
Es war ein graues, unscheinbares, dreckiges Haus und damit eines von vielen in dieser grauen, unscheinbaren, dreckigen Stadt, die seit der Aneinanderreihung von Katastrophen der letzten Jahre noch viel grauer und dreckiger geworden war. Noch vor einigen Monaten hätte Gera das nicht mal zugegeben, wenn man ihm eine Waffe an eine der Schläfen seines Erdmännchenschädels gehalten hätte, aber eigentlich war sein Leben als Polizist früher recht entspannt gewesen. Nicht weil es nicht genug zu tun gegeben hätte – Bürokratie und Papierkram füllten zuverlässig jede Lücke, die die klassische Polizeiarbeit ließ –, aber eigentlich war Deutschland nie ein übles Pflaster gewesen. Niedrige Kriminalitätsraten, noch niedrigere Mordraten und ein vergleichsweise sicheres Leben, egal was die reißerischen Blätter, sensationslüsterne Talkshows, rechtsdrehende Polizeigewerkschaftler und auch er selbst oft behauptet hatten.
Die Zahl der Mordfälle, die er hatte bearbeiten müssen, war so gering gewesen, dass er manchmal nicht nur bildlich, sondern sogar wortwörtlich einen Freudentanz aufgeführt hatte, wenn er mal einen zugeteilt bekommen hatte. Gera war – gerade vor der Ausbreitung des Knochenwalds – kein großer Menschenfreund gewesen. Aber dennoch hatte er insgeheim stets gewusst, dass Menschen zwar oft dumm, ignorant, fehlerhaft, inkompetent, nachlässig und selbstverliebt waren, aber nicht im Kern grausam oder sadistisch. Eigentlich wollten die meisten nur ein gechilltes, geordnetes, stressfreies Leben in einem harmonischen Umfeld, für das sie sich auch einzusetzen bereit waren. Dass das nicht immer so harmonisch funktionierte, hatte wahrscheinlich damit zu tun, dass die größten Arschlöcher dort, wo man es nicht verhinderte, die Tendenz hatten, nach oben zu kommen. Dennoch waren sie nicht in der Überzahl gewesen. Gera und die anderen Polizisten waren eher wie Klempner gewesen, die ab und an ein paar Löcher stopfen mussten, damit alles so weiterlief wie gewohnt.
Inzwischen war es aber völlig anders. Jetzt wateten sie knietief in der Scheiße, schissen dabei selbst noch gehörig mit und die Psychopathen hatten endgültig die Herrschaft übernommen. Und weil das so war, kroch ihresgleichen – ob übernatürlich oder nicht – immer schneller aus seinen stinkenden Löchern.
Eines dieser Löcher war Rones Haus. In einer besseren Welt hätte er jetzt hier mit einem offiziellen Einsatzkommando gestanden und hätte das Rattenloch dieses dreckigen Bastards sturmreif geschossen. Doch stattdessen war er hier, um sich irgendein bescheuertes Angebot anzuhören. Wie auch immer das lauten sollte.
Gera steckte sich ein weiteres Zitronenbonbon in den Mund, das in seiner Tasche schon etwas feucht und klebrig geworden war, und suchte nach dem Klingelschild mit der Aufschrift „Maier“ – was für ein beschissen spießiger Nachname. Als er das Schild entdeckt hatte, wäre ihm das Bonbon fast wieder aus dem Mund gefallen. Das Klingelschild wurde von zwei stilisierten Knochenhänden eingefasst und von einem grinsenden Schädel geschmückt und Gera verwettete seine Rückenschmerzen darauf, dass es aus echtem Knochen bestand, selbst wenn es so stilvoll war wie der Ausschuss vom Halloween-Sortiment eines Ein-Euro-Ladens. Gera war trotzdem Polizist genug, um den Unterschied zu erkennen. Und er bezweifelte, dass es Rones Knochen waren, die dafür herhalten mussten.
