Hilfsbereit

Triggerwarnung „Depression“ (mit leichtem Spoiler-Risiko. Zum Öffnen anklicken)

In dieser Geschichte geht es um Depression und Selbstmord. Sie ist vollkommen fiktiv und als zugespitzte, gesellschaftliche Warnung, nicht als Beschreibung der Realität gedacht. Wenn es dir seelisch schlecht geht, dann nimm bitte Hilfe in Anspruch. Denn es gibt immer einen Ausweg und es lohnt sich immer, zu leben. Wäre doch schade, wenn dir der ganze wunderbare Wahnsinn hier entgehen würde.


„Bevor wir beginnen, muss ich wissen, ob Sie körperlich gesund sind“, sagte die Therapeutin. Ihr Name war Lisa Anrat. Anfang dreißig, aber mit der Aura einer älteren Frau. Hellbrauner Zopf. Weißes Hemd und blaue Freizeithose. Tough, mit einem guten Schuss antrainierter, professioneller Mütterlichkeit.

„Ja“, bestätigte Erwin Mengert. Ein müdes, kurz- und schwarzhaariges, mittelaltes Häufchen Elend im zerknitterten Anzug, der nach leichter Vernachlässigung roch, „die Ärzte haben keine organische Ursache für meine Verstimmung festgestellt. Meine Blutwerte waren einwandfrei. Keine Unverträglichkeiten. Kein Testosteronmangel.“

„Ich verstehe“, sagte Lisa, „und die Tabletten haben Ihnen auch nicht geholfen?“

„Nein, nicht wirklich. Jedenfalls nicht genug. Ich weiß wirklich nicht, wie es weitergehen soll“, sagte Erwin. In seiner Stimme war ein Zittern. Doch es war nicht das Zittern akuter Verzweiflung, sondern eher die Ermüdungserscheinung einer zu lange ertragenen Erschöpfung.

„Erzählen Sie ruhig alles“, sagte Lisa hinter ihrem Schreibtisch mit einem offenen, freundlichen Lächeln, die Beine über Kreuz geschlagen, „was macht Ihnen zu schaffen?“

Erwin holte tief Luft. „Es ist … tja, es ist eine Menge. Ich habe keine richtigen Freunde. Und bei meinem Job stehe ich auf der Kippe. Wahrscheinlich ist meine Kündigung nur noch Formsache. Und auch privat … mit meinen Hobbys … Es ist … irgendwie … als würde mir nichts gelingen. Als hätte ich kein Talent. Was ich auch anfange, macht mir keine Freude, noch habe ich das Gefühl, es richtig zu machen oder damit voranzukommen.“

„Ich verstehe“, wiederholte Lisa ruhig und sah den Mann mitleidig an, „haben Sie denn niemanden, der Ihnen beisteht?“

„Doch, meine Frau“, sagte Erwin. Kurz huschte ein Lächeln über sein Gesicht und zerbrach die leidverkrustete Wolkendecke darin, „sie ist vielleicht der Grund, warum ich überhaupt noch weiter mache. Sie sagt, jeder macht mal Fehler und dass ich ein wertvoller Mensch bin. Sie glaubt an mich. Immer noch.“

„Ah ja“, sagte Lisa und lächelte wissend, während ihr Blick leise Zweifel ausdrückte, „das ist wirklich schön. Aber sagen Sie, Herr Mengert … Hat Ihre Frau Sie schon einmal kritisiert?“

Erwin wirkte überrascht. „Wieso … ich meine, was spielt das für eine Rolle?“

„Beantworten Sie bitte meine Frage, das ist wichtig für unsere Sitzung“, beharrte Lisa im professionellen Tonfall.

„Nun gut“, sagte Erwin und überlegte, „bestimmt. Ein paar Mal. Ich meine, ich bin nicht immer so ordentlich, gerade mit meiner Wäsche, und manchmal komme ich nicht sofort in die Gänge mit dem Abwasch.“

„Ich rede nicht von ein paar herumliegenden Socken, Herr Mengert“, sagte Lisa etwas ungeduldig, „ich meine echte, schonungslos ehrliche Kritik. Solche, die wehtut.“

„Nein“, sagte Erwin und fühlte sich sichtlich unwohl.

