
Lucy hatte gedacht, dass sie wüsste, was Zorn ist. Kein Wunder, hatte sie doch lange Zeit nichts anderes fühlen können. War diese Emotion doch die einzige Abwechslung von der eiskalten Taubheit ihrer Madenkind-Existenz gewesen. Ein nukleares, ungesundes Feuer, aber dennoch ein Feuer, an dem sie sich hatte wärmen können. Doch was sie gekannt hatte, war ein Witz gewesen. Eine lächerliche Imitation, die Karikatur eines besoffenen, inkompetenten Zeichners. Wahrer Zorn nämlich konnte nur aus Glück und Liebe entstehen. Und er gedieh am besten, wenn einem das genommen wurde, was man wirklich liebte. Was Lucy fühlte, als sie neben den zerrissenen, eiskalten Überresten ihrer Mutter erwachte, war mörderisch. Sie fühlte sich wie eine Grube, wie ein schwarzes Loch, das nicht mal von zehntausend Leichen gefüllt werden könnte. Sie wollte Schmerz und Folter verteilen wie ein Füllhorn, wollte den Tod heiraten, nein verkörpern und das in seiner grauenhaftesten nur denkbaren Form. Doch sie war nicht nur eine Kampfmaschine. Sie war immer noch ein Kind. Ein Kind, das seine Mutter gefunden und wieder verloren hatte und die Trauer wirkte wie ein Schwall Eiswasser auf ihren Zorn. Vorerst.
Noch immer von Schmerzen gepeinigt, aber wieder bewegungsfähig schleppte sie sich auf ihre Mutter zu, an deren bleichen, leblosen Körper sich Polly angeschmiegt hatte. Offenbar nicht, um sie zu verschlingen, was ihr Lucy aufgrund der räuberischen Art der Kreatur nicht einmal wirklich übel genommen hätte. Schneidmaden waren leidenschaftliche Fleischfresser und außer ihr gegenüber neigten sie nicht gerade zu Zurückhaltung. Und dennoch ruhte der dicke, geringte Körper des Tieres wie der eines Hundes neben dem ihrer Mutter. So als wollte sie der Toten Trost spenden. Rührung stieg in Lucy auf und sie sah die Made noch einmal mit ganz anderen Augen. Vielleicht war es vro allem der Knochenwald, der diese Geschöpfe grausam machte. Und vielleicht, nur vielleicht, war jede Kreatur tief in sich zu Empathie fähig. Nun, abgesehen vielleicht von dem Arschloch, das ihre Mutter getötet und ihren Vater entführt hatte.
Dass sie die Soldaten nicht einfach getötet hatten als sie bewusstlos und blind hier gelegen hatte, hatte gewiss nichts mit Mitleid zu tun. Aber womit dann? Wollte ihr jemand eine Botschaft senden? Aber welche? Und vor allem wer? Die Schlampe Elvira gebot nicht länger über die Madensoldaten. Immerhin hatte Lucy ihr ihre Forschungsstation vor der Nase weggeschnappt, auch wenn Elvira sicher noch irgendwo da draußen war. Dennoch kam sie kaum als Verantwortliche in Frage.
Also die Polizei? Denkbar, doch auch wenn sie wusste, dass die nach ihr suchte, waren diese Pisser bislang kaum in der Lage gewesen, ihre eigenen Schnürsenkel zu finden und hatten insgeheim wahrscheinlich viel zu viel Schiss vor ihr und ihren Maden. Dann womöglich Eden und seine CfD-Schergen? Irgendeine Spezialeinheit? Ja, das ergab Sinn. Die Polizei hatte zwar auch Zugriff auf Madensoldaten, aber nach allem was sie wusste, bekamen die meist nur die Ausschuss-Ware, die schwer kontrollierbar, träge oder anderweitig mangelhaft war.
Das hier waren aber keine frisch rekrutierten Looser von der Straße gewesen, die man im Eilverfahren mit Madenfleisch gemästet hatte. Diese Leute waren verdammt gut ausgebildet gewesen und hatten das Fleisch perfekt in ihr System integriert. Das mussten die Lieblingsspielzeuge des Möchtegern-Diktators gewesen sein. Eden und sein Dämlack-Faschopack mussten sie als die Bedrohung erkannt haben, die sie ja auch war und statt sie auszuschalten, macht sie sich ein dämliches Spiel daraus. Weil sie ungefähr so viel von Effizienz verstanden wie von Mitmenschlichkeit. In diesem Fall mochten sie feststellen, dass es in ihrem kleinen Spielzimmer bald rumpeln würde. Oh ja, und zwar gewaltig.