Als er widerwillig die Klingel drückte und ihm statt eines gewöhnlichen Klingelgeräusches ein comichaftes Gelächter entgegenschallte, wuchs seine Wut auf den Pisser noch weiter. Psychopathen waren eine Sache, aber geschmacklose Psychopathen eine ganz andere. Und eine Kreuzung zwischen einem Influencer und einem geschmacklosen Psychopathen war eine der niedersten Existenzformen, die man sich vorstellen konnte. Gera war recht objektiv, was das betraf. Denn er hielt auch sich selbst für eine niedrige Existenzform. Aber ein Wurm brauchte den Abwärtsvergleich zu einer Amöbe nicht zu scheuen.
„Hey, Skelettexhibitionist. Ich bin es, Gera. Drücken Sie diese Scheißtür auf, stoppen Sie dieses blöde Gekicher und lassen Sie mich rein“, rotzte Gera ungeduldig in die Gegensprechanlage.
Rone antwortete nicht, aber er gehorchte. Und das war eine Eigenschaft, die Gera besonders an seinen Mitmenschen schätzte.
Gera drückte die Tür auf und betrat einen düsteren, nach ödem Essen, kaltem Rauch und latentem Schimmel müffelnden Hausflur. Es war arschdunkel, da die automatische Beleuchtung zwar funktionierte, aber mit einer viel zu schwachen Lichtquelle ausgestattet worden war. Ein leicht verbogenes Fahrrad und ein Kinderwagen wiesen darauf hin, dass Rone nicht der einzige Bewohner dieser Bruchbude war. Aber die Atmosphäre, die in dem Hausflur herrschte, machte eher den Eindruck, als würden sich die restlichen Mieter nicht gerade heimisch fühlen, sondern sich hier drin nur vor der Welt und vielleicht auch vor Rone verstecken, wie verängstigtes Wild Es gab keine Fußmatten mit kitschigen Sprüchen, keine Dekoration, nicht einmal Schuhe standen draußen. Wer immer hier wohnte, wollte eindeutig nichts mit dem Rest des Hauses zu tun haben. Gera konnte es ihnen nicht verübeln.
Aber er war ja auch nicht hier, um die Immobilie zu bewerten. Was ihn interessierte, war eher der Schädlingsbefall, den es hier gab. Rone wohnte ganz oben, wenn man nach der Position des Klingelschildes ging. Natürlich, wo sonst?
Gera begann den Aufstieg und spürte ironischerweise seine eigenen Knochen, zuvorderst seine Knie und den Rücken. Er war immer noch recht fit, aber das Alter saugte ihn trotzdem aus wie ein Glasbeerenstrauch. Ewig würde er diesen Beruf nicht mehr ausüben können. Zumindest, wenn er sich nicht darauf beschränken konnte, Befehle von seinem Schreibtisch zu brüllen und ansonsten die Hände in den Schoß zu legen. Der erste Teil dieser Vorstellung war durchaus attraktiv, der zweite eher nicht. Gera war ein Mann der Tat. Außerdem hatte er nicht viel Hoffnung auf eine Pension unter der CfD-Regierung. Deren Angebote für den Ruhestand waren Selbstmord, Kriminalität, Prostitution und Organhandel. Diese Wahl würde auch er treffen müssen, wenn sich nicht bald etwas änderte. Gera war nicht reich. Er war kein Parteimitglied und verdiente schon allein deshalb nur halb so viel wie seine Kollegen, und große Ersparnisse hatte er auch nicht.
Stopp! Sagte Gera, als er begriff, dass diese Gedankenspirale ihn noch weniger weiterbringen würde als diese endlosen Treppenstufen. Außerdem war er keine Heulsuse. Dass er das Mitleid für sich entdeckt hatte, war okay, aber Selbstmitleid war etwas für Schwächlinge und mannasüchtige Akademiker.
Endlich hatte er die oberste Etage erreicht. „Hallo Herr Kommissar“, begrüßte ihn eine Stimme aus dem Halbdunkel, da das Licht in dieser Etage ganz ausgefallen war.
Es war eine weibliche Stimme, die sprach.
