
Davox dachte gerne von sich, dass er einer der mächtigsten Weisen des Gebeins auf diesem Planeten war. Es schmeichelte seinem Ego, das sich seit seiner Transformation auf die hundertfache Größe aufgeblasen hatte. Aber tief in sich wusste er, dass er verdammt unerfahren war. Er besaß die Macht des Knochen, hatte aber keine Ahnung davon, wie er sie zuverlässig kanalisieren konnte. Wenn die Weisen einen Menschen in ihren Kult aufnahmen, brachen sie zwar seinen Willen, demütigten ihn und trieben ihm die Menschlichkeit aus. Sie lehrten ihn aber auch, wie man die Künste der Knochen meisterte und anwendete. Davox hingegen war nie ein Lehrling gewesen und er wusste einen Scheiß über die Feinheiten der Knochenkunst, auch wenn er sich gegenüber Havon und den anderen Neulingen gern als Lehrmeister aufspielte. Sein Potenzial mochte groß sein, aber viel machen konnte er daraus noch nicht. Alles, was er je an Macht angewandt hatte, war reiner Zufall gewesen.
Diese Diskrepanz zeigte sich nun einmal mehr. Havon, von weit mehr Fleisch verunreinigt als er, reagierte sofort auf seine Warnung bezüglich des Hungerreißers. Er machte eine einfache Handgeste, woraufhin sich Fragmente aus Knochenbäumen in seiner Nähe lösten und sich in Windeseile zu einer mit Stacheln bestückten Barriere auftürmten, die sich zwischen ihn und den Hungerreißer stellte.
Das Wesen, obwohl in hungergetriebener Raserei, war nicht so dumm, frontal in das gefährliche Hindernis hineinzukrachen. Stattdessen änderte es in einem fast unmöglichen Manöver im letzten Augenblick seine Richtung, um sich die deutlich leichter erreichbare Beute zu holen: Davox.
„Dieser Bastard!“, fluchte Davox, der sich ziemlich sicher war, dass Havon das nicht in erster Linie getan hatte, um sich zu schützen, sondern um ihn aus dem Weg zu schaffen. Und selbst wenn nicht, würde er davon ausgehen, falls er das hier überlebte, und sich auf irgendeine Weise an Havon rächen. Aber gerade hatte er andere Probleme.
Davox versuchte, sich zu konzentrieren und ein ähnliches Manöver wie Havon zu unternehmen. Doch es tat sich rein gar nichts. Seine Macht regte sich nicht und das Vieh kam immer näher. Sein mächtiger Körper zerdrückte die Knochensplitter am Boden zu Staub und wirbelte diesen auf, was ihn sprichwörtlich in eine Aura des Todes hüllte. Gleichzeitig vernahm Davox hinter sich Stimmen. Unter anderem die von Inga.
Ausgerechnet jetzt waren sie und die anderen Lichthexen aus der verschwindenden Weißlichtung aufgetaucht. Schutzlos und reif, um gepflückt zu werden. Und das ausgerechnet in dem Moment, in dem er selbst zur Beute wurde. So sehr ihn das auch ärgerte, so erkannte er auch die Chance, die darin lag. Das Vieh trachtete nach Nahrung und nicht nach reiner Zerstörung und soweit Davox wusste, bevorzugte es weiches Fleisch gegenüber staubigen Knochen. Es würde sich also lieber auf die Drix Tschatha stürzen, wenn es glaubte, sie leichter erreichen zu können als ihn. Davox musste nur dafür sorgen, dass genau das zutraf.
Und auch wenn die Kontrolle über seine Kräfte mangelhaft war, so hatte er eine Macht, die ihm auf jeden Fall gehorchte: seine übergroßen physischen Kräfte. Also nutzte er sie, rannte zu einem besonders knorrigen und astreichen Knochenbaum und krabbelte wie ein beinernes Rieseneichhörnchen daran hoch. Sollte sich das Ding doch die Hexen holen. Besser sie als ihn.
Sein Plan ging auf. Der Reißer schnappte kurz mit seinem gefährlichen Maul enttäuscht in die Luft, als er seine Beine knapp verfehlte. Dann drehte er sich um und orientierte sich an den saftigen Hexen, die sich nicht ein paar Meter über dem Erdboden befanden.
Währenddessen sah Davox, verborgen zwischen den dichten Knochenästen, die sich kaum von seiner eigenen knochigen Gestalt unterschieden, dabei zu, wie sich sein „Verbündeter“ feige davonschlich.
Wahrscheinlich floh er einfach in die Wildnis, denn den anderen Weisen würde er so nicht unter die Augen treten können. Dass das töricht war, wusste sogar Davox. Havon war fähiger, als er ihm gegenüber je eingestanden hätte. Aber allein würde er kaum mehr als ein paar Tage überleben, wenn überhaupt. Da war Davox nun in einer deutlich besseren Lage. Niemand schien gesehen zu haben, wohin er geflohen war, und so konnte er in Ruhe den Ausgang des Kampfes abwarten. Sollte der Hungerreißer siegen, wäre er mit Fressen abgelenkt und vielleicht verletzt, sodass er ihn selbst ohne Knochenmagie würde bezwingen können. Wenn die Hexen es schaffen sollten, wären sie ebenfalls geschwächt, und wenn nicht, konnte er ihnen immer noch unauffällig folgen und im rechten Moment zuschlagen.
Die einzigen, die ihm Sorgen bereiteten, waren Lucy und ihre Made Polly. Offenbar hatte der ganze Hokuspokus mit der Lichtung allein dazu gedient, sie hierherzuholen. Zwar schien Lucy nicht sehr begeistert von ihrer Anwesenheit zu sein und hielt sich bislang aus dem Geschehen raus, aber sollte sie sich doch auf die Seite der Hexen schlagen, durfte er sie nicht unterschätzen. Er hatte gesehen, was das Mädchen vermochte, und es war aufmerksamer und schlauer als all diese Hexen zusammen, Inga eingeschlossen. Nein, er durfte sie wirklich nicht unterschätzen. Also verhielt Davox sich ruhig, sammelte seine Kräfte und beobachtete.
~o~
„DU?!!“, rief Lucy außer sich zu Inga, „du bist der Grund, warum ich meinen Vater nicht retten konnte, stimmt’s? Du hast mich hierher gebracht! Du hast ihn getötet!“
„Lucy, ich wusste nicht, dass …“, sagte Inga hilflos.
„Wie auch?“, tobte Lucy und weiße Adern erschienen auf ihrem Gesicht, während Polly neben ihr wütend fauchte, „du hast mich ja nicht gefragt. Du hast mich lieber einfach mal entführt und in die Hölle verschleppt, die mein Leben ruiniert hat. Vielen Dank auch!“
„Es tut mir leid …“,versuchte es Inga noch einmal, „wir wollten doch nur …“
„Vorsicht!“, rief Myna , „das Vieh ist gleich bei uns.“
„Soll es euch doch alle fressen“, sagte Lucy zornig, „ich bin nicht eure Freundin! Und wenn mich das Ding angreift, weiß ich mich schon zu wehren. Viel Glück!“
„Das kann doch nicht dein Ernst sein“, sagte Inga hilflos, während sie immer wieder nervös zu der herannahenden Kreatur blickte, „wir haben zusammen gekämpft.“
„Ja, weil ich mich euch damals freiwillig angeschlossen habe. Und nun könnt ihr mich freiwillig am Arsch lecken!“, polterte Lucy, streichelte Polly und zog sich zurück.
Inga war der Panik nah, während sie dem Ungeheuer in die Augen sah. Zwar war Davox nirgends mehr zu sehen und der andere Weise des Gebeins zog sich gerade zurück, aber wenn sie dem Hungerreißer mit Magie beikommen wollten, würden sie von ihren eigenen Kräften zehren müssen. Wieder einmal. Sie wusste, dass es keine Alternative gab, wenn Lucy ihnen nicht half, aber ehrlich gesagt war sie es leid, zu altern und schwach zu werden. Andere für diese Macht leiden zu lassen, war deutlich bequemer, dachte sie finster.
