Fortgeschritten: Die blendenden Himmel von Uranor 7

Arnin war definitiv anders, als Sandra es erwartet hatte. Sie hatte sich einen pickeligen Nerd vorgestellt, vielleicht auch einen aalglatten Deovaner im Anzug, der sie mit seinen runden, stets offenen Augen überheblich anstarren würde. Doch weder das eine, noch das andere kam der Wirklichkeit auch nur nahe.

Das Büro des Administrators sah aus wie das Innere eines Computers, jedenfalls ähnelte es den Abbildungen, die Sandra aus ihrem Erdendasein aus Magazinen und Fernsehberichten kannte. Die Wände waren gespickt mit Platinen, Chips, Transistoren und Drähten, die immer wieder hell aufleuchteten und manchmal sogar Funken schlugen, die jedoch allesamt harmlos in der Luft verpufften. Das war jedoch nicht das eigentlich Bemerkenswerte. Viel bemerkenswerter waren die fleischfarbenen Muskelstränge, die – eng verwobenen mit silbernen Leitungen – direkt aus den Wänden herauswuchsen und in ein Wesen mündeten, wie es Sandra noch nie auch nur annähernd erblickt hatte.

Der Körper der Kreatur ähnelte einer Explosionszeichnung. Ein großes, pumpendes Herz, zwei flache, aber äußerst breite Lungenflügel und diverse Organe, deren Funktion Sandra nicht kannte, schwebten einfach in der Luft, nur gehalten von den dünnen Strängen aus Fleisch und Metall. Oberhalb von diesem widerlichen Anblick thronte der lose mit diesen Organen verknüpfte Kopf und der unterhalb der Schultern abgeschnittene Oberkörper des Geschöpfes, bei dem Sandra trotz ihrer Grosteskheit vermutete, dass es sich um Arnin handeln musste. Sowohl sein Körper, als auch sein Kopf waren von einem Dunkelgrau, welches an Schwarz grenzte, wobei auch die Haut des Administrators von kleinen, silbrigen Fäden durchzogen war. Sein schmaler, humanoider Kopf verfügte über leicht mandelförmige hellblaue Augen, hellgraue, zu einem Lächeln verzogene Lippen und lange, lilafarbene Haare. Außerdem ruhten auf seinen kleinen Ohren ein silberner, gepolsterter Kopfhörer aus dem leise elektronische Musik ertönte.

„Willkommen im Fateroom. Du musst Sandra sein“, sagte eine überraschend sanfte und sympathische Stimme. Sandra hätte ihr ewig zuhören können.

„Du … du …“, begann Sandra, die all dies erst einmal verarbeiten musste, zu stottern.

„Ich bin Arnin, Ja“, stellte sich Arnin vor, „eigentlich Arnarninondatrarin, aber ich habe festgestellt, dass die meisten Zungen bei diesem Namen Probleme bekommen. Deshalb bevorzuge ich die Kurzform. Doch ich vermute, dass mein Name dich am wenigsten beschäftigt, nicht wahr?“

Sandra hatte sich inzwischen wieder einigermaßen gefangen, wozu auch der angenehme Klang von Arnins Stimme beigetragen hatte. „Es tut mir leid, wenn ich dich angestarrt habe“, sagte sie diplomatisch, „ich hatte lediglich …“

„… eine Kopie von Kollom erwartet, ich weiß“, vollendete der Administrator, „oder jemanden aus einem anderen dir bekannten Volk. Dafür brauchst du dich aber nicht zu schämen. Wir alle sind darauf gepolt, das als befremdlich zu empfinden, was wir nicht gewohnt sind. Ich musste mich auch erst an meinen Zustand hier gewöhnen. Ich stamme vom Volk der „Whe-Ann“ und bin vielleicht einer ihrer letzten Vertreter. Für gewöhnlich befinden sich auch unsere Organe innerhalb unserer Körper und auch wenn wir gerne kybernetische Erweiterungen einsetzen, verbauen wir diese sonst weitaus dezenter. Allerdings gefiel es Kollom offenbar, meinen Körper in diese Form zu bringen. Er allein hat hier drin das letzte Wort über unsere Erscheinungsform, musst du wissen.“

Diese Neuigkeit erschreckte Sandra. Denn das bedeutete, dass der Typ sie jederzeit ihrer Kleidung berauben, sie in ein Monster verwandeln oder sie zu einem Teil der Inneneinrichtung machen konnte. Sie war ihm vollkommen ausgeliefert und das hasste sie.

