Knochenwelt: Fallen

„Das war absolut widerlich“, beschwerte sich Bianca, deren Fliege direkt neben Geras Insekt unterwegs war.

„Große Fliegen, große Haufen“, sagte Gera schulterzuckend, während er träumerisch den dicken weißen Stücken Fliegenkot hinterherblickte, die ausgerechnet über einer Stadt niedergingen.

Ein breites Grinsen entstand auf seiner Erdmännchenvisage. „Ich würde nur zu gern das dumme Gesicht von demjenigen sehen, dem diese Duftbomben das Antlitz verschönern“, sagte er, „faszinierend, dass diese Fliegen synchron kacken können. Vielleicht wird ihr Darm von einem Hive-Mind gesteuert. Wir sind die Borg. Sie werden exkrementiert werden.“

„Hören Sie mit dem Schwachsinn auf, verdammt. Dieser Flug ist so schon unangenehm genug“, beschwerte sich Lena, die direkt hinter Bianca auf der Schneidfliege Platz genommen hatte.

„Jetzt seien sie doch nicht so humorbefreit“, schmollte Gera und hielt dann grinsend die Waffe auf die beiden gerichtet, „stellen sie sich doch mal vor, wie es wäre, so etwas abzubekommen. Vielleicht ist das Zeug ja für die da unten sogar unsichtbar und niemand weiß, warum er plötzlich so stinkt. Also, ich finde das zum Schießen.“

Er zwinkerte und gab kurz darauf einen Schuss ab, der knapp über den Köpfen der beiden Frauen durch die Luft sauste.

Lena duckte sich weg. Bianca bewegte sich nicht im Geringsten. Abgesehen von ihren Zornesfalten und ihrer Knochenzunge, die bedrohlich zwischen ihren Lippen hervorblitzte. „Eines Nachts werde ich sie aufsuchen, Gera, und sie infizieren“, versprach sie eisig.

„Sie wollen mir einen Zungenkuss anbieten?“, fragte er in überraschtem Tonfall, „ich wusste gar nicht, dass sie so auf mich stehen. Wie überaus romantisch.“

„Herrschaften!“, schrie plötzlich Jonathans Stimme aufgeregt im Wind, „wir bekommen Gesellschaft.“

Gera drehte sich um und verlor tatsächlich kurz die Fassung, als er zwei Jäger der Deutschlandwehr – wie die Armee dieses Landes seit kurzem hieß – hinter ihnen entdeckte. Beide nahmen direkt Kurs auf ihre Position.

„Das ist ihre Schuld“, wütete Bianca, „ihr blöder Schuss hat uns enttarnt. Und nun töten sie uns am Ende doch noch. Gut gemacht!“

„Nun kommen Sie mal runter“, sagte Gera, „denken Sie, die haben die kleinen Kugeln erkannt?“

„Schon möglich“, sagte Mike, der vor Jonathan auf einer anderen Schneidfliege saß, die sich auf der anderen Seite von Gera befand, „diese Jets werden häufig von Madensoldaten gesteuert. Und die haben zwar keine Seele, aber verdammt gute Augen.“

„Ich denke dennoch, dass das nicht der Grund ist“, meinte Lena, „Schon mal überlegt, dass wir vielleicht einfach auf ihrem Radar aufgetaucht sind, und sie nun schauen, was da los ist?“

Gera wurde bleich. „Meinen Sie, unser Ungeziefer ist auf dem Radar erkennbar?“, fragte er.

„Ich weiß es nicht“, sagte Lena, „woher auch, Sie Wahnsinniger? Meinen Sie etwa, ich hätte ein Diplom in Mutantenfliegen-Studien? Aber möglich wäre es.“

„Noch wissen wir nicht, ob sie uns überhaupt entdeckt haben“, gab Thomas Schumann zu bedenken. Er flog vor den anderen und drehte sich um, damit man ihn besser verstehen konnte.
„Vielleicht ist es nur Zufall. Eine von den üblichen Patrouillen. Diese Leute lieben es doch, ihre Stärke zu beweisen. Lassen Sie uns das einfach aussitzen und uns nicht durch blinden Aktionismus erst recht verraten.“

„Ich denke, wir sollten uns erst einmal ruhig verhalten“, sagte Gera, ohne erkennen zu geben, ob er Schumann überhaupt gehört hatte, „keinen Mucks und keine wilden Aktionen, okay? Sonst verraten wir uns nur.“

Diese Worte sprach er mit solch einer Überzeugung aus, als wären sie seine eigene Idee gewesen.

„Also, sie haben doch wohl völlig den Verstand …“, begann Bianca wütend, brach dann aber ab, als sie in Geras Augen starrte und statt dem üblichen infantilen, dunklen Humor ein echtes Todesversprechen darin las. Vielleicht noch ernster als das, was sie ihm gemacht hatte.

Dann wurde es still. Die Fliegen glitten beinah lautlos durch die Luft und die Blicke der Geistermenschen gingen allesamt zu den beiden Militärflugzeugen, die jetzt schon sehr genau zu erkennen waren. So gut, dass sie alle für die Jets in Schussweite waren.

Doch die Schüsse kamen nicht. Stattdessen preschte die Jäger mit unveränderter Geschwindigkeit weiter auf sie zu. Einer davon steuerte direkt auf Gera zu.

„Zur Seite, du Mistvieh!“, sagte Gera panisch zu seinem Reittier und verstieß damit wie selbstverständlich gegen seine selbst aufgestellte Schweigeregel.

Die Fliege reagierte fast zu seiner eigenen Verwunderung auf seine grobe Ansprache. Doch Größe ging, gerade bei biologischen Kreaturen, oft auf Kosten der Wendigkeit und so gelang es dem riesigen Insekt nicht, dem Flugzeug auszuweichen, welches sie daraufhin mit dem Flügel quer aufschlitzte.

„Scheiße!“, sagte Gera und begann daraufhin, als ein Knäuel aus Panik, rudernden Armen, sterbender Fliege und schlechter Laune zu Boden zu stürzen.

„Wir müssen ihm hinterherfliegen“, sagte Jessica, während sie Gera nachdenklich nachblickte, „er ist unser einziger Polizeikontakt.“

„Bald nimmt er Kontakt mit dem Boden auf“, sagte Bianca mit bemühter Gleichgültigkeit, hinter der aber jeder sofort den Cocktail an Emotionen erblickte, den Geras Absturz in ihr gebraut hatte, „und selbst, wenn der Mistkerl es irgendwie überlebt, ohne von der Hackfresse abwärts gelähmt zu sein, dann ist es eben so. Gera war schon immer ein Arschloch. Zugegeben, kurz hatte ich gedacht, er hätte sich geändert. Ja, ich hab ihn sogar fast gemocht, so dämlich das auch war. Aber der Typ hat auf uns geschossen, uns bedroht und uns fast das Leben gekostet. Auf solche Kontakte können wir verzichten. Wir haben Carina. Sie ist der einzige Kontakt, den wir brauchen.“

„Du hast recht“, sagte Jessica, „ich mochte den Bullen auch nicht. Der war wirklich der Posterboy von ACAB. Ich hoffe nur, dass die Jäger den Zusammenstoß nicht bemerkt haben.“

Diese Hoffnung zumindest schien sich zu erfüllen. Die Regierungsflieger machten wenigstens vorerst keine Anstalten, ein Wendemanöver einzuleiten oder auf sie zu schießen, sondern verschwanden langsam in der Ferne. Kurz darauf setzten sich ihre Schneidfliegen ganz von selbst wieder in Bewegung, so als wären sie sich nun sicher, dass die Gefahr vorüber ist.

„Nochmal gut gegangen“, sagte Lena erleichtert, „der Tag geht besser weiter, als er angefangen hat.“

„Und das ist noch nicht alles“, sagte Jessica und hielt stolz eine mit Waffen gefüllte Plastiktüte hoch, „ich habe Knecht Ruprechts Geschenksack stibitzt, bevor er mit seinem Schlitten abgerauscht ist.“

Sie lachte laut und alle, außer Jonathan, einem sehr nachdenklichen Jonathan, stimmten ein.