„Eine tolle Freundin hast du da!“, sagte Myna, „zum Glück ist es nicht deine einzige.“
Ingas Aufmerksamkeit wandte sich kurz von Myna ab, als sie beobachtete, wie sich der Reißer auf eine der Hexen stürzte. Ihr Name war Areen, wenn sie sich richtig erinnerte. Eine dürre, blasse, großgewachsene, schwarzhaarige und einsilbige Frau, die gerade einen Zauber wirken wollte, als sich das Ungetüm schmatzend auf ihren Bauch stürzte. Areen schrie laut auf, als das Monstrum mühelos ihre Haut zerriss und sich eifrig durch ihr Fleisch fraß. Erst vor Schmerz, dann um Hilfe. Doch die anderen waren zu paralysiert, um zu reagieren. Ein Hungerreißer hatte eine solche Wirkung. Außerdem wollte niemand seine Jugend und Kraft opfern. So selbstlos waren sie nicht. Zumindest die meisten von ihnen.
Mehr aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, wie sich Myna versteifte und ihre Pupillen sich vor purer Konzentration verengten, während sie eine jener Handgesten machte, die für das Zaubern eigentlich nicht notwendig, aber für den Fokus oft hilfreich war. Sie legte ihre Handgelenke aneinander und öffnete ihre Handflächen gleich einem Kelch.
„Was hast du vor?“, fragte Inga alarmiert.
„Ich will uns retten, was sonst?“, sagte Myna und ehe Inga das entschiedene „Nein!“ herausschreien konnte, das ihr auf der Zunge lag, hatte Myna ihren Zauber schon vollbracht.
Es war ein Zauber, wie ihn weder Inga noch die anderen erwartet hatten. Es war eine Schockwelle aus flimmernder Luft, die aber keinen Rückstoß mit sich brachte, sondern dazu führte, dass der Hungerreißer binnen Sekunden etwa auf ein Zwanzigstel seiner Größe schrumpfte.
Inga reagierte reflexhaft und ließ ihren Schuh auf den jetzt faustgroßen Schädel des Hungerreißers niedergehen. Das Geschöpf war vom Bauch der verletzten Hexe abgefallen und hatte das große, halbzerkaute Stück Bauchfleisch aus seinem geschrumpften Maul verloren. Krachend brachen die schwachen, winzigen Knochen und das Tier lag für immer still.
„Myna, wo bist du?“, fragte Inga, als sie ihre Freundin nirgends entdecken konnte.
„Hier!“, erklang die Antwort, die Inga zunächst erleichterte. Ihre Erleichterung bekam aber einen deutlichen Dämpfer, als sie erst immer noch vergeblich nach Inga suchte und diese dann endlich als winzige Version ihrer selbst, kaum größer als eine Actionfigur, auf dem Boden entdeckte. Offenbar hatte ihr Zauber dasselbe mit ihr angestellt wie mit dem Hungerreißer.
„Wie … wie ist das möglich?“, fragte Inga verblüfft.
„Ich weiß es auch nicht genau“, rief die Mini-Myna, deren Stimme trotz ihrer absurd kleinen Größe noch relativ normal klang, „ich hab mir nur gewünscht, nicht wieder alt zu werden, während ich den Zauber gewirkt habe. Wahrscheinlich war das die Antwort auf meinen Wunsch. Dank sei den weißen Göttern, schätze ich.“
Sie grinste schief und man konnte ihr ansehen, dass sie nicht so wirklich überzeugt war, ob Dank hier das angebrachte Gefühl war.
„Ich lebe nun schon Hunderte von Jahren“, sagte die verletzte Hexe, mit dem Namen Areen, die sich lachend und stolpernd ihren aufgerissenen Bauch hielt, „aber von so etwas habe ich noch nie gehört.“
Dass sie noch sprach, war ein Wunder, das auf die Wirkung des Adrenalins und die Zähigkeit der Drix Tschatha zurückzuführen war. Denn ihre Wunde ging so tief, dass Organe und Knochen zu sehen waren.
„Magie ist voller Überraschungen“, sagte eine kleinere, verbissen wirkende Hexe namens Alvira „ich weiß aber nicht, ob das so viel besser ist als das Altern. Dadurch ist Myna jetzt schwach und nutzlos und eine leichte Beute für jedes Geschöpf im Knochenwald.“
„Klein zu sein hat auch seine Vorteile“, sagte Lucy, die plötzlich zu den anderen trat, „Fliegen zum Beispiel sind meine besten Spione. Gerade die kleinen Versionen.“
„Ich bin aber keine Fliege und fliegen kann ich auch nicht“, antwortete Myna, „und ich vermute, ich kann nicht einmal mehr zaubern. Meine Körpermasse ist nicht alles, was mich der Zauber gekostet hat. Das spüre ich.“
„Nutzlos, sage ich doch“, wiederholte Alvira und fing sich dafür einen drohenden Blick von Inga ein, der aber nicht entging, dass mehrere der Frauen auch zustimmend nickten.
„Das … das tut mir leid, Myna“, sagte Inga, die anderen Drix Tschatha fürs Erste ignorierend, „meinst du, du kannst diesen Zustand rückgängig machen?“
„Das wird die Zeit zeigen“, sagte Myna, „vielleicht genügt ein bisschen magische Energie oder ein wenig Zeit dafür. Und wenn nicht … nun, dann musste ich dieses Opfer eben bringen. Zumindest leben wir alle noch.“
Inga warf einen zweifelnden Blick auf die schwer verletzte Myna, die sich inzwischen doch hingelegt hatte und deren Wunde von zwei ihrer Freundinnen inspiziert wurde. Inga zweifelte daran, dass sie die Nacht überleben würde. Niemand würde bereit sein, seine eigene Kraft für sie zu opfern. Wahrscheinlich nicht einmal sie. Sie brauchte ihre Energie für ihre Mission. Nun, zumindest redete sie sich ein, dass das der Grund war. Zugleich schämte sie sich, wenn sie daran dachte, was Myna zu tun bereit gewesen war.
„Mit Opfern kenne ich mich aus“, sagte Lucy, „ich habe schon viele gebracht, aber dass ihr ebenfalls dazu bereit seid, zeigt mir, dass ihr mich vielleicht tatsächlich nicht ohne Grund hierher geholt habt.“
Myna nickte bestätigend und Lucy sah nun direkt zu Inga.
„Also Inga, schieß los! Warum hast du mich hierher entführt? Wenn der Grund gut genug ist, sehe ich vielleicht davon ab, diesen Ort in eurem Blut zu baden, auch wenn das rot sicher einen schicken Kontrast zu all dem Weiß und Schwarz bildet.“
„Bilde dir nicht zu viel ein, kleine Göre. Du bist zwar fast so winzig wie Myna, aber ich könnte deine Energie gut gebrauchen“, sagte eine der Hexen, die zwar aufgrund des Magietransfers wieder einigermaßen jung, aber dennoch ziemlich ungepflegt war. Ihr Name war Ranika.
„Das gilt auch für Polly, sie ist hungrig“, meinte Lucy lächelnd und die weißen Adern unter ihrer Haut tanzten bedrohlich.
„Ich habe schon mehr Schneidmaden getötet, als du Lebensmonate zählst“, sagte Ranika.
„Aber sicher nicht mehr als du Zahnlücken hast“, konterte Lucy.
„Hört bitte auf zu streiten“, sagte Inga, „wir müssen Verbündete sein. Wir wissen nicht, ob die Weisen des Gebeins zurückkehren oder die Maden ihre Königin rächen wollen. Davon abgesehen solltest du Lucy nicht unterschätzen. Sie ist weit mächtiger, als du denkst.“
„Da hat sie wahrscheinlich recht“, sagte Areen stöhnend, deren fiebrige Stirn fast ebenso wie ihre üble Wunde bewies, dass es nicht gut um sie stand, „sieh sie dir doch mal an. Ihre Augen, ihre Haut, diese Adern. Die ist kein normaler Mensch. Ich kenne solche Symptome von jenen, die vom Madenfleisch gefressen haben, aber sie muss eine ganze Menge davon gekostet haben.“
„Schlaues Mädchen“, sagte Lucy, „das habe ich wohl. Aber gerade hungere ich mehr nach Informationen. Also, Inga. Warum bin ich hier? Um mich vom halben Blocksberg dissen zu lassen, oder hat es auch einen handfesten Grund?“
„Das hat es“, sagte Inga, „wir wollen diesen elenden Wald zerstören und die Weisen des Gebeins besiegen. Da wir dafür aber zu wenige sind, müssen wir mit ihren Feinden paktieren: den Markverzehrern. Leider hassen diese Wesen jene mit Knochen wie die Pest. Besonders die Weisen des Gebeins, aber auch Menschen und uns Drix Tschatha. Deshalb brauchen wir jemanden, der mit ihnen in unserem Namen verhandelt.“
„Ich weiß nicht, ob dir das entgangen ist, aber ich bin ebenfalls eine stolze Besitzerin von Knochen“, sagte Lucy skeptisch.
