Fortgeschritten: Die blendenden Himmel von Uranor 4

Ich kann nicht beschreiben wie unglaublich belebend und schön es ist, sich mit Tarena austauschen zu können. Es ist, als würde all die anfangs unüberwindlich scheinende Fremdartigkeit zwischen uns langsam verschwinden. Gleichzeitig macht es mir aber auch Angst, da erzwungenes Schweigen eben auch bedeutet, dass man nichts Falsches sagen kann. Kommunikation mittels Worten hingegen stellt einen manchmal vor schwierige Aufgaben. Dazu gehört auch der Satz, den sie vor wenigen Augenblicken auf den Boden geschrieben hat:

„Du wolltest Kinder mit mir?“

Was soll ich darauf antworten? Dieser Satz ist in mehr als einer Dimension problematisch. Zum einen wollte ich den sesexuellen Kontakt zu Tarena anfangs ganz und gar nicht, zum anderen ist mein Verhältnis zu Andy nach wie vor kompliziert. All das sollte ich ihr vielleicht lieber nicht sagen. Aber sind noch mehr Lügen wirklich die Lösung? Noch mehr Feigheit? Noch mehr herum lavieren?

„Nein“, zwinge ich mich zu schreiben und warte förmlich darauf, dass meinen Worten ein Wutausbruch folgt. Doch Tarena reagiert erstaunlich zivilisiert. Lediglich Enttäuschung glaube ich an ihr wahrzunehmen.

„Warum, du dann nicht ‚Nein‘ gesagt. Damals“, schreibt sie mit zitternder Hand. Ein Teil von mir will sich sofort eine diplomatische und taktisch kluge Antwort darauf überlegen. Nicht mal allein, um mich zu schützen, sondern auch, um sie nicht zu verletzen. Doch wenn man einmal mit der Wahrheit angefangen hat, ist es, als hätte man ein Loch in einen Ballon gestochen: Jetzt möchte alles heraus.

„Angst“, antworte ich wahrheitsgemäß, „ich hatte einfach Angst.“

Als Tarena das liest, zuckt sie zusammen. Unter der harten Käferschale scheint sich eine durchaus sensible Frau zu verbergen. Sofort hasse ich mich für meine Offenheit, aber nun ist es zu spät.

„Vor mir?“, schreibt sie und fügt hinzu, „warum? Nichts getan. Immer nett zu dir.“

„Stimmt. Heute weiß ich das“, schreibe ich, „aber damals nicht. Ich habe viele Welten besucht, die voller Gefahren waren. Voller Wesen, die mir Übles wollten. Ich wusste nicht, ob ich dir vertrauen kann und wie du reagierst, wenn ich dich ablehne.“

„Aber dein … Stab stand. Dein Geruch stimmte. Es schien dir Freude machen“, antwortet sie.

„So wie mir“, fügt sie schließlich mit krakeligen Buchstaben hinzu und ich habe das Gefühl, dass sie dabei in sich zusammensinkt. Ich fühle mich wie der letzte Arsch im gesamten Multiversum. Da habe ich schon so viele Affären, Freundschaften und Romanzen mit Frauen der unterschiedlichen Völker erlebt und benehme mich trotzdem noch immer wie ein sozial inkompetenter Teenie-Nerd aus dem dunkelsten Keller.

„Mir hat es auch gefallen“, beeile ich mich zu schreiben, „in gewisser Weise zumindest. Trotz der Angst. Vielleicht lag es an … an deinem Duft.”

Nun spüre ich doch ein wenig Zorn in ihr aufsteigen, wenn auch keine offene oder gar gefährliche Aggressivität, „Duft lügt nicht. Augen lügen. Denken lügt. Ich sehe anders aus. Augen anders. Fleisch nicht weich. Arme nicht weich. Das dich stört. Mich nicht stört. Aber dich. Ich hören auf Herz. Hören auf Duft. Du hören auf Augen. Schlechte Ratgeber.“

Für einen Moment bin ich sprachlos. Nicht nur, dass mir Tarena gerade meinen eigenen Rassismus offengelegt hat, mir wird nun auch bewusst, dass ich, der sich lange als das Opfer einer Art Vergewaltigung gesehen hatte, vielleicht gar kein Opfer bin. Ich hatte tatsächlich zu keinem einzigen Zeitpunkt „Nein“ zu ihr gesagt oder aktiv versucht mich ihr zu entziehen. Wäre sie ein Mensch gewesen, wäre das sicher keine Entschuldigung für ihr Handeln gewesen, aber das war sie nun mal nicht. Sie hatte praktisch davon ausgehen müssen, dass es mir gefallen hat.

„Du findest mich widerlich?“, schrieb sie, nachdem ich länger nichts geschrieben hatte, „noch immer Angst? Mich deshalb verlassen?“

Ist das so? Ich horche in mich hinein und sehe tief in ihre seltsamen, beinah hypnotischen Facettenaugen. Das Fremde ist noch immer da. Aber Ekel? Nicht mehr wirklich. Schon lange hatten, wenn ich ehrlich zu mir war, die Freude an der Geborgenheit und das Aufregende an unserer Vereinigung jeden Ekel überwogen. Trotzdem hatte ich mich immer noch wie ein Opfer gefühlt. Mich wie eines verhalten.

„Nein“, schreibe ich, „nicht mehr. Ich habe meine Augen inzwischen überwunden, denke ich. Schon damals habe ich dich nicht verlassen. Ich hatte Angst, dass dein Schwarm, dass die anderen Weibchen mich fressen würden, wenn du nicht mehr da bist. Außerdem wusste ich nicht, wie ich dir hätte helfen können. Ich dachte, du würdest ohnehin sterben, auch wenn es sicher dennoch feige war, einfach abzuhauen. Jetzt bin ich aber bei dir, weil ich bei dir sein will, Tarena. Ganz ehrlich.“

Tarena sieht mich eine Weile prüfend an, so als würde sie feststellen wollen, ob ich tatsächlich die Wahrheit sage. Vielleicht prüft sie auch meinen Geruch. Schließlich nehme ich Entspannung bei ihr wahr. Ein gutes Zeichen. Das hoffe ich zumindest.

„Will auch bei dir sein“, erwidert sie, „und hattest recht. Normalerweise viele fressen Männchen nach Paarung. Nicht alle, aber viele. Schlechte Angewohnheit. Wie auf Augen hören. Vor allem Dumme tun das. Dennoch traurig. Tat weh. Einsamkeit nicht schön.“

„Es war falsch zu gehen, Tarena“, antworte ich selbstkritisch, „daran gibt es nichts zu beschönigen.“

Plötzlich fängt Andy, der auf seinem improvisierten Lager nahe der Höhlenwand liegt, an zu schreien. Er scheint Hunger zu haben.

„Was ist mit ihm?“, fragt Tarena als ich nicht auf sein Schreien reagiere, da ich wie gewohnt annehme, dass sie sich um ihn kümmern wird, „du nicht mögen? Andy?“

„Ja und Nein“, antwortete ich aufrichtig, „er ist mein Kind. Aber er ist so anders als ich. Bei ihm kann ich meine Augen noch nicht überwinden. Außerdem tut er nicht viel mehr als schreien und essen. Unsere anderen Kinder waren viel aufgeweckter gewesen als er. Viel intelligenter.“

Ich konnte Tarenas Zorn nun geradezu schmecken, aber wieder schluckte sie ihn herunter. „Jeder spielt Rolle in Welt“, schrieb Tarena, „gibt Wesen viel schlauer als du und ich. Trotzdem du hast Recht zu leben. Trotzdem wir passen aufeinander auf. Pflanze läuft nicht weg, baut nichts, spricht nicht. Aber macht Leben möglich. Andy läuft nicht, aber lächelt, macht mich glücklich. Du weißt nicht, was in ihm steckt. Vielleicht er dich noch überraschen. Du kannst mehr als er? Dann nutze es. Geh zu ihm. Fütter ihn. Wachse.“

Verdammt. Sie hat recht, begreife ich, ich verhalte mich wie jemand aus Deovan, für den sich der Wert eines Lebens allein über dessen Effizienz und Leistungsfähigkeit bestimmt.

Ich nicke, stehe auf, schneide mit einer Käferscherbe etwas von dem Käferfleisch aus unserem Vorrat ab und füttere den kleinen Kerl damit. Dabei versuche ich sein für mich abstoßendes Äußeres zu ignorieren und mich darauf zu konzentrieren, wie seine kleinen Mandibeln das Fleisch dankbar zerteilen und er es mit seinen menschlichen Zähnen zerkaut. Wieder lächelt er, gluckst er und seine sonst kaum benutzte Klaue streicht plötzlich zärtlich über meinen Arm, ohne mich dabei zu verletzen. Es rührt mich, auch wenn der Ekel vorerst bleibt. Aber immerhin ist es ein Anfang. Kurz darauf schläft der Kleine zufrieden lächelnd ein.

„So ist gut“, schreibt Tarena, „nur Dumme ändern sich nicht. Ich dich nicht fressen. Du ihn nicht ignorieren. Glückliche Familie.“

Sie gibt ein seltsames Zirpen von sich, das ich eindeutig als Lachen interpretiere.

„Das stimmt“, schreibe ich ebenfalls grinsend. Gerade weil ich mich in diesem Moment jedoch so fröhlich fühle wie schon lange nicht mehr in meinem Leben, bemerke ich fast physisch, wie etwas nach dieser Fröhlichkeit greift, an ihr saugt und sie für sich beansprucht. Mein Blick wandert zum Tunneleingang, der mich wie ein hungriger Mund angrinst und den Eindruck macht mich näher an sich heranzusaugen und dann – mit einiger Anstrengung – wieder zu Tarena.

„Schlimmes Loch“, schreibt sie, „Macht traurig. Tötet Hoffnung.“

„Sollen wir eine andere Höhle suchen?“, spreche ich einen Gedanken aus, den ich schon länger mit mir herumtrage.

„Nein“, antwortet Tarena, „gute Höhle sonst. Kenne Gegend. Andere Höhlen schlimmer. Zu eng. Böse Wesen. Giftige Pflanzen. Tödliche Dämpfe. Außerdem Neugier geweckt. Will wissen, was dort drin ist. Bald.“

Erneut muss ich grinsen. Sieht so aus, als hätte ich in ihr eine Seelenverwandte gefunden. Zumindest was die Neugier betrifft.

