
Tiraxa zitterte bis in die molekulare Struktur ihrer Knochen hinein. Entsetzen kroch über ihre Rippen und ihr Mark floss wie Wasser aus ihr heraus. Ihr Geist, ihre Macht, ihre Zukunft versickerten ungenutzt im Boden. Aber das Messer … war bereit. Und sie schickte es auf den Weg.
Wie ein Pfeil flirrte es durch die nach Horn und Lauge riechende Luft und bohrte sich nicht nur in das weiche Fleisch der Drix Tschatha, auf die Tiraxa gezielt hatte, sondern auch in das einer weiteren, die so unglaublich dämlich war, sich einfach in die Flugbahn der Klinge zu werfen.
Ein höhnisches, selbstzufriedenes Grinsen spaltete Tiraxas lädierten Skelettschädel als sie zusah, wie ihre Waffe das widerliche Fleisch der Hexen durchbrach. Sie war beinah glücklich. Dann platzte ihr Kopf.
~o~
„Schneit es?“, entfuhr es Inga schwach, während sie zum düsteren Himmel hinaufsah, von dem trockene, weiße Flocken hinabregneten. Ihre Stimme erschien ihr selbst so fremd. Wie die ihrer eigenen Großmutter, nur noch älter. Sie hatte immer gerne mit Oma im Schnee gespielt. Einmal hatten sie sogar gemeinsam ein Iglu gebaut. Oder etwas, was eine neunjährige und eine wohlmeinende Erwachsene nach vielen Stunden Arbeit als ein Iglu bezeichnen mochten, obwohl ihr gemeinsames Werk eher ausgesehen hatte wie ein gefrorener Müllhaufen. Sie wäre gerne im Schnee gestorben. Er bedeutete Geborgenheit. Und kalt war ihr ohnehin, obwohl warmes Blut aus ihrem Bauch sickerte.
„Viel besser“, antwortete Myna hustend und noch viel schwächer als Inga, „das sind die Reste der Knochenschlange, die du zerstört hast.“
Natürlich. Knochen, dachte Inga. Was auch sonst, in diesen ekelhaften Wäldern? Der Klang von Mynas Stimme machte ihr Angst. Sie erkannte darin, dass ihre Freundin wohl noch viel früher draufgehen würde als sie. Dennoch genoss sie ihre Nähe und war froh, dass sie wenigstens gemeinsam starben. War das nicht albern? Und unsagbar egoistisch? Egal, es brachte sie zum Lächeln und diesen Trost hieß sie willkommen.
„Sie ist leider nicht alles, was ich zerstört habe“, flüsterte Inga kichernd.
„Hör auf! Du hast in deinem Leben nicht halb so viel zerstört wie ich“, antwortete Myna, „und selbst wenn ich mal jemanden retten will, versage ich noch.“
„Keine Ahnung, ob ich überhaupt noch zu retten war“, überlegte Inga und spürte, wie die Schwäche sie zu übermannen begann, „aber die anderen sind sicher, oder? Der Weise … der, der die Schlange kontrollierte. Ist er auch … “
„Er ist geflohen“, ertönte die Antwort. Jedoch kam sie nicht von Myna, sondern von Trinja, deren Kopf unvermittelt in Ingas Gesichtsfeld erschien. Ihr Gesicht war beherrscht von Sorge, Mitleid und … Melancholie?
„Bald wird er sicher Verstärkung holen“, vermutete Trinja, „es war ohnehin ein seltenes Glück, dass wir so wenigen von ihnen begegnet sind. Es wird Zeit, zur Weißlichtung aufzubrechen.“
„Dann beeilt euch“, antwortete Inga müde, „ihr könnt zumindest versuchen, Lucy hierher zu bringen und mit den Markverzehrern zu verhandeln. Sie wird euch vielleicht nicht direkt vertrauen, aber wenn ihr ihr erzählt, dass …“
„Du missverstehst mich“, unterbrach sie Trinja, „ich werde ihr gar nichts sagen.“
„Wie … wie meinst du das?“, fragte Myna verwirrt.
„Ich bin eine Frau der Vernunft“, antwortet Trinja rätselhaft, „seit vielen Jahren schon. Ich war es sogar dann, wenn ich eine Frau des Herzens hätte sein sollen. Doch weil ich so bin, weiß ich auch, dass ich niemanden anleiten könnte, den ich nicht kenne und der mir nicht vertraut. Du bist ihre Verbündete, Inga. Und du kennst die Gebräuche eurer Welt. Nur du kannst sie hierher bringen und sie überzeugen, uns zu helfen.“
„Ich? Ich kann meinen Körper nicht einmal davon überzeugen, nicht zu sterben“, sagt Inga lachend, „wenn du kein Wundermittel hinter deinem Rücken versteckst, heißt das.“
„Ein Wundermittel nicht“, sagte Trinja und beugt sich zu den beiden herunter, „aber eine Lösung sehr wohl. Und zwei Augen, die die Zukunft erkennen können, wenn sie vor ihnen liegt. Ich habe dir ja gesagt, Inga, dass die Zeit kommen mag, zu der du uns anführst. Manche Dinge geschehen schneller und auf andere Weise, als man meint.“
Kaum da sie das gesagt hatte, öffnete Trinja ihre rechte Handfläche und fügte sich mit dem scharfen Nagel ihres linken Fingers eine tiefe Wunde zu, bevor sie dies für die andere Seite wiederholte.
„Was tust du da?“, fragte Myna, auf deren Gesicht sich jähes Begreifen zeigte, „bist du wahnsinnig?“
„Nutzt meine Kraft gut“, sagte Trinja und legte ihre blutigen Hände um Ingas und Mynas Arme, „seid Frauen des Herzens, wann immer es möglich ist“. Dabei lächelte sie warmherzig. Und dieses Lächeln ruhte auch noch auf ihren Lippen, als diese Teil eines toten, vertrockneten, greisen Körpers geworden waren, der jedes bisschen Jugend und Magie hergegeben hatte.
„Was … was war das?“, fragte Inga, deren Stimme jetzt wieder fest und vital war. Dabei betastete sie ihren eigenen Körper. Er war so glatt und jugendlich wie seit langem nicht mehr und wies keine einzige Wunde oder Falte auf.
„Ein Opfer“, sagte Myna traurig und bebend, während sie sich erhob, jung, gesund und vital wie der Morgen.
„Und eine Krönung“, meldete sich Anscha zu Wort, das Gesicht düster und missmutig, „wie es scheint, haben die Drix Tschatha unserer Welt zum ersten Mal in ihrer Geschichte zwei Anführerinnen.“
~o~
Die überlebenden Drix Tschatha hatten den abrupten Führungswechsel kommentarlos hingenommen. Kommentarlos, aber nicht erfreut, wie die vielen missgünstigen Blicke zeigten, die vor allem Inga immer wieder begegneten. Und es waren nicht nur Blicke. Einige von ihnen machten auch Gesten, die an würgende Hände erinnerten, oder schnappten mit den Zähnen in der Luft wie drohende Wölfe, wann immer sie zu glauben schienen, dass Inga und Myna gerade nicht hinsahen.
Sie sprachen es nicht aus, aber Inga hatte das eindeutige Gefühl, dass die Lichthexen ihnen die Schuld für Trinjas Opfer gaben, egal wie wenig das zutraf. Dass sie nicht gegen sie rebellierten, hatte wahrscheinlich vor allem damit zu tun, dass sie sich noch auf feindlichem Gebiet befanden und sie die Weisen des Gebeins wohl immer noch mehr verabscheuten als ihre neuen Anführerinnen.
„Für eine Frau, der man ein zweites Leben geschenkt hat, machst du ein ziemlich missmutiges Gesicht“, bemerkte Myna bitter, „man könnte meinen, du hättest eine uralte Freundin verloren und nicht ich.“
Inga sah sie schockiert an. Zumindest von Myna hätte sie sich ein wenig Rückhalt erhofft, „das … das hat nichts mit Undankbarkeit zu tun. Ich weiß Trinjas Opfer zu schätzen und ich weiß, wie sehr dich ihr Verlust schmerzt. Ich habe nur Angst …“
„… du hast Angst, dass sie sich auf dich stürzen und deinen hübschen, jungen Körper auseinanderreißen würden, wenn ich nicht hier wäre“, traf Myna den Kern ihrer Angst, „und damit hast du vollkommen recht. Sei also besser brav. Sonst kann es sein, dass ich mich eines Nachts in die Büsche schlage und deinen kleinen, egozentrischen Arsch den Raubtieren überlasse.“
Inga sah sie mit großen, fassungslosen Augen an. Woher kam plötzlich dieser Hass?
Plötzlich veränderte sich etwas in Mynas kaltem Blick, so als hätte Inga einen Spalt in dickem Panzerglas gefunden. Ihr Gesicht wurde weicher.
„Tut mir leid …“, sagte sie, nahm Ingas Hand und streichelte sie sanft, „das war gemein von mir. Und noch dazu gelogen. Ich würde dich den anderen niemals überlassen. Es ist nur so, dass dieser Ort einen formt, selbst wenn man ihn bekämpft. Freundlichkeit wird hier selten honoriert, also panzern wir uns nur zu gerne mit Bosheit. Doch eigentlich sind wir nur verletzt und verängstigt. Trinja war wirklich eine enge Freundin gewesen. Sie hat mich unzählige Male beschützt, mich vor dem Verhungern gerettet und mich getröstet, wenn ich nicht mehr konnte. Es ist einfach nicht fair, dass sie nicht mehr hier ist.“
„Das verstehe ich“, sagte Inga, „und was du getan hast, wie du versucht hast, mir das Leben zu retten, hat wahrscheinlich mehr Vertrauen geschaffen, als böse Worte je zerstören können. Dennoch stamme ich nicht aus deiner Welt, Myna. Ich habe eine Menge Scheiße durchlebt und ich kann vielleicht noch mehr davon schlucken. Schneidmaden, Weise des Gebeins, Knochenzombies, Glassträucher – immer her damit, wenn nötig. Aber was Verrat angeht, bin ich gesättigt. Allein die Angst davor frisst mich auf. Und mit solchen Worten wie gerade, trägst du nicht unbedingt dazu bei, dass ich mich wohler fühle. Wie soll ich für euch – für uns – kämpfen, wenn ich ständig damit rechnen muss, eine Klinge in den Rücken zu bekommen?“
„Es tut mir leid, wirklich“, antwortete Myna, „du bist feinfühliger als wir. Und das mag ich auch an dir. Ich hätte mehr Rücksicht darauf nehmen sollen. Und ich kann es nur wiederholen: Von mir hast du rein gar nichts zu befürchten, außer das dumme Geschwätz einer verbitterten alten Hexe.“
Myna rang sich dabei ein Lächeln ab, das Inga spiegelte, bevor die Schatten des Zweifels zurück in ihre Seele krochen.
„Von den anderen aber schon?“, versicherte sich Inga.
„Nicht von allen“, präzisierte Myna, „ich kenne diese Frauen ganz gut. Die meisten sind unter ihrem schroffen Gebaren ganz in Ordnung. Aber einige … nun, wie gesagt, dieser Ort ist nicht gut für die Seele. Er ist der reinste Dünger für Hass und Missgunst. Ich schätze, sie werden dennoch loyal bleiben, solange wir auf dem Erfolgspfad sind. Trinja hat unsere Mission unterstützt. Das ist ihnen etwas wert. Sie klammern sich an die Tradition und Trinja WAR für sie die Tradition. Und das, obwohl sie nicht einmal die Älteste von uns war. Sie hatte einfach diese Aura, verstehst du?“
„Und die habe ich nicht?“, fragte Inga.
„Für mich schon“, sagte Myna grinsend und drückte Inga einen flüchtigen Kuss auf die Wange, „aber für die anderen leider nicht. Dir fehlt der Bodycount, wenn du verstehst, was ich meine.“
„Sie hätten also lieber dich allein an der Spitze?“, erkundigte sich Inga.
„Nein“, sagte Myna, „sie tolerieren mich und manche respektieren mich auch. Aber jetzt, wo Trinja nicht mehr ist, ist ihr wahres Idol Anscha. Niemand sonst hatte in all den Jahren so viel Frischfleisch in seinen Vorratskeller gelockt. Das imponiert ihnen. Ich schätze, die meisten hätten sich gewünscht, dass Trinja sie als Nachfolgerin erwählt. Anscha selbst eingeschlossen.“
Möglichst beiläufig sah Inga zu Anscha, der Lichthexe, die sie im Wald gerettet und sie in den Zirkel geführt hatte. Sie lief ein Stück vor ihnen und befand sich in einem angeregten, aber geflüsterten Gespräch mit zwei anderen Drix Tschatha. Und plötzlich, mit Mynas Worten im Hinterkopf, sah Inga sie in einem gänzlich anderen, noch düstereren Licht.
„Das klingt alles nicht allzu gut“, erwiderte Inga, „aber du sagst, wir wären sicher, solange sie glauben, dass wir Erfolg haben könnten?“
„So ist es“, antwortete Myna und wurde dabei nochmal ein ganzes Stück leiser, „das Problem ist nur, dass wir gerade an das Ende unserer Erfolgsstrecke gelangen. Unsere Ressourcen sind aufgebraucht. Der Kampf hat uns weiteres Menschenmaterial gekostet und da wir eine so mächtige der unseren verloren haben, ist es fraglich, ob der Rest ausreicht, um deine Freundin herbeizurufen. Und wenn wir scheitern … nun, dann können wir uns glücklich schätzen, wenn man uns nur die Führungsrolle entzieht.“
„Fuck!“, kommentierte Inga.
„Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können“, sagte Myna kichernd.
„Ich habe meine Jugend wieder …“, überlegte Inga, „wenn ich sie einsetze, können wir …“
„Kommt gar nicht infrage!“, erwiderte Myna scharf, „zum einen siehst du gerade so heiß aus wie noch nie und zum anderen werde ich nicht zulassen, dass Trinjas Opfer auch noch umsonst war. Außerdem würde diese Energie auch nicht genügen. Aber wir sollten uns noch nicht in Verzweiflung verlieren. Bis zur Weißlichtung sind es noch ein paar Kilometer. Uns fällt schon unterwegs irgendwas ein.“
„Und wenn nicht?“, fragte Inga.
„Kein Grund, sich den Kopf zu zerbrechen“, wich Myna aus, „das ist der Knochenwald, Süße! Und wir sind noch immer im Gebiet der Weisen. Die Chancen, dass wir es gar nicht erst bis zur Lichtung schaffen, sind verdammt hoch. Lass uns lieber genießen, dass wir noch atmen.“
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Trotz der ungünstigen Aussichten hatte Inga sich anfangs nicht gegen eine gewisse Hochstimmung wehren können, die die missbilligenden Blicke der Hexen wie einen unsichtbaren Schild abgewehrt hatte. Immerhin hatte sie eine Knochenschlange und einen Weisen besiegt, lebte immer noch, hatte ihre Jugend wieder und dass Myna demonstrativ ihre Hand hielt, war nicht nur angenehm, sondern vermittelte ihr auch eine gewisse Sicherheit. Doch im Licht der dunklen Sonne war kein Glück von Dauer.
Je länger sie durch den Wald gingen, der spärlicher und von Lichtungen und kahlen Streifen gesäumt war, desto größer wurden ihre Sorgen und Ängste. Das fing schon damit an, dass sie ihre Schritte sehr präzise setzen musste, da es immer wieder giftigen Schlamm und Pfützen voll Lauge gab, die nicht nur in ihren Lungen brannten, sondern auch ihre Füße angriffen, wann immer sie zu lange dort verweilte. Anfangs hatte die dafür nötige Vorsicht immerhin das Grübeln in Zaum gehalten, aber inzwischen erkannte sie die trockenen Stellen zielsicher genug, um ihrem Gehirn ausreichend Raum zu geben, sie mit fruchtlosen Gedankenspiralen zu quälen.
Stoff für derartige Schauergeschichten gab es genug. Da waren ihre unverständlichen und unkontrollierten Filmrisse, das tragische Opfer von Trinja, das auf ihrem Gewissen lastete, die drohende Verfolgung durch die Weisen des Gebeins und Mynas Warnung vor dem möglichen Scheitern des Rituals. Doch am schlimmsten waren nach wie vor die Blicke und das Geflüster der anderen Drix Tschatha. Inzwischen war das weit mehr als bloßer Unmut. Es hatte etwas Konspiratives. Die wissenden Blicke, die verstohlenen Handzeichen, das Wispern und Tuscheln in kleinen oder größeren Grüppchen und in all dem immer wieder Anscha, um die alles zu kreisen schien, wie um eine menschliche Achse.
Inga überlegte mehrmals, ob sie Myna darauf aufmerksam machen sollte, aber zum einen war sie sich fast sicher, dass ihre Partnerin es ebenfalls bemerkte, und zum anderen vermutete sie, dass alles noch mehr eskalieren könnte, wenn sie es laut aussprach. Außerdem hatten sie ja schon einmal darüber gesprochen und sie wüsste auch nicht, was Myna dagegen tun sollte, wenn ihre Zirkelschwestern sie nicht akzeptieren.
So blieb ihr nichts anderes übrig, als die bedrohliche und zunehmend feindseliger werdende Atmosphäre zu ertragen und insgeheim darauf zu hoffen, dass irgendein äußeres Ereignis passieren würde, das sie von der Angst vor ihren vermeintlichen Verbündeten ablenken konnte.
Und manchmal wurden sogar im Knochenwald Wünsche erhört.
„Hörst du das?“, flüsterte Inga Myna leise zu, „da war ein Knacken.“
„Das hab ich auch gehört“, bestätigte Myna, „wir sollten besser nachsehen. Es könnten die Weisen sein, die uns verfolgen, aber natürlich auch Schneidmaden. In diesem Gebiet sind sie oft anzutreffen. Die Ebenenbrut. Sie sind noch tödlicher als die gewöhnliche Variante der Tiere.“
„Ich werde nachsehen gehen“, sagte Inga entschlossen, die gerade alles tun würde, um dem Zirkel und seinen Blicken für einen Moment zu entkommen.
„Bist du bescheuert!“, fragte Myna, „das wäre reiner Selbstmord. Das hier ist eine Wanderung durch eine Todeszone, kein gemütlicher Spaziergang im Park.“
„Wenn wir zu zweit gingen, wäre das erst recht Selbstmord“, antwortete Inga und senkte die Stimme noch weiter, nun, wo sie sich entschlossen hatte, endlich doch ihre Sorgen auszusprechen, „die anderen werden dann im besten Fall ohne uns weiterziehen, wenn sie uns nicht gleich in den Rücken fallen. Und wenn du gehst und ich zurückbleibe, werden sie mich mit Klauen und Zähnen zerreißen.“
„So dumm sind sie nicht“, antwortete Myna, doch es klang alles andere als überzeugt, und nach einigen weiteren Augenblicken des Nachdenkens nickte sie, „In Ordnung. Schau nach, wenn du es unbedingt möchtest. Aber komm sofort zurück, wenn du etwas Verdächtiges siehst. Versprichst du mir das?“
„Versprochen“, sagte Inga verabschiedete sich mit einem Nicken und ging auf die Quelle des Geräuschs zu, welches sie gehört hatten. Die Blicke der anderen folgten ihr, bis die Bäume sie verschluckten.
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Je näher Inga der Baumgrenze kam, desto mehr bereute sie ihre Entscheidung. Natürlich hatte Myna Recht gehabt. Im Knochenwald allein unterwegs zu sein, war mehr als nur leichtsinnig. Es war tatsächlich Selbstmord. Und Inga wollte eigentlich nicht sterben. Sie wollte auf Konzerte gehen, zum Sport gehen, lesen, Filme schauen, Games zocken, mit Bianca und ihren anderen Freunden abhängen und über das Leben philosophieren. Einfach leben. Doch an diesem Ort war das leider nicht möglich. Hier gab es Bedrohungen an jeder Ecke und inzwischen – so albern das auch war – erschien ihr die Bedrohung durch die anderen Lichthexen größer als durch jede andere Gefahr. Das hieß aber nicht, dass es ihr im Dickicht gefiel. Allein die knorrigen Stämme, die sie nun umgaben und die aus echten menschlichen und tierischen Knochen bestanden, genügten eigentlich, um den Alltagsverstand der meisten Menschen zu zertrümmern. Und die Gerüchte von Maden, die noch schlimmer sein sollten als die, die sie kannte, machten es nicht besser.
Inga wagte sich einige weitere Schritte vorwärts. Die Bäume standen nun wieder so dicht, dass sie sie gänzlich einhüllten, und ihre Kronen, die nach Horn und alter Verwesung stanken, schluckten das seltsame Licht der schwarzen Sonne, wodurch ihre Sicht noch schlechter wurde. Sie widerstand dem Drang, sich umzudrehen. Es hätte sie schwach wirken lassen, umso mehr, wenn sie wie ein schreiendes Kind zurückgerannt wäre, was sie in diesem Moment nicht ausgeschlossen hätte.
Dennoch hatte sie sich geirrt. Die latente Bedrohung der Drix Tschatha war nicht so schlimm wie die Umarmung der Bäume. Jeder Augenblick hier war eine Qual und plötzlich war sie sich gar nicht mehr so sicher, aus welcher Richtung das Geräusch eigentlich gekommen war. Vielleicht sollte sie besser doch … nein, fuck, da war es wieder. Ein vielfaches Rascheln und Knacken, so als hätte etwas Großes auf den Boden getreten, der hier wieder ganz aus trockenen Knochen bestand. Und da war noch mehr. Ein leises Jaulen oder Fiepen vielleicht oder ein anderes organisches Geräusch. Hatten die Maden der Ebenenbrut Stimmen? Gaben sie Laute von sich? Vielleicht, um zu jagen und ihre Angriffe zu koordinieren? In diesem Fall wäre Inga am Arsch. Sie spähte angestrengt an den Bäumen vorbei, die hier immer dichter und dichter wurden. Fast wie in einem Tunnel. Und plötzlich sah sie etwas. Eine Silhouette, die sich wie ein schwarzer Schatten zwischen den weißen Bäumen abzeichnete. Sie war hoch und gebeugt und ließ Inga das Blut in den Adern gefrieren. Gingen diese Maden aufrecht? Oder handelte es sich um eine junge Königin? Natürlich könnte es auch ein Weiser sein, aber dafür war die Gestalt zu massig. Dann bewegte sich diese Gestalt direkt auf sie zu. Instinktiv machte Inga ihre Magie bereit, auch wenn sie nicht scharf darauf war, ihre Jugend gleich wieder zu verlieren, als das Wesen erneut Laute von sich gab.
„Ha … hallo“, sagte es mit einer perfekten menschlichen und männlichen Stimme, die unmöglich von einer Schneidmade ausgehen konnte. Also doch ein Weiser des Gebeins? Gut möglich. Zwar fehlte den Worten des Mannes jene Härte und Überheblichkeit, die den Kultisten zu eigen war, aber das musste nichts heißen. Davox war zu Anfang auch noch ein herzlicher Mann gewesen, bevor er zum finstersten Arschloch mutiert war, das sie kannte.
Trotzdem hielt Inga ihre Magie zurück. Sie wollte nicht vorschnell urteilen und nichts tun, was sie nicht rückgängig machen konnte. Ihr Gewissen hatte schon genug zu tragen.
„Hallo“, antwortete sie stattdessen und entschloss sich, direkt in die Offensive zu gehen, „was treibst du hier?“
Angelockt durch ihre Stimme kam der Mann noch näher und offenbarte ein freundliches, aber verwirrtes, bärtiges Gesicht mit dunkelblonden, zu einem dicken Zopf zusammengebundenen Haaren und sanften, hellgrünen Augen. Der Fremde trug einen schwarzen, langärmligen Pullover und eine grobe blaue Jeans sowie Wanderstiefel, war von großem Wuchs und hatte eine breite Statur, die er einer Mischung aus Muskeln und überschüssigem Körperfett zu verdanken hatte. Er roch nach Schweiß, der sowohl von der Anstrengung als auch von Angst herrühren mochte, und hatte einen kakifarbenen Rucksack um die Schultern geschlungen. In der rechten Hand hielt er ein Smartphone.
„Wenn ich das nur wüsste“, antwortete der Mann verlegen und verzog seine breiten Lippen zu einem sympathischen, aber unsicheren Lächeln, „gerade bin ich noch gemütlich durch die Wildnis spaziert, hab eine komische, achtbeinige Maus gesehen, bin ihr hinterhergelaufen, um sie zu fotografieren, und dann bin ich irgendwie hier gelandet. Wo auch immer HIER ist. Ich weiß nur, dass HIER verflucht gruselig ist, erbärmlich stinkt und dass es keinen Handyempfang gibt. Und ich weiß, dass ich mir meinen Nachmittag ganz anders vorgestellt habe.“
Ein Wanderer? War das wirklich möglich? fragte sich Inga. Konnte jemand sofort derart tief im Knochenwald landen? Bisher hatte sie immer angenommen, dass alle Unglücklichen an derselben Stelle hier hereinstolperten. Aber womöglich konnte man sogar eine noch größere Arschkarte ziehen.
„Zeig mir deine Unterarme!“, verlangte sie herrisch. Der Fremde sah sie irritiert an. „Warum? Ich trage keine Nazi-Tattoos oder sowas, falls du das denkst. Bin weit davon entfernt, CfD-Mitglied zu sein.“
„Deine Arme, sofort!“, beharrte Inga.
Und etwas in ihrer Stimme schien den Mann davon zu überzeugen, dass sie keine Frau war, der man einen solchen Wunsch verweigerte. Also krempelte er erst den einen und dann den anderen Ärmel seines Pullovers nicht nur bis zu den Ellenbogen, sondern vorsorglich bis zu den Schultern hoch.
Zu Ingas Erleichterung sah sie nur ganz normale, kräftige und etwas sommersprossige Arme, an denen kein Stück Fleisch fehlte.
„Gut, danke“, sagte Inga noch immer forsch, „jetzt deinen Oberkörper.“
„Ey, komm, das geht jetzt wirklich etwas weit, oder nicht?“, protestierte der Mann, „so ‘ne tolle Strandfigur hab ich nun auch wieder nicht.“
„Es hat seinen Grund, glaub mir“, fügte sie nun etwas ruhiger hinzu, da ihr bewusst geworden war, wie absurd ihr eine solche Bitte früher vorgekommen wäre. Sie fand die Weigerung des Mannes verständlich, auch wenn sie inzwischen fast hoffte, dass seine Harmlosigkeit ein Trick war. Die Implikationen, wenn er ein ganz normaler Typ wäre, waren nämlich noch viel, viel unangenehmer.
„Ist ja schon gut“, sagte der Mann und zog sein Oberteil aus, worunter eine etwas haarige Brust und ein kleiner Bauch, aber kein in einem entblößten Brustkorb schlagendes Herz zum Vorschein kamen.
„Reicht das, oder muss ich nen kompletten Striptease hinlegen?“, fragte er besorgt, nachdem er seinen Pullover wieder angezogen hatte.
Tatsächlich überlegte Inga einen Augenblick lang, genau das von ihm zu verlangen – ihre Erlebnisse mit Davox waren nicht spurlos an ihr vorbeigegangen –, aber sie entschied sich letztlich doch dagegen. Ein bisschen Restrisiko war ihr die Würde dieses Mannes und auch ihre eigene dann doch wert.