„Tut mir leid, gnädige Frau“, sagte Gera überrumpelt, „ich wollte eigentlich zu …“
„Rone the Bone“, sagte die Frau und trat ein Stück vor, sodass das funzelige, vom Treppenhaus heraufstrahlende Licht ihren Körper enthüllte.
Die Frau mochte Mitte dreißig sein, war aber ausgemergelt wie ein Skelett. Ihr blondes Haar war dünn und trocken, ihre Beine schauten wie Storchenstelzen aus ihren kurzen Hosen hervor und das Einzige, was sich unter ihrem schmutzigen, weißen Shirt abzeichnete, war ihr Brustkorb. Ihre Haut wiederum war wächsern, blass und krank und ihr zerfurchtes, müdes Gesicht erinnerte ihn an Schockbilder von Meth-Konsumenten.
Entfleischt immerhin war sie nicht. Auch wenn ihre Knochen fast überall zu erahnen waren, waren sie immer noch gänzlich von Fleisch, oder eher Haut, bedeckt.
„Rone ist gerade noch in der Küche“, sagte sie freundlich und streckte ihre dürre Hand aus. „Ich bin seine Freundin, Risa.“
„Angenehm“, log Gera und berührte ihre Knochengriffel eher flüchtig. Schon dieser flüchtige Kontakt ließ Gera erschauern. Es war wie die Berührung des Grabes. Gerade weil er nichts Übernatürliches an der Frau fühlte. Nur ganz gewöhnliche Sterblichkeit und Vernachlässigung.
„Hoffentlich doch, um ihnen was zu essen zu machen“, entfuhr es Gera. Nun, eigentlich war es kein Versehen, sondern eher seine gewöhnlichen Umgangsformen.
Risa lachte ein trockenes Lachen, das noch gruseliger war als das aus der Klingel am Hauseingang.
„Nein, eigentlich macht er ihnen etwas zu essen“, antwortete Risa, „ich bin nicht magersüchtig, Herr Kommissar, um das klarzustellen. Ich mag Essen sehr. Aber den Knochen bewundere ich noch mehr. Und da Rone es mir noch nicht erlaubt, meinen freizulegen, tue ich mein Bestes, um ihn trotzdem zur Geltung zu bringen. Ganz freiwillig.“
Freiwillig, klar, dachte Gera. So freiwillig wie ein Junkie etwas von einem Drogendealer kauft.
„Schon amüsant, dass er ihnen das verbietet, aber tausende junge Leute im ganzen Land dazu ermutigt, sich zu verstümmeln“, bemerkt Gera.
„Oh, was andere tun, liegt nicht in der Verantwortung von Rone“, behauptete Risa.
Dann steckte Rone seinen grinsenden Kopf durch die Tür und schaltete dabei das Licht an. So konnte Gera sehen, dass der Bonefluencer eine Schürze mit der prahlerischen Aufschrift „Talentiert bis ins Mark“ über einem weiten, langärmligen, weißen Gewand trug.
„Risa hat recht. Ich habe immer einen Disclaimer in der Beschreibung meiner Videos, Herr Kommissar“, behauptete Rone, „und ich weise stets darauf hin, dass es gefährlich ist, sich zu entfleischen, solange die Macht des Knochenwaldes schwach ist.“
„Was für ein Schwachsinn“, antwortete Gera, „halten Sie mich für dumm? Ich mag nicht der Jüngste sein, aber ich weiß durchaus, wie man YouTube bedient. Und ich weiß, dass Sie sich Ihren Disclaimer in die eitrige Stirnhöhle stecken können, wenn der Rest ihrer Videos aus blutigen Bastelanleitungen besteht.“
„Die Anleitungen sind nicht für jetzt gedacht, sondern für den Tag X. Wenn der Knochenwald wieder an Macht gewinnt und solche Handlungen nicht mehr tödlich sind. Das sind Feinheiten, die man als Außenstehender nicht direkt versteht. Ein echter Bonie weiß aber, wie ich das meine. Doch lassen Sie uns das hier nicht auf der Türschwelle diskutieren. Kommen Sie ruhig rein. Ich habe Zitronenkuchen gebacken. Den mögen sie doch bestimmt, oder?“
Das stimmte natürlich. Aber Gera war auch übel. Und das hatte nichts mit dem Kuchen zu tun.