~o~

Keiner von denen versucht, mich zu retten. Ich hab es wohl zu weit getrieben, ging es durch Geras unansehnlichen Schädel, während er versuchte, sein Reittier irgendwie dazu zu bringen, wieder zu fliegen. Doch diese Versuche waren fruchtlos. Das Tier war halbtot und sein ekelhafter Leib wie eine geplatzte Tomate aufgerissen, während ihm die schwallweise hervorschießenden Spritzer von weißem, stinkendem Blut fast die Sicht nahmen. Gera blickte nach unten. Es gab – zumindest in der direkten Umgebung – nur wenige Bäume, die seinen Sturz vielleicht abfedern könnten. War ja klar, dass er kurz vor einem Waldrand abstürzen musste. Aber immerhin gab es dort unten eine hübsche Grasfläche. Ideal für die letzte Ruhestätte. Die erste Fliege für seine offen verfaulende Leiche hätte er auch schon mitgebracht. Und schon bald würde sich sicher der Erste seiner alten Gefährten auf seinem Grab erleichtern.

Irgendwie traurig. Dabei war er doch nett zu ihnen gewesen. Für seine Verhältnisse. Es war doch nicht seine Schuld, dass diese Rebellen ein unorganisierter Haufen waren. Sollten sie doch schauen, wie sie ohne ihn klarkämen … und … nein … Schluss mit dem Geheule!

Noch war er nicht verloren. Der Wind half etwas. Eine kräftige Böe, die ihm Auftrieb gab. Und dann spürte er einen Ruck. Es kam noch einmal Leben in das Tier. Für ein paar kurze Flügelschläge nur, doch genug, um ihn nah an einen Baum heranzubringen. Nicht wirklich nah genug, aber nah. Und vielleicht …. Gera spürte das Adrenalin in sich heranrauschen. Der Boden kam näher. Aber da war ein Ast. Er griff danach und spürte das harte Holz in seiner Hand.

Kurz darauf wünschte er sich, es wären Knochen gewesen. Die hätten ihm vielleicht nicht seine Hand zerschnitten und zerkratzt. Doch trotzdem hielt Gera mit aller Macht fest. Eine Sekunde später ging ein harter Ruck durch seine Schulter. Und etwas riss.

Nicht sein Arm zum Glück, aber der kleine, viel zu schwache Ast. Wieder fiel er. Aus immer noch beachtlicher Höhe. Direkt auf den weißen, stinkenden Fliegenkadaver.

~o~

Keuchend erhob er sich. Sein ganzer Körper schmerzte. Seine Hand brannte. Es gab keine Stelle mehr, die keine Prellungen oder blauen Flecken hatte, und er war mit Blut und Organresten der Schneidfliege beschmiert. Doch er lebte.

Und da dies so war. konnte er etwas sehen, das ihn beinah hysterisch zum Lachen gebracht hätte, wenn er nicht zu viel Angst um seine Rippen gehabt hätte. Nur wenige hundert Meter von ihm entfernt, sah er seine „Freunde“ mit ihren Viechern zur Landung ansetzen.

„Typisch“, flüsterte Gera und rückte sich die aufgescheuerten Klamotten zurecht, „Ich bin natürlich der Einzige, der ‘ne Bruchlandung hinlegen muss.“

Für einen Moment überlegte er, ob er umkehren sollte. Einfach diesem ganzen Rebellentheater den Rücken kehren und als übellauniger Waldschrat von Beeren und Bärenscheiße leben. Oder vielleicht doch den Musterfaschisten mimen und Eppenheimers Vollstrecker werden. Es wäre ein einfaches Leben. Foltern, Verhören, Töten, Ficken, Feierabend.

Leider war Gera nicht so ein Mensch. Selbst er war nicht erbärmlich genug, um ein Stiefellecker zu werden. Wenn er grausam war, dann, wenn ihm selbst danach war, nicht weil es ihm befohlen wurde. Außerdem hasste er Wälder wie die Pest. Ob nun aus Knochen oder nicht. Also musste er wohl oder übel wieder den Babysitter für Hobbyistenfreiheitskämpfer spielen. Seine Waffe lag praktischerweise gleich neben ihm und war in einem besseren Zustand als er.

„Also gut“, seufzte er, „Papa kommt euch holen!“

~o~

„Und wo soll Carinas Hauptquartier jetzt sein?“, fragte sich Bianca, während sie sich auf der Lichtung umsah, die von einem fast perfekten Kreis aus Laubbäumen umgeben war.

„Keine Ahnung“, sagte Schumann, „aber die Fliegen werden nicht ohne Grund hier gelandet sein.“

„Vielleicht nicht ohne Grund“, meinte Mike, „aber das heißt nicht, dass das unser Zielort ist. Eine von ihnen wurde gerade von einem Jet zerfetzt. Wahrscheinlich sind sie traumatisiert oder verängstigt und brauchten erst mal eine Pause. Zudem ist das hier ein guter Landeplatz. Wir sollten wieder auf ihren Rücken klettern und darauf warten, dass sie weiterfliegen.“

„Ich weiß ja nicht, ob Fliegen so ein komplexes Seelenleben haben“, fragte sich Lena, „aber ich denke trotzdem, dass du recht hast. Wir sollten wieder aufsteigen, bevor …“

Lena schaute recht verdutzt, als die Schneidfliegen dem Gedanken folgten, den sie noch gar nicht ausgesprochen hatte, und sich allesamt in die Luft erhoben.

Jessica, die noch recht nah an ihrem Reittier stand, versuchte es zu greifen, aber das Beinchen rutschte ihr durch die Finger und als sie nachgriff, berührte sie lediglich Luft.

„Tja, ich denke, wir sind hier wohl doch richtig“, sagte Bianca.

„Das seid ihr“, erklang die tonlose Stimme einer Frau. Frau war dabei fast zu viel gesagt, denn auch wenn das blasse Mädchen, das nun aus dem Waldrand auftauchte und zu ihnen sprach, graue Haare hatte, zeigte ihr Gesicht, dass sie bestenfalls gerade so volljährig war. Ihre Augen waren dabei so grau wie ihre Haare, ihre Hose und ihr Hemd.

„Lena Marfeld mein Name“, stellte Lena sich vor, „wir wollen zu Carina.“

„Das wissen wir natürlich, wir sind ja nicht dämlich!“, keifte eine zweite Frau, die ein paar Jahre älter schien als die erste. Sie hatte feuerrote Haare, die in einem starken Kontrast zu den weißen Adern standen, die ihr gerötetes Gesicht durchzogen. Sie trug eine schwarze zerrissene Hose und ein T-Shirt von einem Rot, bei dem sich schwer sagen ließ, ob es sich um Farbe oder getrocknetes Blut handelte.

„Reg dich ab“, sagte Bianca diplomatisch, „Lena wollte nur klarstellen, dass wir keine Bedrohung sind.“

„Das glaube ich sofort“, sagte die Rothaarige bissig, „eine Bedrohung seid ihr nicht. Ich könnte euch in einem Wimpernschlag in Ragout verwandeln.“

„Sehr charmant“, stellte Jonathan fest.

„Entschuldigt das Temperament meiner Schwester. Es liegt ihr im Blut. Aber Carina erwartet euch“, sagte die andere sachlich, wobei sie wie beiläufig eine schlanke Pistole mit langem Lauf in ihrer Hand balancierte, „mein Name ist übrigens Madeleine und meine Schwester heißt Tassy. Folgt uns einfach!“

„Folgen? Wohin?“, fragte Jessica verwirrt, während sie vorsichtig näherkam.

„Na dorthin, du Missgeburt!“, sagte die Rothaarige, beugte sich hinab und riss mit einem Ruck eine im Gras versteckte Metallklappe auf.

„Natürlich befindet sich ihr Unterschlupf im Untergrund“, bemerkte Jessica, die sichtlich angefressen schien, „die beiden Schicksen sehen auch nicht sonderlich tageslichttauglich aus.“

„Ich würde sie nicht weiter provozieren“, empfahl Lena ihr, „das sind Madenkinder. Was sie sagen, sind nicht nur leere Drohungen.“

„Mag sein. Aber ich weiß mich zu wehren“, behauptete Jessica.

