
„Crack oder Whiskey?“, fragte Gabriela. Schon ohne ihren forschen Tonfall hätte Jonathan nicht vermutet, dass das ein serviceorientiertes Angebot war. Natürlich war es ein despektierlicher Seitenhieb auf seine kränkliche Erscheinung. Aber auch wenn es anders gewesen wäre, hätte er es ohnehin abgelehnt. Es gab nur einen Stoff, den er begehrte. Und hasste.
„So etwas nehme ich nicht“, sagte Jonathan mit allem, was er noch an Stolz aufbringen konnte. Für einen Moment strahlte in ihm der akademische Glanz des früheren Dozenten auf und verlieh ihm beinah so etwas wie Charisma, bevor er alles mit dem Hintern wieder einriss. „Aber wenn sie vielleicht einen kleinen Schluck MannaRed hätten. Nur ein wenig davon, dann …“, sagte er schüchtern und senkte sofort den Blick, als er begriff, was er da verlangt hatte.
Gabriela brach in schallendes Gelächter aus. „Sie bringen einen Saftkannibalen hierher?“, fragte sie bissig in Geras Richtung, „ich meine, diese gruftige Knochenhure, die jetzt bei uns herumlungert … So eine Begleitung hätte ich von einem versifften Polizisten erwartet, aber das hier ist …“
Bevor Gera, Bianca oder jemand der anderen Anwesenden auf diese Beleidigungen reagieren konnte, schlug ihr Jessica kräftig mit der flachen Hand ins Gesicht. „Was glaubst du, wo du hier bist, du privilegierte Tussi?“, schrie sie an, so erfüllt von gerechtem Zorn, dass Gabriela ganz vergaß, selbst wütend zu reagieren. „Wir sind hier bei keinem Edelitaliener und nicht in irgendeiner Fancy-Agentur. Wir sind nicht hier, weil wir keine Probleme haben. Wir sind hier, weil wir an den Problemen, die uns dieses Horrorregime in die Fresse getreten hat, etwas ändern wollen. Weil wir noch nicht daran erstickt sind. Weil wir noch husten, keuchen und kotzen. Und es ist scheißegal, ob wir Junkies, Knochenhuren oder selbstgerechte Vorstadttöchter sind. Wir sind hier, weil wir den Geschmack von Faschistenstiefeln verabscheuen. Und jeder, der das genauso sieht, ist uns willkommen.“
„Wow. „Micdrop!“, sagte Bianca und zwinkerte Jessica anerkennend zu.
„Ja, nette Rede. Jeder ist willkommen: Gilt das auch für Leute, die den Geschmack von Menschenfleisch mögen?“, fragte Gabriela.
„Ich mag den Geschmack nicht … Nicht wirklich … Es ist … Ich schäme mich dafür … Ich hätte das nicht sagen sollen“, sagte Jonathan und sank in sich zusammen, „ich will aufhören … Ich will das alles nicht mehr, ich …“
„Dann gehen sie in eine Entzugsklinik, mein Gott, und nicht in eine geheime Widerstandszelle“, empörte sich Gabriela.
„Entzugskliniken gibt es nicht mehr. Es gibt gar keine Kliniken mehr, die für arme Schlucker wie uns arbeiten. Nicht mal mehr Kinderkliniken“, bemerkte Bianca, „jedenfalls keine, die Kinder heilen wollen.“
„Reg dich ab, Gabriela“, entgegnete Jessica, „wenn du genauso über Leute urteilen würdest, die Milch trinken oder Kuhkadaver essen …“.
„Das willst du doch nicht allen Ernstes vergleichen … Das eine sind Menschen und das andere …“, antwortete Gabriela, während sie sich missmutig ihre rote Wange betastete.