Wieder wanderte Lucys Blick zu Polly und ihrer toten Mutter zurück. Unzählige Erinnerungen überfluteten sie, schmerzhafter als ein Bad im Milchigen See und doch süßer als MannaRed. Erinnerungen an gemeinsame Ausflüge, an Besuche im Zoo (sie hatte die Affen geliebt), im Kino (sie hatte die albernen Filme besonders geliebt) und in jenem kleinen Wäldchen, wo sie manchmal auf der Lichtung gepicknickt hatten und diese herrliche Aussicht in das kleine Tal mit den Gänseblümchen und dem Teich genossen hatten. Sie hatte den Ameisen zugesehen, ihren intelligent gewählten Wegen, ihrer faszinierenden Zusammenarbeit und manchmal hatte sie etwas von ihrem belegten Brot für sie dagelassen. All das war unendlich wertvoll. Doch nichts war so unersetzlich wie die kleine Blase aus Harmonie und Sicherheit, die sie heute verloren hatte. Für immer verloren. Selbst, wenn sie ihren Vater retten konnte, selbst, wenn sie den Schmerz überwinden, die Welt heilen und sie selbst ein ganz normales Mädchen werden würde: ohne ihre Mutter war ihr Netz der Geborgenheit löchrig geworden. Es hielt noch – immerhin liebte sie auch ihren Vater – aber sie würde wissen, dass es nur ein Beben, einen kurzen, kräftigen Windstoß brauchte, um es vollkommen einzureißen. Ein Windstoß, wie ihn Eden erzeugen konnte.
Lucy wollte schreien, verzweifeln. Einfach nur zitternd auf dem Boden zusammenbrechen. Und das würde sie – oh bei Gott, das würde sie. Sie hatte sich zu lange taub gefühlt, um ihre Gefühle nicht auszuleben, egal wie übel sie schmerzten. Doch zuerst musste alles geregelt werden. Wenn sie Rache nehmen und – noch wichtiger – ihren Vater zu sich zurückholen wollte. Wenn sie nicht zu dem werden wollte, was ihre Madenkinder größtenteils waren: Eine Waise.
Alles in Lucy brannte darauf, direkt in Edens Hauptquartier zu marschieren und es in Schutt und Asche zu legen. Aber das wäre Selbstmord. Und sie wusste nicht einmal, ob sich ihr Vater überhaupt dort befand. Wenn sie Edens Terrorregime aufmischte, gab ihr das vielleicht ein gutes Gefühl, aber wenn ihr Vater hilflos irgendwo in der Ferne starb, würde jeder noch so triumphale Sieg schal schmecken.
Aber selbst, wenn sie in dieser Hinsicht Glück hätte, wäre es mehr als leichtsinnig sich ganz allein oder nur mit Polly mit Edens Schergen anzulegen. Die CfD-Leute waren fast alle dumm, korrupt und inkompetent. Das hatten Faschisten so an sich. Egal, wie geil sie vordergründig auf Disziplin waren. Eigentlich waren es nur Idioten mit Aggressionsproblemen, die einen unbeaufsichtigten Spielplatz für ihre Gewaltfantasien suchten. Doch die Madensoldaten waren anders. Und auch die CfD-Deppen waren zumindest zu gut ausgerüstet, um keinerlei Bedrohung darzustellen. Sie konnte versuchen, das Gebäude zu infiltrieren, aber sie sollte besser eine Armee in der Hinterhand haben, die ihr notfalls zur Hilfe kommen konnte.
Und es gab nur einen Menschen, der ihr helfen konnte, die zu bekommen. Sie griff zu ihrem Handy, das wie durch ein Wunder ebenfalls noch intakt war und das sich auch keiner der Soldaten eingesteckt hatte.
„Carina …“, sagte Lucy sofort, als sie sah, dass der Anruf angenommen wurde, „ … ich … ich brauche deine Hilfe.“
Sie war selbst überrascht, wie zitterig und aufgelöst sie klang. Kein Wunder, sie hatte lange Zeit keine Gelegenheit gehabt, zu lernen, wie man mit emotionalem Schmerz umging.
„Ja, Lucy. Alles in Ordnung?“, antwortete emotionslose Stimme ihrer Stellvertreterin, die Lucy paradoxerweise noch trauriger machte. Gerade hatte Carina keinen Anlass, Zorn zu zeigen, aber insgeheim sehnte Lucy das herbei. Diese scheinbare Gleichgültigkeit machte ihr Angst, nun da sie sie nicht mehr teilte. Es war fast wie die einzige Nüchterne in einer Gruppe Betrunkener zu sein, nur dass es vom Erleben her wohl eher umgekehrt war.
„Nein, nicht wirklich“, sagte Lucy, bemüht ihre Stimme unter Kontrolle zu halten, womit sie kläglich scheiterte, „Es gab einen Angriff. Von Madensoldaten. Sie … sie haben meine Mutter getötet, meinen Vater entführt und auch mich und Polly angegriffen.“
Selbst durch das Telefon konnte Lucy förmlich hören, wie die Adern in Carinas Gesicht anschwollen.