„Wie schrecklich“, sagte Sandra mitfühlend, auch wenn sie nicht wirklich viel Mitleid für Arnin empfand. Immerhin kannte sie diesen Kerl kaum, „heißt das, du bist in diesem Raum gefangen?“

Arnin blinzelte zweimal deutlich und hielt dann die Augen kurz geschlossen, was Sandra an eine Maschine denken ließ, die eine Codezeile verarbeitete. „So ist es“, sagte er schließlich, „ich werde von den Systemen des Manifestors über alles Wichtige informiert, was hier passiert und was gesagt wird, aber bewegen kann ich mich nicht. Keine schöne Form der Existenz, aber immerhin darf ich bei der Arbeit Musik hören. Das ist ja auch was.“

Er versuchte sich an einem Lächeln, welches jedoch nicht so fröhlich geriet, wie er es wahrscheinlich beabsichtigt hatte.

„Du hast also alles gehört, was ich mit Nanita besprochen habe?“, fragte Sandra, der plötzlich eiskalt wurde. Hatte sie sich in ihrem Gespräch mit Nanita noch mehr in Schwierigkeiten gebracht?

„Das habe ich“, sagte Arnin, „Nanita hätte sich auf das Verhandlungsrecht berufen können, was es mir und Kollom nicht erlaubt hätte, euer Gespräch zu verfolgen. Verträge und die Verhandlungen darüber sind so ziemlich das Einzige, was in Deovan in Ehren gehalten wird.“

„Warum macht sie so etwas?“, fragte Sandra, “Immerhin bringt sie sich selbst dabei in Schwierigkeiten?“

„Weil sie sich dadurch eben NICHT in Schwierigkeiten bringt“, erklärte Arnin, „Ich habe einen kleinen Vertrag mit Nanita geschlossen, der sie einige Dominanten gekostet hat. Dafür verhindere ich nicht nur, dass Kollom ihre Gespräche mithören kann, sondern präsentiere ihm auch von Zeit zu Zeit ein paar harmlose, gefälschte Aufzeichnungen, damit er nicht zu misstrauisch wird. Die Originale halte ich selbstverständlich zurück. Es kann nie schaden eine Absicherung zu haben.“

Arnin lächelte vielsagend und Sandra ärgerte sich darüber, dass sie das hier nicht aufzeichnen konnte. Das wäre wahres Intrigengold gewesen.

„Wofür brauchst du überhaupt Dominanten?“, fragte Sandra, die es nicht sonderlich überraschend fand, dass offenbar jeder in Kolloms blödem Koffer ein Halsabschneider war, „hier drin kannst du sie doch wohl kaum ausgeben.“

Arnin sah Sandra verständnislos an, „natürlich kann ich das. Ein physischer Körper ist vollkommen unnötig, um sich die meisten Konsumwünsche zu erfüllen. Das gilt für jedes Lebewesen, aber um so mehr für uns Whe-Ann. Immerhin haben wir einen besonderen Hang zum Digitalen. Natürlich erwartet Kollom von mir, wie von allen Angestellten, dass sie ihm rund um die Uhr zur Verfügung stehen, aber da meine kognitiven Kapazitäten die Anforderungen meiner Aufgaben bei weitem übersteigen, bleiben mir noch genug Möglichkeiten, mich dabei der Zerstreuung zu widmen. Ich kann Filme schauen, Vorträgen lauschen und vor allem Musik konsumieren. Ich liebe Musik, musst du wissen. Und zwar so ziemlich jede Stilrichtung. Dieser Koffer ist direkt mit der Musiksammlung der Märkte von Deovan verbunden und da diese widerrum einen Vertrag mit den Gläsernen Archiven von Rhin geschlossen haben, findet sich dort nicht nur jeder einzelne Song, der je veröffentlicht wurde, sondern auch jede unfertige Idee eines Nachwuchskünstlers, jedes heilige Lied aller noch so abgeschiedenen Kulte, jede Melodie, an die bislang auch nur gedacht wurde. Es ist himmlisch, Sandra. Manchmal höre ich mir sogar zwei oder drei dieser Lieder zugleich an.“

Wie um das zu demonstrieren wechselten seine Kopfhörer zu etwas, was Sandra als wirren Klangbrei bezeichnen würde, zu dem Arnins Kopf jedoch enthusiastisch mitwippte.

