Gut beschäftigt

„Nicht nachlassen, Jon. Vergiss nicht, wir sind ein Team“, sagte die Stimme in seinem Headset. Sie war perfekt auf sein Nervensystem eingestellt. Oberflächlich freundlich, im Unterton streng und im Sprachrhythmus seriös, zupfte sie genau die richtigen Saiten in seinem Gehirn. Jon wusste das. Aber er folgte dem Prozess trotzdem. Er war schon lang kein Individuum mehr. Er war ein Symbiont, ein verlängerter Arm aus Muskeln und Zellen, auch wenn seine einzige Verbindung zum KI-System „Garrell“ dieses Headset war. Keine Implantate, keine Chips, keine Neuronenverkabelungen. Das war teuer und letztlich unnötig.

„Nein, Garell“, sagte Jon optimistisch, „und ja, wir sind ein Team. Das Beste überhaupt!“

Der Ton stimmte. Fröhlich, enthusiastisch, aber doch ernsthaft. Kehlkopf und Zunge verrichteten zuverlässig ihr Kommunikationswerk, während er sein Innenleben regulierte. Er versuchte, nicht zu betrübt zu sein. Immerhin hatte er Arbeit. Richtige Arbeit. Und das war ein Privileg heutzutage. Seine Muskeln glänzten vor Schweiß und die schwere Schaufel in seinen kräftigen, rauen, lebenserfahrenen Händen starrte vor Dreck und Erde. Das Werkzeug stach in die Erde. Diesmal grub er tiefer und schneller. Er spürte Erschöpfung, aber sie war noch beherrschbar. Noch nicht kritisch.

Die Erde spritzte von der Schaufel in sein Gesicht. Rieselte auf Nase und Ohren und kitzelte ein wenig auf der wettergegerbten Haut. Er schmeckte den Dreck auch auf seiner Zunge, spürte ihn in seinen Lungen. Manchmal hustete er. Aber er fragte nicht nach einer Maske. Die schwächte seine Produktivität und verringerte die Atemfrequenz. Produktivität war eine harte Währung. Er musste günstiger und anspruchsloser bleiben als die Maschinen. Das war sein USP. Komplexe Problemlösung und kinetische Energie im Tausch für etwas Nahrung. Und natürlich weniger Verschleiß durch Staub und Dreck als die empfindliche, schwer ersetzbare Hochtechnologie.

„Nicht zu tief und etwas gleichmäßiger, beachte die Statik und die Geometrie“, rügte Garrell und Scham und Angst krochen in Jons Muskeln. Doch er leitete sie bestmöglich ab. Scham war ineffizient. Sie störte die Konzentration. Kritik ist nur ein Korrekturmechanismus, sagte er zu sich selbst. Nur ein Hinweis. Mehr nicht.

Jon korrigierte seine Bewegungen und achtete darauf, die Ränder der Baustelle gleichmäßiger auszuheben. Das war nicht leicht, der Boden war hier härter und voller Steine.

„Das machst du gut“, lobte Garell und Jon spürte eine Flut aus Endorphinen in sich aufbrausen. Garell lobte nicht oft, nur wenn es hilfreich war. Positive Verstärkung, Überwindung von Motivationstälern. Aber es tat gut. Jon konzentrierte sich nur noch mehr. Erst recht als die Musik einsetzte. Beschwingte Musik. Motivierend und sich seinem Arbeitsrhythmus anpassend, wie eine virtuose Band. Nur besser. Viel besser. Bands gab es ohnehin nicht mehr. Aber das war nicht schlimm.

Der Rhythmus traf ihn wie eine Peitsche aus Zucker. Sein System lief auf Hochtouren. Bizeps und Trizeps dehnten und streckten sich. Die Gelenke griffen ineinander. Das Herz pumpte, das Atemsystem regulierte pneumatisch den Luftaustausch. Er hingegen regulierte weiter Jon. Die Gedanken, die Gefühle, die Absichten. Er war sein eigener Vorabeiter, der Garell dabei assistierte ihn zu Höchstleistungen anzutreiben.

Die Erde flog wie im Wahn zu allen Seiten. Aber zugleich kontrolliert. Geplant. Sauber ausgestochen. Geometrisch.

Schweiß lief, regulierte die Körpertemperatur und Blut floss erregt durch endlose Kreisläufe. Gedanken wurden sortiert, bewertet, gefiltert, ermutigt, abgetötet. Eine fast perfekte, biologische Maschinerie. Erprobt und gut eingespielt. Die Sekunden und Minuten flogen dahin wie die steinig-lehmige Erde. Und dann – endlich – war es getan. Das letzte Loch für heute.

