedenfalls nicht vollständig. Ich verlasse den Beifahrersitz und komme erneut ins Zweifeln. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich Nancy gerade erst wiedergefunden habe.

„Nein, das habe ich nicht“, sage ich und blicke auf meinen blutverschmierten Arm und all die kochenden, zerfressenen Leichen der Personen, die mir so viel bedeutet haben und die ich alle hingerichtet habe, „ich war kein guter Mensch, aber ich bin kein Psychopath.“

„Es wird Mama und Papa freuen, das zu hören“, sagt Nancy sarkastisch, „jedenfalls, wenn sie noch hören könnten.“

„Das alles ist nur eine Illusion. Pingo hat es mir gesagt“, verteidige ich mich.

„Er war ganz bestimmt eine Illusion“, sagt Nancy, „aber das heißt nicht, dass das auch für uns gilt. Das Multiversum ist voller grausamer Wunder und es kann Menschen an die seltsamsten Orte bringen.“

Das ist ein Trick, sage ich mir, ein Trick dieser Festung. Und doch entsetzt mich dieser Gedanke zutiefst. Meine Familie und mein bester Freund von mir hingeschlachtet. Nicht nur als Metapher, sondern ganz wortwörtlich. Das würde mich zerstören. Endgültig.

Das muss ein Trick sein, wiederhole ich innerlich und glaube es fast. Dennoch zögere ich, während der Boden um mich herum jetzt schon fast vollständig mit der unheilvollen Flüssigkeit bedeckt ist.

„Dies ist eine Festung des Todes“, meldet sich Krimara nun doch, die erhaben wie eine Hohepriesterin auf unserem Fernsehschrank steht, „sie verlangt ihr Recht. Du entscheidest, welches Opfer du bringst.“

Sie hat recht. „Es tut mir leid“, sage ich und leiser: „Es ist nur ein Trugbild“.

Dann hole ich aus.

„Du bist ein Mörder“, beginnt meine Schwester noch zu rufen, „das ist alles, was du je sein …“

Ihr Satz reißt ab, als ihre Kehle samt aller Knochen, Muskeln und Nerven auseinandergebrochen wird. Ihre letzten Worte haben nicht wütend geklungen. Eher bedauernd. Und das ist um einiges schlimmer.

„Beeil dich!“, ermahnt mich Krimara. Und sie hat recht. Die letzten freien Flecke verschwinden langsam und ich kann die aggressiven Dämpfe bereits in meinen Augen spüren. Also greife ich mir Nancys Kopf, springe wieder auf den Stuhl, dessen Beine bereits deutlich kürzer geworden sind, und hangele mich springend, kletternd und balancierend gemeinsam mit Krimara zum Tor voran. Dort setze ich hastig die Köpfe in die Vertiefungen, sodass ihre Gesichter mich anblicken. Kaum da sie alle platziert sind, erwachen sie der Reihe nach für einen kurzen Moment wieder zum Leben und sprechen ein letztes Mal zu mir.

„Freund“, behauptet Pingo und erstarrt wieder.

„Geschenk“, sagt meine Mutter.

„Verräter“, spricht mein Vater.
„Mörder“, ruft Nancy.

Dann ist es still und das Tor schwingt auf. Keinen Moment zu früh, wie ein rascher Blick hinter mich zeigt. Gemeinsam entfliehen wir vor der kriechenden Schwärze, die ihre Finger nach uns ausstreckt. Nur die Schwärze meines Herzens nehme ich mit.

~o~

Der nächste Raum überrascht mich erneut und das auf ganz andere Weise als bisher. Er scheint keine Grenzen zu haben, wenn man von einer flachen, glatten, hellgrauen Schieferdecke einmal absieht, von der an einer Stelle ein diffuses, weiches Licht ausströmt, das sich streichelnd auf zwei mit purpurnem Samt bespannte Bänke legt. Die einzigen Gegenstände sind neben einer weißen Tür, die etwa hundert Meter entfernt rahmenlos in der Schwärze schwebt.

Von irgendwoher höre ich die ferne, klagende Musik von Klangschalen, Klavier und Geigen. Die Luft riecht schwer nach Gewürzen und ist dennoch frisch, wenn auch von einer angenehmen Temperatur.

Ich würde mich beinah wohlfühlen, wenn da nicht der Schmerz in mir selbst wäre. Zudem gibt es ein weiteres Detail, das der Raumgestaltung fast jegliche heimelige Wirkung nimmt. Der Boden besteht aus schwarzem, trübem Glas, durch das man einen Haufen leicht verwester Leichen diverser Völkerschaften bewundern kann. Es gibt Rorak, Andrin, Menschen, Bravianer, Echsenwesen, Vogelwesen, Tronhiire und viele mehr, die in einer ähnlichen schwarzen Substanz schwimmen, wie ich ihr im Wohnzimmer meiner Eltern begegnet bin. Nur mit dem Unterschied, dass diese hier nicht korrosiv zu sein scheint. Der Zustand der Körper lässt keinen Zweifel daran, dass sie nicht mehr aufwachen werden. Aber zugleich sind sie gut genug erhalten, um noch als Personen und nicht als bloßes Fleisch betrachtet zu werden, und ihre trüben, geöffneten Augen blicken mich scheinbar neugierig, sehnsuchtsvoll und traurig an.

„Mein Gott, welche Hölle ist das nun wieder?“, frage ich Krimara.

„Ein Klageraum“, sagt sie, „er dient der Erholung und der Kontemplation.“

„Wenn das hier als Erholung gilt, verstehe ich, warum mein Reisekatalog voll von Albträumen ist“, sage ich frotzelnd.

Krimara, die sich gerade auf eine der Sitzgelegenheiten niedergelassen hat, lacht nicht. Dafür sieht sie mich aber leicht herablassend an. „Dies ist ein Überbleibsel der ursprünglichen Totenfestung“, sagt sie ernst, „unverdorben und rein. Ich finde das nicht amüsant.“

„Tut mir leid“, sage ich aufrichtig, „ich wollte deine Gefühle nicht verletzen. Ich kann nur nicht nachvollziehen, wie der Anblick von Verwesung tröstlich sein kann.“

„Komm her!“, verlangt sie, als ich mich gerade auf der gegenüberliegenden Bank breitmachen will, „setz dich zu mir, dann erkläre ich es dir.“

Ich tue, wie mir geheißen, nehme neben ihr Platz und sehe sie an. Sie wirkt still, herrschaftlich und sauber. Wie der Tod selbst mit seinem freundlichsten Gesicht.

„Es kommt auf den Blickwinkel an“, sagt Krimara, „du betrachtest es als Scheitern, als eine Niederlage. Doch letztlich ist es eine wohlverdiente Ruhe. All diese Zellen haben über Jahrzehnte hinweg Stoffe transportiert, Signale übertragen, sich vermehrt, Schäden repariert und Eindringlinge bekämpft. Den Geistern, die diese Körper bewohnten, nicht unähnlich. Nun können sie alle endlich ruhen. Es gibt keine Aufgaben mehr, keine Befehle, keine Zwänge. Nur noch Entspannung und Zerfließen. Genau diese Entspannung sollst auch du hier fühlen.“

„Ich verstehe“, sage ich nachdenklich, „aber das klingt so, als würdest du den Tod dem Leben vorziehen. Ich dachte, du denkst anders.“

„Alles hat seinen Platz“, sagt sie sanft, „mein Problem ist nur, dass der Tod alles beherrscht, nicht, dass er existiert.“

„Tut mir leid, dass ich so kindisch darüber gescherzt habe“, sage ich und schäme mich tatsächlich. Fast so wie ein Kind, das seiner Lehrerin einen Pimmel auf ihr Klassenheft gemalt hat.

„Schon in Ordnung“, sagt Krimara, „ich schätze, früher hätte ich vielleicht selbst darüber geschmunzelt. Dieses leichtsinnige Lachen war nun mal das erste Opfer, das ich bringen musste, und eigentlich beneide ich dich darum. Aber ich bin noch nicht innerlich tot. Freude kann ich noch empfinden.“

Plötzlich beugt sie sich zu mir und küsst mich. Ich erwidere den Kuss. Lange und sanft. Es wirkt fast heilig und zugleich berauschend. Doch es hat nichts von einer Teenie-Romanze. Ich glaube, ich bin noch nie auf so erwachsene Art geküsst worden.

„Das war wirklich erfreulich …“, sage ich, „wobei … eigentlich bin ich voller Schmerz. All diese Menschen, die ich verloren und enttäuscht habe. Meine Schwester, die völlig aus meinem Gedächtnis gelöscht wurde. Meine Eltern und Pingo, deren Trugbilder ich hingeschlachtet habe … wenn es denn welche waren … ich … ich halte das kaum aus.“

„Ein reiches Herz nährt alle Blumen“, sagt sie und streichelt mir über mein Gesicht, „deine Trauer und deine Schuld machen dich reich. Sie ehren deine Verlassenen und Vergangenen, so wie es auch die Freude über das Leben tut. Beides gehört dazu.“

„Ich glaube, ich verstehe …“, vermute ich.

„Verstehen ist gut, aber erleben ist besser“, sagt sie und nimmt mich in die Arme. Auf eine eindeutige, begehrende Art.

„Können wir das wirklich machen?“, frage ich, „nicht, dass ich es nicht will, aber wir müssen eigentlich weiter. Sicher werden wir uns folgen und diese Festung ist voller Gefahren.“

„Nicht jede Prüfung besteht allein aus Leid. Diese dient der Entspannung und wenn wir darin scheitern, ist dies genauso gefährlich, wie bei jeder anderen Prüfung“, sagt sie vieldeutig.

„In Ordnung“, sage ich, „deine Argumente sind stichhaltig. Aber eines will ich vorher noch wissen.“

„Ja?“, erwidert sie.

„Magst du mich?“, frage ich und spüre, wie ich erröte.

„Das tue ich“, sagt sie ernst, „du bist ein schwieriger und in manchen Dingen unreifer Mann. Aber ich bin dir durchaus zugetan. Doch wonach du eigentlich fragst, ohne es auszusprechen: Ich kann diesen Gefühlen kein Namensschild verleihen und auch keinen Katalog von Verpflichtungen. Ich fühle anders als du. Erst recht seit der Zeremonie. Und das wird immer so sein. Akzeptiere das, wie wir auch unsere Endlichkeit akzeptieren.“

Ich akzeptiere mit Nicken und Schweigen. Und Krimara beginnt, mir das Hemd auszuziehen und meinen Körper zu betasten. Ihre Bewegungen sind getragen, ernsthaft und zeremoniell, aber nicht kalt oder leidenschaftslos. Dennoch ist dieser Sex eher religiös als wild. Eine symbolische Feier des Lebens unter dem Blick der Toten. Und ich passe mich diesem Rhythmus an. Als ich sie ausziehe und ihren knochigen, bleichen, aber doch weiblichen Leib erkunde. Der Geruch der Kräuter und ihr staubig riechender, dezenter Schweiß vernebeln meine Sinne und als ich komme, bin ich doch kaum ich, sondern eher ein Stellvertreter. Eine bebende Metapher. Das allzu oft todbringende Leben, das mit dem Tod verkehrt, der das Leben liebt.

Als wir fertig sind, fühle ich mich entspannt und doch erschöpft. So, als hätte ich eine wichtige Aufgabe erledigt. Anscheinend zur allgemeinen Zufriedenheit. Zum einen sieht Krimara ebenfalls relativ glücklich aus – auf eine ausgesprochen dezente und seriöse Art wie ein Weinkenner, der einem Aroma nachspürt. Zum anderen hat die Festung offenbar nicht entschieden, uns während des Aktes aufzufressen. Ich spüre Glück und Sympathie. Von jener Art, die weder Trauer noch Angst oder Schuld wegwäscht, sondern vielmehr auf ihnen schwimmt. Wie ein Boot auf einem stürmischen Meer, das die Fluten zu akzeptieren und fast zu lieben gelernt hat.

Plötzlich schleicht sich ein Gedanke in diese seltsame Harmonie. Profan und doch wichtig und zugleich sehr beschämend. Ich spreche ihn aus. Ich muss es tun.

„Wie … haltet ihr es mit Verhütung?“, frage ich und bemühe mich, Augenkontakt mit Krimara aufzunehmen, wobei ich fast sicher bin, von ihr Kritik und Verurteilung zu erfahren. Doch ist ihre Reaktion weniger scharf, als ich erwartet habe.

„Ein wenig spät für solche Überlegungen“, sagt sie mit der vagen Andeutung eines Lächelns, bevor sich ihr Gesicht wieder in Neutralität verliert, „aber keine Sorge. Wir Hochnatoren sind im Normalfall unfruchtbar. Wer einmal dem Tod gegeben wurde, kann für gewöhnlich kein Leben mehr gebären. Jedenfalls nicht ohne die richtigen Kräuter und Rituale. Doch wäre dies anders, hätten wir auch eine Lösung gefunden. Meinst du nicht?“

„Ich weiß nicht“, sage ich ehrlich und versuche, den Gedanken zu verdrängen, dass ich auf eine seltsame Art bereits Vater, was nur halb so seltsam ist, wie dass ich bereits meine Schwester verraten habe, die ich bis vor kurzem vollständig vergessen hatte, „ich bin ein ständig Reisender. Und ich hasse es, die Verantwortung für meine Taten an andere abzuschieben. Das habe ich nämlich schon viel zu oft gemacht. Und ja, wie üblich habe ich erst gehandelt und dann gedacht.“

„Das wäre mir keine Last gewesen“, sagt Krimara, „es wäre eine Verbindung zum Leben, die ich geschätzt hätte. Und die Dinge kommen, wie sie kommen.“

„Das stimmt“, sage ich, „und manche Dinge gefallen mir so, wie sie kommen. Aber ich schätze, wir sollten jetzt weitergehen.“

„Nein“, sagt Krimara, „so schnell noch nicht. Ich spüre, dass dieser Ort noch nicht zufrieden ist. Er will, dass wir uns noch etwas versenken. Und zwar auch in uns, nicht nur ineinander.“

„Ich verstehe“, sage ich, „also sollen wir noch etwas meditieren?“

„Meditieren, nachdenken, sein. Das liegt ganz bei dir“, sagt Krimara.

„Gut“, sage ich und hole mein Pendel hervor, „dann werfe ich noch einen Blick in die Ferne.“

„Gut“, sagt Krimara nicken, bevor sie ihre Beine enger an den Körper zieht und ihren Kopf auf ihre Knie stützt, „ich wecke dich, sobald es an der Zeit ist, weiterzuziehen. Möge dieser Blick lehrreich sein.“

„Darauf hoffe ich auch“, sage ich und folge den Bewegungen des Pendels in die ganz und gar nicht meditative Welt von Hyronanin.