Trotzdem folgte er der Aufforderung.
~o~
Gera trat durch die Tür in den Flur. Entgegen seiner Erwartungen war es keine überfüllte Messybude und auch nicht das dreckige Loch eines Psychopathen. Es gab hier und da Knochenkitsch – Bilderrahmen aus Knochen, Deckchen in Schädelform, Kerzen in Gestalt von Skelett-Händen –, im Großen und Ganzen war Rones Wohnung aber aufgeräumt, gut geputzt und geradezu minimalistisch. Stilvolle, zweckmäßige Möbel mit viel Raum dazwischen. Das einzige Auffällige war, dass alle Möbel, Teppiche und Dekorationsobjekte entweder weiß oder schwarz waren. Was er aber nicht entdeckte, waren Spuren von Blut oder Fleisch. Das war gut. Andernfalls hätte Gera seinen Polizistenreflexen einfach nachgeben und dem Mann die Scheiße aus dem lächelnden Gesicht prügeln müssen.
Rone, der das Tablett mit dem Kuchen und dem Geschirr so elegant trug wie ein alter Gastronomieveteran, und die dürre Risa begleiteten ihn zu einer Sitzgruppe mit einem schwarzen Tisch und vier gepolsterten Stühlen, von denen jeweils zwei in Schwarz und zwei in Weiß gehalten waren.
Die Stühle sahen alle recht bequem aus. Gera hatte dennoch gewisse Vorbehalte wegen der in ihnen verbauten Materialien. Gerade bei den Weißen Deswegen wählte er einen schwarzen Stuhl, in der Hoffnung, dass er nicht einfach nur lackiert worden war.
Als er sich setzte und der Stuhl unter ihm leicht knarzte, strich Gera beiläufig über die Lehne und war sich zumindest sicher, weder Holz noch Metall zu spüren. Entweder ein bestimmter Kunststoff oder … nein, er wollte es nicht zu genau wissen. Stattdessen widmete er sich dem sandgelben Kuchen, der zahlreiche glänzend gelbe Überraschungen in seiner Glasur verbarg. Zitronenbonbons. Sofort lief Gera das Wasser im Mund zusammen.
„Woher wissen Sie von meinen Vorlieben?“, fragte Gera trocken.
„Ich schätze, Sie meinen den Zitronenkuchen“, antwortete Rone freundlich, „eine frische weibliche Leiche konnte ich Ihnen leider nicht präsentieren. Ich hänge zu sehr an Risa und außerdem habe ich gerade die Polizei im Haus.“
Ein verschwörerisches Zwinkern nahm Rones Aussage jeden winzigen Rest an Zweideutigkeit.
Gera spürte, wie er erbleichte. „Ich weiß nicht, wovon sie reden“, behauptete er. Aber er war sich darüber im Klaren, dass seine nonverbalen Signale ihn längst verraten hatten. Das Zögern vor seiner Antwort. Das Verziehen der Augenbrauen. Das Weiten der Pupillen. Gera schätzte, dass Rone nicht die Art Mensch war, der so etwas entging.
„Oh doch, das wissen sie“, sagte Rone bestimmt, „und ich weiß es auch. Ich weiß, dass Ihr Hunger drei Arten von Lustobjekten gilt. Zitronensüßspeisen, wohlgeformtem toten Fleisch und Gerechtigkeit. Zwei dieser Begierden vermag ich zu stillen.“
Nun wurde Gera eiskalt. Hatte dieser Mann ihn bespitzelt oder hatte er Freunde, die dies taten? Er konnte sich das nicht vorstellen. Gera war vorsichtig gewesen. Vorsichtig genug, um bislang eine faschistische Polizeibehörde zu täuschen, die zwar größtenteils inkompetent, aber auch sehr argwöhnisch war. Er hätte es bemerkt, wenn man ihn bespitzelt hätte. Aber andererseits konnte Rone auch nicht einfach nur geraten haben. Dafür waren seine Vermutungen zu spezifisch.