„Bald“, stimme ich zu, „aber erst muss ich noch weiterschreiben.“

„Was schreibst du?“, fragt sie, „hab nie gefragt. Nie gelesen.“

„Erinnerungen an meine Reisen“, antworte ich, „es hilft mir damit klar zu kommen, was ich erlebt habe. Und es hilft mir, mich selbst zu verstehen.“

„Will dich auch verstehen“, schreibt sie, „diesmal mitlesen, wenn du schreibst.“

Soll ich das wirklich zulassen?, frage ich mich. Immerhin waren meine Notizen bislang stets eine Art Zuflucht für mich gewesen. Ein persönlicher Schutzraum, in dem ich unbeobachtet alles sagen konnte, was mir in den Sinn kam. Andererseits gefällt es mir, wie die Mauern der Fremdheit zwischen mir und Tarena nach und nach fallen. Vielleicht sollte ich ihr wirklich ein paar Einblicke gewähren.

„In Ordnung“, erwidere ich, „aber ich warne dich: Ich habe früher Grauenhaftes getan und erlebt.“

„Ich eigene Kinder gefressen“, schreibt sie, wobei ich eine Mischung von Trauer und dunklem Humor an ihr wahrnehme, „mich nichts schockieren.“

Ich nicke und als ich mir diesmal meinen Katalog auf den Schoß lege, legte sich auch ein dünner Käferarm um meinen Rücken, eine menschliche Wange berührte die meine und zwei Facettenaugen saugen jedes einzelne Wort, das ich schreibe, in sich auf.

~o~

„Das ist vollkommen unmöglich“, sagte ich zu der Wand, durch die Korfs Stimme erklungen war, „ich habe gesehen, wie du gestorben bist. Ich habe dich sogar erlöst, verdammt.“

„Erlöst, Kleiner?“, fragte Korf und ich konnte seine hochgezogene Augenbraue geradezu hören, selbst wenn ich ihn selbst nicht sehen konnte, „so kann man das natürlich auch nennen, wenn du einen Freund dem Feind auf der Schlachtbank servierst und ihm dann zur Krönung das Licht ausbläst.“

„Das war nicht in Ordnung gewesen“, sagte ich, „ganz und gar nicht. Aber das, was du mit den Söldnern vorhattest, war auch nicht in Ordnung gewesen. Es war keine leichte Entscheidung gewesen. Du glaubst gar nicht, wie sehr ich deswegen gelitten habe. Aber warum bist du noch am Leben?“

„Tut mir leid, dass ich mit meinem Tod dein Gewissen belastet habe, Kleiner. Muss echt schwer für dich gewesen sein. Hätte wirklich rücksichtsvoller abkratzen können“, erwiderte Korf sarkastisch.

„So war das nicht gemeint“, antwortete ich, „es ist nur, ich … du weichst aus, Korf. Antworte mir: Wenn ich dich abgeknallt habe – und das habe ich – warum zur Hölle bist du dann noch in der Lage mir Vorwürfe zu machen?“

„Weil dies das verfluchte Jenseits ist, Kleiner“, erwiderte Korf.

„Das Jenseits?“, fragte ich ungläubig.

„Genau das hab ich gerade gesagt“, bestätigte Korf, „ist also alles in Ordnung mit deinen Lauscherchen. Hör mal, ich hab ja selber nicht an den Scheiß geglaubt. Wir Rorak sind nicht gerade die eifrigsten Betbrüder, weisste? Klar, wir glauben an die Göttlichkeit von Sahkscha, aber sie und ihre Macht erleben wir ja auch Tag für Tag und niemand erzählt uns, dass sie uns nach dem Tod noch Befehle geben wird. Doch wir kennen dieses Jenseitsgeseiere natürlich von anderen Völkern – nicht zuletzt von den stinkenden Jyllen. Und, was soll ich sagen: Anscheinend hatten diese Wichser recht, denn obwohl ich toter als ein zermatschter Gräber sein sollte und mein Körper auch nichts mehr hergab, was man hätte retten können, pupse ich noch immer meine Gase in diese feine Luft.“

Dieser Gedanke schockierte mich. Immerhin war ich genauso wenig gläubig wie Korf, wenn nicht sogar noch weniger. Natürlich hatte ich zu viel erlebt und gesehen, um nicht an das Übernatürliche zu glauben. Magie? Eindeutig existent. Die Seele? Ohne Zweifel! Höhere Mächte? Definitiv. Aber ein Jenseits, in dem man körperlich erwacht und sich der Strafe irgendeines Gottes ausliefern musste, war dann doch etwas zu krass für mich. Trotzdem klang das alles leider ziemlich schlüssig. Die Glasmenschen mochten zwar keine Flügel haben, aber ansonsten passten sie schon in das Bild eines Engels, wenn auch nicht unbedingt in der kinderfreundlichen Variante: Überlegen, distanziert, stets urteilend und mit der festen Überzeugung für das Licht zu streiten. Dann war da noch diese Treppe in den Himmel und natürlich das schrecklich schöne Licht. Und hatte Pingo nicht erwähnt, dass er versucht hatte, sich umzubringen, bevor er hier gelandet war? Trotzdem fiel es mir schwer das zu akzeptieren.

„Aber ich bin nicht tot. Und Sandra definitiv auch nicht. Trotzdem sind wir hier“, wandte ich ein.

„Find‘ ich ja auch schräg, Kleiner. Vielleicht liegt es an deinem Talisman, diesem … Katalog. Offenbar scheint dich das Ding ja doch durch die Weltgeschichte bugsieren zu können. Da hat sich der alte Korf gleich nochmal getäuscht. Aber wer zum Gräber ist Sandra?“,

„Eine … Freundin. Eine Söldnerin, die ich nach deinem Tod in Konor traf“, sagte ich, da ich Korf selbst jetzt nicht offenbaren wollte, dass seine verehrte Herrscherin in Wahrheit eine partysüchtige Menschenfrau aus den frühen Neunzigern war.

„Scheinst ja noch einiges erlebt zu haben, nachdem ich abgekratzt bin, was?“, kommentierte Korf, „Was ist denn sonst im guten alten Konor passiert?“

„Wir haben gewonnen“, sagte ich.

„Gegen Derok?“, fragte Korf.

„Das auch, aber vor allem gegen die Jyllen. Der Krieg ist vorbei“, sagte ich tonlos. Die schmerzhaften Erinnerungen kamen zurück und obwohl ich auf irgendeine verdrehte Weise noch immer einen gewissen Stolz daauf empfand, fast im Alleingang das Schicksal einer ganzen Welt verändert zu haben, schämte ich mich auch für meine Taten.

„Da brat mir einer nen Harex“, sagte Korf verblüfft, „die gute Sahkscha hat es trotz deines Verrats geschafft, diese Plage endlich loszuwerden. Ich wusste, dass sie alles schaffen kann. Und du hast dich aus dem Staub gemacht, als die Stadt deiner neuen Freunde zu Schutt und Asche zerfiel? Trotz ihres Fluchs?“

„Nein“, sagte ich kopfschüttelnd, auch wenn mir bewusst war, dass Korf das durch die Mauer hindurch nicht würde sehen können, „ich mag dich verraten haben, aber nicht sie. Im Gegenteil, ich habe ihr – zusammen mit den anderen Söldnern – den Sieg geschenkt. Wir wollten nicht als Kanonenfutter enden, aber wir haben uns an unseren Schwur gehalten. Das Paket wurde abgeliefert und alle Jyllen sind entweder tot oder Intelligenz-reduzierte Arbeitssklaven.“

„Alle Achtung, Kleiner“, erwiderte Korf anerkennend, „anscheinend hätte ich auf dich und die anderen hören sollen, anstatt stur zu bleiben. Vielleicht würden wir beide dann noch leben und ich könnte mir nun einen dressierten folgsamen Jyllen als Haustier halten.“

Korf lachte rau, aber ich lachte nicht. Ich musste nur an Scavinee denken, um jegliche Lust an Schadenfreude zu verlieren.

„Jetzt freu‘ dich doch, Kleiner“, forderte mich Korf auf, „an deiner Stelle würde ich vor Freude im Dreieck hüpfen. Sahkscha wird dich doch sicherlich belohnt haben. Sie mag eine harte Herrscherin sein, aber für Treue zeigt sie sich in der Regel erkenntlich. Was hat sie dir gegeben? Hochwertige Ausrüstung, ein wertvolles Artefakt?“

„Sie hat mich zum Unterdianten ernannt“, antwortete ich.

„Donnerwetter, Kleiner“, kommentierte Korf, „das hätte ich nun nicht erwartet. Du scheinst sie wirklich schwer beeindruckt zu haben. Aber wenn sie dich mal eben zur zweitwichtigsten Person von Konor ernannt hatte, warum im Namen der unbegehrten Lande bist du nicht an ihrer Seite, sondern hier in diesem stinkenden Loch?“

„Sahkscha ist tot“, erwiderte ich.

„Was?“, fragte Korf vollkommen entgeistert, „wer hat das getan? Jemand von Deroks Leuten? Ich dachte, die wären besiegt worden? Wie konntest du das überhaupt zulassen als ihr Stellvertreter?“

„Ich war nicht da, als es passierte“, behauptete ich, um die Situation nicht noch komplizierter zu machen, als sie ohnehin schon war, „ich hatte andere Verpflichtungen zu erfüllen, musste in ihrem Auftrag die versklavten Jyllen begutachten. Als ich davon erfuhr, war es bereits passiert. Wer es getan hat, weiß ich nicht. Der Täter muss unbemerkt in den Thronsaal gelangt sein.“

„Und jetzt?“, wollte Korf wissen, „wer führt jetzt die Staatsgeschäfte?“

„Deine Tochter“, lies ich die nächste Bombe platzen.

„Jetzt verarschst du mich, Kleiner“, sagte Korf mit einem verärgerten Unterton in der Stimme, „du willst mir doch nicht ernsthaft erzählen, dass Sahkschas Geist in Kora gefahren ist. Das ist ganz und gar nicht lustig. Ich habe nicht vergessen, dass du mir vor meinem Tod ins Gesicht gesagt hast, dass du Kora in Deroks Gefangenschaft verrotten lassen willst und nun machst du dich auch noch über meine Kleine lustig? Ich an deiner Stelle würde mich dafür schleunigst um Vergebung anflehen, ansonsten könnte das für dich sehr ungesund werden, falls wir uns irgendwann wieder in Freiheit begegnen sollten.“

„Ich mache keine Scherze“, sagte ich, „denkst du wirklich, ich wäre so dumm, dich ein zweites Mal zu verärgern, hier in diesem Horrorknast, wo ich jede Hilfe gebrauchen kann? Deine Tochter ist Deroks Gefangenschaft entkommen und sie ist die neue Sahkscha, ob du mir das nun glaubst oder nicht. Sie war auch der Grund, warum ich Konor verlassen musste. Sie war stinksauer, weil ich dich verraten habe und für deinen Tod verantwortlich war. Wegen meiner Macht und meiner Verdienste bei der Vernichtung der Jyllen hat sie darauf verzichtet, mich zu töten. Nicht aus Feigheit, sondern aus Klugheit und Ehrgefühl. Stattdessen hat sie verlangt, dass ich Konor für immer verlasse und das habe ich natürlich getan.“

Sicher fast zwei Minuten lang antwortete Korf nicht, schien über meine Worte nachzudenken und ich bedrängte ihn in dieser Zeit nicht. Nun wo es still war hörte ich ab und an auch wieder ein leises, trauriges Wehklagen aus der Massenzelle.