„Das ist ja alles gut und schön“, sagte Sandra, die nicht in der Stimmung für solche Albernheiten war, „aber was verlangst du nun von mir? Ich gehe davon aus, dass du mein Gespräch mit Nanita ebenfalls aufgezeichnet hast und ich jetzt irgendwas für dich tun soll, damit du es nicht brühwarm an Kollom weiterflüsterst.“

„Wer sagt denn, dass ich das nicht bereits getan habe?“, fragte Arnin grinsend, „immerhin haben wir beide bislang keinen Vertrag miteinander geschlossen, oder?“

Sandra ließ sich nicht verunsichern. Sie war kein zartes Pflänzchen. Sie war über Jahre die Herrscherin eines grausamen Tyrannenvolks gewesen und wusste mit Drohungen und Hinterlist umzugehen, „Ich weiß inzwischen genug über die Leute aus Deovan und ihre Geisteshaltung, um zu wissen, dass sie keine Gelegenheit verstreichen lassen würden, ein Geschäft zu machen. Und ich glaube nicht, dass jene, die lang genug für sie arbeiten, so viel anders denken. Also, was willst du Arnin? Dass ich über keine Dominanten verfüge und einen Großteil meiner zukünftigen Einnahmen bereits Nanita versprochen habe, weißt du ja.“

Arnin lachte. Es klang sehr sympathisch. Dieses Lachen weckte in Sandra sogar den flüchtigen Wunsch alle Differenzen und Verhandlungen zu vergessen und sich mit Arnin zu den Klängen von Nirvana oder irgendeiner anderen ihrer Lieblingsbands zu besaufen. Doch sie schaffte es zum Glück diesen lächerlichen Gedanken zu verdrängen.

„Sehr gut“, sagte Arnin, „Scharfsinn und Selbstbewusstsein sind eine seltene Kombination in diesem Manifestor.“

„Das ist keine Antwort“, bemerkte Sandra trocken.

„Das stimmt“, sagte Arnin, „also will ich dir eine geben: was ich von dir will, sind keine Dominanten, auch wenn ich denen durchaus etwas abgewinnen kann. Was ich will, ist der Zugang zum Hauptrechner von Deovan.“

„Den habe ich nicht“, sagte Sandra verblüfft. Sie hatte mit etwas Anspruchsvollem gerechnet, aber das hier klang ihr mindestens drei Nummern zu groß.

„Noch nicht“, sagte Arnin, „aber du wirst ihn bekommen, wenn du es richtig anstellst.“

„Das ist unmöglich“, widersprach Sandra, der nun doch etwas mulmig zumute war, „ich habe meine Stelle noch nicht einmal angetreten und habe keine Ahnung, ob ich dort länger als ein paar Tage aushalten würde, geschweige denn, ob ich in die Nähe irgendeines Superrechners komme.“

„Du unterschätzt deine Fähigkeiten“, sagte Arnin.

„Was weißt du schon über meine Fähigkeiten?“, fragte Sandra.

„Ich weiß, dass Kollom dich zu seiner zukünftigen rechten Hand ernannt hat“, gab Arnin zurück, „also musst du kompetent sein. Außerdem werde ich dich unterstützen, sobald es so weit ist.“

„Warum willst du überhaupt Zugang zu diesem Hauptrechner haben?“, wollte Sandra wissen, „willst du dir noch mehr Songs auf deine Kopfhörer packen?“

„Das wäre in der Tat verlockend“, sagte Arnin, „aber wenn ich mich am Reichtum von Deovan vergreifen oder auch nur die geringste Sache stehlen sollte, würden sie mich sofort jagen. So dumm bin ich nicht. Ich bin lediglich einsam, Sandra. Ich will den Rest meines Volkes finden. Ihre Geister streifen noch immer dort Draußen in den Datenadern umher. Zersplittert, verwirrt und verloren. Ich muss sie finden. Hier drin jedoch kann ich das nicht. Wirst du mir dabei helfen?“