„Bullen und Nazis sind nicht dasselbe wie diese Kreaturen“, entgegnete Bianca düster, „die können dich mühelos in der Luft zerreißen. Ohne Waffen.“

Jessica nickte, „vielleicht hast du recht. Ich bin nicht so dumm, dir deine Erfahrung abzusprechen. Aber gerade deswegen wäre es wohl besser, sich von diesen Gestalten fernzuhalten.“

„Wir können uns jetzt nicht mehr zurückziehen“, sagte Lena, „außerdem sind wir auf Carinas Einladung hier. Sie war immer Lucys rechte Hand und Lucy war euch eine treue Verbündete, oder nicht?“

„Ja“, sagte Bianca knapp, sah sich aber selbst ein wenig nervös um.

„Das stimmt“, pflichtete ihr auch Jonathan bei und starrte dann hinab in die Öffnung, die zwar aus Erde bestand, aber weißliche Schleimschlieren und Spuren von den geriffelten Leibern von Schneidmaden aufwies. Eine Leiter gab es nicht.

„Ich habe kein gutes Gefühl dabei“, fügte Jonathan hinzu, und zuckte zusammen, als er plötzlich die kalte Hand des grauen Madenmädchens, Madeleine, auf seiner Schulter spürte.

„Das kenne ich gut“, sagte sie leise zu ihm, „ich hatte schon lange keines mehr. Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Wir wollen euch nicht töten. Wir sind doch Verbündete, nicht wahr? Carinas Freunde sind unsere Freunde.“

„Alles klar“, sagte Jonathan unsicher und spürte einen leichten Schweißfilm auf seiner Stirn glitzern, während ein kühler Wind ihn frösteln ließ, „aber wie kommen wir hier runter? Es gibt keine Leiter oder Treppe. Was, wenn wir uns beim Hinabrutschen verletzen?“

„Es ist nicht tief, du feiges Stück Elend“, tönte Tassy, „nur eine kleine Rutsche.“

Jonathan schluckte. Er hatte Rutschen schon als Kind gehasst. Gerade diese großen Wasserrutschen mit all diesen Verbindungskanten, in denen man nie sah, was auf einen wartete. Er wollte wirklich umkehren. Umso mehr, da seine Kehle so verdammt trocken war. Was würde er jetzt nicht alles für einen Schluck MannaRed geben.

„Wenn vielleicht jemand anders …“, sagte er.

„Kein Problem“, sagte Bianca seufzend und schob Jonathan sanft zur Seite, „ich kenne mich damit aus, in dunkle Löcher zu fallen.“

Dann trat sie vor und stürzte sich als erste hinab.

~o~

Die Reise dauerte tatsächlich nicht lang, auch wenn Biancas schwarze Klamotten am Ende so zugesaut mit Madenschleim waren, dass es sie unangenehm an eine andere Flüssigkeit erinnerte, die ihre berufliche Tätigkeit oft mit sich brachte.

Umso bizarrer war es, dass sie sich keiner feuchten Insektenhöhle, sondern einem sauberen, ordentlichen Laborkomplex gegenübersah. Auch wenn sie natürlich damit gerechnet hatte.

Trotzdem wirkte der Ort ungewohnt. Es herrschte kein kaltes Neonlicht vor, sondern ein Gewirr aus weißen und roten Deckenleuchten, die die Umgebung in ein verwirrendes Zwielicht tauchten.

Genau dies machte es Bianca zunächst schwer, sich zu orientieren. Aber als sie es geschafft hatte, erkannte sie, dass die Einrichtung anscheinend aus einem einzigen, langen Flur bestand, von dem links und rechts Türen abgingen. Aus einer davon trat ein kleiner, blasser Mann, der Bianca noch vage bekannt vorkam und der von zwei wachsamen Maden in der Größe eines Hundes begleitet wurde.

„Dr. Jameson“, sagte Bianca.

Der Mann zuckte zusammen, als ob ihn ein Wolf angesprungen hätte. Dann aber sah er zu ihr und lächelte nervös.

„Ah … Barbara … die Herrin hatte sie schon erwartet …“, sagte er.

„Ich heiße Bianca, aber danke“, antwortete Bianca verwirrt.

„T … tut mir leid“, sagte er wimmernd und blickte beschämt zu Boden, nicht ohne zuvor einen beunruhigten Seitenblick zu den beiden Maden zu werfen.

„Was ist dem mit dem los?“, fragte Jonathan verwirrt, der gerade mit den anderen ankam und sich den Madenschleim abwischte, „so ein Verhalten habe ich mal bei einem Filmcharakter gesehen. Er hieß Igor und war Draculas Diener.“

„Wahrscheinlich liegt es an diesen Biestern“, überlegte Lena, „wenn ich die an meiner Seite hätte, wäre das meiner geistigen Gesundheit auch nicht zuträglich.“

„Da geht schon lange so, soweit ich weiß“, erklärte Bianca, „der Mann ist ein Souvenir von Elvira Djarnek, das sich Lucy einst geschnappt hatte. Seitdem hält sie ihn streng unter Beobachtung.“

„Das ist grausam“, sagte Jessica, „selbst bei so jemandem. Tolle Verbündete haben wir da.“

„Wir sollten weitergehen“, sagte Dr. Jameson, ohne auf die Spekulationen über seinen Geisteszustand einzugehen, „und das besser schnell.“

„Warum? Liegt es an Carina? Ist sie ungeduldig?“, wollte Schumann wissen.

„Nein … sie ist nicht …“, sagte Dr. Jameson mit einem schiefen Grinsen, „aber die nächste Brut ist bald bereit und manchmal halten die Türen nicht?“

„Was soll das denn heißen?“, fragte Bianca verwirrt.

Aber der Doktor antwortete nicht, sondern begann, sich in Bewegung zu setzen. Und so tat es Bianca auch. Schon allein, weil langsam ihre Neugier entfacht war. Letzte brachte sie auch dazu, sich nach den beiden Madenmädchen umzusehen. Sie waren fort. Weder Madeleine noch Tassy waren irgendwo zu entdecken. Alle, die sie hinter sich sah, waren Jonathan, Thomas Schumann, Lena, Jessica und Mike. Eigentlich hätte sie das erleichtern sollen. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Sie hatte umso mehr das Gefühl, dass sie bei jedem ihrer Schritte beobachtet wurde.

~o~

„Von welcher Brut reden Sie?“, wollte Jonathan wissen. Aber der Doktor antwortete nicht. Anders als die beiden Maden, die Jonathan wütend anfauchten, bevor sie ihren Weg durch den Gang fortsetzen.

Da er keine direkten Antworten bekam, versuchte Jonathan, Erkenntnisse aus der Umgebung zu gewinnen. Aber die diversen Räume, die von dem Hauptgang abgingen, besaßen zwar große Fenster, jedoch waren die auf eine Weise verglast, dass sie von außen nur einen sehr diffusen, verdunkelten Einblick gewährten. Alles, was hier zu erkennen war, waren die Umrisse von Möbelstücken und gelegentliche schattenhafte Bewegungen, bei denen sich unmöglich sagen ließ, ob sie von Menschen oder von etwas anderem stammten.

„Das Hauptquartier eines Verbündeten habe ich mir anders vorgestellt“, sagte Mike.

„Das kann ich verstehen“, bemerkte Bianca, „aber wir wussten, dass sie Madenkinder sind. Und anders als Lucy haben sie keinen Geisterglanz bekommen. Dieses Schneidmadenfleisch macht was mit einem. So wie alles, was aus dem Wald stammt.“

„Du hast einen Knochenwurm in dir und verhältst dich nicht halb so merkwürdig“, stellte Jessica fest.

„Ich nehme das mal als Kompliment“, sagte Bianca grinsend, „aber das ist nicht dasselbe. Der Wurm kontrolliert dich und sperrt dich in deinem Körper ein. Wenn er sich voll entwickelt, zumindest. Aber im Inneren bleibst du du selbst. Das Fleisch hingegen wird zu einem Teil deiner Persönlichkeit. Selbst Lucy ist nicht mehr die, die sie vorher war. Sie ist nur wieder mehr als diese Leute es jetzt sind.“

„Ich frage mich nur, was hinter diesen Fenstern passiert“, überlegte Lena.