„Was denn?“, fragte Jessica provozierend, „etwa nur Tiere?“
„Genau das“, antwortete Gabriela, „doch ich werde jetzt nicht anfangen, über Tierrechte zu diskutieren. Am Ende setzt du dich noch für den Schutz von gefährdeten Schneidmaden ein, weil die so putzig und missverstanden sind.“
„Hört auf!“, mischte sich Lena ein, „Jessica hat recht, Gabriela. Wir sollten uns hier nicht gegenseitig zerfleischen. Und wir sollten unseren Gästen mit Respekt begegnen. Wir alle haben Dinge getan, auf die wir nicht stolz sind, seitdem der Knochenwald und die CfD unser Leben durchwuchert haben. Doktor How, Kommissar Gera und Bianca sind der Grund, warum wir noch nicht als entfleischte Sklaven IM Knochenwald leben. Sie haben es verdient, dass wir sie anhören.“
„Oh ja, das haben wir“, sagte Bianca und wandte sich an Gabriela, „hast du das verstanden, Liebchen? Oder muss ich dir erst die Zunge rausstrecken?“
Gabriela blickte finster, nickte dann aber. „Schon gut. Ich bin ganz brav“, sagte sie knapp.
„Ich sehe das genauso wie Lena“, fügte Thomas Schumann hinzu, „sie haben von einer besonderen Chance gesprochen, Herr Gera. Und ich muss zugeben, dass ich neugierig bin.“
„Das wundert mich nicht. Ist das nicht ihr Job als Schreiberling?“, antwortete Gera feixend, bevor er ernster fortfuhr und sich ein weiteres Stück von Rones Zitronenkuchen genehmigte, den alle Anwesenden mit Missachtung gestraft hatten. Am interessiertesten war noch Jonathan gewesen, bevor er sich erinnert hatte, dass jegliches Essen für ihn nun wie Müll schmeckte, seit er MannaRed gekostet hatte.
„Nun“, sagte Gera, „die Sache ist die: Ich habe mit Rone the Bone gesprochen.“
„Dem Knocheninfluencer?“, fragte Mik überrascht.
„Jepp“, sagte Gera.
„Dann haben sie ihn hoffentlich festgenommen und in das finsterste Loch gesteckt, das sie finden konnten“, sagte Mik, „der Mann hat schon tausende junger Leben ruiniert. Die Krankenhäuser sind voll von seinen Opfern. Alles Leute, denen er eingeredet hat, dass es eine fantastische Idee ist, sich bis auf die Knochen zu verstümmeln.“
„Tja nun“, sagte Gera verlegen, „nicht ganz. Es ist so. Der Pisser hat mir ein Angebot gemacht. Er will so ein kleines Theater mit seinen Anhängern veranstalten und uns so freie Bahn verschaffen, damit wir Eden und seine Leute aus dem Weg schaffen können.“
Es knallte recht laut, als Thomas Schumann seine Kaffeetasse auf den Boden fallen ließ. Da war er der einzige, aber nur, weil die anderen ihre Getränke auf dem Tisch stehen hatten. Ansonsten hätte es ein wahres Scherbenfest gegeben. Lediglich Jonathan und Bianca wirkten nicht ganz so schockiert. Das lag vielleicht daran, dass sie Gera gut genug kannten.
„Das ist ein Scherz, oder?“, klammerte Schumann sich hoffnungsvoll an einen Strohhalm, „sie schlagen das nicht ernsthaft vor.“
„Doch, tue ich“, sagte Gera, „und sie können sich das Drama sparen. Ich halte genauso wenig von diesem Typen wie von Hundescheiße in meinem Abendessen und ich werde ihn an seinen grinsenden Mundwinkeln zum nächsten Schafott zerren, sobald wir uns das erlauben können. Aber gerade brauchen wir Verbündete. Glauben Sie nicht, dass ich das hier vorschlagen würde, wenn ich es nicht durchdacht hätte?“
„Ach, haben Sie das?“, fragte Gabriela mit hochrotem Kopf, „wie weit denn? Bis zu den Menschenopfern, die Rone mit ihrem Segen bringen kann, oder nur bis zur Möglichkeit, dass er uns hintergeht und uns Eden zum Abendessen serviert.“
„Rone hat mir versprochen, nur Theater zu spielen und darauf zu achten, dass niemand zu Schaden kommt“, sagte Gera.