„Woher glauben Sie, das zu wissen?“, fragte Gera lauernd und legte die Hand auf die Waffe in seiner Tasche.
„Ich bin ein Weiser des Gebeins“, sagte Rone, „und ich habe mir gewisse … Talente erschlossen. Die Knochen erlauben es mir, Orte zu erforschen und Personen geisterhaft beizuwohnen, die nichts von meiner Anwesenheit bemerken. Eine seltene Fähigkeit, selbst für einen Weisen, wie ich nicht ohne Stolz eingestehen muss.“
„Die Magie der Weisen funktioniert nicht in dieser Welt“, sagte Gera, was zumindest ungefähr mit seinem Wissensstand übereinstimmte, auch wenn es letztlich mehr Theorien als wasserdichte Fakten waren.
„Bei mir schon“, sagte Rone. Schob sein Gewand am Brustausschnitt etwas nach unten und offenbarte eine flache, kreisrunde Erhebung unter seiner Haut, „ich habe ein Artefakt geborgen. Aus dem Nachlass von Devon, bevor sich die Magie des Waldes nach ihrem heldenhaften Kampf gegen Devon ein wenig aus dieser Welt zurückgezogen hat. Es besitzt einen Teil der ursprünglichen Kraft. Nicht genügend für diese Welt, nicht einmal genug für die arme Risa. Aber genug für mich. Das ist der Grund, warum ich nicht vergehe und vollkommen handlungsfähig bin. Trotz dieser hier.“
Rone krempelte die Ärmel seiner Kleidung hoch und offenbarte zwei vollkommen entfleischte Arme, die zwischen Handgelenk und Schulter kein Gewebe mehr enthielten. Offenbar hatte der Junge nach dem Clip, den Gera von ihm gesehen hatte, noch eine Schippe draufgelegt.
„Danke für die Information. Nun weiß ich ja, wo ich schneiden kann, wenn ich sie zerbröckeln lassen will“, drohte Gera und grinste dabei böse.
„Wenn sie auch nur versuchen, Rone anzurühren, werde ich …“, drohte Risa.
„Was denn?“, fragte Gera und funkelte Rones Freundin kampflustig an, „mich mit ihren Streichholzärmchen totstreicheln?“
„So eine Unverschämtheit“, schäumte Risa, „das ist unser Haus und Sie werden sich benehmen, sonst …“
„Beruhigen wir uns doch alle wieder“, sagte Rone, „dies ist kein Ort für Drohungen.“
„Guter Witz“, sagte Gera, „sie drohen mir doch gerade. Warum sonst sollten sie sich mit ihren angeblichen Erkenntnissen konfrontieren?“
„Es ist keine Drohung. Eher eine Rückversicherung zu meinem eigenen Schutz“, sagte Rone, „es soll nur verhindern, dass sie versuchen, mich der Strafverfolgung auszusetzen. Wenn sie das nämlich tun, könnte das zu gewissen Indiskretionen meinerseits führen.“
„Sparen Sie sich ihre rhetorischen Tricks. Ich habe jahrelang Verdächtige verhört, die weit besser labern konnten als Sie. Und die meisten sind am Ende doch im Knast gelandet“, antwortete Gera kühl. „Was sie hier abziehen, ist eine Erpressung“, stellte Gera klar, „oder es soll zumindest eine sein. Aber so druckvoll, wie sie glauben, sind Ihre Druckmittel vielleicht gar nicht. Wenn sie so ein talentierter Geistervoyeur sind, wissen sie sicher, dass die CfD-Behörden Moral noch geringer schätzen als Bildung. Es wird ihnen also vollkommen egal sein, wie oder was ich ficke. Vielleicht werde ich ja sogar befördert, wer weiß.“