~o~

„Ich kann mich nicht daran erinnern, euch damit beauftragt zu haben, die Müllabfuhr zu spielen“, sagt die oberste Gesunderin, die aufmerksamen Lesern unter dem Namen „Ryxah“ bekannt sein sollte. Seit wir sie zum ersten Mal durch meine Augen kennenlernen durften, hat sie sich subtil, aber doch gravierend verändert. Der sichtbare Teil ihres Gesichts ist durchzogen von Sorgenfalten und Linien, die Hass und Frustration wie ein Skalpell dort hineingegraben haben. Gleichzeitig sieht sie müde und fahrig aus und die mehrfachen, schlecht verheilten Schnitte an ihrem Arm, die sie sich selbst zugefügt hat, zeugen davon, dass sie sich selbst nicht aus der Schusslinie ihrer eigenen Wut nimmt.

Abgesehen von den Schnitten ist Ryxah körperlich gesund, wie die meisten der Gesunder. Aber ihre Psyche ist eine Ruine voller scharfer, gefährlicher Kanten und unerwarteter Abgründe. Sie hat Glück, dass es unter den Gesundern – bei all ihrer Grausamkeit – als Unart gilt, einem amtierenden Anführer in den Rücken zu fallen. Andernfalls hätte sie sich selbst längst auf irgendeinem Operationstisch wiedergefunden.

Karrek, dem die monströse Metastia wie ein Schatten folgte, grinste breit ob dieser Beleidigung. Unterstützte sie doch voll seine eigenen Ansichten.

„Sie ist kein Müll“, sagt Drengda, „sie ist eine Krebsbotin und eine Diplomatin.“

Der verächtliche Ausdruck auf Ryxahs Gesicht wird etwas weicher. Ihr Tonfall nicht. „Für eine Diplomatin habe ich keine Verwendung“, sagt sie harsch, „wobei …“

„Da irren Sie sich womöglich. Ich habe ein interessantes Angebot von meinem Herrn“, verkündet Tarena und ärgert sich selbst, dass sie Ryxah ins Wort gefallen ist. Das ist nicht hilfreich bei Verhandlungen. Leider ist sie nervöser, als sie es sich eingestehen will. Und das Schmerzmittel scheint auch so schon ihre Beherrschung zu beeinträchtigen, selbst wenn es ihr Hirn noch nicht in Matsch verwandelt hat.

„Du bist das interessanteste Angebot von deinem Herren, Stimmchen!“, sagt Ryxah mit einem irren Lachen, „und das Beste ist: Ich werde keine Gegenleistung dafür geben müssen.“

„Wie meinen Sie das?“, fragt Tarena, auch wenn ihr Bauchgefühl ihr die Antwort bereits zuflüstert, „Sie sagen doch, sie haben keine Verwendung für mich.“

„Du solltest besser zuhören, Krebsbotin“, sagt Ryxah, „ich sagte, ich habe keine Verwendung für eine DIPLOMATIN. Für dein Gewebe aber durchaus.“

Panik jagt durch Tarenas Adern. Sie hat nicht mit einem angenehmen Aufenthalt gerechnet. Aber Drengda hat ihr zumindest das Gefühl gegeben, dass man ihr ein Stück weit vertrauen kann. Selbst, wenn es dafür nur wenige rationale Gründe gibt. Ryxah hingegen … mit ihr und ihrem Wahnsinn hatte sie nicht gerechnet. Und das, obwohl sie Adrians Geschichten gelauscht hat und dort kein Wort von ihrem Tod oder Sturz zu vernehmen gewesen war. Trotzdem hatte sie die Gesunderin fast vergessen oder zumindest verdrängt. Und vielleicht hatte sie auch angenommen, dass sie inzwischen durch irgendwen anderes ersetzt worden wäre. Ein sträflicher und wahrscheinlich fataler Fehler. Gehört das auch noch zu Anys Plan oder versagt sie gerade kolossal?

„Wenn ihr mich tötet, wird das meinen Herren verärgern“, versucht Tarena, sie umzustimmen. Sie fühlt sich benebelt und entmutigt. Aber dennoch legt sie eine wohldosierte Mischung aus Selbstbewusstsein, kühler Rationalität und Drohung in ihre Worte.

Zu ihrer eigenen Überraschung scheint es seine Wirkung nicht ganz zu verfehlen. Für einen Augenblick sieht sie Angst durch den offenkundigen Wahn in Ryxahs Gesicht flimmern.

„Dein Herr ist nicht hier. Und dein Wohlergehen interessiert ihn weit weniger, als du vielleicht glaubst“, antwortete Ryxah verächtlich, aber unsicherer als Tarena zu hoffen gewagt hat. Sie fürchtet Nollotsch. Das ist nicht zu übersehen. Schon allein, weil sie ihre Finger wie beiläufig im Fleisch ihres linken Arms versenkt und dort tiefe, blutende Kratzer hinterlässt.

Trotzdem ahnt auch Tarena die Wahrheit in Ryxahs Worten. Sie traut dem Planetenkrebs ebenfalls nicht. Nicht ganz jedenfalls. Auch wenn sie ihn sich trotzdem als Verbündeten wünscht, jetzt, wo sie so dringend einen gebrauchen kann. Doch ihre Zweifel darf sie sich nicht anmerken lassen.

„Die Arme von Planetenkrebsen reichen weiter, als Sie glauben“, sagt Tarena mit ihrem besten Pokerface, „und Loyalität ist nicht nötig, um meinen Herrn mit einer solchen Tat zu verärgern. Ich bin sein Besitz und seinen Besitz will er nicht verlieren.“

Ryxah antwortet nicht, sondern leckt sich das eigene Blut von den Fingern, als wäre es ein guter Wein. Dann versinkt sie in brütender, nachdenklicher Stille. Ein Umstand, der Tarena genauso Hoffnung gibt wie der flüchtige, aber freundliche Blick, den Drengda ihr zuwirft.

Eben jene Gesunderin meldet sich schließlich auch zu Wort, während ihre Anführerin noch immer ihren Blutgelüsten frönt, sich weiteres Körpersaft und kleine Gewebestücke aus den Wunden pflückt und ansonsten starr in die Leere blickt. „Wir können beides bekommen“, sagt Drengda, „ihre Kooperation und ihr Gewebe. Ich kann Stammzellen extrahieren, ohne sie zu töten. Darauf verstehe ich mich. Wenn wir die Zellen im Labor replizieren …“

„Mit Verlaub. Das ist Schwachsinn“, sagt Karrek, „Was, wenn diese Proben nichts taugen oder nicht ausreichen, um damit zu arbeiten?“

„Dann holen wir einfach neues Material“, schlug Drengda vor.

„Wenn wir deine neue Freundin hier wie Milchvieh in einer Zelle halten, besteht tatsächlich das Risiko, dass wir ihren Herren irgendwann auf uns aufmerksam machen, für den Fall, dass sie noch eine Verbindung zu ihm unterhält. Ich würde sagen, wir holen uns alles und entsorgen das, was wir nicht brauchen. Der Krebs wird sich wahrscheinlich nicht die Mühe machen, den weiten Weg für seine Rache herzukommen oder dafür, ihre zerstreuten Reste aufzusammeln. Für eine Rückholaktion einer funktionsfähigen Dienerin aber vielleicht schon. Aber selbst, wenn er kommt, sind wir bis dahin auf ihn vorbereitet“, sagt Karrek.

Tarena wird eiskalt, als sie bemerkt, wie sich erneut etwas in Ryxahs Gesicht verändert. Die Angst darin schmolz, sie hörte auf damit, sich selbst zu verzehren, und ihr abwesender Blick wird schlagartig wieder klar und eiskalt. Sie ahnt schon, was die Gesunderin sagen wird, bevor sie es schließlich tut.

„Du hast recht, Karrek. Wir sind Heiler. Wir sind dafür geschaffen, Krebs zu besiegen und zu kontrollieren. Egal in welcher Form. Und ihr Körper wird uns dabei dienlich sein“, sagt Ryxah, „schlachtet sie aus – bei vollem Bewusstsein, damit die Zellen frisch und aktiv sind – und isoliert das nützliche Material. Das ist mein letztes Wort.“

„Darum werde ich mich gerne kümmern“, bietet Karrek an.

„Nein, dir fehlt das nötige chirurgische Talent“, widerspricht Ryxah und sieht dabei Drengda fest an, „Drengda wird das erledigen. Sie versteht sich doch auf so etwas. Nicht wahr?“

Drengda zögert kurz, dann aber nickt sie.

Tarena geht ihre Optionen durch. Sie kann versuchen zu kämpfen oder sich still verhalten und darauf hoffen, dass Nollotsch sie in letzter Sekunde retten wird. Beides ist ein Spiel mit ihrem Leben. Sie weiß weder, ob sie dem Planetenkrebs genug am wuchernden Herzen liegt, noch ob sein Samen hier schon weit genug aufgegangen ist, um ihr zu helfen. Umgekehrt kann Widerstand dazu führen, dass man sie fesselt oder ihr irgendwelche Mittel spritzt, um sie zu lähmen, was eine mögliche Flucht noch unwahrscheinlicher machen wird, selbst wenn Nollotsch ihr helfen sollte. Dennoch kann sie nicht einfach zulassen, dass man sie lebendig auseinandernimmt. Andy ist auf sie angewiesen und auch sie selbst hat in diesem Leben schon genug gelitten.

Nein, sie muss kämpfen. Auch wenn ihre Chancen unbewaffnet gegen die drei nicht gut sind und sie sicher ist, dass noch eine Reihe weiterer Gesunder und ihre Diener hinter den Vorhängen aus Pilzgeflecht und in den vielen kleinen Kammern warten. Besser, sie nimmt ihr Schicksal in die eigene Hand. Sie entschied sich, sich auf Ryxah zu stürzen, die ihr mit ihrem Wahnsinn das aussichtsreichste Ziel zu sein scheint.

„Warte“, hörte sie Drengda durch geschlossene Lippen flüstern, bevor sie in Aktion treten kann. So unendlich leise, dass wahrscheinlich wirklich nur sie es hören kann, „tu das nicht.“

Die Gesunderin scheint geahnt zu haben, was Tarena vorhat. Und auch, wenn es wahrscheinlich Wahnsinn ist, auf sie zu hören, hält sie sich tatsächlich zurück.

„Ihr werdet das bereuen. Mein Herr wird mich rächen!“, sagt sie lediglich böse zu Ryxah, die das zusammen mit einer blutspritzenden Armbewegung weglacht.

„Ach, wenn du wüsstest, wie viele Zerstörungs- und Todesdrohungen ich schon bekommen habe. Und manche davon waren weit ernstzunehmender als deine. Trotzdem lebe ich noch und bin intakt“, sagt Ryxah, „also Drengda, führ sie ab und …“

Die oberste Gesunderin unterbricht sich, als eine junge Andrin in die Hölle rauscht. Sie ist außer Atem, stinkt nach krankem Schweiß, ihre Haut ist krebsrot und von knotigen Pusteln und Warzen bedeckt. Aber dennoch ist sie verblüffend schnell. „Eine Botschaft“, keucht sie atemlos.

„Was für eine Botschaft, Nerri?“, fragt Ryxah und auch Tarena, die sich genau wie Drengda noch nicht von der Stelle bewegt hat, blickt neugierig auf die Frau.

„Unsere Vorhut aus wandelnden Kranken und einigen Bakteroiden hatte Feindkontakt“, sagt die Späherin.

„Rebellen?“, fragt Ryxah.

„Nein“, sagt die Frau kopfschüttelnd, „es waren nicht nur ein paar Verzweifelte, sondern ein ganzes, vollkommen gesundes Heer. Es sind tausende. Zusammengesetzt aus verschiedenen Völkern. Vor allem aber Cestral und ihre Traumdrachen.“

Ryxah lacht. Es klingt so fröhlich und harmlos wie ein vereiterter Blinddarm. „Ah, die Beute versucht sich als Jäger, was? Ich denke, sie haben die Vorhut der Irren besiegt. Oder interpretiere ich deine Panik falsch und wir haben sie in den Staub getreten.“

„Weder noch“, sagt die Botin, „sie haben die wandelnden Kranken zerschlagen, aber die Bakteroiden konnten sie noch nicht überwinden. Fürs Erste sind sie geflohen.“

„Geflohen?“, fragt Ryxah skeptisch, „wie soll ein so großes Heer einfach in unseren Gängen verschwinden.“

„Es gibt Geheimgänge“, kommentiert Drengda, „und manche von ihnen kennen selbst wir nicht.“

„Also doch die Rebellen“, schlussfolgert Ryxah, „zumindest arbeiten sie mit ihnen zusammen.“

„Ja, ich denke, dass es einen Kontakt gab, auch wenn ich keine Anzeichen dafür gesehen habe“, sagt die Späherin.

Ryxags Kopf schnappt zu Tarena herum und der Wahn in ihren Augen kocht wie eine Seuchenquelle. „Weißt du etwas darüber?“, fragt sie mit blutverschmiertem Mund, „schon ein seltsamer Zufall, dass sie hier auftauchen, genau in dem Moment, in dem du in unsere Arme gestolpert bist.“

„Ich weiß gar nichts darüber“, beginnt Tarena zu erwidern, „aber ich könnte …“

„Ach, weißt du was, halt deinen Mund, Krebsdienerin“, sagt Ryxah und reibt sich die Schläfen, so als wäre in ihrem Kopf nicht nur psychisch etwas kaputt, „mich interessieren deine Ausflüchte gerade nicht. Ich brauche keine weiteren Worte von dir. Karrek, kümmer dich um die Verteidigung. Verstärke unsere Patrouillen, aktiviere die Bakteroiden-Reserven und bringe Metastia und die anderen Metavoren in Stellung. Diese niederen Kreaturen dürfen uns nicht überrumpeln. Ich will sie alle zerteilt, auf unseren Operationstischen, in unseren Verwahren und die Brauchbarsten von ihnen in unseren Reihen sehen. Jinri, gehe wieder da raus und suche die Gänge nach Aktivität ab. Und Drengda, hole mir alles aus dieser Krebsbotin raus. Alle brauchbaren Zellen und jede einzelne Antwort.“

~o~

„Wäre der Tod hier möglich, wären wir längst erstickt, oder?“, bemerkt Scynra und blickt auf den engen, stickigen Gang, der so wenig Platz bietet, dass sie sich vorkommt wie die 4-fach konzentrierte Paste in einer Tube Tomatenmark.