„Sicher“, sagte Jessica kopfschüttelnd, „dann kann ja nichts mehr schiefgehen. Ein Mann, ein Wort. Was?“
Gabriela wechselte einen kurzen, versöhnlichen Blick mit Jessica, bevor sie antwortete. Gera hatte so ein Talent, Feinde zusammenzubringen. „Ich muss mich bei der Professionellen und bei Ihnen, Herr Dr. How, entschuldigen“, sagte Gabriela und sah die beiden Angesprochenen entschuldigend an, „Sie haben sicher weitaus mehr Verstand und Moral im Leib als diese Karikatur eines Polizisten. Außer natürlich, sie denken auch nur im Traum daran, sich an seiner Schnapsidee zu beteiligen. Wenn doch, sind sie raus. Oder ich.“
„Hier geht niemand raus“, sagte Gera und legte seine rechte Hand auf seine Waffe, „nicht, wenn ich nicht diesen ganzen albernen Geisterzirkus persönlich an meine Vorgesetzten melden soll. Sie alle bleiben fein auf ihren Ärschen sitzen.“
„Verräter!“, schrie Mik, „ich wusste gleich, dass man einem Polizisten nicht trauen kann.“
„Gera, das können sie doch nicht ernsthaft tun“, protestierte Jonathan.
„Oh, ich könnte das tun“, sagte Gera, „und wie ich das kann. Ich bin ein rücksichtsloser Drecksack, das wissen sie alle. Aber Sie können ruhig alle ihren Herzschlag wieder runterfahren. Ich bin nach wie vor auf ihrer Seite. Und ich würde jeden von euch Rebellendarstellern lieber kirchlich heiraten, als Eden die Wichsgriffel zu schütteln. Aber wir haben keine Zeit für Gelaber, okay? Deshalb, bei Gott, ich würde Sie verpfeifen wie ein Singvogel auf Meskalin, wenn Sie sich bei dieser Sache querstellen. Und ich würde Ihnen auch ohne Zögern die Rübe wegballern. Die Demokratie kann hier wieder Einzug halten, wenn Eden die Äuglein geschlossen hat. Bis dahin ist Gerakratie. Capiche?“
„Wohl eher Geriatrie, Sie ranziger Scheißbulle“, meinte Jessica.
„Der war gut“, sagte Gera gönnerhaft, „aber nennen Sie es, wie Sie wollen. Unser neues Motto ist: Der Zweck heiligt die Mittel. Und wenn Rone dieses Mittel ist, bauen wir ihm einen verfickten Altar.“
„Man könnte echt meinen, sie wären derjenige mit dem Wurm im Kopf“, sagte Bianca.
„Sie können meinen, was sie wollen“, sagte Gera, „und Sie können auch über mich sagen, was sie wollen. Wichtig ist, dass Sie mitmachen.“
„Also gut“, sagte Lena resigniert, „wenn das ihr Weg ist. Wie sieht er dann aus?“
„Ganz einfach“, sagte Gera, „sobald Rone loslegt – und das wird nach den letzten Informationen, die er mir zugeschickt hatte, übermorgen um 22 Uhr sein –, wird es keine halbe Stunde dauern, bis er für mächtig Aufruhr sorgt. Dann werden die Polizeikräfte und CfD-Soldaten ausrücken, um den Aufruhr niederzuschlagen.“
„Aber sind sie sicher, dass die Behörden seinen Aufruf im Netz nicht verfolgen und alles frühzeitig stoppen werden?“, fragte Thomas Schumann, „und selbst wenn nicht, warum sollte sich Eden dann um ein wenig mehr Chaos scheren? Er lässt es doch auch zu, dass die Leute auf den Straßen verhungern. Ich hoffe, ich darf diese Frage stellen, ohne perforiert zu werden.“
„Sie dürfen. Und ich bin mir bei gar nichts sicher“, sagte Gera offen, „mein Plan … Rones Plan ist vielleicht Fliegengrütze. Wäre er es nicht, müsste ich ihn nicht mit Waffengewalt absichern und meine goldenen Sympathiesternchen bei Ihnen gefährden. Aber er ist immer noch besser als das, was sie seit Monaten zustande gebracht haben: nämlich … gar nichts. Ich kann Ihnen nur eins sagen: Rone ist ein noch rücksichtsloserer Mistkerl als ich, aber er ist ein Mistkerl, der weiterleben will. Er wird diesen Plan für sich durchdacht haben. Und er könnte zumindest funktionieren. Die CfD-Spinner fürchten nichts mehr als einen Kult, der ihnen Konkurrenz macht. Einen Kult mit einer stringenten Ideologie, so wahnsinnig sie auch ist, wo sie nur Chaos, Korruption und planlose Grausamkeit zu bieten haben. Das hat Strahlkraft und ich denke, Eden weiß das. Und Rone ist jemand, der das Charisma hat, das durchzuziehen.“