Sandra antwortete nicht direkt darauf. Schon allein, weil sie die Antwort auf diese Frage selbst noch nicht wusste. „Was ist mit meinem Anliegen? Wenn du mein Gespräch mit Nanita belauscht hast, weißt du, weswegen ich zu dir gekommen bin.“

„Ich habe belastendes Material gegen dich in der Hand“, erinnerte Arnin sie, „warum glaubst du, dass du etwas von mir verlangen könntest?“

Sandras Blick blieb fest und selbstbewusst. „Weil dir diese digitale Familienzusammenführung sehr wichtig ist“, sagte sie, „das ist was Emotionales für dich, nicht nur irgendein Geschäft. Außerdem bist du kein Deovani. Du magst ihre Denkweise adaptiert haben, aber im Kern gibt es für dich noch höhere Werte als Reichtum und Gier. Deshalb weißt du, dass ein Geschäftspartner, dem man durch Sympathie verbunden ist, immer noch der Verlässlichere ist. Und aus diesem Grund wirst du mir helfen!“

Arnin fing einmal mehr laut an zu lachen und Sandra fragte sich, ob sie ihn falsch eingeschätzt hatte. „Ich bin Jahrhunderte alt, Sandra. Du glaubst ernsthaft, nach ein paar Minuten über mich urteilen zu können? Ich bin ein Administrator vom Volk der Whe-Ann, kein sentimentaler Trottel. Und dennoch hast du teilweise recht. Ich vermisse aufrichtige Beziehungen. Freundschaften, die über bloßes Vorteilstreben hinausgehen und wirklich etwas bedeuten. Das würde ich gern wieder erleben. Und deshalb würde ich dir auch liebend gerne entgegenkommen.

Das Problem ist nur, dass unsere Interessen in einem diametralen Gegensatz stehen. Ich will, dass du deine Stelle bei Kollom antrittst und mit uns nach Deovan kommst. Du hingegen willst Kollom umbringen und dich dann schnellstmöglich vom Acker machen. Das passt leider nicht zusammen. Allerdings kann ich dafür sorgen, dass dein Leben in Deovan deutlich angenehmer und einfacher wird und für den Anfang würde ich sogar ein paar Dominanten springen lassen, damit du dich am Automaten bedienen kannst. Also, Sandra, was darf es sein? Willst du mir helfen oder lieber ein ernstes Personalgespräch mit Kollom führen müssen?.“

Noch immer zögerte Sandra zu antworten. „Was ist mit Nanita? Hast du sie auch für diese Aufgabe zu gewinnen versucht, als sie Kolloms rechte Hand gewesen war?“

„Das habe ich“, sagte Arnin.

„Und?“, fragte Sandra, „wie hat sie sich entschieden?”

„Sie hat abgelehnt“, sagte Arnin, „und du siehst ja, was es ihr gebracht hat. Doch was ist jetzt mit dir? Ich bin dieses Gespräches müde und will viel lieber noch ein wenig gute Musik genießen.“

„Ich mache es“, sagte Sandra seufzend und fühlte sich, als hätte sie ihre Seele nun schon zum dritten Mal dem Teufel verkauft. Sie fragte sich nur, in wessen Hölle sie am Ende landen würde.