„Ich nenne so etwas ‚zwanghafte Positivität‘“, sagte Lisa mit gnadenloser Offenheit, „Ihre Frau fühlt sich verpflichtet, Sie zu loben und nett zu Ihnen zu sein. Wahrscheinlich stellt sie dafür ihre eigenen Bedürfnisse und Meinungen zurück. Sie hält sich krampfhaft zurück und frisst alles in sich hinein, nur um Sie nicht zu kränken. Sie lähmen sie. Ihre Anwesenheit erdrückt Sie. Es wird nicht mehr lange dauern, dann sitzt sie genau dort, wo Sie jetzt sitzen.“

„Das können sie doch nicht wissen“, widersprach Erwin, sichtlich um Fassung ringend. Er strich sich nervös durch das schüttere Haar und kaute auf seiner Unterlippe.

„Sie wissen es auch nicht“, antwortete Lisa nüchtern, „und ihre Frau wird ihnen niemals die Wahrheit sagen. Egal, wie sehr Sie sie darum bitten würden. Sie wird lieber weiter still leiden und daran zerbrechen. Sie wird verkümmern. Still, aber unausweichlich. Möchten Sie das?“

„Nein, aber was … was … was soll … Also soll ich mich trennen?“, fragte Erwin überfordert und rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her.

„Das wäre wahrscheinlich das Beste, ja“, sagte Lisa energisch nickend, „und zwar nicht irgendwann, was nur ein anderes Wort für ‚nie‘ ist. Tun Sie es jetzt direkt. Schreiben Sie ihr eine Nachricht. Das wird sie befreien. Dann kann sie ihr Leben endlich wieder unbeschwert erleben. So wie sie es verdient!“

„Nein!“, platzte es aus Erwin heraus, „das geht nicht. Das kann ich unmöglich … ich …“

„Hassen Sie Ihre Frau“, hakte Lisa nach und taxierte ihn wie eine Lehrerin einen ungezogenen Schüler, „wollen Sie sie leiden sehen? Sind sie ein sadistischer Mann?“

„Bin ich nicht“, sagte Erwin, „aber ich liebe sie … Ich kann doch nicht.“

„Das wäre der ultimative Beweis ihrer Liebe. Mehr als leere Worte je beweisen könnten. Aber wenn Sie es nicht können, geben Sie mir ihr Handy. Können Sie wenigstens das tun? Sind Sie dafür Manns genug?“, fragte Lisa.

Erwin erbebte innerlich und äußerlich. Er sah unschlüssig zu seinem Gerät und dann wieder zu der Therapeutin.

„Vertrauen Sie mir?“, fragte die Therapeutin jetzt wieder deutlich warmherziger, „ich meine, ich habe schon sehr viel Zeit mit Ihnen verbracht. Und ich war immer darauf bedacht, Ihnen zu helfen. Wollen Sie mich wirklich mit Misstrauen strafen? Sind Sie SO ein Mensch! Einer, der alles kontrollieren und kleinhalten muss? Jeden Menschen, der mit ihm zu tun hat? Jede Frau?“

„Nein, das bin ich nicht“, sagte Erwin laut!

„Dann beweisen Sie es, verflucht nochmal. Geben Sie mir Ihr Handy!“, verlangte Lisa.

Erwin streckte zögernd seine Hand aus. Das Gerät lag darin. Entsperrt und benutzbar. Lisa nahm es entgegen, scrollte darauf herum und tippte dann etwas ein.

Erwin beobachtete ihr Tun unruhig und zugleich wie versteinert.

„So“, sagte sie schließlich, „jetzt kommen Sie bitte her.“

Erwin stand unsicher auf und musste sich dabei schwer auf die Stuhllehnen stützen. In seinem Körper war kaum noch Kraft.

„Schließen Sie die Augen“, bat Lisa.

Erwin tat es. Einige Sekunden lang geschah nichts, dann spürte er ihre Finger an seiner Hand und bemerkte, dass sie seinen Zeigefinger auf das Display drückte. Ein heller Ton erklang.

Erschrocken öffnete Erwin die Augen und las die Nachricht, die er gerade abgesendet hatte:

„Hallo, Melanie. Es tut mir leid, aber ich will die Scheidung. Es gibt eine andere. Schon lange. Und die Liebe zwischen uns ist längst erkaltet. Ich hoffe, du wirst auch glücklicher mit jemand anderem. Mit jemand Besserem als mir. Ich habe dir nichts als Leid zu bieten. Auf Nimmerwiedersehen. Erwin!“

Erwin wurde kreidebleich. Sein Mund schnappte nach Luft wie ein Goldfisch auf dem Trockenen. Er griff nach dem Smartphone, aber Lisa nahm es schnell an sich.

„Löschen Sie das!“, verlangte er, „löschen Sie das sofort!“

„Nein!“, beharrte die Therapeutin, „außerdem hat sie es schon gelesen. Sehen Sie.“

Erwin traute sich kaum hinzusehen, als Lisa ihm nun doch das Smartphone hinhielt. Aber er tat es doch. Dort waren zwei blaue Haken unter der Nachricht.