„Er hat einen Scheiß“, sagte Jessica, „Rone ist nichts weiter als ein dämlicher Psycho. Also jemand wie sie, wenn man es genau nimmt.“
„Falsch“, verneinte Gera, „er ist ein dämlicher Psycho mit realen Knochenwald-Kräften. Ich habe sie selbst erlebt. Er hat in seinen grinsenden Schädel eine Art übernatürlichen CIA-Spionage-Modus eingebaut. Und das ist wahrscheinlich noch nicht alles. Er hat sich ein Medaillon mit einer Knochenschlange in seinen Körper einpflanzen lassen. Daher bezieht er seine Macht.“
„Spionagefähigkeiten?“, überlegte Lena laut, „sind sie deshalb so heiß darauf, Rones Plan zu folgen? Hat er etwas über Sie herausgefunden?“
„Ganz dünnes Eis, Fräulein“, sagte Gera, dem es nicht gefiel, wie nah sie der Wahrheit gekommen war, „rutschig mit Aussicht auf Blutbaden, sozusagen.“
„Gut, ich bin ja schon ruhig. Mit Kindern und Bewaffneten kann man nicht diskutieren“, sagte Lena, wobei ihr Gesicht alles andere als kompromissbereit wirkte. Genau wie die beiden ausgestreckten Mittelfinger. Aber Gera akzeptierte das.
„Okay“, sagte Bianca, „denken wir das mal durch, unter der Prämisse, dass sie ihren Plan mit Blei gegen Kritik immunisiert haben. Wir gehen also davon aus, dass Rones Ablenkung funktioniert und er nur wenig Leute zu seiner Verteidigung hat. Selbst in diesem Fall, müssen wir damit rechnen, dass …“
Das Geräusch hatte Gera schon vor einigen Sekunden gehört. Aber erst das Kribbeln in seinem Nacken verschaffte ihm Gewissheit. Ohne sich umzudrehen, richtete er seine Waffe nach hinten über seine Schulter, zielte tief und hörte einen erschrockenen Schrei, ein wütendes „Scheiße!“ und das Klirren des Messers, das auf den Boden fiel. Gera verzichtete darauf, sich umzudrehen, und hielt die Waffe wieder auf die anderen gerichtet. Er ging davon aus, dass er Gabrielas Unterschenkel getroffen hatte. Vielleicht auch den Fuß. Jedenfalls nichts Lebensgefährliches.
„Eine Warnung wäre nett gewesen“, sagte Gera.
„Das war Notwehr gegen Polizeigewalt“, sagte Jessica, „wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Gabriela ist eine Heldin.“
„Wer immer nur Autoritäten zitiert, macht zwar von seinem Gedächtnis Gebrauch, nicht aber von seinem Verstand“, sagte Gera, „sehen Sie, zitieren kann ich auch. Allerdings kann ich keine Wunden verbinden. Ich war in Erster Hilfe immer scheiße. Bin mehr so der Typ letzte Hilfe. Also ist hier niemand, der das besser kann? Ich will ja nicht, dass unsere Heldin stirbt.“
„Ich kenne mich da ein bisschen aus“, sagte Mik, „wir haben noch einen Verbandskasten im Schrank. Darf ich den holen?“
„Klar“, sagte Gera, „solange Sie nicht versehentlich zum Waffenschrank greifen. Und nur, wenn sie die freundliche Dame auch fesseln und ruhigstellen.“
Mik nickte, ging zum Schrank und holte den Verbandskasten hervor. Damit ging er zu Gabriela, die Gera regelmäßig lautstarke Status-Updates über ihren offensichtlich noch recht lebhaften Gesundheitszustand gab, während Mik fachmännisch ihre Wunden versorgte.
„Sie mieses Dreckschwein!“, „Sie hinterhältiges Stück Rattenkot!“, „Ich bringe sie um. Irgendwann bringe ich sie um, das schwöre ich!“ und dergleichen mehr. Zumindest solange, bis Mik unter den wachsamen Augen Geras ihren Mund fest mit Verbänden verschlossen und ihre Hände und Beine auf ähnliche Weise verschnürt hatte.