~o~

Pingos Entsetzen kam nicht von Ungefähr. Die Höhle vor ihnen war in ein flackerndes, gelbliches Licht getaucht, welches von einer Vielzahl kleiner Lampen stammte, die wie eitrige Pickel in die steinerne „Haut“ der Decke eingelassen worden waren. Ihr Licht flutete gleich klebrigem Honig über eine Reihe glänzender Metallhalterungen, die zu beiden Seiten im harten, aber unbehauenen Gestein eingelassen waren. In diesen Halterungen ruhten Wesen. Wesen, die Pingo an weibliche Gesunder erinnerten, nur dass ihre Proportionen nicht stimmten. Manchmal waren ihre Beine zu lang, manchmal zu kurz, manchmal besaßen sie zehn oder mehr Finger an jeder Hand statt der üblichen sieben und oft waren ihre Köpfe viel zu klein, manchmal sogar so zusammengeschrumpft, dass gerade genug Platz für ein einzelnes Auge und einen verkümmerten Mund darin war. Manchmal waren ihre nackten Rümpfe oder Unterleiber, grotesk angeschwollen Oder ihre Beine ein einziger, verwachsener Klumpen. Es konnte sich unmöglich um Puppen oder Modelle handeln. Nicht nur, dass sie dafür viel zu realistisch waren, er roch auch den säuerlichen Geruch von ungewaschenen, lebenden Körpern. Außerdem nahm er keine Spur von Verwesung an ihnen wahr, jedoch auch keine Spur von Bewusstsein in den Augen derjenigen, die Augen hatten. Alle diese Frauen besaßen dabei trotz ihrer verschiedenen Deformationen eine große Ähnlichkeit miteinander.

„Wohin hast du uns gebracht, du hinterhältiger Seelenverkäufer?!“, schrie Pingo Kollom mit einer für ihn untypischen Wut an.

„Ich habe keine Ahnung, wo …“, begann Kollom sich zu verteidigen.

„Hör auf zu Lügen!“, unterbrach Pingo ihn und blickte zu Karmon, „Der Eingang zur Festung ist in der anderen Richtung gewesen.“

„Stimmt das?“, fragte Karmon düster und fixierte Kollom mit seinen bedrohlichen Augen.

„Diese Tunnel sind verwirrend“, sagte Kollom glatt, „mag sein, dass dies hier der falsche Weg ist. Solche Fehler passieren, wenn man von einem seelenfressenden Ungeheuer gejagt wird.“

„Das war kein Fehler“, beharrte Pingo, „Kollom hat versucht den Bildschirm zu zerstören. Trotzdem konnte ich den Plan, entziffern, der dort abgebildet war. Am Tunnel zu unserer Linken stand eindeutig „Wuldran“ geschrieben, das Whe-Annische Wort für Festung. Daran kann es für mich als ehemaligen Mitarbeiter der Archive keinen Zweifel geben.“

„Das ist eine infame Anschuldigung Herr Dellagrahn“, empörte sich Kollom, „wie kommen sie auf den Gedanken, dass ICH den Bildschirm zerstört habe? Diese Tunnel hier sind uralt. Genau wie die Technik der Whe-Ann. Es gibt also eine ganze Reihe weiterer Verdächtiger in diesem Fall, als nur mich.“

Pingo wollte antworten, aber er spürte ein Gedicht kommen und wollte unbedingt verhindern, dass seine Argumentation durch solche Albernheiten ins Lächerliche gezogen wurde.

An seiner Stelle antwortete Karmon, „Sie haben selbst gesagt, dass sie schon oft hier unten waren. Sie sollten also wissen, in welcher Richtung die Festung liegt. Ich bin mir deshalb ziemlich sicher, dass Sie lügen. Aber das ist für mich nicht entscheidend. Entscheidend sind für mich – und auch damit für Sie – nur zwei Punkte: Ob ihre Täuschung und die daraus resultierende Verzögerung meine erneute Vereinigung mit Adrian gefährdet und was Sie über diesen Ort hier wissen. Sollte Ersteres zutreffen, werden Sie dafür mit dem Leben bezahlen. Sollte ich den Eindruck haben, dass sie mich über Letzteres belügen, ebenfalls.“

„Ich kann Ihnen versichern, das ich nicht das Geringste …“, begann Kollom, als sich ein schwarzer Energieblitz aus Karmons Brust löste und den Mann aus Deovan in sein linkes Bein traf, woraufhin dieser auf die Knie brach.

„Das war kein Witz!“, donnerte Karmon mit der Stimmgewalt eines gefallenen Gottes, sprang auf Kollom zu und hob ihn am Stoff seines Anzugs in die Höhe, woraufhin dieser rasch in seine Anzugtasche griff.

„Pass auf, Karmon!“, rief Pingo, dem es mit aller Kraft noch einmal gelang das Gedicht in ihm zurückzudrängen.