„Das liegt doch auf der Hand“, vermutete Thomas Schumann, „Maden- und Fliegenzucht wahrscheinlich. Oder Experimente, die damit im Zusammenhang stehen.“

„So weit kann ich auch denken, Herr Schumann“, sagte Lena, „aber hier endet das Rätsel für mich nicht. Hier beginnt es erst. Zum Beispiel wüsste ich gerne, was das für Forschungen sind. Als Journalist, sollten sie den Wunsch verstehen, mehr über eine Sache in Erfahrung bringen zu wollen.“

„Oh, durchaus“, sagte Thomas Schumann, „aber bei dieser speziellen Investigativ-Recherche lasse ich Ihnen gerne den Vortritt. Gehen Sie ruhig durch eine der Türen, wenn Sie mögen.“

„Vielleicht tue ich das ja“, sagte Lena, „und wenn ich …“

Sie brach ab, als sie sah, wie Dr. Jameson unvermittelt anhielt. Vor einer weißen Tür, in die das geöffnete, kreisrunde Maul einer Schneidmade geritzt worden war. „Hier residiert Fräulein Carina“, sagte er unruhig und wirkte dabei noch mehr wie ein Horrorfilmklischee.

„Dürfen wir eintreten oder wollen sie vorher kontrollieren, ob wir mir Weihwasser gegurgelt haben?“, fragte Bianca.

Plötzlich wurde Dr. Jamesons Gesichtsausdruck ernst und selbstbewusst und sein ganzer Körper straffte sich wie bei einem schlaffen Luftballon, den man aufgepumpt hatte. Plötzlich sah er nicht mehr aus wie eine leere, gebrochene, tumbe Hülle und die Intelligenz eines Akademikers blitzte wie ein Leuchtfeuer in seinen eng stehenden Augen auf.

„Nein“, sagte er, „was Sie mit ihrem Mund anstellen ist mir vollkommen egal. Wichtig ist allein, dass Sie keine Waffen in Carinas Räumlichkeiten hineinbringen. Ich muss Sie bitten, mir Ihre Schusswaffen zu übergeben.“

„Bitten oder zwingen?“, fragte Jonathan, doch Dr. Jameson sah Sie nur mit einem scheinbar neu entdeckten, beängstigenden Selbstbewusstsein an.

„Wir sind Verbündete“, erklärte Lena, „wir kämpfen genauso gegen Eden wie sie und Lucy. Sie hat nichts von uns zu befürchten.“

„Das hat sie nicht“, bestätigte Dr. Jameson scharf, „weil Sie Ihre Waffen hierlassen werden.“

„Hören Sie mal zu, Sie aufgeblasener Mikroskopglotzer“, sagte Jessica erbost, „wir sind nicht Ihre Gefangenen und nur weil Sie sich jeden Ihrer Schritte von schleimigen Aufpassern diktieren lassen, müssen wir das nicht genauso handhaben.“

„Es reicht, Jessica“, sagte Lena, „wir werden die Bedingungen akzeptieren. Wenn jemand bewaffnet in unser Hauptquartier käme, würde ich es genauso handhaben.“

Sie überreichte Jameson ihre Waffe. Bianca, Mike, Thomas Schumann und Jonathan taten es ihr gleich.

„Das ist ein Fehler“, sagte Jessica, „aber von mir aus.“

Mit einem verächtlichen Blick überreichte auch sie ihre Pistole an Dr. Jameson, der sie in einem in der Wand eingelassenen Schließfach verstaute. Er nickte zufrieden und blickte dann wieder zu den beiden Maden, die ihn dadurch lobten, dass sie ihn nicht aggressiv anfauchten.

Dann öffnete er ihnen die Tür und trat zusammen mit ihnen ein.

~o~

In Carinas Büro – oder ihrer Residenz, was wahrscheinlich wirklich der bessere Begriff dafür war – herrschte das selbe rote und graue Zwielicht wie im Rest des Laborkomplexes. Das war aber so ziemlich die einzige Gemeinsamkeit. Denn dieser Ort glich nicht einem sterilen Laborraum oder nüchternen Office, sondern mehr einem Albtraum. Das lag vor allem daran, dass er bis zum Rand mit großen und kleinen Schneidmaden gefüllt war. Einige davon dienten Carina als Rückenlehne, Armstützen und Sitzfläche und bildeten damit eine Art lebenden Thron.

Bianca verschlug es den Atem. Der Gestank hier drin war widerlich, was nicht nur an den scharfen Ausdünstungen all dieser Maden und der Fliegen lag. Sondern auch an dem teils frischen, teils verrottenden Fleisch, das in den Mündern einiger Schneidmaden steckte oder halb aufgefressen vor ihnen lag. Der Geruch war so extrem, dass sie das Gefühl hatte, dass sich selbst der gelähmte Knochenwurm in ihrem Inneren vor Abscheu wand und schüttelte. Bianca verbot sich strikt den Gedanken daran, woher dieses Fleisch stammte.

Carinas Erscheinung stand im krassen Kontrast zu diesem bestialischen Schlachthaus. Zwar trug sie ein blutrotes Gewand, jedoch war es vollkommen sauber und ihre ebenfalls roten Haare waren ordentlich gekämmt und fielen wie Seide über ihre Schultern. Ihr Blick war von einem Feuer erfüllt, das Bianca noch nie darin gesehen hatte. Es war jene Art von Feuer, die es genoss, zartes Fleisch zu verzehren und zu verkohlen.

Bianca drehte sich unwillkürlich zur Tür um, die jedoch bereits fest verschlossen war. Abgeschlossen, wie sie befürchtete.

Bianca wollte etwas sagen. Doch ihre Zunge war gelähmt. Vielleicht nicht physisch, aber doch von der emotionalen Wucht dieses Anblicks. Also antwortete Jonathan an ihrer Stelle, der einzige von den Anwesenden, außer ihr, der Carina persönlich kennengelernt hatte.

„Ich grüße dich, Carina“, sagte er förmlich, auch wenn Bianca die Unruhe in seinem Blick bemerkte, „wir sind sehr froh, dass du uns empfangen hast.“

„Empfangen?“, sagte Carina mit blitzenden Augen, „habe ich euch empfangen, wie eine naive Jungfrau den Schwanz eines ungewaschenen Burschen oder wie das Opfertier sein Messer? Das glaube ich kaum, Saftschlürfer. Ich habe euch gerufen! Und ihr seid gefolgt, wie es brave Lämmer tun sollten.“

Ihre Stimme war scharf und vibrierte vor Zorn und dicke, weiße Adern führten einen Tanz unter ihrer Haut auf.

Bianca erkannte Carina nicht wieder. Sie war kalt und gefühllos gewesen. Aber auch planvoll und mit einem abstrakten, theoretischen Gerechtigkeitssinn ausgestattet.

„Wir sind keine Lämmer, sondern Verbündete“, mischte sich Lena ein, „oder zumindest dachte ich das bisher. Aber wenn ich mir das so anschaue …“

„WIR SIND KEINE VERBÜNDETEN!“, schrie Carina so laut, dass es Bianca in den Ohren klingelte. Dann nahm sie sich eine der kleineren Schneidmaden aus dem Haufen, streichelte dem Tier über den hässlichen Kopf und riss es in Stücke, bevor sie sich die zappelnden Reste mit beiden Händen in den Mund schob und dabei weiter schrie, „ES GIBT KEIN BÜNDNIS. NUR NUTZEN UND BENUTZEN. NUR DIENEN UND BEDIENEN. NUR VERGEHEN UND UNTERGEHEN!“

Nun war Bianca nicht mehr die Einzige, die sich zur Tür umsah.

„Herrin, eure Regulation“, sagte Dr. Jameson, zog eine Spritze hervor und rannte todesmutig auf Carina zu. Es gelang ihm noch, ihr die Spritze zu setzen. Dann aber fing er sich einen solchen Schlag ein, dass er gegen die Wand klatschte und stöhnend auf den Boden sank. Er hielt sich seinen Unterkiefer, der nicht nur angeschwollen war, sondern auch etwa deformiert aussah.