„Das ist mir nicht entgangen. Aber du bist praktisch die Mutter der Maden. Du verstehst dich hervorragend mit ihnen und bist zu einem guten Teil selbst eine. Vielleicht akzeptieren sie dich da eher als uns“, brachte Inga vor.
„Das ist ein bemerkenswert beschissener Plan. Das weißt du, oder?“, sagte Lucy nüchtern und Inga zuckte innerlich zusammen. Auch weil sie die feindseligen Blicke der anderen Hexen spürte, die ohnehin schon an ihr zweifelten und nun weiter darin bestärkt wurden. Vor allem Anscha lächelte selbstgefällig, auch wenn sich die Hexe bislang auffallend still verhalten hatte.
„Er ist nicht ideal, aber es ist die einzige Option“, sagte Inga.
„Mag sein“, sagte Lucy, „aber dir ist schon bewusst, dass alles auf der hochspekulativen Annahme beruht, dass mich diese Markverzehrer nicht genauso auffressen wollen wie die Weisen des Gebeins? Und dieses Glücksspiel setzt du gegen die sichere Möglichkeit, meinen Vater zu retten? Und das alles nur, um die Pest mit der Cholera zu ersetzen, vermute ich? Oder handelt es sich bei diesen Markverzehrern um gütige und freundliche Kreaturen?“
„Nein“, sagte Inga bemüht selbstsicher, „deshalb wollen wir sie auch vernichten, sobald wir die Weisen aus dem Weg geschafft haben. Und dann werden wir ins Zentrum des Waldes vordringen und dieses Krebsgeschwür für alle Zeiten ausmerzen.“
„Ach, wenn’s sonst nichts ist! Wie wäre es noch gleich mit Weltfrieden und fliegenden Zauberschlössern?“, sagte Lucy höhnisch.
„Hör mal zu, Madenmädchen!“, meldete sich Myna zu Wort, „das hier ist weder ein Witz, noch ein Spiel. Der Knochenwald breitet sich aus. Er hat deine Welt bereits erreicht und auch wir, die letzten Beschützer der Menschlichkeit an diesem Ort, stehen am Ende unserer Kräfte. Wenn wir nichts tun, wird die gesamte Schöpfung verschlungen und in einen tyrannischen Albtraum überführt werden. Noch schlimmer als alles, was du dir vorstellen kannst. Ingas Plan mag fehlerhaft sein. Aber er ist das Beste, was wir haben, und er ist weit besser, als sich in den Staub zu legen und auf den Beginn der ewigen Knechtschaft zu warten.“
„Die Kleine da hat ja mehr Feuer als ihr alle zusammen!“, sagte Lucy lachend, „also gut, ihr habt mich fürs Erste überzeugt. Der Wald hat immerhin auch mein Leben ruiniert. Und ich hätte nichts dagegen, wenn es daheim wieder etwas friedlicher wird. Ich werde euch helfen. Aber damit das klar ist: Sobald sich ein Weg auftut, zurückzukehren und meinem Vater zu helfen, werde ich ihn nutzen, und wenn ich herausfinde, dass ihr ihn vor mir verbirgt, mache ich euch kalt.“
„Einverstanden“, sagte Inga.
„Gut“, sagte Lucy, „dann ist das geklärt. Was machen wir jetzt?“
„Zuerst müssen wir uns erholen“, sagte Areen fiebrig, „auch Drix Tschatha brauchen Schlaf.“
„So machen wir es, aber wir teilen Wachen ein“, sagte Inga mit einem mitleidigen Blick zu der verletzten Frau, „und wenn wir uns ausgeruht haben, brechen wir zur knöchernen Brücke auf.“
~o~
„Wenn es wahr ist, was du sagst, sind das große Neuigkeiten“, sagte Rixwanah und beugte sich vor. Ihre mächtigen Augen brannten vor Interesse, „diese Weißlichtung ist seit jeher ein Geschwür auf der Knochenhaut dieses wunderbaren Ortes. Wenn die Hexen sie selbst zerstört haben, kann uns das nur recht sein.“
„Das sehe ich genauso“, sagte Havon.
„Wie du es siehst, ist nicht von Bedeutung, Wurm“, sagte Dregnox und machte eine wegwerfende Bewegung mit seinen Knochenfingern, wobei sie wie eine von Geisterhand gespielte Klaviatur auf und ab tanzten, „aber zu deinem Glück sind die Nachrichten, die du bringst, es durchaus.“
„Und es stimmt wirklich, dass Davox fahnenflüchtig geworden ist?“, fragte Hinaraxes und wuchtete seinen übergroßen, schrägen Schädel in eine aufrechtere Position, „er ist ein Weichweltler und anmaßend, aber bisher wirkte er dennoch von unserer Sache überzeugt.“
„Oh ja“, sagte Havon, „ich behaupte nicht, dass er sich auf die Seite der Hexen geschlagen hat, aber er hat sich feige aus dem Staub gemacht.“
„Genau wie du“, erinnerte Dregnox abfällig.
„Jch habe lediglich abgewogen und bin zu dem Schluss gekommen, dass meine Knochen in euren Diensten zu mehr taugen als im Bauch eines Hungerreißers“, erwiderte Havon.
„Nun, das wird sich noch zeigen“, sagte Rixwanah, „aber fürs Erste wollen wir das annehmen. Wichtig ist, dass wir die Drix Tschatha zur Strecke bringen und dieses Madenmädchen für welches sie ihr Refugium geopfert haben. Führe uns hin und hilf uns, sie auszuschalten, und wir vergessen nicht nur deine Verfehlungen, sondern erwägen sogar, dich für höhere Weihen vorzusehen, wenn dein Fleisch dafür bereit ist.“
„Das ist es“, sagte Havon, „schon längst. Ich gebiete ihm, so wie ihr mir gebietet.“
„Ist das so?“, fragte Dregnox streng, „ich hörte, dass du den fleischlichen Gelüsten nachtrauerst. Trifft dies zu?“
Verdammt, dachte Havon und fragte sich, wer diese Indiskretion weitergetragen hatte. Davox womöglich oder doch jemand anderes.
„Nur eine lästige Nachwirkung der Transformation“, gestand Havon, der ahnte, dass eine Lüge jetzt fatal gewesen wäre, „ein Phantomschmerz, der abgeklungen ist. Das Fleisch kann trügerisch sein, das wisst ihr selbst. Aber ich habe es überwunden. Endgültig!“
„Gut“, sagte Rixwanah nickend, „es scheint, dann lass uns dieses Ärgernis gemeinsam beenden und wenn wir Davox dabei treffen, soll ihm ähnliches widerfahren.“
„Bedenkt, dass dies eine Lüge sein kann“, erinnerte Hinaraxes und stützte seinen deformierten Kopf mit einer Skeletthand.
„Das ist mir bewusst“, sagte Rixwannah, „aber es hat wenig Bedeutung, solange er die Wahrheit spricht, was die Lichthexen betrifft. Falls er Davox hintergeht, so ist dies wünschenswert, ist Loyalität unter Dienern doch strikt abzulehnen. Außerdem ist es nicht schade um Davox. Wir müssen Neuankömmlinge aus der Weichwelt akzeptieren. Dort liegt unser Ursprung. Doch wir empfangen sie als Diener, die den Weg des Knochens Bein um Bein erklimmen, nicht als Gleichgestellte. So hätten wir es von Anfang an handhaben müssen. Aber sei’s drum: Es wird Zeit, neue Knochenschlangen zu erschaffen. Davox Gebeine sollen uns da gut dienen. Sein Bewusstsein hingegen braucht niemand.“
~o~
Mit einer Mischung aus Verachtung und Wehmut blickte Davox auf das lagernde Grüppchen herab. Die Verachtung verwunderte ihn nicht. Dafür gab es eine Menge Gründe. Waren es doch Kreaturen des Fleisches, die nicht nur seine Feinde, sondern auch widerspenstig und lästig waren. Noch dazu so dumm, dass sie an diesem Ort, auf dem gefährlichen Boden des Knochenwaldes und nur mit einer einzigen Wache ruhten. Nein, die Verachtung war gut begründet. Aber die Wehmut war eine Last, die er verloren geglaubt hatte. Eine unerwartet süße Last, deren Reste sich irgendwo in seinem staubigen Herzen regten.