Schließlich sagte er: „Das klingt ganz nach Kora, Kleiner“, sagte Korf unerwartet traurig, „sie hat einen klugen Verstand, von dem Sahkscha sicher guten Gebrauch machen wird.“

„Warum klingst du so niedergeschlagen“, fragte ich Korf, „solltest du als Vater nicht unendlich stolz auf sie sein?“

„Das bin ich“, sagte Korf, „wenn Sahkscha jemanden erwählt, ist das ein großes Kompliment. Aber es bedeutet auch, dass die Seele des Erwählten stirbt. Ein solch mächtiges Wesen wie Sahkscha duldet auf Dauer kein zweites Bewusstsein in ihrem neuen Gefäß. Sie wird sich ihre Erinnerungen, ihre strategischen Kenntnisse und ihren Scharfsinn krallen, aber meine Tochter wird sterben.“

In diesem Moment wollte ich meinen alten Freund, wenn ich ihn nach all dem, was passiert war, noch als solchen bezeichnen konnte, gerne trösten. Ihm sagen, dass niemand in Koras Körper inkarniert war und das einzig konstante und übersinnliche an Sahkscha ihre besondere Rüstung war, aber das war praktisch ausgeschlossen: Korf war in dieser Hinsicht viel zu religiös, um mir zu glauben. Es hätte ihn höchstens erneut verärgert.

„Das tut mir wirklich leid, Korf“, sagte ich aufrichtig, „auch wenn dir das aus meinem Mund wahrscheinlich nicht viel bedeutet.“

„Ach weißt du Kleiner“, sagte Korf überraschend freundlich, „wenn man erst mal abgekratzt ist und danach noch immer durch die Gegend spukt, macht einen das irgendwie gelassen. Will nicht behaupten, dass ich dir irgendwas von deinen Scheißaktionen vergebe, aber da ich ohnehin hier abhänge, nehme ich jeden Gesprächspartner, den ich kriegen kann. Außerdem haben wir alle schon viel Mist veranstaltet. Auch ich. Gut möglich, dass ich dich grün und blau prügle, wenn ich deine Visage wieder zu Gesicht bekomme und es mich überkommt, aber bis dahin lass uns einfach nach vorne sehen und uns fürs Erste den Rücken freihalten. Wie in alten Zeiten.“

„Danke“, sagte ich, von Korfs unerwartetem Großmut durchaus gerührt, immerhin war ich mir selbst nicht sicher, ob ich so viel Verständnis verdient hatte, „aber warum bist du überhaupt gezwungen in diesen Zellen ‚herumzuspuken‘? Sollte dieser … Zustand nicht mit mehr Freiheit verbunden sein?“

„Meinst du etwa, ich könnte durch Wände gehen oder so nen Scheiß?“, fragte Korf.

„Warum nicht, immerhin bist du tot“, erwiderte ich.

„Da muss ich dich leider enttäuschen. Ich mag tot sein, aber so wie ich das sehe, trifft das auf die meisten armen Schweine in dieser Welt zu und trotzdem müssen sie alle noch ihre alten Körper durch die Gegend schleppen. Körper die man praktischerweise quälen und einsperren kann. Kurz nach meinem Ableben bin ich hier aufgetaucht und eh ich so richtig wusste, wo mein Arsch ist und wo mein Kopf, hat mich schon so ein Glaskollege ins Verhör genommen und mir die Beichte abgerungen. Wie gesagt, ich kenne solche religiösen Spinner von den Söldnern und weiß, wie die ticken. Hab dem Typen meine Heldentaten aufgetischt und mich bemüht dabei angemessen zerknirscht auszusehen und dann haben die mich in ihre Lightshow gebracht, wo es immerhin besser ist, als in dem Schlammbecken da Draußen. Dachte ich zumindest. Aber anstatt mich irgendwo hinzuführen, wo ich ein bisschen Scharfwasser nuckeln, mich gepflegt prügeln oder mich auf irgendwelchen flauschigen Kissen im Licht lümmeln kann, landete ich in dieser Jauchegrube. Sie meinten, ich wäre verloren oder so nen Mist und ich sollte meine Sünden überdenken.“

„Bei mir lief es fast genauso“, sagte ich, „nur, war es bei mir eine Frau und es hat etwas länger gedauert, bis sie mich befragt hat.“

„Tja, Kleiner“, sagte Korf seufzend, „das Ergebnis war ja anscheinend das Gleiche.“

„Hast du irgendeine Ahnung, wie wir hier rauskommen?“, fragte ich Korf.

„Bislang nicht so wirklich“, antwortete dieser, „die Zellen hier sind recht stabil gebaut. Du weißt ja, dass ich kein Schwächling bin, aber Stahl verbiegen oder Stein durchschlagen ist mir dann doch ne Nummer zu groß. Was ist denn mit deiner Armwaffe? Kannst du damit nichts ausrichten?“

„Ich habe sie nicht mehr“, sagte ich zerknirscht, „Diese Glaswesen haben sie mir irgendwie … weggezaubert. Ich habe zwar meinen normalen Arm und meine natürlichen Beine zurück, aber die helfen mir jetzt auch nicht weiter.“

„Tja, Kleiner“, erwiderte Korf, „Dann sehe ich im Moment nur eine Möglichkeit: wir üben fleißig unsere Beichte und tun unser Bestes, um unseren Kerkermeistern wie brave Schäfchen zu erscheinen. Und dann hoffen wir, dass sie uns gnädig sind.“

„Wir könnten auch versuchen sie zu überrumpeln, wenn sie uns Essen bringen oder aus irgendeinem anderen Grund an unsere Zellentür kommen“, schlug ich vor.

„Vielleicht haste es noch nicht bemerkt, aber hier in Uranor muss man nicht unbedingt essen. Sie werden uns also auch nichts bringen. Außerdem: Meinste nicht, dass sie zu mächtig sind, um sie einfach zu überrumpeln, noch dazu, wo wir beide unbewaffnet sind?“, wandte Korf ein.

„Wahrscheinlich hast du recht“, sagte ich nachdenklich und musste an Onyras durchaus beachtliche Kampfkraft denken. „Wir sind im Arsch“, fügte ich resigniert hinzu.

„Vielleicht auch nicht, Kleiner“, erwiderte Korf grübelnd, „Vielleicht gibt es eine dritte Möglichkeit.“

„Und welche?“, wollte ich wissen.

„Tja“, sagte Korf, „ab und zu öffnen sie die Türen für alle, lassen sie raus und verschwinden dann für eine Weile.“

„Was?“, fragte ich verwirrt, „Warum zur Hölle bist du dann noch hier?“

„Das ist nicht so einfach wie du denkst“, erklärte Korf, „man kann die Gefangenen hier nicht einfach zu nem Aufstand versammeln. Die meisten von denen sind schon verdammt lange hier drin. Sobald die rauskommen, versuchen die dich zu fressen, dir deine Augen mit den Fingern rauszudrücken oder sinnlos auf dich einzuprügeln. Die, die da hinten so rumstöhnen sind die, die ein paar von diesen lustigen Runden zu viel erlebt haben und die deshalb kurz davor sind abzukratzen. Deshalb sortiert man sie aus und lädt sie dort drüben zum Sterben ab. Vor denen brauchst du also keine Angst zu haben. Schlimmer sind die in den normalen Zellen. Die, die nicht jammern, denn die sind körperlich noch relativ fit. Jedenfalls, sobald sie ihr kleines Spielchen veranstalten und die Gefangenen rauslassen, wird es hier turbulent. Sie behaupten, dass die Tür in die Freiheit jedem offensteht, der es schafft sie zu erreichen, bevor sie alle zurück in die Zellen schicken. Und irgendwie glaube ich auch, dass sie da keinen Mist erzählen, denn um massenhafte Flucht müssen die sich trotzdem keine Gedanken machen. Der sowieso nicht breite Gang, wird dann nämlich immer so richtig eng, sodass nur einer nach dem anderen durchgehen könnte. Keine Ahnung, wie die das machen, aber die kriegen das halt hin.

Das klingt ja erst mal auch nicht nach ner großen Sache: Einfach im Gänsemarsch dadurch und ab in die Freiheit. Aber die Jungs und Mädels hier drin sind weder pazifistische Knutscher noch disziplinierte Soldaten, sondern nicht nur randvoll mit Zorn und Missgunst, sondern für gewöhnlich auch ziemlich weich im Oberstübchen. Sobald es einer schafft, sich an die Spitze zu setzen kannst du dich darauf verlassen, dass die anderen Versuchen werden ihn zu zerfetzen oder mit allem zu bewerfen, was hier an Steinen, Eisenstücken und sonstigem Dreck rumliegt, weil sie meinen, dass allein sie an die Spitze und in die Freiheit gehören. Wenn der oder die Vorderste dann im eigenen Blut liegt – ob tot, halbtot, bewusstlos oder nur bewegungsunfähig – setzt sich der nächste an die Spitze und bekommt die gleiche Behandlung. Seit ich hier bin, hat es noch keiner nach Draußen geschafft. Selbst ich bin froh, dass ich‘s noch recht heil überstanden habe. Und da der Gang so eng und die scheiß Decke so niedrig ist, nützt einem selbst Schnelligkeit nichts. Rennen kannst du also vergessen. Meistens prügeln wir uns aber eh schon so lange, dass unsere Kerkermeister zurück sind, bevor wir auch nur den Gang betreten haben.“

„Klingt übel“, sagte ich, „ich dachte eigentlich, dass sie alle, die in Ungnade gefallen sind, aus der Festung schmeißen und dem schwarzen Malmer ausliefern.“

„Dem schwarzen was?“, fragte Korf.