„Gut. Jeder braucht ein Ziel im Leben“, sagte Gera fröhlich, „das können Sie in jedem Lebenshilferatgeber nachlesen. Ich wünsche Ihnen viel Glück bei meiner künftigen Ermordung. Wenn sie das auch noch gefesselt hinbekommen, werden sie vielleicht sogar berühmt dabei.“
„Gera“, sagte Jonathan, der das Ganze mit wachsendem Missmut beobachtet hatte, „wie stellen Sie sich das vor? Wir können Eden nicht angreifen, wenn sie uns die ganze Zeit über wie ein bekloppter Geiselnehmer ihre Waffe in den Rücken halten. Oder planen sie gleich, das alleine zu machen und uns alle hier zu fesseln wie Gabriela?“
„Gabriela hat gezeigt, dass sie nichts taugt. Sie ist ein verwöhntes Hausmütterchen, das sich nicht mal ordentlich anschleichen kann“, sagte Gera, „ihr Platz ist hier. Gut verschnürt und abgeschnitten von jeder Kommunikationselektronik. Gleichzeitig war sie die einzige, die dumm genug gewesen war, mich anzugreifen. Deshalb werde ich Sie nicht länger offen bedrohen, wenn wir hier raus sind. Das würde nur zu seltsamen Fragen führen, wenn uns jemand sieht. Ich vertraue ganz auf ihren gesunden Menschenverstand und darauf, dass ihr Hass auf Eden größer ist als auf mich. Naja, fast. Wenn sie eine Dummheit machen, ist meine Knarre schneller wieder in meiner Hand als der Schwanz eines Teenagers nach einem Monat Klosteraufenthalt. Und ihre Waffen händige ich ihnen natürlich erst aus, wenn wir uns Edens Unterschlupf nähern. Genau so, Dr. How, stelle ich mir das vor. Also, wo waren wir … Ach ja, Bianca. Sie wollten noch etwas beitragen.“
„Oh, das wollte ich in der Tat, Captain ACAB“, sagte Bianca seufzend und fuhr sich seufzend mit der rechten Hand übers Gesicht, „mein Punkt ist, dass wir viel zu wenig Leute haben, um gegen Eden irgendetwas zu reißen. Und sie haben unsere Zahl nun noch weiter verringert, da Gabriela nicht mehr mitkommen kann. Egal, was sie von ihr halten, sie hat Mumm, was sie gerade erst bewiesen hat. Außerdem wird Eden wohl kaum komplett schutzlos sein. Selbst wenn wir alle Widerstandszellen der Geistermenschen in der näheren Umgebung aktivieren, wird das wahrscheinlich zu einem Blutbad führen, statt zum Tyrannenmord.“
„Die werden wir auch nicht aktivieren. Das letzte, was ich gebrauchen kann, sind noch mehr bockige Amateure, die hier herumwursteln. Immerhin habe ich nur eine Waffe“, sagte Gera, „dieser Haufen hier wird wohl reichen müssen. Aber seien Sie nicht so pessimistisch. Die Leidenschaft für die Sache ist wichtiger als die bloße Zahl. Haben sie nie 300 gesehen? „Und gegen Devon waren wir auch in der Unterzahl und dennoch haben wir gewonnen.“
„Das können Sie nicht vergleichen“, erwiderte Bianca, „wir hatten verdammte Hexen und Madenkinder an unserer Seite. Nicht nur ein paar Verzweifelte, die …“
Bianca brach verblüfft ab, als plötzlich der Monitor über dem Konferenztisch zum Leben erwachte und das Gesicht einer jungen, emotionslosen Frau mit blassen, weißen Adern unter der Haut zeigte.
„Da haben Sie Ihr Madenkind“, sagte Gera grinsend und wandte sich dann an die Frau auf dem Bildschirm: „Hallo Carina, was macht das Leben?“
„Es ist genauso reizlos wie immer“, bemerkte Carina tonlos, „deshalb bin ich immer auf der Suche nach Ablenkungen.“
„Wo ist Lucy Hermann?“, fragte Lena.