Für einen absurden Moment war er sprichwörtlich gesehen außer sich und nicht im Körper eines Weisen des Gebeins. Stattdessen sah er durch die Augen eines Teenagers, der sich genau solche Szenen vor seinem geistigen Auge imaginiert hatte, während er mit Chips, Cola und Keksen vom Discounter mit seinen Freunden und seinem Bruder Geschichten gesponnen, Werte auf Papierbögen geschrieben und die Würfel wie Boten des Schicksals über einen viel zu kleinen Tisch geschickt hatte.
Ja, an solche Szenen wie diese hatten sie gedacht. Eine Gruppe von Abenteurern und Magiern. Mystisch und heldenhaft, an einem finsteren Ort und auf dem Weg, dem Bösen zu trotzen. Für einen Moment identifizierte er sich mit dieser Gruppe unter ihm. Er war nicht dort oben auf dem Baum, sondern saß irgendwo zwischen den Hexen und Lucy, die alle schliefen, bis auf Inga. Seine Prinzessin aus früheren Tagen. Er hätte bei ihnen sein können. Als Krieger für das Gute. Stattdessen war er Teil jener Kraft, die sie bekämpften.
„Ich werde schwach“, dachte er hart, zwang seinen Geist zurück und versuchte, dieses seltsame Gefühl im Keim zu ersticken, „sie sind keine Helden und ich nicht das Böse. So etwas wie das Böse gibt es ohnehin nicht und wenn es das gäbe, dann wäre es der Urzustand der Schöpfung, wie der Knochenwald beweist. Er wäre das Natürlichste, sich dem hinzugeben und nicht den unterlegenen, schwachen weißen Göttern. Und selbst, wenn darin ein Wert läge, für ihre Sache zu kämpfen, so wäre es dafür längst zu spät. Ich habe alles verloren, was mich mit ihnen verbindet. Und nichts trennt uns so sehr wie meine Taten. Es hat keinen Sinn, mit ihnen zu sympathisieren. Nicht den geringsten.“
All diese Argumente schüttete er auf seine Wehmut, seine Zweifel, seine seltsamen Gefühle, wie einen Sturzbach auf glimmende Asche. Doch war es wirklich Wasser, das er ausschüttete. Oder nicht eher Öl?
„Innenschau ist das Hobby der Schwachen“, schalt er sich, „wer stark ist, handelt einfach.“
Und doch, bei aller Macht, die er über die Knochen hatte, so konnte er doch das, was in seinem Schädel passierte, nicht kontrollieren. Sein Gehirn war letztlich eine schwache und leider doch unverzichtbare Weichmasse, die ihre eigenen Spielchen spielte. Er fragte sich, ob die anderen Weisen sich ebenso mit den Geistern ihrer menschlichen Vergangenheit plagten und sie lediglich …
„Nein!“, gemahnte er sich einmal mehr zur Disziplin und schlug sich leise, aber bestimmt gegen die Schädeldecke, „wenn du unbedingt denken musst, du nutzloser Zellhaufen, dann denk verdammt nochmal über etwas Praktisches nach. Zum Beispiel darüber, wie ich über diese Hexen triumphieren kann.“
Das half ein wenig. Die anderen als Ziele und Hindernisse zu sehen und nicht als Personen, half sogar ungemein. Zumal er die Wartezeit im Baum bislang nicht tatenlos verbracht hatte. Er hatte immer wieder geübt. Eine Tätigkeit, der er seit seiner Ankunft im Knochenwald viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Doch es gelang ihm mittlerweile immer besser, den Knochen nach seinem Willen zu formen. Sicher kam ihm dabei auch seine Macht entgegen. Er hatte sich auf kleine Verästelungen des Baumes konzentriert und diese zu Mustern und Symbolen verändert.
Ziemlich lächerlich im Vergleich zu dem, was er bereits vollbracht hatte, aber mit dem großen Vorteil, dass es reproduzierbar und vollständig kontrollierbar war. Und wenn er so etwas beherrschte … nun, es brauchte nur eine Wunde. Eine einzige Wunde, die tief genug reichte, um auch ihre Knochen tanzen zu lassen. Eine verbogene Rippe konnte viel Schaden anrichten und selbst ein gebrochener Finger konnte Zauber stören und kampfunfähig machen. Trotzdem war Davox nicht dumm. Er wusste durchaus, dass er sie nicht alle würde überwältigen können oder müssen. Er musste sie trennen. Irgendwie. Einzeln ließen sie sich besser bekämpfen. Und vielleicht konnte er auch eine Geisel nehmen und den Rest dazu bringen, ihm ins Lager des Kults zu folgen, wo Verwendung oder Transformation auf sie warteten. Das würde die anderen Weisen womöglich gnädig stimmen.
Man könnte sie ausrotten, aber man müsste es auch nicht. Wäre es nicht ein viel vollständigerer Triumph über diese anmaßenden Störenfriede, sie zu konvertieren, als sie nur zu töten? Ja, wenn er ehrlich war, glaubte er, dass es vielleicht sogar die einzige Möglichkeit wäre, die Geister seiner Vergangenheit zu vertreiben. Er könnte sie alle in seine Sklaven verwandeln. Korruption statt Destruktion war die Devise. Ständige Diener, mächtig auf ihre Weise, aber stets schwächer als er. Darauf würde er achten. Er würde ihnen die höheren Weihen einfach verwehren. Inga wäre dabei nach wie vor sein bevorzugtes Opfer. Die Vorstellung, sie zu einer Weisen und zu seiner Sklavin machen zu können, ließ ihn nicht los. Auch ein Knochenzombie wäre denkbar. Zwar wurden diese im Knochenwald selbst nur selten erschaffen, aber Professor Wingert wartete noch immer geduldig im Lager. Allerdings wäre das nur eine Notlösung, waren diese Kreaturen doch ein erbärmlicher Anblick. Aber dennoch wäre es eine Option.
Er spürte, wie diese Gedanken, die sein früheres Selbst sicher als verdreht und pervers betrachtet hätte, einen Teil dieser seltsamen Emotionen wegwuschen wie konzentrierte Natronlauge ein nerviges Unkraut. Die Wurzel mochte er damit nicht erreichen, aber dieses Pflänzchen verdorren und verkümmern zu sehen, genügte ihm fürs Erste.
Aber er musste dennoch praktisch denken. Inga wirkte recht wachsam und Lucy und ihre Schneidmade schienen zwar zu schlafen, aber das musste nichts heißen. Doch vielleicht konnte er sich etwas anderes einfallen lassen. Er dachte fieberhaft nach. Doch die rettende Idee kam ihm. Während er gedankenverloren weitere kleine Knochenzweige zu einer perfekten Schleife verdrehte und sich dabei eine kleine Staubwolke aus verhärteten Knochenfragmenten löste. Ja, dachte er zufrieden. Das könnte funktionieren.
~o~
„Ehrlich gesagt habe ich mir nie vorstellen können, jemals etwas so Absurdes zu erleben“, sagte Inga flüsternd, während sie abwechselnd in die schwarzweiße Nacht und auf ihre geschrumpfte Freundin in ihrer Handfläche starrte und sich an ihrem rechten Arm kratzte. Dort hatte sie etwas gespürt, fast wie einen Stich. Wahrscheinlich hatte sie sich auf irgendeinem spitzen Knochen abgestützt.
„Nur weil ich kleine Ohren habe, brauchst du nicht so leise zu sprechen“, scherzte Myna.
„Ich spreche so leise, damit ich die anderen nicht … das weißt du eigentlich, oder?“, fragte Inga.