„Nicht nötig“, sagte sie, „danke. Ich habe gesehen, was ich sehen musste, und du scheinst mir keine Bedrohung zu sein.“
„Ich nehme das mal als Kompliment“, sagte der Mann verlegen lächelnd, „und es stimmt auch. Ich bin Pazifist mit Haut und Haar. Ich hab mich noch nie geprügelt und bin sogar in Ego-Shootern scheiße. Da kannst du alle fragen. Also falls irgendjemand von ihnen hier wäre, heißt das.“
Inga schenkte ihm ein Lächeln, das sie selbst fast an ihr altes unbekümmertes Ich erinnerte. Die einfache Freundlichkeit dieses Typen war durchaus ansteckend. Gerade an einem Ort wie diesem. Dennoch stimmte es sie auch traurig. Er war wie ein Kaninchen in einem Löwengehege. Und zwar nicht von der wehrhaften Lucy-Sorte.
„Ich bin übrigens Steffen“, sagte er, „nur fürs Protokoll. Und ich würde noch immer ganz gern wissen, wo ich hier überhaupt gelandet bin. Und vor allem, wie ich wieder zurückkomme. Falls du’s mir sagen kannst, heißt das. Meine Freundin wird ziemlich besorgt sein, wo ich einfach so verschwunden bin. Wir sind ziemlich verknallt gerade. Fuck, wir halten es kaum aus, alleine auf Toilette zu gehen.“
Noch während er das sagte, strich er beiläufig über einen der Baumstämme. „Ist … sind … sind das Knochen?“, fragte er mit großen Augen.
„Ja“, sagte Inga knapp.
„Oh fuck!“, sagte Steffen und schien verständlicherweise Probleme zu haben, diese Information in seine Realität zu integrieren.
„Glaub mir, das ist bei weitem nicht das größte ‚Oh fuck‘, das dich hier erwartet. Ich heiße übrigens Inga“, sagte Inga knapp und ergriff seine Hand. Sie war weich und fühlte sich nach Zivilisation an. Nach einer Welt, in der man nicht ständig über seine Schultern blicken musste. Er war voller Energie, voller Lebensfreude. Voller Lebenskraft. Kurzum: Er war genau das, was sie so dringend brauchten, und das zerschmetterte sie innerlich.
„Schön, dich kennenzulernen“, sagte sie leise und wurde dabei plötzlich sehr ernst, „aber du musst jetzt gehen. Schnell. Dieser Ort ist böse. Klettere auf irgendeinen der Bäume. Dort bist du etwas sicherer. Und teile dir alles gut ein, was du an Vorräten hast. Ich versuche, später nach dir zu sehen. Gerade geht es leider nicht.“
Inga konnte die Fragezeichen förmlich aus Steffens Stirn sprießen sehen. Aber für einen verknallten und verwirrten Mann in einer äußerst miesen Situation begriff er schnell.
„Tja“, sagte er und sah zu den glatten Stämmen, die nur wenig Halt boten, „ich schätze, ich probiere es zumindest. Leider war Klettern nie meine Stärke. In der Schule haben mich da schon alle ausgelacht.“
„Ich kann dir vielleicht helfen, die höheren Äste zu erreichen, wenn du …“, bot Inga an, wurde dann aber jäh unterbrochen.
„Hallo schöner Mann. Was für ein seltener Anblick an diesem Ort“, erklang eine Stimme hinter Inga. Sie gehörte Anscha.
Verflucht, dachte Inga und ärgerte sich, dass sie dieses Treffen so in die Länge gezogen hatte.
Inga drehte sich um und sah Anscha in die Augen. Sofort war sie sich sicher, dass sie ihre Konversation verfolgt haben musste. Nicht alles vielleicht, aber doch genug.
So eine monumentale Scheiße, dachte Inga.
„Hallo“, sagte Steffen zu Anscha, „bist du eine Freundin von … Inga?“
„Ja, wir sind Freunde. Gute Freunde“, sagte Anscha und bedachte dabei sowohl Inga als auch Steffen mit dem herzlichsten Lächeln, das Inga je bei ihr gesehen hatte, „wir sind füreinander da und auch für jeden, der unsere Hilfe braucht. Und es gibt keinen Grund, warum du auf diesem unbequemen Baum ausharren solltest, wo du doch unsere Gastfreundschaft und unseren Schutz genießen kannst. Ich denke, Inga hat es nicht böse gemeint, aber manchmal ist sie ein wenig eigen. Und auch sehr einsam. An diesem Ort gibt es nicht sehr viele Männer, wenn man von den armen, kranken Geschöpfen absieht, um die wir uns kümmern. Da ist es verständlich, wenn man Angst vor Konkurrenz hat.“
Anscha sagte das mit einem unbeschwerten, dezent anzüglichen Lachen, aber Inga hätte ihr am liebsten ihr Gesicht am nächsten Baum festgenagelt. Vor allem aber ärgerte es sie, dass Anscha anscheinend wirklich ihr ganzes Gespräch belauscht hatte. Spätestens jetzt musste sie Inga für eine echte Bedrohung für den Zirkel und seine Ziele halten.
„Das Herz dieses Mannes ist vergeben“, antwortete Inga scharf, „und ihm steht wohl eher der Sinn nach Antworten als nach halbgaren, aufdringlichen Flirtversuchen.“
Dabei warf sie dem Mann möglichst unauffällig einen warnenden Blick zu. Der schien sie zu verstehen und betrachtete Anschas alten Körper und ihr im Vergleich so junges Gesicht mit sichtbarem Stirnrunzeln. Doch welche Schlüsse er auch immer daraus ziehen würde: Inga wusste, dass er kaum eine andere Alternative hatte, als sie zu begleiten.
„Du warst eindeutig zu lange allein, Kleines“, sagte Anscha zu Inga, „sonst wäre dein Humor nicht so vertrocknet.“
„Ein paar Antworten wären wirklich nicht übel“, bemerkte Steffen vorsichtig, „ich wüsste echt gerne mehr darüber, was das für ein seltsamer Wald ist und wie ich wieder nach Hause zurückkomme.“
„Natürlich“, sagte Anscha hilfsbereit, „deine Antworten sollst du bekommen. Lass uns zurückgehen. Das hier ist kein schöner Ort. Kommst du mit uns?“
Steffen sah kurz zweifelnd zu Inga, nickte dann aber. Gemeinsam verließen sie das Unterholz und kehrten zurück auf die Lichtung.
„Was ist jetzt mit meinen Antworten?“, fragte Steffen nun doch etwas ungeduldig, nachdem Anscha beharrlich geschwiegen hatte „wo zur Hölle bin ich hier. Wie komme ich zurück zu Nadine?“
„Es gibt keinen Rückweg“, schaltete Inga sich jetzt doch ein, da sie jetzt wohl auch nichts mehr zu verlieren hatte, „zumindest keinen, den du jetzt gerade nehmen könntest.“
Als Inga das sagte, verlor Steffens Gesicht alle Farbe.
„Mach ihm keine Angst, Kleines“, sagte Anscha überheblich, „es tut mir wirklich leid, werter Mann. Inga ist noch sehr jung, wie du siehst, und noch nicht lange bei uns, da weiß sie vieles einfach nicht. Aber natürlich gibt es einen Weg zurück in deine Welt. Und wir werden ihn dir zeigen. Großes Ehrenwort.“
„Aber das …“, versuchte sich Inga einzumischen, aber Anscha übertönte sie.
„Komm, ich stelle dich den anderen vor “, sagte Anscha und ergriff die Hand des überrumpelten Mannes, bevor Inga noch etwas einwenden konnte, „und dann erzählen wir dir mehr über diesen Ort und seine Wunder und Gefahren. Meine anderen Freundinnen haben ebenfalls viel Erfahrung und können dir mehr über diese Welt erzählen als unser unruhiger Neuzugang hier. Ich heiße übrigens Anscha.“
„Ich heiße Steffen“, sagte Steffen knapp und sah unsicher zwischen beiden Frauen hin und her, „aber Inga kann sehr gerne mitkommen.“
Doch Anscha schüttelte den Kopf, „Sie hat andere Pflichten. Nicht wahr, Inga?“
Anschas Blick wirkte nur oberflächlich freundlich. In Wirklichkeit war er kalt wie Eis und eine offene Kriegserklärung an sie. Alles in Inga schrie danach, sich der Frau zu widersetzen. Ihres eigenen Stolzes wegen, aber vor allem zum Wohl dieses armen Mannes. Doch was sollte sie tun? Selbst wenn sie sich mit Anscha anlegte, mochte das nur dazu führen, dass sie Steffen hier und jetzt das Leben aussaugte.
„Stimmt“, sagte sie deshalb knapp und ging auf schnellstem Weg zu Myna. Vielleicht wusste sie eine Lösung.
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„Du hast WAS gesagt?“, flüsterte Myna und betrachtete sie dabei wie ein Kleinkind, das sich gerade vor ihren Augen mit Scheiße eingeschmiert hatte.
„Ich musste versuchen, den armen Mann zu retten“, verteidigte sich Inga.
„Ihn retten?“, fragte Myna vorwurfsvoll, „du meinst wohl eher, du wolltest uns die Chance nehmen, diese und deine Welt zu retten. Für einen einzigen blöden MANN.“
„Er ist ein Mensch. Ein freundlicher Mensch mit strahlenden Augen. Und er hat eine Freundin, die sehnsüchtig auf ihn wartet. Tut mir leid, wenn ich ihn nicht in ein stumpfes, leeres Wrack verwandeln möchte. Tut mir leid, dass ich kein altes Hexenherz aus Stein habe“, antwortete Inga trotzig.
Myna sah so aus, als wolle sie ihrerseits zurückschießen, antwortete dann aber sanfter als erwartet.
„Glaub mir, ich versteh’ dich“, sagte sie seufzend und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, bevor sie fortfuhr, „früher vielleicht nicht, doch jetzt wieder. Du hast mein Hexenherz entsteinert, wenn du so willst. Ich sage nicht, dass sein Leben wertlos ist. Das ist es nicht, auch wenn er nur ein Mann ist. Und wenn es einen Weg gäbe, ihn zu retten, wäre ich vielleicht sogar dabei. Aber den gibt es nicht. Um ihm ein Portal für die Rückkehr zu öffnen, bräuchten wir fast dieselbe Energie, wie dafür, deine Freundin Lucy hierherzubringen. Die Energie, die ER uns liefern könnte. Und wenn wir sie nicht dafür nutzen, wird Anscha die Führung an sich reißen, deinen Plan verwerfen und die Lebenskraft dieses Typen für sich behalten. Und dann ist nicht nur sein Leben verwirkt, sondern auch unseres. Vielleicht ist es sogar schon zu spät. Wenn die anderen ihn sehen, werden sie sich kaum beherrschen können, und so wie Anscha mit dir umspringt, ist offensichtlich, dass sie sich die Führungsrolle schnappen will.“
„Meinst du das wirklich?“, frage ich, da mir dieser Gedanke noch nicht gekommen war. Immerhin waren die Drix Tschatha bei aller Grausamkeit doch letztendlich die Guten. Verglichen mit den Weisen des Gebeins zumindest, „glaubst du ernsthaft, dass sie dafür ihre Mission verraten würden?“
„Du bist so süß, Inga!“, sagte Myna und legte ihr die Hand um ihre Hüfte, während sie mit dem Kopf auf Anscha und die anderen Hexen deutete, die sich um den jungen Mann versammelt und dabei ihre geistlosen, zweibeinigen Magiespeicher zurückgelassen hatten, „doch leider irrst du dich. Sieh sie dir doch an. Sie sind wie Maden, die Blut gewittert haben. Tot und trocken wie der Knochen selbst.“
Myna seufzte tief, bevor sie fortfuhr. „Ich wünschte, wir wären so, wie du uns siehst. Aber niemand hier lebt mehr für seine Mission. Auch ich nicht. Schon seit Jahren nicht mehr. Versteh mich nicht falsch, ich fände es schöner, wenn der Knochenwald Geschichte wäre. Wenn mein Alltag hübscher aussehen würde. Wenn ich nicht in so einer Hölle leben müsste. Aber ich glaube nicht mehr daran. Die einzige, an die ich glaube, weil sie mich aus dem alten Trott gerissen hat, bist du. Ich mag dich, Inga. Und ich mag es, dass du uns ein Ziel geschenkt hast. Das ist besser als diese Leere. Auch für die anderen. Doch ein fernes Ziel ist nicht so verlockend wie der kurzfristige Rausch magischer Macht, und Lust ist manchmal mächtiger als Fantasie. Ganz besonders, wenn es eine Menge Fantasie braucht, um dieses Ziel noch für erreichbar zu halten. Ich hoffe, du verstehst, was ich meine.“
„Das tue ich wahrscheinlich“, sagte Inga, „aber das bedeutet dennoch nicht, dass ich Steffens Leben aufgeben werde. Ich will einen Weg finden, ihn nach Hause zu bringen. Und wenn du wirklich an mich glaubst, solltest du auch darauf vertrauen, dass ich das Richtige tue.“
„Touché“, erwiderte Myna, „das sollte ich wohl. Aber dennoch ein kleiner Tipp unter Freundinnen: Ich kenne diese Frauen viel länger und besser als du. Wenn du ihren Respekt verdienen und Steffen vor ihnen retten willst – ob nun um das Richtige oder das Vernünftige mit ihm zu tun – musst du Stärke zeigen. So ticken sie leider. Und das ist das Wesen dieses Ortes.“
„Ich hasse dieses beschissene Alpha-Gehabe. Aber gut“, sagte Inga, straffte ihren Rücken und setzte ihr bestes Girlboss-Lächeln auf, „dann zeigen wir Stärke.“
~o~
„Wie konntest du derart versagen?“, keifte Davox, während seine Augen wie fleischgewordene Drohungen aus seinem Schädel blitzten und auf den gebrochenen Akolythen vor sich herabblickten, „wie konntest du Hiramesh verlieren, die Ehrwürdige, die so viel mehr wert ist als du es je sein könntest?“
„Ich habe Tiraxa beistehen wollen“, verteidigte sich Havon kleinlaut, „wir hatten die Hexen überrascht. Ich dachte, wir können sie besiegen. Sie alle vernichten.“
„Und du hast dich geirrt!“, erinnerte Davox, „du bist jämmerlich gescheitert! Deine Eitelkeit, deine Dummheit hat uns den Sieg gekostet. Und sie hat auch Tiraxas Leben gefordert, dass du retten wolltest, wie du behauptest. Wärst du stattdessen zu mir gekommen, würden beide noch leben und die Hexen wären nicht entkommen.“
„Meint ihr wirklich, dass es euch zusteht, den Jungen so zu tadeln?“, wandte Rixwanah ein. Eine Weise des Gebeins, die sich von Davox nur durch ihr etwas kleineres Skelett unterscheidet, deren spöttischen Tonfall er aber mühelos zuordnen konnte. Sie war eine von den drei Ältesten, die den Zirkel vor seiner Ankunft angeführt haben und die nun hinter ihnen auf ihren schwarz bemalten Knochenthronen saßen, umringt von einem guten Dutzend weiterer Weisen von niederem Rang, die stumm neben ihnen standen wie beinerne Statuen.
„Verlangt ihr etwa Milde von mir?“, fragte Davox verwundert.
„Nichts läge mir ferner“, antwortete Rixwannah, „gibt es doch kein größeres Verbrechen als dieses. Ich denke eher, dass ihr zu viel Milde mit euch selbst walten lasst. Immerhin standen Tiraxa, Hiramesh und Havon unter eurem Befehl und damit unter eurer Verantwortung. Ihr Versagen ist euer Versagen, Davox.“
Trotz Ermangelung eines fleischlichen Körpers wurde Davox bei diesen Worten eiskalt. Bislang hatte sich jeder seiner Macht gefügt und seine Herrschaft oder seine Befehle nicht infrage gestellt. Nicht einmal die anderen Weisen.
„Aus Angst erblüht Weisheit, so heißt es. Und ich denke, genau dieser Blüte können wir nun Zeuge werden, nicht wahr?“, meldete sich Dregnox zu Wort, ein Weiser von geradezu hünenhafter Gestalt, dessen bloßes Gerippe mehr als zwei Meter messen mochte, „meintest du wirklich, wir schauen zu dir herauf, Weichweltler? Meinst du, wir machen es dir so einfach, unseren Kult anzuführen? Würdest du unsere Gesetze kennen, so hättest du unsere Zurückhaltung als Prüfung erkannt und nicht als Gefolgschaft missverstanden. Doch selbst wenn du dafür zu beschränkt bist, hättest du ahnen sollen, dass Wesen wie wir uns nicht einfach unterordnen würden. Was du erlangen konntest, war ein Platz unter Gleichgestellten, nicht mehr und nicht weniger. Doch was du dir stattdessen verdient hast, ist dieselbe Strafe wie Havon.“
Davox fühlte sich wie ein kleiner Junge. Oder zumindest wie der machtlose Teenager in dem Bandshirt von einst. Vorgeführt. Gedemütigt. So sehr, dass er sogar den Eindruck hatte, dass Professor Wingert, der wie immer stinkend und regungslos hinter ihm stand, auf ihn herabsehen würde. Doch dieses Gefühl von Schwäche hielt nicht lang an. Letztlich war er sich seiner Kraft bewusst und wenn er schnell handelte, könnte er sie alle spüren lassen, wie mächtig er war.
„Tut nichts Unüberlegtes“, warnte Hinaraxes, die dritte Weise im Bunde, deren angeborene Schädeldeformation ihr nicht nur einen charakteristischen Kopf, sondern auch eine beachtliche Macht verschaffte, „ihr habt euren Wert schon einmal überschätzt, Davox. Wenn ihr es nochmal tut, wird es euer Untergang sein. Davon abgesehen gibt es keinen Grund, den Heldentod zu suchen. Noch nämlich birgt eure Strafe eine Chance. Bringt uns alle Hexen oder ihre Überreste und nehmt euren versprochenen Platz in unserer Mitte ein. Scheitert, und wir werden eine neue Knochenschlange bekommen, die eure Arbeit erledigt. Der Hexenzirkel war noch nie so schwach. Dass sie sich in unser Gebiet wagen, zeigt, wie verzweifelt sie sind. Wir müssen die Chance nutzen und sie bezwingen. Auf die eine oder andere Weise. Zu Ehren des gefühllosen Gottes.“
„Nun gut“, sagte Davox, „dann brechen wir sofort auf. Du hast sie gehört. Havon. Steh auf!“
Davox konnte seine Wut kaum zügeln. Selbst seine alten, wertlosen Gefährten hatten ihn nie so sehr enttäuscht wie diese vermessenen Gestalten. Nicht einmal Inga hatte das.
„Oh, eine Sache noch, bevor ihr geht“, sagte Rixwannah süffisant.
„Ja“, antwortete Davox und erwartete Übles. Doch es kam schlimmer.
„Während eurer Mission wird Havon die Führung übernehmen“, erklärte Rixwannah, „das wird euer Ego in die Schranken weisen und euch Kooperation lehren. Solltet ihr einen einzigen seiner Befehle missachten, Davox, ihm Schaden oder seine Autorität infrage stellen, werden wir das spüren und entsprechend ahnden. Und das ist keine leere Drohung. Das Amulett, in dem einst die ehrwürdige Hiramesh wohnte, vermag es, uns alles mitzuteilen.“
Das groteske Grinsen auf Havons widerlichem, von Fleisch verseuchten Kopf war mehr, als Davox ertragen konnte. Doch er fühlte sich nicht bereit für einen Aufstand gegen die anderen Weisen. Noch nicht. Also wandte er stattdessen die Augen ab. Seinen übernatürlichen Hörsinn jedoch, konnte er nicht verschließen.
„Dann bei Fuß, mein braves Hündchen“, sagte Havon, während er sich beschwingt erhob, „lass uns ein paar Hexen jagen!“
~o~
„Ich verspreche dir, dass deine Freundin dich nicht halb so glücklich machen kann wie ich“, sagte eine junge, dürre Drix Tschatha mit strohigen Haaren und eingefallenen Augen, die ihr schmutziges Gesicht so nah an Steffen gebracht hatte, dass dieser verzweifelt versuchte, zurückzuweichen. Jedoch war das kaum möglich, da er dabei von den Körpern anderer Hexen aufgehalten wurde, die ihn förmlich eingekreist hatten. „Ich kann sie dich vergessen lassen, weißt du“, flüsterte die Hexe mit schlechtem Atem, „genau wie alle Schuldgefühle. Zumindest während wir es tun. Wir können einfach Spaß haben und wenn du heil aus dem Wald zurückkehrst, muss sie nichts davon erfahren. Oder ich verbanne das Erlebnis in dein Unterbewusstsein. Es war dann nur wie ein Traum. Ein feuchter Traum.“
Die Lichthexe grinste lüstern und offenbarte intakte, aber unansehnliche Zähne.
„Danke für das Angebot“, sagte Steffen höflich, „aber so ein Kerl bin ich nicht. Ich bleibe treu. Unter allen Umständen.“
„Das war kein Angebot“, sagte die Hexe und packte Steffens Arm so fest, dass dieser aufschrie. Er versuchte, sich loszureißen. „Lass mich sofort los, du Wahnsinnige!“, verlangte er und nahm auch seinen anderen Arm zur Hilfe, in der Hoffnung, so ihre Hand zu lösen, hatte jedoch keinen Erfolg.
„Oh, diese Stärke. Diese Kraft und Vitalität“, sagte die Frau und leckte sich über die Lippen, „ich werde sie zu genießen wissen, auf mehrere Arten. Bevor …“
„Lass ihn sofort los“, verlangte Anscha, „wir sind nicht zum Vergnügen hier. Ihr ruiniert alles!“
„Dawengja ruiniert alles“, meinte eine andere Hexe mit gedrungener, etwas kräftigerer Figur und schwarzen Haaren, „ich wüsste ihn viel mehr zu schätzen. Und mich könnte er gar nicht mehr vergessen. Wenn er mir nur die Chance gibt.“
„Verdammt, lasst mich in Ruhe!“, sagte Steffen, „ich bin kein Stück Fleisch, das ihr euch einfach nehmen könnt.“
„Du bist ein Mann“, sagte eine dritte Hexe und packte ebenfalls seinen Arm, „da gibt es keinen großen Unterschied. Und der wahre Sinn von Fleisch ist die Ernährung. Wenn ich nur einen kleinen Schluck …“
Aus Steffens Verärgerung wurde nun echte Angst.
„Hört auf, er ist unser Gast“, protestierte Anscha halbherzig, ohne dass jemand auf sie hörte.
„LASST IHN IN RUHE! SOFORT!“, brüllte Inga so laut, dass sich wirklich alle zu ihr umdrehten. Es war nicht das primitive Brüllen eines Schulhofschlägers oder Proleten, sondern ein von wahrer Autorität getragener Befehl, der sich aus einer Quelle speiste, von der Inga selbst nichts geahnt hatte, und die sich doch eindeutig in ihr befand.
Gehorsam und verblüfft ließen die Drix Tschatha von ihrem Opfer ab. Inga spürte aber, dass das noch kein Sieg war. Die Frauen waren eher überrumpelt als überzeugt. Doch diese Überrumpelung war ihre Chance.
„Ihr seid erbärmlich, wisst ihr das?“, sagte Inga mit zornig erhobenem Haupt und blickte in die Gesichter all der Frauen, deren Macht locker ausgereicht hätte, um sie in winzige Stücke zu zerreißen. Doch sie zeigte keine Angst. Sie war weit darüber hinaus, „ihr präsentiert euch als Kämpferinnen für das Gute. Als Paladine der weißen Götter und Streiterinnen gegen die Härte und die Bosheit des Knochenwaldes und die Gnadenlosigkeit der Weisen des Gebeins. Und doch seid ihr keinen Deut besser in eurem Verhalten. Ihr lügt, ihr täuscht und ihr giert nach Macht, die ihr von anderen stehlt. Ihr lockt diesen Mann in eure Mitte wie beschissene, sexistische Märchenhexen und glaubt auch noch, das wäre etwas Gutes. Dabei ist es einfach nur widerlich.“
„Inga, das war nicht, was ich …“, kommentierte Myna verblüfft. Doch ihr Gesicht war nicht halb so bleich wie das von Anscha.
„Egal, es ist wahr“, beharrte Inga, „und ich werde dazu nicht mehr schweigen. Es gibt schon genügend Monster. vor denen wir uns fürchten müssen. Ich habe es so satt, dass wir welche von ihnen sind. Das ist ein scheiß Spiel, das wir nicht gewinnen können. Es ist ein verfickter Teufelskreis. Aber so muss es nicht sein. Ihr könnt besser sein als das. Myna hat ihre Verbitterung abgelegt. Zumindest einen Teil davon. Und das könnt ihr auch. Das ist auch der Grund, warum sich Trynja für Myna und mich geopfert hat. Sie wusste, wie wir ticken, wie besonders ich ticke. Und ich bin keine Drix Tschatha, die als Schreckgestalt in Kinderbüchern auftauchen will. Ich bin keine Lichthexe, die Angst und Schrecken verbreiten will. Ich bin der Typ, der Licht verbreiten will. Und das solltet ihr auch.“
Inga beendete ihre flammende Rede und als ihre Worte erstarben, breitete sich drückende Stille aus. Es wurde so still, dass man einen Zehenknochen hätte knacken hören können. Doch diese Ruhe war nicht nur von Empörung hervorgerufen. Inga sah durchaus, dass ihre Rede etwas entzündet hatte. Nicht in allen, aber in vielen Gesichtern erkannte sie Scham oder zumindest so etwas wie Selbstreflexion.
Doch niemand trug so viele Fragen in sich wie Steffen. Eine davon sprach er laut aus, „heißt das, ihr … sie … wollten mich fressen?“
„So ungefähr“, erklärte Inga, „sie wollten nicht dein Fleisch, aber sie wollten die Lebenskraft aus dir herausfressen, um ihre Macht zu nähren. Deine Energie, deine Jugend, deine Intelligenz. Das da, diese Männer, die mit uns reisen, sind keine armen Seelen, um die wir uns rührend kümmern. Das da ist deine Zukunft!“
Inga zeigte auf das kleine Grüppchen der ausgehöhlten, stumpf ins Nichts glotzenden Männer und Steffens Blick folgte ihrer Geste. Etwas veränderte sich in seinem Gesicht. Uralte Instinkte brachten ihn dazu, sich nach einem Fluchtweg umzusehen, nur um festzustellen, dass es immer noch keinen gab. Also erstarrte er hilflos, wissend, dass er keine Chance haben würde, gegen all diese mächtigen Frauen zu bestehen. Inga fühlte mit ihm. Das war alles immer noch so absurd. Dieser arme Typ hätte unter anderen Umständen auf irgendeinem Festival neben ihr stehen und den Moment genießen können. Doch hier waren sie Raubtier und Beute.