„Ich weiß es nicht“, sagt Nerrin schulterzuckend, „aber es ist gut möglich. Doch es ist lange her, dass ich sterben konnte, und in den Verwahrern existiert man sehr lange ohne Sauerstoff. Irgendwann kommt der Schwindel, aber er verschwindet auch wieder und bringt mehr Klarheit zurück, als man gebrauchen kann. Ich weiß das, ich habe Jahre dort verbracht.“

„Das tut mir leid“, sagt Scynra aufrichtig und verspürt den Impuls, dem durchscheinenden Mann eine Hand auf seine wie Gelee aussehende Schulter zu legen. Aber angesichts der Enge ist daran nicht zu denken.

„Trotzdem hat Scynra recht“, sagt Fienna, „es ist wirklich unangenehm hier drin. Es wird nicht lange dauern, bis die ersten von uns ohnmächtig werden oder sich Schürfwunden zuziehen.“

„Der Tunnel ist auch nicht dafür geschaffen, eine ganze Armee aufzunehmen“, sagt Dryvanna lachend und fügt dann hinzu, als sie die Fragen förmlich in ihrem Nacken spürt: „aber er wird es können. Und so weit ist es nicht mehr. Wir müssen uns nur ein bisschen gedulden.“

„Ich finde es irgendwie aufregend, so ausgeliefert zu sein“, sagt Makra schwärmerisch, „es ist eine existenzialistische Erfahrung. Fast wie gefesselt zu sein. Gefesselt von Stein und Enge.“

„Eine merkwürdige Sichtweise“, stellt Dryvanna fest.

„Eher eine abartige, würde ich sagen“, meint Endron verächtlich.

„Zumindest hätte ich sie im Verwahrer gut gebrauchen können“, kommentiert Nerrin lachend.

„Man kann es sehen, wie man will. Ich dränge niemandem meine Vorlieben auf, aber ich erwarte, dass sie respektiert werden. Doch wie dem auch sei, eins sollte uns allen ein Trost sein: Immerhin haben wir Licht“, sagt Makra, „dank dieser Flechten.“

„Ja“, bestätigte Endron, „leider sind sie giftig. Aber nur schwach. Sie verursachen etwas Ausschlag und Juckreiz, mehr nicht.“

„Fiennas Zauber sollte uns dagegen schützen“, meint Makra leichthin.

„Ich denke nicht“, sagt Scynra, „nicht wenn es Gift ist und kein Erreger.“

„Das stimmt leider“, meint Fienna.

„Na großartig“, sagt Makra, „jetzt krieg ich rote, juckende Blasen auf meinen Brüsten oder was? Das sieht doch scheiße aus. Oder noch schlimmer … Callan bekommt Ausschlag auf seinem … Callan? Alles klar?“

Callan reagiert nicht. Und das, obwohl er direkt neben Makra steht. Seine Hand, die sie hält, ist eiskalt. Sofort schleicht sich Sorge in ihre heitere Laune und sie bemüht sich, ihren Kopf zu wenden, was angesichts der rauen, niedrigen Felsdecke ein Kraftakt ist. Doch schließlich sieht sie ihn. Er ist kreidebleich und seine Augen zeigten kein Zeichen von Leben.

„Nein! Callan, bitte, du darfst nicht tot sein“, schreit Makra so laut, dass sich einige um sie herum die Ohren zuhielten.

„Halt den Mund“, regt sich Dryvanna auf, „hier drin stirbt keiner, schon vergessen? Aber du verrätst uns noch, verdammt!“

„Er ist auch nicht tot“, stimmt Scynra Dryvannas Einschätzung zu, „ich kann ihn zwar in dieser Höhle nicht untersuchen, aber sein Brustkorb bewegt sich noch. Ich denke, er ist nicht mal ohnmächtig. Ich tippe auf Klaustrophobie.“

Als hätte Callan diese Diagnose ebenfalls vernommen, beginnt er, einige unverständliche Laute von sich zu geben.

„Un … in …. bin …. nicht …. raus … bedingt … elll“, stottert er, und trotz seines offensichtlichen Elends fällt Scynra ein Stein vom Herzen. Ein toter Callan wäre beschissen. Mit einem leidenden kann sie besser leben.

„Sorry“, sagt sie zu den anderen.

„Entschuldige dich am besten dadurch, dass du deinen Freund dazu bringst, endlich weiterzugehen“, sagt Nerrin, „ob ihr’s glaubt oder nicht, die meisten von uns genießen den Aufenthalt hier drin nicht.“

„Wie genau sieht denn euer Plan aus?“, fragt Scynra, während Makra beruhigend auf Callan einredet.

„Diese Genies hier sind in der Lage, Bakteroiden umzuprogrammieren“, eröffnet Andy, „so, dass sie ihnen dienen, anstatt den Gesundern.“

„Heißt das, die Dinger können …“, begann Scynra.

„Gesunder infizieren“, sagt Dryvanna stolz, „ganz genau. Sie können dein widerliches Drecksvolk mit dem gleichen Fluch strafen wie uns.“

„Dryvanna“, ermahnte Nerrin, „sähe keine Zwietracht.“

„Schon in Ordnung“, sagt Scynra, „mein Volk hat solche Bezeichnungen verdient. Nicht immer, aber in den letzten Jahrhunderten. Und auch ich nehme sie mir gern an. Aber trotzdem könnt ihr mir vertrauen, falls du daran zweifeln solltest.“

„Das tue ich nicht“, sagt Dryvanna, „ich hasse euch Gesunder. Auch die Reumütigen zu einem gewissen Grad. Aber mein Hass macht mich nicht blind. Ich erkenne loyale Verbündete, wenn ich sie sehe. Und ich will dir die Gelegenheit einräumen, meines Hasses unwürdig zu werden.“

„Eine löbliche Einstellung“, sagt Scynra.

Dryvanna nickt nur und wendet dann den Blick ab. Allzu weit scheint ihre Sympathie wirklich nicht zu gehen.

„Geht es wieder?“, fragt Makra ihren Freund.

„Ja“, antwortet Callan und klingt selbst überrascht, „meine Raumangst ist nicht weg … aber … sie ist … erträglich.“

„Kein Wunder“, sagt Makra lächelnd, „aus meiner letzten Beziehung kenne ich viele Punkte, die Schmerz auslösen, aber auch solche, die Positives im Nervensystem bewirken. Man muss nur die richtigen Nervenknoten treffen. Menschen und Deovani sind hier wohl ähnlich aufgebaut.“

„Für mich klingt das immer noch wie Hokuspokus“, sagt Scynra zweifelnd.

„Wer heilt, hat recht“, antwortet Makra schulterzuckend, „heißt es nicht so?“

„Ja, unter Quacksalbern und Wunderheilern“, antwortete Scynra, und verzieht verächtlich ihr Gesicht.

„Mir egal, was du davon hältst, meine Liebe“, sagt Makra, „wichtig ist nur, dass es funktioniert.“

„Das stimmt“, sagt Callan, „und ihr wart gerade dabei, euren Plan zu besprechen. Entschuldigt bitte die Ablenkung.“

„Kein Problem“, sagt Dryvanna, „also … um es neutraler zu formulieren: Ja, wir sind in der Lage, mit den Bakteroiden einen Gegenangriff durchzuführen. Einen von ihnen haben wir bereits gekapert, aber das reicht natürlich nicht. Um mehr von ihnen umzudrehen, brauchen wir eure Hilfe. Einige von euch sind sicher fähig genug, die Bakteoriden und gegebenenfalls ihre Begleittruppen abzulenken. Beschäftigt sie ausreichend und ich und meine Leute kümmern sich um den Rest.“

„Deine Leute?“, fragt Fienna, „meinst du nur euch drei oder gibt es noch mehr?“

„Es gibt noch mehr“, antwortete diesmal Nerrin, „und wir werden auf eine Patrouille von uns treffen, wenn wir nicht noch mehr Zeit verschwenden. Dann können wir uns vereinen und dem Gegner in den Rücken fallen. Und es gibt auch Leute darunter, die die Funktionsweise der Bakteroiden so gut verstehen wie ich.“

„Ein guter Plan“, befindet Callan.

„Das bedeutet aber, dass wir tiefenverseucht werden können, wenn etwas schiefgeht“, stellt Scynra klar, „ihr habt es ja selbst gesehen, wie schnell das gehen kann.“

„Hey, ein bisschen Gefahr ist immer dabei“, sagt Makra, „immerhin können wir hier nicht sterben.“

„Aber Schlimmeres“, sagt Endron bitter.

„Und wenn wir Erfolg haben?“, fragt Callan.

„Dann dringen wir direkt in ihr Hauptquartier vor und verarbeiten jeden einzelnen Gesunder zu Gewebematsch“, sagt Dyvanna.

„Das ist keine gute Idee“, sagt Andy energisch.

„Wieso?“, fragt Dyvanna argwöhnisch.

„Vielleicht, weil nicht jeder von ihnen ein Fanatiker ist?“, springt ihm Scynra bei.

„Du meinst, die haben alle nur Befehle befolgt und ganz üble Bauchschmerzen dabei, anderen mit ihren Skalpellen Bauchschmerzen zu machen?“, höhnt Dyvanna mit gespielt weinerlicher Stimme, „ich glaube nicht, Frau Doktor. Jeder, deiner Freunde, der noch ein wenig Restgewissen hatte, ist längst desertiert. Alle, die es jetzt noch gibt, sind herzlose Sadisten und rückgratlose Mitläufer. Sie verdienen keine Gnade.“

„Sie gingen mit dem Skalpell vor“, antwortet Andy, „lass es uns genauso handhaben. Wir schneiden die weg, die uneinsichtig sind, und heilen die anderen. Sie waren einst Heiler. Vielleicht werden sie sich erinnern.“

„Wie kann man nur so naiv sein“, sagt Dyvanna lachend.

„Dennoch hat er vielleicht recht“, sagt Nerrin, „in unserer Heimat ist es nicht anders. Rache gebiert wieder Rache. Selbst dann, wenn man meint, der Sieg wäre absolut. Lass uns jene verschonen, die sich ergeben. Dann können wir immer noch prüfen, ob sie sich läutern lassen.“

„Von mir aus“, sagt Dyvanna genervt, „aber wer einen Arm gegen mich erhebt, verliert ihn. Mindestens. Davon wird mich niemand abhalten.“

„Das ist nur fair“, sagt Andy, der es für keine gute Idee hielt, die Gesunder zu offen zu verteidigen. Immerhin könnte ihn das in ein schlechtes Licht rücken.

„Gut“, sagt Dyvanna, „dann lass uns nicht länger Zeit verschwenden. Selbst in Hyronanin gibt es bessere Orte als diesen Tunnel.“

~o~

Als die stählerne Tür des gesicherten Operationsabteils ins Schloss fällt und sie einen Blick auf den Raum erhascht, dessen steinerne Regale randvoll mit Tinkturen, Fläschchen und mysteriösen, aber finster aussehenden Operationswerkzeugen sind, hat Tarena endgültig das Gefühl, einen gewaltigen Fehler gemacht zu haben. Sollte sie sich in Drengda getäuscht haben, wäre sie ihr hier drin ausgeliefert und selbst, wenn sie sie überwinden könnte, könnte es sein, dass sie hier für den Rest der Ewigkeit gefangen ist.

Zudem hatte Drengda nicht auf ihre geflüsterten Andeutungen und Fragen reagiert und sich auf den Weg in das Abteil schweigsam gezeigt. Vielleicht, um nicht aufzufallen, aber eine Garantie dafür hatte sie leider nicht.

„Leg dich auf den Tisch“, sagt Drengda kalt, während sie frische Handschuhe aus einem der Regale nimmt und über ihre Finger stülpt. Es sind die ersten Worte, die sie spricht. Und sie gefallen Tarena nicht.

„Um mich zu behandeln, oder?“, fragt Tarena, „Das ist gut. Sobald es mir besser geht, können wir uns gemeinsam einen Fluchtplan ausdenken. Deine Anführerin ist wahnsinnig und wir sollten versuchen, sie …“

„Leg dich auf den Tisch!“, wiederholt Drengda scharf.

„Nein“, sagt Tarena, die schlagartig erkennt, dass sie sich in Drengda getäuscht haben muss. Sie sieht sich unauffällig nach dem Operationsbesteck um. Vieles davon taugt als Waffe. Aber Drengda ist diesen Geräten viel näher als sie.

„Ich mache dir nichts vor. Es wird grausam werden. So oder so. Aber ich habe die Möglichkeit, es noch viel schlimmer zu gestalten“, sagte Drengda, „bitte lass mich darauf verzichten. Ich habe keine Freude an unnötiger Grausamkeit.“

Tarena wird eiskalt. Ja, es ist eindeutig. Sie hat die falsche Entscheidung getroffen.

„Du hast mir vorhin gesagt, dass ich mich zurückhalten soll“, sagt Tarena verzweifelt.

„Das war auch ein guter Rat“, sagt Drengda, „ein Kampf gegen Ryxah hätte nichts gebracht …“

Noch bevor Drengda zu Ende gesprochen hat, springt Tarena auf und stürzt sich auf das nächstgelegene Regal mit Operationsbesteck. Sie schafft es, ihre Finger um ein scharfes Skalpell zu legen. Doch noch bevor sie es richtig greifen kann, erschlaffen ihre Finger und verlieren ihr Gefühl. Genau wie ihre Beine. Nur ihr Torso und ihr Kopf sind nicht betroffen. So spürt sie auch die Einstichstelle, in der die Spritze steckt.

„Auch ein Kampf gegen mich bringt nichts“, sagt Drengda beinah tröstend, während sie Tarenas hilflosen Körper auf den OP-Tisch hebt, „aber ich werde dir den Versuch nicht übelnehmen und trotzdem auf unnötige Grausamkeit verzichten. Erst recht, wenn du mir alles verrätst, was du über die Angreifer weißt. Die Entfernung der Stammzellen ist schmerzhaft und ich darf dich nach der Prozedur nicht intakt lassen. Aber ich werde dich danach molekular zerstäuben. Das Bewusstsein bleibt natürlich an den Staub gekettet. Aber nach allem, was wir wissen, ist das Leid geringer, wenn die Hirnfunktionen und Zellstrukturen fehlen. Wir vermuten es zumindest.“

Tarena kocht innerlich vor Wut, aber sie erinnert sich daran, dass ihre Stimme jetzt der einzige Hebel ist, den sie noch hat.

„Danke“, sagt Tarena, auch wenn sie kaum glauben kann, dass dieses Wort ihren Mund verlässt.

Auch Drengda wirkte überrascht und hält kurz darin inne, Tarenas, ohnehin gelähmten, menschlichen und insektoiden Gliedmaßen an den Operationstisch zu fesseln.