„Das ist unmöglich“, sagte sie wütend und zugleich noch immer rational, wie sie es von Carina gewohnt war, „die Soldaten sollten dich nicht angreifen können. Und Polly schon gar nicht. Das liegt nicht in ihrer Natur.“
„Ich weiß, so war es zumindest bisher“, sagte Lucy, „aber sie müssen dieses Problem gelöst haben. Oder es liegt am Geisterglanz.“
Eigentlich war es unmöglich, aber fast glaubte Lucy so etwas wie ein trauriges Seufzen von Carina zu hören, als sie das Mittel erwähnte, von dem es leider viel zu wenig gab. Lucy schwor sich, sich noch intensiver um das Heilmittel zu bemühen, sobald sie ihre Rache genommen und ihren Vater gerettet hatte. Diese Existenz war kein Zustand. Sie war schlimmer als jede Folter und dass sie ihre Kaninchen dennoch in den Kampf schickte, beschämte sie. Natürlich dienten sie ihr. Sie kannten nichts anderes und sie suchten nach Orientierung und sie waren noch viel weniger für den Frieden geschaffen als gewöhnliche Soldaten. Bald würden sie endlich eine Wahl haben. Zunächst aber musste Dinge geregelt werden.
„Du wirst Rache nehmen“, stellte Carina fest. Es war keine Frage. Wenn Carina etwas nachvollziehen konnte, dann den Wunsch nach Rache.
„Das werde ich“, sagte Lucy, „ich werde die Verantwortlichen in winzige Stücke reißen und jeden Funken Leid aus ihnen herauspressen. Doch zunächst muss ich wissen, wer genau sie sind und ich muss meinen Vater zurückholen. Außerdem muss ich es schaffen, die Falle zu umgehen, die der Verantwortliche garantiert für mich vorbereitet hat. Für all das brauche ich Informationen. Vielleicht könntest du versuchen, dich ein wenig im Untergrund umzuhören. Es gibt Millionen von Bettlern, Wurmschlampen und korrupten Bullen dort draußen, in all dem Elend, das Eden geschaffen hat. Vielleicht hat jemand von denen was gehört oder gesehen. Es ist riskant, aber wenn wir ein wenig Geld in die Hand nehmen und eine Beschreibung meines …“
„Das ist nicht nur riskant, sondern dumm“, fuhr Carina dazwischen, „Genauso gut könntest du ein Social Media Profil anlegen und deinen Aufenthaltsort rausposaunen und dazu gleich noch ‘ne Werbekampagne schalten.“
„Mag sein. Aber ich kann auch nicht einfach auf Verdacht in Edens Hauptquartier rennen“, widersprach Lucy.
„Das schlage ich auch nicht vor“, antwortet Carina, „aber es gibt eine bessere Möglichkeit. Ich habe ein wenig geforscht. Die Zeit kann lang werden in unserem Zustand, wie du ja weißt und wenn man nichts töten kann, muss man sich anderweitig ablenken. Nun, zugegeben, Doktor Jameson war dabei natürlich auch nicht ganz untätig, genau wie seine Motivationsgehilfen Tod und Strafe. Wie dem auch sei, unsere Forschung hat Früchte getragen. Und zwar in Form von Schneidfliegen, die kaum größer als eine gewöhnliche Stubenfliege sind, aber viel intelligenter. Sie sind gut darin, nicht gesehen zu werden, kommen durch alle Ritzen und ihr Biss kann Feinde im Notfall für kurze Zeit betäuben. Das wichtigste aber ist: Wir können das, was die Fliegen gesehen und gehört haben aus ihrem Gehirn auslesen und sichtbar machen. Kurzum: sie sind die perfekten Spione.“
„Das ist großartig“, freute sich Lucy, „dann gib mir bitte Bescheid, wenn wir etwas herausgefunden habe, und schick‘ schon mal ein paar Maden und Kaninchen zu mir, die mich unterstützen können, wenn nötig. Und auch gerne diese kleinen Spionagefliegen. Die könnten sehr nützlich sein.“
„Wie du befiehlst“, sagte Carina und der Zorn, der in ihren Worten mitschwang, so glaubte Lucy jedenfalls, galt zu einem gewissen Teil auch ihr.
„Danke dir, Carina“, erwiderte Lucy betont freundlich, „und Carina?“
„Ja?“, fragte ihre Stellvertreterin verwirrt.
„Ich werde dir Geisterglanz besorgen, wenn das hier vorbei ist. Und wenn ich dafür höchstpersönlich durch die Frontlinie marschieren muss“, versprach Lucy.
„Das ist gut“, sagte Carina kühl, „ich nehme dich beim Wort.“
Mit diesen Worten legte sie auf.