„Danke, Doktor“, sagte Carina, nun eher zynisch als erbost, „Sie sind das bravste Lamm von allen, nicht wahr?“

„Warum hast du uns gerufen, wenn wir keine Verbündeten sind?“, fragte Bianca, „willst du Eden und seine Leute dann nicht mehr bekämpfen? Lucy zumindest wollte es!“

„Lucy kann den Abschaum aus dem Gully schlürfen!“, rief Carina nun wieder erbost, wenn auch nicht ganz so wahnsinnig wie zuvor, sondern eher mit zynischer Schärfe, „sie hat ein wirklich schönes Leben, nicht wahr? Den Ruhm der Heldin und den Nektar der Emotionen. Die Kräfte, ohne den Preis zu zahlen. Die Liebe von Mami und Papi und vor allem von der armen, kleinen, süßen Lucy im Spiegel. Was für ein Goldkind sie doch ist. Glänzend wie der Geisterglanz in ihren Adern.“

„Du weißt, dass dir Lucy den Geisterglanz nicht mit Absicht verweigert hat“, erinnerte Bianca.

„Ach, ist das so, Wurmzunge?“, entgegnete Carina, „trotzdem hat sie gierig geschlürft. Fast so gierig wie der Professor an seinem süßen Leichensaft nuckelt. Und sie hat keinen Tropfen für ihre Dienerin übriggelassen.“

„Das mag alles sein“, sage Jessica, „aber wir sind nicht Lucy. Also gibt es keinen Grund, uns so zu verachten. Also hör mit diesem Theater auf und sag uns, ob wir auf deine Hilfe gegen Eden zählen können oder nicht.“

„Oh, ich werde Eden vernichten“, sagte Carina, „ich hasse ihn. Ich hasse ihn und alles, was er getan hat.“

„Immerhin etwas“, sagte Mike leise.

„Das ist gut zu hören“, sagte Jonathan erleichtert. Wenn sie weiterhin auf ihrer Seite stand, konnten sie ihr seltsames Verhalten wohl tolerieren. Dennoch macht es ihn neugierig.

„Aber warum sind sie so verändert?“, fügte Jonathan hinzu, „und was für eine Spritze war das, die Ihnen Dr. Jameson verabreicht hat?“

„Erklär es ihnen, Doktorchen“, flötete Carina sarkastisch, „erklär es dem Doktor in deinen kleinen, feinen Doktorworten. Denn dieser Mann giert fast so sehr nach Wissen wie nach dem Blut von Bettlern, Waisenkindern und Widerständlern.“

Jonathan zuckte zusammen und leckte sich gleichzeitig nervös über die trockenen Lippen.

Bianca verspürte Mitleid mit ihm. Aber auch Verachtung. Denn letztlich hatte Carina recht: Jonathan war schlimmer als ein Alkoholiker. Er schadete durch seinen Konsum nicht nur sich selbst, sondern in erster Linie anderen Menschen.

Doktor Jameson stemmte sich mühsam hoch, richtete seinen Kiefer und rückte seine Brille zurecht.

„Einige von ihnen wissen wahrscheinlich, dass das Fleisch der Schneidmade alle emotionalen Zustände bis auf zwei unterdrückt“, begann er zu erklären. Wobei seine Stimme extrem verwaschen klang und er bei jedem Wort vor Schmerzen zusammenzuckte.

„Leere und Zorn“, warf Bianca ein und Jameson nickte.

„So ist es“, sagte der Doktor, bevor er sich das Kinn hielt und er eine Schmerzensträne aus seinem linken Auge wischte. Er wollte weitersprechen, aber sein Kiefer und sein Mund zitterten.

„Nicht schlappmachen, Doktorchen“, blaffte Carina, „ich habe keine Geduld mit Ihnen. Vergessen Sie das nicht!“

„Nun“, zwang er sich weiterzusprechen, wobei ein blutiger Spuckefaden aus seinem Mund tropfte, „normalerweise treten diese Zustände recht willkürlich und nach keinem bestimmten Muster auf. Zudem ist das Verhältnis individuell unterschiedlich. Bei einigen – wie Lucy – zeigten sich Zorn und Wahnsinn stärker, bei anderen – wie Carina – kühle Rationalität. Durch meine Forschungen ist es mir aber gelungen, die beiden Komponenten zu isolieren und die Auswirkungen des Madenfleisches zu kanalisieren. So lassen sich Individuen schaffen, die entweder kalt oder zornig sind.“

„Die beiden Geschwister“, bemerkte Lena.

„Ja“, sagte Dr. Jameson, „sie waren die ersten, die sich freiwillig gemeldet hatten. Noch vor Carina.“

„Ein jedes meiner Kinder hat die Wahl“, fügte Carina hinzu, „eine Wahl, die ihnen das Miststück Lucy nie gewährt hatte.“

„Also haben Sie sich für den Zorn entschieden“, fragte Mike, „warum?“

„Weil es angenehmer ist, Hass zu fühlen, als nichts zu fühlen“, vermutete Jessica.

„Genau aus diesem Grund“, sagte Carina und krallte ihre Fingernägel in die Handflächen, „es ist besser, die Flamme zu sein als die Asche. Und ich war lange genug die Asche. Da mir der Geisterglanz verwehrt ist, will ich in meinem eigenen Glanz erstrahlen. Scheiß auf die Vernunft. Sie soll brennen und Blasen schlagen. Ihre Haut soll sich abschälen in knusprigen Streifen.“

„Die Spritze dient dazu, den Hass zu kontrollieren“, sagte Dr. Jameson, „damit er nicht zu selbstzerstörerisch wirkt. Leider ist es nicht ganz leicht, den Wirkstoff zu verabreichen, wie Sie gesehen haben.“

„Das ist ja alles gut und schön“, sagte Lena, „aber so faszinierend ihre Persönlichkeitsentwicklung auch ist: Wir sind hier, um zu besprechen, wie wir Edens Niedergang herbeiführen können. Und sie haben angeboten, uns dabei zu helfen. Also. Wie wollen wir vorgehen? Wollen wir mit ihren Maden und Madenkindern einen Frontalangriff auf den Regierungssitz durchführen oder gehen wir subtiler vor, und stoßen mit einem kleinen Team …“

„Fresse halten!“, schrie Carina vulgär, „ich halte dieses Geplapper nicht aus.“

„Geht mir auch manchmal so“, scherzte Mike, „aber Lena hat trotzdem recht. Wir brauchen einen Plan …“

„Ich habe bereits einen Plan!“, donnerte Carina.

„Schön. Um so besser“, sagte Bianca, „und wie sieht der aus?“

„Wir werden Eden verzehren. Mit brutaler Gewalt. Und jeden auf unserem Weg zu ihm“, sagte Carina, „das Blut soll in Strömen fließen und die Schreie die Nacht erfüllen.“

„Wenn wir Unschuldige gefährden, mache ich da nicht mit“, sagte Jessica.

„Ich auch nicht!“, stimmte Jonathan ein, auch wenn er betreten zu Boden schaute, als er daran dachte, wie gut ihm jetzt ein Schluck fruchtigen Nektars tun würde.

„Es gibt keine Unschuldigen“, keifte Carina beinah lustvoll, „es gibt nur das Schmatzen und das Fließen und das Sterben. Das Rot. Immer nur das Rot.“

„Das ist inakzeptabel. In diesem Fall ist diese Besprechung beendet“, sagte auch Lena, „wir gehen!“

„Ihr habt keine Wahl, was das betrifft“, sagte Carina, „ihr habt nur eine einzige Wahl. Grau oder rot. Doktor Jameson. Bringen Sie sie in die Laborküchen.“

„Das ist doch ein Witz, oder?“, sagte Mik und spannte seine nicht gerade unbeeindruckenden Muskeln an, „ich warne sie, Doktor. Wenn sie mich auch nur berühren, reiße ich ihnen den Rest ihres Unterkiefers auch noch ab.“

Währenddessen sah Bianca nervös zu den Maden und zu Carina. Doch beide rührten sich nicht. Sie schien tatsächlich darauf zu vertrauen, dass ihr Schoßhündchen das regelte. So lächerlich das auch war.

„Komm, gehen wir“, sagte Bianca, „die Tür ist wahrscheinlich verschlossen, aber mit vereinten Kräften könnten wir sie vielleicht öffnen.“

Womöglich hätte das sogar funktioniert. Aber Bianca gelangte genauso wenig zur Tür, wie der Rest von ihnen. Denn schon nach wenigen Schritten hörte sie ein leises Summen an ihrem Ohr. Dann spürte sie einen kurzen, aber kräftigen Biss in ihren Hals und zwei Herzschläge später befiel sie eine Ohnmacht, die wie so rasch und gewaltsam wie ein Hammerschlag über sie kam.