„Was die Moral von Eden und seinen Leuten betrifft, stimme ich Ihnen hundertprozentig zu“, antwortete Rone, „würden Sie irgendwelche Leichen beglücken, würde es ihnen sicher vollkommen egal sein. Aber es sind Parteileute. Ausschließlich Parteileute. Das könnte dem ein oder anderen doch ein wenig sauer aufstoßen.“
Der letzte Teil von Rones Satz war umso passender, da Gera sich durch die versuchte Erpressung nicht davon hatte abhalten lassen, sich ein Stück von dem Zitronenbonbon-Kuchen zu gönnen. Nun aber blieb ihm das verdammt saure und verdammt schmackhafte Kuchenstück wortwörtlich im Hals stecken. Hustend schluckte er es herunter und schaffte es irgendwie, das meiste davon in seine Speiseröhre zu befördern, statt in seine Lunge. Verärgert über die Blöße, die er sich damit gegeben hatte, war er dennoch. Denn leider hatte Rone recht. Er hatte damit durchaus ein Druckmittel. Eppenheimer würde ihn persönlich auf seinem überteuerten High-Tech-Grill brutzeln, wenn er rausbekäme, was in der Leichenhalle geschehen war, und den armen Barnett gleich mit. Gerade das gefiel ihm noch weniger. Denn damit stand durch seine Entscheidungen mehr auf dem Spiel als sein eigener haariger Arsch.
„Also gut“, sagte Gera, „Sie haben mich anscheinend am Sack, Bübchen. Aber glauben Sie nicht, dass Sie das endlos strapazieren können. Ich bin durchaus der Typ Mann, der lieber mit einer großen Show untergeht, bevor er zum Bettvorleger verkommt. Wenn sie einen korrupten Cop suchen, der Ihre Teenie-Verstümmelungsorgien deckt, haben sie sich tiefer geschnitten, als Sie glauben.“
„Das würde ich nicht von ihnen verlangen, Herr Gera“, beruhigte ihn Rone, „und ich plane auch nicht, persönlich Hand an irgendwelche Heranwachsenden zu legen. Ich brauche lediglich ihre Hilfe, um Eden zu Fall zu bringen.“
„Eden? Warum sollte der Sie kümmern? Sein Regime bietet doch den besten Nährboden für Leute wie Sie?“, fragte Gera.
„Wir verachten ihn und sein Regime“, mischte sich Risa mit überraschendem Furor ein, „Edens Terrorherrschaft hat meine Eltern ihr Leben gekostet und Rones Eltern auch.“
„Das ist wahr“, bestätigte Rone, „Risas Vater hat sich das Leben genommen, nachdem er durch Edens Arbeitsmarktpolitik obdachlos geworden war. Sein Betrieb war geschlossen worden, weil man dessen Besitzer eine Nähe zum Widerstand nachgesagt hat. Diese Kontaktschuld hat ihm sämtliche Jobaussichten genommen und einen Sozialstaat gibt es ja nicht mehr. Und ihre Mutter … nun, sie starb durch die Hand eines CfD-Freiers. Was mich betrifft. Meine Eltern waren auf einer Demonstration. Sie waren nicht gerade militant, haben nur Transparente hochgehalten, aber das hat ihre Kollegen nicht davon abgehalten, sie totzutreten. Sie sehen also: Wir verabscheuen diesen Mann zutiefst.“
Gera panzerte sein Herz gegen mögliches Mitleid mit diesem Spinner, auch wenn es ihn schmerzte, mit solchen Prügelknechten wie den Mördern von Rones Eltern in einen Topf geworfen zu werden.