„Weißt du, ich verstehe dich“, ergänzt Tarena so sanft sie nur kann, „du willst dich nicht gegen dein Volk und deine Anführerin stellen. Ich kenne diesen Wunsch. Ich komme selbst aus einem Kollektiv. Aber ich habe auch den Wert eigenständiger Entscheidungen kennengelernt. Die Gabe zu erkennen, dass das Kollektiv in die falsche Richtung läuft.“

Tarena sieht Drengda aufmerksam an und erkennt, dass sie selbst einen professionellen Schnitt gesetzt hatte. Einen Schnitt in den Panzer, den Drendga um ihr Herz gebildet hat.

„Wenn alle in diese Richtung laufen, hat man kaum eine Wahl“, sagt Drengda so leise, dass Tarena sie nur mit Mühe versteht.

„Es laufen nicht alle in dieselbe Richtung“, widerspricht Tarena, kaum lauter, da sie nicht weiß, wer vielleicht hinter der Tür lauschen mochte, „ich weiß von einigen Gesundern, die einen anderen Pfad eingeschlagen haben. Es ist möglich.“

„Das waren andere Zeiten“, sagt Drengda und kaut sich dabei nervös auf der Unterlippe herum. Sie scheint eindeutig mit sich zu ringen, „damals war Ryxah zwar streng, aber nicht vollkommen verrückt. Jetzt lässt sie alle ständig überwachen und wenn sie schlechte Laune hat, bestraft sie jeden, der nicht mit größter Brutalität vorgeht, mit drastischen Strafen. Der Verwahrer ist noch das Netteste. Manche von uns stecken als arm- und beinlose Stümpfe in den Wänden oder wurden so tiefenverseucht, dass die Rebellen neben ihnen hübsch sind und …“

Sie bricht ab und wird bleich, bevor sie weiterspricht. Eher zu sich selbst als zu Tarena. „Es ist besser, zu folgen und abzuwarten. Besser, es zu ertragen.“

Drengda strafft sich und setzt einen kalten, analytischen Gesichtsausdruck auf. „Wie dem auch sei“, sagt sie, „wir haben genug Zeit verschwendet. Ich muss jetzt beginnen, die Proben zu extrahieren.“

Ich verliere sie, realisiert Tarena, ich muss anders vorgehen.

„Das ist feige“, sagt sie, „das Falsche zu tun, weil man es für das Richtige hält, ist nur Verblendung. Aber es zu tun, obwohl man weiß, dass es falsch ist, ist böse. Und erbärmlich feige!“

Das letzte Wort speit Tarena aus wie einen Stachel. Und dieser Stachel trifft sein Ziel. Doch womöglich hatte sie zu hart geschossen.

Drendgas Gesicht umwölkt sich mit Zorn.

„Ich bin nicht feige, du missratene Krebsgeburt!“, schreit Drengda, greift sich ein Skalpell und schneidet Tarena ihren rechten, menschlichen Arm mit einem glatten Schnitt ab. Tarena spürt erst keinen Schmerz. Alles was sie wahrnimmt ist Entsetzen und der Geruch ihres eigenen, verbrannten Fleisches. Dann jedoch schlägt der Schmerz mit voller Wucht zu. Offenbar verlangsamt das Mittel, das sie gelähmt hat, nur seine Übertragung. Als das grausame Brennen auf ein irgendwie erträgliches Maß zurückgeht, ist es vor allem Überraschung, die sie fühlt. Tief in sich hat sie wohl immer noch gehofft, dass sie Drengda erreichen kann.

Doch nicht einmal Tarena ist so überrascht von der Tat der Gesunderin, wie Drengda selbst, die mit ungläubigen Augen auf Tarenas abgetrennten Arm sieht, der wie ein dicker, lebloser Python auf dem Boden liegt.

„Das … das wollte ich nicht“, sagt Drendga erschüttert, „ich …“

Auch wenn Tarena vor allem Schmerzen spürt, spürte sie noch intensiver das dringende Verlangen, ihre Peinigerin ebenfalls zu verletzen. Wenn nicht mit Taten, dann zumindest mit Worten. Aber sie beherrscht sich, beherrscht sich so gut sie nur kann, und schluckt ihren Hass herunter. Sie versucht, daran zu denken, dass es nicht ausgeschlossen ist, dass Nollotsch ihr einen neuen Arm geben würde. Oder vielleicht Any. Auch wenn sie weiß, dass dies unsichere und vielleicht verdammt teure Geschenke sein würden. Es fällt ihr nicht leicht, ihre Zurückhaltung scheint sich jedoch auszuzahlen.

„Es tut mir wirklich leid …“, sagt Drengda und auf ihrem harten Gesicht zeigen sich plötzlich Tränen, „ … ich wollte nie Leid verursachen … ich wollte heilen. Immer schon. Ich … ach so eine Scheiße. Ich wünschte, ich könnte das wieder gutmachen.“

„Sprich leiser“, zwingt sich Tarena zu sagen, „sie hören dich noch. Und es gibt nichts wiedergutzumachen. Du stehst unter mehr Druck, als eine Person ertragen kann. Ich versteh das wirklich. Ich hätte dir auch keine Feigheit vorwerfen sollen. Ich weiß nicht, wie es ist, du zu sein.“

„Nein“, sagt Drengda kopfschüttelnd, aber wieder leiser, „du hast vollkommen recht. Es ist feige. Und es spielt keine Rolle, wer oder was ich bin oder was ich durchgemacht habe. Es gibt keine Entschuldigung für solch ein Verhalten. Leider kann ich dir deinen Arm nicht mehr zurückgeben. Das Skalpell, das ich verwendet habe, arbeitet sehr sauber und mit hochkonzentrierter Hitze. Es verschließt alle Arterien und Nerven. Vielleicht würde ein Whe-Ann-Implantat funktionieren. Sonst aber …“

„Das ist nicht schlimm“, versichert Tarena, „es ist nun einmal passiert. Aber wenn du mir helfen willst, dann verzichte darauf, mich weiter auseinanderzunehmen, und hilf mir, deine Leute zu überzeugen.“

„Eher könnte ich Demenz mit einem Pflaster heilen“, sagt Drengda und lässt sich seufzend auf den Boden sinken, „alles, was ich dir anbieten kann, ist deine Lähmung aufzuheben und mich zusammen mit dir heldenhaft abschlachten zu lassen.“

„Das glaube ich nicht“, beharrt Tarena, auch wenn sie selbst natürlich nicht weiß, ob sie damit auch nur ansatzweise in der Nähe der Wahrheit liegt, „es können nicht alle Gesunder sein wie Karrek oder Ryah. Es muss noch mehr hier geben, die denken wie du.“

„Die gibt es auch“, sagt Drengda, „aber die sind noch viel feiger als ich. Solange Ryxah an der Macht ist, wird sich keiner von ihnen trauen, sich gegen ihre Linie zu stellen.“

„Dann muss sie sterben“, sagt Tarena, „oder zumindest dem so nahegebracht werden, wie das an diesem Ort nur möglich ist.“

„Das funktioniert nicht“, widerspricht Drengda, „das habe ich dir doch vorhin schon gesagt. Selbst gemeinsam würden wir sie im Kampf nicht überwinden können und ihre Getreuen schon gar nicht.“

„Es muss andere Möglichkeiten geben“, sagt Tarena, „du bist eine Wissenschaftlerin, dir fällt sicher etwas ein.“

„Vielleicht“, sagt Drengda, „aber alles, was mir gerade einfällt, benötigt Zeit und wir können diesen Raum hier nicht gemeinsam verlassen, ohne in unser Verderben zu laufen. Und auch ich kann nicht gehen, solange dein Körper noch mehr ist als eine zerstörte Ruine.“

„Du hast meinen Arm. Entnehme dort die Zellen, die du brauchst, und erzähle, du hättest den Rest meines Körpers in Säure aufgelöst oder in Asche verwandelt“, schlägt Tarena vor, „vielleicht gibt es hier irgendwo einen Ort, an dem du mich verstecken kannst.“

„Den gibt es sogar“, sagt Drengda, „aber sie werden mir das nicht abkaufen. Meine Anweisungen waren klar. Ohne deinen Körper wird … was zur Hölle…“

Tarena kann Drengdas Verwirrung verstehen. Immerhin wächst vor ihren Augen eine fleischige Masse aus dem Boden und verwandelt sich in eine übel zugerichtete Version von Tarenas Körper.

„Ein Geschenk an meine Tochter“, sagt eine schleimig-freundliche Stimme in Tarenas Kopf. Und kurz darauf spürt sie ein Kribbeln an ihrer Schulter und sieht fasziniert zu, wie ihr Arm einfach wieder nachwächst.

„Du hast mächtige Verbündete“, meint Drengda anerkennend, „vielleicht ist wäre Widerstand ja doch nicht so sinnlos wie ich dachte.“

~o~

„Ja, das können wir gebrauchen“, findet Karrek während er Drengdas Proben begutachtet. Eine Phalanx aus silberglänzenden, fabrikneuen Bakteroiden umgibt ihn wie ein Hunderudel. Sie stehen im krassen Kontrast zu den verwachsenen, fleischigen, widerwärtigen Metavoren. Den Tumorkreaturen, deren Stränge gelangweilt und unruhig wie vom nicht vorhandenen Wind bewegte Stofffetzen an ihren Körpern herabpendeln. Beide aber sind auf ihre Art so beeindruckend wie einschüchternd. Trotzdem stand Drengda gerade im Zentrum der Aufmerksamkeit. Ein Luxus, auf den sie gerne verzichtet hätte.

„Gute Arbeit“, lobt auch Ryxah, deren selbst zugefügte Wunden inzwischen von Gesund geheilt wurden, „und ein ganz schönes Blutbad.“

„Die gute alte Messerarbeit ist doch immer noch die größte aller Freuden“, sagte Drengda grinsend, „egal ob zum Heilen, Forschen oder Zerstören. Vielleicht versteht ihr jetzt, warum ich das traditionelle Handwerk so hochhalte.“

„Euer kleiner Disput ist mir scheißegal“, entgegnet Ryxah wütend, während ihre Fingernägel vor Zorn in ihren Nacken stechen, „verschwende nicht meine Zeit und meine Zufriedenheit durch solche Nichtigkeiten. Alles, was ich will, ist die totale Kontrolle über unser Gebiet und dass die Eindringlinge ihren vorgesehenen Zwecken zugeführt werden.“

„Ihr habt natürlich recht“, sagt Drengda, „ich werde euch nicht länger behelligen.“

„Gut“, sagt Drengda, „dann geh einfach wieder deinen Studien nach, bis ich dich rufen lasse. Es kann gut sein, dass jeder von uns bereit sein muss, diesen Ort zu verteidigen. Doch bis dahin will ich, dass wir weiterhin das tun, wozu wir geboren sind: Erkenntnisse gewinnen. Karrek soll derweil an den Metavoren arbeiten und sie weiterentwickeln. Ich will, dass sie so schlagkräftig wie möglich sind. Ich werde in der Zwischenzeit unsere Ernter zurückrufen. Wir werden jede Unterstützung gebrauchen können.“

Drengda und auch Karrek nicken und Ryxah macht sich mehr oder weniger zufrieden auf den Weg zur Portalmaschine.

Drengda will sich ebenfalls in Bewegung setzen, aber als sie den ersten Schritt macht, hält Karrek sie auf.

„Ich hätte nie gedacht, dass du so blutrünstig wärst“, sagt er mit einem undurchschaubaren Ausdruck im Gesicht.

„Es war notwendig“, meint Drengda kühl, „ich strebe nach Effizienz, nicht nach maximalem Leid. Aber diese Schnitte waren notwendig.“

„Waren sie das?“, fragt Karrek wobei er eine Augenbraue hochzieht, „nun vielleicht ist das der Fall. Ich kann das nicht wirklich beurteilen. Ich habe mich stärker der Mikrobiologie verschrieben als der Chirurgie. Aber ich frage mich doch, ob wirklich Leben in diesem Kadaver ist.“

„Wie sollte kein Leben darin sein? In Hyronanin kann nichts sterben“, erinnert ihn Drengda und bemüht sich, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen. Der Mann stellte viel zu viele Fragen.

„Das ist richtig“, sagt Karrek, „aber für gewöhnlich schreien die Subjekte laut, bevor sie die Fähigkeit dazu verlieren.“

„Nicht, wenn man richtig und schnell schneidet“, behauptet Drengda, „die Stimmbänder und die Kehle sind entscheidend. Und es gibt da Areale im Gehirn, die man treffen kann. Alles eine Frage der Erfahrung.“

„Sicher, sicher“, sagt Karrek, „trotzdem sehr interessant. Du hast doch sicher nichts dagegen, dass ich den Kadaver weiter untersuche?“

„Tu, was du nicht lassen kannst“, sagt Drengda und beißt sich auf die Zunge, um nicht laut zu fluchen. Wenn Karrek das tut, wird er früher oder später herausfinden, dass Tarenas Körper bloß ein Produkt eines Planetenkrebses ist, und dann würde sie in noch größeren Schwierigkeiten sein als Tarena. Drengda hat nicht mehr viel Zeit.

„Warum nicht“, sagt sie schulterzuckend, „allerdings würde ich an deiner Stelle nicht zu viel Zeit vergeuden. Ryxah wartet auf ihre Ergebnisse. Oder willst du ihr etwa erklären, dass die Metavoren schwächer sind, als sie sein könnten?“

Das sitzt und Drengda hofft, dass das sichtliche Zusammenzucken ihres Kollegen ein Zeichen dafür ist, dass er seiner Neugier doch nicht nachgeben wird. Aber sicher kann sie sich nicht sein. Neugier ist neben rüpelhaftem Benehmen eine der Haupteigenschaften von Karrek.

~o~

„Oh man, so fühlt es sich also an, wenn eine Atemdeprivation endet“, sagt Makra als sie das Ende des Ganges erreichten, „Garnenn hat irgendwie sehr darauf gestanden, aber ich konnte den Reiz nie verstehen, auch wenn …“

„Sei leise, gottverdammt“, zischt Dyvanna, „oder ich reiße dir die Lungen raus. Dann hast du viel Zeit, dich mit dieser Praktik auseinanderzusetzen.“

„Versuch es doch, Süße“, sagt Makra, „dann wirst du vielleicht feststellen, dass auch eine freundliche Andrin immer noch eine Andrin ist.“

„Ihr solltet, beide die Klappe halten“, ermahnt Scynra, „da hinten sind …“

„… Bakteroiden“, führt Nerrin sehr leise fort, „es muss sich um ihre Nachhut handeln.“

„Das sind viel zu viele“, sagt Endron, „das schaffen wir nie.“

Tatsächlich erkannten sie am Eingang eines weiteren, etwa hundert Meter entfernten Tunnels zu ihrer Rechten die Vorderseiten von mindestens acht Bakteroiden, die regungslos, aber bedrohlich dort aufgereiht stehen, wie eine Panzerflotte.