„Mächtige Worte“, sagte Anscha, die sich endlich von ihrer Überrumpelung erholt hatte, „und sehr bequem von deinem hohen Ross aus gesprochen. Ja, wir sind auf die Kraft und die Hilfe anderer angewiesen. Auf die heldenhafte Unterstützung tapferer Männer wie Steffen hier, die nicht wollen, dass die Welt, in der die Liebe seines Lebens lebt, zum selben Höllenloch mutiert wie diese. Und nicht nur sie, wir alle bringen Opfer, damit es irgendwo noch eine Welt geben kann, die besser ist als diese. Damit nicht alles in ewiger Dunkelheit versinkt. Das ist bitter. Das ist dreckig, aber es ist alternativlos.“
„Hör mir auf mit Alternativlosigkeit. Ich nenne das Denkfaulheit und Engstirnigkeit und die hat schon meine Heimatwelt ruiniert, lange bevor der Knochenwald sich dort gezeigt hat! Das, was ihr tut, ist, wie einen Lungenkrebs zu füttern, damit er den Körper gegen Leukämie beschützt. Das ist keine Lösung. Das ist Irrsinn!“, sagte Inga entschlossen.
„Stimmt das?“, fragte Steffen und wandte sich dabei direkt an Inga, „kann ich Natalie retten, wenn ich euch meine Energie gebe?“
„So darfst du nicht denken!“, sagte Inga, „sie hat doch nichts davon, wenn du dich …“
„Kann ich sie retten?!“, beharrte Steffen.
„Vielleicht“, sagte Inga zerknirscht, „wir hatten einen Plan. Aber ich kann nicht garantieren, dass er funktioniert.“
„Wenn es eine Chance gibt, will ich sie trotzdem nutzen“, sagte Steffen.
„Du willst dein Leben opfern. Wirklich?“, versuchte ihm Inga noch einmal ins Gewissen zu reden, „willst du so unbedingt sterben?“
„Vielleicht war es ja Schicksal, dass ich an diesem abgefuckten Ort gelandet bin. Ich meine, was soll es denn sonst gewesen sein? Wäre ich nie hierhergekommen, hätte ich nie die Möglichkeit erhalten, Natalie zu helfen. Das bedeutet etwas, das spüre ich“, meinte Steffen, „ich will nicht sterben. Aber ich würde alles für sie opfern, wenn es nötig ist.“
„Was für ein Schwachsinn! Sorry, aber so denkst du nur, weil dein Kopf gerade randvoll mit Hormonen ist“, sagte Inga, „es gibt nichts Egoistischeres als den Märtyrertod. Man lässt den anderen hilflos und zerstört zurück, während man selbst sich aus dem Staub macht und sich am eigenen Edelmut berauscht, ohne je gefragt zu haben, ob der, für den man sich geopfert hat, dieses Opfer überhaupt wollte.“
„Stopp! Stopp! Stopp!“, mischte sich Myna nach einem kurzen, entschuldigenden Blick zu Inga ein, „als jemand, der selbst von ihrem Zauber betroffen ist, kann ich nicht dulden, wie du die Liebe so kleinredest, Inga. Steffen ist ein erwachsener Mann und du hast ihn gehört. Seine Entscheidung steht, und sie ist ehrenhaft, auch wenn du das vielleicht anders siehst. Und wir werden dafür sorgen, dass sein Einsatz nicht umsonst ist und seine Kraft nicht verschwendet wird. Damit meine ich euch, Schwestern. Sollte eine von euch auch nur ein Quäntchen Energie von diesem Mann abzapfen, bevor wir auf der Weißlichtung sind, spieße ich diejenige höchstpersönlich auf den nächsten Knochenbaum. Und das ist kein Witz. Dasselbe gilt übrigens, wenn noch einmal eine von euch die Führung von mir oder Inga infrage stellt. Akzeptiert das oder verlasst den Zirkel für immer! Haben wir uns verstanden?“
Sie blickte dabei so finster und hasserfüllt, dass Inga keinen Moment daran zweifelte, dass ihre Drohung ernstgemeint war. Und nach und nach nickten die anderen Drix Tschatha. Sogar Anscha. Wenn auch als letzte.
„Perfekt“, sagte Myna, „also Ladys, dann verlieren wir besser keine Zeit mehr und begeben uns direkt zur Weißlichtung. Und Steffen, du kommst fürs Erste zu Inga und mir, damit keine meiner Freundinnen in Versuchung gerät.“
Der große Mann nickte dankbar, korrigierte den Sitz seines Rucksacks und ging auf Inga und Myna zu, wobei ihm die anderen Drix Tschatha sehnsüchtig hinterhersahen, ihn aber nicht aufhielten.
„Myna“, sagte Inga, als sie mehrere Bewegungen im Dickicht der Bäume bemerkte, „da hinten ist irgendwas.“
Alarmiert sahen nicht nur Myna, sondern auch Steffen und die anderen Hexen zur Baumgrenze. Inga hatte Recht. Dort, zwischen den dünnen Ästen der dicht stehenden Knochenbäume, regte sich eindeutig etwas. Und es dauerte nur ein paar Herzschläge, bis jeder erkennen konnte was es war. Große, geringte Leiber mit kreisrunden Körpern schoben sich zwischen den Bäumen hervor und streckten witternd die plumpen Köpfe in die Luft, während sich kleine, rot leuchtende Augen auf ihre Beute ausrichteten. Es waren Schneidmaden. Ohne Zweifel. Dutzende davon, vielleicht sogar Hunderte. Doch sie waren nicht so, wie Inga sie kannte. Anders als ihre Verwandten waren diese Maden pechschwarz mit kleinen roten Flecken und sie besaßen weiß schillernde, verkümmerte Flügel. Ebenenbrut.
„So viele … das … das ist die große Jagd“, flüsterte Myna so leise, dass nur Inga und Steffen es hören konnten, „sie sammeln Nahrung für ihre Königin.“
„Rennt!“, rief sie laut, „rennt, so schnell ihr nur könnt!“
Und genau das taten sie.
~o~
„Ganz ruhig, Lucy, es muss einen Ausweg geben. Edens Leute müssen hier auch durchgekommen sein“, sagte sie sich immer wieder wie ein Mantra vor und versuchte, damit die dämmernde Erkenntnis zu verdrängen, dass dieser Ort vielleicht nicht nur eine besondere Sicherheitsmaßnahme, sondern einfach nur eine Todesfalle war und der eigentliche Weg zu ihrem Vater ganz woanders lag.
Die Puppen hatten sie bislang noch nicht angegriffen. Doch das machte es fast noch schlimmer. Im explosiven Adrenalinrausch des Kampfes lag eine Befreiung. Dort wurde die Angst produktiv, doch solange die Bedrohung latent und Flucht nicht möglich war, war sie nichts als ein Geschwür in ihrem Inneren, das ihr Selbstbewusstsein zerfraß. Lucy wusste das und die monochromen Puppen wussten das auch. Während Lucy sich eng an der Wand hielt und vorsichtig vorwärts ging, auf der Suche nach irgendeinem Ausweg, zog sich die Schlinge um sie immer enger. Stückchen für Stückchen, kamen die papierweißen Gestalten mit fast zufällig wirkenden Bewegungen näher.
Sie marschierten scheinbar chaotisch und doch koordiniert. Und es blieb nicht bei Puppen allein. Roboter und Spielzeugpanzer brachten sich mit ruckartigen Manövern in Stellung und richteten ihre Geschütze aus, die unter normalen Umständen entweder gar nichts oder harmlose Plastikkugeln verschossen hätten, von deren Harmlosigkeit sie nun aber ganz und gar nicht mehr überzeugt war. Das galt auch für die beiden übermenschengroßen Plüschbären, die, mit futuristisch anmutenden Wasserpistolen bewaffnet, wie lebendig gewordene Geschütztürme über den anderen Monstren aufragten und ihre Waffen bedrohlich auf sie ausrichteten.
Und das war längst nicht alles. Auch ihre Umgebung veränderte sich rapide. Springseile verwoben sich wie von Zauberhand zu dichten Spinnennetzen, Klemmbaustein-Sets formten dicke Barrikaden und Mauern. Eisenbahngleise verbanden und krümmten sich zu sinnesverwirrenden, mit scharfen Kanten gespickten Stacheldrahtröhren, während unpassende Puzzlestücke sich zu schrägen, meterhohen Wänden mit verstörenden Motiven massierten. Motive, die sicher nicht ohne Grund an surreale Zerrbilder ihrer Eltern, Carina und anderer Personen aus ihrer Vergangenheit erinnerten, die sie höhnisch angrinsten.
Ehe sie sich versah, sah das alles nicht mehr aus wie ein Spielzeugladen, sondern wie ein Vergnügungspark aus der Hölle, der das Ziel hatte, genau das Gegenteil von Vergnügen zu bereiten. Keines dieser Hindernisse versperrte ihr den Weg endgültig. Immer gab es noch eine Lücke, die Lucy durchqueren konnte, indem sie sich langsam hindurchquetschte, mühsam darunter hinweg kroch oder angestrengt darauf balancierte, während drohende Augen sie beobachteten oder kleine Hände, Pfoten und Klauen ihr ganz nah kamen und sich erst blitzschnell zurückzogen, wenn Lucy nach ihnen schlug oder Polly nach ihnen schnappte. Nie erwischte sie eine dieser Kreaturen, aber auch sie und Polly blieben weitgehend unverletzt, wenn man von winzigen, oberflächlichen Schrammen absah, die ihr das ein oder andere Hindernis zufügte.
Doch das erleichterte Lucy nicht. Sie war sich vollkommen der Tatsache bewusst, dass ihre Unversehrtheit wahrscheinlich keine Gnade und auch nicht ihren Fähigkeiten geschuldet, sondern lediglich ein kleines, perverses, sadistisches Spielchen war. Sie war längst nicht mehr auf der Suche nach einem Ausweg. Sie marschierte direkt ins Zentrum des Spinnennetzes hinein. Dazu passte auch, dass sie das Gefühl hatte, dass sie sich nicht einfach nur im Kreis im Laden bewegte, sondern auch etwas tiefer gekommen war, so als würde sie direkt durch den Boden laufen. Angesichts der verschwommenen Geometrie dieses Ortes war es natürlich unmöglich festzustellen, ob das zutraf, aber ihr Körper spürte es eindeutig. Und auch wenn es Lucy ängstigte, begann ihre Wut darüber zum ersten Mal, wieder die Oberhand über die Angst zu gewinnen. Sie entschied, dass sie lieber zu ihren eigenen Bedingungen sterben, als dieses blöde Spiel weiter mitspielen würde. Also blieb sie – im Schatten einer Spielzeugburg, auf deren Zinnen sinistre Wasserspeier mit langen Schnauzen thronten – einfach stehen.
„Es reicht!“, sagte sie trotzig, „ihr seid nur Papiertiger, oder? Ihr weidet euch an meiner Angst, aber in Wirklichkeit seid ihr vollkommen machtlos. Ist doch so, oder nicht? Ich dagegen bin wirklich gefährlich. Ich KANN zerstören!“
Mit diesen Worten schlug Lucy mit aller Kraft gegen die Burgmauer und auch wenn ein Zittern durch ihre Knochen ging, sah sie das Gebäude an den Rändern zusammenbrechen und einen der Gargoyles seinen Kopf verlieren, der krachend auf den schwarzen Boden fiel. Davon ermutigt trat sie diesmal zu und ließ dadurch das halbe Gebäude kollabieren, wodurch wieder der Blick auf die Spielzeugarmee frei wurde.
„Ihr seid Schwächlinge und Kinderspuk, mehr nicht“, tönte Lucy selbstbewusst, „ihr seid wie dieser Zauberertyp, in ‚der Zauberer von Oz‘, der sich durch seine Maschine wichtig macht, in Wirklichkeit aber …“
Ein heftiger Rückstoß warf Lucy zu Boden und trieb ihr die Luft aus den Lungen. Kurz darauf verspürte sie einen brennenden Schmerz und sah weiße Dampfschwaden aus ihrer Brust aufsteigen, dort, wo sie der Schuss getroffen hatte. Das zufriedene Grinsen eines der großen Plüschbären, der grüßend seine Wasserpistole hob, zeigte ihr, wer der Schütze gewesen war.
Es war jedoch nicht er, der nun zu ihr sprach.
„Wir sind keine Gespenster! ICH HAB DICH LIEB. Wir sind die Essenz der scharfen Schatten. Die Plage der Dualität. SEI MEINE FREUNDIN.“
Die Stimme, die diese Worte sprach, war sehr kindlich und hoch. Zugleich besaß sie aber einen blechernen, finsteren Unterton, der sich wie Säure in die vermeintliche Unschuld mischte. Der Inhalt verwirrte Lucy zunächst, doch sie stellte schnell fest, dass der Ton bei den unpassenden Elementen mechanischer und freundlicher war. Fast wie bei einem besonders liebenswürdigen Tourette. Doch sie wusste es besser, als sich darauf zu beziehen. Es könnte das Ding verärgern und wer redete, war fast immer verhandlungsbereit. Das war gut. Denn Lucy fühlte, dass sie geschwächt war. Die Verletzung heilte, aber sie heilte verdammt langsam. Die Flüssigkeit in der Waffe des Bären musste eine ätzende oder giftige Wirkung haben.
Lucy riskierte einen kurzen Seitenblick zu Polly. Die Made war zornig und wohl nur aus Sorge und Gehorsam gegenüber ihrer Herrin nicht vom Blutrausch übermannt, aber sie war unverletzt.
Das bedeutete, dass ein Gespräch möglich war. Hätte das Vieh Polly verletzt, hätte sie alles in diesem Raum kurz und klein geschlagen, notfalls bis es sie selbst dahingerafft hätte.
„Mit wem spreche ich da?“, fragte Lucy und merkte, dass ihr das Sprechen schwerfiel. Nicht so, als stünde die kurz vor dem Tod, aber sie fühlte sich kurzatmig und ihre Lungen brannten und drückten ziemlich unangenehm. Sie fragte sich, ob sie das Zeug aus der Wunde holen sollte, und führte ihre Hand zu ihrer Brust.
„Mit mir. LASS UNS SPASS HABEN. Und an Deiner Stelle würde ich das lassen. Das Strahlende breitet sich leicht aus und an manchen Körperstellen wirkt es unerfreulicher als an anderen“, erklang die Antwort und eine etwa ein Meter große Puppe mit Korkenzieherlöckchen, einem weiten Kleid mit Spitze und kleinen Stiefeln, deren monochromes, immer lächelndes Gesicht fast hyperrealistisch fein ausgearbeitet war. Obwohl ihr Mund lächelte, waren ihre Augen schwarze Löcher, durch die Dunkelheit hindurchschien. Lucy befiel ein Frösteln, aber auch fast so etwas wie Sympathie. Jedenfalls hörte Lucy auf ihren Rat und zog ihre Hand zurück.
„Danke für den Tipp“, sagte Lucy so ruhig wie möglich, „mein Name ist Lucy. Und das ist Polly. Wird mich ‚das Strahlende’ umbringen? Ist das sein Zweck?“
„Nein“, sagte die Puppe, „es wird dich verwandeln. Deine Schattierungen auflösen. Dich vereinfachen. Die Eckpunkte deines Wesens herausskizzieren und Ballast entfernen. DU BIST MEINE BESTE FREUNDIN. Eigentlich wollte ich dich töten. Das ist unser Wesen. Wir zerteilen und beenden. Aber du erschienst mir anders als die meisten. Interessanter. Ich wollte dich prüfen. Und du bist stark und schnell und anders. Deshalb wollte ich dich einladen. Du kannst mich Duality nennen.“
Nun bekam Lucy wirklich Angst. Sie hatte kein Interesse daran, sich erneut zu verändern. Sie hatte gerade erst ihre Seele wiedergefunden und liebte jedes Detail ihres Charakters. Sie wollte sich nicht vereinfachen und nicht zu … so etwas werden. Vielleicht war es noch nicht zu spät. Vielleicht ließen sich die Dinge noch ändern. Aber dafür musste die Puppe – Duality – ihr vertrauen.
„Hallo Duality, schön dich kennenzulernen“, sagte Lucy, „ich heiße Lucy und ich habe noch nie von einem monochromen Wesen gehört, das sprechen konnte. Du musst etwas Besonderes sein.“
Lucy zwang sich zu lächeln, obwohl sie sich alles andere als gut fühlte. Sie spürte bereits ein seltsames Ziehen und Spannen in ihren Oberschenkeln. War das der Beginn der Transformation?
„Oh danke“, antwortete Duality, “WIR WERDEN FÜR IMMER ZUSAMMEN SEIN. Das ist Teil meines Wesens. Ich habe einen Sprachchip, weißt du. Und ich bin die letzte meiner Art in diesem Geschäft. Der Rest wurde vor dem Erwachen verkauft. ICH WILL KUSCHELN. Es ist traurig. Ich freue mich, bald eine Freundin zu haben.“
Lucy fand es nicht nur beunruhigend, wie gut ihre automatisierten Einwürfe diesmal zu ihren bewussten Aussagen passten, sondern auch, wie lebendig und begeistert ihre Puppenhändchen beim Sprechen gestikulierten.
„Ich wäre gern deine Freundin“, sagte Lucy und war ziemlich verwirrt darüber, dass das tatsächlich stimmte. Sie mochte dieses kleine, seltsame Spielzeug, so sehr es sie auch gruselte, „aber ich will dabei ich selbst bleiben. Und ich will meinen Vater wiedersehen. Verstehst du das?“
Duality schien nachzudenken, und die Härte in ihrem vereinfachten Gesicht gab Lucy wenig Hoffnung. Diese Puppe war ihr gar nicht so unähnlich. Zumindest jener Version von ihr, die in Elviras Labor geboren worden war. Und damals hätte sie keine Gnade gekannt. Dennoch ließ sie sich nicht zu einer Kurzschlussreaktion hinreißen. Sie wusste, dass ihr altes Ich aus Rache in solch einer Situation alles angezündet und vor ihrem eigenen Ende jeden ins Verderben gerissen hätte, bei dem ihm das möglich gewesen wäre. Auch ihren eigenen Vater. Aber so war sie nicht mehr. Bis jetzt jedenfalls nicht.
„Beruhige dich, Polly“, sagte sie deshalb zu ihrer Made, die Duality zornig anfauchte, „wir wollten mit Duality reden und das werden wir tun.“
„Ich verstehe Freundschaft“, sagte Duality zu Lucys Erleichterung, als sie wieder sprach, „doch wo ist dein Vater? Warum ist er nicht bei dir? KITZEL MICH!“
„Er ist entführt worden“, erklärte Lucy, „von bösen Menschen. Menschen, die wahrscheinlich auch dein Reich durchquert haben. Wissenschaftler oder Soldaten. Leute in Uniformen oder Kitteln.“
Duality schüttelte den Kopf, was angesichts ihrer Form eher wie ein unbeholfenes Hin- und herwackeln aussah. „Solche Leute sind hier nicht hergekommen. ICH BIN SO FROH, DICH ZU HABEN! Keine Wissenschaftler wie „Little Miss Care“ und keine Soldaten wie „Fighting Fred“, oh nein. ES IST EIN TOLLER TAG! Nur einfache Leute. Verwirrte Leute. Schreiende Leute. Ermüdend und schwach und unendlich verworren. Voller Vielleichts und Irgendwies und Sowohl als Auchs. Ohne Kern, den man nutzen könnte. Und durchqueren kann man hier nichts. Dies ist eine endlose Spirale. Ein Tanz in den Abgrund. Kein Weg hier weit und breit. WILLST DU TANZEN?“
Nun wurde Lucys Laune noch viel düsterer. „Also weißt du nichts? Und kannst mir überhaupt nicht helfen?“, fragte sie resigniert, „kannst du wenigstens dieses Zeug, dieses Strahlende, aus mir entfernen, damit ich hier rauskomme und Rache nehmen kann? Kannst du wenigstens das?!“
Ihre letzten Worte schrie sie so laut, dass Dualitys Spielzeugfreunde näher kamen, die Panzer ihre Kanonen schwenkten und die Bären ein leises, drohendes Brummen von sich gaben.
„Ich kann es nicht rückgängig machen“, sagte Duality, und es klang überraschend mitfühlend, „das kann keiner. Das Strahlende, das Schwarzweiße ist jetzt in dir, Freundin Lucy, und es steht dir ausgezeichnet. Es betont deinen Charakter Seine Kanten und Linien. Das ist wunderschön.“
Dabei kicherte Duality und Lucy fragte sich, ob es nun an der Zeit war, ihre Frustration zu entladen. Sie könnte Duality ausschalten. Vielleicht auch einen der Bären. Polly wäre dabei garantiert an ihrer Seite. Das war sie immer. Und wenn sie Glück hatte, würde Duality sie beide aus Zorn zerreißen, bevor sie sich …“
„Aber ich kann dir trotzdem helfen. HAB WUNDERSCHÖNE TRÄUME“, sagte Duality plötzlich und Lucys Pläne für ihren Amoklauf verpufften schlagartig, „ich kann es eindämmen, wenn du magst. Deine Form erhalten, bis du bereit bist, für immer mit uns zu tanzen. Und nicht nur das. Denn ich sah die Soldaten und Wissenschaftler, von denen du sprachst. KUSCHEL MICH! Nicht hier drinnen, aber am Rande der äußeren Schatten, hinter dem Kristall, jenseits dieser Wände.“
„Dann stoppe meine Verwandlung. Bitte?!“, flehte Lucy.
„Ja … ja, ich glaube, das tue ich“, sagte Duality, „LASS UNS EINEN REGENBOGEN MALEN! wenn du mich mitnimmst.“
„Geht das denn?“, fragte Lucy, „kannst du … könnt ihr dieses Haus verlassen?“
„Normalerweise nicht“, sagte Duality, „das können wir alle nicht. Die Wände sind böse. Sie halten uns fest. Aber in dir könnten wir es schaffen. Wir können in dir wohnen, die wirre Welt da draußen betreten und in die Schatten entweichen und sie stärken, wann immer es nötig wird. Dort können wir dir helfen, deine Rache zu bekommen. Und du hilfst uns, mehr von der Welt zu bewohnen. Klingt das nicht wunderbar. ICH BIN AUF EWIG DEIN!“
Lucy wusste nicht, ob das eine so gute Idee war. Immerhin war es eine der wenigen positiven Eigenschaften ihrer Welt, dass die Kreaturen der Monochromen Häuser auf die Gebäude begrenzt waren, die sie befallen hatten. Aber welche Optionen hatte sie schon, wenn sie weiterleben wollte?
„Also gut, Freundin Duality“, sagte Lucy und legte ihre rechte Hand Halt suchend auf Pollys harten Körper, „dann machen wir es so. Lass uns ein wenig frische Luft schnappen.“
Duality lächelte so breit, dass sich die Schwärze an ihren Mundwinkeln zu falten schien. Dann nahm sie ihre dünnen, flachen, papierscharfen Hände und schob sie direkt in Lucys Brust, um die Wunde, die die Wasserpistole geschlagen hatte, weiter auseinanderzureißen.
Lucy schrie auf, denn es tat höllisch weh. Doch das war noch gar nichts. Der wahre Schmerz begann, als sich ihre Brust so weit öffnete wie ein aufgeschnittener Ofenkäse.
Polly konnte sich nicht länger beherrschen und wollte sich auf Duality stürzen, doch einer der schwarzweißen Bären hielt die Made mühelos mit seiner weißen Pranke fest.
Lucy spürte, wie sie innerlich zerfetzt wurde. Sie hatte sich auf den unseligen Deal mit Duality eingelassen. Aber sie hatte sich nicht darauf eingelassen, gedehnt und zerrissen zu werden wie ein Luftballon. Sie wollte die Puppe bitten, aufzuhören, nein, sie wollte es befehlen, aber sie brachte kein einziges Wort zustande und sie konnte sich auch nicht mehr bewegen, während ihre Wundränder weiter und weiter auseinandergezogen worden. So weit, dass sie sie bereits am Rande ihres Sichtfeldes direkt unter ihrem Kinn sehen konnte.
Dennoch verblutete sie nicht. Sie starb nicht und auch ihre Organe fielen nicht heraus, auch wenn sie inzwischen jeden Moment damit rechnete. Schließlich, nach endlosen, qualvollen Momenten, schien Duality mit ihr fertig zu sein. Die Puppe sah sie spitzbübisch an und stieg dann direkt in Lucys Brust, wovon sie nicht mehr spürte als ein unangenehmes, kaltes Ziehen. Dann setzten sich die anderen in Bewegung. Ferngesteuerte Autos, Spielzeugsoldaten, Stofftiere, Puzzle, Bausteine und zuletzt sogar die beiden großen Bären. Dann war es vorbei. Der Raum um Lucy war vollkommen leer, abgesehen von Polly. und ihre Brust fühlte sich an wie tiefgefroren. Doch die Wundränder, die grausigen, fransigen Wundränder waren spurlos verschwunden.
Lucy, die sich nun wieder bewegen konnte, sah ungläubig an sich herab. Ihre Haut war vollkommen intakt. Es gab nicht einmal eine Narbe oder eine Rötung. Es war, als wäre überhaupt nichts passiert. Alles, was Lucy entdeckte, war die kleine Schneidfliege, die plötzlich auf ihrer Brust landete. Das Tier musste sich irgendwo in der Schwärze vor den Monochromen versteckt haben. Vielleicht in ihren Haaren, was zu dem Juckreiz passte, den sie verspürte. Oder war sie die ganze Zeit da gewesen, so wie dieser Raum auch die ganze Zeit leer gewesen war?
„Duality“, fragte Lucy vorsichtig. Doch sie erhielt keine Antwort. Nicht einmal eine Stimme in ihrem Kopf. War das am Ende einfach nur ein Hirngespinst gewesen?
„Egal!“, sagte Lucy laut zu sich selbst. Und es stimmte in gewisser Weise, auch wenn sie auf die Ereignisse der letzten Minuten – ob eingebildet oder nicht – gerne verzichtet hätte. Doch letztlich war es egal. Wichtig war nur, dass sie zu dem gegenüberliegenden Gebäude ging und ihren Vater dort rausholte, bevor … Moment. Woher wusste sie das? Das war mehr als bloßes logisches Denken. Es war eine absolute Gewissheit.
„Du kleines farbarmes Miststück“, sagte Lucy verärgert, doch ohne echte Bosheit. Sie war sich immer noch nicht sicher, ob Duality und ihre gruseligen Freunde nun wirklich in ihr waren. Aber selbst wenn es so war, konnten sie wichtige Verbündete sein. Den Gedanken, dass diese putzigen Geschöpfe die Welt noch tiefer in die Scheiße drücken könnten, versuchte, sie gekonnt zu ignorieren.
„Ich muss Papa finden“, sagte sie nur und dachte dabei an ihre tote Mutter, „er ist alles, was ich noch habe. Komm, Polly, gehen wir Elvira den Arsch aufreißen.“
~o~
„Sie kommen immer noch näher!“, sagte Inga und stellte mit Erschrecken fest, wie deutlich sie die Schneidmaden inzwischen erkennen konnte. Zunächst hatten sie einen ordentlichen Vorsprung herausgeholt, aber auch wenn die kleinen Flügel der Tiere zwar nicht für echtes Fliegen genügen mochten, so gaben sie ihnen doch genügend Auftrieb für gelegentliche große Sprünge, die sie immer wieder ein ganzes Stück voranbrachten. Auf diese Weise war ihr Vorsprung nach und nach dahingeschmolzen.