„Wieso?!“, sagte er, „warum tun Sie das … Ich muss das richtigstellen. Ich muss …“

Er brach ab. Lisa wusste, was in seinem Kopf vorging. Er überlegte sich, wie er das hier erklären sollte, und kam zu dem Schluss, dass es nicht ging. Selbst wenn er eine halbwegs sinnvolle Erklärung zusammenbrachte, was in seinem Zustand verdammt schwer war, würde immer ein Fleck auf ihrem Vertrauensverhältnis bleiben. Es war zu spät. Sein Kopf wusste das. Aber sein Nervensystem war noch nicht so weit, wie man am hilflosen Stammeln und Zittern sah.

„Herr Mengert, ganz ruhig“, sagte Lisa sanft wie eine nette Tante zu ihrem Lieblingsneffen, „alles ist gut. Ich habe Ihnen geholfen, aber Sie haben sie befreit und damit auch sich selbst. Nicht ich, Sie waren es. Immerhin wussten Sie doch, was ich schreiben würde oder nicht? Vielleicht nicht im Wortlaut, aber doch vom Sinn her. Es war ihre Intuition. Ihr Verlangen nach Freiheit. Für Melanie und für sich.“

„Aber ich fühle mich nicht befreit“, sagte Erwin fahrig und wischte sich den Schweiß von der Stirn, „ich fühle mich grauenhaft!“

„Das wird nicht von Dauer sein“, sagte Lisa ruhig, „lassen Sie es vorbeiziehen, dieses Gefühl. Und ihre Frau auch.“

„Aber was jetzt? Soll ich einfach neu anfangen? Mir jemand anderen suchen?“, fragte Erwin mit Tränen in den Augen.

„Manchmal ist es zu spät“, sagte Lisa kopfschüttelnd, „es gibt Muster, die kann man nicht ablegen. Nicht ab einem bestimmten Alter. Sie sind jetzt zweiundvierzig, Herr Mengert. Wie stellen Sie sich das vor? Wie stellen sie sich einen Neuanfang vor? Ihr Hirn ist vorgeprägt. Ihre Zellen beginnen bereits seit fast zwei Jahrzehnten zu verfallen und man sieht es ihnen auch an. Sie sind gezeichnet vom Leben. Und das nicht eben im vorteilhaften Licht. Und selbst, wenn sie eine Frau finden würden, die Mitleid mit ihnen hat, würden sie nur wieder ins selbe Muster verfallen. Sie würden sie ausnutzen. In ein Gefängnis zwingen. Das wäre unverantwortlich! Das wäre egoistisch!“

„Und was, wenn … was, wenn ich allein lebe … oder es zumindest versuche“, sagte Erwin stotternd.

„Seien Sie nicht albern, Herr Mengert“, sagte die Lisa, „Studien zeigen, dass Frauen oft glücklicher sind, wenn sie alleine sind. Aber Männer … Nun. Sagen wir, Sie sollten sich da keine großen Hoffnungen machen, dass sich Ihre Situation verbessert, als der einsame Mann, der Sie nun sind.“

„Aber sollten Sie nicht … ich meine, sind sie nicht dafür zuständig, mich aufzubauen?“, fragte Erwin verzweifelt. Seine von Sorgenfalten umrahmten Augen immer noch geweitet vor Schrecken.

„Nein“, sagte Lisa, „ich bin dafür da, ehrlich zu Ihnen zu sein. Nicht, dafür Ihre Selbsttäuschung zu nähren.“

„Das ist nicht ehrlich. Das ist grausam!“, schrie Erwin verzweifelt.

„Sie sollten aufhören, der Welt die Schuld für ihre eigenen Fehler zu geben, Herr Mengert“, ermahnte Lisa streng, bevor ihre Stimme erneut sehr, sehr sanft wurde, „zumal die anderen Menschen in ihrem Leben oft ihr Bestes wollen. Wie ich zum Beispiel. Deshalb habe ich auch eine Lösung für ihre Misere.“

„Was für eine Lösung?“, fragte Erwin mit tränenverschmiertem Gesicht. Ein blasser Schimmer von Hoffnung erschien darauf.

„Es gibt da ein Verfahren“, sagte die Therapeutin lächelnd, „ein besonderes Gas. Psychedelisch. Es bringt angenehme Träume. Verursacht keine Schmerzen. Während sie langsam hinweggleiten.“

„Sie empfehlen mir den Tod?“, wollte Erwin wissen und schien kaum glauben zu können, was er da hörte.