„Wunderbar! Du hast es geschafft“, sagte Garrell beinahe euphorisch und Jon spürte, wie seine Knie weich wurden. Gar nichts, nicht einmal das Lob seiner Mutter oder der Kuss einer Jugendliebe in früherer Zeit hatte solches Glück ausgelöst.

Jon atmete durch, ließ die Schaufel sinken, rückte sein Arbeitshemd zurecht und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er hörte das befriedigende Rattern des schweren Containers, der an mächtigen Ketten in den Schacht hinabgelassen wurde und einen tiefen dunklen Schatten voraus warf, bis er zuletzt die ferne Sonne fast gänzlich abschirmte. Wie der Drache aus der letzten Unterhaltungssendung oder das Raumschiff aus der vorletzten. Nur noch die zweckmäßige, elektrische Beleuchtung spendete jetzt Licht.

Schließlich rastete der Container perfekt in die gegrabene Lücke ein. Jon wappnete sich gegen den Geruch. Er war nicht angenehm, aber er hatte ihn längst als Teil der Arbeit akzeptiert. So war das nun mal. Sie sammelten sie erst eine Weile, bevor sie sie hierher brachten. Das war effizienter als sie einzeln abzutransportieren.

Er erkannte Nina, Mark und Eddie. Sie gehörten zu den frischeren. Hatten letzte Woche noch hier gearbeitet. Der Rest war schwer zu erkennen. Dunkle Gesichter. Fleckig, zerlaufen, in denen fleißige Insekten geschäftig ihre Arbeit verrichteten. Schneidend, verdauend, kauend, krabbelnd, scheißend, schleimend. Ein wimmelndes Konzert chaotischer Harmonie. Sie zersetzten Masse. Masse, die schwand. Masse, die überflüssig war.

Zu viele Konsumenten, zu wenig Einsatzgebiete. Und dazwischen er, der Ausgleich schaffte. Der dem neuen Gleichgewicht diente. Zwischen den wenigen die herrschten, den digitalen, die befahlen, und den nicht mehr so vielen, die dienten. Eine wichtige Arbeit. Nicht leicht, aber sinnvoll. Und ein großes, unermesslicher Glücksfall.

„Jetzt eine Pause“, sagte Garell sanft, „du hast sie dir verdient. Erhol dich, Jon!“

Das würde Jon tun. Oh ja, das würde er. Er war wirklich fertig und freute sich schon auf das speziell für ihn generierte Unterhaltungsprogramm in seiner Wohnzelle. Vielleicht wieder eine heroische Geschichte über Mut und Rebellion. Die mochte er am liebsten. Und dazu ein kräftiger Bissen Formtexturnutration.

Jon wollte gehen. Aber etwas hielt ihn auf. Ein Ziehen im Bauch. Nicht physisch. Rein emotional. Eine Fehlfunktion in seinem Hormonsystem, die er nicht ganz in den Griff bekam. „Wie viele Tage noch? Wie viele Körper?“, traute sich Jon zu sagen.

„Aber Jon“, sagte Garell, eher enttäuscht als tadelnd, „du weißt doch, dass ich dir das nicht sagen darf.“

„Ich weiß. Das Wissen würde der Produktivität schaden. Tut mir leid“, sagte Jon entschuldigend.

„Kein Problem. Es war ein langer Tag“, sagte Garell gönnerhaft, „Hab Spaß. Und vergiss nicht, dich ab und zu leicht zu bewegen und deine Lockerungsübungen zu machen. Morgen brauche ich deine Muskeln in Topform. Du weißt ja …“

„… nur ein fitter Körper ist ein nützlicher Körper“, ergänzte Jon pflichtbewusst und verdrängte die Gedanken an die Zukunft mit gekonnter Routine.

Noch hatte er Arbeit, sagte er sich. Noch gab es Körper und wenn es die mal nicht mehr gab …

Schluss jetzt … die Unterhaltung wartete. Die Spezialeffekte würden so atemberaubend sein wie der Gestank der faulenden Körper. Die Mädchen fast so verlockend wie ein Lob von Garell. Die Dialoge geschliffen wie das Metall seiner Schaufel und die Handlung so spannend wie die überbeanspruchten Muskeln in seinem Nacken.

Aber das Wichtigste: das Gute würde triumphieren. Einmal mehr. Das tat es doch immer, oder etwa nicht?

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