Trotzdem schaffte es Kollom noch, einen kleinen silbernen Gegenstand hervorzuholen, bevor Karmon ihm eine zweite, wohldosierte Ladung schwarze Energie diesmal direkt in seine Brust feuerte, Kollom gegen die Wand geschleudert wurde und das Objekt auf den Boden fiel, wobei es sich zu einer Art Haarreifen entfaltete.

„Was für eine Waffe ist das?“, fragte Karmon, als er das glänzende Objekt vorsichtig hochhob.

„Das ist keine Waffe …“, erklärte Kollom keuchend, „das ist ein ‚Truther‘. Ein Gerät, welches Lügen entlarvt und bestraft. Seht es als vertrauensbildende Maßnahme. Ihr könnt es bei mir anwenden und wir können uns weitere Streitigkeiten ersparen, die nur Zeit kosten und ungewollte Aufmerksamkeit auf uns lenken.“

„Mir scheint, er will uns einfach narren, mit einem Ding, das gar nichts kann. All unser Argwohn soll erstarren, damit er weiter täuschen kann“, wandte Pingo dichtend ein.

„Da könntest du recht haben“, überlegte Karmon, „aber es gibt eine Möglichkeit, das herauszufinden und zu verhindern, dass er irgendwelche Tricks versucht.“

„Und die wäre?“, fragte Pingo.

„Du setzt es auf“, sagte Karmon.

„Das soll wohl ein Scherz sein“, urteile Pingo und wich einen Schritt zurück.

„Ich bin nicht der Typ für Scherze“, sagte Karmon finster, „setz es verflucht nochmal auf!“

„Warum setzt DU es nicht auf?“, fragte Pingo, der wenig Lust darauf hatte sich diesem Gerät auszuliefern, trotzig.

„Es passt nicht um meinen Kopf“, erwiderte Karmon trocken und Pingo musste zugeben, dass das der Wahrheit entsprach. Also hob er den Metallring widerwillig auf und legte ihn zitternd um seine Stirn. Kaum das er ihn angelegt hatte, spürte er, wie sich der Ring enger um seinen Kopf schnürte, so als wolle er seine Gedanken aus größtmöglicher Nähe beobachten. Für ein Wesen, welches vollständig aus Fleisch und Blut bestand, war das sicher sehr unangenehm, dank seines Zustandes spürte Pingo es jedoch kaum. „Und jetzt?“, fragte er.

„Nun musst du eine offensichtliche Lüge erzählen“, sagte Kollom amüsiert, „ich denke das ist es, was unser großer Freund hier will.“

Karmon nickte.

„Kollom hat gesagt, dass das Ding einen fürs Lügen bestraft. Das kannst du doch nicht ernsthaft von mir verlangen!“, widersprach Pingo.

Er blickte flehend zu Karmon, der nichts sagte, ihn aber mit unergründlichen, fremdartigen Augen ansah. In ihnen lag keine Drohung, jedenfalls nicht auf die Art, wie sie ein schwächeres Wesen hätte formulieren müssen. In ihnen lag Bestimmung. Es lag für Karmon außerhalb jedes Möglichkeitsraumes, dass sich jemand seinem Willen widersetze. Jedenfalls nicht jemand wie Pingo. Dann sah Pingo zu Kollom, dessen schadenfrohes Grinsen kaum vertrauenerweckender war. Ich habe hier unten keine Freunde, begriff er traurig und verbittert.

„Ich bin ein glücklicher Mann mit freundlichen Gefährten!“, ätzte Pingo sarkastisch.

Dann brach er sofort in die Knie, als ein elektrisches Kribbeln in seiner Stirn explodierte und sich über seinen gesamten Kopf ausbreitete. Alles an ihm zitterte und krampfte. Sein Gehirn schien in einer Wolke aus gehässigen Elektronen zu schwimmen. Er schrie nicht, da sein Mund und seine Stimmbänder wie gelähmt und seine Muskeln unbenutzbar geworden waren. Dafür flossen mit Narrengoldstaub vermengte Tränen als stetes Rinnsal aus seinen Augen.

Nach etwa zehn Sekunden endete die Folter, und doch hatte Pingo nicht den Eindruck, Derselbe zu sein wie vorher. Vielleicht hatte der Stein sich durch den Stromschlag weiter in ihm ausgebreitet. Das wäre doch ein lustiger Zufall, dachte Pingo feixend.