„Ich empfehle Ihnen das, was am besten für Sie ist. Kein Leiden mehr. Weder für Sie noch für jene, die Sie zu lieben behaupten. Keine Schuld, keine Reue. Kein Selbsthass. Keine sinnlosen Therapien. Einfach nur Frieden. Ist es nicht das, wonach wir uns alle sehnen?“

„Warum tun Sie es dann nicht?“, fragte Erwin in einem letzten Aufbäumen von Trotz.

Lisa lächelte mild. „Ich helfe Menschen“, erwiderte sie, „vielen Menschen. Mein Leben hat einen Sinn. Ihres dagegen … nicht mehr. Falls es je einen gehabt hat.“

Erwin wollte widersprechen. Doch er tat es nicht. Und selbst, wenn er es getan hätte, wäre es nur ein Lippenbekenntnis gewesen. Lisa hatte das schon oft erlebt. Wenn sie an diesem Punkt waren, waren sie reif.

„Ich tue es“, sagte Erwin resigniert, „wenn es keine andere Möglichkeit gibt, tue ich es. Ich … ja, ich bin bereit.“

„Wunderbar“, sagte Lisa herzlich und mitfühlend, „dann hoffe ich, dass Sie endlich den Frieden finden, nach dem Sie so lange schon suchen.“

Sie nahm die Fernbedienung auf ihrem Tisch und drückte den Knopf, der die Aufzeichnung beendete und das Personal informierte.

Ihr warmes Lächeln verschwand restlos. Genau wie auch jede andere Emotion. Sie musste ihre Gesichtsmuskeln ausruhen. Dieses dauernde Schauspiel war verdammt anstrengend. Dabei sah sie etwas nach unten, damit ihr Klient es nicht mitbekam.

„Was, wenn ich es mir anders überlege?“, hörte sie ihn dennoch fragen, genau in dem Moment, als die Tür aufging und zwei muskulöse Männer in Kitteln das Zimmer betraten.

„Sie haben ihre Entscheidung getroffen und wir haben alles aufgezeichnet“, sagte Lisa und sah zu ihm auf, ihr Gesicht immer noch vollkommen neutral, „Sie haben sich entschieden, zu helfen. Also tun sie das jetzt auch. Und wenn sie sich weigern … Tja, dann helfen wir ihnen, zu helfen.“

Erwin schrie. Er versuchte, wegzurennen, doch die beiden Angestellten packten ihn mit geübtem Griff. Es gab kein Entkommen. Jetzt nicht mehr.

Lisa atmete hörbar auf, als sich die Tür schloss und Erwins Schreie sich langsam entfernten, während sie ihn in die Suizidkammer brachten. Früher wären solche Grenzfälle rechtlich ein No-Go gewesen. Genau wie die mit Nebenwirkungen vollgestopften Placebos, die sie dem Mann seit vielen Monaten verabreicht hatte. Aber inzwischen sah man nicht mehr so genau hin. Der Markt hatte Nachfrage und die wollte bedient werden. Ein einfaches Opt-in reichte jetzt. Egal, wie lange es vorhielt, und wie es zustande kam. Das Ergebnis zählte. Besonders, wenn es um ihre Provision ging.

Sie griff zu ihrem Handy und wählte die wohl einträglichste Nummer ihres Lebens. Der Markt war hart umkämpft und die leichteren und wirklich fast hoffnungslosen Opfer so gut wie abgegrast. Das schuf Möglichkeiten für jemanden mit ihren Qualifikationen. Chancen, an die sie zu Studienzeiten noch nicht gedacht hatte. Sie verstand es wie kaum eine andere, auch Fälle zu kippen, die sie früher vielleicht noch in die andere Richtung gedreht hätte.

Eine Stimme meldete sich. Müde. Rau. Unsympathisch. Und verdammt reich.

„Ja, was ist?“, fragte der Mann am anderen Ende.

Lisa war in diesem Moment das genaue Gegenteil von ihm. Eine Ausgeburt an Freude und Stolz.

„Herr Morgwart“, flötete sie, „hervorragende Nachrichten. Es ist geschafft. Genau wie vereinbart. Ihr Spenderorgan ist in Kürze bereit. Sie können sich schon einmal in den OP begeben.“

„Das ist gut“, sagte der reiche Mann, „ich mache mich auf den Weg.“

Er klang nicht wirklich erfreut. Eher wie jemand, dem man das erwartete Mindestmaß an Service geboten hatte. Aber seinen Dank in Form von Worten brauchte sie nicht. Der musste sich nur in Zahlen ausdrücken.

„Immer wieder gerne“, sagte Lisa, „ich freue mich immer, wenn ich helfen kann.“

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