„Du bist ein pessimistischer Feigling, Endron“, erwidert Dyvanna verächtlich, „aber in diesem Fall hast du wahrscheinlich recht. Einer solchen Ansammlung von Bakteroiden bin ich selten begegnet. Sie müssen wirklich ziemlich viele davon produziert haben. Und selbst bei ihrem Angriff vorher hatten sie mehr Abstand.“

„Natürlich habe ich recht“, sagt Endron, „zumal ich unsere Leute nirgendwo entdecken kann. Und ohne sie bist du, Dyvanna, die Einzige, die Erfahrung mit dem Umpolen dieser Dinger hat.“

„Wir haben immer noch eine ganze Armee“, gibt Callan zu bedenken, „sollte das nicht ausreichen, um für genügend Ablenkung zu sorgen?“

„Ich werde meine Leute nicht in ihr sicheres Verderben schicken“, sagt Fienna, „sie sind kein seelenloses Kanonenfutter.“

„Das will ich auch gar nicht behaupten“, sagt Callan ruhig, „aber sie sind Freiwillige in diesem Krieg und um ihn zu gewinnen, werden wir diese Bakteroiden brauchen.“

„Man kann einen Mann aus Deovan bekommen, aber Deovan nicht aus einem Mann, was?“, fragt Dyvanna.

„Wäre das so, hätte ich euch alle längst an die Gesunder verkauft“, schießt Callan zurück, dem man deutlich ansehen kann, wie sehr ihn diese Aussage trifft.

„Noch haben sie dir ja auch kein Angebot gemacht, oder?“, sagt Dyvanna herausfordernd grinsend und friert plötzlich in der Bewegung ein, als sie die Stacheln von Makras Dornenpeitsche buchstäblich direkt vor Augen hat.

„Wo wir gerade von kulturellen Eigenheiten reden, die man nicht loswird. Gerade habe ich wirklich Lust, meinen andrinischen Trieben freien Lauf zu lassen. Ob die Seuchenhöhlen wohl erträglicher sind, wenn man sie nicht sehen muss?“, fragt Makra.

Endron hebt seine rostige Pistole und auch Nerrin richtet seine Waffe auf Makra.

„Wirklich lieb, dass du mich verteidigst, Makra“, sagt Callan, „aber du brauchst das nicht zu tun. Lass Dyvanna in Frieden.“

„Oh, das entscheide immer noch ich, Schatz“, sagt Makra und wirft Callan einen Kuss zu, „nicht du.“

„Kein Grund zu streiten. Ein Heer würde hier überhaupt nichts bringen“, bemerkt Andy, „wahrscheinlich würde es uns nur erst recht zur Zielscheibe machen. Wir können von Glück sagen, dass die wandelnden Kranken nicht hier sind und auch keiner von den Gesundern. Das könnte sich in diesem Fall aber schnell ändern. Was wir brauchen, wäre ein kleines Team von Freiwilligen, das für Ablenkung sorgt.“

„Ich bin dabei“, sagt Callan und sieht Dyvanna an, die sich tatsächlich etwas überrascht zeigt.

„Was?“, fragt Makra, die davon so überrumpelt ist, dass sie ihre Peitsche nun doch sinken lässt, „das kommt gar nicht in Frage. Ich brauche dich noch.“

„Meine Entscheidung“, sagt Callan lächelnd, „nicht deine.“

Kurz begegnete Makra ihm mit einem herrischen, fast wütenden Blick, dann grinste sie aber. „Gut gekontert“, sagte sie, „dann bin ich aber auch dabei.“

„Ich ebenfalls“, sagte Endron tapfer, „ich traue dieser Andrin nicht. Wer weiß, ob sie dir mitten im Kampf in den Rücken fällt.“

„Alles gut“, verspricht Makra, „ich bin nicht nachtragend. Wenn man nicht die beleidigt, die ich mag, bin ich eine ganz Liebe.“

Doch niemand außer Callan achtet auf sie.

„Nein, Endron“, sagt Nerrin, „du bist nicht schnell genug dafür. Ich werde das übernehmen und auf sie aufpassen.“

Endron sieht so aus, als ob er widersprechen will, nickt dann aber schließlich. Der Mann wirkt tatsächlich sehr müde und erschöpft.

„Das sind immer noch nicht genug Kämpfer“, sagt Fienna, „ich würde mich ja ebenfalls anbieten, aber ich muss den Schild für meine Leute aufrechterhalten.“

„Wir werden helfen“, hört sie eine männliche Stimme hinter sich sagen und sieht eine Gruppe von fünf weiteren Andrin – drei Männern und zwei Frauen – auf sie zukommen. Allesamt mit nachdenklichen, aber entschlossenen Gesichtern und bewaffnet mit den traditionellen Peitschen ihres Volkes.

„Es gibt mehr Masochisten in unseren Reihen, als ich gedacht habe“, bemerkt Makra.

„Das sind wir nicht“, sagt eine kurzhaarige, blonde Andrin mit dunkler Stimme, „aber wir haben etwas wiedergutzumachen. Sehr viel sogar.“

„Warte mal“, sagt Makra, „ich glaube, ich kenne euch. Seid ihr nicht welche von Arankgas Leuten? Sein Jagdtrupp? Selbst in der Folterschule haben sie uns vor euch gewarnt. Ihr habt gern Kinder entführt. Selbst sehr junge.“

„Ja“, sagt der dunkelhaarige Mann mit braunem Spitzbart, der zuerst gesprochen hatte, „wir haben für Arankga gearbeitet und wir haben es gern getan. Eine Zeitlang. Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir seine Taten nicht mehr unterstützen wollen, und kurz darauf hatten sich die Tore nach Cestralia geöffnet. Für uns Schlächter, obwohl andere es viel mehr verdient gehabt hätten.“

„Ihr habt Kinder entführt?“, sagt Dyvanna fassungslos.

„Und sie eigenhändig gefoltert“, ergänzt eine weißhaarige Andrin mit hagerem Gesicht, „nicht jeder von uns hat sich so wenig Schuld aufgeladen wie du, Makra.“

„Für solche Taten gibt es keine Vergebung“, sagt Callan wütend, „ich habe solche Leute schon in Deovan immer verachtet. Grausam und gnadenlos solange die Umstände passen und dann die PR-Maschine anwerfen wenn der Wind sich dreht.“

„Nein, Vergebung haben wir wahrscheinlich nicht verdient“, sagt die Kurzhaarige, „es war schon Segen genug, dass wir uns ausruhen und ein anderes Miteinander kennenlernen durften. Trotzdem wollen wir tun, was wir können.“

„Wenn sie Kanonenfutter sein wollen, lass sie ruhig. Wäre nicht schade drum“, sagt Dyvanna hart.

„Sei nicht so ein Miststück zu ihnen“, sagt Makra, „du weißt nicht, wie es ist, in solch einer Gesellschaft groß zu werden. Und mit solchen Trieben.“

„Und du weißt nicht, wie es ist, der Gefolterte zu sein“, sagt Nerrin während seine Augen in die Ferne zu blicken scheinen. In eine Zeit in der es nichts gab außer Enge, Schwärze und erstickender Endlosigkeit.

„Wie dem auch sei“, sagt Fienna, „wir sollten handeln, bevor noch mehr Feinde hier auftauchen.“

„Sollten wir nicht vielleicht doch auf weitere Verstärkung warten“, gibt Endron zu bedenken, „auf weitere Leute, die den Mechanismus manipulieren können?“

„Nein“, sagt Dyvanna, „wir wissen nicht einmal, ob sie noch in der Lage sind, hierherzukommen. Ihr wisst selbst, wie schnell sich das Schicksal in Hyronanin zum Schlechteren wenden kann. Besser, wir schlagen jetzt los.“

„Sie hat recht“, sagt Nerrin, „wir sollten handeln. Wir haben nun die richtige Einsatztruppe, denke ich. Die Andrin, Callan, Makra, Dyvanna und ich. Das sollte ausreichen. Mit einer größeren Gruppe behindern wir uns nur gegenseitig und mit Skalpellen können wir hier wenig ausrichten. Nichts für ungut, Scynra.“

Scynra nickt und schweren Herzens nickt auch Endron.

„Bevor ihr losstürmt, vergesst nicht, wie groß das Risiko ist“, erinnert Scynra, „eine Tiefenverseuchung ist praktisch unheilbar. Lasst euch nicht erwischen.“

„Danke, dass du mich erinnerst“, sagt Makra feixend, „ich hätte mich sonst direkt in den Seuchenstachel gestürzt.“

Scynra zeigt ihr ihre drei mittleren Finger als Geste der Verachtung, was Makra nur noch breiter grinsen lässt.

„Gut“, sagt Callan, „dann los!“

~o~

Fast vermisst Dyvanna es, Angst zu haben. Es ist eine hilfreiche Fähigkeit und es gibt einem ein Gefühl von Lebendigkeit. Zumindest dann, wenn es jene Art von Angst ist, die an konkrete Bedrohungen geknüpft ist. Doch nach all ihrer Zeit in Hyronanin, in der es nur jede lähmende, allgegenwärtige Furcht vor weiteren Qualen gab, von denen sie ohnehin schon ein Übermaß gekostet hatte, war ihre Angst abgestorben wie große Teile ihres gesunden Gewebes. Wie ihre Schönheit. Wie ihr Glück. Wie alles, außer ihrem Wunsch, diesem Ort einen weiteren kleinen Sieg abzuringen.

So nähert sie sich den Bakteroiden vorsichtig, aber nicht ängstlich. Sie weiß um die Gefahr und sie weiß auch, was sie zu tun hat.

Die anderen spielen ihre Rolle gut genug. Vor allem die Andrin. Auch sie scheinen keine Angst zu kennen und wagen sich so nah an die Bakteroiden heran, dass sie gar nicht anders können, als sich mit ihnen zu beschäftigen. Dyvanna hält sie für Idioten, die nicht wissen, was wahres Leid ist, und schon gar nicht, wie es ist, es ohne Hoffnung auf Erlösung ertragen zu müssen. Und gleichzeitig bemitleidet sie sie, auch wenn sie dieses Volk und die meisten seiner Vertreter fast so sehr verabscheut wie die Gesunder. Noch mehr Mitleid verspürt sie sogar mit dieser aus der Art geschlagenen Andrin. Sie scheint wirklich in diesen Deovani verknallt zu sein. Aber dennoch lässt sie kaum weniger Vorsicht walten als ihre Landsleute und ihre Peitsche knallt auf das Metall der Bakteroiden nieder, als wäre sie eine gnadenlose Dompteurin. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie oder einer der anderen die Tiefenverseuchung zu schmecken bekommt. Dyvanna hofft es nicht. Nicht wirklich, aber es wird geschehen.

Wichtig ist ihr aber gerade, dass sie ihren Zweck erfüllen, und das tun sie. Die Bakteroiden sind zwar durchaus in der Lage, alle Gegner um sie herum wahrzunehmen, aber sie sind so geschaffen, dass sie ihre aktiven Angreifer zuerst ausschalten. Selbst, wenn diese nur harmlose Peitschen besitzen und nicht einen bravianischen Schattenstrahler.

Der Gedanke an ihre Waffe stößt eine wilde und gerade eher unwillkommene Emotion in ihr an. Dyvanna vermisst Argrennzi. Es ist ein riesengroßes Glück, einen Kwang Shinnon zu finden. Und das Wesen hatte einen wirklich gütigen, sanften Charakter gehabt. Aber sie hatte schon nach wenigen Tagen ihrer gemeinsamen Zeit darauf bestanden, mit Dyvanna zu verschmelzen und ihre eigene Persönlichkeit aufzugeben.

Dyvanna hatte versucht, sie davon abzubringen, aber Agrennzi hatte darauf bestanden und gesagt, dass es nicht gesund sei, wenn sich zwei Seelen einen Körper teilen. Danach war Dyvanna stärker gewesen – wenn auch leider nicht gesünder –, intelligenter und wissender, doch vor allem so schrecklich allein.

Dyvanna weiß, dass Argrennzi aus selbstloser Güte gehandelt hatte, doch die Kwang Grong hatte ihr damit mehr wehgetan, als es jede egoistische Handlung vermocht hätte.

Ich darf nicht daran denken, ermahnte sich Dyvanna, nicht gerade jetzt.

Sie verscheucht den Gedanken so gut es geht und richtet ihre Augen auf die tanzenden Bewegungen der Bakteroiden. Für sie sind sie nicht sprunghaft und zufällig. Ihr Gehirn sieht das Muster in ihren Bewegungen und so passt sie genau den Moment ab, in dem der erste Bakteroide vor ihr zum Stehen kommt. Ihre Finger berühren ihn jedoch nicht. Noch nicht. Stattdessen holt sie eine kleine Nadel hervor, sticht sich hastig in den Finger und drückt die offene Wunde in die kleine metallene Öffnung.

Manchen mochte es wahnsinnig erscheinen, sich mit diesem Seuchenpanzer zu verbinden, aber es ist schließlich die einzige Möglichkeit, zu ihm durchzudringen. Dyvanna wusste nicht genau, wie es funktioniert. Ob es die besondere Zusammensetzung der Krankheitserreger in ihrem Blut oder ihre Eigenschaft als Grong-Shin ist. Aber das ist im Grunde egal. Es genügt, um das Ding kurzzuschließen. Der Rest ist Informatik. Und mit der kennt sich Dyvanna als ehemalige Technikerin etwas aus. Die Konsole an der Hinterseite der Bakteroiden ist winzig und die Zeichen fremd, aber dank Agrennzi kann Dyvanna sie inzwischen entziffern. So erfordert es nur wenige Augenblicke, bis alle nötigen Befehle gegeben sind. Leider wird es einige Minuten dauern, bis der Bakteroide unter ihrer Kontrolle steht, so wie der, der bei ihren Mitstreitern im Lager wartet. Die Verzögerung ist wichtig, damit die Abwehrsysteme des Bakteroiden keine Gegenmaßnahmen einleiten können.

Aber der Anfang ist gemacht. Jetzt braucht sie nur die richtigen Momente abzupassen, um die anderen …

„Was zur Hölle?“, flüstert Dyvanna zu sich selbst. Als sie bemerkt, dass sich die Verhaltensmuster von gleich vier der Bakteroiden radikal verschieben. Und zwar genau in ihre Richtung. Irgendwas musste dafür gesorgt haben, dass ihre Aufmerksamkeit nun allein ihr gilt. Ist etwa schon einer oder gar mehrere der Andrin kampfunfähig geworden? Dyvanna kann sich keine weiteren Gedanken darüber machen. Sie hat jetzt ganz andere Probleme. Die Bakteroiden beginnen, sie einzukreisen, und die Ausweichrouten, die sie noch erkennt und die trotz allem noch immer eine Art Intuition und keine exakte Wissenschaft sind, werden immer begrenzter. Die Seuchenverbreiter geben ihre zufälligen, scheinbar erratischen Bahnen auf und springen in kleinen Vorwärtsmanövern auf Dyvanna zu. Immer präziser, immer zielgerichteter.