Obwohl ihr Atem bereits schnell und rasselnd ging, war Inga für ihre wiedergewonnene Schnelligkeit und Kondition sehr dankbar. Als Fünfzigjährige wäre ihr so ein Dauerspurt noch sehr viel schwerer gefallen. Das galt leider auch für viele der anderen Hexen, die nicht über die nötige Jugend verfügten, und erst recht für ihre ausgebrannten Männer, die sie wie unwillige Hunde stolpernd an Ketten und Seilen hinter sich herzogen.
„Wir müssen Ballast verlieren“, rief Anscha, „jetzt sofort!“
Myna schien zu verstehen, was sie meinte. „Anscha hat recht“, sagte sie laut, „es ist Zeit für einen Abschied. Die ältesten und schwächsten von euch müssen sich von ihren Dron Athor trennen und deren Lebensflamme absorbieren. Mit der frischen Energie werdet ihr schneller unterwegs sein. Aber gewöhnt euch nicht daran. Ihr werdet eure Jugend wieder spenden müssen, sobald wir die Weißlichtung erreichen.“
„Du willst, dass sie diese Männer töten?“, fragte Inga empört. Natürlich war sie nicht dumm. Sie wusste, dass diese Männer längst wie tot waren und sogar Schlimmeres. Dennoch würde sie sich nie wohl damit fühlen, dass die Leben Unschuldiger einfach so ausgelöscht wurden. Immerhin wusste sie nicht, ob es einen Weg gab, sie zu heilen und ihnen ihr altes Leben wieder zurückzugeben.
„Du weißt, dass es für sie eine Erlösung wäre …“, begann Myna und schüttelte dann den Kopf, „Nein, tut mir leid, mein Schatz. Wir haben keine Zeit für Diskussionen. Macht, was ich sage, jetzt!“
Die angesprochenen Drix Tschatha blieben stehen, wandten sich den Männern an den Ketten zu und brachten auch sie zum Anhalten. Inga ließ diese Szene keinen Moment aus den Augen, auch wenn sie das Schleifen und Flattern ihrer hungrigen Verfolger hören konnte. Sie besiegte ihre Angst, hatte sie doch das Gefühl, es diesen armen Männern schuldig zu sein, wenigstens ihrem Tod Beachtung zu schenken.
Die Lichthexen – allesamt mittelalte oder ältere Frauen – handelten schnell und fast synchron. Und dennoch glaubte sie. einen Funken Wehmut in fast allen Gesichtern zu sehen. Ein Bedauern, eine Schuld, ein Bewusstsein von Verantwortung, was es fast so aussehen ließ, als würden diese Frauen die Männer vor sich als etwas wie menschliche Wesen betrachten und nicht nur als Ressourcen. Und vielleicht stimmte das sogar. Jedenfalls glaubte Inga, dass ein solcher Ausdruck bei ihrer Ankunft noch nicht in den Augen der Frauen gelegen hatte. Die Gesichter der meisten Dron Athor hingegen waren vollkommen leer. Sie zuckten kaum, als die Drix Tschatha Hand an sie legten und ihnen jeden Funken Leben ausquetschten. Doch diese unvorstellbare Schwäche machte es nur umso schlimmer. Denn niemand konnte wissen, wie viel Bewusstsein noch in ihnen verblieben war. Ob sie noch klare Momente hatten, wie viele Demenz-Patienten und ob sie noch auf einer komplexeren Ebene leiden konnten. So oder so konnten sie sich nicht mal ansatzweise dagegen wehren, dass sie wie Trinkpäckchen ausgesaugt wurden, bevor sie buchstäblich zu Staub zerfielen und ihre Herrinnen um einige entscheidende Jahre jünger geworden waren. Inga entging es nicht, dass auch Steffen das Schauspiel aufmerksam verfolgt hatte. Mit wachsender Erschütterung und sichtbarer Abscheu.
„Was machst du, da Inga? Komm weiter! Die haben uns gleich!“, rief Myna verärgert und packte Inga am Arm. Die ließ sich widerstandslos, aber passiv mitziehen, bevor sie auch selbst aktiv weiter rannte. Sie hatte alles gesehen, was sie wollte. Genug vielleicht für ihr ganzes Leben.
Auch Steffen überwand seinen Schrecken und zusammen mit den nun wieder jüngeren Lichthexen gelang es ihnen, den Vorsprung vor den heranrückenden Maden wieder ein Stück weit auszubauen.
Doch wie lange würde ihnen das noch gelingen? Selbst Inga spürte bereits, wie ihre Kraft nachließ, und auch Steffen, der für ihre Mission mindestens genauso unersetzbar war wie sie, ließ deutliche Anzeichen der Erschöpfung erkennen. Der Mann war nicht untrainiert. Aber er war auch kein Leistungssportler und eher ein Wanderer als ein Mittelstreckenläufer.
Umso größer war ihre Erleichterung, als sie Anschas fast ekstatischen Freudenruf vernahm. „Die Weißlichtung. Da hinten ist sie! Endlich! Gleich haben wir es geschafft.“
Inga strengte ihre Augen an und meinte, ebenfalls etwas zu erkennen. Interessanterweise war die Weißlichtung von einer Reihe besonders dicht stehender Knochenbäume umgeben, so als würde der Wald sie besonders misstrauisch beäugen. Dadurch war sie eigentlich kaum zu erkennen. Aber Inga sah dennoch, dass sie da war. Selbst aus dieser Entfernung wirkte das Licht hinter diesen Knochenbäumen so völlig anders als im Rest des Waldes. Es war heller und freundlicher und versprühte eine Form von Optimismus, der zwar eher trotzig als hoffnungsvoll, aber nichtsdestotrotz belebend und anziehend war. Schon der bloße Anblick machte ihre schweren Beine wieder etwas leichter und besänftigte ihr Seitenstechen.
„Gott sei Dank!“, sagte Inga, erleichtert und kurzatmig, und wandte sich an Myna, „dorthin können sie uns nicht folgen, oder?“
„Nein“, sagte Myna abwesend, ohne ihren Blick von der sich nähernden Baumgrenze zu nehmen, „ich war noch nicht oft dort. Aber während wir dort drin waren, konnten weder die Maden noch die Weisen oder irgendeine andere Kreatur zu uns vordringen. Dieser Ort bietet eine gewisse Sicherheit.“
„Warum klingst du dann so fröhlich, als hätte man bei dir Krebs im Endstadium festgestellt?“, fragte Inga irritiert, während sie ihre Augen gegen die strahlende Helligkeit abschirmte, mit der die nahe Weißlichtung sie blendete.
„Tja, dieser Schutz ist nicht von Dauer“, sagte Myna und kniff ebenfalls die Augen zusammen, „die Lichtung drängt dich irgendwann förmlich zum Aufbruch. Du wirst es verstehen, wenn wir dort hingelangen.“
„Okay. Aber ist das alles, was dich bedrückt?“, hakte Inga nach, nachdem sie sich noch einmal umgesehen hatte, um festzustellen, dass die Maden noch weiter zurückgefallen waren. Sie würden es schaffen.
„Es ist nicht nur das“, gab Myna zu, „die Maden sind langsamer geworden? Hast du es nicht bemerkt? Die Viecher haben eigentlich fast unendlich Kondition und sie sind schlau. Sie wissen, dass sie die Weißlichtung nicht betreten können. Also müssten sie eigentlich schneller werden, um uns einzuholen. Dass sie es nicht geworden sind, kann nur heißen …“
„Verdammter Matsch!“, schrie plötzlich eine der Hexen, als sich die Gruppe der Lichtung schon fast auf Sprungweite genähert hatte, „ich stecke fest. Kann mir jemand helfen?“
Direkt versuchten zwei Drix Tschatha zu ihrer Zirkelschwester zu gelangen, scheiterten jedoch kläglich, da sie nach ein paar Schritten ebenfalls nicht mehr vorankamen.
„Bleibt alle stehen. Keinen Schritt weiter!“, sagte Inga, die schon ahnte, dass genau dasselbe auch ihnen passieren konnte. Und sowohl Myna als auch Steffen gehorchten sofort. Ein Blick auf den Boden offenbarte ihnen, dass das keine schlechte Entscheidung gewesen war. Er glänzte feucht und das auf eine gänzlich andere Art als die Laugepfützen, auf die sie zuvor getroffen waren.
„Das ist kein Schlamm“, meldete sich Steffen zu Wort, der bislang beharrlich geschwiegen hatte, und zeigte auf den glänzenden Fleck auf dem Boden vor sich, „ich kenne diesen Wald nicht. Ich meine, woher auch, aber ich kenne die Wälder meiner Heimat. Weder Schlamm noch Treibsand sehen so aus. Das hier stammt von irgendeinem Tier. Es wirkt wie Schleim oder ein anderes Sekret. Es könnte eine Falle sein. Wie das Netz einer Spinne.“
„Vielleicht …“, murmelte Myna grübelnd, „ … nein, das kann nicht. Auf keinen Fall, das …“
Doch während sie ihre düstere Vermutung noch mantraartig abstritt, sah sie nach oben und Inga, die gelernt hatte, solche Gesten nicht zu ignorieren, tat es ihr gleich. Es dauerte einen Moment, bis sie ihre irritierten Augen dazu gebracht hatte, Details zu erfassen. Aber dann traf sie die Wahrheit mit ihrer ganzen Wucht. Unmittelbar über ihnen, in den ungewöhnlich dichten Knochenbaumkronen, hockte ein Wesen aus einem Albtraum. Es war so riesig, dass es auf vier Baumkronen Platz fand, und besaß weder Beine noch Arme. Dafür hatte es jedoch einen riesigen, schwarzen, teigartigen Körper, der neben vier roten Augen und einem verhältnismäßig kleinen Mund vor allem mehrere Drüsen und Öffnungen besaß. Eine davon – die größte – erinnerte Inga an den Legedarm eines Huhns, während die kleineren eben jene klare, klebrige Substanz auswarfen, die ihre Zirkelschwestern gefangenhielt.
„So eine Scheiße“, fluchte Myna, „ich hätte es wissen müssen. Die Schneidmadenköniginnen dieser Region nisten gerne in den Baumkronen und die Lichtung ist das ideale Jagdgebiet. Sie wirft das Netz aus, ihre Jungen fangen die Beute und sobald sie ihren eigenen Hunger gestillt haben, füttern sie sie mit den Resten. Die perfekte Jagdstrategie und so offensichtlich wie wirkungsvoll. Ich meine, Trinja selbst hat uns alle vor Jahren schon über die Kreaturen und Gefahren des Waldes unterrichtet. Wir kannten sie gut, auch wenn wir ihnen nur selten begegnen mussten. Warum also hab ich das nicht bedacht?“
„Sowas passiert“, sagte Inga, „denkst du, ich weiß noch alles, was ich einmal in der Schule gelernt habe?“
„Falls es euch tröstet, Anscha scheint auch nicht so gut im Unterricht aufgepasst zu haben“, bemerkte Steffen und zeigte auf den Schleim, in dem sich nun auch Anscha verfangen hatte und sich vergeblich abmühte, ihm zu entfliehen. Sie hatte Ingas Warnung wohl nicht allzu ernst genommen.
„Ein schwacher Trost“, kommentierte Myna schmunzelnd, „aber dennoch ein Trost.“
„Was tun wir jetzt?“, fragte Inga und blickte besorgt zu den Maden, die langsam aber beständig näherrückten, so als würden sie Energie sparen wollen. Dennoch würden sie sie in spätestens einer Minute erreicht haben.
„Wir könnten außenrum gehen“, überlegte Myna, „immerhin sind wir noch frei und die Königin kann mit ihrem Sekret nicht die gesamte Breite der Lichtung abdecken.“
„Das wäre nicht nur egoistisch, sondern auch dumm“, widersprach Inga, „ohne unsere Schwestern können wir das Ritual nicht durchführen. Wir müssen jede einzelne von ihnen retten.“
„Das sagt sich so leicht“, antwortete Myna, „dieses Zeug da klebt wie Scheiße. Selbst, wenn wir sie befreien können, wird das Stunden dauern. Bis dahin sind wir längst Madenfutter. Mit Feuer würde es schneller gehen. Das Sekret ist nicht hitzestabil, wenn ich mich richtig erinnere. Aber Feuer haben wir leider nicht.“
„Das stimmt vielleicht, aber was sollen wir dann tun?“, fragte Inga.
„Unseren Arsch retten zum Beispiel“, schlug Myna vor, „die anderen tun das auch. Sieh doch!“
Sie zeigte auf die restlichen Drix Tschatha, die noch nicht in die Fänge der klebrigen Substanz geraten waren und die sich beeilten, auf die Weißlichtung zu stürmen.
„Das ist nicht richtig“, sagte Inga und starrte voller Abscheu auf die Ebenenbrut vor ihnen. Sie hatten ihre Münder weit geöffnet, ihre Flügel gespreizt und eine Art Kette gebildet, die von einer Seite der Bäume bis zur anderen reichte. Langsam und mit schnatternden Geräuschen, mehr einer großen Maschine als einzelnen Lebewesen ähnlich, robbten sie vorwärts, „selbst wenn wir das tun, wären wir gebrochen. Wir hätten den Kampf verloren und müssten nur noch elend darauf warten, dass man uns einfängt und tötet.“
„Das ist okay“, sagte Myna und wirkte dabei unendlich müde, „wir wären zusammen und hätten vielleicht noch ein paar schöne Momente und dann … nun, ich habe lange genug gelebt, Inga.“
„Ich nicht!“, widersprach Inga, „ich will nicht aufgeben … Wenn ich nur irgendeinen verdammten Knochen hätte, der noch nicht vom Knochenwald verdorben ist, würde ich die Mistviecher braten, aber …“
„Ich habe da ein paar“, sagte Steffen plötzlich und kramte in seinem Rucksack.
„Du hast was?“, fragte Myna, „warum hast du das nicht gleich gesagt?“
„Woher sollte ich wissen, dass das wichtig ist?“, fragte Steffen und holte eine durchsichtige Plastikpackung mit toten, halb aufgetauten Rattenbabys hervor.
„Ich habe zwei Pythons zuhause“, erklärte Steffen, als er die fragenden Blicke bemerkte, „sie heißen Vera und Fritz und ich war in der Tierhandlung, als ich …“,
„Her damit!“, sagte Inga und riss Steffen die Packung förmlich aus der Hand. Mit fliegenden Fingern zerriss sie die Folie und spürte nicht einmal milden Ekel, als sie die toten, feuchten, haarigen Körper in ihrer Hand hielt. Sie hatte schon weit Widerlicheres sehen und berühren müssen.
Also tat Inga, was sie gelernt hatte. Sie konzentrierte sich auf ihre Wut, auf ihren Hass. Den Hass auf Davox, die Weisen, Maden, ihre gesamte Situation und auf diesen beschissenen Wald und sie spürte die Wärme in ihren Händen. Sie musste sie schnell loswerden, bevor sie ihre Haut zerstörte. Also wandte sie sich um zu den anderen Hexen und der widerlichen Königin und schickte die gesammelte Energie in die Lache aus klebriger Flüssigkeit, während sich drei der acht Mäuse in ihrer Hand samt Knochen und Fleisch auflösten.
Die Drix Tschatha begannen zu schreien, als sich das Sekret unter ihren Füßen wie in einem Kochtopf aufheizte und verflüssigte. Aber trotz ihrer Schmerzen rannten und stolperten sie mit ihren verbrühten Füßen zur Lichtung, während die wütende Königin sich beeilte, weiteren Schleim zu produzieren und ihre Beute wieder festzusetzen. Doch auf dem immer noch glühenden Boden gelang ihr das nicht.
Die Königin war aber nicht die einzige, die auf ihr Manöver reagierte, wie Inga feststellte, als sie sich zu den Maden umwandte. Die Tiere, die erkannten, dass sie nun nicht mehr alle Zeit der Welt hatten, lösten sich aus ihrer Kette und sprangen, getragen von ihren kleinen Flügeln, wie ein Schwarm von Landpiranhas auf sie zu.
In weniger als dem Bruchteil einer Sekunde realisierte Inga, dass es zu viele waren. Sie würde sie niemals alle verbrennen können. Also besann sie sich ganz intuitiv auf eine andere Emotion, von der sie ebenfalls reichlich hatte: Verwirrung. All die Blackouts, die Ratlosigkeit, die Überforderung und Richtungslosigkeit, die moralischen und taktischen Zwickmühlen all das ließ sie in ihrem Geist wachsen und kanalisierte es in einer Welle aggressiven Zufalls.
Ganz unwillkürlich schloss sie dabei die Augen, bereit für das Auftreffen harter Körper und scharfer Zähne. Als das nicht passierte, öffnete sie sie wieder und stellte verdutzt fest, dass die Schneidmaden – jede einzelne von ihnen – fort waren.
„Was … wie … wo sind sie hin? Habe ich sie einfach verschwinden lassen?“, fragte Inga verwirrt und schüttelte die Asche der toten Ratten von ihren Fingern.
„Ich weiß es nicht genau“, sagte Myna, „aber ich denke nicht, dass sie sich einfach aufgelöst haben. Für einen kurzen Moment hat man eine Art Portal gesehen. So einen dunklen Strudel, der sie verschluckt hat. Ich vermute eher, dass sie irgendwo anders gelandet sind. Wo, dazu habe ich nicht mal eine Vermutung. Aber Hauptsache, sie sind weg, oder? Und Inga, das war eine Meisterleistung!“
Mynas Lob erwärmte Ingas Herz, aber noch mehr tat es der Kuss, der kurz darauf folgte und zusammen mit der Erleichterung über ihren kleinen Sieg fast so etwas wie Glück in ihr auslöste.
„Danke“, sagte Inga und sah zu Steffen, „geht es dir gut?“
„Keine Angst“, witzelte dieser, „das Opferlamm ist im besten Zustand. Sag mir nur eins: Hätten diese Ratten mir das Leben retten und mich nach Hause bringen können, wenn wir sie nicht anderweitig gebraucht hätten?“
„Quatsch, mach dich nicht kleiner, als du bist“, antwortete Myna, bevor Inga etwas dazu sagen konnte, „als lebender Mann mit so einer imposanten Statur bist du viel wertvoller als dein matschiges Schlangenfutter. Deine Lebenskraft wiegt schwerer als selbst hundert solcher Rattenbabys.“
„Danke für das Kompliment“, sagte Steffen kichernd, wenn auch mit einem traurigen Zug um seine Augen, „da fühle ich mich gleich viel besser.“
„Ich helfe immer gern“, sagte Myna und grinste ihn unbekümmert an, „doch nun sollten wir zu den anderen gehen. Je schneller wir das Ritual vollenden, desto besser. Dies ist der Knochenwald. Hier ist man niemals wirklich sicher. Das müssen nicht die einzigen Maden in der Gegend sein und die Weisen streifen hier auch noch umher. Ich will nicht, dass sie das zu Ende bringen, was die Maden vergeblich versucht haben.
Inga nickte. „Was ist mit ihr?“, fragte sie und zeigte auf die Schneidmadenkönigin in den Baumkronen.
„Alleine ist sie keine Bedrohung für uns. Anders, als bei den gewöhnlichen Maden sind die Königinnen in der Kahlen Zone vergleichsweise harmlos, wenn man von ihrem Sekret einmal absieht“, meinte Myna, „jedenfalls solange sie nicht zu hungrig werden und ihr Mangelmetabolismus aktiviert wird.“
„Was passiert denn dann?“, fragte Inga.
„Nun, dann wird sie zu einem Hungerreißer“, antwortete Myna, „einer pfeilschnellen, sechsbeinigen Tötungsmaschine mit messerscharfen Klauen, die Lauge spucken und sehr gut klettern kann. Das ist eine Art gehässiger Selbstzerstörungsmechanismus. Die Transformation und ihr rasant funktionierender Stoffwechsel verbrennen sie binnen einer Stunde innerlich. Doch bis dahin kann sie kaum etwas aufhalten. Noch ein Grund also, sich zu beeilen. Bisher sieht sie noch gut genährt aus, aber das kann man nie so genau sagen. Wenn wir Pech haben, erleben wir ihre Transformation mit eigenen Augen und unsere letzten Atemzüge noch dazu.“
„Was für ein liebenswerter Ort“, sagte Steffen seufzend.
„Meine Heimat!“, sagte Myna mit ironisch übertriebenem Stolz und breitete die Hände aus wie ein König, der die Größe seines Reiches demonstrierte.
„Können wir sie nicht töten, bevor das passiert?“, überlegte Inga.
„Womit denn? Willst du sie mit Knochenstückchen bewerfen?“, fragte Myna.
„Guter Punkt. Also gut“, meinte Inga, „dann sehen wir uns diese Weißlichtung doch mal aus der Nähe an.“
~o~
„Wie fühlt sich diese Madensache eigentlich an, Frank?“, fragte Matthias seinen Kollegen, dessen Helm sein Gesicht vollständig verhüllte. Matthias war fast dankbar dafür, auch wenn es bedeutete, dass er seinem Kollegen nicht in die Augen sehen musste. Er hatte schon einmal gesehen, wie die Gesichter der Verwandelten aussahen. Das war kein schöner Anblick und er wusste nicht, ob er das bei jemandem ertragen hätte, den er beinah als Freund betrachtete.
„Kalt“, sagte Frank so leise, dass es kaum hörbar war. Seine Stimme klang wie von fern, wie das Echo einer Seele, die man im untersten Kerker weggesperrt hatte, und viel zu schüchtern für einen Mann, der in der Lage war, einen Menschen mit bloßen Händen durchzubrechen.
„Und du hast es wirklich freiwillig getan?“, flüsterte Matthias, nachdem er sich versichert hatte, dass niemand anderes sich im Gang befand. Offiziell musste man sich freiwillig für das „Upgrade“ melden, ja regelrecht bewerben, aber es kursierten Gerüchte, dass es eher eine Strafe für Leute war, die ihr Gewissen plagte oder die zu offen mit einer beruflichen Neuausrichtung kokettiert hatten. Manche sagten sogar, sie wollten sie alle nach und nach ersetzen. Insofern war Matthias’ Frage nicht ganz uneigennützig.
Doch er hätte sie sich sowieso sparen können. Denn Frank antwortete nicht darauf. Sein Kopf drehte sich nur methodisch und langsam im Kreis, wohl um jeden Zentimeter vor sich im Blick zu behalten.
„Willst nicht darüber sprechen, was?“, sagte Matthias verlegen, beließ es aber dabei. Nicht nur, weil er sich gut vorstellen konnte, wie unangenehm diese Frage Frank sein musste, sondern auch, weil er fürchtete, die Antwort schon zu kennen.
„Nein“, ließ sich Frank zu einer minimalistischen Antwort herab. Seine Stimme war so tonlos, dass es Matthias fröstelte. Mochten die Gerüchte wirklich stimmen, dass die Madensoldaten alle Gefühle außer Zorn verloren, einem Zorn, der noch dazu strenger Disziplin unterlag? Langsam konnte Matthias sich das wirklich vorstellen. Und plötzlich fühlte er sich nicht nur ziemlich allein hier drin, sondern auch nicht mehr wirklich sicher. War Frank überhaupt noch ein Mensch? Wenigstens im weitesten Sinne?
„Du könntest ruhig etwas gesprächiger sein“, sagte Frank mit belegter Stimme, um die eigene Nervosität zu überspielen, „Wachdienst ist ziemlich langweilig und außer dieser hässlichen kleinen Fliege, die hier vorhin vorbeigekommen ist, ist hier wirklich gar nichts los.“
„Sie wird kommen“, sagte Frank desinteressiert, und Matthias wusste natürlich, wen er meinte. Dieses übernatürliche Mädchen mit ihren wilden Madenkräften, die Xiang unbedingt in die Finger bekommen wollte, zu welchem Zweck auch immer.
„Dann soll sie sich lieber beeilen“, sagte Matthias, „bevor ich noch einschlafe.“
In Wahrheit bestand dieses Risiko kaum. Trotz seiner lässigen Worte waren Matthias’ Nerven zum Zerreißen gespannt. Hätte man ihm vor einigen Monaten erzählt, dass ein kleines Mädchen einmal eine ernsthafte Bedrohung für eine schwer bewachte Anlage voller Soldaten sein könnte, hätte er laut gelacht. Aber seitdem war der Knochenwald passiert und Matthias hatte zu viel gesehen, um solche Kreaturen auf die leichte Schulter zu nehmen. Nicht seitdem sich seine eigene Frau vor seinen Augen in einen Knochenzombie verwandelt hatte. Drei Tage bevor sie dieses viel zu knapp bemessene Heilmittel auf den Markt geworfen hatten. Nein, seitdem sein Haus leer war und er sich jede Nacht wünschte, sie wäre noch – in irgendeiner Form – am Leben, hielt er gar nichts mehr für harmlos, was mit diesem monströsen Scheiß zu tun hatte.
Während auch seine Augen den Gang vor sich abtasten und auch immer wieder an der Decke hängenblieben – wer wusste schon, von wo aus so eine Kreatur angreifen könnte – streichelte er sein Gewehr. Es war eine spezielle Waffe, die zwar nicht tödlich war – immerhin wollten sie das Mädchen lebend –, aber wohl in der Lage, über spezielle elektrische Impulse Neuronen zu blockieren und bestimmte Muskeln zu lähmen. Sogar bei Madenkindern. Wie genau das funktionierte, begriff Matthias nicht. Aber das war auch egal. Wichtig war nur, dass es ihm den Arsch rettete. Falls es das denn tat.
Plötzlich begann das Licht vor Matthias’ Augen zu flackern. Auch das noch, dachte er, eine verdammte Migräne. Er hatte dieses Leiden bei seiner Einstellung verschwiegen und bislang hatte er im Einsatz Glück damit gehabt. Doch gerade die Anfälle mit Aura konnten sehr unangenehm werden.
Matthias kniff die Augen zusammen und rieb sie sich, obwohl er wusste, dass das nicht helfen würde. Doch er irrte sich. Das Licht war wieder vollständig da und schien völlig normal. Gerade jedoch, als er sich seiner Erleichterung hingeben wollte, flackerte es wieder und diesmal mit einem deutlich längeren Intervall.
Gerade wollte er sich an Frank wenden und ihn fragen, ob er das auch bemerkt hatte, als das Licht gänzlich ausfiel und die Lampen in einem grellen Blitz explodierten. Wie schmerzhafter Hagel fielen die Bruchstücke auf sie herab.
„Scheiße!“, sagte Matthias und hörte dann ein ohrenbetäubendes Kreischen und Donnern, als die stahlverstärkte Tür am Ende des Ganges einfach aus den Angeln gerissen wurde.
Mein Gott, dachte er, als Frank neben ihm bereits das Feuer eröffnete. Matthias tat es ihm gleich, auch wenn er keine Ahnung hatte, ob er irgendwas in der Finsternis traf. Der Gang war zwar eng und es gab wenig Ausweichmöglichkeiten, aber wer wusste schon, zu was dieses Teufelskind in der Lage war?
Hilflos und unkoordiniert setzte er Schuss um Schuss ab und hoffte, nein, betete, dass er endlich einen Schrei oder irgendein anderes Geräusch hören würde, als den Widerhall der elektrisch geladenen Geschosse, die wirkungslos in die Wand einschlugen.