„Nicht verfügbar. Sie ist auf einer Art … Undercover-Mission, um ihre entführten Erzeuger zu befreien“, sagte Carina, „ihre Therapie mit Geisterglanz hat sie sehr sentimental gemacht. Deshalb fällt mir nun die Aufgabe zu, strategisch zu denken. Es ist störend. Aber einer muss es ja tun. Und ich hörte, Sie brauchen Unterstützung bei Ihrer kleinen Revolte. Die kann ich bieten. Mit Madenkindern, Schneidmaden und Schneidfliegen. Kurzum: Ich hätte eine Armee für Sie. Ein kleiner Teil davon ist sogar bereits bei ihnen, nur falls sie sich fragen, wie ich von ihrer Notlage erfuhr.“
Wie zum Beweis landete just in diesem Moment eine kleine, seltsame Fliege auf Geras Arm. Als er reflexhaft nach ihr schlagen wollte, war sie sofort wieder in den Schatten verschwunden.
„Und ich dachte immer, die ‘Fliege an der Wand’ wäre eine Metapher“, sagte Gera.
„Wir leben in einer Zeit, in der Metaphern das Fliegen lernen“, sagte Carina trocken.
„Warum sollten Sie uns helfen wollen?“, fragte Mik misstrauisch, „nach allem, was ich weiß, fühlen sie gar nichts. Warum also sollte es sie scheren, was aus uns oder diesem Land wird?“
„Zum einen bin ich durchaus in der Lage, Hass zu empfinden“, stellte Carina klar, „zum anderen mag ich nicht über Mitgefühl im emotionalen Sinn verfügen, aber ich zeichne mich durch einen ausgeprägten, abstrakten Gerechtigkeitssinn aus. Ersterer wird schon seit Langem von Eden geweckt und Zweiterer widerspricht seinen Handlungen extrem. Insofern bin ich sehr wohl der Meinung, dass die Herrschaft dieses Mannes beendet und eine geordnetere und gerechtere Regierungsführung installiert werden sollte. Also, wollen Sie in meinem Hauptquartier vorbeikommen und die Details besprechen?“
„Warum kommen sie nicht zu uns?“, fragte Lena misstrauisch.
„Das würde ein wenig zu viel Aufsehen erregen“, erklärte Carina.
„Das klingt doch nicht übel“, meinte Bianca, „und ich glaube, dass wir Carina vertrauen können. Sie war im Kampf gegen Devon treu an unserer Seite. Egal, was und ob sie fühlt: Ihre Taten sprechen für sich.“
„Das ist ein Argument …“, sagte Lena nachdenklich und blickte fragend zu ihrer aller Freund und Geiselnehmer.
Gera nickte gönnerhaft.
„Gut“, sagte Lena, „wir kommen zu ihnen. Geben Sie uns die Koordinaten ihres Hauptquartiers?“
„Das ist nicht nötig“, sagte Carina lächelnd, „in wenigen Minuten bekommen Sie Besuch von einigen weit größeren Schneidfliegen, die Sie dorthin bringen werden.“
„Das ist eine grauenhafte Idee“, meinte Bianca, „Eden wird sie sehen und seine Leute zu uns schicken, falls er sie nicht vorher abschießt. Rufen Sie sie zurück. Sofort!“
„Vertrauen Sie mir“, sagte Carina, „niemand wird Sie entdecken. Ich würde niemals meinen und auch nicht ihren Sicherheitsstatus gefährden. Ich kann zwar unmöglich mit meinen ganzen Truppen bei Ihnen auftauchen, bevor wir unsere Pläne koordiniert haben. Aber in diesem Fall liegen die Dinge anders. Öffnen Sie einfach nur Ihre Fenster und warten Sie ein paar Minuten. Wir sprechen uns dann wieder, sobald Sie bei mir sind.“
Der Bildschirm erlosch wieder und Carinas Gesicht verschwand so plötzlich, wie es erschienen war.
„Na los“, sagte Gera und wedelte mit seiner Waffe, „was steht Ihr hier doof rum? Öffnet die Scheißfenster. Oder wartet ihr darauf, dass die Fensterfee euren Job übernimmt?“
Jonathan und Jessica standen gleichzeitig auf und öffneten die drei großen Fenster ihres Unterschlupfs so weit wie möglich. Doch vorerst geschah nichts.
„Und was jetzt?“, fragte Mik.
„Abwarten, schätze ich“, sagte Jessica ratlos, „und ein großes Glas samt Brettchen holen, falls die Dinger Ärger machen.“
„Es ist schön zu sehen, dass ihnen das Lachen nicht vergangen ist“, sagte Gera.