„Scheiße!“, flucht sie und ist sich zugleich sicher, dass sie sich aus der Umklammerung lösen muss. Sie hat immer ihren Schattenstrahler und weiß, dass es möglich ist, den Bakteroiden damit zu schaden. Aber das möchte sie eigentlich nicht. Sie wird sie noch brauchen und zerstören kann sie die vier allein ohnehin nicht.

Nein, die Flucht ist immer noch die bessere Option. Also konzentriert sie sich auf die einzige Route, die einzige Lücke, die ihr noch gangbar scheint. Sie rennt so schnell sie ihre Beine tragen und prescht auf die schrumpfende Öffnung zu, während sie spürt, hört und sieht, wie die ersten Seuchenstachel in ihre Richtung stoßen. Irgendwie gelingt es ihr, ihnen zu entgehen, und dann ist die Lücke endlich direkt vor ihr. Sie macht sich ganz klein und springt flach, mit dem Kopf zuerst und mit vor Anspannung angehaltenem Atem hindurch.

Sie landet hart, aber sicher. Erleichtert, in der Umklammerung vorerst zu entkommen, stemmt sie sich in die Höhe und spürt kurz darauf einen winzigen, kaum merklichen Stich in ihrem Bein.

Noch schneller als die Verseuchung reist nur die Erkenntnis durch ihren Körper. Eine Erkenntnis schlimmer als jede Seuche: „Ich bin verloren.“

~o~

Callan ist nicht nicht naiv. Er hatte sich die ganze Sache schwer vorgestellt. Aber in Wirklichkeit ist es die reinste Hölle. Die Bakteroiden sind einfach überall. Er fühlt sich wie beim „Trialvary“, einer Sportart, die selbst an den schäbigsten deovanischen Privatschulen zum Pflichtprogramm gehört und die zugleich kostenlos gewesen war. Callan hatte schnell begriffen, warum. Es ist Propaganda und Lektion in einem und ein regelrechter Anti-Teamsport. Dabei reihten sich ein Teil der Mitspieler – überwiegend Nehmer und wohlhabende Geber – rund um das Spielfeld auf. Jeder von ihnen bekommt einen Vorrat von zehn „Competitors“, harten, mit Spitzen versehenen Bällen, die dafür geschaffen sind, Blaue Flecke, Fleischwunden, Gehirnerschütterungen und Prellungen bei jenen anzurichten, die sie treffen. Und das sind für gewöhnlich die ärmeren Schüler auf dem Spielfeld. Sie musste versuchen, auszuweichen oder besser noch, ihre Mitspieler in die Schussbahn zu werfen. Wer dem Bombardement bis zuletzt entgeht, darf in der nächsten Runde zu denen gehören, die die Bälle werfen. Tote gibt es selten. Verkrüppelungen häufiger. Verletzte fast immer.

Callan hatte diesen „Sport“ gehasst, der die Voraussetzung gewesen war, dass er lesen und schreiben lernen konnte. Aber das war ein Witz gewesen gegen das hier.

Die Bakteroiden hatten sich sofort nach ihrem Auftauchen in Bewegung gesetzt und springen nun in so wilden, fast unvorhersehbaren Manövern umher, dass Callan fast schwindelig wird. Er hatte unterschätzt, wie viel besser sich diese Einheiten bewegen können, nun, da sie den nötigen Raum haben. Anfangs hatte er noch versucht, nach Makra zu sehen, aber das hatte er längst aufgegeben. Die Dinger fordern seine gesamte Aufmerksamkeit. Der Rest verschmilzt zu einem Kaleidoskop aus Peitschenhieben, Schüssen, glitzernden Nadeln und hektischen Rufen.

Callans Lungen brennen. Er ist außer Atem vom endlos scheinenden Springen, Ducken und Rennen, obwohl dieses Katz-und-Mausspiel hier erst wenige Sekunden andauert. Er will sich gar nicht ausmalen, wie es den anderen wohl geht.

Aus dem Augenwinkel sieht er einmal mehr den metallenen Tod auf sich zurasen und dreht sich fast im letzten Moment weg, direkt in den Verseuchungsstachel eines weiteren. Sicher hätte das Ding seine Haut durchdrungen, wenn nicht ein anderer Bakteroiden gegen es geprallt und es zur Seite gestoßen hätte. Callan spürt das Adrenalin in sich heranfluten und für einen Moment setzt sein bewusstes Denken aus und macht einem wilden Fluchtreflex Platz. Er rennt, rennt einfach weiter und schlägt dabei immer wieder Haken, so gut es die engen Tunnel zulassen.

Irgendwo, wie durch einen Nebel, hört er mahnende Worte der Cestral, von Fienna und den anderen, ohne ihnen viel Bedeutung beizumessen. Es ist ein weiblicher Schrei, der seine kopflose Flucht stoppt. Gehört er Makra? Er kann es nicht sagen. Panische Schreie klingen oft ähnlicher, als man meinen würde. Aber allein die Möglichkeit, dass es Makra ist, reicht aus, um ihn aus seinem Fluchtreflex zu befreien. Callan dreht sich um, halb damit rechnend, sich einem Bakteroiden gegenüberzusehen, aber die Wahrheit ist noch schlimmer.

Die Bakteroiden haben von ihm abgelassen und sich den anderen Angreifern zugewandt. Objektiv gesehen ist das ein Glück, denn wäre es anders gewesen und hätte er noch dazu eine andere Richtung eingeschlagen, hätte er die Kolosse mitten in das Cestral-Heer geleitet. Doch ihm persönlich wäre das in diesem Moment fast lieber gewesen. Denn aus der Ferne erblickt er zwar nicht Makra, aber dafür Dryvanna, die hilflos am Boden liegt, während der Seuchenstachel eines Bakteroiden ihr Bein durchstößt.

~o~

„Wir müssen ihnen irgendwie helfen“, sagt Endron, „sie verlieren den Kampf.“

„Noch ist gar nichts verloren“, sagt Scynra, „ich finde, sie stellen sich sehr geschickt an.“

„Du hast leicht reden“, erwidert Endron, „es sind nicht deine Freunde, die …“

Er bricht ab, als er realisiert, dass das nicht stimmt.

„Ja, es sind auch meine Freunde dabei“, sagt Scynra, „und es ist mir nicht egal. Aber ich vertraue auf sie und vor allem darauf, dass wir alles schlimmer für sie machen würden, wenn wir einfach dort reinstürmen.“

„Sie hat recht“, sagt Fienna, „mir tut es ja auch weh. Aber manchmal ist es vernünftiger, abzuwarten, als seinen Impulsen nachzugeben.“

„Gut gesprochen“, lobt Endron höhnisch, „kalt, zynisch und abwägend. Wie eine wahre Anführerin. Oder wie eine Gesunderin.“

Fienna zuckt bei diesen Worten zusammen. „Ich bin weder das eine noch das andere“, sagt sie, „ich bin einfach nur müde.“

~o~

„Feigling“, murmelt Callan zu sich selbst, „das ist allein deine Schuld“.

Natürlich kann er nicht wissen, ob Dyvanna nicht auch ohne seine Flucht den Bakteroiden zum Opfer gefallen wäre. Aber das mindert seine Selbstvorwürfe in diesem Moment kein Stück. Nun ist es zu spät. Aber dennoch muss er handeln. Und sei es nur, um das Gefühl zu haben, irgendetwas Gutes und Sinnvolles getan zu haben.

Also hebt er seinen Pinpointer und zielt in das Knäuel aus Metall, wobei er sorgsam darauf achtet, Dyvanna nicht zu treffen. Der Schuss detoniert, lässt Seuchenflechten und organischen Bodenbelag in die Höhe spritzen und drückt ein paar kleinere Dellen in die Bakteroiden. Vor allem aber, sichert er sich ihre Aufmerksamkeit.

„Kommt, ihr Bastarde“, ruft er den Verseuchern zu.

Und sie kommen.

~o~

Dyvanna hatte schon lange genug in dieser Hölle gelebt um zu Wissen, dass die Tiefenverseuchung mit Abstand das schlimmste ist, was einem in Hyronanin widerfahren kann. Dieses Wissen ist so tief in ihren Körper eingegraben, das dieser ganz von selbst handelt. Ohne sich weiter um die Bakteroiden zu kümmern, richtet sich ihre Waffenhand auf ihr Bein und drückt ab. Einmal, zweimal, dreimal, viermal. Ihre von Beulen übersäte Haut wird rot, platzt auf, wird verschmiert mit dampfendem Eiter und kochendem Blut, die schließlich genauso schwarz verbrennen und zu Asche zerfallen, wie ihr verkohlter Knochen. Die Schmerzen sind bestialisch, aber Schmerzen ist sie gewohnt. Hätte sie bewusst darüber nachgedacht, hätte sie dies hier vielleicht nicht einmal getan. Immerhin ist die Chance nicht groß, dass ihre Amputation schneller gelingt als die Seuche voranschreitet. Und selbst, wenn dem doch so ist, warten ja schon weitere Bakteroiden auf ihre Gelegenheit.

Doch vielleicht ist es gut gewesen, dass sie nicht dieser Logik gefolgt ist. Denn der zweite, dritte und vierte Stich, auf den sie wartete, kommt nicht und sie fühlt sich auch nur so beschissen, wie sie sich schon die letzten Monate gefühlt hat, wenn man von dieser grausamen Amputation einmal absieht. Sie dankt ihrer Intuition und weiß instinktiv, dass diese wahrscheinlich den Namen „Agrennzi“ trägt. Zumindest hat sie oft das Gefühl, dass die Kwang Shinnon sie immer noch auf eine mysteriöse Weise leitet, wenn es kritisch wird.

Als sie sich dazu zwingt, sich umzudrehen, stellt sie auch fest, dass sich die gefährlichen Verseucher wieder von ihr abgewandt haben und auf ein anderes Ziel zustreben. Ihre Chance, wenn sie doch nur in der Lage wäre, sich ordentlich zu bewegen. Wenn sie auf allen Vieren – oder besser allen Dreien – kriechen muss, wird sie die anderen Seuchenkugeln nie umprogrammieren können.

„Ich würde meinen Waffenarm für mein Bein geben“, sagt sie leise lachend. Und sie staunt nicht schlecht, als ein heftiges Ziehen erst durch ihren Arm und dann durch ihr Bein geht. Verblüfft verfolgt sie, wie sich die schwarze Legierung ihres Schattenstrahlers aus ihrem rechten Arm zurückzieht und nur einen zwar unansehnlichen und unbrauchbaren, aber auch unverletzten Stumpf zurücklässt, während sich gleichzeitig eine Art Fuß, ein Unterschenkel, ein Knie und schließlich ein Oberschenkel unter heftigem Brennen und Ziehen aus ihrem verkohlten Beinstumpf schält. Sie berührt das glatte dunkelgraue Material, als müsse sie sich vergewissern, dass es keine Einbildung ist. Sie grinst, als sie feststellt, dass es massiv und ziemlich real ist. Und ihr Grinsen wird noch breiter, als sie versucht, es zu bewegen, und feststellt, dass es genauso flexibel, beweglich und belastbar ist wie ihr altes.

„Danke Agrennzi“, sagt Dyvanna glücklich. Nicht einmal nur wegen des erhörten Wunsches, sondern mehr noch, weil sie einen klaren Beweis erhalten hat, dass ihre alte Freundin tatsächlich immer noch auf irgendeine Art in ihr wohnt. Der Verlust ihrer Armwaffe macht ihr hingegen wenig Sorgen. Ihr Wissen und ihre DNA sind viel wirkungsvoller, wenn es darum geht Rache an den Bakteroiden zu üben. Dyvanna steht auf und macht sich an die Arbeit.

~o~

„Ich bin wohl der dämlichste Typ im gesamten Multiversum“, verflucht Callanb sich, als er die Lawine aus gesundheitsvernichtendem Metall auf sich zukommen sieht. Er weiß, dass er aus dem Wunsch nach Wiedergutmachung und aus Hilfsbereitschaft gehandelt hat. Aber Heldenmut und Dummheit schließen sich leider ganz und gar nicht aus. Ohnehin wundert er sich über sein wechselhaftes Verhalten. Ist das eine Nebenwirkung der Whe-Annischen Nanobots oder der seltsamen Pilzinfektion oder einfach nur die Auswirkung einer Psyche, die sich langsam aber sicher in kleine Splitter auflöst? Callan weiß es nicht. Was er weiß, ist, dass er am Arsch ist.

Callan feuert aus allen Rohren auf die Bakteroiden. Schon nach wenigen Sekunden hat er Teile des Bodens in eine Kraterlandschaft verwandelt und hustet von all den Fragmenten der biologischen Beläge und Seuchenflechten, die er zerstört und aufgewirbelt hat. Aber die Dinger nehmen nach wie vor nur kosmetischen Schaden oder werden im besten Fall ein paar Meter zurückgeschleudert. Und allein das zu bewerkstelligen ist eine hohe Kunst.

Es ist zwar nicht so, dass er mit dem Rücken zur Wand steht – so dämlich ist er auch wieder nicht –, aber er kann sich nur rückwärts durch den Tunnel bewegen, in den er hineingelaufen ist, weil er sich ziemlich sicher ist, dass sich der Abstand zu seinen Verfolgern sofort auf null reduzieren wird, wenn er sich umdreht und losrennt. Noch dazu ist dies ein Ort, an dem hinter jeder Ecke noch mehr unangenehme Überraschungen warten können.

Früher oder später würden sie ihn trotzdem kriegen. Er weiß nicht mal, wie lange der Pinpointer dieses Dauerfeuer noch mitmachen wird. Er merkt bereits, wie die Waffe in seiner Hand scheißheiß zu werden beginnt. Wahrscheinlich ist selbst diese Technologie nicht für die Ewigkeit gebaut. Seine einzige Hoffnung ist, dass Dyvanna die Verseucher unter ihre Kontrolle bekommt, aber als tiefenverseuchtes Wrack ist das wohl kaum mehr möglich.

Ein erbärmliches Ende, denkt Callan und korrigiert sich gleich darauf selbst. Nein, kein Ende. Der Anfang endloser Qualen.

„Callan!“, hört er Makras Stimme und ist zugleich erfreut und erschrocken. Sie sollte nicht hier sein. Es reicht, wenn einer von ihnen untergeht.