Lucy war durchaus bewusst, dass Carinas letzter Satz auch zu einer Drohung werden konnte, wenn sie sich nicht an ihr gegebenes Versprechen hielt. Aber das war in Ordnung. Sie wollte es nicht brechen und wenn sie es doch tat … nun, jeder musste für das bezahlen, was er tat. Allen voran jene, die ihre kleine Familie überfallen hatten.
Aber Jetzt, da alles Organisatorische geregelt war und sie nur noch auf Carinas Anruf und die Unterstützung aus ihrem Versteck warten musste, gab es für sie erst mal nur noch eines zu tun.
Als Lucy das Handy weglegte, wurde sie von der furchteinflößenden Anführerin wieder zur Tochter. Einer trauernden, verzweifelten und einsamen Tochter.
Sie sah zu Polly, die noch sich noch immer eng an ihre Mutter anschmiegte, aber sie mit ihren schwarzen Knopfaugen mit überraschend viel Anteilnahme anblickte.
Lucy blickte zurück und lächelte, auch wenn ihr Herz zersprang und ihr Gesicht tränenverschmiert war. Sie sah lieber in das bedrohliche Gesicht der Made, das einige auch hässlichen nennen würden als noch einmal auf die abgetrennten Arme ihrer Mutter oder in deren gebrochene Augen zu sehen. Doch Lucy ekelte sich nicht vor der Leiche ihrer Mutter. Ganz im Gegenteil. Sie brauchte jetzt alle Nähe, die sie bekommen konnte. Also beugte sie sich hinab, legte sich hin und umarmte den kalten, reglosen Torso. Irgendwo zwischen Schmerz, einem Zerrbild einstiger Geborgenheit und morbider Trauerbewältigung kuschelte sich ein, direkt zwischen Polly und der Toten und stellte sich vor, dass ihr vom wütenden Blut genährter eigener Herzschlag der ihrer Mutter wäre. Dass sie gleich aufwachen und ihr einen Tee machen würde, ganz gleich, ob sie noch Arme hatte oder nicht. Irgendwann schlief Lucy ein und träumte von Rache.
~o~
Als es klopfte, war Lucy sofort in Alarmbereitschaft. Ihr Kopf war vernebelt von einem bitteren Cocktail von Emotionen, aber ihr Körper reagierte instinktiv. Sie stand auf und stürmte fast unhörbar leise zur Tür. Polly folgte ihr ohne Befehl und öffnete ihren kreisrunden Mund kampfbereit.
Als sie durch den Türspion blickte, verschwand ihre Skepsis nicht. Dort standen zwar weder Madensoldaten, noch Polizisten oder irgendwelche Spinner in CfD-Uniform, aber auch keines von ihren Madenkindern, sondern ein vielleicht siebzehnjähriger, ausgemergelter Teenager mit langen Haaren, dreckigen, pickeligen Gesicht mit markanter langer Nase, einem schwarzem T-Shirt und einer zerrissenen Jeans, der ziemlich nervös wirkte.
„Ha … Hallo“, sagte er vorsichtig, „ist … Lucy … Lucy Hermann, bist du da?“
Natürlich musste der Junge damit gerechnet haben, dass man ihm öffnete, aber er hatte definitiv nicht damit gerechnet, dass es auf die Lucy-Art geschah. Denn als sie die Tür unvermittelt aufriss, den verdutzen Jungen packte und ihn Polly drohend anfauchte, wirkte er doch ziemlich überrascht.
„Wie praktisch“, sagte sie kalt und blickte den Unbekannten herausfordernd an, „Polly hat lange nichts mehr gegessen. Wusste nicht, dass sich das Essen in dieser Gegend neuerdings selbst liefert.“
„Bitte!“, flehte der Junge, „tu mir nichts, ich komme im Auftrag von …“
„… Eden“, beendete sie den Satz für ihn und festigte ihren Griff um seinen Hals.
„Nein!“, sagte er plötzlich nicht mehr verängstigt, sondern eher beleidigt, „für dieses Dreckschwein würde ich nicht mal ‘ne Dose in die Tonne werfen, selbst wenn es mir das Leben retten würde. Nein, ich komme von … Carina schickt mich.“
Lucy lachte. Es klang nicht amüsiert. „Warum sollte Carina dich zu mir schicken? Du bist doch kein Madenkind, oder? Das sehe ich genau. Du bist ein verängstigter Hosenscheißer, dem Eden ein paar Reichsmark versprochen hat, wenn er mir irgendwelchen Mist erzählt.“
„Würde ich dann ihren Namen kennen?“, gab der Junge zu bedenken.