„So ne Art organische Schrottpresse für Menschen, die dort Draußen durch den Schlamm kriecht“, fasste ich das Prinzip zusammen, „der angelt sich angeblich alle, die aus der Festung verstoßen wurden. Aber wenn sie bereits in den Zellen hier sterben, kann das ja eigentlich nicht stimmen.“

„Vielleicht doch, Kleiner“, überlegte Korf laut, „is‘ nur ‘ne Theorie, aber manchmal quatschen die Glasgestalten auch ein bisschen miteinander und da schnappt man so das ein oder andere auf. Jedenfalls denke ich, dass das Malmerfutter, von dem du da redest, von den Premiumversagern gestellt wird. Jene, die es erst in die hübscheren Teile ihrer Festung geschafft und sich dort dann danebenbenommen haben. Wir hier hingegen sind der Abschaum, den man zum Verrecken hierhin gebracht hat. Mag sein, dass die wirklich darauf hoffen, noch den ein oder anderen von uns doch noch gebrauchen zu können, so wie man manchmal selbst auf nem verlotterten Schrotthaufen noch ein brauchbares Teil entdeckt, aber sicher bin ich mir da nicht. Denke eher, dass wir hier alle über die Klinge springen sollen.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen“, sagte ich kopfschüttelnd, „jedenfalls erzählen sie doch die ganze Zeit von Reue und Läuterung und davon, dass sie für das Licht einstehen und das Böse ausmerzen wollen. Das würde doch gar nicht zusammenpassen.“

„Mag sein, Kleiner“, sagte Korf, „aber sieh es mal so: wenn man einen Ort hat, in den man seine ganze perversen Gelüste hineinscheißen und wegschließen kann und an dem sich lauter Schmuddelkinder aufhalten, auf die man hinab spucken kann, fällt es einem gleich viel leichter, sich als Saubermann zu fühlen.“

„Kann sein“, sagte ich nachdenklich, „aber vielleicht denkst du auch zu schlecht von diesen Leuten hier. Vielleicht haben sie wirklich gute Absichten.“

„Das bezweifle ich gar nicht, Kleiner“, erwiderte Korf gähnend, „die Frage ist nur, ob ihre Absichten auch gut für UNS sind. Aber red dir das ruhig ein, wenn’s dir beim Schlafen hilft. Genau das werd ich nämlich jetzt auch erst mal tun.“

„Schlafen?“, fragte ich skeptisch, „wie zum Teufel willst du in dieser Zelle schlafen. Hier kann man ja kaum sitzen.“

„Ich bin nicht so ne Memme wie du, Kleiner“, sagte Korf, „ich hab ne verdammte rorakische Militärausbildung genossen. Da musste ich schon weit schlimmeres erdulden als nen unbequemen Schlafplatz. Außerdem musst du schlafen, wenn du nicht vollkommen untergehen willst, wenn es hässlich wird und das nächste Spiel beginnt. Da brauchste jedes bisschen Kraft und Hirnschmalz.“

Nur zwei Sekunden später fing der Rorak laut zu schnarchen an. „Na wunderbar“, sagte ich frustriert und versuchte meinen schmerzenden Körper in immer neue Positionen zu bringen, von denen leider jede einzelne noch unbequemer war als die vorherige. Nein, dachte ich. Schlafen würde mir vorerst unmöglich bleiben. Und vielleicht war das auch gut so. Onyra mochte mir Karmon genommen haben, aber ich hatte keine Garantie dafür, dass das auch die Albträume betraf. Gut möglich, dass Koras Fluch noch immer intakt war. Da ich also nicht schlafen konnte blieb mir nicht viel anders übrig als Korfs Schnarchen und dem gelegentlichen Stöhnen der Sterbenden in der gegenüberliegenden Zelle zu lauschen. Da sich meine Augen an die fast vollständige Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte ich dort inzwischen auch einige graue Umrisse erkennen, die kraftlos an der Wand lehnten oder auf dem Boden lagen. Alles andere wurde jedoch durch die dicke Zellentür und die dazugehörige Ziegelwand verborgen und so konnte ich auch nicht unsere Kontrahenten in dem von Korf erwähnten Spiel begutachten. Durch die weitgehende Dunkelheit kam mir das alles – allen unangenehmen akustischen, sensorischen und olfaktorischen Reizen zum Trotz – noch viel unwirklicher vor, als ohnehin schon. Ich konnte noch immer nicht begreifen, dass Korf noch lebte, selbst nach allem, was ich gesehen und erlebt hatte. Und noch viel weniger konnte ich jetzt nachvollziehen, dass ich meinen Katalog freiwillig aus der Hand gegeben hatte.

Klar, die Wucht meiner Schuld hatte in mir – wohl nicht zu Unrecht – ein starkes Bedürfnis nach Wiedergutmachung geweckt, aber gottverdammt, dann hätte ich lieber ein paar Welpen adoptieren oder Waisenkindern Geschichten vorlesen sollen, anstatt meine Fluchtmöglichkeit einfach so aus der Hand zu geben. Womöglich war dieser irrationale Impuls auch allein durch den plötzlichen Verlust von Karmon zu erklären. Andererseits war das wiederum ein Punkt, in dem Onyra vielleicht recht hatte: Ich würde damit nämlich schon wieder die Schuld auf jemand anderen abwälzen. Doch wie es auch sei, es war ein dummer Impuls gewesen. Unwillkürlich musste ich an eine andere Zeit der Gefangenschaft denken, als ich in Aggaddonns Kerker in Dank Qua gesessen hatte. Damals war ich genauso machtlos gewesen wie jetzt und noch dazu schwer verletzt und auch meinen Katalog hatte ich nicht gehabt. Aber zwei Unterschiede hatte es dennoch gegeben: Damals hatte ich ihn immer noch sehen können und vor allem hatte ich jemanden gehabt, dem ich ihn abschwatzen konnte. Hier jedoch hatte ich diese Möglichkeit nicht.

Außer Geisterkorf und den stöhnenden Gestalten hinter diesen Gittern gab es hier gerade niemanden, mit dem ich irgendwie in Kontakt treten konnte und die hatten meinen Katalog nun mal nicht. Andererseits fragte ich mich, ob ich ihn überhaupt benutzen würde, wenn ich ihn hätte. Konnte ich Sandra, den zwar höchst seltsamen aber auch bedauernswerten und sympathischen Pingo und ja, auch Korf einfach hier zurücklassen? Erneut musste ich an meinen Traum denken. War es wirklich so, dass ich als Fortgeschrittener dazu gezwungen war Chaos anzurichten und dann wieder zu verschwinden?

Auf der anderen Seite hatte dieser Ort bislang mehr Chaos in mir angerichtet als ich in ihm und ob ich hier drin wirklich Buße und Vergebung oder eher den Tod finden würde, war alles andere als klar. Doch hatte ich diesen Tod nicht vielleicht verdient? Und wenn ich ihn verdient hatte, warum wollte ich dann so unbedingt weiterleben? Scheiße, ich fühlte mich so verloren und orientierungslos wie lange nicht mehr. Die Gedanken drehten sich wie ein Wirbelsturm in meinem Kopf. Warmes Licht, das tröstete und einen in der größten Not verließ, Personen, die tot waren und es doch nicht waren, engelsgleiche Gestalten, die grausame Kerker unterhielten und sadistische Spiele spielten, Treppen in den Himmel, Zeitanomalien, Raumverkrümmungen, kannibalische Väter. Was war richtig? Was war falsch? Und vor allem: Was zum Henker war überhaupt noch real?

Hilflos fischte ich im schneller werdenden Strudel der Gedanken nach einem Halt, den ich nicht fand, während mein Rücken schier durchzubrechen schien und die schlechte Luft einen wachsenden Brechreiz in mir auslöste.

„Hallo Adrian“, erklang eine wohlbekannte Stimme und gab meinem wirren Gedankenstrom wieder eine klare Richtung.

Ich blickte auf und sah in das vertraute, rote Gesicht einer Person, die – auch wenn das eigentlich unmöglich war – in meiner Zelle erschienen war, ohne die Tür zu öffnen und deren Körper von einem geisterhaften Lichtschein erhellt wurde.

„Scavinee“, sagte ich, nun vollkommen davon überzeugt den Verstand zu verlieren.

„Adrian“, bemerkte die rothäutige Frau, der nach wie vor zwei Anmella-Stränge fehlten und die einen gelben Mantel über den Schultern trug. Sie hatte jedoch nicht den stumpfsinnigen Ausdruck in den Augen, den ich an ihr wahrgenommen hatte, als wir uns zuletzt sahen. Ihr Ton war fröhlich und entspannt, auch wenn eine ungewohnte Überlegenheit darin wohnte. Ihre rechte Hand hatte sie zu einer Faust geballt.

„Wie kannst du, hier sein?“, fragte ich, „Selbst wenn du ein Geist wärst, müsstest du dafür tot sein und das bist du nicht.“

„Ach ja?“, fragte Scavinee, „und woher weißt du das? Hast du jemanden damit beauftragt, mich zu beobachten? Warst du so um mein Wohlergehen besorgt? Das ist so süß von dir, Adrian. Du bist eben ein wahrer Gentleman, das erkennt sogar so eine dumme, kleine Arbeitssklavin wie ich. Nur leider sind deine Informationen falsch. Ich BIN gestorben. Kora hielt die Experimente an den Jyllen für zu grausam und wollte sie beenden. Deshalb war sie so freundlich mein Leben und das aller anderen ebenfalls zu beenden. Mein Volk ist tot. Endgültig. Und ich bin so frei, wie es einem das Jenseits erlaubt. Und diese Freiheit wollte ich dazu nutzen, dich zu besuchen.“

„Was hast du vor?“, fragte ich, während ich dabei zusah, wie Scavinee einen Schritt auf mich zukam, „willst du Rache nehmen?“

„In gewisser Weise“, gab Scavinee zu und schickte einen ihrer verbliebenen Anmella-Stränge nach mir aus, der sich – da ich mit meinen verkrampften Muskeln nicht rechtzeitig ausweichen konnte – sofort um meinen rechten Oberarm schlang und mich festhielt, „aber eigentlich will ich dich etwas lehren.“

„Lass mich raten, Schmerzen?“, fragte ich sarkastisch.

„Nein“, sagte Scavinee lächelnd, „eigentlich genau das Gegenteil.“

Mit diesen Worten zog sie mich mit ihrem unerwartet starken Strang zu sich heran, öffnete ihre Faust und rammte mir eine Spritze in den Arm, die sie offenbar in der Hand gehalten hatte und deren Inhalt sie komplett in mich entleerte.