„Sehr rührend“, sagte er kühl, „jeder schätzt eine gute Backstory für seine Bösewichte. Und so ein paar Tränchen sind immer noch der beste Freifahrtschein für den eigenen Egotrip. Aber kommen wir zum Punkt: Was wollen sie gegen Eden unternehmen? Und wo komme ich da ins Spiel?“
„Ich werde gar nichts unternehmen“, sagte Rone, „zumindest nicht direkt. Ich weiß, dass Sie in Kontakt mit dem Widerstand, mit diesen Geistermenschen, stehen. Die und ihre anderen Freunde sind sicher besser dazu geeignet, Eden auszuschalten, als ich. Ich bin ein Visionär, kein Kämpfer. Was ich aber für sie tun kann, ist, die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Ich habe viele Fans, wie Sie wahrscheinlich wissen. Wenn ich sie alle zu einem Fantreffen und einer kleinen Entfleischungsdemonstration einlade, sollten das selbst Edens Behörden nicht ignorieren können. Das wird Kräfte binden und es ihnen leichter machen, zu Eden vorzudringen.“
„Sie wollen ihre Fans als Köder und Schutzschild benutzen?“, fragte Gera ungläubig.
„Ihnen wird nichts geschehen. Ich werde die zeremonielle Entfleischung nur ankündigen, aber nicht wirklich durchführen“, versicherte Rone.
„Und das soll ich ihnen glauben, ernsthaft?“, fragte Gera.
„Das müssen Sie wohl“, erwiderte Rone, „aber Sie können es auch. Meine Bonies verehren mich. Und zu solch einer Versammlung würden auch kaum Poser oder Neugierige kommen, sondern nur meine allertreuesten Anhänger. Wenn ich ihnen Zurückhaltung abverlange, werden sie gehorchen.“
„Scheiße“, zischte Gera, als ihm bewusst wurde, dass das tatsächlich ihre beste Chance war, Eden zu Fall zu bringen. Und nicht nur das: Wenn Rone vom Widerstand wusste, hatte er mehr Druckmittel in seinen dürren Händen als nur Geras Nekrophilie. Trotzdem widerstrebte es ihm zutiefst, das Schicksal dieser jungen und verzweifelten Leute von jemandem wie Rone abhängig zu machen. Doch das Leben war kein Wunschkonzert. Es war gerade eher ein nerviges Schlagerfest mit Neonazitexten. Und wenn sich schon Bianca nicht zu schade gewesen war, zur Knochenhure zu werden, warum sollte er es ihr nicht auf seine Weise gleichtun?
„Gut, Jüngchen“, sagte Gera entschlossen und reckte dabei herausfordernd sein fliehendes Kinn nach vorn, „aber eines sollten Sie besser nicht vergessen: Was immer unsere Abmachung ist, sobald es wieder so etwas wie Gerechtigkeit in diesem Land gibt, werde ich dafür sorgen, dass sie Sie in den knochigen Arsch fickt. Ganz egal, ob es mich selbst in den Knast bringt. Und sollte bei ihrer Veranstaltung auch nur ein einziger Mensch sterben oder verstümmelt werden, der nicht zu Edens Schergen gehört, werde ich Ihnen jeden einzelnen Knochen im Leib brechen. Darauf können Sie Ihr wackeliges Gerippe verwetten. Ich habe mit Anita Rosberg geredet. Ich habe sie gesehen, eine Ihrer teuren Bonies, die sie fast in den Selbstmord getrieben haben. So etwas vergesse ich nicht. Deshalb steht für mich fest: Sobald unser kleiner Plan durchgezogen und Eden unter der Erde ist, sind wir wieder Feinde. „Nur ob ich sie dann als Verdächtigen oder als Ungeziefer jage, das liegt an Ihnen.“