Das ließ Lucy zögern. Aber nur für einen Augenblick. „Meine Feinde, wissen, wer meine Stellvertreterin ist“, sagte Lucy und kam ein Stück näher. Die Adern in ihrem Gesicht pulsierten wie ein Spiegel der Angst im Antlitz des Jungen, „und aus welchem beschissenen Grund sollte Carina jemanden wie dich als Boten auswählen? Wenn sie mir etwas sagen will, kann sie einfach anrufen.“
„Das kann sie nicht“, sagte der Junge stotternd, „nicht mehr. Die haben eine Kommunikationssperre über dem ganzen Gebiet verhängt. Und sie haben die Luftabwehr hochgefahren. Ich … versteh von solchen technischen Dingen nicht viel, aber … ich bin einer von euch … oder will es werden … ich wollte ein Madenkind werden. Schon lange. Deshalb hat Carina mich angesprochen …“
„Verarsch’ mich nicht!“, schrie Lucy und ihr Gesicht wurden von den weißen Adern so sehr zerrissen, dass es fast auseinanderfiel, während sie den Jungen so fest gegen die Tür presste, dass sein Rückgrat ächzte, „Wenn du mich schon anlügst, dann verdammt nochmal mit einer schlüssigen Geschichte! Wie soll sie dich angesprochen haben, wenn es eine Kommunikationssperre gibt und sie die Luftabwehr hochgefahren haben. “
„Damit!“, sagte der Junge, dann öffnete er den Mund und bekam einen glasigen Ausdruck in den Augen, als eine Fliege hinausflog, die direkt auf ihrer Hand landete. Schon auf den ersten Blick erkannte Lucy, dass es sich um keine normale Fliege handelte. Unter ihrem Rüssel saßen winzige Zähne, sie war dicker und gedrungener und ihre Flügel hatten eine weißliche Farbe. Es war eindeutig eine Schneidfliege. Eine von den winzigen Exemplaren, von denen Carina gesprochen hatte, musste es hierher geschafft haben. Ohne den Jungen loszulassen, griff sie nach ihrem Smartphone und registrierte, dass es tatsächlich keinen Empfang mehr hatte. In diesem Punkt hatte der Junge ebenfalls die Wahrheit gesprochen. Sie war noch immer nicht sicher, ob sie ihm wirklich vertrauen konnte, aber sie vertraute ihm zumindest genug, um ihn nicht direkt an Polly zu verfüttern.
Vorsichtig, damit er nicht einfach vor Schreck auf den Boden knallte, ließ sie ihn los.
„Ich glaube dir“, sagte Lucy was zumindest näherungsweise stimmte und streckte ihm die Hand hin, „Lucy Hermann mein Name und das hier ist Polly. Auch wenn du das wahrscheinlich schon weißt.“
„Angenehmen. Ich heiße Tobias“, antwortete der Junge. Danke, dass du mich nicht tötest. Ich … ich wollte wirklich nur helfen. Ehrlich“, sagte der Junge und plötzlich hatte Lucy Mitleid mit ihm. Sie hatte ihn unfair behandelt, zumindest, falls sein Botengang kein Trick war. Unfairer sogar als es ihre eigene Situation rechtfertigen würde.
Mitleid war kein einfaches Gefühl. Aber es tat gut. Auf seine Art. Wie alle Gefühle, die sie so lange vermisst hatte.
„Wenn du mir danken willst, dann werde kein Madenkind“, sagte Lucy streng, „das ist nichts Erstrebenswertes. Es ist die reinste Hölle. Ich habe Carina schon so oft eingeschärft, dass sie es lassen soll, Leute dafür zu rekrutieren, aber sie hört offenbar nicht auf mich. Tu du es wenigstens. Du kannst uns helfen, aber bleibe ein Mensch. Es gibt schon genug Monster da draußen. Glaub mir, du willst nicht ohne Emotionen existieren.“
„Du weißt nicht wie es ist dort draußen … in Edens Welt“, antwortet der Junge plötzlich sehr erwachsen, „wie es als gewöhnlicher Mensch ist. Wir haben kaum etwas zu essen. Die Polizei und die Militärs quälen und töten uns manchmal zum Spaß. Viele müssen sich prostituieren. Und andere verschwinden einfach. Sie haben auch meine Eltern entführt. Genau wie deinen Vater. Doch sie sind fort für immer und irgendein Bastard gönnt sie sich jetzt als Erfrischungsgetränk. Ich habe genug gefühlt für ein Leben. Und vor allem war ich lang genug schwach und hilflos.“
„Du hast keine Ahnung, wovon du redest“, sagte Lucy, „und ich werde nicht zulassen, dass du es herausfindest. Es wurden schon genug Seelen verstümmelt. Glaub mir, ich kenne beide Seiten. Die Taubheit und den Schmerz. Scheiße, meine Mutter ist vor ein paar Stunden hier verreckt, aber dennoch fühlt sich selbst das noch immer besser an als jeder Moment als seelenlose Killermaschine.“
„Aber …“, wollte der Junge protestieren.