~o~

„Wo ist denn nun die Rebellen-AG?“, flüsterte Gera zu sich selbst, während er sich auf der Lichtung umsah. Es gab keine Spur von der Gruppe, genauso wenig wie von den Fliegen, deren Abflug er immerhin noch mit angesehen hatte. Anders als den der Geistermenschen. Waren sie einfach wieder mit ihren Reittieren in die Luft gedüst, um sich einen Madenburger im nächsten Mc Lucy reinzuschieben? Er glaubte das kaum.

Naheliegend wäre es natürlich, dass sie einfach weitergelaufen und auf der anderen Seite in den Wald gegangen waren. Aber der Boden hier war staubig genug, um Fußspuren zu erkennen, und er konnte zwar welche entdecken, aber sie führten nicht in den Wald, sondern in die Mitte der Lichtung.

„Eine unterirdische Anlage“, sagte er, „natürlich. Das ergibt Sinn.“

Leider konnte er nirgends einen Zugang entdecken. Vielleicht würde sich das ändern, wenn er den Fußspuren folgte. Er ging gerade in die Hocke, um sie näher zu betrachten, als er eine Kugel über seinen Kopf hinwegrauschen hörte. Sofort schlugen seine Polizistensinne Alarm und er spurtete zur Seite, immer noch geduckt, um ein kleineres Ziel zu bieten. Er sah sich gar nicht erst nach dem Schützen um. Es war klar, dass er sich hinter den Bäumen verbarg und solange Gera auf dieser Lichtung war, war er wortwörtlich Freiwild. Er musste selber in die Deckung geraten, wenn er eine Chance haben wollte.

„Hey, ich bin ein Freund von Lucy, ich bin nur zu spät, weil meine Fliege abgerauscht ist“, versuchte er es mit einem lauten Ruf, für den Fall, dass es sich um ein Missverständnis handelte. Entdeckung brauchte er ja immerhin nicht zu fürchten.

Den nächsten Schuss, der wieder verdammt nah an ihm vorbeiging, verbuchte er noch als Bedenkzeit, aber als die Erde ein paar Sekunden später knapp neben seinen Füßen aufgewirbelt wurde, wurden ihm drei Dinge klar. Erstens, dass man ihn loswerden wollte. Zweitens, dass die anderen wahrscheinlich in Schwierigkeiten steckten. Und drittens, dass ihn diese geduckte Haltung nicht weiterbringen würde. Die Schüsse kamen immer näher.

Also entschied Gera sich, sich aufzurichten und auf Schnelligkeit zu setzen. Das war trotz seines Alters keine dumme Idee. Er war gut trainiert, ging gerne zu Fuß und es war nicht das erste Mal, dass er Kugeln davonlief.

So rückte die ersehnte Baumgrenze, während er hakenschlagend über das Gelände lief.

„Bald hab ich dich“, sagte er atemlos und sprintete schneller, als er einige Eichen direkt vor sich sah.

Zu schnell. Denn so vergaß er, dass das hier kein neu gebauter Parkplatz, sondern immer noch unebener Waldboden war, und trat mitten im Lauf in ein Loch.

Es gelang ihm noch, sein Gewicht zu verlagern, aber der Schmerz der überdehnten Sehne brachte ihn aus dem Gleichgewicht und er flog der Länge nach auf die Fresse.

Damit hatte er noch Glück im Unglück, denn die Kugel, die jetzt über ihn hinwegflog, hätte andernfalls wahrscheinlich genau ins Ziel getroffen. So glücklich fühlte er sich aber nicht. Das lag nicht zuletzt an seinem Fuß, aber auch an seiner angeknacksten Nase und seiner aufgesprungenen Lippe.

Trotzdem kroch er weiter, hielt sich am Stamm fest und wuchtete sich und seine protestierenden Muskeln und Sehnen auf die andere Seite in den Schutz der Deckung.

„So eine Madenkotze!“, fluchte Gera und bewegte vorsichtig den Fuß. Es ging irgendwie. Wie es aussah, war die Sehne nicht gerissen. Stehen konnte er. Aber noch einmal schnell weglaufen wäre wohl nicht drin. „Scheiß drauf“, sagte er, „wenn man schon keine Wahl hat, kann man auch mutig sein.“

Er ging in die Hocke, wobei er versuchte, seinen lädierten Fuß nicht zu sehr zu belasten, und hielt nach dem Schützen Ausschau. Nun, wo er ihn nicht mehr so einfach abknallen konnte, musste er näher kommen und von der Flugbahn der Kugeln schätzte er, dass er nicht hier in der Nähe sein konnte und wahrscheinlich auch nicht in irgendeiner Baumkrone kampierte. Er würde ihn also hören. Er atmete so flach wie möglich und lauschte auf jedes Knacken oder Knirschen, das lauter als die üblichen Hintergrundgeräusche des Waldes war. Schließlich hörte er etwas Alarmierendes. Doch nicht vor, sondern hinter sich.

Gera dachte nicht nach. Er reagierte. Und zwar, indem er sich blitzschnell umdrehte und dorthin trat, wo er die Eier des Typen vermutete. Da er sich auf seinem verletzten Fuß nicht abstützen konnte, trat er mit ebendiesem zu. Dass er das tat, führte dazu, dass er genauso laut aufschrie wie sein Angreifer, der zwar eine Angreiferin war, der der Tritt in ihr Becken aber auch nicht gerade gut schmeckte.

Gera ignorierte den Schmerz so gut es ging und erfasste durch den Tränenschleier seine Angreiferin. Rote Kleidung, rote Haare, verdickte Adern. Das Gesicht eine Fratze der Wut. Aber keine Waffe außer Händen mit scharfen Fingernägeln. Sie war genauso wenig der Schütze, wie sie ein normaler Mensch war, aber sie war dennoch eine Bedrohung.

Also nahm er seine Waffe, schoss und traf direkt in ihre Schulter. Ihr Schrei wurde noch lauter und trug nicht nur mehr Zorn als Schmerz, sondern auch Worte mit sich.

„Dreckiger Bastard!“, fluchte sie.

„Schau an, wie kreativ“, höhnte Gera und wollte diesmal auf ihren Kopf zielen. Doch er unterschätzte die Geschwindigkeit der jungen Frau. Sein Schuss ging ins Leere, als sie den Kopf senkte und sich direkt in seinen Hals verbiss wie ein wildes, knurrendes Tier.

~o~

„Berichten Sie mir bitte, wie es schmeckt. Ich hatte bislang noch keine Gelegenheit, es an Probanden zu testen, die MannaRed konsumiert haben. Bitte unterstützen Sie mich dabei, diese Wissenslücke zu schließen, in Ordnung?“, sagte Dr. Jameson zu Jonathan, der wieder in einem kalten, sterilen Laborraum auf einem Stuhl festgestellt war. Die Fesseln waren nicht ganz so eng wie damals, dennoch musste er zwangsläufig an Elvira denken und an die Folter, die er durchlitten hatte.

Während der Doktor dies sagte, holte er ein Stück gräulich schimmerndes Schneidmadenfleisch aus einer Tiefkühltruhe und platzierte es auf einem Teller wie ein Koch aus einem drogengeschwängerten Albtraum. Fehlte nur noch etwas Basilikum und eine leckere Vinaigrette. Auch sonst machte die Bezeichnung „Laborküche“ diesem Ort alle Ehre. Denn es gab nicht nur wissenschaftliche Utensilien wie Mikroskope, Petrischalen und Reagenzgläser, sonder auch eine Küchenzeile aus glänzendem Edelstahl mit einem Backofen, mehreren Kochplatten, einem Kühlschrank, besagter Tiefkühltruhe und sogar einer Spülmaschine. Zudem gab es an den Wänden Bilder, die Gewürze und verschiedene Nudelsorten darstellten und dämliche Sprüche wie „Essen, Lachen, genießen“ oder „Die Küche ist das Herz des Hauses“. Jonathan vermutete, das Jameson sie angebracht hatte. Carina traute er sowas nicht zu. Früher hätte sie Wanddekoration überhaupt nicht interessiert und jetzt würde sie höchstens Blutspritzer oder Krallenspuren in den Wänden hinterlassen.