„Was war da drin?“, fragte ich gleichermaßen zornig wie ängstlich, „Gift?“

„Das könnte man so sagen“, sagte Scavinee, „aber keines, das dich töten soll. Es wird dir vielmehr deine Fähigkeit rauben etwas zu empfinden. Nicht emotional – noch nicht –, aber physisch. Kein Schmerz, aber auch keine sanfte Berührung wird mehr zu dir durchdringen. Kurz gesagt: Es wird deinen Tastsinn zerstören.“

„Du lügst doch“, sagte ich vollkommen schockiert von Scavinees Drohung, „warum solltest du das tun? Was hättest du davon? Wie könntest du dich an mir rächen, wenn ich nicht mal mehr Schmerzen empfinden kann?“

„Nicht jeder lügt so gerne wie du, Adrian“, erwiderte Scavinee ruhig, „außerdem will ich dich nicht mit Foltergeräten piesacken, wie es deine alte Freundin Razza oder ihre Andrin-Freunde tun würden. Ich will dir keine Gliedmaßen abhacken oder etwas in der Art. Nein, ich will, dass du erleben kannst, wirklich nachvollziehen kannst, wie es mir durch dich entgangen ist. Wie ich mich Stück für Stück selbst verloren habe. Deshalb ist das hier auch nur der Anfang. Diese erste Dosis wird dir den Tastsinn nehmen. Dann folgt der Geruchssinn, der Geschmackssinn, der Sehsinn und zuletzt dein Gehör, bis du vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten und auf deine dunkle, verkommene, innere Welt zurückgeworfen bist. Aber das ist noch nicht alles, Adrian. Denn diese innere Welt wird dabei ebenfalls veröden. Mit jeder weiteren Dosis wirst du etwas von deiner Intelligenz verlieren, bis du kaum mehr in der Lage sein wirst zu sprechen oder einen klaren Gedanken zu fassen. Kein tolles Gefühl, so viel kann ich dir aus eigener Erfahrung sagen. Erst dann, wenn du bis zuletzt mitbekommen hast, wie du zu einem dummen, geistig verstümmelten Wesen geworden bist, werde ich dir auch deine Emotionen nehmen und dich zu einer Gedanken- und gefühllosen Statue machen.“

„Und DAS soll mich etwas lehren?“, sagte ich äußerlich ruhig und gefasst, auch wenn ich innerlich natürlich ziemlich aufgewühlt war, „für mich klingt das einfach nur nach blinder Rache und nach nichts anderem. Wie soll ich irgendwelche Lehren daraus ziehen, dumm und taub zu sein?“

Scavinee sah mich nachdenklich an, „womöglich hast du recht, Adrian. Wahrscheinlich ist es doch nur blinde Rache, die ich will. Aber weißt du was?“, sagte Scavinee fröhlich, „DAS IST MIR SCHEISSEGAL! Du wolltest mir auch nichts beibringen, als du mich verraten und mein ganzes Volk vernichtet hast. Du denkst vielleicht, dass ich dir, als dein Opfer, moralisch überlegen sein müsste, aber FUCK IT. Nur weil du damit angefangen hast, dich wie ein Arschloch zu benehmen, heißt das nicht, dass ich nicht auch das Recht dazu habe. Genieße die Wirkung der ersten Dosis. Morgen um diese Zeit werde ich wiederkommen.“

„Bitte, tu das nicht Scavinee“, flehte ich, „es tut mir leid, was ich dir und deinem Volk angetan habe. Aber ich habe mich geändert. Ich weiß nun, dass ich schwere Fehler gemacht habe. Grauenhafte Fehler. Aber du musst mir glauben, ich bin nicht mehr derselbe egoistische Wichser von damals!“

„Das stimmt“, sagte sie lachend, „du bist nun ein viel schwächerer egoistischer Wichser. Das spüre ich. Und deswegen wirst du das, was ich mit dir vorhabe nicht verhindern können. Durch dein Geflenne schon gar nicht. Und selbst wenn du dich wirklich geändert hättest, wäre mir das vollkommen egal. Ich war damals eine nettere Person, als du es je sein könntest und das hat dich auch nicht von deiner Grausamkeit abgehalten. Ende der Diskussion.“

„Damit wirst du nicht durchkommen“, sagte ich, „Die Glasmenschen werden das nicht zulassen.“

Scavinee sah mich belustigt an, „och wie süß? Nun versteckst du dich hinter deinen Kerkermeistern. Wer sagt dir denn, dass sie mich nicht zu dem hier ermutigt haben? Immerhin haben sie dich in diese stinkende Zelle gebracht. Glaubst du da allen ernstes, dass ihnen etwas an deinem Wohlergehen liegt?“

„Ich bring dich um!“, schrie ich, während ich mich mit meinen gequälten Muskeln versuchte, mich auf sie zu stürzen, jedoch lediglich der Länge nach hinfiel. Dabei bemerkte ich, dass ich den Aufprall schon jetzt kaum noch spürte. Es beginnt, dachte ich entsetzt.

„Wohl eher nicht“, sagte Scavinee ungerührt, „selbst dann nicht, wenn ich nicht schon tot wäre. Bis morgen, Adrian.“

„Bitte, das kannst du mir nicht antun“, versuchte ich es noch einmal, während ich mich mühsam mit bereits taub werdenden Gliedern in die Höhe stemmte.

„Du hast recht“, sagte sie plötzlich und ich konnte nicht verhindern, dass kurz Hoffnung in mir aufflackerte, „ich kann nicht so grausam sein.“ Sie zog etwas unter ihrem gelben Mantel hervor und warf es mir vor die Füße. Es war ein Block, an dem ein Stift klemmte.

„Finde Trost darin, Adrian. Erzähle deine Geschichte. Vielleicht fühlen sich zukünftige Massenmörder davon inspiriert. Falls du ohne Tastsinn den Stift halten kannst, heißt das“, erneut lachte sie fröhlich und verschwand dann wieder so wie sie gekommen war.

Ich hingegen starte den Block im nun wieder vorherrschenden Halbdunkel wie gelähmt an. Dann fing ich an zu weinen. Zumindest glaubte ich das. Die Tränen, die über mein Gesicht liefen, spürte ich schon fast nicht mehr.

~o~

„Ich wusste, dass du vorhast uns umzubringen“, beschwerte sich Sandra hustend, während sie in der stickigen Luft um Atem rang und sich erneut die Erde aus dem Gesicht wischte, die regelmäßig in ihren Augen landete, während sie von Schaufels grotesk geformten Händen zuverlässig aus dem Erdreich geschält wurde und irgendeiner der unbekannten Artefakte in Kolloms Besitz dafür sorgte, dass der kleine Tunnel, der so geschaffen wurde, nicht in sich zusammenfiel, „die Luft hier lässt sich kaum besser atmen als Schlamm.“

„Ich gebe zu, dass diese Unternehmung mit diversen Unannehmlichkeiten einhergeht. Allerdings brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Sobald wir die unterirdischen Kammern erreichen, wird die Luft besser werden“, versuchte Kollom sie zu beruhigen.

„So beruhigt der Schlachter sein Vieh“, erwiderte Sandra spitz.

„Sie vergessen, dass ich ebenfalls mit Ihnen hier unten bin“, antwortete Kollom, „ich würde mich also demselben Risiko aussetzten wie Sie.“

„Nicht, wenn eines deiner Artefakte dich davor schützt. Gut möglich, dass du etwas bei dir hast, dass dafür sorgt, dass du gar nicht atmen musst“, gab Sandra zu bedenken.

„Guter Punkt“, sagte Kollom anerkennend, „aber für solche Zweifel ist es nun ohnehin zu spät. Deshalb schlage ich vor, dass Sie einfach die Erfahrung genießen und Schaufel noch etwas Ihre Arbeit machen lassen. Ob Sie sterben, werden Sie noch früh genug bemerken.“

„Sehr witzig“, ätzte Sandra. Entschied aber ihren Atem lieber zu sparen. Im Grunde hatte Kollom recht: wenn er ihren Erstickungstod plante, könnten sie dem nun nicht mehr entgehen. Der immerhin karmonhohe Tunnel wurde zwar von seinen Kräften oder besser denen eines seiner Artefakte aufrechterhalten und schien nebenbei noch die Käfer und Würmer aus ihrer Umgebung fernzuhalten. Doch bereits kurz hinter Karmon, der die Nachhut ihrer kleinen Gruppe bildete und der immer ein wachsames Auge auf Sandra hatte und ein anderes auf ihren Katalog, fiel der Schlamm wieder in sich zusammen, so als wäre er nie geteilt wurden. Einen Rückweg gab es für sie nicht. Jedenfalls nicht ohne Kollom. Natürlich war ihr klar, dass es unwahrscheinlich war, dass er sie hier unten töten würde. Zum einen hätte er dazu keinen Grund gehabt und zum anderen hätte es dafür sicher weniger aufwändige und riskante Möglichkeiten gegeben. Andererseits brauchte sie nur zur keuchenden ‚Schaufel‘ zu blicken, die sich wie eine Maschine durch den Schlamm arbeitete, um zu wissen, wie weit Kollom bereit war zu gehen. Selbst bei ihr, die alles andere als zart besaitet war, löste das Schicksal dieser Frau Mitleid aus.

Die Minuten verstrichen und niemand sprach ein Wort. Karmon, der wie eine erwachte Statue hinter ihnen her schritt ohnehin nicht. Aber auch Kollom konzentrierte sich lieber darauf, wie ein Sklavenhalter aus alter Zeit seine Angestellte zu beaufsichtigen. Wann immer Schaufel seiner Meinung nach in ihren Bemühungen nachließ, berührte er eines seiner Amulette und an einem krampfhaften Zucken, welches daraufhin durch ihren Körper schoss, erkannte Sandra, dass er sie dadurch bestrafte. Womöglich mit Stromstößen.

Widerlicher Drecksack, dachte sie und schwor sich, stellvertretend für die geplagte Frau und natürlich für ihre selbst erlittenen Demütigungen, Rache zu nehmen, sobald sich die Gelegenheit ergeben würde und sich ihr Katalog wieder in ihrem Besitz befände. Das wäre dann ihr Abschiedsgeschenk an diese Welt.

Doch auch wenn ihr ihre Rachegelüste durchaus Freude bereiteten, war es der ebenfalls schweigsame Pingo, der immer stärker ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, je schlechter und stickiger die Luft in diesem verfluchten Maulwurftunnel wurde. Fast magnetisch richtete sich ihr Blick auf die Kristalle, die an seinem Bauchnabel wuchsen. Sie brauchte einen dieser verdammten Steine. Vielleicht wäre er ihre einzige Chance zu überleben. Ein solcher Stein musste bereits Adrian dabei geholfen haben, sich erfolgreich durch seine Prüfung zu mogeln, denn sie glaubte kaum, dass es seine ehrliche Art gewesen war, die ihm den Arsch gerettet hatte. Doch wie sollte sie das anstellen? Sie hatte eine Waffe, aber sie wusste kaum, wie genau sie funktionierte, geschweige denn, ob sie die Kristalle nicht eher auflösen würde, statt sie abzutrennen, wenn sie sie darauf richtete.