„Ich weiß, was du sagen willst“, antwortete Lucy, „Schwäche ist beschissen, gerade wenn man so viel Ungerechtigkeit erlebt. Deshalb habe ich ein Angebot an dich. Einen Handel, wenn du so willst. Du weißt, wo sie meinen Vater hingebracht haben, oder? Du hast es gesehen.“
„Ja“, bestätigte der Junge, „in so ein Gebäude in einem Hinterhof. Aber es … es ist schwer zu beschreiben. Es ist … es ist besser, wenn ich dich hinführe.“
Lucy erkannte sofort, dass der Junge sich lediglich unentbehrlich machen wollte und immer noch Angst hatte, als Madenfutter zu enden. Sie gönnte es ihm. Er hatte schon genug Ängste durchgestanden.
„Gut“, sagte Lucy, „es gibt da ein Mittel, es nennt sich ‚Geisterglanz‘. Es kann die Seele vom Einfluss des Madenfleischs heilen, so wie bei mir. Aber die Herstellung ist kompliziert. Dennoch verspreche ich dir: Wenn du keine Dummheiten versuchst und mir zeigst, wo sie meinen Vater hingebracht haben, werde ich deine Verwandlung erlauben, sobald das Mittel in ausreichender Menge verfügbar ist. Das verspreche ich dir. Dann bist du körperlich stark und innerlich heil. Wärst du damit einverstanden?“
„In Ordnung“, sagte Tobias nach kurzem Zögern, „das bin ich. Wir können direkt aufbrechen.“
„Perfekt“, sagte Lucy und betrachtete die kleine Schneidfliege auf ihrem Handrücken, „aber eine Frage hätte ich vorher noch.“
„Ja?“, sagte Tobias.
„Wie fühlt es sich an, wenn diese Fliege in dir ist?“, fragte sie.
„Oh“, antwortet der Junge, „das ist gar nicht so schlimm. Es zwickt etwas, wenn sie sich eingräbt und manchmal ist da so ein Brummen im Ohr, aber sie kontrolliert nicht meine Gedanken oder so. Sie kann nur Botschaften abspielen und aufzeichnen, nach dem, was mir Carina erzählt hat.
„Ich verstehe“, sagte Lucy, „hast du noch weitere von ihnen gesehen?“
„Nein“, erwiderte Tobias, „möglich, dass es noch mehr gibt und sie vielleicht noch andere wie mich gefunden haben. Aber da sonst keiner hier ist …“
„Alles klar“, sagte Lucy, „sie wären hilfreich gewesen, aber wir schaffen das auch so. Dann lass uns losgehen und ich verspreche dir, sollte ich dort drin einen von diesen Mistkerlen abmurksen, widme ich ihr Leiden deinen Eltern.“
Nun lächelte Tobias zum ersten Mal, seit sie sich begegnet waren.
~o~
„Das ist nicht dein Ernst, oder?“, fragte Lucy als sie in besagtem Hinterhof angekommen waren. Es war eigentlich eher eine Seitengasse und sie befand sich nicht in einem Gewerbe- oder Industriegebiet, sondern mitten in der Fußgängerzone der Stadt. Dennoch waren sie auf dem Weg dahin nur wenigen Menschen begegnet und die letzten Minuten praktisch niemandem mehr. Entweder hatte sich herumgesprochen, dass hier schon häufiger Menschen verschwunden waren oder es lag an der wirklich miesen Ausstrahlung des Gebäudes, zu dem Tobias sie geführt hatte. Es war ein Spielzeugladen. Randvoll mit Puppen, Actionfiguren, Plüschtieren, Spielekonsolen, Klemmbausteinen, Brettspielen und anderem Zeug. Durch die indirekt von der Straßenlaterne beleuchtete Ladenfront blickten sie dutzende geformte, gebaute und gezeichnete Gesichter neugierig und … irgendwie feindselig an. Irgendetwas stimmte mit ihnen nicht, aber sie konnte nicht sagen, was es war. Zumal das Licht keinen Deut weiter als bis zum Schaufensterbereich in den ansonsten stockfinsteren Laden reichte.
„Ich weiß, du hast vielleicht eine Lagerhalle erwartet oder sowas“, sagte der junge Mann, „hab ich eigentlich auch. Ich … ich hab nur gesehen, wie sie ihn in die Gasse geschleift haben. Danach bin ich schnell weg … ich … ich wollte nicht auch dort enden, verstehst du.“
„Verstehe“, sagte Lucy nachdenklich und blickte zu Polly, die ihren Vorderkörper nervös aufgerichtet hatte und ihren Kopf prüfend in alle Richtungen neigte. Lucy spürte dieselbe Nervosität. Ihre Adern pochten und die Härchen auf ihren Armen waren aufgerichtet. Das war jedoch nichts gegen Tobias’ Unruhe. Der Junge fingerte so hektisch an seinen Armen herum, als wäre er entweder ein Junkie oder ein Weiser des Gebeins in Ausbildung. War es nur die Angst vor diesem Ort oder war da mehr?