„Ich frage mich, ob der Geschmack für sie erträglicher ist oder noch abscheulicher“, sinnierte Jameson, als Jonathan nicht auf seine erste Frage antwortete, und zerlegte das immer noch halbgefrorene Fleisch , „Sie fragen sich vielleicht, warum dieses Fleisch so grau ist. Das liegt daran, dass darin die Gensequenz dominant ist, die sämtliche Emotionen inklusive der Wut ausschaltet. Ihre Freunde lassen wir selbst entscheiden, welchen Weg sie wählen, aber ich fände es unpassend, die Denkfähigkeit eines Kollegen durch zu viel Zorn zu beeinträchtigen. Carinas Wutausbrüche reichen mir ehrlich gesagt schon. Ich brauche nicht noch mehr Würze in meinem Alltag.“

Er blickte zu den beiden Wachmaden als warte er auf ihr Urteil, aber sie zeigten sich unbeeindruckt.

„Was glauben Sie, was Lucy zu ihrem Handeln sagen wird?“, fragte Jonathan ruhig, obwohl er innerlich zitterte. Er redete sich ein, dass es wegen seiner Lage war. Aber tief in sich hielt er den MannaRed-Entzug für wahrscheinlicher. Viel zu lange hatte er nichts mehr von dieser Köstlichkeit geschmeckt.

Jameson antwortete nicht und blickte nur schweigsam auf seine Arbeit.

„Warum tun Sie sich das an?“, versuchte es Jonathan erneut, „Sie sind doch ein rationaler Mann. Sie wissen, dass Lucy das hier nicht gutheißen würde. Genauso wenig wie Carinas Rebellion. Sie würde ihren Maden wahrscheinlich befehlen, sie zu zerreißen.“

„Oh, ich bin ein rationaler Mann“, stimmte Dr. Jameson zu, der sich nun doch zu sprechen entschlossen hatte, während er den Teller mit dem Madenfleisch auf einem kleinen Tisch, direkt vor Jonathan abstellte.

Das stechende, staubige Aroma drang wie eine Chemikalie in seine Nase und der bloße Geruch gab ihm das Gefühl, dass seine Seele betäubt wurde.

„Ich weiß nicht, was Lucy tun würde, wenn sie hier wäre“, sagte er, „vielleicht würde sie mich vernichten, vielleicht auch nicht. Der Geisterglanz hat sie weicher gemacht. Versöhnlicher. Womöglich lässt sie mich am Leben. Vor allem aber ist sie nicht hier und wird vielleicht niemals zurückkehren. Carina aber ist gerade hier und Tod und Strafe gehorchen auf ihren Befehl.“

„Was meinen Sie damit, dass Lucy nicht zurückkehren wird?“, fragte Jonathan verwirrt.

„Das muss nicht ihre Sorge sein“, sagte Dr. Jameson, „sie müssen nur kauen. Schlucken und genießen.“

Er stach mit einer Gabel in das Fleisch, spießte einen wabelligen, großen grauen Brocken auf und führte ihn zu Jonathans Mund. Ein Mund, der sich gerade unheimlich trocken anfühlte.

Jonathan presste seine Lippen fest aufeinander, als die Gabel mit dem Fleisch gegen seinen Mund stieß, und drehte seinen Kopf weg, soweit er konnte.

„Sie haben wohl keinen Hunger“, stellte Dr. Jameson fest, „aber vielleicht Durst?“

Allein dieses letzte Wort ließ Jonathan das Wasser im Mund zusammenlaufen. Er spürte ein Kribbeln in den Nerven, in den Muskeln, selbst in seinem Gehirn. Und ihn ergriff eine Sehnsucht, die fast unerträglich war.

Jameson lächelte. Er ließ die Gabel mit dem Madenfleisch zurück auf den Teller sinken.

Dann ging er erneut zur Küchenzeile, steuerte diesmal auf den Kühlschrank zu und holte etwas hervor. Kein Madenfleisch diesmal, sondern eine wunderbare, durchsichtige Dose mit roter, göttlicher, unvergleichlicher Flüssigkeit, an der eiskalt das Kondenswasser hinabperlte wie in einer beschissenen Cola-Werbung aus den 90ern.

Jonathan erkannte die Strategie. Aber er war dem wehrlos ausgeliefert. Er spannte sich gegen seine Fesseln, leckte sich wie im Wahn über die Lippen und streckte seine Zunge so weit hervor, dass er kurz glaubte, sie würde einfach aus seinem Mund herauswandern und diese kostbare Dose selbstständig öffnen und ausschlürfen. Aber das war nicht nötig. Die Dose kam direkt zu ihm. Zusammen mit Dr. Jameson.

„Ich mache Ihnen ein Angebot, Kollege“, sagte Jameson, „ich lasse Sie gehen und verzichte darauf, Sie mit dem Madenfleisch zu füttern, aber dann stecke ich diese Dose wieder weg. Ja, vielleicht schütte ich sie sogar in den Abfluss.“

Jonathan Augen weiteten sich vor Schreck, was dem grinsenden Doktor nicht entging. Jonathan hatte das Gefühl, dass die Schneidmaden mitlächelten.

„Oder“, sagte er genüsslich, „ich öffne diese Dose und gebe ihnen einen Schluck für jeden Bissen Schneidmadenfleisch, den sie konsumieren. Klingt das akzeptabel?“

Jonathans Muskeln verkrampften sich. Er presste den Kiefer aufeinander, da er verhindern wollte, zu schnell eine Antwort zu geben.

Aber da merkte er, dass er sie längst gegeben hatte.

~o~

Hätte ich meinen Döner heute Mittag doch mit Knochblauch-Sauce bestellt, dachte Gera bevor der Schmerz in seinem Hals jede Ironie erstickte. Die Zähne, die durch seine Haut brachen, waren keine eleganten spitzen Nadeln, sondern ganz gewöhnliche menschliche Zähne, was die Qual nur noch größer machte. Das Mädchen biss langsam zu. Genoss es. Aber hätte sie die Halsschlagader erreicht, wäre es vorbei.

Gera taumelte und spürte, wie ihn die Kraft verließ. Sein Bein drohte unter ihm nachzugeben und die Todesangst lähmte seine Gedanken. Allein auf sein Muskelgedächtnis war Verlass und darauf, was für ein unglaublich sturer Bastard er war. Statt die Waffe loszulassen, krampfte er seine Hände darum und schob sie gefühlt in Zeitlupe näher an den Kopf der Angreiferin. Schließlich war er nah genug. Wahrscheinlich auch, um sich selbst zu treffen, aber das Risiko war er bereit einzugehen. Er schoss erneut und diesmal ging die Kugel seitlich in den Kopf des Madenmädchens.

Entgegen seiner Befürchtung blieb sie dort wohl stecken, denn er spürte keine weitere Verletzung in seinem lädierten Körper. Stattdessen ließ die Körperspannung der Angreiferin nach. Gera mobilisierte seine verbliebenen Kräfte und löste sie vorsichtig von seinem Hals. Er betastete die Wunde. Die Gaut war aufgerissen und ein kleines Stück Fleisch fehlte, aber die Halsschlagader war Gott sei Dank noch intakt.

„Timm, wo bist du? Bin ich zu spät?“, hörte er sie verwaschen sagen. Offenbar lebte sie noch und ihre Stimme war plötzlich nicht wütend, sondern traurig, „ich darf dich nicht auch noch verlieren. Ich hab doch sonst niemanden mehr. Es tut mir leid, wenn ich dich verletzt habe. Ich bin einfach frustriert und verwirrt und … warum kann ich nichts ertasten? Nichts riechen? Nichts schmecken?!“, sagte sie so gequält, dass es Gera in der harten Seele wehtat. Auf irgendeine Weise schien der Schuss einen Teil ihres wahren Selbst freigelegt zu haben. Aber Gera glaubte nicht, dass sie viel mehr davon haben würde als eine Menge Leid. Außerdem musste er sich noch um die Schützin kümmern. Er würde das beenden müssen, beschloss er … doch dann … stand sie auf und sah ihn an.

„Nein“, sagte sie kopfschüttelnd, „ich bin nicht im Kino. Da war dieser Wald. Dieser kalte Ort. Dieses Essen. Uns sie … ich … ich kenne sie … wobei nein … nicht wirklich. Aber ich habe sie schon mal gesehen. Wer … wer sind sie?“

Gera senkte die Waffe. Warum, wusste er auch nicht recht. „Ich bin Polizist“, sagte er. Und als er bemerkte, wie ihr Gesicht sich entspannte, kam ihm ein recht utilitaristischer Gedanke.