Sie erinnerte sich wieder an Adrians Worte. Sie könnte Pingo um einen der Steine bitten und ihre Vernunft sagte ihr, dass sie dabei nichts zu verlieren hätte, aber ihr Stolz verbot es ihr, um etwas zu betteln. Sie war im Herzen noch immer eine Herrscherin, selbst jetzt. Aber sobald sie erst einmal in das Verhalten einer Bettlerin verfallen würde, wäre sie schon bald darauf eine.

Erschrocken stellte sie fest, dass sie Pingos wertvollen Bauchnabel nicht nur gelegentlich verstohlen über ihre Schulter hinweg angesehen, sondern regelrecht obsessiv angestarrt hatte. Als er den Mund öffnete, um etwas zu sagen, fürchtete sie schon darauf angesprochen zu werden, doch zum Glück schien es der naive Idiot nicht bemerkt zu haben oder war zu gutmütig um es zu erwähnen.

„Wie … weit noch?“, hustete Pingo lediglich mit rauer Stimme hervor. Dass er klang, als würde er bald den Löffel abgegeben, war nicht weiter verwunderlich. Die Luft in dem sich vorwärts bewegenden Hohlraum war inzwischen kaum mehr erträglich. Sie war warm, feucht unendlich stickig und selbst wenn Kohlendioxid eigentlich ein geruchloses Gas war, glaubte man förmlich, es riechen zu können. Selbst Karmon war inzwischen langsamer geworden und geriet gelegentlich ins Straucheln, was bei seinem Massiven Körper immer dazu führte, dass kleine Erschütterungen durch das weiche Erdreich gingen.

Kollom tippte seelenruhig auf die Anzeige auf einen Arm und streckte ihn gerade nach vorne, wie um dadurch die Entfernung zu bestimmen, was er wahrscheinlich auch tat. „Nur noch wenige Meter“, sagte er zufrieden.

Gott sei Dank, dachte Sandra erleichtert und konnte es kaum noch erwarten ihre Lungen mit frischerer Luft zu erfreuen. Doch statt Schaufel zu ermutigen, sich weiter durch das Erdreich zu wühlen, schlug Kollom seiner Angestellten plötzlich heftig auf die Schulter, woraufhin diese sofort innehielt.

„Warum gräbt sie nicht weiter?“, sprach Karmon, dem man seine Schwäche zumindest nicht anhörte, Sandras eigenen Gedanken aus. In seiner Frage schwang eine unausgesprochene Drohung mit. Eine Drohung mit Substanz, denn wahrscheinlich war er der einzige aus der Gruppe, der eine Waffe besaß, die Kollom schaden konnte.

„Weil das unser Tod wäre“, erklärte Kollom, „direkt unter uns befindet sich der Malmer.“

„Schwachsinn!“, widersprach Sandra, die dem Drang widerstehen musste, sich höchstpersönlich durch den Schlamm zu graben, „wenn wir hier bleiben, sterben wir. Und überhaupt: Woher willst du das mit dem Malmer wissen? Kannst du nun auch noch durch Wände sehen?“

Kurz darauf erbebte die Erde und der unsichtbare Schutzschild, der die Stabilität des Hohlraums garantierte, begann Ausbeulungen und sogar Risse zu bekommen. Kleine Steinchen und Erdbröckchen fielen zwischen ihre Füße und zuletzt kam selbst die Decke Sandra und den anderen so nah, dass sie sich ducken mussten, um nicht mit dem Kopf im Schlamm stecken zu bleiben. Karmon brachte dieses Kunststück natürlich nicht fertig. Doch dank seiner robusten Statur schien ihm das nicht sonderlich viel auszumachen. Er nutzte einfach seine beachtliche Körperkraft, um sich selbst freizugraben.

„Wie Sie sehen, lüge ich nicht“, bemerkte Kollom süffisant, „ich verfüge vielmehr tatsächlich über Sensoren, die derlei Aktivitäten erspüren können.“

„Dann solltest du auch erspüren können, dass wir hier bald ersticken, du Bastard!“, sagte Sandra, wobei ihr dummerweise inzwischen ziemlich schwindelig zu werden begann. Sogar zu schwindelig, um sich auf den überheblich lächelnden Mistkerl zu stürzen.

„Jetzt seien Sie nicht so dramatisch“, sagte Kollom, „wie Sie bereits richtig vermutet haben, bin ich nicht darauf angewiesen Ihren wertvollen Sauerstoff zu konsumieren. Ihnen bleiben also sicher noch einige Minuten, bevor Sie ohnmächtig werden und noch einige mehr, bevor Sie sterben. Bis dahin sollte der Malmer längst verschwunden sein. Dass er uns überhaupt so nah kam, ist nichts weiter als ein dummer Zufall.“

„Damit wir uns richtig verstehen, Kollom“, sagte Karmon vollkommen ruhig, „wenn dieser Zufall auch nur einen von uns das Leben kostet, wird das auch Ihr Ende sein. Sauerstoff hin oder her. Sie lassen sich also besser etwas einfallen.“ Um seine Drohung zu unterstreichen ließ er das schwarze Licht in seiner Brust knisternd aufleuchten.

Nicht nur Kollom blickte den Kwang Grong überrascht an. So viel Gemeinsinn hätte dem ehemaligen Symbionten wohl keiner der Anwesenden zugetraut.

„Kein Problem“, sagte Kollom bemüht sachlich, jedoch dabei auch leicht verunsichert, „mit dem Management knapper Ressourcen kenne ich mich aus.“

Er klappte seinen Datenkoffer auf und rief dann: „Schaufel, hübsch ab nach Hause!“

Sofort begann die Frau zu verblassen und kehrte offenbar in den Koffer zurück. Für einen Moment glaubte Sandra einige Tränen in den Augen der stummen Frau glitzern zu sehen. Die grobe Behandlung ging offenbar nicht spurlos an ihr vorbei. „So“, sagte Kollom, „schon haben wir eine Atmerin weniger. Wenn Sie alle so nett wären ebenfalls in meine Dienste zu treten, könnte ich auch Sie im Handumdrehen digitalisieren. Ich würde Sie dann wieder aus dem Koffer befreien, sobald ich Sie brauche. Beziehungsweise, wenn der Malmer wieder fort ist.“

„Du scheinst wohl doch Sauerstoffmangel im Gehirn zu haben, wenn du meinst, dass wir darauf eingehen“, sagte Sandra, „wir haben doch alle gesehen, wie du mit deinen Angestellten umgehst.“

„Alles eine Frage der Vertragsgestaltung. Größerer Nutzen bedeutet auch bessere Arbeitsbedingungen. Außerdem würden Ihre Überlebenschancen dadurch massiv steigen.“

„Nein“, widersprach Karmon, dessen Arme mit einem Mal zitterten, auch wenn seine Brustwaffe bedrohlich auf Kollom gerichtet blieb, „ich begebe mich nicht unter Ihre Kontrolle. Ich mag diesen Körper nicht sonderlich, aber er gehört mir. Zumindest solange, bis ich einen Weg finde, mich wieder mit Adrian zu vereinen. Finden Sie eine andere Möglichkeit uns zu retten.“

Kaum da er das gesagt hatte, ging ein erneutes Rütteln durchs Erdreich. Weitere Teile der Decke senkten sich ab, was die Menge an verfügbarer Luft weiter reduzierte.

„Wie viele von diesen Erschütterungen hält ihr Schutz noch aus“, fragte Pingo besorgt und kurzatmig, „kann der Malmer zu uns durchbrechen?“

„Der Hohlraumstabilisator dürfte durchaus noch zwei oder drei Stöße verkraften, bevor er instabil wird. Vielleicht sogar noch mehr. Je kleiner der Raum wird, den er abdecken muss, desto mehr Leistung verbleibt für die Aufrechterhaltung. Was den Malmer betrifft, so kann er zu uns durchdringen. Aber nur theoretisch“, sagte Kollom, „aber ich glaube nicht, dass er das tun wird. Wenn er von unserer Anwesenheit wüsste, hätte er längst versucht uns zu attackieren, da eine Unterwanderung der Festung sicher nicht im Sinne der Rilandi ist. Der Sauerstoff ist das größere Problem. Vielleicht könnten Sie uns dabei behilflich sein. Wenn ich richtig informiert bin, können Sie als Steingeweihter in eine Starre verfallen, in der sämtliche Stoffwechselprozesse zum Erliegen kommen. Ist das korrekt?“

Pingo nickte, auch wenn er dabei nicht gerade glücklich aussah. „Ich kämpfe meist dagegen an, wenn es der Stein bestimmt, doch geb‘ ich jenem Drängen nach, geschieht es sehr geschwind.“

„Gut“, sagte Kollom, „dann seien Sie so nett und tun Sie das. Das wird uns ebenfalls dabei helfen, Atemluft zu sparen.“

Pingo gehorchte und wurde kurz darauf erneut zu einer bewegungslosen Statue.

„Wunderbar“, sagte Kollom, „nun müssen wir nur noch warten, bis …“

Plötzlich erbebte die Erde, jedoch nur kurz und diesmal ausschließlich unter ihnen. Sandra erkannte gleich, warum das so war. Die kolossale Gestalt von Karmon war der Länge nach auf den Boden gefallen und regte sich nicht mehr.

„Ist er tot?“, fragte Sandra zugleich erschrocken, wie hoffnungsvoll. Sie konnte den Symbionten nicht sonderlich leiden, aber andererseits war er ihre einzige Versicherung gegen den unberechenbaren Kollom gewesen.

„Nein“, sagte Kollom, „das würde ich nie zulassen. Ich brauche ihn noch.“

Etwas an Kolloms Tonfall gefiel Sandra ganz und gar nicht, aber in diesem Moment weckte etwas anderes ihre Aufmerksamkeit: Ihr Reisekatalog war aus Karmons kraftlosen Händen geglitten und lag nun fast in ihrer Reichweite. Sie streckte ihre Hand danach aus.

„Finger weg, oder Sie sind tot!“, sagte Kollom nun überhaupt nicht mehr der seriöse Business-Mann.

Sandra brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass Kollom seine Waffe auf sie gerichtet hielt. Sie tat es trotzdem und stellte fest, dass sie mit ihrer Vermutung recht behielt.