„Ja, das weiß ich natürlich“, sagte Myna grinsend, auch wenn Inga Schwierigkeiten hatte, dieses Grinsen zu erkennen, „ich versuche, das hier nur mit Humor zu nehmen.“
„Wahrscheinlich eine schlaue Strategie“, sagte Inga mitfühlend, „eigentlich ist es ziemlich übel. Ich kann mir kaum vorstellen, wie entwürdigend das sein muss.“
„Es geht“, sagte Myna, „mein Ego war mein Leben lang wohl eh schon zu groß. Vielleicht ist das eine Art ausgleichende Gerechtigkeit dafür. Aber es ist gar nicht so schlimm. Das Schlimmste ist wohl, dass ich zu klein bin, um dich zu küssen.“
„Du könntest stattdessen in meinen Mund klettern“, schlug Inga vor und grinste nun ebenfalls.
„Nein, Danke“, sagte Myna, „du könntest mich verschlucken oder aus Langeweile an mir herumkauen.“
„Eher würde ich mir meine eigene Zunge abbeißen“, sagte Inga.
„Lass das mal schön, man weiß nie, wofür man die noch brauchen kann“, erwiderte Myna anzüglich und räkelte sich lasziv auf Ingas Handfläche, wurde dann aber plötzlich doch sehr ernst.
„Was ist los?“, fragte Inga, der der Stimmungswechsel nicht entging.
„Ich bin es nicht gewohnt, mich verletzlich zu fühlen“, sagt Myna nachdenklich, „das … das ist ein eigenartiges Gefühl. Ich war immer stark. Nur deshalb lebe ich noch. Dieser Ort verzeiht keine Schwäche.“
„Dann muss ich für uns beide stark sein“, meinte Inga aufmunternd und strich Myna vorsichtig mit ihrem Zeigefinger, „ich lasse nicht zu, dass dir etwas geschieht.“
„Nichts für ungut, Inga“, antwortete Myna, „aber du bringst gerade genug Stärke auf, um dich zu beschützen.“
„Was soll das denn heißen?“, fragte Inga erbost, „meinst du etwa, ich wäre ein Schwächling? Oder ein naives Püppchen?“
„So meine ich das nicht“, beeilte sich Myna zu sagen, „aber du hast ein zu weiches und großes Herz an einem Ort, wo alle Herzen hart wie Knochen sind.“
„Täusche dich da mal nicht …“, begann Inga, „wenn du auch nur ahnen würdest, was ich …“
„Hast du das auch gehört?“, fragte Myna.
„Nein“, gestand Inga, „aber ich schätze, nichts Gutes beginnt je mit diesem Satz, oder?“
„Für gewöhnlich nicht“, sagte Inga jetzt auch flüsternd und wies zu ihrem Lager hin. „Dort hinten“, sagte sie, „da kam es her.“
Inga suchte die Umgebung vor sich ein letztes Mal ab, um keine Überraschungen zu erleben. Dann wandte sie sich langsam in die Richtung, in die Myna gezeigt hatte, und hörte das Geräusch erneut. Es war ein leises Ächzen und Knarren. Verdammt schwer zu hören, wenn man nicht wusste, wonach man Ausschau halten sollte. Und es kam von einer der schlafenden Hexen. Von der verletzten Areen, um genau zu sein.
„Sicher Schmerzen wegen ihrer Verletzung“, beruhigte Inga Myna und entspannte sich auch selbst ein wenig, „die Arme wird die Nacht womöglich nicht überstehen.“
Dieses Wissen schmerzte auch sie. Aber es gab nichts, was sie tun konnte, außer sich selbst zu opfern und dazu war sie nicht bereit. Noch immer nicht.
„Glaub mir, ich kenne Schmerzenslaute in allen Formen. Aber dieser hier ist ein ganz besonderer“, sagte Myna, „und zuvor hatte sie ihn nicht von sich gegeben.“
„Okay, wir sehen nach“, sagte Inga und trat ein paar Schritte näher. Die restlichen Hexen schienen tief und fest zu schlummern und auch Lucy schlief seelenruhig mit ihrer Made Polly in den kindlichen Armen.
Während sich Inga, mit Myna in ihrer Hand, ihrer verletzten Gefährtin näherte, wuchs ihre Beunruhigung zusehends. Der verletzte Brustkorb der Frau stand offen. Nicht nur ein Stück, wie zuvor, sondern extrem weit. Und darin, tief im Chaos aus Blut, Eiter und zerfetzten Muskeln bewegte sich etwas. Nicht irgendetwas, nein, sondern der Knochen. Die Enden ihrer Rippen bogen und drehten sich, stachen durch die Organe der Frau und schraubten sich ineinander wie ein Bündel verdrehter Kabel bis …
„Pass auf!“, rief Myna, während sich die Rippenenden als feine aber lange Knochenpeitschen aus der entweder toten oder paralysierten Frau herauswanden und sich direkt auf Inga zubewegten.
Inga reagierte gerade noch rechtzeitig, sprang zur Seite, entging den Angriffen und schaffte es gerade noch zu verhindern, dass ihr Fuß so schlimm umknickte, dass sie der Schmerz außer Gefecht setzte.
„Hilfe, wir brauchen Hilfe!“, rief sie, um die anderen zu alarmieren. Jedoch konnte sie nicht darauf achtgeben ob sie sie auch hörten, denn schon wieder griff sie mehrere der Rippenbögen von verschiedenen Seiten an und sie entging ihm nur durch einen schnellen Sprint. Gleichzeitig überlegte sie fieberhaft, wie sie sich gegen dieses Monstrum wehren konnte, in das sich Areen verwandelt hatte. Ihre Hexenkräfte waren praktisch nutzlos. Wenn sie sie einsetzen würde, würde sie augenblich zu schwach und alt werden, um noch für irgendwen von Nutzen zu sein. Das traf leider auf sie alle zu. Aber vielleicht könnte Lucy ….
„Hey!“, schrie sie so laut sie konnte, „Lucy, Anscha, Alvira, Ranika, hört ihr uns nicht? Wir brauchen eure Unterstützung, schnell!“
„Ich glaube, sie hören dich wirklich nicht“, sagte Myna, „sie sind entweder tot oder bewusstlos.“
Mit einem kurzen Blick stellte Inga fest, dass das wohl stimmen musste. Keiner ihrer Gefährten regte sich. Obwohl es unmöglich war, dass sie den Krach nicht gehört hatten.
„Das kann nicht sein!“, sagte Inga dennoch und hechtete hinter einen Knochenbaum als die Knochenpeitschen erneut auf ihr Herz zielten und stattdessen mitten in den breiten Stamm stachen von dem in alle Richtungen große Splitter abbrachen.
Irgendwo in der Nähe hörte sie weitere Stämme splittern. Offenbar hatte der Knochen sich noch weiter aufgeteilt geteilt und schien nun praktisch überall zu sein. Trotzdem erfolgte aber kein weiterer Angriff. Weder versuchten die Peitschen ernsthaft durch den Baum zu brechen, noch ihn zu umgehen und sie auf anderen Wegen zu erreichen. Anscheinend war ihre Reichweite begrenzt. Das war beruhigend und doch half ihr die Erkenntnis nicht viel. Schon der bloße Versuch einer Rückkehr wäre reiner Selbstmord.
„Die Realität schert sich einen Madendreck um deine Wunschvorstellungen“, sagte Myna in ihrer Hand, „also finde dich damit ab und schau, dass du überlebst. Dass WIR überleben.“
„Ich versuch es ja“, sagte Inga, „aber das ist leichter gesagt als getan.“
„Pass auf! Hinter dir, eine Schneidmade!“, warnte Myna vor einer erneuten Gefahr. Aber diesmal hatte Inga bereits vor ihr den dunklen Schatten bemerkt, der von hinten auf sie zusprang.
Inga entschied sich nun instinktiv doch, einen Zauber einzusetzen. Und sei es nur, um Myna zu retten. Vielleicht konnte sie ebenfalls das Altern vermeiden und so klein werden wie sie. Vielleicht könnten sie gemeinsam ein neues Volk von Knochenbaumfeen gründen oder sowas in der Art, dachte sie in einer seltsamen Mischung aus Bitterkeit und Heiterkeit.
Doch als sie der herannahenden Schneidmade kampfbereit ins „Gesicht“ blickte, brachte sie irgendetwas dazu, ihren Zauber im letzten Augenblick zu unterbrechen. Vielleicht war es die Flugbahn, die nicht auf sie zu, sondern eher neben sie führte, aber wahrscheinlich war es eher ein plötzliches Erkennen.
„Das ist Lucys Schneidmade“, sagte Inga.