Dann sah er aus dem Augenwinkel etwas, was eigentlich unmöglich sein sollte. Eine riesige Gruppe von knochenweißen Spielzeugsauriern tauchte auf und stürzte sich auf Frank. Das größte der „Tiere“, deren Form von einem T-Rex über einen Raptor bis hin zu einem Triceraptops reichte, war kleiner als eine Hauskatze, aber dennoch gelang es den seltsamen Kreaturen, den Koloss zu Fall zu bringen.
Spätestens jetzt begann Matthias, ernsthaft an seinem Verstand zu zweifeln. So sehr, dass ihm vor lauter Verblüffung sogar die Waffe aus der Hand rutschte, als er die nächsten Ereignisse gebannt und wie gelähmt verfolgte. Der überrumpelte Madensoldat zeigte zunächst seine enorme Kraft, als er die Kreaturen, die ihn befallen hatten, wie lästige Insekten von sich schüttelte, obwohl ihm bereits weißes Blut aus mehreren kleinen Wunden tropfte. Trotz seiner Angst war Matthias erleichtert. Was immer Frank jetzt auch war, er hatte es nicht verdient, zu sterben.
Doch als Frank sich wieder aufgerichtet hatte, erschien ein fast drei Meter großer Bär, dessen Kopf bis zur Decke reichte, und schlug mit seiner flachen, weißen Pranke gegen den Helm des Madensoldaten. Die Bewegung sah fast lächerlich aus. Als würde ein Kind eine Prügelei mit Papiergirlanden imitieren. Und dennoch genügte der Schlag, um Franks Helm davonzuschleudern und sein aufgeschwemmtes, von dicken weißen Adern durchzogenes Gesicht zu zeigen. Der Soldat kippte um und regte sich nicht mehr. Ob tot oder bewusstlos, wusste Matthias nicht.
Der Anblick seines gefallenen Kollegen brachte wieder Leben in den hypnotisierten Matthias und seine Überlebensinstinkte kehrten mit Macht zurück.
Wie um ihm Mut zu machen, erwachte die rote Notbeleuchtung flackernd zum Leben und mit ihr verschwanden auch die Dinosaurier und die Bärenkreaturen.
Doch das war nur bedingt ein Grund zur Freude. Denn ehe Matthias die Flucht ergreifen und Verstärkung holen oder diese beschissene Anlage für immer verlassen konnte, wurde er von zwei blassen kleinen Händen gepackt, die ganz und gar nicht zweidimensional waren. Er sah in das verschwitzte Gesicht eines Mädchens, in dem sich ebenfalls die weißen Adern wanden, das jedoch weit weniger hässlich aussah als das von Frank. Über die Made, die dem Madenkind über die Schulter schaute und ihn gierig ansah, konnte man das freilich nicht behaupten.
Matthias wollte den Abzug seiner Waffe drücken und stellte erst jetzt fest, dass er sie fallengelassen hatte.
„Dein Freund ist nicht tot, falls es dich interessiert“, sagte das Mädchen ruhig, „er ist nicht freiwillig das, was er ist. Das weiß ich inzwischen.“
„Ich bin auch nicht freiwillig hier“, behauptete Matthias. So ganz stimmte das aber nicht. Matthias war kein fanatischer Anhänger von Eden oder der CfD. Er war nur jemand, der das gute Geld nicht hatte ablehnen können. Aber anders als so mancher, der diesen Schritt aus purer Existenznot und Armut gegangen war, hatte er durchaus eine Wahl gehabt.
„Doch das bist du“, sagte Lucy hart, „jeder, der die ganzen Gräuel hier nicht mittragen wollte, wurde bereits in einen Madensoldaten transformiert. Was noch bleibt, sind Soziopathen und feige Mitläufer wie du.“
„Ich bin nicht perfekt, das stimmt“, sagte Matthias, „und ich habe einen Fehler gemacht, als ich mich für den Job beworben habe. Aber es ist nicht so einfach, hier rauszukommen, weißt du. Ich habe die Gerüchte auch gehört und ich will nicht so werden wie Frank. Ich will meine Seele nicht verlieren.“
„Die hast du bereits verloren“, sagte Lucy kalt, „sag mir nicht, dass du nichts von den Experimenten mitbekommen hast. Den Tieren. Den Obdachlosen. Den Kindern, die ihr quält. Das ist weit entfernt von PERFEKT!“
Matthias sah abwechselnd zu Lucy und der Made und wusste nicht, wer ihn mehr ängstigte.
„Bitte!“, schluchzte er verzweifelt, „wenn du mich leben lässt, sage ich dir alles, was ich über die Anlage weiß! Einfach alles!“
„Ich weiß schon alles, was ich wissen muss“, sagte Lucy lächelnd. Dann packte sie Matthias’ Kopf und brach ihm das Genick.
~o~
Inga hatte damit gerechnet, dass ihr die Weißlichtung sonderbar vorkommen würde. Doch die Realität übertraf ihre Vorstellung bei weitem. Es war fast wie ein Stück Himmel, das jemand ausgeschnitten und an diesen schrecklichen Ort gebracht hatte. Grünes, saftiges, herb-süß duftendes Gras, über dem auf Knöchelhöhe, flache, wattige Schäfchenwolken gleich verdichtetem Bodennebel ihre Runden drehten. Eine große, gusseiserne Bank, umgeben von drei mächtigen Obstbäumen, die einige weitere, aus Holz geformte Sitzgelegenheiten umgaben, die Inga vage an den Picknickplatz einer Autobahnraststätte erinnerten. Weit weniger irdisch war da der Himmel. Er war nicht düster, sondern strahlend blau wie an einem Sommermorgen und gekrönt von einer weißen, freundlichen Sonne. All das wirkte zwar idyllisch, aber auch unnatürlich, da sich dieser Himmel wie eine beinah undurchsichtige, gebogene Kuppel über jene Oase spannte und den umgebenden Knochenwald nur sehr blass dahin erahnen ließ.
Es war fremd und bizarr. Trotzdem fühlte sie sich hier wohl. Die Luft war lauschig warm, bereichert von einem sanften Wind, und wenn sie genau hinhörte, konnte sie diverse angenehme Laute wahrnehmen. Fröhliches Gelächter trieb durch die Luft, melodische Vogelstimmen spielten ihre Lieder und ermunternde und tröstende Worte waberten wie freundliche Geister durch die Lichtung. Inga fühlte sich entspannt, aufgehoben, wertgeschätzt und wunderte sich umso mehr, dass die meisten der anderen Drix Tschatha eher unglücklich oder sogar gequält dreinschauten. Selbst Myna wirkte zwar nicht direkt abgestoßen, aber doch nervös und unruhig. Einzig Steffen schien ähnlich selig und gelöst wie sie, trotz des grausamen Schicksals, das ihn erwartete.
Nein, die Abneigung gegen diesen Ort konnte Inga wirklich nicht nachvollziehen. Ihrer Meinung nach war diese Lichtung das Schönste, was sie seit langem gesehen hatte. Und sie konnte sich gut vorstellen, dass der Einfluss des Knochenwalds hier geringer war als anderswo.
Ingas Blick blieb zuletzt an einer Statue hängen, die etwas abseits von der kleinen Baumgruppe stand und fünf Personen zeigte. Zwei junge Leute – ein Mann und eine Frau –, beide knapp bekleidet, tanzend und muskulös, die Gesichter erfüllt von der Zuversicht der Jugend. Dann noch ein älteres Paar in weiten Gewändern, mit Büchern unter den Armen, Federkielen in den Händen und entspanntem Lächeln, sowie eine androgyne Gestalt im mittleren Alter und mit uneindeutigem Geschlecht mit langen, lockigen Haaren, zwei Schwertern und einer Rüstung, die eher an die Kampfausrüstung eines modernen Soldaten erinnerte.
Sie alle wirkten auf ihre eigene Weise fröhlich und unendlich positiv. Das war umso bemerkenswerter, da über ihnen eine Spirale aus reiner Schwärze schwebte, von der verdrehte Knochenäste ausgingen, deren Spitzen sich mitten durch das Fleisch der dargestellten Personen gebohrt hatten.
„Sind das die Weißen Götter?“, fragte Inga neugierig, da sie sich vage an Maras Erklärung zur Mythologie des Knochenwaldes erinnerte. Sehr vage, wenn sie ehrlich war.
„Ja“, sagte Myna.
„Aber wenn dieser Platz zu ihren Ehren errichtet wurde, warum zeigt er dann ihren Tod?“, fragte Inga.
„Weil es gerade darauf ankommt“, sagte Myna, „beim Christentum ist es doch auch ähnlich, oder nicht?“
„Stimmt schon, aber an den Kram glaube ich nicht“, meinte Inga.
„Ist auch besser so“, befand Myna, „ich meine, ein allmächtiger, gütiger Gott und dann all das Leid, welches existiert. Das ist schon etwas hirnrissig. Kennst du das Theodizee-Problem?“
„Nein“, gestand Inga, die ihre Erinnerungsfetzen zu Maras Schilderungen noch immer nicht richtig sortieren konnte.
„Nun, das ist ein philosophisches Problem aus der christlichen Theologie. Kurz gesagt geht es um Folgendes: Wenn es Übel auf der Welt gibt – wie etwa diesen Wald und seine Kreaturen, aber auch Mord, Vergewaltigung, Hunger, Krieg, und so weiter –, warum beseitigt Gott all das dann nicht?“, fragte Myna und gab sich gleich selbst die Antwort. „Dafür kann es eigentlich nur drei Erklärungen geben. Entweder ist Gott allwissend und allmächtig, aber nicht gütig. Also unser Leid schert ihn einen Scheiß oder gefällt ihm sogar, genau wie beim Schöpfer des Knochenwaldes. Oder er ist zwar allmächtig und gütig, aber weiß nicht, dass wir leiden, kann also auch nichts dagegen tun. Oder er ist gütig und allwissend, aber nicht allmächtig. Dann kann er das Übel nicht beseitigen, so sehr er das auch möchte. Nach allem, was wir wissen, trifft letztere Erklärung zu. Die Weißen Götter wollten uns helfen, aber leider ist der Gefühllose Gott, der Bastard, der diesen Wald erschaffen hat, ihnen überlegen gewesen. Und diesen Umstand verstecken sie nicht. Wir müssen uns auf uns selbst verlassen, nicht auf göttliche Hilfe. Genau darauf soll die Statue hinweisen.“
„Haben die Götter nicht eigentlich Suizid begannen?“, fragte Inga, der die Erzählung dazu langsam wieder in den Sinn kam.
„Das sagen viele“, stimmte Myna zu, „auch wenn es dazu geteilte Meinungen gibt, ob die Überlieferung hier wirklich korrekt interpretiert wurde. Aber selbst wenn es zutrifft, bleibt die Symbolik davon unberührt. Letztlich war es der Gefühllose Gott, der ihren Tod bewirkt hat.“
„Wenn sie tot sind“, überlegte Inga, „warum kann uns dieser Ort dann noch beschützen?“
„Ein Teil ihrer Macht ist noch hier auf dieser Welt. Wie eine Art Abschiedsgeschenk. Winzige Oasen, die in der Wüste vor sich hintrocknen. Wir sollten dankbar dafür sein, wenn wir eine finden, aber uns nicht darauf verlassen“, erklärte Myna.
„Ich verstehe“, sagte Inga.
„Wollen wir jetzt endlich dieses verdammte Portal öffnen oder wie lange soll diese Geschichtsstunde noch dauern? Wir können hier nicht ewig verweilen!“, mischte sich Anscha ein.
„Halt deine vorlaute Klappe, Anscha“, sagte Myna, „Inga wird so viel Zeit bekommen, wie sie benötigt. Du hast hier nicht die Führung, ist das klar?“
„Die beanspruche ich auch nicht“, sagte Anscha und hob beschwichtigend ihre Hände, auch wenn ihr Gesicht aussah, als hätte sie auf etwas sehr Bitteres gebissen, „ich wollte nur darauf hinweisen, dass unsere Zeit hier nicht unendlich ist. Die Madenkönigin könnte sich jederzeit verändern und dieser Ort stößt uns bereits weg. Ich spüre bereits seine Ungeduld. Höre sein unwilliges Flüstern. Wir sollten das Tor öffnen, solange wir noch können.“
„Denkst du, wir wissen das nicht?“, fragte Myna provozierend, „du bist nicht die Einzige, die etwas über diesen Ort weiß, falls du das bisher gedacht haben solltest!“
„Es ist schon in Ordnung“, sagte Inga mit einer beruhigenden Geste, „Anscha hat ja im Grunde recht. Zögern bringt uns nichts.“
Inga straffte sich innerlich und auch wenn sie bislang bewusst vermieden hatte, den armen Mann anzusehen, wanderte ihr Blick nun zu Steffen, der nachdenklich und in sich versunken im wolkigen Gras hockte.
„Bist du bereit für … für das, was kommt?“, fragte Inga und erschauderte dabei. Das fühlte sich alles so falsch an.
Es dauerte einige Sekunden, bis Steffen reagierte. Doch dann sah er zu ihr hoch und nickte schwach. Seine Hände zitterten und sein Gesicht war aschfahl. „Ja, das bin ich“, sagte er knapp, und der gebrochene Ton in seiner Stimme stach direkt in Ingas Herz.
„Bist du wirklich sicher? Wenn du lieber nicht … “, begann sie, doch Myna schnitt ihr das Wort ab.
„Du machst es dem armen Jungen nur noch schwerer, Inga“, sagte Myna, „steh ihm bei, unterstütze ihn. Spende ihm Trost. Aber belaste ihn nicht, indem du an seinen Entscheidungen zweifelst. Ich weiß, du wünschst dir ein Wunder. Irgendeine Hilfe von oben, die uns aus der moralischen Zwickmühle befreit. Aber dieses Fleckchen Erde ist alle Hilfe, die wir bekommen werden. Der Rest liegt an uns und den Gesetzen der finsteren Welt, in der wir leben. Und diese sind hart, aber simpel: Leben wird mit Leben bezahlt. Glück mit Unglück. Hoffnung mit Verzweiflung. Anders geht es nicht. Wenn du noch Zeit brauchst, um das zu akzeptieren. Nimm dir die Zeit, aber wenn du es durchziehen willst, wie du sagst, dann tu es jetzt auch und projiziere deinen Zweifel nicht auf diesen Mann.“
Inga sah Myna lange an. Alles in ihr sträubte sich gegen diese abartige Philosophie. Gegen diese unmenschliche Grausamkeit. Aber vielleicht waren sie wirklich schon zu weit gegangen, um noch umzukehren. Womöglich musste sie auch dieses Opfer noch erbringen und mit dem Wissen leben, einen Unschuldigen getötet zu haben, wenn sie dafür ihre Heimat retten wollte.
Inga sah in die Gesichter von Anscha, von Myna und von all den anderen Hexen, die verstreut auf der Lichtung standen. Harte Gesichter. Freudlose Gesichter. Beinahe leere Gesichter, und sie ahnte, nein wusste, dass sie dort ihre eigene Zukunft sah. Einem Opfer würde das nächste folgen, mit weniger Zögern und weniger Gewissensbissen. Dann noch eins und noch eins und am Ende wäre sie das Gegenteil von Davox. Äußerlich schön und weich, doch innerlich mit einem Herzen so hart wie Knochen. Doch wenn Bianca, Jonathan und all die anderen dafür vom Knochenwald und seinen Schrecken befreit werden konnten, war es das vielleicht trotzdem wert.
„Wie soll das Ritual ablaufen?“, fragte Inga tonlos.
„Steffen muss an einem zentralen Punkt Aufstellung nehmen“, sagte Myna, „am besten nahe der Statue. Dort sollte die verbliebene Energie der Weißen Götter am stärksten sein. Der Rest von uns bildet einen Kreis und fasst sich an den Händen. So können wir unsere Kraft kanalisieren und harmonisieren. Wir werden etwas Jugend aufgeben müssen, doch wir tun das gleichmäßig, sodass jede von uns noch in der Lage sein wird, mit den Strapazen des Waldes klarzukommen. Dann werden wir uns auf Sehnsucht und Fernweh fokussieren oder auf Heimweh, für jene, die nicht im Wald geboren wurden. Und du, Inga, wirst an Lucy denken. An das, was du mit ihr erlebt hast. Wie sie war, als du sie zuletzt gesehen hast. Das wird helfen, sie zu finden. Und dann – mit Steffens Hilfe und ein wenig Glück – wird sich das Tor auftun.“
Inga nickte und die anderen Hexen bezogen Stellung, so wie Myna es angekündigt hatte, wobei Steffen sich fast apathisch gegen die Statue lehnte. Den Blick fest auf sein Smartphone geheftet, das zwar keinen Empfang, aber wohl immer noch ein wenig Akku besaß. Inga war sich absolut sicher, was oder besser wen das Display gerade zeigte, auch wenn sie es nicht sehen konnte.
„Können wir dann endlich loslegen?“, fragte Anscha ungeduldig, „ich will hier endlich weg. Diese elenden Stimmen bereiten mir Kopfschmerzen.“
„Noch nicht“, sagte Myna sanft, die Ingas fortdauernden inneren Zwiespalt zu spüren schien, „wir werden unserem Dron Athor Respekt zollen, wie es früher Brauch gewesen ist. Ich weiß, ihr habt wenig Verständnis für Ingas moralische Bedenken. Aber sie sind genau das, was wir brauchen, wenn wir unsere Traditionen wieder ehren und unsere Zunft zu alter Würde führen wollen. Wir sind keine Schlächter, die hirnloses Vieh zur Schlachtbank führen. Wir sind Beschützerinnen und die Dron Athor sind Helden. Und Helden verdienen es, gewürdigt zu werden. Bedankt und verabschiedet euch also, so wie es sein sollte.“
Myna ging als Erste nach vorne, verbeugte sich vor Steffen und sprach die Worte „Wir schätzen deinen Wert und erkennen dein Leuchten. Leuchte nun für uns alle“, bevor sie dem irritierten jungen Mann einen Kuss auf die Stirn aufdrückte.
„Das ist nicht dein fucking Ernst, oder?“, fragte Anscha, „wie viel Zeit willst du noch verschwenden? Das Einzige, was bald leuchten wird, ist unser Blut auf dem Boden, wenn wir den Weisen und der Madenkönigin noch mehr Zeit geben, sich zu formieren.“
Myna reagierte nicht auf Anschas Einwände. Und trotz ihres Protests folgten auch die anderen Drix Tschatha Mynas Beispiel. Die Scham und das Bewusstsein über Steffens großes Opfer, lag fast greifbar in der Luft. Zum ersten mal seit vielen, vielen Jahrzehnten.
Inga war die Letzte, die an der Reihe war, Steffen die Ehre zu erweisen. Als sie zu ihm ging, sich verbeugte und wieder aufstand, sah der junge Mann sie an. Voller Zweifel. Voller Todesangst.
„Du willst das nicht“, flüsterte Inga ihm zu. Es war keine Vermutung, keine Frage, kein Vorwurf. Einfach nur eine nüchterne Feststellung.
„Nein“, gab er zu, „nein, fuck, ich will das überhaupt nicht. Du hattest recht. Es ist nichts Glorreiches daran, für andere zu sterben. Und selbst wenn, dann ist man am Ende immer noch tot. Aber auf den Gedanken hätte ich wohl früher kommen müssen, oder? Ich denke nicht, dass dein Zirkel jetzt noch einen Rückzieher akzeptieren würde. Falls sie das je getan hätten. Oder irre ich mich?“
„Nein, tust du nicht“, sagte Inga, so weh es ihr auch tat, das auszusprechen, „aber das spielt keine Rolle. Ich werde dich beschützen!“
„Das ist nett von dir. Aber – nicht böse gemeint – deine Freundinnen sind Raubtiere. Die würden dich in der Luftz zerfetzen, wenn du mir hilfst. Und mich auch“, sagte Steffen, „ich war immer schon schlecht darin, Entscheidungen zu treffen. Ich meine, ich hatte gerade meinen dritten Studiengang angefangen, als das hier passiert ist. Aber leider kann man sich nicht bei allem so leicht umentscheiden, fürchte ich. Versprich mir nur, Natalie, von meinem Schicksal zu erzählen, wenn du je in unsere Welt zurückkehrst. Nach all dem kranken Scheiß, der auch bei uns passiert ist, wird sie es vielleicht sogar glauben. Ich will keinen Ruhm dafür. Ich will nur, dass sie nicht denkt, dass ich mich wie so ein treuloses Arschloch verpisst habe. Sie heißt Natalie Schrader und ist Grafikerin. Unsere Adresse findest du auf ihrer Website. Und gib ihr das hier.“
Er reichte ihr sein Handy, das Inga mit schwitzigen Fingern entgegennahm.
„Mein Gott, Inga!“, schrie Anscha plötzlich böse, „wenn du jetzt nicht endlich in den Kreis zurückkehrst, schneide ich deinem Haustier die Kehle durch und saufe seine Kraft direkt aus der Wunde!“
Steffen und Inga zuckten bei diesen Worten zusammen. „Manchmal hab sogar ich recht mit meinen Vermutungen, was?“, sagte Steffen mit einem gequälten Lächeln, „geh besser, bevor das hier völlig eskaliert.“
„Einen Scheiß wirst du tun“, drohte Myna in Ingas Richtung, „wenn du auch nur zuckst, breche ich dir deinen vertrockneten, boshaften Hals“, drohte Myna.
„Ich werde mich bei ihr melden“, sagte Inga zu Steffen und legte ihm ein letztes Mal tröstend die Hand auf die Schulter, „sie wird wissen, was du für sie und uns alles getan hast.“
„Danke“, sagte Steffen mit belegter Stimme, und Inga begab sich zurück in den Kreis, nicht ohne Anscha mit einem vernichtenden Blick zu begegnen.
Inga zitterte vor Zorn, als sie Mynas Hand ergriff.
„Wenn das hier vorbei ist, müssen wir Anscha in ihre Schranken weisen“, flüsterte Myna Inga zu, „sie steht für alles, was in diesem Zirkel schiefläuft.“
Inga nickte und drückte dankbar Mynas Hand.
Dann begann das Ritual. Es brauchte kein Signal. Keine Absprache. Es geschah einfach so. Inga spürte, wie die Energie der anderen Frauen durch sie zirkulierte wie in einem geschlossenen Stromkreis, und sie fühlte sich ihnen verbunden wie noch nie. Ja, sie empfing sogar Bilder und Gedankenfetzen, die sich mit den Stimmen mischten, die noch immer wie unsichtbar von der Lichtung geflüstert wurden. Gesichter, die sie nicht kannte, erschienen vor ihrem geistigen Auge. Häuser aus Stein, Holz oder Lehm. Asphalt, gepflasterte Straßen. Marschierende Soldaten, spielende Kinder, Sonnenaufgänge an fremden Stränden. All das gab Inga das Gefühl, das Zentrum von etwas Großem zu sein. Von etwas Bedeutendem und Einzigartigem. Die Energie, die sich anstaute, die sich langsam aufbaute, fühlte sich beinah an wie sexuelle Erregung.
Das galt selbst für die Eruption, mit der sie all das losließen. Mit der sie Kraft und Lebensjahre aufgaben und sie in ein amorphes, flimmerndes, purpurnes Tor mit wabernden, kristallinen Rändern fließen ließen, das genau gegenüber von Steffen erschien. Das Portal, das begriff Inga instinktiv, war nun existent. Aber es war noch nicht mit Lucy verbunden. Das musste erst noch geschehen.
Und Inga war nicht die einzige, die das begriff. Steffen bemerkte es ebenfalls. Und er tat, womit keiner von ihnen gerechnet hatte. Er lief los und strebte direkt auf das Portal zu, bereit, dort zu landen, wo auch immer es ihn hinführen würde.
„Der Bastard will den Schwanz einziehen. Zapft ihn an. Jetzt! Nehmt alles, was ihr kriegen könnt. Quetscht ihn aus wie eine Orange“, schrie Anscha panisch und die anderen gehorchten sofort. Und als die Drix Tschatha. Als SIE die Energie des fliehenden Mannes berührten, wurde Inga schlecht. So schlecht, dass sie den Kreis unterbrach. Ja unterbrechen musste.
„Was tust du da?“, fragte Myna erschrocken, als Inga ihre Hand losließ, „du machst alles kaputt.“
Doch auch wenn Inga den Energiefluss abebben fühlte, verschwand das Portal nicht, und Steffen, der für einen Moment nicht mehr das Ziel der allesamt irritierten Hexen war, ging einfach hindurch und verschwand.
„Wie konntest du nur, du Wahnsinnige!“, brüllte jetzt auch Anscha, „du hast alles zunichte gemacht. Ich schwöre, ich bringe dich um und zwar auf die grauenhafteste nur denkbare …“
„Die Energie ist noch da!“, rief Myna, „ich spüre es. Keine Ahnung warum, aber scheiß drauf. Schließt den Kreis wieder! Anscha, halt die Klappe, und Inga, konzentriere dich auf Lucy. Vielleicht haben wir noch eine Chance.“
~o~
Lucy war ziemlich beeindruckt davon, wie die Monochromen sie im Kampf unterstützt hatten. Es war fast so gewesen, als wären sie Erweiterungen ihres Willens. Außerdem schätzte sie ihre neue Fähigkeit, in völliger Dunkelheit sehen zu können, die sie wohl ebenfalls den Kreaturen zu verdanken hatte.
Genauso beeindruckt war sie aber von sich selbst. Sie war effizient und leise vorgegangen, obwohl Ekel und Zorn in ihr gekocht hatten. Die Bilder, die sie von der Fliege empfangen hatte, waren schlimmer gewesen als alles, was sie sich hatte vorstellen können. Sie hatte die Labore gesehen. Hatte Hunde, Katzen und selbst Kinder gesehen, die man in die tödlichen Glassträucher gehängt hatte. Einige im Ganzen, andere so amputiert, dass sie selbst dann nicht hätten fliehen können, wenn ein gnädiger Gott all die verheerenden feinen Wurzeln aus ihrem Fleisch entfernt hätte. Sie hatte Hybride erblickt. Menschen, deren abgetrennte Gliedmaßen durch bewegliche Büschel aus Glassträuchern ersetzt worden waren, auf denen sie wie auf tausend kleinen Beinen hilflos und halb wahnsinnig in ihren Käfigen gelaufen waren. Sie hatte Obdachlose gesehen, die man den verschiedenen Stadien der Knochenzombie-Transformation ausgesetzt und unterschiedlichen Intelligenz- und Schmerztests ausgesetzt hatte oder sie aufeinandergehetzt hatte, um zu schauen, ab welchem Stadium sich selbst gute Freunde angreifen würden.
Einigen Personen hatte man auch Teile des Gehirns entfernt, um zu testen, wann sie sich am besten kontrollieren und als Arbeitskräfte einsetzen ließen. Am schlimmsten war es aber gewesen, die Lebewesen zu sehen, die noch intakt gewesen waren und die man gerade erst eingefangen hatte. Wie sie realisierten, wo sie sich befanden, wie sie in ihren transparenten Zellen all den Schrecken um sich herum realisierten und erkannten, dass sie eine Welt jenseits von Hoffnung und Gnade betreten hatten. Und natürlich die Gesichter der Wissenschaftler, die mal mit professioneller Kälte und mal mit sadistischem Eifer ihrer unentschuldbaren Tätigkeit nachgingen. Dutzende kleine, emsige Dr. Kivings, in ihrer höllischen kleinen Zauberwelt.