„Du hast das alles geplant“, stellte Sandra fest, während sie überlegte, wie sie den aufgeblasenen Mistkerl ausschalten könnte, obwohl ihre eigene Waffe angeblich nicht in der Lage war, ihn zu verletzen. Plötzlich kam ihr eine Idee, „Der Malmer ist überhaupt nicht in unserer Nähe, stimmt’s? Das war alles nur ein beschissener Taschenspielertrick von dir“, fügte sie hinzu, vor allem um Zeit zu gewinnen und Kollom abzulenken.

„Sie sind genauso schlau, wie ich gehofft hatte“, sagte Kollom strahlend.

„Stimmt!“, sagte Sandra trocken und schoss mit ihrer Waffe auf die Decke oberhalb von Kolloms Kopf. Sie wusste nicht, ob die Waffe sein Kraftfeld durchdringen oder die Decke zum Einsturz bringen könnte, aber immerhin war es einen Versuch wert.

Und tatsächlich hatte sie Erfolg. Eine silbrig schimmernde, feine Nadel löste sich aus dem Lauf der simpel gestalteten Waffe und schlug mit unerwarteter Wucht in die ohnehin bereits ausgebeulte Decke des Hohlraums ein … und brachte diese direkt über Kollom zum Einsturz. Schlamm, Staub und Dreck spritzten in alle Richtungen und brachten Sandra noch mehr zum husten. Aber sie ignorierte es und stürzte sich mit ihrem gesamten Körpergewicht auf Kollom, um ihm seine eigene Waffe und nach Möglichkeit seinen beschissenen Koffer zu entreißen oder ihn am besten gleich zu töten. Ihre Hände griffen auf gut Glück in den Schlamm und fanden tatsächlich seinen Hals. Sie drückte mit ihrer nicht unbeträchtlichen Kraft zu und stellte zufrieden fest, dass der Mann vor Schmerzen aufkeuchte.

„Stirb du, mieser Verräter!“, sagte sie voller Zorn, während sie noch ein wenig mehr Druck ausübte.

„Sie können sich das sparen“, röchelte Kollom, „ich muss nicht atmen.“

„Irgendwann musst du das wieder tun“, sagte Sandra, „spätestens, wenn ich dir deine scheiß Talismane vom Hals reiße. Und essen und trinken lässt es sich mit einer zerquetschten Kehle auch nicht besonders gut. Abgesehen davon, dass es ziemlich mies aussieht.“

„Es würde Ihnen nichts bringen“, erwiderte Kollom, „Ohne mich kommen weder Sie noch die anderen lebend hier raus. Schaufel ist in meinem Koffer und allein ich kann sie kontrollieren oder aus dem Koffer befreien. Sie werden hier drin ersticken, Sandra. Schon bald. Außer ich rette Sie.“

„Ich für meinen Teil würde niemandem drohen, der meine beschissene Kehle in seinen Händen hält“, erwiderte Sandra, „ich werde deinen hässlichen Hals einfach zerdrücken, deine Klunker und dann meinen Katalog an mich nehmen und hier verschwinden, während du vor dich hin röchelst.“

„Das werden Sie nicht“, sagte Kollom mit einem hustenden Lachen, „ein Gedanke von mir genügt, und ich lasse diesen Hohlraum über uns einstürzen. Das gleiche passiert, wenn Sie sich meine Artefakte aneignen, Sie versuchen zu fliehen oder mein Herz aufhört zu schlagen.“

„Damit kann ich leben“, sagte Sandra kalt, „Immerhin sind Sie dann auch tot.“

„Sie wollen nicht sterben, Sandra“, keuchte Kollom, „ich weiß, dass Sie eine zielstrebige Frau sind, die noch viel mit Ihrem Leben vorhat. Sterben gehört nicht dazu.“

„Du glaubst mich also zu kennen, du Pisser?“, fragte Sandra verärgert. Zugleich war jedoch ihre Neugier geweckt, da Kolloms Worte eine Art Verhandlungsbereitschaft andeuteten. „Was schlägst du denn stattdessen vor?“, fügte sie deshalb nach kurzem Zögern hinzu, „gehen lassen willst du mich ja anscheinend nicht.“

„Ich habe ein noch besseres Angebot als ihre bloße Freiheit“, antwortete Kollom, „ich will Sie einstellen.“

Sandra lachte, auch wenn das Lachen wegen der schlechten Luft nicht sonderlich lang oder laut ausfiel, „Lieber sterbe ich, als zu Schaufel 2.0 zu werden. Was soll ich denn für dich tun, Kollom? Willst du mir ne Kettensäge an den Mund montieren, damit ich für dich ein paar Wälder roden kann?“

„Wie gesagt“, gab Kollom zurück, „nichts dergleichen. Ich suche vielmehr nach guten Führungskräften. Nach Leuten, die in der Lage sind, sich durchzusetzen. Sie waren die Herrscherin eines ganzen Reiches. Wer wäre dafür besser geeignet als Sie?“

„Wie lange belauschst du Stalker-Lurch uns schon?“, wollte Sandra wissen, der es gar nicht gefiel, dass Kollom von ihrer ehemaligen Position als Sahkscha wusste.

„Seit eurer Ankunft in dieser schönen Welt“, gab Kollom zurück, „aber das ist nicht der Punkt. Der eigentliche Punkt ist folgender: Sind Sie bereit mich loszulassen und sich mein Angebot anzuhören?“

Sandra überlegte, ob sie dem Typen trauen konnte. Nein, entschied sie ziemlich schnell. Aber dennoch hatte sie keine andere Wahl als sein Angebot in Erwägung zu ziehen. Schon allein, weil sie bald ersticken würde und der Mistkerl mit einer Sache recht hatte: Sie wollte nicht sterben.

„Also gut“, sagte sie schließlich widerstrebend, ließ Kolloms Kehle los und ging ein paar Schritte zurück, ohne ihn aus den Augen zu lassen, während er sich wieder aufrappelte und sich mit seinem altbekannten Trick den Dreck von seinem Anzug schüttelte. Diesmal achtete er jedoch darauf, Sandra nicht weiter zu beschmutzen.

Immerhin ein Anfang, dachte sie.

„Was bietest du mir an?“, fragte Sandra ungeduldig, während sie einen Blick zu den anderen warf. Pingo stand nach wie vor wie eine unbewegte Statue herum, während Karmon noch immer unbewegt auf dem Boden lag. Von dieser Seite hatte sie jedenfalls keine Hilfe zu erwarten.

„Einen Moment“, sagte Kollom nun wieder vollkommen förmlich, klappte seinen Koffer auf, ging auf Sandra zu und lies – nach ein paar schnellen Fingerbewegungen über das Display – einen holografischen Text vor ihren Augen erscheinen. Einen verdammt LANGEN, holografischen Text.

„Das sind die Vertragsbedingungen, die ich Ihnen anbiete“, erklärte Kollom, „Tippen Sie auf diesen Schalter, um sie zu akzeptieren.“ Er zeigte auf einen grün leuchtenden, quadratischen Knopf in der oberen linken Ecke des Koffers.

„Das kann ich unmöglich alles durchlesen“, widersprach Sandra, der es in ihrer Benommenheit schwerfiel, auch nur einen Satz aus dieser Textwüste zu verarbeiten.

„Das müssen Sie auch nicht“, sagte Kollom, „Ich kann ihnen kurz die wichtigsten Punkte zusammenfassen. Sie werden mit mir, sobald es unsere Situation zulässt, nach Deovan kommen und als meine Personalchefin die Aufsicht über meine Angestellten im Hauptsitz des Machtkomplexes der kalten Hand übernehmen. Sie erhalten Prokura, sind aber mir und dem Vorstand weisungsgebunden. Und zwar zunächst verpflichtend für ein Jahr. Dafür wird Ihnen eine angemessene, ja geradezu luxuriöse Wohneinheit im Konzerngebäude gestellt. Inklusive aller Annehmlichkeiten. Zudem gibt es eine Vergütung in Höhe von 523.000 Dominanten monatlich. Da Ihnen vielleicht die Bezugsgröße fehlt, um einzuschätzen, wie viel das ist, kann ich Ihnen sagen, dass Sie damit mehr verdienen als 96% der aller Deovani in vergleichbaren Positionen. Nach Ablauf des Jahres, können Sie ihren Vertrag unter vorbehaltloser Rücknahme alles eingebrachten Kapitals – also im Wesentlichen ihres Körpers, ihres Wissens und Ihrer geistigen und sozialen Fähigkeiten – beenden oder freiwillig verlängern. Im Falle Ihres Ausscheidens verlangen wir nicht einmal eine Entschädigungszahlung für neu erworbene Fähigkeiten. Das möchte ich besonders betonen, da dies bei uns äußerst unüblich ist. Was sagen Sie?“

Sandra fiel das Denken immer schwerer. Die warme, sauerstoffarme Luft setzte ihr zu, ihre Haare klebten unangenehm an ihrem Kopf und ein leichtes Gefühl von Klaustrophobie begann sich ihrer zu bemächtigen. Trotzdem versuchte sie ihr bestes, um Kolloms Worten zu folgen. Was sie von seinen Ausführungen verstand, klang einigermaßen akzeptabel. Allerdings hatte sie wenig Lust darauf, die Lohnsklavin dieses Mannes zu werden. Auch ein goldener Käfig war nun mal ein Gefängnis und Sandra liebte ihre Freiheit. Die Freiheit, die ihr der Katalog gegeben hatte, selbst wenn es eine vergiftete und eingeschränkte war und erst recht, die die sie als Herrscherin von Konor genossen hatte, war das schönste gewesen, was sie seit langem erlebt hatte … doch …

Für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen, bevor Kolloms Gesicht und der Vertrag wieder vor ihr erschienen.

… die Zeit lief ihr davon und je benommener sie wurde, desto mehr gingen ihr die Handlungsoptionen aus.

„Wer garantiert mir, dass das, was du da erzählst, überhaupt hier drin steht?“, zwang sie sich zu sagen.

„Highlighten“, befahl Kollom und plötzlich leuchteten einige der Passagen des komplizierten Vertrages blau auf. Selbst diese konnte Sandra jetzt kaum noch lesen. Aber sie fing immerhin genug Stichworte auf, um zu erkennen, dass er in dieser Hinsicht wahrscheinlich nicht gelogen hatte.