„Harte Worte“, sagte Rone, „aber als Verehrer eines harten Materials weiß ich gerade diese Sorte zu schätzen. Allerdings sollten Sie Ihre Haltung vielleicht noch einmal überdenken. Ich bin nicht so ein Monster, wie Sie glauben. Ich habe Fehler gemacht, ja. Und ich werde künftig besser darauf achten, meinen Followern klarzumachen, dass noch nicht die rechte Zeit zur Entfleischung ist. Ich bin kein Extremist. Ich will kein willenloses Buckeln und Gehorchen von fleischlosen Skeletten, die vor mir knien. Das wollte ich vielleicht zu Anfang, aber inzwischen habe ich erkannt, dass der Knochen das Potenzial zu wahrer Freiheit bietet. Die Weisen in der anderen Welt sind auf einem Holzweg, den ich nicht beschreiten möchte. Ich will die Kraft des Knochenwalds dafür verwenden, den Menschen zu helfen. Das Beste aus unserer und jener Welt zu vereinen. Die Freuden des Fleisches und die Macht der Knochen. Eine Utopie ermächtigter Weiser mit menschlichen Herzen. Das ist mein Ziel. Und ich habe immer Platz für nützliche Verbündete bei meiner Mission. Doch so sehr ich diese Harmonie auch anstrebe: Meine Feinde pflege ich nicht mit Gnade zu behandeln.“
„Dasselbe gilt für mich. Aber wer vergeblich um Gnade winseln wird, sehen wir dann, nicht wahr?“, antwortete Gera, „reden Sie sich bis dahin ruhig ein, dass Sie der Gute sind, wenn Sie dann besser schlafen können, und träumen Sie Ihre kranken Utopien. Aber ich kann gerne darauf verzichten. Wir haben alles Wichtige besprochen. Ich würde jetzt gehen und meine Verbündeten informieren.“
„Tun sie das“, sagte Rone, „aber nehmen sie ruhig ihren Kuchen mit. Mir schmeckt er ohnehin nicht besonders. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass er überhaupt jemandem schmeckt, außer ihnen.“
~o~
Gera hatte den Kuchen tatsächlich eingepackt. Kurz hatte er darüber nachgedacht, ihn abzulehnen. Nicht etwa aus Selbstachtung oder wegen des verachtenswerten Bäckers, sondern weil er Zutaten wie MannaRed, Knochenpulver oder irgendein Gift befürchtete. Allerdings waren das Überlegungen, die er besser hätte anstellen sollen, bevor er sich zwei ganze Stücke von dem Zeug in den Wanst gestopft hatte. Insofern wäre es albern, den Kuchen verkommen zu lassen. Wenn er diesen zitronigen Trostpreis verschmähte, hätte das einen ohnehin schon miserablen Deal noch viel miserabler gemacht.
Falls er starb, würde er das schon noch früh genug merken und wenn es nur etwas Ekliges war … nun Gera hatte sich in seinem Leben schon eine Menge Ekelhaftes in den Mund gesteckt. Aktuell schien die Übelkeit, die in seinem Magen rumorte, auch eher moralische als kulinarische oder medizinische Gründe zu haben. Dieser Deal war Pferdescheiße. Von einer so schlechten Sorte, dass sie nicht einmal seinem alten, rücksichtsloseren Ich geschmeckt hätte. Aber da er daran momentan nichts ändern konnte, tat er das, was er am besten konnte: Er schaute nach vorne.
Er ging die Straße hinunter, stieg in sein Auto, holte den Kommunikator in seiner Tasche hervor und tippte eine Nachricht an Bianca. Den Gedanken, dass das Ding komprimiert war und Rone wahrscheinlich jedes Wort mitlas, verdrängte er. Bei seinem Smartphone würde dafür Edens Geheimdienst jedes Wort mitlesen, was nicht wirklich besser war. Er hielt die Nachricht aber möglichst knapp.
„Hey, Zungenlady. Seid ihr schon in der Spukhöhle?“, schrieb er kryptisch. Sie mochte den Spitznamen nicht. Aber besser, er hielt Namen da raus. Außerdem konnte er sich die zusätzliche Nachricht an die Geistermenschen sparen, falls sie bejahte.
„Das sind wir, alter Leichensack. Was gibt es?“, schrieb sie schon nach wenigen Minuten, ähnlich charmant zurück.
Gera entwich ein Grinsen. Er ließ sich nicht durch Beleidigungen verletzen. Erst recht nicht durch Menschen, die er insgeheim mochte.
„Ich habe Neuigkeiten, die wir besser privat bequatschen“, schrieb er, „räumt mir schon mal einen Platz an eurem Séance-Tisch frei und stellt ’ne Limo kalt. Ich bringe auch Kuchen mit.“