„Bist du dir dann überhaupt sicher, dass sie ihn in den Laden gebracht habe?“, erkundigte sich Lucy und sah sich genauer in der Gasse um. Zu ihrer Linken war der Spielzeugladen das einzige Gebäude und zu ihrer Rechten gab es nur zugenagelte, verfallen scheinende Wohnhäuser. Doch am Ende der Gasse befand sich die Rückseite einer Garage, deren Flachdach zwar hoch, aber nicht überwindbar schien.
„Ja“, sagte Tobias nachdrücklich, „ich meine, natürlich kann ich das nicht mit Sicherheit sagen. Aber es ergibt Sinn. Es kursieren Geschichten über den Laden. Ein paar, die im letzten Augenblick entkamen, haben davon erzählt.“
„Was haben sie erzählt?“, fragte Lucy.
„Nichts Genaues leider. Aber von Folter, von irren Bewegungen und Geräuschen aus dem Untergrund. Die meisten waren halb wahnsinnig oder sehr verschwiegen. Aber ich schätze, es ist sehr wahrscheinlich, dass sich dein Vater irgendwo dort befindet“, sagte Tobias.
„Das ist nicht sehr hilfreich“, sagte Lucy leicht verärgert.
„Es … sorry“, sagte Tobias, „mehr weiß ich leider nicht … ich … wirst du mir trotzdem … wirst du …“
„Ich halte mein Versprechen“, sagte Lucy und lächelte freundlich, „wenn wir hier heil wieder rauskommen und das Mittel fertig ist, werden wir dich bei meinen Kindern begrüßen.“
„Das … das ist toll“, sagte der Junge strahlend, „kann … kann ich dann jetzt gehen?“
Lucy sah ihn skeptisch an. Sie hatte ihn eigentlich für mutiger gehalten. Gerade hatte er noch den Eindruck gemacht, dass er sich nichts sehnlicher wünschen würde als Rache und die Gegelegenheit sich zu beweisen. Doch wahrscheinlich konnte ein solcher Ort einem jeden den Mut nehmen. Vor allem, wenn man die entsprechenden Geschichten darüber gehört hatte.
„Schon gut“, sagte Lucy, „ich werde dich kontaktieren, sobald wir deine Hilfe gebrauchen können. Polly sollte deine Witterung haben. Und wenn sie dich nicht findet, nun Carina hat dich ja schon einmal aufspüren können. Apropos: wo ist die Fliege? Die könnte ich gut gebrauchen.“
Tobias nickte, öffnete den Mund und ließ das Insekt, das zwischenzeitlich wieder in ihm Zuflucht gesucht hatte, aus seinem Mund herausfliegen.
Ohne Umschweife nahm es auf Lucys Handrücken Platz.
„Danke“, sagte Lucy, „dann komm, bring dich in Sicherheit und wünsch mir Glück.“
„Mach’ ich“, sagte Tobias und als Lucy die Tür öffnete, die zu ihrer Überraschung nicht einmal verschlossen war, fügte er hinzu: „Und … Lucy, es tut mir leid.“
Einen Moment war Lucy irritiert. Dann dachte sie wieder an ihre tote Mutter, deren leblose Augen sie zumindest eine Zeitlang hatte verdrängen können. „Vielen Dank“, sagte sie mit leicht zitternder Stimme, „du weißt ja leider, wie es sich anfühlt, aber … sie werden dafür bezahlen für deine Eltern und für meine. Oh ja, das werden sie.“
Sie schenkte dem Jungen ein Lächeln, das im krassen Kontrast zu den weißen Wutadern in ihrem Gesicht stand und Tobias antwortete Stumm mit einem traurigen Ausdruck, bevor er sich umwandte und ging. Lucy seufzte tief und versuchte all den Schmerz in Wut und diese Wut in Konzentration zu wandeln. Es gelang ihr nicht halb so gut, wie sie gehofft hatte, aber es musste ausreichen. Sie musste sich zusammenreißen, für ihren Vater. „Wir rocken das Kleine, oder?“, sagte sie zu Polly, die daraufhin den Kopf zu ihr drehte und sie aus ihren schwarzen Knopfäuglein anblickte wie ein Hund bevor sie drohend ihr Maul in Richtung der Dunkelheit des Spielzeugladens öffnete.
Lucy kicherte. Dann traten die beiden in den Laden und es verging kaum eine Sekunde bevor sie ein donnerndes Geräusch hinter sich hörte.