„Keine Angst, das passiert nicht in der Gesellschaft eines so lächerlichen Bullen“, antwortete Jessica.
„Ach ja … Beleidigungen! Der Dünger meiner Seele“, sagte Gera grinsend.
„Warum wollten Sie eigentlich, dass wir auf das Treffen mit Carina eingehen?“, fragte Bianca, „vertrauen Sie nicht mehr auf Ihren Knochenkumpel?“
„Ich bin nicht sein Schoßhündchen, falls Sie das denken“, sagte Gera, der nur allzu gut wusste, dass er genau das war, „es ist immer gut, sich mehrere Optionen offenzuhalten. Und Sie haben recht: Ein wenig Unterstützung kann tatsächlich nicht schaden, wenn wir den Laden auseinandernehmen wollen.“
„Lucy wäre mir lieber“, sagte Jonathan, „ich kenne sie. Sie hat ein gutes Herz, zumindest seit es wieder frei vom Einfluss des Knochenwalds ist. Carina war mir immer etwas unheimlich. Und sie ist immer noch ein Monster.“
„Mir waren beide immer unheimlich. Und nicht nur etwas“, sagte Bianca, „aber das gilt auch für mich selbst, wenn ich mich im Spiegel betrachte. Das muss nichts heißen. Wer finster aussieht, muss nicht unbedingt böse handeln. Nicht mal, wenn sein Herz von Dunkelheit vergiftet ist. Sehen Sie Gera an. Er sieht verlottert und harmlos aus, ist aber ein verrücktes Arschloch. Das Äußere hat also nichts zu sagen.“
„Spüren Sie auch die Romantik in der Luft?“, sagte Gera lachend, „irgendwann werden wir zwei noch ein Paar.“
„Nicht mal, wenn ich tot bin. Ganz besonders dann nicht. Notfalls verbrenne ich mich lebendig, um meine Leiche vor ihnen in Sicherheit zu bringen“, sagte Bianca.
Die irritierten Blicke der Geistermenschen zeigten ihr, dass sie die Anspielung nicht verstanden. Noch nicht. Aber Gera musste sich ziemlich beherrschen, um sich keine Blöße zu geben. Die Rebellen wussten bislang tatsächlich nichts von seinen Neigungen. Bis jetzt jedenfalls.
Zu seinem Glück spürte er genau in diesem Moment einen leisen Luftzug in seinem Gesicht und kurz darauf materialisierten sich vier riesenhafte, ascheweiße Fliegen, die fast bis zur Decke reichten. Ihre Saugrüssel waren ihnen verdammt nah.
„Hey, nimm das Drecksding aus meinem Gesicht“, sagte Jessica und wischte den Saugrüssel so energisch wie furchtlos zur Seite. Gera seinerseits ging ein Stück zurück, um dem hässlichen Rüssel zu entgehen.
„Wie ist das möglich?“, staunte Bianca, „beherrscht Carina jetzt auch Illusionsmagie? Ich meine, einige Tricks hatte sie ja drauf, aber …“
„Das wird keine Magie sein“, vermutete Jonathan, „eher irgendwas mit Lichtbrechung. Das Militär hat schon an ähnlichen Technologien geforscht.“
„Wenn Sie meinen, Doktor“, sagte Gera, „hat es auch erforscht, warum diese Monster stinken wie meine ältesten Unterhosen?“
Das war wahr. Diese Schneidfliegen rochen wahrhaft widerwärtig. Nach Pilzen, reifem Käse und vergorenen Früchten.
„Wahrscheinlich dieser komische Staub“, vermutete Mik.
„Immerhin sind sie nicht aggressiv“, sagte Gera, und als hätte er damit einen bösen Fluch auf sich geladen, schoss der Kopf eines der Biester nach vorne. Rasch, wich Gera aus und hob seine Waffe, senkte sie jedoch wieder, als er realisierte, dass das große Tier nur Rones Zitronenbonbon-Kuchen gierig und schlürfend in sich hineinpumpte.
„Dann war es wohl doch der Zucker, der sie interessiert hat“, meinte Bianca kichernd, „und ich dachte schon, sie hätten sich an ihrem Gestank orientiert und Sie als einen der ihren betrachtet.“
„Wirklich mutig, so viel über den Mann mit der Waffe zu lachen“, sagte Gera, „wenn sie so einen Schneid haben, dann steigen sie doch gleich mal auf diese Schneidfliege auf.“
„Das ist wohl eher eine Frage des Ekels als des Mutes“, antwortete Bianca.