Bei all dem hatte sie festgestellt, dass Mitleid einen noch viel verheerenderen Zorn hervorbringen konnte, als das Madenfleisch. Selbst ihr altes Ich hätte diesen Soldaten eventuell sogar verschont. Nicht aus Gnade, sondern um Zeit zu sparen. Zugegeben, die Chance wäre sicher nicht hoch gewesen, aber sie hatte bestanden. Jetzt aber war sie entschlossen, keinen Menschen hier am Leben zu lassen, außer den Madensoldaten, den Gefangenen und einer ganz bestimmten Person. Eine Wissenschaftlerin, die zu den Wenigen gehörte, die hier garantiert nicht freiwillig waren und die zugleich die Möglichkeit haben sollte, den einzigen Abschnitt des Labors zu öffnen, der nicht mal einer Fliege zugänglich war. Dort musste sich ihr Vater befinden. Denn in den anderen Räumen hatte sie weder ihn, noch seine Leiche entdecken können.
Lucy war sich bewusst, dass sie fortan mit mehr Widerstand rechnen musste. Sie hatte die Kameras zwar genauso zerstört wie die Hauptbeleuchtung, aber Edens Leute würde der Tod ihrer Soldaten genauso wenig entgangen sein wie der Ausfall dieser Anlagen.
Sie sollte sich also besser beeilen. Wobei … plötzlich drang ein Gedanke in Lucys Kopf. Mit einer Dringlichkeit, wie sie ihn nur selten erlebt hatte. Die Lichter, dachte sie. Natürlich. Die Notbeleuchtung muss auch zerstört werden. Hier muss es dunkel sein wie in einem Grab. Finster, wie im Herzen des Nichts.
Also konzentrierte Lucy sich erneut und nutzte ihre Kräfte, um jede kleine Glühbirne, jeden Schaltkreis, jedes Kabel zu verschmoren, welches sie entdeckte. Als Polly und sie sich tiefer in die Anlage vorwagten, folgte ihnen eine Spur aus Schatten. Und wer genau hingesehen hätte, hätte die dünnen weißen Gestalten gesehen, die darin Wurzeln schlugen.
~o~
„Wie hattest du es nochmal so schön formuliert?“, fragte Davox mit aller Gehässigkeit, die er aufbringen konnte, „sie werden die Lichtung nicht vor uns erreichen?“
Dabei deutete er auf die Fußspuren, die in die von schimmerndem Licht verborgene Lichtung führten. Er genoss Havons Versagen, auch wenn es ein schwacher Trost für diese entwürdigende Sklavenmission war, auf die er nicht einmal Professor Wingert hatte mitnehmen dürfen.
„Auf manche trifft das vielleicht auch zu“, konterte Havon und zeigte seinerseits auf den verbrannten und an den Rändern mit Schleim übersäten Boden, „Das ist das Werk einer Madenkönigin. Der Schleim kann nur von ihr stammen. Das Biest wird sie sich geschnappt haben. Sie muss hier irgendwo noch sein.“
„Und wo sind dann die Leichen?“, fragte Davox Havon, der seinen Blick angestrengt über die dichten Knochenbaumkronen streifen ließ.
„Sie könnte sie verspeist haben, oh einfältiger Meister. Sie oder ihr Schwarm“, sagte Havon, „außerdem habe ich dir befohlen, deinen Kopf gesenkt zu halten.“
„Du solltest den Bogen nicht überspannen, Kind“, warnte Davox und begab sich dennoch widerwillig in eine gebückte Haltung, „man weiß nie, wann der Wind sich dreht.“
„Entscheidend ist nicht die Richtung des Windes. Entscheidend ist, wer bläst. Und der bin nun mal ich“, antwortete Havon, „so langsam solltest du dich daran gewöhnen. Ich weiß, vordergründig ist es eine Strafe. Aber in Wahrheit haben wohl selbst die Führer des Kultes erkannt, dass ich einen größeren Wert und mehr Wissen habe als ein Emporkömmling aus der Weichwelt, der nach allem, was man so hört, als Mensch jünger gewesen war als ich.“
„Kannst du mir mit all deinem grandiosen Wissen auch sagen, ob diese Schneidmadenkönigin Feuer spucken kann?“, fragte Davox und hasste es, den Bengel dabei dank seiner entwürdigenden Haltung nicht ansehen zu können.
„Vielleicht“, antwortete Havon so verunsichert, dass es Davox Herz vor Freude galoppieren ließ.
„Heißt das, du weißt es nicht? Ich jedenfalls weiß mit Sicherheit, dass Drix Tschatha Feuer erschaffen können“, bemerkte Davox selbstbewusst, „und ich weiß, dass Maden – egal welche Sorte – Spuren hinterlassen. Gerade auf einem weichen Boden wie diesem. Hier sind aber nur Spuren von der Hexenbrut. Außerdem verschmähen die meisten Maden Knochen. Hier sind aber keine so großen Knochen, wenn man von den Bäumen einmal absieht. Also was, oh unendlich Weiser, lässt dich darauf kommen, dass auch nur eine von ihnen gestorben ist?“
„Okay, okay“, sagte Havon nach kurzem Zögern, „ich weiß es nicht.“
„Das einzugestehen ist doch ein guter Anfang“, sagte Davox, dem eine andere Idee gekommen war, wie er Havons Gängelung und am Ende vielleicht auch ihn loswerden könnte, „da können wir auch einen Schritt weitergehen. Lassen wir den Meister-Diener-Scheiß für einen Moment sein und kooperieren wir. Immerhin wollen wir beide erfolgreich zurückkehren und die Ältesten durch unseren Erfolg beschämen.“
„Das sagst du doch nur, weil ich die Macht in Händen halte“, antwortete Havon abweisend.
„Ja, du hast die Macht“, entgegnete Davox devot, „und die möchte ich dir auch nicht wegnehmen. Doch wenn du sie nicht gegen mich gebrauchst und dich auf die Hexenschlampen konzentrierst, steigen unsere Erfolgsaussichten. Siehst du das nicht ein? Wir haben die Hexen hier quasi in die Enge getrieben und sie wissen nicht, dass wir hier sind. Wenn wir es geschickt anstellen und ihnen auflauern, können wir sie vernichten oder versklaven. Klingt das nicht gut? Wir wären diejenigen, die die Drix Tschatha vernichtet und die Herschafft des Waldes absolut machen würden.“
„Aber der Gefühllose Gott verachtet eine derartige Kooperation“, sagte Havon nach der Art eines Schülers, der auswendig Gelerntes wiedergab, „es gibt Herren, es gibt Meister und es gibt Konkurrenz. Nur die Ältesten sind davon ausgenommen und selbst sie sind untereinander oft missgünstig.“
„Die Ältesten haben uns nicht verboten, zu kooperieren. Und erzähl mir nicht, dass du plötzlich frömmelst“, sagte Davox lachend, „es ist noch nicht lange her, dass du mir erzählt hast, wie sehr du das Vögeln vermisst. Du bist kein Mann für Regeln und Anbetung. Du bist ein Mann der Gelüste. Und die wahre Lust, die Lust, die wir noch haben, ist die Lust an der Macht. Lass sie uns ausleben. Nicht aneinander, sondern am Fleisch. Am Fleisch, das uns verraten hat. Am Fleisch und seinen willigen Töchtern.“
„Nette Rede“, sagte Havon grinsend, „und weißt du was, ich bin dabei. Aber wenn du irgendeinen Scheiß versuchst, werden die Ältesten es mitbekommen.“
„Das ist mir bewusst. Darf ich mich dann erheben?“, fragte Davox.
„Ja, von mir aus“, sagte Havon, „dann kannst du dich mit deinen schönen Augen direkt nützlich machen. Ich wüsste nämlich zu gerne, wo sich die Madenkönigin befindet.“
„Warum siehst du dann in den Baumwipfeln nach?“, fragte Davox.
„Du weißt wirklich gar nichts, oder?“, fragte Havon.
„Ich komme aus der Weichwelt, wie du richtig bemerkt hast. Und dort hatten wir nur mit einer Schneidmadenart zu tun“, sagte Davox und schluckte seinen gekränkten Stolz herunter. Immerhin wollte er, dass Havon ihn mochte oder zumindest so wenig hasste, dass seine Wachsamkeit nachließ, „erleuchte mich gerne, falls du mehr weißt.“
„Die Königinnen dieser Art, der Ebenenbrut, leben oft in Baumkronen“, referierte Havon so hochnäsig, dass es Davox mentale Übelkeit bereitete, „und wenn sie in einer waren und dort nicht mehr anzutreffen sind, bedeutet das für gewöhnlich nichts Gutes.“
„Geht es etwas genauer?“, hakte Davox nach.
„Sie nehmen dann eine neue Form an“, erklärte Havon wie ein Streber, der stolz auf sein perfekt vorbereitetes Referat war, „zumindest dann, wenn sie ausgehungert sind. Man nennt sie Famenris oder Hungerreißer. Unfruchtbar und kurzlebig, aber extrem tödlich. Leider nicht nur für die Hexen, sondern auch für uns. Also beten wir lieber dafür, dass sich die Königin nur versteckt hat und still auf ihren Schwarm wartet. Nicht, dass das viel besser ist. Aber vor den Kriegern der Ebenenbrut kann unsereins wegrennen, Bei einem Hungerreißer ist es anders.“
„Ein ziemlich dämlicher Zyklus, oder nicht?“, bemerkte Davox, „das ist doch praktisch Selbstmord für ihren Schwarm, wenn ihre Königin sich freiwillig unfruchtbar macht.“
„Rache ist niemals dämlich“, sagte Havon, „aber dennoch irrst du dich. Diese Königin mag für die Maden verloren sein, aber die Stärkste von ihnen kann sich in eine neue Königin transformieren. Es dauert etwas, aber es ist möglich. Schneidmaden sind nicht so leicht auszumerzen.“
„Du weißt ziemlich viel“, lobte Davox schmeichlerisch, auch wenn es ihm verdammt schwerfiel.
Er erkannte sofort, dass er den richtigen Ton angeschlagen hat. „Ich war immer der Beste, was die Historie des Waldes und die Regeln des Kultes anging“, sagte Havon, während er ein paar Schritte zurücktrat, um eine neue Perspektive auf die Bäume zu bekommen, „in meiner Heimat war ich kein guter Schüler. Hab mich nie für den Stoff interessiert. Aber das hier war viel, viel spannender gewesen. Trotz der Strenge. Trotz der Drohungen. Für diesen Shit bin ich geboren worden.“
„Wo hast du denn vorher gelebt? Und wann?“, fragte Davox, während er vorsichtig eine Schleimpfütze umrundete und sich einen weiteren Baum vornahm. Seine Augen waren seit der Verwandlung sogar besser geworden. Umso mehr beunruhigte es ihn, dass sie absolut nichts erkennen konnten.
„In Berlin“, sagte Havon, „Anfang der 2000er. Ich bin kurz vor dem Ende meines Studiums in den Wald gestolpert. War kein richtig schlechtes Leben. Saufen, Handball, drittklassige Studentenband. Verkorkste, aber spaßige On-Off-Beziehung. Aber eigentlich auch stinklangweilig. Das ist jedenfalls um Welten besser als das blöde BWL-Studium, das mein Vater mir aufgedrückt hatte und das ich jede einzelne Sekunde gehasst und nur aus Gewohnheit weitergeführt habe. Das Fleisch steht für Mittelmäßigkeit. Der Knochen schenkt Hingabe und ein langes Leben. Damals hatte ich das noch nicht begriffen.“
„Ich weiß genau, was du meinst“, sagte Davox, „bei mir war es ganz ähnlich. Viele Konzerte, viel Party. Ein paar nette Freunde. Spannend wurde es erst nach dem ersten Reißen.“
„Könnte mir irgendwie gar nicht vorstellen, dass du mal so ein junger Typ warst. Liegt vielleicht an deinen Knochen“, sagte Havon, „bei den Ältesten vermitteln sie Autorität. Du hingegen siehst aus wie ein tattriger Greis, der im Altenheim verwest und skelettiert ist. Eher lächerlich als furchterregend.“
Davox spürte, wie sein Hass aufloderte. Er wollte den Wichser zerbrechen für diese Schmähung. Ihn einfach in kleine Stückchen brechen. Aber er wusste, dass das dumm wäre. Havon war ein vorlautes Arschloch, aber er öffnete sich gerade. Das zeigte sein selbstzufriedenes Grinsen ganz eindeutig.
„Die unscheinbarsten sind oft die gefährlichsten“, antwortete Davox lediglich.
„Wie du meinst“, antwortete Havon und sein Grinsen wurde noch breiter.
Davox beschloss, das Thema zu wechseln, bevor er sich doch noch vergaß.
„Können wir die Lichtung irgendwie betreten?“, fragte er.
„Keine Chance“, sagte Havon, „das Ding gibt es schon seit Äonen. Wie ein Fleck, den man nicht wegbekommt. Und wenn wir da reingehen würden, würden wir uns einfach auflösen. Aber das müssen sie gar nicht. Sie werden rauskommen. Das müssen sie irgendwann.“
„Die Frage ist nur, was sie dann getan haben werden“, antwortete Davox.
„Nichts, mit dem wir nicht fertig werden“, sagte Havon, „das ist ja das Schöne. Wir sind die Gewinner hier. Und die Hexen verlieren schon lange. Es dauert halt nur ein wenig, bis sie das einsehen. Was immer sie dort tun werden, werden wir zu kontern wissen.“
Plötzlich spürte Davox auf seinen Knochen einen sanften Wind und hörte ein schrilles, klagendes Geräusch. Sinister, aber doch anziehend. Wie Knochen, die auf Knochen rieben. Er verspürte den plötzlichen Drang, loszurennen und nach der Quelle dieses Geräusches zu suchen. Nur seine verzwickte Lage und die vor ihnen liegende Lichtung hielten ihn davon ab.
„Hörst du das auch?“, fragte Davox.
„Ja“, sagte Havon und klang etwas überrascht, „man nennt es das ‚Ziehen‘. Es ruft uns in das Zentrum des Waldes. Normalerweise erklingt es nur jenseits der Lichtung. Ihr Einfluss blockt es normalerweise ab. Das ist bemerkenswert.“
„Vielleicht hat es etwas mit dem zu tun, was die Drix Tschatha dort drin anstellen“, überlegte Davox.
„Denkbar“, sagte Havon.
„Sollte man dem Ruf folgen?“, fragte Davox.
„Wenn man die Lust verspürt, sein Dasein zu beenden, sicher“, sagte Havon, „die Alten sagen, wer ihm folgt, verliert seine Wege. Manche sagen, wer es schafft, die Brücke zu überqueren und nicht den Markverzehrern in die Hände zu fallen, wird Teil einer der alten, großen Knochenschlangen. Falls er würdig ist. Aber wenn du mich fragst, wissen sie es selbst nicht genau. Jedenfalls hält sich keiner zu lange in dem Gebiet auf, wo die Stimme am lautesten klingt, und es ist auch keine sehr gute Idee.“
„Ist es gefährlich, hierzubleiben?“, fragte Davox.
„Hast du etwa Angst, Klappergreis?“, fragte Havon arrogant, schüttelte dann aber den Kopf, „gefährlich ist es hier aus diversen Gründen, aber das Ziehen ist hier für jemanden mit etwas Selbstbeherrschung kein Problem. Ich frage mich nur nach wie vor, warum … Fuck. Siehst du das auch? Dort, zwischen den Stämmen.“
„Ja“, bestätigte Davox, „sind das schwarze Flecken?“
„Nicht nur das“, sagte Havon aufgeregt, „die Schutzbarriere der Lichtung hat sich weiter in den Kern zurückgezogen. Was immer die Hexen da tun, sie machen vor allem unsere Arbeit. Bald wir die Weißlichtung verschwunden sein und wir können nen großen Scheiterhaufen errichten.“
Davox ließ sich ausnahmsweise von Havons Euphorie anstecken, auch wenn es ihm zutiefst zuwider war, sich über etwas zu freuen, das diesen Bengel in Hochstimmung versetzte. Doch die Aussicht darauf, seine Mission zu erfüllen, sich in den Augen der Ältesten zu rehabilitieren und seine entflohene Ex-Freundin wieder unter Kontrolle zu bekommen, war durchaus erfreulich. Er würde sich auf jeden Fall dafür einsetzen, dass man Inga verschonte. Er hegte keinen wirklichen Hass für sie. Nun, zumindest keinen, der über den hinausging, den er für alle gewöhnlichen Menschen empfand. Und wenn er ehrlich war, lebte in seinem harten Herzen noch immer ein wenig tief vergrabene Melancholie. Eine Erinnerung an die Zeiten, als sie ein Team gewesen waren, wenn auch für die falsche Seite. Er fragte sich, ob eine Entfleischung bei einer Drix Tschatha möglich war oder besser gesagt, ob sie es überleben konnte? Vielleicht würde er daran forschen und wenn er Erfolg hatte, könnten sie am Ende erneut ein Team sein. Im Ziel vereint und beinah gleichberechtigt. Das wäre schön. Nicht entscheidend, aber schön. Aber erst einmal musste sich Havons Vermutung bezüglich der Weißlichtung bestätigen.
Doch wie es aussah, tat sie das. Davox konnte förmlich dabei zusehen, wie sich die Lichtung verkleinerte und sich deren Licht mehr und mehr eintrübte. Davox war nicht so irre, anzunehmen, dass die Hexen dies aus Dummheit oder Lust an der Selbstzerstörung taten. Sie mussten damit ein Ziel verfolgen. Aber letztlich mochten sie sich dennoch verkalkuliert haben. Denn welches Ziel wäre es wert, den letzten wirklich sicheren Zufluchtsort in dieser Welt aufzugeben? Ihm jedenfalls würde da nichts einfallen. Aber gerade das beunruhigte ihn auch. Hatte er verlernt, wie ein Mensch zu denken? Hatte er mit seinem Aufstieg auch die wenigen Vorteile jener niederen Existenzform eingebüßt?
Havon schien sich nicht mit derartigen Fragen aufzuhalten. Er stand nur grinsend vor dem düsteren Spektakel und führte Selbstgespräche.
„Vielleicht sollten wir ein paar Knochenspeere vorbereiten, um sie zu empfangen“, murmelte er.
„Man könnte auch die Bäume umbiegen und sie darin einschließen wie in einem Käfig. Dann hätten wir sie eingekesselt und könnten die Ältesten direkt zu ihnen führen, ohne uns mit Gefangenen rumschlagen zu müssen.“
„Wobei, nein, das wäre Kraftverschwendung. Sie werden sicherlich ihre Energie aufgebraucht haben, wenn sie schon ihre Zuflucht anzapfen müssen. Sie haben hier nichts, was sie für ihre Zauber verwenden könnten, außer sich selbst, und bei unserem letzten Kampf waren die meisten schon schwach und alt. Genau wie das stumpfe Fleisch, das sie mitgeschleppt hatten. Wahrscheinlich sind sie sogar so schwach und erschöpft, dass wir die Knochen in ihren Körpern kontrollieren können. Dann marschieren sie praktisch freiwillig mit uns mit. Dafür müssen wir ihnen nur kleine, knochentiefe Schnitte zufügen, damit das Fleisch uns nicht von ihren Gliedern abschirmt. Ja, das könnte gehen. Das wäre doch witzig, wenn sie sich selbstständig zu ihrer Hinrichtung bewegen.“
Havon steigerte sich mit solcher Inbrunst in seine Pläne hinein, dass er praktisch blind und taub für seine Umgebung wurde. Und so entging ihm auch das Geräusch von knarzenden Knochenbäumen hinter ihm.
Davox hingegen hörte es nicht nur, sondern sah den Hungerreißer auch, wie er zwischen den Bäumen hervorkam, wo er sich wohl für seine Transformation zurückgezogen hatte.
Noch stand er still, aber die dicken, drahtigen, schwarzen, weißgeäderten Muskeln an seinen Beinen spannten sich bereits. Die breiten Nüstern am Ende des langen, krokodilartigen Mauls blähten sich witternd und die feuerroten Augen hatten sie fixiert. Das Wesen war wie eine Rakete, kurz vor dem Start, und sie waren das Ziel.
„Havon, pass auf!“, rief Davox, der entschieden hatte, dass er seinen Verbündeten – so sehr er ihn auch hasste – nicht so früh opfern durfte. Dann nämlich wäre das Ding allein hinter ihm her.
Genau in dem Moment, als der Hungerreißer losrannte, hörte Davox ein anderes, weitaus erfreulicheres Geräusch: Die Kuppel der schwarz gewordenen, erstarrten, verkleinerten Weißlichtung zersprang mit einem krachenden Splittern.
~o~
Mit einem leisen Röcheln sank die letzte der vier menschlichen Wachen zu Boden, nachdem Lucy ihr den Kehlkopf zerdrückt hatte. Die Wache, eine rothaarige, junge Frau, hatte etwas mehr Glück gehabt als die Vorletzte, deren bärtiges Gesicht gerade noch von Polly säuberlich abgefressen wurde. Lucy schätzte, dass er diesem Festmahl lebendig beiwohnte, aber das war Pollys Angelegenheit. Ihr Mitleid für diesen Abschaum hier hielt sich in engen Grenzen.
„Psst! Ich will dir nichts tun. Ich weiß, dass du nicht freiwillig hier bist“, sagte Lucy zu der dunkelhaarigen, jungen Frau in einem bizarren, hochlehnigen Rollstuhl, die an der Konsole saß und auf die vielen kleinen Monitore vor sich starrte, auf denen sich das Grauen der Welt entfaltete. Jener Welt, die Lucy im Untergrund der Anlage gesehen hatte. In einem der ausgeschalteten Bildschirme spiegelte sich das Gesicht der Frau. Es sah traurig und von Leid zerfressen aus. Nicht wie jemand, dem all das am Arsch vorbeiging. Aber der Wissenschaftlerin waren die Hände gebunden. Buchstäblich. Denn ihre Arme waren so an den Stuhl gefesselt, dass sie lediglich eine kleine Kontrolltafel am Ende der Armlehnen ihres Rollstuhls mit den Händen erreichen konnte, die ebenfalls mit einem kleinen Display ausgestattet war. Damit erging es ihren Armen aber immer noch besser als ihren Beinen. Diese nämlich waren am Oberschenkel abgetrennt worden. Und das erst vor kurzem und ziemlich unsauber, wie die hässlichen, unförmigen, schlecht verbundenen und noch nicht ganz verheilten Stümpfe bewiesen. Eine weitere Strafe für ihren Ungehorsam. Wenn auch nicht die offensichtlichste. Das nämlich trug sie auf ihrer Haut. Ihre schwarze Bluse hatte man auf Schulterhöhe aufgeschnitten, sodass das in die Haut gebrannte Wort „Volksverräter“ gut zu erkennen war.
„Was solltest du mir auch noch antun können?“, fragte die Frau resigniert, „du könntest mich höchstens erlösen. Aber ich denke, das willst du nicht, oder? Du willst nur meine Hilfe, um durch diese Tür zu kommen.“
„Ich will deine Hilfe, um diese Leute zu retten“, entgegnete Lucy und zeigte auf die Bildschirmwand.
Die Wissenschaftlerin drehte sich daraufhin so weit zu Lucy um, wie ihre Situation es zuließ. Lucy kam ihr ein Stück entgegen und sah ein frisches, hübsches, aber doch von Sorgenfalten gezeichnetes Gesicht mit zynischen Augen, was sie aber angesichts der Lage und der Erlebnisse der Frau nicht verwunderte.
„Du scheinst mir besser darin zu sein, Leute zu töten als sie zu retten“, antwortete die Frau ruhig.
„Trauerst du den Soldaten etwa nach?“, fragte Lucy.
„Nein“, sagte die Wissenschaftlerin, „aber ich trauere der Tradition nach, Leuten, die Böses getan haben, ihre Fehler wiedergutmachen zu lassen, statt sie einfach auseinanderzureißen.“
„Eine bewundernswerte Einstellung für jemanden, der so für seinen Mut leiden musste“, sagte Lucy mit aufrichtigem Respekt, „leider ist es nicht immer so einfach. Ich heiße übrigens Lucy.“
„Janine“, sagte die Frau knapp, „und manche Dinge sind sehr einfach. Vor allem wäre es für jemanden wie dich unheimlich einfach, ins Kellergeschoss zu gelangen und all die gequälten Seelen zu befreien, die dort leiden. Deine Kraft sollte dafür locker ausreichen. Immerhin hast du die Tür zum Labor ja auch sprengen können. Und du weißt ganz genau, wo der Eingang zum Keller ist, und dass du dafür nicht hierhin gehen müsstest.“
„Woher soll ich das wissen?“, fragte Lucy betont verwirrt, auch wenn Janine natürlich die Wahrheit sprach.
„Von deiner Spionagefliege zum Beispiel“, sagte Janine, „denkst du, ich erkenne nicht, wenn etwas Ungewöhnliches vor meinen Kameras passiert? Immerhin sind diese Anzeigen alles, was mir noch von meinem Leben geblieben ist. Mein Talent, diese Daten zu registrieren und zu interpretieren, besser als jede KI es könnte, ist der einzige Grund, warum ich überhaupt noch lebe. Ich kann eine normale Fliege durchaus von einem Insekt mit einer ungewöhnlichen Wärmesignatur unterscheiden. Von der Optik mal ganz abgesehen. Das Vieh war ja sogar hässlicher als das Madenmonster, das du mit dir mitschleppst.“
„Du scheinst nicht zu wissen, wer ich bin“, sagte Lucy drohend und ohne jede Freundlichkeit, „sonst würdest du dich nicht trauen, Polly zu beleidigen.“
„Oh, ich weiß genau, wer du bist, Lucy Hermann“, konterte Janine, „ich kenne deinen Ruf und ich weiß, was du getan hast. Und würde ich es nicht wissen, wäre mir nach deinem Auftritt gerade spätestens klar, mit wem ich es zu tun habe. Aber ich habe trotzdem keine Angst vor dir. Es gibt einen Punkt, an dem es nicht mehr schlimmer kommen kann und Drohungen jeden Sinn verlieren. Du hast Glück, dass ich mir nichts sehnlicher wünsche, als dass jemand diese Anlage auseinandernimmt. Ansonsten hätte ich dich leicht verraten können. Wenn ich nicht die Meldungen zurückgehalten und die Sicherheitssysteme manipuliert hätte, würde es hier bereits von Madensoldaten und Sicherheitskräften wimmeln. Statt das zu verhindern, hätte ich auch die Lorbeeren einheimsen und ein paar Gummipunkte von meinen Peinigern sammeln können, die mich mit ihrem leeren Gerede von künstlichen Gliedmaßen und baldiger Freiheit bei Laune zu halten versuchen. Oder ich hätte mir zumindest eine Fliegenklatsche schnappen können, als dein Haustier bei mir vorbeikam. Immerhin HASSE ich Ungeziefer!“
Sie sah zu einem kleinen Tisch, auf dem tatsächlich eine Fliegenklatsche lag. Und zwar eine von den Dingern, die Stromschläge verteilen konnten. Wie sie das Ding allerdings mit ihren Fesseln benutzen wollte, war Lucy ein Rätsel. Wahrscheinlich hatten sich die nun toten Soldaten darum gekümmert.