„Wie willst du das wissen? Und selbst wenn, Made ist Made“, sagte Myna, „da heißt es kämpfen oder wegrennen.“
Doch Inga kämpfte und rannte nicht. Stattdessen sah sie zu der Schneidmade, die neben ihnen gelandet war und sie aus ihren kleinen Knopfaugen ansah. Sie wusste, dass diese Wesen üble Killer waren. Aber diese hier schien anders zu sein. Das erkannte sie schon daran, dass sie sie nicht angriff. Stattdessen kam sie näher, hob den Kopf und machte ein seltsames, klickendes Geräusch mit ihrem kreisrunden Mund.
„Erstaunlich“, gab Myna zu, auch wenn sie den Eindruck hatte, dass die Made sie weitaus weniger freundlich betrachtete, „das klingt fast wie eine Aufforderung.“
„Vielleicht bittet sie dich, ihre Herrin zu retten“, überlegte Inga.
„Das glaube ich kaum“, sagte Myna, „die ist wahrscheinlich tot. Vielleicht bist du jetzt ihre neue Herrin. Auch wenn ich so etwas bei Schneidmaden noch nie erlebt habe. Selbst die Weisen können sie nicht immer kontrollieren und ohne starke Magie sollte das überhaupt nicht möglich sein.“
„Das ist egal“, sagte Inga und spürte plötzlich, dass ihr alles zu viel wurde, „wir … sind am Arsch … sie dürfen nicht tot sein … aber du hast recht … sie sind es wohl … und wir sind hier in der Höllle. IN DER VERDAMMTEN HÖLLE!“
„Hey, reg dich ab, Liebes“, sagte Myna sanft, „du hyperventilierst schon. Und rumheulen bringt auch rein gar nichts, wenn … Inga, INGA?!“
Mynas Aufregung kam nicht von ungefähr. Denn Myna hatte aufgehört zu hyperventilieren und wirkte mit einem Mal geradezu gespenstisch ruhig.
„Ein seltsamer Ort“, sagte sie mit einer dunklen, männlich erscheinenden Stimme, „wie bin ich hierhergekommen? Ich meine, Jackson hat von den Wundern dieses Dschungels und den darin lebenden Insekten und Pflanzen gesprochen, aber das hier übersteigt meine Vorstellungskraft bei Weiten. Doch das gilt auch für seinen Verrat. Er muss mich betäubt haben, damit er diese einzigartigen Spezies zuerst bestaunen kann. Oder aber diese Bäume haben amnesiefördernde, psychedelische Eigenschaften. Wie dem auch sei. Ich muss sie untersuchen. Um Jackson kann ich mich immer noch kümmern, wenn ich erst …“
Inga oder wer auch immer sie jetzt war, sah auf ihre Hand, als sie dort ein Kitzeln spürte. „Donnerwetter“, sagte sie, „dies ist ja … nein, ein Insekt ist es nicht … ist das … ein Mensch? Eine Fee … ein … ein Zeichen Gottes oder des Leibhaftigen?“
„Alles in Ordnung mit dir, Inga?“, fragte Myna beunruhigt.
„Es kann sprechen. Ja, das ist eindeutig Kommunikation. Noch dazu in meiner Sprache. Ist dies vielleicht doch ein Fiebertraum …“, überlegte der Unbekannte.
„Blaue Glasbeeren“, flüsterte Myna zu sich selbst. Das hätte ihr direkt klar sein müssen. Spätestens bei Ingas seltsamen Verhalten im letzten Kampf mit den Weisen. Das war übel. Sie hoffte nur, dass der Anfall nicht allzu lange anhielt und dass dies nicht die Seele eines Arschlochs oder ausgemachten Dummkopfs war. Sie beschloss, es auszuprobieren.
„Das hier ist kein Traum“, erklärte sie, „es ist eine andere Existenzebene.“
„Ein erlesener Wortschatz, fürwahr“, sagte der Fremde nicht als Antwort, sondern zu sich selbst, „wenn ich dieses Geschöpf der Sozietät übergebe, werde ich berühmt werden.“
„Ein Arschloch“, seufzte Myna leise. Aber das war keine Katastrophe. Sie war selber eines.
„Wenn Sie hier sterben, werden Sie gar nichts übergeben. Weder mich, noch genügend von Ihrer Leiche, um auch nur Ihre Identität festzustellen. Dies ist ein gefährlicher Ort und ich kenne ihn gut. Hören Sie mir also besser zu, wenn Sie überleben wollen“, sagte Myna entschlossen.
Irgendwie schien es ihr gelungen zu sein, zu dem Mann, der sich in Inga versteckte, durchzudringen, denn zum ersten Mal sah er sie wie so etwas Ähnliches wie eine Person an.
„Wohlan“, sagte er und räusperte sich, „so will ich erstmal davon ausgehen, dass dies hier kein Fiebertraum oder dergleichen ist. Nur als Hypothese. Aber wenn dem nicht so ist, wie kommen Sie dann in meine Hand und was sind Sie?“
„Keine Fee und es ist nicht Ihre Hand“, sagte Myna, „schauen Sie sie sich genau an!“
Der Mann, tat wie geheißen, und begann zu stottern. „Frauenhände. Aber wie ist das möglich … welche Zaubermacht kann …“
„Zaubermacht vermag so einiges“, sagte Myna, „glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche. Ich war zum Beispiel auch nicht immer so klein. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Wichtig ist, dass Sie die Lage verstehen, und ich hoffe, dass Ihr Geist offen genug ist, sie zu verstehen. Sie sind ein Mann der Wissenschaft, wenn ich Ihre Worte recht verstehe. Ein Forscher. Also verschließen Sie Ihren Geist nicht und hören Sie sich an, was ich zu sagen habe. In Ordnung?“
Myna hoffte, dass er Einsicht zeigen würde. Für einen Mann aus einer anderen Zeit, der mit all den Wundern und Schrecken des Knochenwalds konfrontiert wurde, hielt er sich gut. Aber das konnte sich ändern. Bislang hielt sich die Made zum Glück dezent im Hintergrund, aber das musste nicht so bleiben. Wenn er sie jetzt bemerken würde, würde ihn das vielleicht endgültig überfordern und er würde blindlings mit Ingas Körper durch den Wald rennen.
Der Mann antwortete nicht direkt. Er sah sich die Umgebung an. Die Knochenbäume, den mit Knochen und Staub bedeckten Untergrund. Die schwarze Sonne, die in der Nacht genauso präsent, aber ein bisschen weniger gut zu erkennen war, was nichts daran änderte, dass sie unablässig Zuversicht und Hoffnung aller unter ihr wandelnden Geschöpfe abtrug wie Sonnenwinde die Atmosphäre eines Planeten mit schwachem Magnetfeld.
„In Ordnung“, sagte er, „erzähle deine Geschichte. Sir Frederick Prowell wird lauschen.“
„Wunderbar, dann wird Myna von den Drix Tschatha erzählen“, sagte sie ähnlich geschwollen. Was für ein Fatzke. Solche wie ihn hätte sie in ihrer wilden Zeit ohne Reue genossen und verzehrt.
Bevor Myna begann zu sprechen, sah sie sich ihrerseits kurz um. Der Wald war still. Was oder wer auch immer sie von den anderen getrennt hatte, schien die Verfolgung aufgegeben zu haben. Entweder wartete es geduldig auf ihre Rückkehr oder es hatte erreicht, was es bezwecken wollte.
Sie wusste selbst nicht, wie es jetzt weitergehen sollte. Wobei … eigentlich wusste sie es schon. Sie musste die anderen retten oder es zumindest versuchen. Sie waren nicht wirklich Freundinnen. Nicht im eigentlichen Sinne. Dafür waren sie zu zynisch und verbittert. Lediglich Trinja hätte man als solche bezeichnen können.
Aber dennoch waren sie und diese Frauen seit langem eine Schicksalsgemeinschaft und sie waren alles an Heimat, was sie an diesem verfluchten Ort hatte. Außerdem hatte sie noch immer die schwache, schwindende Hoffnung, dass sie diesen Wald irgendwie zerstören könnten. Dann hätte ihre lange Existenz wenigstens irgendeinen Sinn gehabt, selbst wenn diese Existenz dadurch enden sollte. Aber wenn sie irgendetwas zur Rettung der anderen versuchen wollte, brauchte sie eine Inga, die bei Verstand und körperlich unversehrt war. Und deshalb musste sie verhindern, dass dieser Typ mit ihrem Körper Blödsinn anstellte, bis er ihn endlich wieder verließ.