„Sie haben mit CfD-Mitgliedern geschlafen“, sagte Gera, „da sollte das eine angenehme Abwechslung sein.“
„Punkt für Sie“, sagte Bianca, gab ihre Zurückhaltung auf und kletterte auf den harten, staubigen Rücken von einem der Tiere, das sich erfreulich ruhig verhielt und sich lediglich gelangweilt den Rüssel mit seinen besengroßen Füßchen putzte. Kurz darauf erhob sich der weiße Staub auf dem Rücken des Tieres wie von selbst und benetzte Bianca so vollständig wie eine Mehlpanade.
„Bah!“, sagte Bianca und hustete angewidert.
Der Rest von ihnen staunte nicht schlecht, als Bianca samt der Fliege unsichtbar wurde, was auch Bianca bewusst wurde, als sie ihre Hände nicht mehr sah und augenscheinlich in der Luft schwebte.
„Dieser Staub hat offenbar eine Menge drauf“, sagte Gera anerkennend.
„Ja, er hat die Fähigkeit, das widerlichste Zeug auf der Welt zu sein“, beschwerte sich Biancas vermeintlich körperlose Stimme, „selbst die Unsichtbarkeit ist das echt nicht wert.“
„Sie finden auch bei allem die Fliege in der Suppe“, sagte Gera feixend. Derweil griff er sich die herumliegende Plastiktüte eines Discounters, ging zum Waffenschrank und stopfte einige Pistolen und Gewehre so wahllos dort hinein, als wären es Brötchen von der Billigtheke.
„Für später“, sagte Gera, als er die sehnsüchtigen Blicke der anderen spürte, „wenn ich der Meinung bin, dass ihr euch benehmen könnt.“
„Wir müssen Sie nur von der Fliege schubsen“, sagte Jessica, „dafür brauchen wir keine Waffe.“
„Ich weiß“, sagte Gera und stieg auf das Tier, das seinen Zitronenkuchen stibitzt hatte, was ihm das absurde Gefühl gab, ihn nicht ganz verloren zu haben, „deshalb fliege ich auch alleine.“
„Was ist mit Gabriela?“, fragte Jonathan, „wir können sie nicht allein geknebelt und gefesselt zurücklassen. Sie braucht etwas zu essen.“
„Mitnehmen können wir sie auch nicht“, sagte Gera, „nicht, dass ich ihr den Angriff auf mich schon verziehen hätte, aber es gibt humanere Methoden, Menschen hinzurichten, als sie aus großer Höhe stürzen zu lassen oder Edens Soldaten zum Fraß vorzuwerfen.“
„Ich kann eine der benachbarten Zellen kontaktieren“, schlug Lena vor, „nur, damit jemand nach ihr sieht.“
„Keine Angst“, fügte sie hinzu, als sie Geras Stirnrunzeln sah, „ich erzähle ihnen einfach, dass sie eine Verräterin und mit Eden im Bunde ist. Dann werden sie ihr nichts glauben, sie aber dennoch nicht verhungern und verdursten lassen.“
„Halten Sie mich für dämlich?“, fragte Gera, „wenn sie erzählt, dass ich durchgedreht bin und sie entführt habe, werden sie das für die weitaus glaubwürdigere Geschichte halten. Ich kenne meinen Ruf. Nein, ich bleibe dabei. Die Dame bleibt erst mal sich selbst überlassen. Wenn wir vom Treffen mit Carina zurück sind, zahle ich ihr gerne ein All-You-can-Drink.“
„Sie sind ein Ungeheuer“, sagte Bianca,
„Das bin ich wohl“, sagte Gera, „aber ich bin IHR Ungeheuer. Vergessen Sie das nicht.“
„Also gut“, sagte Jonathan mit einem letzten Blick zu der Gefangenen, deren Augen vor Hass sprühten, „dann lasst uns mal aufsteigen und schauen, wohin uns diese Dinger bringen.“
„Wohin wohl? Fliegen folgen immer der Scheiße“, sagte Gera, „aber keine Sorge: Mit Scheiße kenne ich mich bestens aus.“