„Also, was ist nun? Wirst du mir helfen?“, fragte Lucy, die trotz allem von dem Mut der Frau beeindruckt war.
„Ja“, sagte Janine, „wenn du wirklich alle Gefangenen hier herausholen möchtest und dich nicht aus dem Staub machst, sobald du deinen Vater befreit hast.“
„Weißt du denn, wo mein Vater ist?“, fragte Lucy, die langsam aus dem Staunen nicht mehr herauskam. Für eine Dissidentin, die man nur noch wegen ihrer Fähigkeiten duldete, war diese Frau erstaunlich gut informiert.
„Ja, das weiß ich“, sagte Janine, „und ich werde dir diese Tür öffnen und dich zu ihm führen. Wenn du schwörst, die anderen auch zu retten. Und zwar bevor du und dein Vater diese Anlage verlassen habt.“
„Ich schwöre es“, sagte Lucy nun, ohne zu zögern. Sie wusste zwar nicht, ob sie sich an diesen Schwur halten würde – immerhin würde sie ihren Vater niemals in Gefahr bringen wollen – aber sie hatte durchaus vor, den gequälten Seelen hier zur Hilfe zu kommen.
„Wunderbar“, sagte Janine, „aber verzeih, wenn mir Worte da nicht ausreichen.“
„Was willst du denn sonst?“, fragte Lucy.
„Siehst du die kleine Halbkugel an meinem Rollstuhl, auf der Rückseite?“, fragte Janine.
„Ja“, sagte Lucy, „warum?“
„Das ist eine Bombe, die ich selbst auslösen kann, wenn hier Feinde eindringen“, erklärte Janine, „sie soll verhindern, dass mich jemand foltert und Geheimnisse aus mir rausholt. Ursprünglich konnten auch meine Vorgesetzten das Ding auslösen. Und sie denken immer noch, dass sie es können, auch wenn ich ihren Zugriff deaktiviert habe. Ich will, dass du mir die Bombe abnimmst und sie an deiner Made befestigst. Das ist ganz leicht. Er funktioniert über eine Art Universalmagnet, der sogar auf Fleisch hält, und ich habe ihn so umprogrammiert, dass er nicht mehr bei Kontakt detoniert. Sobald du ihn deiner Made anlegst, werde ich die Tür öffnen. Machst du dich aber aus dem Staub, ist dein Schätzchen Geschichte. Kurz gesagt: Rette diese Leute und alles wird gut!“
„Hast du den Verstand verloren?“, wütete Lucy und ihre Adern wurden dick wie Schlangen. Sie schoss vor und legte ihre übermenschlich kräftigen Hände um Janines Hals. Nur äußerste Willensanstrengung hielt sie davon ab, zuzudrücken.
„Nein, das Vertrauen“, sagte Janine trocken, „und wenn du hier den Psycho gibst, wird es zwischen uns sicher nicht wachsen. Mach die Bombe an deinem Vieh fest und wir haben einen Deal, oder lass es und geh wieder nach Hause. Dann bist du mir und den Gefangenen ohnehin keine Hilfe.“
Lucy sah zu Polly, die sie treuherzig anblickte. Nicht wie ein gefährliches Monster aus dem botanischen Herzen der Hölle, sondern beinah wie ein Hund, auch wenn wahrscheinlich nur sie oder jemand wie sie derartiges im starren Gesicht der Made ablesen konnte. Doch das spielte keine Rolle. Allein der Gedanke daran, ihre beste Freundin in Gefahr zu bringen, war pure Blasphemie.
Aber das galt auch für ihren Vater. Wenn sie ihn nicht rettete, würde er früher oder später tot sein oder Schlimmeres. Konnte sie diese Wahl wirklich treffen? Tja, letzten Endes musste sie das wohl, denn nicht zu Handeln, wäre auch eine Wahl. Einen dritten Weg gab es nun einmal nicht. Sie hatte die Tür durch die Augen der Schneidfliege gesehen. Augen, die die praktische Eigenschaft besaßen, die Dinge in fast mikroskopischer Detailschärfe betrachten zu können. Die Tür besaß keine Ritze, keine Fuge, keinen noch so geringen Spalt. Es war praktisch so, als wäre sie mit der Wand verwachsen. Es war ihr ein vollkommenes Rätsel, wie sie überhaupt aufging. Jedenfalls wäre es ihr unmöglich, sie mit bloßer Krafteinwirkung zu zerstören.
„Ich könnte dich foltern, bis du die Türe für mich öffnest“, drohte Lucy auf der Suche nach einem Ausweg, „ich tue so etwas nicht gern, aber ich würde es tun, wenn es nötig ist.“
Das würde sie wahrscheinlich auch. Aber dennoch kam Lucy sich sehr schäbig dabei vor. Fast so wie ein Spiegelbild von Elvira. Nur mit einem Gewissen, das ihr ständig zeigen würde, wie erbärmlich ihr Handeln ist. Sie fühlte sich schlecht, und Janines nächste Worte machten es nicht besser.
„Folter?“, sagte sie, zynisch lachend, „da scheint einer wirklich sehr interessiert daran zu sein, unser Vertrauensverhältnis zu stärken. Sieh mich doch an! Sehe ich aus, als könnte mich Folter schrecken? Außerdem kannst du mich nicht erpressen. Wie gesagt: Ich manipuliere aktiv die Daten der Überwachungskameras. Tue ich das nicht mehr, bist du am Arsch, Lucy.“
In ihrer Verzweiflung ließ Lucy ihren Blick durch den Raum schweifen. Dabei blieb sie an einem Foto in einem Bilderrahmen hängen. Ein dunkelblondes Mädchen. Etwa sechzehn Jahre alt. Glücklich und braungebrannt an einem Badesee. Zusammen mit Janine.
Für einen Moment war die Versuchung wirklich greifbar. Wirklich verlockend. Und Lucy erkannte zum ersten Mal, wie Elvira denken musste. Wie ein Wesen denken musste, das fühlte, das Mitleid kannte und sich dennoch für Grausamkeit entschied. Nein, das tue ich nicht, dachte Lucy entschlossen. So tief sinke ich nicht.
„Entscheide dich besser schnell“, sagte Janine, die nichts von Lucys Gedankengängen zu ahnen schien, „die Führungskräfte hier in die Irre zu führen, ist einfach, weil ihre Arroganz sie blind macht. Aber der Schwierigkeitsgrad nimmt mit jeder Sekunde zu. Irgendwann werden die Soldaten mit den wirklich gefährlichen Waffen kommen. Und glaub mir, das willst du nicht erleben.“
„Gut. Ich mache es“, sagte Lucy nach ein paar weiteren Atemzügen seufzend, montierte die Bombe von Janines Rollstuhl ab und streichelte Polly sanft über den Kopf, während sie ihr das tödliche Gerät auf ihren Rücken legte. Die Made wehrte sich nicht einmal. Ihr Vertrauen war absolut und Lucy wurde schlecht, als sich das Gerät wie ein Magnet oder Saugnapf am Körper ihrer Madenfreundin festsaugte. „Es tut mir leid“, sagte sie leise und die Schneidmade sah sie an. Fragend? Verstehend? Vorwurfsvoll? Lucy wusste es nicht.
Sie drehte sich wieder zu Janine. „Ich hoffe, du bist jetzt zufrieden. Ich werde versuchen, diese Leute zu befreien. Aber wenn wir scheitern und sie dennoch sterben, wirst du die Finger von deinem Knopf lassen. Und wenn du mich hintergehst, werde ich dir zeigen, dass selbst jemand wie du noch Angst vor Qualen haben muss.“
Lucy versuchte, dafür zu sorgen, dass ihr Blick deutlich machte, dass das mehr als leere Worte oder aufgeblasene Drohgebärden waren. Und Lucy konnte das wirklich gut.
„Einverstanden“, sagte Janine ruhig, „versteh das nicht falsch. Wir sind keine Gegner und ich will dir nicht schaden. Alles, was ich will, ist Gerechtigkeit.“
Lucy nickte. „Die will ich auch. Und damit wir sie bekommen, trödel besser nicht länger und mach diese elende Tür auf!“
Janine zögerte noch einen winzigen Augenblick, dann bewegte sie ihre Hand auf ihrer Steuerkonsole und gab ein paar Befehle ein. Wenige Augenblicke später löste sich die Tür einfach auf. Ja, anders kann man es kaum beschreiben. Denn das Material schien vom nun entstehenden Rahmen regelrecht absorbiert zu werden, wie von einem Küchentuch, das einen Kaffeefleck aufsaugte.
„Flexible, organische Materialien“, erklärte Janine, „sie können sich ausdehnen und zusammenziehen und … ach egal. Kompliziert, das zu erklären. Hauptsache, der Weg ist frei, oder?“
„So ist es“, stimmte Lucy zu, „geh du ruhig vor!“
„Oh nein“, sagte Janine, „dass wäre nicht in deinem Interesse. Es ist doch besser, wenn ich sehe, wie du wirklich handelst, als wenn ich aufgrund von Vermutungen entscheiden muss, ob ich diesen Knopf betätige oder nicht. Dein Ungeziefer hier führt uns an und du gehst direkt vor mir. So läuft es und nicht anders.“
„Verdammte Scheiße. Was stimmt mit dir nicht?“, fragte Lucy wütend.
„Eine ganze Menge, wie du siehst“, sagte Janine, „zu viel, um das naive Püppchen zu geben.“
Wieder gab sich Lucy geschlagen und wünschte sich zum ersten Mal seit langer Zeit, wieder das kalte Monster von eins zu sein, dem die Konsequenzen seiner Handlungen herzlich egal waren. In diesem Fall wäre Janine jetzt nur noch ein blutiger Haufen Matsch. Da sie aber nicht mehr das Ungeheuer von einst war, gehorchte sie und übernahm zusammen mit Polly die Führung.
Der Gang, der sich vor ihnen erstreckte, war schmal und hell erleuchtet und dabei ausgepolstert wie eine Gummizelle. Selbst der Boden war eigenartig weich. Ob dies nur ein komisches optisches Detail war oder einem wirklichen Sinn folgte, wusste Lucy nicht zu sagen. Jedenfalls war der Gang sehr lang. So lang, dass an dessen Ende noch keine Tür zu sehen war. Dafür gab es an den Seiten milchige Fensterscheiben, die in regelmäßigen Abständen dort eingelassen worden waren.
„Werden wir beobachtet?“, fragte Lucy nervös.
„Ich glaube nicht“, sagte Janine und warf einen Blick auf einen kleinen Tracker, den sie über das Display an ihrem Rollstuhl aufgerufen hatte, „nein, die sind gerade alle woanders. Andernfalls würden hier wahrscheinlich auch Kugeln fliegen. Man nennt es auch die Todesrampe. Weder ich noch du oder dein Kinderschreck dürfen sich hier aufhalten und ein Entkommen gäbe es nicht. Wir sollten uns deshalb beeilen und den Gang rasch durchqueren, solange wir das noch können.“
„Warum hast du mir das nicht vorher gesagt?“, fragte Lucy.
„Du hast nicht gefragt?“, sagte Janine grinsend, „aber selbst wenn, hätte ich es dir nicht gesagt. Zu den wenigen Freuden meines erbärmlichen Lebens gehört es, meine Informationen strategisch einzusetzen. Für den maximalen Showeffekt.“
„Du bist noch viel durchgeknallter als ich, oder?“, fragte Lucy.
„Das wäre wohl zu viel der Ehre“, wiegelte Janine ab, „aber ich arbeite wahrscheinlich daran.“
„Willst du mir wenigstens sagen, wie lang diese … Todesrampe ist?“, fragte Lucy, die ihre Schritte beschleunigte und sich immer wieder nervös zu den Fenstern umsah, auch wenn sie sich selbst dafür hasste.
„Will ich“, meinte Janine, „bei unserem momentanen Tempo brauchen wir wahrscheinlich noch fünf Minuten. Aber ich würde nicht noch schneller laufen. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit wird automatisch Giftgas freigesetzt. Noch eine Verteidigungsmaßnahme. Schnelles Gehen ist okay. Alles andere kann gefährlich werden.“
„War’s das dann mit solchen Informationen?“, fragte Lucy, die nun wirklich Mühe hatte, ihren Zorn zu beherrschen.
„Ja, vorerst“, sagte Janine trocken.
Dann gingen sie eine Weile schweigend weiter, wobei Lucy gut darauf achtgab, nicht zu schnell zu werden. Der Gang erschien ihr wirklich unendlich lang. Eigentlich um ein vielfaches länger, als es praktikabel gewesen wäre. In einem normalen Forschungsalltag wäre es extrem ineffizient, immer wieder solche enormen Wege zurückzulegen. Sie vermutete, dass Janine auch für diese Unstimmigkeit eine Erklärung hätte. Aber so langsam hatte Lucy keine Lust mehr, die Wissenschaftlerin nach solchen Dingen zu fragen. Sie hatte inzwischen Angst vor den Antworten. Nicht, weil sie mit der Wahrheit – wenn sie es denn war – nicht umgehen konnte, sondern weil sie fürchtete, komplett auszurasten.
„Wie bist du überhaupt hier reingeraten?“, fragte Lucy stattdessen, um sich auf andere Gedanken zu bringen, „wenn du so viel Wert darauf legst, anderen zu helfen, ist das eine miserable Berufswahl.“
„Tja, beworben habe ich mich jedenfalls nicht, falls du das glaubst“, antwortete Janine ohne vom Display ihres Trackers wegzusehen, „Edens Leute haben diese Anlage nicht gebaut. Sie haben sie nur übernommen und angepasst. Das war vorher eine geheime Forschungsanlage für exotische Physik. Ethisch vielleicht auch nicht astrein, da manche unserer Erkenntnisse zur Waffenindustrie gewandert sind, aber wir hatten zumindest keine Menschenversuche durchgeführt. Ich war praktisch Konkursmasse. Eine der wenigen Mitarbeiterinnen, die sie übernommen haben.“
„Du hättest dich weigern können“, sagte Lucy.
„Und dafür sterben?“, fragte Janine.
„Das wäre nicht so anders als die Wahl, vor die du mich und Polly stellst“, meinte Janine.
„Ich habe eine Tochter“, sagte Janine.
„Die hatte Göbbels auch“, meinte Lucy trocken.
„Wage es nicht, mich als Unmenschen darzustellen“, sagte Janine kalt, „ich habe mich nie an solchen Experimenten beteiligt. Was meinst du, warum ich nicht länger in der praktischen Forschung eingesetzt werde? Und meine Beine habe ich auch nicht von selbst verloren. Kannst Du das bitte einfach akzeptieren und deine vorlaute Fresse halten.“
„Akzeptiert“, sagte Lucy, „jeder erzählt sich seine Geschichten, damit er besser schlafen kann.“
Janine erwiderte nichts darauf. Sie wirkte beleidigt. Aber das war Lucy nur recht. Sie mochte diese Frau längst nicht mehr so sehr wie am Anfang. Egal, wie edel sie sich gab und wie arm sie dran war. Sie erpresste sie und hatte sie genötigt, Polly in Gefahr zu bringen. Das konnte sie ihr und auch sich selbst nicht verzeihen. Und je länger sie durch diesen beschissenen Gang liefen, desto weniger konnte sie es verstehen, dass sie sich überhaupt darauf eingelassen hatte, egal wie rational es ihr vorhin erschienen war. Das einzig Gute war, dass es keine Kugeln hagelte und auch von Giftgas nichts zu bemerken war. Und irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, waren sie endlich doch an einer Tür angelangt. Einer ganz gewöhnlichen Tür, die Lucy wahrscheinlich mit einer Hand aufbekommen würde, selbst wenn sie verschlossen war.
„Sind dahinter Soldaten?“, traute sich Lucy nun doch, eine Frage zu stellen, und machte sich auf eine maximal unangenehme Antwort gefasst.
„Ja. Eine Menge“, sagte Janine, „doch das muss dich nicht mehr kümmern.“
Diese letzten Worte sprach Janine bereits durch eine Gasmaske, die einfach aus der Lehne ihres Rollstuhls gewachsen war und sich um ihren Kopf geschlossen hatte.
Lucy begriff schnell, was das bedeuten musste. Noch bevor sie das Zischen des Gases über sich hörte. Verräterin, wollte sie schreien, doch sie sparte sich ihren Atem für ein anderes Wort.
„Polly …“, sagte sie reflexhaft, ahnend, dass sie beide hier ohnehin sterben würden.
Ihre Made bäumte sich bedrohlich auf wie eine Schlange und öffnete den breiten Mund.
„Wenn dein Vieh mir noch näherkommt, ist es tot. Und du vielleicht auch“, warnte Janine, „akzeptiere die Ohnmacht und ihr beide werdet überleben. In gewisser Weise zumindest.“
Die Made, die Lucy sonst immer gehorchte, schien das zu verstehen. Sie bewegte sich nicht.
Einen Scheiß werde ich akzeptieren, dachte Lucy und konzentrierte sich auf ihre Kräfte. Es fiel ihr nicht leicht und bereitete ihr Kopfschmerzen, während ihre Lungen brannten und sich eine unangenehme Leichtigkeit in ihrem Bewusstsein ausbreitete. Doch schließlich flackerten die Lampen und erloschen. Alle. Im gesamten, verfluchten Gang.
Helft mir, ihr Monochromen, dachte sie in der Finsternis. Und sie spürte, wie sich etwas in ihr regte, ihre eigene, kleine Armee. Für einen Moment sah sie Duality, die sich mit Zähnen und Klauen auf Janine stürzte und sie gerade erreichte, als … die Lichter plötzlich wieder angingen.
Wie ist das möglich, dachte Lucy verzweifelt und war noch viel verzweifelter, als sie Janines raue Stimme vernahm. „Regenerative Lampen“, sagte sie seltsam kraftlos.
Lucy drehte sich um und als sie Janine erblickte, die sich hilflos an den Hals griff, der einen feinen, papierdünnen Schnitt aufwies, schöpfte sie wieder Hoffnung. Und die wurde nur noch größer, als die Verräterin im Stuhl zusammensackte und ihr Leben aushauchte.
„Rette dich, Polly!“, brachte Lucy mühsam heraus und wandte sich dann an die Fliege, die sie ganz bewusst in ihrer Kleidung verborgen gehalten hatte, „und du, flieg zu Carina. Zeig ihr alles, was du hier gesehen hast. Sie muss Hilfe holen.“
Trotz ihres stärker werdenden Schwindels stellt sie zufrieden fest, dass die Fliege sich auf den langen Weg machte und auch die Made nicht so stark von dem Gas beeinträchtigt wurde wie sie. Polly gehorchte, sprang und krachte mit einem gewaltigen Satz durch eines der Fenster. Lucy lächelte stolz. Sie wollte sich noch in die Höhe stemmen, um ihr zu folgen. Dann verlor sie das Gefühl in ihren Gliedern und erlebte eine Schwärze, die rein gar nichts mit der Abwesenheit von Licht zu tun hatte.
~o~
„Sie haben diese Made noch immer nicht aufspüren können?“, fragte Xiang. Seine Stimme war sanft. Ohne versteckte Drohungen, wie sie bei Eden häufig mitschwangen. Doch Elvira ahnte, dass das nicht bedeuten musste, dass der Mann alles verzieh. Trotzdem war es einfacher, zu solch einem Vorgesetzten aufrichtig zu sein. Erst recht, wenn man nicht auf ganzer Linie versagt hatte.
„Nein, aber wir haben die Anlage komplett abgeriegelt“, sagte Elvira.
„Wir könnten die Bombe einfach hochgehen lassen“, schlug Janine vor. Das regenerative Kunstgewebe an ihrem vor kurzem noch aufgeschnittenen Hals hatte immer noch eine kalkweiße Farbe. Genau wie die kleinen Beinstummel, die aus ihren Beinstümpfen sprossen. „Warum sonst haben wir sie das Gör an ihrem Haustier anbringen lassen?“
„Als Druckmittel natürlich“, sagte Elvira.
„Ein Druckmittel für ein Kind, das hilflos in den Glassträuchern hängt“, fragte Janine höhnisch, „welchen Sinn hat das? Sie hat ihnen doch schon das gegeben, was sie wollten.“
„Gerade weil wir sie in diese Lage gebracht haben, hat sie keinen anderen Grund, zu kooperieren“, sagte Elvira, „und es gibt noch eine Menge an Dingen, bei denen sie uns helfen muss. Informationen über den Standort des Hauptquartiers ihrer Madenkinder zum Beispiel. Über den Aufenthaltsort von Mara. Oder das Wissen, was es mit den „Scherenschnitt“-Gestalten auf sich hat, von denen Sie uns berichtet haben. Wir müssen sie also ausreichend motivieren.“
„Sie haben ihren Vater. Das sollte doch genügen, oder etwa nicht?“, entgegnete Janine.
„Nein, das genügt nicht“, widersprach Elvira ruhig, „stellen Sie sich vor, sie erweist sich als besonders unkooperativ. Töten wir in so einem Fall ihre Made, zeigen wir ihr, dass wir es wirklich ernst meinen. Töten wir ihren Vater, wird sie vollkommen dichtmachen und vielleicht irgendeine Selbstmordaktion starten, deren Auswirkungen wir nicht abschätzen können. Verzweifelte Leute können manchmal erstaunliche Kräfte entwickeln. Gerade, wenn sie über die Macht des Knochenwaldes verfügen. Umso wichtiger ist es, ihnen ein wenig Hoffnung zu lassen.
Sie sind eine hervorragende Schauspielerin, Frau Kölping. Aber von Strategie oder Weitblick verstehen sie nicht sonderlich viel.“
Janine funkelte Elvira böse an, sagte aber nichts.
„Das muss sie auch nicht“, meinte Xiang lächelnd, „jeder muss vor allem die Aufgaben meistern, die ihm das Leben zugeteilt hat. Ihr Plan, Frau Djarnek, an Lucy Hermanns neu erwachtes Mitleid zu appellieren, war brillant. Durch bloße Gewalt hätten wir sie niemals einfangen können. Das hat man schon daran gesehen, wie leicht sie mit unseren Wachen fertig geworden ist. Und wie sie schon betonten, hat Frau Kölping eine hervorragende Vorstellung gegeben. Nicht zu glatt, nicht zu freundlich, einfach glaubwürdig. Und ihre Hingabe und … Vorbereitung für die Rolle war auch bewundernswert. Die Ärzte meinten, sie hätten kaum geschrien, als sie geschnitten haben. Und das, obwohl die Verwendung des Regenerationsgewebes den Einsatz von Schmerzmitteln unmöglich gemacht hat. Aber ich denke, sie wurden dafür angemessen entlohnt. Nicht nur mit Geld, sondern auch mit endloser Regeneration. Sie sind nun praktisch unsterblich, Frau Kölping. Glückwunsch!“
„Das weiß ich zu schätzen“, sagte die junge Frau, „das Einzige, was mir zu meinem Glück noch fehlt, wäre meine Freiheit. Aber das kann ich wohl vergessen, oder?“
„Keiner von uns ist je wirklich frei“, sagte Xiang, „aber sie können gehen, wenn sie das meinen.“
„Meinen Sie das ernst? Bei allem, was ich weiß?“, fragte Janine verblüfft und schlug sich die Hand auf den Mund, als sie begriff, dass sie gerade potenzielle Argumente für ihre eigene Liquidierung geliefert hatte.
„Oh, da machen wir uns keine Sorgen“, sagte Xiang freundlich, „Sie werden niemandem etwas verraten. Das Gewebe hat seine Kehrseite. Wir können Sie jederzeit aufspüren und seine heilende Wirkung umkehren. Und wir bekommen alles mit, was Sie sagen, was sie sehen, was sie schreiben oder hören. Das stand alles in dem Vertrag, den sie unterzeichnet haben.“
Die geweiteten Augen von Janine zeigten, dass sie jenes Kleingedruckte zumindest nicht so ausgiebig gelesen hat, wie sie es hätte tun sollen.
„Ich verstehe“, sagte Janine kleinlaut und blass, „dann … dann werde ich mal gehen.“
„Tun sie das“, meinte Xiang, „aber der Rollstuhl ist zu wertvoll. Am Eingang bekommen sie einen gewöhnlichen ausgehändigt. Und Kleidung, die ihren Zustand besser verbirgt. Immerhin sind sie eine ganz gewöhnliche Frau und sollten es in den Augen der Welt besser bleiben, wenn sie auch eine lebendige Frau sein wollen.“
Janine nickte und fuhr dann davon.
„Ich frage mich, ob sie ihren Deal schon bereut“, sagte Elvira zu Xiang.
„Wahrscheinlich tut sie das“, antwortete dieser, „das ist das Wesen der Gierigen. Von jenen, die wegen Macht und Geld und nicht aus Verantwortung handeln. Sie werden nie zufrieden sein. Wer glücklich sein will, muss aus Überzeugung handeln.“
Elvira war schlau genug, um zu verstehen, dass diese Botschaft auch an sie gerichtet war.
„Da stimme ich ihnen vollkommen zu“, sagte Elvira.
„Das freut mich“, meinte Xiang, „natürlich ist das eine Lüge von ihnen, aber eine gutgemeinte. Und das ist ein Anfang. Sie brauchen noch etwas Zeit, das weiß ich. Sie haben ihr Leben lang an nichts geglaubt, außer an sich selbst. Aber das kann sich ändern. Mit etwas Geduld. Was die Made angeht, sollten wir aber nicht geduldig sein. Wir brauchen sie als weiteres Druckmittel, wie sie richtig sagten. Und das funktioniert besser, wenn wir sie auch in unserer Gewalt haben.“
„Die Suche läuft auf Hochtouren“, versicherte Elvira, „unsere Leute durchkämmen den ganzen Komplex systematisch und in gemischten Gruppen aus Madensoldaten und gewöhnlichen Sicherheitskräften. Wir nehmen auch Drohnen zur Hilfe.“
„Hervorragend. Was ist mit dieser dunklen Zone im Eingangsbereich?“, fragte Xiang.
„Die konnten wir noch immer nicht erleuchten. Das Licht verschwindet einfach darin, und die Leute, die wir reingeschickt haben, kamen nicht wieder heraus“, erklärte Elvira, „aber wir haben den Bereich eingedämmt und eine Barrikade errichtet. Auch wird er von beiden Seiten schwer bewacht. Sollte sich das Vieh dort verbergen und herauskommen, entgeht uns das nicht.“
„Wunderbar“, lobte Xiang, „dann hoffen wir auf schnelle Ergebnisse. Doch zunächst sollten wir uns mit unserem Gast unterhalten.“
~o~
Inga beeilte sich, Mynas Hand zu nehmen, und tatsächlich spürte sie die Energie des Zaubers noch in ihrem Kreis pulsieren. Und während sie an Lucy dachte und Anschas Drohungen genau wie Steffens ungewisses Schicksal ausblendete, lokalisierte sie auch die Quelle der frischen Kraft, die sie durchströmte. Sie kam jetzt unmittelbar von der Statue. Direkt von den Weißen Göttern und von dem, was immer sie ihnen hinterlassen hatten.