„Verpiss dich, Makra!“, sagt Callan.

„Charmant“, antwortet sie.

„Du weißt, wie ich das meine. Das ist gefährlich“, sagt Callan und feuert einen weiteren Schuss ab, wobei er sehr hofft, Makra nicht zu verletzen.

„Genau und deshalb bin ich hier“, sagt sie, „hier, kletter auf meine Peitsche!“

„Was?“, fragt Callan verwirrt und staunt nicht schlecht, als Makras Dornenpeitsche durch die Lücke zwischen den Bakteroiden schießt, sich im Boden verhakt und gespannt wie ein Kletterseil zwischen ihnen verläuft.

„Hast du den Verstand verloren?“, fragt er, „das wird niemals funktionieren. Die erwischen mich doch sofort und bis ich da raus bin, sind meine Hände blutig.“

„Blutige Hände sind sexy“, sagt Makra, „und jetzt schwing deinen Arsch da raus. Die anderen werden sie irgendwie ablenken.“

„Wie meinst du …“, fragt Callan verwirrt, als sich drei der freiwilligen Andrin mit einem gewagten Sprung über die Bakteroiden hinwegkatapultieren und direkt neben Callan landen.

„Höre auf sie“, sagt einer der drei – ein Mann mit ernstem Gesicht und den Augen eines reumütigen Mörders –, „wir kümmern uns um sie.“

Callan ist nicht scharf darauf, zu einer wandelnden Ruine zu werden, und Wunden heilten wahrscheinlich besser als Krankheiten, also beginnt er den irrsinnigen Aufstieg ohne viel Hoffnung, dass es funktionieren kann.

Schon als er das erste Mal vorsichtig mit seinen Händen nach dem Seil greift, um sich heraufzuziehen, spürt er die scharfen Stacheln in sein Fleisch stechen. Es ist, als suchten die Dornen selbst jetzt mit feurigem Eifer nach Gewebe, in das sie sich gierig eingraben können. Unter allen Lebewesen allein jenes verschmähend, das die Peitsche schwingt.

Der Schmerz ist grotesk und für einen Moment droht Callan wieder abzurutschen. Doch er lässt sich nicht entmutigen. Er weiß, dass er nicht derjenige ist, der hier die größten Opfer bringt. Um sich herum hört er Peitschenknall um Peitschenknall, hektische Befehle und angsterfüllte Schreie. und einmal glaubt er, aus dem Augenwinkel zu sehen, wie sich ein schlangenhafter Körper zwischen ihn und den Stachel wirft, nur um dann unter krampfhaften Hust- und Brechlauten auf dem schleimigen Boden zusammenzusacken.

Warum tun sie das? Fragt er sich still. Mein Leben ist nicht wertvoller als ihres. Und das stimmt. Aber zugleich weiß er die Antwort auf seine Frage. Sie tun es, weil sie es wollen. Weil es ihre Entscheidung ist. Mag sie auf ihre Art auch fast so unverständlich sein wie die seelenlose Grausamkeit ihrer Vergangenheit. Und eigentlich versteht er es doch. Stünde Adrian jetzt reumütig vor ihm, wäre ein solches Opfer das Einzige, was seine Gräueltaten in Callans Augen so weit schmälern könnte, dass er zumindest nicht mehr auf sein Grab spucken würde. Vergebung im Leben können manche Taten nie erfahren. Das hier sind Folterer und Mörder und sie haben ihren Opfern sicher noch Schlimmeres angetan.

Während er dies denkt, greifen Callans blutverschmierte, brennende Hände ein weiteres Mal zu und auch seine Füße balancieren gefährlich auf und zwischen den gefährlichen Spitzen. Diesen Aufstieg nur kraftraubend zu nennen, wäre schon fast albern gewesen.

Doch er darf nicht zögern. Denn nicht nur befindet er sich jetzt genau zwischen zwei der Bakteroiden, auch seine letzten Schutzengel sind bereits schwer angeschlagen. Der eine, eine Frau, sieht zu erschöpft, abgekämpft und zu müde aus, um das ungleiche Duell mit ihrem unerbittlichen Gegner noch lange fortzuführen. Und der andere steht als lebende Leiche starr vor der Kugel und schwingt seine Peitsche matt und nur noch mit reiner Willenskraft, während ihm ein Strom aus dicklicher Kotze wie ein Wasserfall aus dem Mund rauscht und seine Augen Blut und Eiter spucken.

Nun empfindet Callan doch Mitleid mit ihnen. Er hatte vergessen, dass sie ihre Taten nicht mit dem Tod bezahlen, sondern mit etwas weit Schlimmerem.

„Schneller, Zuckerpüppchen!“, hört er Makra ihn antreiben, die er inzwischen auch sehen kann in all ihrer wilden, herrischen Schönheit, „als Zirkusartist wärst du echt ‚ne Niete.“

Callan will ihr einen flotten Spruch zurückwerfen, aber ihm fehlen die Kraft und die Konzentration. Mühsam zieht er sich ein letztes Mal hoch, bevor …

„Scheiße!“, hört er Makra rufen, und von seiner erhöhten Position aus, sieht er auch, warum. Die Bakteroiden kümmern sich nicht länger um die erschöpften Andrin, sondern drehen sich und wenden ihre Aufmerksamkeit jetzt Makra zu, deren Hände buchstäblich gebunden sind.

„Lass die verdammte Peitsche los!“, ruft Callan. Doch Makra reagiert nicht. Also tut er das Einzige, was ihm einfällt. Er springt auf den Bakteroiden zu seiner Rechten, schafft es irgendwie bei seiner Landung nicht das Gleichgewicht zu verlieren, und reißt die Peitsche mit einem Ruck aus dem Boden.

Er hört Makra aufschreien, weiß aber nicht, ob vor Schmerz oder vor Überraschung, und hat auch keine Gelegenheit, es zu überprüfen. Denn der Bakteroide auf dem er steht, setzt sich erneut in Bewegung. Diesmal nicht um seine Z-Achse, sondern um seine X-Achse. Wie ein Sportler, der den Tritt auf seinem Laufband verloren hat, rutschte Callan von dem Giganten herab und kommt hart auf dem Boden auf.

Für einige Sekunden bleibt er benommen liegen. Dann sieht er Makras Gesicht. Eindrucksvoll, streng, liebevoll, besorgt und vor allem gesund.

Sie streckt ihre Hand aus. „Schnell“, sagt sie, „Dyvanna meint, sie hat sie alle umgepolt, aber sie ist nicht sicher, wie lang es dauern wird und …“

Noch ehe sie zu Ende gesprochen hat, verspürt Callan einen Stich in seiner Fußsohle. Wenige Sekunden lang geschieht nichts. Dann platzt ein Schrei und kurz darauf ein Schwall von stinkendem, rotbraunen Blut aus seinem Mund und eine Welle aus Qual Elend macht ihn schwach wie einen Säugling, während starke, weibliche Arme ihn einfach mit sich ziehen.

~o~


„Was … was ist passiert?“, hustet Callan über trockene Lippen. Alles in ihm ist trocken. Er fühlt sich, als hätte er sämtliche Körperflüssigkeiten ausgespien und durch seine Adern würden nur noch Sand, Luft und Pest kreisen.

„Wir hatten Erfolg“, sagt Dyvanna, „zumindest was die Bakteroiden betrifft. Sie sind jetzt folgsam wie Haustiere. Leider kam ihr Sinneswandel in deinem Fall zu spät.“

„Bin … ich …“, beginnt Callan.

„… tiefenverseucht?“, fragt Scynra, die ebenfalls neben ihm steht und, wie er feststellt, irgendeine Art von Elektroden oder Sonden an seinem Kopf angebracht hat. Außerdem sieht er, dass Nadeln mit Schläuchen an seinen Armen befestigt sind. Dennoch fühlt er sich nicht mehr halb so beschissen wie vor seiner Ohnmacht.

„Ja und nein“, fährt sie fort, „jedenfalls bist du der Betroffene, der noch am fittesten ist. Du bist definitiv krank, mein Junge. In dir feiern so ziemlich sämtliche Pathogene, die ich je gesehen habe, eine Abrissparty. Aber dennoch. Du kannst sprechen und wahrscheinlich bist du auch nicht blöder, als du es vorher schon warst. Ich weiß nicht, ob es an den Naniten oder deiner Pilzinfektion liegt. Aber ich habe schon Männer mit schweren Erkältungen gesehen, denen es mieser ging als dir. Deine Blutwerte sind aber spannender als jeder Abenteuerroman. Ich meine, so einen pH-Wert und so eine chemische Zusammensetzung würde ich von schwefeligen Vulkanquellen erwarten. Ich kann nicht sagen, ob du in den nächsten Stunden gesund wirst, explodierst oder zum Halbgott mutierst. Aber ich empfehle jedem, sich von deinen Körperflüssigkeiten fernzuhalten.“

Scynras Blick wandert zu einigen Stellen, an denen Callans Erbrochenes Löcher in den Boden gebrannt hat, und dann zu Makra, die empört den Kopf schüttelt, sich dann aber Callan zuwendet.

„Hauptsache, du lebst noch“, sagt sie rau und streichelt seine Hand.

„Dank dir“, sagt er, „aber vielleicht solltest du auf Scynra hören und dich von mir fernhalten. Zumindest fürs Erste.“

„Auch mein Leben habe ich zu nicht geringen Teilen deiner Dummheit zu verdanken“, antwortet Makra, „also lass mir meine. Ich lasse mich von ein paar läppischen Mikroorganismen nicht von dem fernhalten, was ich begehre. Und davon abgesehen: Wer hört schon auf seinen Arzt?“

Scynras empörtes Schnaufen ignoriert sie ganz bewusst.

„Wie geht es jetzt weiter?“, will Callan wissen.

„Wir und unsere neuen Freunde begeben uns jetzt direkt zum Hauptquartier“, sagt Dyvanna, deren nagelneues, schiefergraues Bein Callan unverblümt bestaunt, „wir lassen sie ihre eigene Medizin schmecken.“

„Du bist nicht tiefenverseucht“, bemerkt Callan, „ich habe dich am Boden liegen sehen, umzingelt von den Bakteroiden. Was ist mit deinem Arm passiert? Und mit deinem Bein?“

„Interessante Fragen, nicht? Schade, dass dich das einen Scheiß angeht. Aber wenigstens gute Augen scheinst du zu haben“, sagt Dyvanna bitter. „Gute Nerven hast du jedenfalls nicht. Dein Verdienst ist es zumindest nicht, dass es mir noch gutgeht. Also erspare mir jedes Gejammer und halte uns nicht auf, wenn wir losmarschieren. Wer stark genug ist, blöde Fragen zu stellen, kann auch laufen.“

Callan sieht, dass Makra ihn verteidigen will, aber er stoppt sie mit einer Handbewegung und einem bittenden Ausdruck in den Augen. Diesmal hört sie auf ihn.

„Du hast recht“, sagt er, „ich war feige. Aber ich werde mein Bestes tun, euch nicht aufzuhalten.“

Dyvanna nickt, was mehr ist, als Callan sich erhofft hat.

„Sollen wir nicht noch auf Verstärkung warten?“, fragt Nerrin.

„Nein“, sagt Dyvanna, „ich denke, dass unsere Leute nicht mehr kampffähig sind. Oder sie mussten in einen entlegenen Teil von Hyronanin flüchten. In jedem Fall sollten wir nicht mit ihrer Unterstützung rechnen.“

„Wie sieht dann unsere Strategie aus?“, fragt Andy.

„Am besten gehen wir sehr direkt vor“, schlägt Scynra vor, „wenn wir uns aufteilen, machen wir es meinen Leuten und vor allem ihren Agenten nur leichter. Sie sind im Guerillakrieg geübt, nicht in der offenen Schlacht. Ich würde vorschlagen, dass wir die Seitentunnel einstürzen lassen und unsere Kräfte im Haupttunnel massieren.“

„Macht uns das nicht zugleich auch zu einem leichteren Ziel?“, fragt Andy, „sie müssen nur unsere Bakteroiden überwinden und könnten ein Massaker anrichten.“

„Ich denke auch, es wäre schlauer, die Bakteroiden über einen der Seitengänge zu leiten und sie als Trumpfkarte zu nutzen?“, überlegt Fienna.

„Nein“, sagt Dyvanna, „wir brauchen sie als Schutzbarriere gegen ihre eigenen Apparate. Ansonsten gehören wir selbst bald zu den Verseuchten.“

„In Ordnung“, stimmt Fienna zu.

„Was tun wir mit den Andrin?“, überlegt Nerrin und sieht zu den elenden, mit Schleim, Eiter und Auswurf verkrusteten Schatten der einstigen Krieger, die fast reglos auf dem Boden liegen, „sollen wir sie mit uns tragen?“

„Sie haben ihr Schicksal selbst gewählt“, sagt Dyvanna, „und in ihrem Zustand macht es keinen Unterschied mehr, wo sie liegen.“

„Oh das sehe ich anders“, meint Nerrin, „es kann sehr wohl einen Unterschied machen, ob man etwas sieht, das einen von seinem Elend ablenkt. Ich spreche aus eigener Erfahrung.“

„Wir können sie später noch holen“, sagt Dyvanna, „wenn alles vorbei ist.“

„Damit willst du doch nur dein Gewissen beruhigen“, wirft Callan ein.

„Ich denke, du solltest froh sein, wenn ich mich beruhige, Callan. Meinst du nicht?“, sagt sie drohend und er senkt schuldbewusst den Kopf.

„Gut“, sagt Fienna, „dann überbringe ich meinen Leuten, was wir besprochen haben, und wer uns folgen will, wird es tun.“

„Eine merkwürdige Strategie“, findet Makra.

„Aber die einzige, die wir verfolgen werden“, entgegnet Fienna, „ich bin nicht mehr ihre Anführerin. Höchstens noch ihre Sprecherin.“

„Dann sprich besser geschickt“, sagt Scynra, „wenn uns die Hälfte deiner Kämpfer im Stich lässt und lieber ein Picknick in den Seuchenhöhlen abhält, ist unsre Niederlage garantiert.“

„Sie haben ihren freien Willen, aber einen Sinn von Gemeinschaft. Die Vernunft wird sie leiten“, erwidert Dyvanna, „die meisten werden uns folgen.“

Mit diesen zuversichtlichen Worten macht sich Fienna auf den Weg und kehrt bereits nach einer halben Stunde zurück. Ihr Gesicht erscheint müde, aber zufrieden.