„Scheint zu stimmen“, sagte Sandra undeutlich, „aber das Kleingedruckte … ich muss es lesen … lassen Sie den beschissenen Sauerstoff hier rein.“

„Das kann ich nicht“, erwiderte Kollom, „nur mit Schaufels Hilfe und sie würde dafür zu lange brauchen. Karmon würde das wahrscheinlich überleben. Er besitzt eine besondere Biologie. Sie jedoch wären bis dahin mit Sicherheit tot. Außer sie unterschreiben. Dann kann ich Sie retten.“

„Du verdammter Bastard!“, sagte Sandra, „das ist Erpressung!“

„Ich kann Ihnen versichern, dass meine Eltern einen gültigen Ehevertrag abgeschlossen haben“, sagte Kollom verschmitzt, „und Erpressung ist auch nur ein anderes Wort für einen Handel. Nur eben mit etwas ungleichen Verhandlungspositionen, so viel will ich zugestehen.“

Sandra spürte, wie die Ohnmacht bei ihr anklopfte. Und zwar ziemlich unhöflich. Verzweiflung stieg in ihr auf und für einen Moment wünschte sie sich wie früher in Elyvennes Armen zu versinken oder auch in Adrians, egal was er für eine Katastrophe von Mann war. Freiheit allein war vielleicht nicht genug, um durchs Leben zu kommen, dachte sie rührselig, rief sich aber dann zur Ordnung. Keine Zeit für Selbstmitleid, Sandra. Jetzt nicht.

Ein letztes Mal versuchte sie ihre Gedanken zu ordnen. Sie könnte Kollom noch immer entkommen. Auch nach einer Unterschrift. Sie sah im Moment keine Möglichkeit, wie er sie nach Deovan bringen könnte und wenn er einen besäße, hätte er es wahrscheinlich schon getan. Sobald sie den Katalog zurückbekäme, könnte sie sich immer noch aus dem Staub machen. Selbst wenn der Typ ebenfalls mit einem seiner Artefakte durch die Welten reisen konnte, hieß das nicht unbedingt, dass er sie auch finden konnte. Zudem ergab sich bestimmt noch eine Möglichkeit, ihn aus dem Weg zu räumen, wenn sie sich erst einmal nicht mehr im selben Erdloch befanden.

„Fuck it!“, sagte sie und begann schon zu hyperventilieren, während sie mit dem Zeigefinger auf den grünen Knopf drückte. Die Projektion des Vertrages verschwand. Unerwarteterweise spürte sie einen Stich in ihrem Finger. „Autsch!“, keuchte sie schwach, „was soll der Scheiß!?“

„Das ist leider notwendig, um die intelligenten Nanoeinheiten in ihr System zu bringen, die die Digitalisierung ermöglichen!“, sagte sie, „Willkommen im Team, Sandra. Und gewöhnen Sie sich daran, mich künftig zu siezen. Immerhin bin ich nun Ihr Chef.“

Dann berührte Kollom eine weitere Schaltfläche auf seinem Kofferdisplay und Sandra verschwand augenblicklich, bevor sie auch nur Gelegenheit hatte es zu realisieren. Dafür erschien ein Lächeln auf Kolloms Gesicht. Offenbar war er zufrieden mit dem Ergebnis der „Verhandlung“.

Als Nächstes holte er Schaufel aus dem Koffer und ließ sie die fehlenden Meter bis zur Tunneldecke freischaufeln, bis frische Luft in die Kammer strömte und der Blick auf den etwa zwanzig Meter entfernten Boden einer von mächtigen, verzierten Säulen gestützten Halle frei wurde. Dann holte er nacheinander weitere Bedienstete aus seinem Koffer. Ihre Rücken waren verkrümmt und ihre Hände und Füße so geformt, dass sie sich ineinander verhaken ließ. Auf diese Weise ließ er sie eine lebende Treppe bilden, die bis hinunter auf den Boden reichte. Dann rief er fünf extrem muskulöse Gestalten mit kleinen Köpfen, kräftigen Armen und breiten Händen zu sich. Zwei davon griffen sich Pingo und trugen ihn wie eine Statue die lebende Treppe herunter, wobei deren „Stufen“ zwar gelegentlich aufstöhnten, jedoch das enorme Gewicht irgendwie aushielten. Dann griffen sich die anderen drei den bewusstlosen Karmon und trugen ihn unter merklicher Anstrengung ebenfalls nach unten, wobei eine „Stufe“ vor Schmerzen aufschrie und ein knackendes Geräusch auf einen gebrochenen Brustkorb schließen ließ. Die geplagte Kreatur – in diesem Fall war es ein Mann – hielt ihre Körperspannung dennoch irgendwie aufrecht, als sie Kolloms strengen Blick auffing und Karmon schaffte es ebenfalls heil nach unten zu gelangen. Zuletzt ging Kollom selbst die Treppe hinunter und ließ, nachdem er wieder festen Boden unter den Füßen hatte, seine Angestellten wieder im Koffer verschwinden. Dann rief er sich einen schwarzen Ledersessel und einen Schreibtisch herbei, klappte den Koffer auf, stellte ihn auf den Tisch und fing mitten in den unterirdischen Eingeweiden von Uranor an zu arbeiten, während er darauf wartete, dass Karmon und Pingo wieder zu Bewusstsein kamen.

Karmon jedoch war bei Bewusstsein. Er hatte all das genauestens beobachtet. Tatsächlich hatte ihn der Sauerstoffmangel geschwächt, aber die Besinnung hatte er nicht verloren, auch wenn er diesen Umstand geschickt verborgen gehalten hatte. So hatte er ohne jeden Zweifel mitbekommen, dass Kollom ein Verräter war. Und er war unglaublich wütend darüber. Weniger wegen sich selbst, sondern vor allem wegen Sandra. Seit er auf sich allein gestellt war, hatte er nämlich feststellen müssen, dass seine Gefühle ihr gegenüber, die er vor allem auf Adrian zurückgeführt hatte, nicht geschwunden waren, sondern sich noch verstärkt hatten.

So bemerkenswert der Symbiont das auch fand – anscheinend war er es gewesen, von dem die Gefühle für Sandra in erster Linie ausgegangen waren. Eine andere Erklärung gab es dafür einfach nicht. Das war, wenn er ehrlich zu sich war,- und das war er für gewöhnlich – der wahre Grund dafür, dass er nicht wollte, dass Sandra den Katalog benutzte. Er wollte sie an seiner Seite wissen.

Karmon betrachtete diese neue Erkenntnis mit Interesse, da ihm derlei Emotionen bislang unbekannt gewesen waren. Weder ärgerte, noch freute er sich darüber, sondern akzeptierte es als Fakt, als Variable, die es künftig zu berücksichtigen galt. Ja, Karmon blieb rational. Aber trotzdem schien er Sandra zu lieben und so war es grauenhaft gewesen tatenlos mitansehen zu müssen, wie dieser schleimige Kerl sie erpresst hatte.

Aber sein Eingreifen hätte weder ihr noch ihm selbst etwas gebracht und außerdem stand für ihn Adrian noch immer an erster Stelle. Adrian, den er nur erreichen könnte, wenn er überlebte. Dennoch würde er Kollom das nicht durchgehen lassen und sicherlich eine Gelegenheit finden, ihn für seine Taten zu bestrafen. Doch bis dahin kam es vor allem darauf an Informationen zu sammeln und wie es schien, war Karmon dafür gerade genau in der richtigen Situation.

Kollom, der ihn noch immer für bewusstlos hielt und ihn ganz in seiner Nähe auf den Bauch gelegt hatte, fühlte sich unbeobachtet und so konnte Karmon ungestört einen Blick auf die Nachricht werfen, die als holografische Projektion vor seinen Augen schwebte.

Das Meiste von den Textteilen, die Karmon aus seiner Perspektive sah, konnte er nicht entziffern, da die Buchstaben ihm unbekannt waren. Aber zwei Worte waren in den Buchstaben aus Adrians Welt geschrieben, die er gut genug kannte und so konnte er sie zweifelsfrei entziffern:

„Endless Horizons“

~o~

„Korf, wach auf verdammt nochmal!“, rief ich sicher schon zum hundertsten Mal, während ich immer wieder überprüfte, ob mein Körper in einer nicht allzu unbequemen Position verharrte. Noch konnte ich meinen Körper zwar ein bisschen spüren, aber meine Schmerzreize funktionierten bereits nicht mehr und so bestand wohl ein ziemlich hohes Verletzungsrisiko.

„Wasn los?“, kam es ziemlich verschlafen durch die Wand, „kann ein toter Mann nicht mal in Ruhe träumen? Ich lag mit ner heißen Frau in einem Bad voll heißem Rorakblut und hab‘ ihr ein Gedicht vorgetragen. Ein verdammtes Gedicht, Kleiner. Du hast mich ja mal als Poeten bezeichnet, also gemeint, dass ich gut mit Worten umgehen kann. Vielleicht stimmt das ja. Ihr hat es jedenfalls gefallen. Zumindest, bis mich dein Geschrei da rausgerissen hat. Vielen Dank auch!“

„Tut mir leid. Aber während du gepennt hast, ist etwas ziemlich Übles passiert“, erklärte ich.

„Ach tatsächlich?“, fragte Korf sarkastisch, „etwas Übles? An diesem Ort?“

„Sehr witzig“, sagte ich und schilderte ihm Scavinees Besuch.

„Mein Gott, Kleiner“, sagte er, „sieht so aus als wurdest du ordentlich von einer Jyllen gefickt. Das gönne ich nun wirklich keinem. Aber keine Panik: Wir bringen dich hier raus, bevor die Schlampe weiter an dir rumdoktort. Keine Schmerzen zu empfinden kann auch ein Vorteil sein. Wenn das Getümmel losgeht, wirste ne ziemlich harte Nuss sein. Ich denke zu zweit haben wir weit bessere Chancen uns gegen die Meute zu behaupten. Immerhin sind wir ein eingespieltes Team, Kleiner.“

„Falls ich nicht über meine eigenen Füße stolpere“, erwiderte ich skeptisch, „Noch kann ich das einigermaßen verhindern, aber wenn die Taubheit weiter voranschreitet, kann ich wohl kaum vor irgendwelchen kampfgestählten Gefangenen wegrennen. Deine Hunger Games für Arme sollten besser bald losgehen.“

„Was bei Sahkscha sind ‚Hunger Games‘?, fragte Korf verwirrt.

„Vergiss es“, sagte ich, „ist nicht wichtig.“

Just in diesem Moment hörte ich von fern das Geräusch einer sich öffnenden Tür und dann schnell näher kommende Schritte. Schon bevor Korf es aussprach, wusste ich, was das bedeutete. „Sieht so aus, als wäre heute dein Glückstag, Kleiner. Die gläsernen Penner haben wieder Lust zu spielen.“iner. Die gläsernen Penner haben Lust zu spielen.“

2 thoughts on “Fortgeschritten: Die blendenden Himmel von Uranor 4

  1. Uhhhhh, Es geht weiter. Gelesen habe ich noch nicht. Werde ich jetzt aber tun.
    Wollte mich nur erstmal für die Fortsetzung bedanken. 😍

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