„Ich suche böse Menschen“, sagte er, „Menschen, die sich hier im Untergrund verbergen und die auch Sie gekidnappt haben. Haben Sie vielleicht eine Ahnung, wo sie sich verstecken?“

Die Frau sah ihn an. Ihr Blick flackerte unstet zwischen, Wahnsinn, Verwirrung und Angst.

Angst hatte auch Gera. Er spürte die Bedrohung des unbekannten Schützen in seinem Nacken und spürte, wie seine Nackenhaare sich aufrichteten, aber er wagte es nicht, den Blickkontakt zu dem Madenmädchen zu unterbrechen. Er hatte das Gefühl, dass seine Aufmerksamkeit das Einzige war, was sie davon abhielt, wieder in ihre alte Aggression zurückzugleiten. Nicht, dass er nicht in der Lage wäre, sie endgültig zu erschießen. Sowohl moralisch als auch von seinen Reflexen her traute er sich das zu – verletzt oder nicht – aber schade wäre es.

„Ich … ich glaube schon …“, stammelte Tassy verwirrt, „da ist irgendwo eine Falltür. Gut verborgen. Aber ich glaube, ich weiß ungefähr, wo sie ist.“

„Wunderbar“, sagte Gera sanft, „gutes Mädchen. Glauben Sie, Sie können mich hinführen.“

Sie nickte zögerlich. „Ja“, sagte sie, „wobei ich nicht weiß, warum ich hier bin. Aber ich glaube, ich kann es ihnen zeigen. Aber wissen Sie vielleicht, wie ich hierherkam?“

„Leider nein“, sagte Gera, „aber das wollen wir herausfinden. Wir werden diese Leute dingfest machen und verhören und wenn ich dafür persönlich auf ihren Stimmbändern herumdrücken muss.“

Wieder nickte die Frau, deren Adern noch immer sehr bedrohlich aussahen. Genau wie das Loch in ihrem Kopf, aus dem Blut sickerte. Trotzdem ging sie los und Gera schloss sich an, wobei er sich bemühte, mit ihr Schritt zu halten. Zum Glück war zumindest die Verletzung an seinem Fuß nicht so schlimm und um die an seiner Schulter würde er sich später kümmern müssen. Aber er biss die Zähne zusammen und achtete darauf, sich im Windschatten der jungen Frau aufzuhalten.

Das Madenmädchen arbeitete ganz sicher mit dem Schützen (oder der Schützin, diese Möglichkeit gab es natürlich auch) zusammen und er hatte zumindest die leise Hoffnung, dass er oder sie eine Verbündete nicht so einfach opfern würde. Aber selbstverständlich gab es dafür keine Garantie. In diesen Tagen waren schon Menschen nicht für ihre Loyalität und ihr Mitgefühl bekannt und nach allem, was er wusste, galt das für diese Geschöpfe in noch viel stärkerem Maße.

Auch deshalb schlug sein Herz schneller, als sie die Baumgrenze wieder verließen. Halb rechnete er mit einem gut gezielten Kopfschuss, aber der blieb zunächst aus.

„Sind Sie der einzige Polizist hier?“, fragte die Frau, während sie zügig über die Lichtung schritten.

„Ja“, sagte Gera, „ich sollte hier nach dem Rechten sehen.“

„Ein Mann, um ein Nest von Terroristen auszuheben? Das ist lächerlich!“, keifte die Frau plötzlich, formte ihre Hand zu einer Kralle und blieb damit nur wenige Zentimeter vor Geras linkem Auge stehen. Das Vertrauen in seine Reflexe bekam Risse, aber zumindest nicht seine Netzhaut. Vorerst nicht jedenfalls.

„Tut mir leid“, sagte sie und wurde wieder ruhiger, „ich weiß nicht, was in mich gefahren ist.“

Ich schon, dachte Gera und fragte sich, ob die Frau nicht doch ein zu hohes Sicherheitsrisiko darstellte. Allerdings hatte er keine Lust, die gesamte Grasfläche nach einem Zugang abzusuchen, während ein Scharfschütze auf ihn lauerte.

„Alles gut“, sagte er deshalb mit möglichst ruhiger Stimme und entschied sich für eine wohldosierte Portion Ehrlichkeit, „Ihre Zweifel sind berechtigt. Ich würde mir auch ein ganzes Team wünschen und es wäre auch effektiver. Aber es sind andere Zeiten. Die meisten in meiner Abteilung jagen lieber politischen Dissidenten hinterher und das wahre Verbrechen wird stiefmütterlich behandelt. Bevor sie das schwere Gerät und die Kavallerie mobilisieren, wollen sie erst Gewissheit, dass es sich auch lohnt.“

„Wie dumm“, sagte sie, was besonders ironisch klang, da ihr Mundwinkel auf einer Seite starr blieb und Sabber daraus hervor rann. Ohnehin schien die Gesichtshälfte, in der sie seine Kugel getroffen hatte, vollkommen gelähmt zu sein. Er hatte anscheinend mehr beschädigt, als er gedacht hatte, und so langsam zeigte sich das.

„Ja, so sind die Menschen leider“, sagte Gera, „aber keine Sorge: Ich bin ein Veteran und gut darin, alleine zu arbeiten. Ich bringe sie heil hier raus.“

Bei den letzten Worten entstand ein mulmiges Gefühl in seinem Bauch. Diese Frau würde nicht einmal Gott höchstpersönlich noch heil irgendwohin bringen. Aber seine Laune verbesserte sich bei ihren nächsten Worten.

„Hier ist es“, sagte sie und beugte sich hinab. Ihre Finger betasteten das Gras und schoben sich an einer Stelle hinein und hoben die Grasnarbe an. Knarzend öffnete sich eine Falltür.

Wieder waren es Geras Polizistensinne, die ihm den Arsch retteten. Oder vielleicht war es auch irgendeine höhere Macht, die eine Vorliebe für nekrophile, moralisch zweifelhafte Bullen hatte.

Noch bevor er etwas hörte oder sah, verspürte er den Impuls, in Deckung zu gehen, und gab ihm nach.

Der Schütze hatte eine ähnlich gute Intuition. Er folgte Geras Ausweichmanöver und korrigierte seinen Schuss, noch bevor er sich aus seiner Waffe löste. Die Kugel zielte genau auf Geras Kopf und traf ihn mitten auf die Stirn. Zu seinem unverschämten Glück durchschlug sie lediglich die Haut und prallte von seinem Schädelknochen ab.

Gera hatte nämlich hinter dem einzigen Deckung gesucht, das er finden konnte. Dem Madenmädchen, dessen Gehirnmasse und Kopf dem Projektil die Wucht genommen hatten und deren Überreste nun seinen Anzug verschmutzten.

Gera fröstelte. Ihm wäre es lieber gewesen, wenn sie für ihn ein Monster geblieben wäre. Aber damit konnte er sich später beschäftigen. Stattdessen hob er seine Waffe und feuerte seine

Waffe auf die grau gekleidete Schützin ab. Weniger in der Absicht, sie zu treffen, sondern vor allem, um sie beschäftigt zu halten und sie in die Deckung zu zwingen. Gleichzeitig griff er mit seiner linken Hand nach dem Handgelenk der toten Frau. Ihr bewegungsloses, noch warmes Fleisch bewegte etwas in seinen Lenden, aber seine Anteilnahme erstickte seine perversen Triebe schnell, während er ihren Arm hob und ihn wie einen Hebel für die Falltür nutzte. Der Knochen knirschte, aber er hielt und die gut verborgene Tür öffnete sich.

Gera sah die Schützin an, während er in die Öffnung kletterte. Ihre Blicke kreuzten sich. Beide eiskalt. Aber Geras Blicke waren Eiswürfel in einem Cocktail mit Schirmchen und die der Frau ein Berg aus gefrorenem Stickstoff. Trotzdem ließ er sich nicht einschüchtern. „Wenn du mir folgst, warte ich auf dich, du Kollegenschwein“, versprach er der Schützin. Dann rutschte er hinab ins Ungewisse, während ein weiterer Schuss knapp über seinen Erdmännchenschädel peitschte.

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