Lucy brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass es von der Eingangstür stammte. Dennoch tat sie es natürlich und versuchte den Griff herunterzudrücken. Das Problem war nur: Es gab keinen Griff. So wenig wie es eine Tür gab, jene Ladenfront, die sie von außen gesehen hatte oder auch jene Gasse in der sie vor wenigen Augenblicken noch gestanden hatte. Alles, was es gab, war eine weiße, trüb beleuchtete Fläche ohne Glas, ohne Fuge oder irgendeine Struktur.
„Mist!“, dachte Lucy und warf sich mit ihren legendären Körperkräften dagegen. Die Wand gab nach, aber nicht so, wie sie gehofft hatte. Es war eher wie ein gespanntes Gummiband, das sie einen halben Meter zurückwarf und dafür sorgte, dass sie unsanft auf dem Boden aufkam. Sie stand auf und änderte ihre Strategie. Mit ihren zwar nicht sehr langen, aber stabilen Fingernägeln kratze sie an dem Material und ohne, dass sie es ihr hätte sagen müssen, biss auch Polly hinein. Das Ergebnis war dasselbe. Das Material nahm keinen Schaden und obwohl es so massiv war hatte sie fast den Eindruck nur durch Wasser zu greifen. Auf diesem Weg zumindest konnte sie nicht mehr herauskommen. „Ob Tobias das gewusst hat?“, kam die so naheliegende wie unangenehme Frage in ihr hoch. Zusammen mit Gedankenbildern an einen gefesselten jungen, langhaarigen Mann mit ausgerissenen Zehennägeln und Zähnen, der mit seiner halb abgerissenen Zunge vergeblich und undeutlich um Gnade flehte. Es schien so als wäre ihr dunkler Zorn trotz des Geisterglanzes nicht ganz verschwunden. Aber sie bändigte ihn.
Sie wusste ja nicht, ob Tobias wirklich dahintersteckte. Immerhin hatte er ja gesagt, dass es gefährlich war diesen Ort zu betreten, wenn er auch geahnt haben musste, dass sie das nie im Leben davon abhalten würde. Andererseits hatte er gesagt, dass es ihm leid tat. War das wirklich nur auf ihre Mutter gemünzt gewesen? Egal, all das spielte gerade ohnehin keine Rolle. Sie wäre ja auch nicht umgekehrt, wenn sie es gekonnt hätte und wenn das hier wirklich der Ort war, an den man ihren Vater gebracht hatte, musste Edens Schergen ihn ja auch betreten und verlassen können. Die Möglichkeit, dass er überhaupt nicht hier war und auch das gelogen gewesen war, blendete sie erfolgreich aus und konzentrierter sich stattdessen auf das Hier und Jetzt.
Wenn da nur nicht diese beschissene Dunkelheit wäre. Vielleicht konnte sie ja zumindest daran etwas ändern. Sie hatte ihre Kräfte zwar noch nie auf diese Weise angewendet, aber wenn sie ihre Wut dosierte könnte sie vielleicht …
Ein kurzer Blitz schoss durch die Luft und die Lichter flackerten auf, diesmal ohne dabei zu zerspringen. Doch das Licht, das sie warfen, war nicht das eines gewöhnlichen Spielzeugladens, in dem Kinder und Eltern mit einer warmen, freundlichen Atmosphäre zum Konsum angeregt werden sollten. Nein, dieses Licht war eiskalt und es sparte Boden, Decke und Wände vollkommen aus. Alles, was es tat, war die Einrichtung in einem scharf abgegrenzten, scherenschnittartigen weiß erstrahlen zu lassen. Gefährliche Inseln aus Licht, die wie hungrige Piranhas aus der unberührten Dunkelheit ragten. Regalreihen, Wühltische und Displays voller Puppen, Stofftieren und Figuren, die ihre aufgerissenen Verpackungen wie alte Reptilienhäute oder Eierschalen abgestreift hatten. Sie wirkten surreal, fast zweidimensional und dennoch unbestreitbar … lebendig. Lucy spürte die Blicke hunderter monochromer Augenpaare wie Nadelstiche in ihrem wunden Herzen, sah weiße Zähne aufblitzen, spöttische Plastikmünder grinsen und papierne Krallen begehrlich grüßen und zum ersten Mal seit langer, langer Zeit fühlte sie wirkliche Angst.
Da half es auch nicht, dass sich Pollys Madenkörper eng an sie presste. Denn es war nicht die Zuversicht spendende Rückendeckung eines mächtigen Verbündeten, sondern der hohle, verzweifelte Trost zwischen Beutetieren, die man in die Enge getrieben hatte.
Ja, sie waren Beute, dachte Lucy mit einem dicken, sauren Kloß im Hals. Beute gefangen am einzigen Ort, gegen den selbst der Knochenwald beinah lebensfreundlich wirkte. Eingeschlossen in einem monochromen Haus.