„Zunächst einmal sind Sie tot“, begann Myna schließlich zu sprechen, als sie bemerkte, dass Ingas von Sir Frederick besetztes Gesicht Ungeduld ob ihres Schweigens zeigte. Diese Ungeduld verwandelte sich sofort in Skepsis, als er mit dieser Information konfrontiert wurde.
„Genauer gesagt, zumindest Ihr Körper ist es“, präzisierte sie, „er ist an diesem Ort gestorben. Wenn auch wahrscheinlich an einer anderen Stelle. Erinnern Sie sich an Ranken? An spitze, stechende Schmerzen im Fuß oder im Oberschenkel?“
„In der Tat“, sagte der Mann überrascht, „da war tatsächlich etwas. Ich hielt es für eine Wurzel oder die Dornen einer Pflanze. Das war kurz, bevor ich in Ohnmacht fiel.“
„Oh, es war eine Pflanze“, sagte Myna, „eine ganz besondere. Sie hat Sie leer gesaugt und Ihren Geist in eine ihrer Beeren eingeschlossen. Seien Sie froh, dass Sie sich nicht daran erinnern. Es ist wohl das Schrecklichste, was ein Mensch erleben kann.“
Myna vermutete, dass das Leid ihrer Dron Athor noch größer war, aber sie hielt es für klüger, diese Information für sich zu behalten. Das Wissen, dass sie eine männermordende Hexe war, wäre sicher einer Verständigung nicht zuträglich.
„Das ist ….“, sagte der Mann überfordert, „das … es gibt Schilderungen von Herrschaften, die derartiges im Opiumwahn fantasierten, aber … es tut mir leid … es.“
„Es ist nicht leicht zu verstehen, aber dennoch wahr“, sagte Myna mit mehr Mitgefühl, als sie es eigentlich empfand, denn sie fürchtete wohl nicht ohne Grund, dass sie ihn verlieren könnte und damit Inga. Aber schließlich schien er sich wieder etwas zu sammeln.
„Gut“, sagte er, „aber wenn ich in dieser Beere war und jetzt hier, wie bin ich dann …“
Noch bevor sie ihm die offensichtliche Antwort vorkauen musste, kam er selbst darauf, „… hat sie etwa … hat sie mich verspeist …. Ihre Freundin?“
Myna nickte, „so ist es. Sie und womöglich auch weitere. Sie teilen sich einen Körper.“
Der Mann sah wieder auf seine Hände. Mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination. „Heißt das, ich … ich … ich werde nie zu Lady Milinda zurückkehren. Nie zu meinen Studenten … ich …“
„Nein, leider nicht“, sagte Myna, „selbst dann nicht, wenn Sie noch Ihren Körper hätten. Sie sind längst tot. Hier an diesem Ort geben wir nicht viel auf Zeit, aber meine Freundin stammt aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert, soweit ich weiß.“
„Was … aber dann … also bin ich einsam, verlassen und ein Gefangener“, sagte er und ballte die Hand, in der Myna nicht saß, zur Faust, „oder ein Träumer.“
„Auch dann wären Sie ein Gefangener“, sagte Myna offen, „denn aus diesem Traum gibt es kein Erwachen. Doch einsam sind sie immerhin nicht.“
Sie merkte, dass der Verstand und die Fassung des Mannes wankten. Aber sie brachen nicht. Er mochte eingebildet sein, aber er besaß eine gewisse innere Stärke, das musste man ihm lassen.
„Wie lang kann ich diesen Körper noch kontrollieren?“, fragte er und bewies so, dass er das Konzept erstaunlich schnell begriff, „und was geschieht mit mir, wenn ich die Kontrolle wieder verliere? Werde ich es überhaupt bemerken?“
„Das weiß niemand“, sagte Myna, „nicht einmal meine Freundin Inga wahrscheinlich. Aber ihr Körper ist jetzt auch Ihr Zuhause, egal ob es ihr, Ihnen oder mir gefällt, also sollten Sie dabei helfen, ihn zu schützen.“
„Gut“, sagte der Mann, „was kann ich tun?“
„Am Leben bleiben und auf mich hören“, sagte Myna, „und sich von diesem Ort hier entfernen. Aber vorher sollten Sie noch unsere Begleiterin kennenlernen. Sie befindet sich direkt hinter Ihnen, aber erschrecken Sie sich nicht, wenn Sie sie sehen. Sie ist nicht gerade ansehnlich. Aber harmlos. Glaube ich zumindest.“
~o~
Davox war durchaus beeindruckt von sich selbst. Er hätte sich nie träumen lassen, dass er die Künste der Knochen so schnell würde meistern können. Aber was ihm an Technik und Erfahrung fehlte, schien er schon durch ein wenig Übung und Potenzial ausgleichen zu können. Und durch Schläue. Die verletzte Hexe als Einfallstor in das kleine Lager zu nutzen, war ein guter Einfall gewesen. Vor allem auch, da es ihn nicht direkt verriet und ihr Knochenstaub ein gutes Medium war, um die Nerven der Hexen zu manipulieren. Er wusste nicht genau, wie es funktionierte. Es war mehr ein Gefühl, eine Intuition als eine Wissenschaft.
Was Davox aber wusste, war, dass er sie inzwischen wahrscheinlich alle einfach hätte töten können. Aber welchen Sinn hätte das gehabt? So würde er den übrigens Weisen nie beweisen können, dass er es war, der das vollbracht hatte. Er musste sie zuerst ins Lager bringen, wo er sie manipulieren und versklaven konnte. Immerhin war es das, wofür die Weisen des Gebeins und auch der Gefühllose Gott in erster Linie standen: Unterwerfung, nicht Vernichtung. Und der beste Hebel dafür war der Zusammenhalt dieser Hexen. Davox war nicht dumm, er wusste, dass sie nicht so verweichlicht waren wie die Menschen in seiner alten Heimat. Aber dennoch spürte er eine Verbindung zwischen ihnen, die man nutzen konnte, wie eine Angelschnur, die man an einen Köder band.
Am liebsten hätte er den Knochenstaub dafür verwendet, die Hexen wie eine folgsame Entenfamilie hinter sich herzuführen, aber dafür reichte seine Kunst noch nicht aus. Er spürte, dass er selbst die Lähmung, mit der er die Gruppe in Schach hielt, nicht mehr lange würde aufrechterhalten können. Sogar seine Macht hatte Grenzen. Noch.
Er würde sich bald davonschleichen und Inga folgen müssen, um sicherzustellen, dass sie auch ihren Bestimmungsort erreichen würde. Die Lähmung der anderen sollte dann auch noch eine Weile ohne seinen Einfluss anhalten. Inga würde bis dahin zwar schon weitergezogen sein, aber sie zu finden, sollte nicht schwer werden. Nicht mit dem Knochenstaub, der auch in ihre Lungen gelangt war. Und wenn sie sich unwillig zeigte … nun, für eine Person sollten seine Kräfte noch genügen.
~o~
„Du hattest recht“, sagte Duality zu Lucy, „es ist ein Mann in diesem Baum. Oder eher ein Skelett. KUSCHEL MICH. Und er scheint irgendetwas mit euch gemacht zu haben. Eine Art Magie.“
Lucy war erleichtert, dass die monochrome Puppe nicht nur bei ihr war, sondern auch durch die Schatten dieser eigenartigen Welt reisen konnte. Das war aber nur ein schwacher Trost dafür, dass Polly sie verlassen hatte und dass sie sich nach wie vor nicht bewegen konnte. Tröstender war da schon, dass sie noch lebte. Aus irgendeinem Grund hatte das Skelett in der Baumkrone, bei dem es sich nur um einen Weisen des Gebeins handeln konnte, ihr aller Leben verschont, wenn man einmal von der grotesken Umformung der Knochen dieser ohnehin tödlich verletzten Hexe absah. Aber warum? Hatte er vor, sie zu foltern oder als Opfergabe darzubringen? Oder hatte es irgendetwas mit Inga zu tun, die neben Polly als einzige verschwunden war? Ersteres zumindest war bereits Realität, denn diese erzwungene Untätigkeit war für Lucy schon Folter genug.