„Der Großteil meiner Leute schließt sich dem Feldzug an und ist bereit, sich auf unsere Strategie einzulassen“, berichtet sie, „nur ein kleines Grüppchen aus jenen, die zu müde, zu ängstlich, zu verletzt oder zu traumatisiert sind, hat sich entschieden, zurückzubleiben. Sie werden bewacht von einem der Traumdrachen, dem ich einen kleinen Teil meines Schutzschildes übertragen habe, sowie von einigen Freiwilligen. Alle anderen sind bei uns.“

„Die sollten wissen, dass sie hier kaum sicherer sind als im Lager der Gesunder“, bemerkt Makra.

„Gut möglich“, sagt Fienna, „und ich denke, die meisten wissen das. Aber sie sind hier sicherer als in der Schlacht. Und sie wären uns gerade keine Hilfe. Und sie selbst kennen ihre Grenzen am besten.“

„Und die Gesunder werden ihre bald kennenlernen“, sagt Nerrin kämpferisch.

Kurz darauf macht sich das Cestral-Heer auf den Weg. Zusammen mit den Rebellen, den Bakteroiden und einer brodelnden Mischung auf Hoffnung und Ängsten.

~o~

„Hallo Drengda“, sagt Syndra, die gerade eine glänzende Beule am Körper ihrer Patientin beobachtet.

Die Augen der Frau erscheinen glasig und schreckgeweitet. Sie versucht, irgendetwas zu sagen, kann es aber nicht, weil grüner-brauner mit weißen Bröckchen versetzter Schleim wie eine Pfütze aus abgestandenem Wasser in ihrem offenen Mund steht. Drengda erkennt Schuppen irgendwo unter dem Schleim und den Beulen, die einen Gutteil ihres Körpers bedecken. Die Frau wird also zum Echsenvolk aus Akquenda gehört haben, vielleicht auch aus Tronndren. Das ließ sich bei all den verschiedenen und entfernt verwandten Stämmen nie so genau sagen. Dennoch ist sie ein intelligentes, bewusstes Lebewesen, egal, woher sie stammt und wie ihre Physiologie aussieht. Drengda spürt Mitleid und Sehnsucht nach einer Zeit, die sie selbst nie gekannt hat. Eine Ära, als die Gesunder – unter dem Namen „Sanisa“ – noch ihr Leben für den Kampf gegen solche schrecklichen Krankheiten gegeben hätten, statt sie zu züchten.

In Syndras Augen sieht sie einen ähnlichen Ausdruck. Die kurzhaarige Frau mit den strengen Gesichtszügen und der schlanken, fast magersüchtigen Statur hält sie gut verborgen unter ihrer schwarzen OP-Maske und jenem schier undurchschaubaren Spiegelblick, der es ihr ermöglicht hatte, so lange ungeschoren unter Ryxahs Herrschaft zu existieren. Einen Blick, den nur Drengda durchdringen kann. Syndra ist nicht die einzige potenzielle Rebellin ihres Volkes, die sich noch nicht im Exil befindet. Aber sie ist diejenige, der Drengda am meisten vertraut.

„Eine tolle Züchtung, nicht wahr?“, sagt Syndra mit feinem, kaum hörbarem Sarkasmus und sticht mit ihrem Skalpell in die Beule. Das Geschwür platzt nicht etwa, sondern offenbart mehrere granatapfelartige Löcher, aus denen sogleich dicker Schleim zischend auf Drengda, Syndra und die Wände der kargen OP-Kammer spritzt. Sowohl Syndra als auch Drengda zucken nicht mal mit der Wimper, als sie sich das Sekret mit dem Handrücken aus dem Gesicht wischen.

Es mag immer noch Gesunder in Hyronanin geben, die Moral kennen. Aber Ekel ist ihnen vollkommen fremd. „Die Ansteckungsrate beträgt fast 90 Prozent und die maximale Reichweite des Sekrets beinah hundert Meter. Eine einfache Berührung reicht aus, um die Ejakulation auszulösen. Abschneiden kann man die Beulen nicht. Sie sind hochregenerativ. Genau wie der Schleim darin. Sobald er in den Mundraum gelangt, macht er das Sprechen unmöglich und zersetzt schließlich die Stimmbänder. Auch der Atemreflex wird fast vollständig unterdrückt. Die Erkrankten haben unablässig das Gefühl, zu ersticken. Sie müssen aktiv versuchen, Luft zu holen, und die Sauerstoffversorgung ist so schlecht, dass ihre kognitiven Fähigkeiten nach und nach dauerhaft schwinden. Ich suche noch nach einem Namen für meine Kreation. Hast du Vorschläge?“

Ihre Stimme blieb ruhig, doch mit ihrer freien Hand drückt sie ihre Fingernägel in die Hand, die das Skalpell hält. Sie ist offenbar alles andere als glücklich über ihre Schöpfung.

„Wie wäre es mit ,die letzte Sünde’“, sagt Drengda und macht Syndra mit einem kurzen Blick klar, dass dies mehr als ein Namensvorschlag für die widerliche Krankheit ist.

„Hast du etwa ein Heilmittel für meine seelische Nekrose gefunden?“, fragt Syndra leise.

Syndras Wortwahl lässt Drengda innerlich erschauern. Doch das ist nicht Syndras Schuld. Es liegt an dem Begriff, der für Gesunder so etwas wie ein geflügeltes Wort ist, der für sie aber einen sehr realen Bezug hat.

Drengda hatte einst in der psychologischen Abteilung assistiert. Es hatte dort Experimente gegeben, mit dem Ziel, seelisches Leiden mit Gesundheit zu kurieren. Um das aber testen zu können, hatte man sich nicht mit den ohnehin traumatisierten Probanden begnügt, die in Hyronanin wie Sand am Meer existierten, sondern versucht. den ultimativen psychisch Kranken zu erschaffen. Dieses Ziel hatte man vielleicht nicht ganz erreicht. Aber mit einer Kombination aus Folter, manipulativer „Gesprächstherapie“ und diversen Medikamenten hatte man Lebewesen erschaffen, die innerlich fast gänzlich abgestorben, doch geistig noch bewusst waren, um wirklich zu leiden. Sie waren schwer depressiv, aber das war längst nicht alles. Es gab auch Elemente von Derealisation, Hypochondrie (sehr ironisch in einer Welt wie Hyronanin), Dermatozoenwahn, Schizophrenie und Paranoia in ihrem zerrütteten Geist. Doch auch wenn es gelungen war, solche seelisch nekrotischen Personen zu erschaffen, war die Heilung weniger erfolgreich. Die Gesundheit hatte nicht die geringste Wirkung auf ihren Zustand gehabt. Eine These, die Drengda schon vor Beginn der Versuche aufgestellt hatte und die sie absolut nicht überraschte. Aber ihre Kolleginnen hatten darauf bestanden, die Experimente dennoch durchzuführen. Heute vermutete Drengda, dass es mehr Sadismus als wissenschaftliche Neugier gewesen war. Syndra jedenfalls kommt diesem Zustand sicher nicht nah. Aber Drengda verstand, warum sie diese Metapher verwendete. Sie spürte dasselbe Leid und dieselbe Ausweglosigkeit. Beinah zumindest.

„Womöglich habe ich das“, antwortet Drengda fast flüsternd, „die Besucher aus Cestralia könnten uns beiden diese Chance eröffnen.“

„Die Chance, Ryxahs Unmut zu erregen und selber auf dem OP-Tisch zu landen, meinst du vielleicht“, sagt Syndra bitter. Sie kratzt dabei etwas von dem Schleim aus von ihrem Handrücken ab und träufelt ihn auf einen Teststreifen. Dem Blick der verkrusteten Augen der Frau auf dem OP-Tisch weicht sie aus.

„Früher oder später werden wir ohnehin dort landen“, sagt Drengda, „Ryxah wird immer paranoider und grausamer.“

„Da will ich nicht widersprechen“, sagt Syndra, während sie den Teststreifen unter ein Mikroskop legt, „aber du glaubst doch nicht, dass uns diese Leute gnädiger wären, wenn sie gewinnen sollten. Falls es ihnen gelingt, heißt das. Vielleicht hast du ja den Aufmarsch, den Karrek dort draußen organisiert hat, auch schon bemerkt. Aber selbst wenn es ihnen gelingt, unsere Verteidigung zu durchbrechen: Du weißt, was wir ihnen angetan haben. Ich würde es mir nicht verzeihen.“

„Nicht jeder ist so grausam wie wir. Und ist es nicht auch Folter, sich Tag für Tag ihrem Willen zu beugen und gegen das zu handeln, an das wir glauben. Gegen das eigentliche Erbe unseres Volkes?“, entgegnet Drengda.

„Sieh sie an!“, verlangt Drengda, als Syndra nicht reagiert, “hör auf, die Krankheit zu betrachten, und sieh deine Patientin an. Sieh sie an und sag mir, dass du das hier nicht beenden willst.“

Syndra stockt und sieht dann tatsächlich zu der Frau herüber. Zum ersten Mal seit langer Zeit scheint sie sie wieder als ein Lebewesen und nicht als Teil einer unangenehmen Aufgabe zu begreifen. Drengda erkennt, dass Syndra schaudert und sich Tränen den Weg in ihre Augen bahnen. Selbst der Atem, den sie ausstößt, schmeckt für Drengda nach Schuld. Jener Schuld, die sie selbst so gut kennt wie ihr Skalpell.

„Ich will das beenden“, sagt Syndra schließlich leise, „wenn ich wüsste, wie.“

„Es gibt vielleicht einen Weg“, sagt Drengda erleichtert, „hast du noch den Zugang zum Limaah-Antidot, an dem du arbeiten solltest?“

Syndras Augen weiten sich. „Ist das dein Ernst? Du weißt, dass uns das alle krank machen wird, wenn …“

„Hast du den Zugang noch?“, beharrt Drengda.

„Nein“, sagt Syndra, „nicht mehr, seit das Projekt abgeschlossen ist. Aber ich weiß, wo das Antidot aufbewahrt wird, falls es überhaupt noch existiert. Immerhin ist es Wahnsinn, dass es überhaupt je geschaffen wurde.“

„Und Ryxahs Wahnsinn ist der Grund, aus dem es immer noch existieren wird“, vermutet Dyvanna, „Sie benötigt es als Drohung. Gegen uns und gegen jedes unserer Forschungslabore und Enklaven in allen anderen Welten. Den Preis unserer Vernichtung hätte sie früher nie gezahlt, aber ihr geistiger und moralischer Abstieg erfolgt längst nicht mehr in kleinen, dezenten Stufen.“

„Das gilt auch für dich, wenn du das tun willst“, sagt Syndra immer noch nicht ganz überzeugt, „wir sind uns einig, dass wir auf dem falschen Weg sind, aber ich will auch nicht, dass dieser Weg für uns endet. Ich will umkehren, nicht Selbstmord begehen.“

„Das müssen wir nicht“, sagt Dyvanna, „wir haben Gesundheit hier. Es ist ein Extrakt geronnener Grausamkeit, aber einer, den wir seinem ursprünglichen Besitzer ohnehin nicht zurückgeben können. Zumindest nicht allen. Wir können es nutzen, überleben, und vielleicht eine Einigung mit den Cestral erreichen. Auch sie können fähige Ärzte in ihren Reihen gebrauchen. Ihre Welt heilt manch seelischen Schmerz, aber nicht den körperlichen, soweit ich weiß. Lieber dort ein Gefangener sein, als hier eine Agentin des Grauens.“

„Vielleicht hast du recht“, überlegt Syndra, „aber das Lager wird streng bewacht und wo die Loyalitäten der Anderen liegen, wissen wir nicht genau. Wir beide kommen da niemals rein.“

„Nicht jetzt“, stimmt Drengda zu, „aber wenn der Angriff der Cestral erst erfolgt, könnte es anders sein. Wir müssen lediglich auf den richtigen Moment warten.“

„Warten gehört zu den größten Qualen an diesem Ort“, sagt Syndra und blickt erneut auf das geschundene Opfer auf ihrem OP-Tisch. Auf die Frau, deren Schicksal sie selbst zu verantworten hat.

„Ja“, stimmt Drengda zu, „aber es ist erträglicher, wenn man Hoffnung hat. Und sei sie noch so klein.“

Syndra nickt, kramt in einer Schublade und tut dann etwas, was ihr eigentlich verboten ist. Sie verabreicht der Frau ein Schmerzmittel. Und diese einfache, barmherzige Tat, nimmt beinah so viel Last von ihr, wie von ihrer Patientin. Als die verkrampfte Maske einem drogengeschwängerten, aber beinah schmerzfreiem Grinsen wich, stiehlt sich auch ein Lächeln auf Syndras Gesicht.

~o~

„Es ist Zeit“, höre ich Krimara sagen, deren Berührung mich sanft aus dieser Achterbahnfahrt aus Leid und Hoffnung reißt. Zu den Geigen und dem Klavier hat sich nun ein dunkler, vielstimmiger Chor gesellt. Das höre ich schon. Doch meine Sicht ist noch nach innen gerichtet. Immerhin scheinen Tarena und Andy noch zu leben und auch die Lage der Rebellen und der Cestral ist nicht gänzlich aussichtslos. Ich wünschte nur, ich könnte ihnen irgendwie beistehen. Meine Fehler wiedergutmachen. Doch weder kann ich eingreifen noch ihnen Informationen liefern. Ich weiß nicht mal mit Sicherheit, ob das, was ich sehe, in der Vergangenheit geschah oder in der Gegenwart geschieht, auch wenn ich letzteres vermute.

„Ja“, sage ich und schaue mich um, als meine Sicht wieder vollständig zurückkehrt. Der Raum hat sich verändert. Vor allem dadurch, dass sich die Toten nicht länger unter dem Glas befinden. Sie stehen um uns herum. Beobachtend, lauernd und mit ungeduldigem Nachdruck in ihren Gesichtern, die, wie ich erkenne, jenen düsteren, kehligen Chor zum Besten geben, als würde abgestandene Luft durch ihre verorteten Lungen und Stimmbänder gepresst. Hunderte. Tausende. Mehr als selbst wir bezwingen könnten, sollten sie sich doch noch entscheiden, uns zu sich zu holen.

„Haben wir etwas falsch gemacht?“, frage ich Krimara leise.

„Noch nicht“, sagt sie, „nur, wenn wir länger verweilen. Dies ist kein Angriff. Es ist ein Zeichen zum Aufbruch.“

„Dann nichts wie los“, sage ich, und gemeinsam gehen wir durch eine Prozession von singenden Leichen zu der weißen Tür. Jeder Schritt fährt mir tief ins Mark und bis zuletzt bin ich mir nicht sicher, ob aus dem dunklen Totenbrummen nicht doch noch ein genussvolles Schmatzen werden würde. Doch letzten Endes kommen wir ungestört an unser Ziel und betreten die Tür. Welche Überraschungen uns wohl dahinter erwarten werden?

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