Doch auch darüber dachte Inga nicht weiter nach. Sie schüttelte das Hier und Jetzt ab. Die wunderschöne Lichtung genauso wie das Grauen dahinter, und schickte ihren Geist zurück zu jener Zeit, als sie gemeinsam mit Lucy und ihren anderen Begleitern gegen Devon gekämpft hatte. Zu jenem denkwürdigen Tag, als sie dieses unnatürliche Krebsgeschwür zumindest vorerst aus ihrer Heimatwelt vertrieben hatten. Sie visualisierte das kämpferische, von Madenfleisch verseuchte Mädchen, das gerade erst seine Seele zurückerlangt hatte. Visualisierte sie mit all ihrer Härte, ihrer Entschlossenheit und ihrer tief verborgenen Kindlichkeit und der noch besser verborgenen Güte und sah vor ihrem inneren Auge, wie Lucy ihre fast menschlichen und nicht menschlichen Kinder gegen Devons Diener in die Schlacht führte.
Ganz am Rande ihres Bewusstseins bemerkte sie Aufruhr in der stofflichen Realität. Hastig geführte Gespräche und verwaschene Eindrücke von Kälte und Dunkelheit. Doch sie blieb ganz auf ihre innere Wahrnehmung fokussiert. Sie musste darauf konzentriert bleiben. Denn das hier war schließlich ihre letzte und einzige Chance, dem Knochenwald die Stirn zu bieten.
Also dachte sie weiterhin an Lucy. An ihre Stärke, ihren Kampfgeist, an ihre Präsenz und an die letzten flüchtigen Eindrücke, die sie von ihr mitgenommen hat, bevor sie von Davox in diesen Albtraum gezogen worden war.
Und dann, binnen eines Blinzelns … stand sie vor ihr. Nicht die tapfere, schroffe Heldin im Dienste einer guten Sache, sondern ein ziemlich verwirrtes, düsteres und gefährliches Mädchen mit einer Schneidmade an seiner Seite, deren anfängliche Verwirrung sich bei Ingas Anblick in reinen Zorn verwandelte.
Das hatte Inga so nicht erwartet. Doch dass Lucy wenig begeistert von ihrem Wiedersehen zu sein schien, war nicht das Schlimmste. Genauer gesagt schaffte ihr zorniges Gesicht nicht einmal in die Top 3. Diese Plätze wurden von anderer, noch viel üblerer Scheiße eingenommen. Von der Weißlichtung, die vollständig verschwunden war, konsumiert von Inga, bis auf ein paar kümmerliche Überreste der einst imposanten Statue. Von der Schneidmadenkönigin, die nach ihrer Transformation zum Hungerreißer von den Bäumen herabgestiegen war und nun freudig grinsend, und nicht länger von der Weißlichtung zurückgehalten, kaum zehn Meter entfernt auf das eng zusammenstehende Hexen-Grüppchen lauerte. Und von Davox und dem anderen überlebenden Weisen des Gebeins, jenem jungen Knochenschlangenbeschwörer mit dem entfleischten Unterleib, die ebenfalls am Rande der entweihten Lichtung auf sie warteten.
Inga blieb noch genügend Zeit für genau einen Atemzug, bevor die Hölle losbrach.
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Das Brennen. Dieses verfluchte, grauenhafte Brennen. Es war alles. Es war der Kern ihrer Existenz. Und sie kannte es schon. Es ähnelte dem Gefühl, das in ihrer Zeit in Elviras Labor ihr ständiger Begleiter gewesen war. Dem gnadenlosen Wüten des Madenfleischs in ihrer Kehle, in ihrem Bauch, in ihrem Darm. Doch nun war das Brennen auch in ihren Nerven, in ihren Blutgefäßen, selbst in den kleinsten Kapillaren. Es füllte sie aus, wühlte in ihr und erfüllte jede Sekunde ihres Daseins mit widerlichen Qualen.
Die meisten Menschen, die in den Glassträuchern hingen, waren beinah blind und taub für ihre Umgebung. Sie spürten nur diesen Schmerz, während ihr Leben aus ihnen herausfloß und sie ihr Leiden irgendwann, wenn auch viel zu spät, endlich gegen das gnädige Nichts des Todes eintauschen durften. Lucy aber war stärker als gewöhnliche Menschen. Das war ihr Segen und ihr Fluch. Durch einen Schleier aus Schmerz und Tränen sah sie die Früchte. Noch klein, aber rot und saftig, mit feinen weißen Schlieren, gewachsen aus ihrer Lebenskraft. Sie betrachtete die harten, edlen, gezackten Blätter mit ihrem kräftigen Grün und das Gewirr aus Ranken, Wurzeln und Ästen, das sie stützte und ihre Hände, ihre Beine, ihren Rücken und ihren Kopf bis ins Fleisch hinein fesselte. Sie sah es saugen und pumpen, schlürfen und wachsen in mikroskopisch kleinen Zyklen. Darüber spannte sich eine helle, weitläufige Halle. Fast leer, außer weiteren Glassträuchern, gepflanzt in rechteckigen Arealen kalkreicher Erde, einigen Instrumenten und Geräten und … ihrem Vater.
Lucys gequältes Herz machte einen schmerzhaften Satz. Ihr Vater lebte, was gut war, und er sah sie direkt an. Seine Lippen bewegten sich, aber die dicke Glaskuppel, die seinen Körper einhüllte, ließ keinen einzigen Laut hinaus. Dennoch war Lucy froh, dass diese Kuppel da war. Sie schirmte ihren Vater vor einem qualvollen Schicksal ab. Schützte ihn vor den feinen, tastenden, fast durchsichtigen Wurzeln des Glasstrauches, in dem sein Gefängnis stand. Vor den gläsernen, dürren Fingern, die gierig nach einem Pfad zu seinem nahrhaften Blut suchten. Lucy sah ihren Vater einfach nur an. Traurig, aber so liebevoll, wie sie konnte. Aber sie sprach. Nicht weil sie keine Kraft hatte, zu reden – das war wahrscheinlich das einzige, was sie noch tun konnte –, sondern weil sie wusste, dass es nichts bringen würde. Selbst wenn er Lippen lesen könnte, wäre ihm das auf die Entfernung nur schwer möglich gewesen. Dennoch schien er ihren Blick zu spüren und sie bildete sich ein, ihn lächeln zu sehen.
„Hallo Lucy“, sagte Elvira Djarnek und zerstörte den kostbaren Moment des Wiedersehens. Auch sie und den asiatisch anmutenden Mann neben ihr hatte Lucy bereits bemerkt, aber sich bewusst entschlossen, sie zu ignorieren. Selbst die Gegenwart der Glassträucher war für sie leichter zu ertragen.
„Ich dachte immer, nur Ratten und Kakerlaken überleben einfach alles. Scheint wohl aber auch für gewissenlose Kackbratzen zu gelten“, meinte Lucy kalt.
„Saftiges Blut und saftige Sprüche. Du bist schon ein ergiebiges kleines Blag“, antwortete Elvira.
„Es gibt keinen Grund, so ordinär zu werden“, meldete sich Xiang zu Wort, „Frau Hermann, mein Name ist Xiang Weng und die komplizierte Vorgeschichte zwischen Ihnen und Frau Djarnek ist mir durchaus bekannt. Aber das soll uns nicht davon abhalten, hier ein produktives Gespräch zu führen.“
„Bitte lassen Sie Elvira wieder reden“, sagte Lucy verächtlich, „ihr Hass ist zumindest ehrlicher als alles, was Ihren Mund verlässt.“
Xiang lächelte sanft, „Oh, Sie werden mich nicht davon abhalten, zu sprechen. Und lassen Sie sich nicht von meiner Höflichkeit täuschen. Ich BIN ehrlich. Ihre Lage ist desolat, Frau Hermann. Sie sind – entschuldigen Sie die Offenheit – ein Saftbeutel in unserer Saftpresse. Sie haben keinerlei Verhandlungsmacht und ihre bissigen Worte verderben uns höchstens die Laune, von der IHR Schicksal abhängt.“
Lucys Wut erhob sich für einen Moment über ihren Schmerz und sie versuchen, die Deckenbeleuchtung wenigstens für einen Moment zum Erlöschen zu bringen, in der Hoffnung, Duality zu erwecken. Doch es geschah rein gar nichts. Es stimmte. Ihre Worte waren alles, was sie hatte. Und dennoch …
„Da irren Sie sich, Mister Arschloch“, sagte Lucy selbstbewusst, „Sie reden nur mit mir, weil Sie etwas von mir wollen. Sonst könnten sie mich auch in Ruhe ausbluten lassen. Demnach habe ich sehr wohl Verhandlungsmacht. Also schießen Sie mal los. Was kann ich ihnen im Tausch für meine Freiheit anbieten?“
Xiang begann zu kichern. Es klang sympathisch und gelöst, was es nur noch schlimmer machte. „Ihre Freiheit, Frau Hermann?“, sagte er gutgelaunt, „sehr amüsant. Ich dachte, sie würden die Kreaturen des Knochenwaldes besser kennen, immerhin sind sie doch in gewisser Weise eine von ihnen. Aber ich gebe ihnen gerne Nachhilfe: Wer einmal an einem Glasstrauch hängt, kann nie wieder davon gelöst werden. Ihr gesamter Körper ist von Glaswurzeln durchwachsen. Ein Netz aus gläsernen Äderchen durchzieht Ihr Fleisch, Ihr Fettgewebe, Ihr Gehirn, Ihr Rückenmark, Ihre Sehnen und Blutgefäße. Selbst wenn man Sie davon befreien könnte, würden Sie einfach zusammensacken und sterben. Doch das wird nicht passieren. Sie werden nicht einfach sterben dürfen. Jedenfalls nicht so bald.
Wir haben noch eine Menge mit Ihnen vor, – Dinge, von denen die Menschheit profitieren kann –, und aufgrund ihrer besonderen Physiologie wird sie der Tod so schnell nicht ereilen. Dennoch haben sie recht: Sie können uns etwas anbieten. Und zwar Informationen. Den genauen Standort Ihres Hauptquartiers, den Aufenthaltsort von der Hexe ‚Mara Wiebert‘ und alles, was sie über Geisterglanz und dessen Verfügbarkeit wissen. Sowie selbstverständlich jedes Detail, das sie uns über ihre schwarzweißen Freunde und das Schattengeschwür verraten können, das sie in diese Anlage gepflanzt haben. Über all das sollten sie uns in Ihrem höchst eigenen Interesse aufklären. Zumindest, wenn Sie ihren Vater von einem ähnlichen Schicksal wie dem Ihren bewahren und ihre Haustiermade nicht vom Boden abkratzen wollen – wie hieß sie noch gleich … ‚Polly‘, oder?“
Verfluchte Scheiße. Erst jetzt begriff Lucy, wie miserabel ihre Situation wirklich war. Selbst wenn es ihr doch gelingen sollte, lebend von diesem Strauch wegzukommen – was sie nicht für ganz ausgeschlossen hielt, da sie immerhin ein Madenkind und kein gewöhnlicher Mensch war –, wäre sie sicher unendlich geschwächt und hätte kaum eine Chance, gegen Elvira, Xiang oder die Soldaten anzukommen, die an den Ausgängen warteten. Und auf weitere Unterstützung konnte sie nicht hoffen. Tobias hatte sie verraten, Carina würde ihr – wenn überhaupt – erst in einigen Tagen zur Hilfe eilen können, und Polly hatte einen tödlichen Sprengsatz am Leib und war damit mehr ein Druckmittel als eine Verbündete. Lucy war allein. Zumindest fast. Eine Verbündete hatte sie noch. Duality. Sie konnte vielleicht das Licht nicht löschen, um die Monochrome zu befreien. Aber sie und die anderen Spielzeuge waren in ihr. Vielleicht konnten sie ihr auf andere Weise zur Seite stehen. Immerhin war Lucy mittlerweile selbst zum Teil eine Monochrome. „Duality“, dachte sie intensiv, ohne zu wissen, ob sie gehört wurde, „ich hänge hier fest. Wir beide hängen hier fest. Kannst du mir irgendwie helfen, mich zu befreien und zu heilen?“
Zu ihrer Überraschung folgte die Antwort fast sofort. „Ja. ICH BIN IMMER FÜR DICH DA!“, erklang die gespenstische Stimme der monochromen Puppe, „du bist beschädigt. Stark beschädigt. Viele Verletzungen. ES IST EIN WUNDERSCHÖNER TAG! Glaswerk. Überall in dir. Aber ich kann die Schäden kleben. Ich kann sie mit Schatten füllen, mit klebrigen, heilenden Schatten, wenn du es zulässt. Dann wirst du wieder ganz. Und die Wurzeln verschwinden.
Das klang verlockend. Doch Lucy zögerte noch. Sie hatte die Dunkelheit in sich gerade erst besiegt. Sollte sie jetzt ausgerechnet auf deren Hilfe vertrauen? Oder war das ein weiterer, kleiner, unumkehrbarer Schritt auf einer zweidimensionalen Bahn in den Abgrund?
„Frau Hermann, sind sie noch bei uns?“, fragte Xiang und klang dabei ernsthaft besorgt. Gut, dachte Lucy. Sollen sie mich ruhig für noch schwächer halten, als ich bin.
„Ja …“, sagte Lucy betont benommen, „… was haben sie gesagt? Was … was wollen Sie?“
„Sie haben mir versichert, dass sie die Prozedur erträgt“, tadelte Xiang und sah Elvira dabei böse an.
„Die simuliert doch nur“, antwortete Elvira kalt und zeigte auf einen der Monitore, die Lucys Lebenssignale darstellten, „sie hat es nicht gerade bequem, aber ihre Vitalwerte und Gehirnwellen sind vollkommen normal. Angesichts einer solchen Stresssituation sogar außerordentlich gut. Sie kann antworten. Sie will es nur nicht.“
Xiang nickte entschuldigend und wandte sich wieder an Lucy, „Spielen Sie keine Spielchen mit uns. Geben Sie uns die Antworten, die wir brauchen. Jetzt!“
Nein, dachte Lucy. Ich kann das nicht tun. Ich kann Carina nicht verraten. Mara auch nicht. Nicht einmal Duality. Und Polly? Es war vielleicht Wahnsinn, aber Lucy glaubte zu spüren, dass ihre geliebte Made in Sicherheit war. Außer Reichweite des Senders oder vielleicht sogar längst von der Bombe befreit. Es war nur ein Gefühl, aber waren Gefühle nicht gerade das, nach dem sie sich so lange gesehnt hatte?
„Nein!“, sagte Lucy selbstbewusst, „ficken Sie sich!“
„Fick du dich doch, Drecksgöre!“, sagte Elvira in einer Aufwallung plötzlichen Zorns und hämmerte ihren Finger auf die Lehne des Rollstuhls.
„Frau Djarnek, nein!“, rief Xiang fast im selben Moment, doch da war es bereits zu spät. Von irgendwo – weit weg, aber nicht weit genug – erklang eine donnernde Explosion und ein leiser, aber durchdringender schriller Schrei, den Lucy nicht überhören konnte: der Todesschrei einer Schneidmade. Polly war tot. Gerichtet durch Elvira und durch Lucy selbst.
Etwas in Lucy kippte. Und dort, wohin es kippte, wartete tiefe Dunkelheit. „Gib mir deine verdammten Schatten“, sagte Lucy zu Duality. „Gib mir alles, was nötig ist.“
Und Duality gab es ihr. Schneller, als sie gedacht hätte. Der Schmerz hörte auf, und die Glaswurzeln wurden regelrecht aus ihrem Körper gepresst, ohne mehr als einen leichten Schwindel auszulösen. Lucy sprang von dem Glasstrauch auf wie von einem kuschelweichen Federbett und hatte dabei das Gefühl, viel leichter geworden zu sein. Und nicht nur das. Auch die Entfernungen erschienen ihr viel kleiner, viel überwindbarer, so als wäre die dritte Dimension um sie herum gestaucht worden.
„Knallt sie ab! Schaltet sie aus. Sie wird schon wieder heilen“, rief Elvira den anwesenden Madensoldaten zu, während Xiang, der ganz offensichtlich kein Kämpfer war, die Flucht ergriff.
Und die Soldaten gehorchten. Mehrere Salven flogen in ihre Richtung. Normale Kugeln, aber auch elektrisch geladene Geschosse. Lucy hechtete zur Seite, fing sich aber dennoch ein paar Elektrogeschosse ein und bemerkte dabei, dass sie doch nicht unverwundbar war, denn es tat höllisch weh und sie roch verbranntes Fleisch. Trotzdem konnten sie die Geschosse nicht aufhalten. Sie beobachtete, wie nun auch Elvira ihre Waffe zog, und auf sie anlegte. Doch sie ignorierte Elvira. Die Soldaten waren gefährlicher. Erst wenn sie ausgeschaltet waren und sie nicht mehr unter Sperrfeuer stand, konnte sie die Lichter zum Erlöschen bringen, die Monochromen entfesseln und ihren Vater retten.
Lucy nutzte alles, was ihr ihre maden- und schattenverstärkten Muskeln an Kraft bereitstellten, und überwand die Distanz zum ersten der Soldaten kinderleicht. Sie wartete eine weitere Salve ab, duckte sich weg und riss der veränderten Frau mit reiner Muskelkraft und scharfen Fingernägeln die Kehle auf. Tut mir leid, dachte sie, ich habe keine Wahl. Die Soldatin sackte zusammen, beide Hände am Hals, während das Leben sie unweigerlich verließ.
„Bleib stehen, du Ärgernis“, drohte Elvira, deren nächster Schuss Lucy nur haarscharf verfehlte, „oder ich töte deinen Vater!“
Für einen Moment hielt Lucy vor Schreck inne. Sie sah zu ihrem Vater. Diesem kräftigen Mann, der sie so stolz wie auch ängstlich und hilflos ansah. So hilflos, wie selbst sie nie gewesen war. Sie spürte eine überwältigende Liebe. Nicht nur wie die Liebe einer Tochter zu ihrem Vater, sondern beinahe auch wie die einer Mutter zu ihrem Sohn. Das Kind in ihr wollte stehenbleiben und diesen Moment zur Ewigkeit machen. Oder einfach losstürmen und ihren Vater befreien, egal wie viele Kugeln sie dann zerreißen würden. Es wollte einfach alles tun, um nicht den letzten Teil seiner einstigen heilen, wunderbaren Welt zu verlieren.
Dann aber übernahm der Schatten. Nicht herzlos, aber entschlossen, nicht nuanciert, sondern absolut. Leben oder sterben. Leiden oder triumphieren. Dazwischen gab es nichts. Sie hätten ihren Vater bereits jetzt töten können, wenn sie es gewollt hätten. Sie brauchten ihn also immer noch, sagte ihr diese duale, unsentimentale Logik. Und sie verfing.
„Ich verhandle nicht mit Terroristen!“, rief Lucy böse und rannte auf den nächsten Soldaten zu. Trotzdem bezahlte sie für ihr Zögern und fing sich ein paar Kugeln, die ihre linke Schulter durchschlugen und ihren linken Arm taub machten. Doch sie lief dennoch weiter, während weitere heilende Schatten in die Wunde flossen. Als sie den zweiten Soldaten erreicht hatte, war die Taubheit schon wieder verschwunden. Sie trat dem Soldaten sein Schockgewehr aus der Hand, und rollte sich dann so weg, dass sie konventionelle Geschosse seines Kollegen ihre Arbeit erledigten. Wie eisenharter Hagel zerschlugen sie den Helm des Soldaten und spalteten seinen weiß geäderten Schädel.
Der letzte Soldat versuchte, zu fliehen. Doch Lucy wusste, dass sie das nicht zulassen konnte. Sie durfte keine potenziellen Feinde übriglassen. Aber ich kann trotzdem etwas Gnade zeigen, dachte sie, und hob rasch das elektrische Gewehr auf. Vielleicht würde der Soldat den Schuss überleben. Während sie in Bewegung blieb, um möglichen Geschossen von Elvira zu entgehen, hob sie die Waffe, zielte und traf den Mann mitten in den Rücken. Regungslos, aber vielleicht nicht tot, blieb er liegen. Lucys Ohr vibrierte laut, als ein Geschoss knapp neben ihrem Ohr vorbeiflog. Sie drehte sich um und rannte auf Elvira zu, die sich seltsamerweise auf einea der medizinischen Geräte geflüchtet hatte, so als würde ihr das irgendeinen Schutz gewähren und sie nicht nur zu einem viel leichteren Ziel machen.
„Danke für deine Kooperation“, flüsterte Lucy und zielte mit der Waffe, die einen Menschen mit ziemlicher Sicherheit töten musste, direkt auf Elvira, „du hast Polly getötet und mein Leben zerstört. Dafür gibt es keine Gnade!“
„Gnade war mir schon immer fremd“, sagte Elvira kühl. Dann hörte Lucy ein zischendes Geräusch und kurz darauf die Stimme ihres Vaters. Doch sie machte ihr keine Freude, trug sie doch Qualen mit sich, die kein Mensch je erleiden sollte. Sie musste nicht nachsehen, um zu wissen, dass ihn der Strauch empfangen hatte.
Ihr Vater war der Mittelpunkt ihres Lebens gewesen. Und das war er immer noch. Doch der Schmerz über sein Schicksal blieb seltsam fern. Im Moment schien etwas anderes viel, viel wichtiger. Gute, alte Rache. Lucy blieb madenhaft kühl, schattenhaft fokussiert, korrigierte die Haltung des Gewehrs, das sie vor Schreck herumgerissen hatte, legte direkt auf Elviras Kopf an und drückte ab. Sie hätte auch getroffen. Ganz sicher sogar, wenn nicht mehrere Tausend Volt durch ihren Körper gejagt wären.
Jeder einzelne Muskel von Lucy verkrampfte sich. Für einen Moment hatte sie sogar das Gefühl, dass ihr Kurzzeitgedächtnis gelöscht werden würde, wie eine magnetisierte Festplatte. Und vielleicht war es nicht mal nur ein Gefühl, denn sie vergaß nicht nur, wo oder wer, sondern sogar was sie war. „EIN UMRISS IM SCHATTEN“, flüsterte es in ihr. „Ein Mädchen“, gab eine andere, zartere Stimme zurück. Sie war noch viel leiser als die erste und doch hatte sie das letzte Wort.
Irgendwie gelang es ihrem Gehirn, sich wieder zu sortieren und zu fokussieren, obwohl die Stromstöße nicht aufhörten. Der ganze Boden der Halle musste unter Strom gesetzt worden sein. Lucy spürte und roch, wie ihre Haut verbrannte, wie ihre Füße heiß wurden und ihre Sohlen schmolzen wie Wachs. Dennoch gelang es ihr, weiterzugehen. Irgendwie. Die Maschinen, dachte sie mühsam. Ich muss eine erreichen. Sie müssen isoliert sein. Und zum Glück war eine davon nicht weit entfernt. Irgendein Großrechner oder so etwas, stand nur wenige Meter von ihr entfernt. Wenn sie nur …
Ein Schuss löste sich. „Bleib endlich liegen, du Made!“, hörte sie Elviras Worte, doch ihre Kugel war schneller als ihre Worte. Sie explodierte direkt in ihrer Brust mit zerstörerischer Wucht. Lucy schrie, doch sie hatte den Eindruck, dass ihre Schreie implodierten. Wie in Zeitlupe sah sie, wie Teile ihrer Organe aus ihr herausplatzten. Lungenfetzen, Herzfragmente, Darmmoleküle. Hübsches, buntes Organkonfetti. Und doch starb sie nicht. Denn gleich geschickten Artisten fingen winzige Schattenfinger die Teile wieder ein und … klebten sie zusammen.
Sie konnte nicht sterben. Zumindest nicht ganz und zumindest nicht so. Und doch war das hier nicht gut. Ihre Organe wuchsen wieder zusammen, aber galt das wirklich für alles, was in ihr zerbrochen war?
„FUCK!“, hörte sie Elvira rufen, und sah, wie sie auf ein anderes Gerät sprang, das nah genug zur Türe stand, um sich von dort in Sicherheit zu bringen.
Sie entkommt, begriff Lucy und schaffte es tatsächlich, etwas schneller zu werden. Sie musste Elvira nur den Weg versperren. Wenn sie das schaffte.
„Helfen Sie mir, Xiang!“, rief Elvira, „erhöhen Sie die Spannung!“
Elviras Ruf wurde erhört. Lucy sah um sich blaue Funken aufsteigen, und ihr Herz kollabierte. Ihre Lunge gab auf. Ihr Gehirn hörte auf, zu arbeiten. Nicht einmal die Schatten konnten mit der Zerstörung fertig werden, die in ihrem Körper tobte. Für einen Moment zumindest. Dann hörte es auf.
Und nicht nur das. Die Lichter erloschen und es wurde stockfinster. Ein böses Lächeln wuchs auf Lucys Gesicht, als sie Dualitys Armee aus ihrer Brust herausplatzen sah. Doch das war nicht alles, was sich vor ihren Augen abspielte. Sie sah jetzt auch Elviras Gestalt in der eigentlich vollständigen Dunkelheit. Wie einen blassen, grauen Umriss, doch deutlich genug, um ihren Hass zu befeuern. Und sie sah einen dicken, geringten Körper an einer der Wände hinunterrutschen, dessen Anblick gänzlich andere Emotionen in ihr auslöste.
„Polly, du lebst!“, rief sie und gluckste vor Freude, während ihr zugleich Tränen der Rührung über das scharf konturierte Gesicht liefen. Diese wunderbare Made hatte sie gerettet und sie hatte keinen Zweifel daran, dass sie es gewesen war, die die Stromversorgung der Anlagen zerstört hatte. Doch dieser Moment der Freude wurde rasch wieder zu einem Feuerwerk aus Zorn und Genugtuung, als sie sich wieder zu Elvira umdrehte, die ängstlich und vollkommen überfordert auf dem Gerät kauerte, auf dem sie Zuflucht gesucht hatte. Wie eine Schiffbrüchige auf einer winzigen, einsamen Insel. Und ringsherum, im finsteren Meer der Schwärze, sammelten sich die Haie. Haie mit scharfen Zähnen, aber auch mit Puppenlocken, Tatzen, Spielzeuggewehren, Rädern oder langen, weißen Krallen.
Die Tür war zu weit entfernt. Elvira ahnte, dass sie verloren war. Und als sie ihre letzte Kugel in einen der beiden riesigen Bären schoss und nichts weiter bewirkte als ein unansehnliches, aber kleines Loch, WUSSTE sie es auch.
Wenige Augenblicke später war Duality bei Elvira. Ihre winzigen, papierscharfen Finger schnitten in ihre Haut und trennten ihre Haare ab. Doch noch tat sie nicht mehr. Lucy begriff, dass sie absichtlich wartete. Sie wartete auf Lucy. Wartete auf ihre neue Freundin, die das Recht hatte, ihre Feindin zu bestrafen.
Lucy vergaß ihren Vater. Sie bemerkte nicht einmal mehr, dass Polly zu ihr aufgeschlossen und sich an ihre Seite begeben hatte. Sie freute sich viel zu sehr darauf, das zu begutachten, was in wenigen Sekunden von Elvira Djarnek zurückbleiben würde.
Dann rannte sie los. Rannte schneller und schneller. Und kurz bevor sie Elvira erreicht hatte, stand sie nicht mehr in der Halle, sondern auf einer Lichtung zwischen knochenweißen Bäumen und sah in das verdutzte Gesicht von Inga.