„Kannst du ihn angreifen?“, fragte Lucy.
„Ja“, sagte Duality, „aber allein würde ich verlieren. SEI FÜR MICH DA. Das ist ein hässliches und mächtiges Ding, dort oben. Wir bräuchten die vereinten Kräfte von uns allen. ICH BIN FLAUSCHIG. Von meinen Freunden und von deinen.“
„Die Hexen sind nicht meine Freundinnen“, dachte Lucy.
„Aber diese Inga ist es. Leugne es nicht, ich bin in dir und kann dich lesen. ICH MÖCHTE SPIELEN. Dir liegt etwas an ihr. Das weiß ich genau“, sagte Duality.
„Das stimmt wohl“, gestand Lucy, „nicht so viel wie an meinen Eltern oder an Polly. Aber egal ist sie mir auch nicht. Doch helfen kann ich ihr ohnehin nicht, wenn du den Weisen des Gebeins nicht bezwingen kannst.“
„Das kannst du bald. ICH BIN SO SÜSS“, sagte Duality, „gibt zwei Möglichkeiten, oh ja. Du kannst noch schneller zum Schatten werden. Leicht werden, dünn werden. Oder du kannst abwarten. Die Kräfte dieser Kreatur sind stark beansprucht. Sie wird schwächer. Nicht wirklich schwach, aber zu schwach, um euch zu fesseln.“
„Dann warte ich einfach ab“, sagte Lucy, „ich hänge an meiner Dreidimensionalität“
„Mehr als sie an dir vielleicht“, hauchte Duality körperlos in Lucys Ohr. Und die verlangende Vorfreude in ihren Worten ließ Lucy erschaudern.
~o~
„Bleib mir vom Leib, Kreatur“, sagte Sir Frederick angewidert, als die Made ein weiteres Mal zu ihm aufschloss.
„Ich glaube, sie mag es nicht, wenn wir ihr Befehle erteilen“, stellte Myna fest, „außerdem sind Sie doch Insektenforscher oder etwa nicht? Da sollte ihnen eine Made doch keine Angst einjagen.“
„Ich bin Biologe, um genau zu sein“, präzisierte Sir Frederick, „ich erforsche auch Insekten, aber mein Interesse an diesen Geschöpfen ist rein fachlicher Natur. Ich habe wenig Liebe für sie übrig. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen Tiere. Vögel, Hunde, Gazellen, Fische – alles wunderbar. Doch diese Arten … nun, sie entsprechen nicht meinem Anspruch an Ästhetik. Ähnlich wie dieser Wald aus …“
„… Knochen“, erinnerte Myna.
„Wie ekelhaft. Wie wundersam. Und welch Ironie“, sinnierte Sir Frederick, „da war ich mein ganzes Leben lang bemüht, mir einen Namen zu machen, und nun, wo ich des Todes bin und in einem Weibsbild feststecke, werde ich Dinge gewahr, wie sie niemand auch nur zu beschreiben wusste. Ich frage mich, ob Jackson ebenfalls hier gelandet ist. Wer ihn wohl verspeist haben mag?“
„Nicht jeder hier wird von Menschen verspeist“, sagte Myna vieldeutig.
„Das glaube ich gern“, sagte Sir Frederick und schien zwischen Neugier und Angst zu schwanken.
„All diese Gefahren“, sagte er laut, aber doch so, als würde er mit sich selbst sprechen, „und dennoch keine Aussicht auf Ruhm. Gäbe es doch nur einen Weg, diesen Körper dauerhaft zu besetzen, die anderen Geister zu töten und einen Weg nach Hause zu finden. Für meinen körperlichen Zustand kann ich wohl Erklärungen geben. Immerhin weiß ich Dinge, die nur Sir Frederick Powell wissen kann. Und wenn man mir glauben würde, wäre es eine Sensation.“
„Ist es Dummheit oder nur Arroganz, dass Sie diesen Verrat offen vor mir ausbreiten?“, fragte Myna scharf und wünschte sich nichts sehnlicher als ihre magische Macht zurück.
„Was wollen Sie tun?“, fragte der Mann, der Inga besetzt hatte, mit einem bösen Lächeln, „Sie sind eine Kuriosität. Ungeziefer, nichts weiter. Bestenfalls eine Jahrmarkt-Attraktion.“
„Ich bin ein Mensch“, sagte Myna, „sogar mehr noch als das.“
„Sie sind vor allem etwas, dessen Knochen ich mit meiner bloßen Hand brechen könnte“, sagte Sir Frederick lachend, „und vielleicht tue ich das ja noch.“
Sein Blick verriet, dass er das nicht als Scherz meinte. Myna machte sich zum Sprung bereit.
„Niemand bricht hier einen Knochen“, kam eine eisige Stimme hinter einem der Bäume hervor. Myna entging der knochenförmige Schemen nicht, aber Sir Frederick übersah ihn völlig und so bemerkte er ihn erst, als das Beinmesser in der Hand des Weisen bis auf seine Rippen stieß.
Er schrie auf. Dann gefror er mitten in der Bewegung.
Der Weise suchte die Umgebung ab, wohl um Ingas beziehungsweise Sir Fredericks Gesprächspartner auszumachen. Doch zum Glück hatte Myna schnell reagiert, war von Inga heruntergeklettert und hielt sich nun hinter ihren Beinen versteckt.
„Hallo, alte Freundin“, sagte das Skelett und strich mit seiner Knochenhand fast zärtlich über Ingas Wange.
„Was … was wollen Sie von mir?“, fragte Sir Frederick und ging ein paar Schritte zurück, während er sich die Wunde hielt, die nicht groß, aber sehr tief war.
Hektisch blickt er sich nach Myna und der riesigen Made um, doch beide waren wieder verschwunden, so schnell und lautlos wie ein Windhauch. Er war ganz allein.
„Ich weiß nicht, welches Verhältnis Sie zur Besitzerin dieses Körpers haben“, sagte Sir Frederick verteidigend, „aber wir beiden müssen keinen Streit miteinander haben. Wir … können dies regeln wie Gentlemen. Ich … ich bin in diesem Körper nur zu Gast.“
„Das klang gerade noch anders“, sagte Davox telepathische Stimme sarkastisch, „vor einigen Augenblicken wirkte es fast auf mich, als würden Sie unbedingt die Inhaberschaft auf diesen Körper anmelden. Wäre es da nicht nur fair, wenn Sie mit ihm gemeinsam leiden?“
„Nein, gewiss nicht …“, sagte Frederick und merkte, wie sich eine Blase entleerte, die nicht die seine war. Er wollte fliehen, doch er konnte nicht. Der Anblick dieses Mannes … dieses Gerippes war einfach zu einschüchternd. Und das Skelett kam wieder näher. Das blutige Beinmesser immer noch in seiner Hand.
„Wissen Sie“, sagte Davox, schloss mit einem großen Schritt auf und strich mit seinen Knochenfingern über Ingas Gesicht, was ihr – und Sir Frederick – eine Gänsehaut verpasste, „es gibt jene, die nach Macht streben, und jene, die für ihre Moralvorstellungen kämpfen. Beides kann ich respektieren, auf gewisse Weise. Aber was ich nicht tolerieren kann, sind Wesen, die sich als das ausgeben, was sie nicht sind. So wie Sie. Sie sind ein Schwächling, ein rückgratloser Wurm, noch niedriger als eine Schneidmade. Doch vor allem sind sie ein Parasit, der meine Pläne stört. Ich sollte sie auslöschen. Schnell, hart und grausam.“
„Das können sie nicht“, sagte Frederick hilflos und spürte kalten Schweiß auf den Handflächen, „damit würden sie Ihre Freundin …“
„Ich habe keine Freunde“, sagte Davox lachend und fügte als kaum wahrnehmbaren Gedanken hinzu: „Nicht mehr“, bevor er fortfuhr.
„Aber sie haben recht. Ich will Ingas Körper nicht vor der Zeit zerstören. Zum Glück brauche ich das auch nicht. Alles, was ich benötige, um Ungeziefer wie Sie auszutreiben, ist ein wenig Schmerz.“
Fredericks Augen weiteten sich vor Schrecken, als Davox’ geschickte Skelettfinger nach dem passenden Nervenknoten tasteten und das Beinmesser genau hineintrieben.