„Faszinierend“, sagte Kollom, „normalerweise schlägt der Truther nur bei falschen Faktenbehauptungen aus. Wir müssen einen wirklich bleibenden Eindruck bei unserem reimenden Freund hinterlassen haben, damit er auch bei Werturteilen funktioniert.“

Pingo nahm den Truther ab und reichte ihm Kollom.

„Ein feiner kleiner Silberschmuck für einen feinen Herrn, auf das dein Leib gar lustig zuckt, dein Leiden seh‘ ich gern“, sagte Pingo und das Haifischgrinsen, welches er dabei präsentierte, stand dem von Kollom in nichts nach. Den verunsicherten Blick des Mannes aus Deovan nahm Pingo mit Genugtuung entgegen.

„Nun, was ist?“, fragte Karmon, als Kollom den Truther aufgesetzt hatte, „warum hast du uns hier hingebracht?“

Pingo starrte auf Kolloms Gesicht, wie eine aufgebrachte Menge auf den Galgen eines zum Tode verurteilten, kurz bevor der Stuhl unter ihm weggetreten wurde.

„Weil es der schnellste Weg war, um dem Malmer zu entkommen und weil ich mich – offenbar – in der Richtung geirrt habe“, sagte Kollom. Nichts passierte, wie Pingo enttäuscht feststellte. Dabei war er sich absolut sicher gewesen, dass diese Ratte log.

„Und was kannst du uns über diesen Ort verraten?“, fragte Karmon.

„Nicht viel“, gab Kollom zurück, „ich war hier noch nie. Aber über die Unterwelt von Uranor erzählt man sich seltsame Geschichten und wenn ich mir diese Schweinerei hier so ansehe, sollten wir lieber vorsichtig sein.“ Der Truther bekräftigte seine Worte durch nachdrückliche Inaktivität.

„Das ist rein gar nichts!“, fluchte Pingo.

„Ich habe nie behauptet, etwas zu wissen“, sagte Kollom schulterzuckend.

„Er lügt“, beharrte Pingo, „ganz egal, was das Ding behauptet. Wir sollten es überprüfen und …“

„NEIN!“, donnerte Karmon, „wir haben genug Zeit verschwendet. Wenn uns der Weg zurück gerade nicht offensteht, will ich wissen, was es mit diesem Ort auf sich hat. Vielleicht finden wir hier doch einen versteckten Pfad zu Festung oder etwas, dass uns gegen den Malmer helfen kann.“

Murrend, aber schließlich gehorsam setzte sich Pingo in Bewegung, bestand aber darauf, dass Kollom voranging, wogegen Karmon nichts einzuwenden hatte. Der ehemalige Symbiont bildete die Nachhut.

Die Tische mit den verschiedenen Körperteilen setzten sich noch eine ganze Weile fort. Manchmal glaubte Pingo aus seinen Augenwinkeln zu sehen, wie ein Finger sich krümmte, ein Kopf blinzelte oder ein fast tentakelhaft verformter Arm sich streckte, doch immer, wenn er genauer hinsah, war er sich fast sicher, dass sich die grotesken Exponate nicht bewegt hatten.

Womöglich war auch etwas mit seiner Wahrnehmung nicht in Ordnung. Die Luft hier drin war immerhin deutlich stickiger als die in der größeren Höhle und ein scharfer, bitterer Geruch lag in der Luft. Manchmal spürte er, wie ein kurzer Schwindel ihn zu übermannen drohte, den er jedoch jedes Mal wieder in den Griff bekam.

Zumindest endete dieses schier unendliche Horrorkabinett irgendwann. Die Wände wurden endlich glatter und statt der mit Widerlichkeiten bedeckten Metalltische waren sie bedeckt mit dünnem, grünen halbdurchsichtigen Stoff. Pilzfaser, wie Pingo erkannte. Zunonga-Sporling, wenn er sich nicht täuschte. Das würde zumindest einen Teil des strengen Geruchs erklären. Wenigstens war diese Pilzart nicht giftig. Außerdem war nun ab und an Regale aus einem schwammigen, bleichen Material an der Wand befestigt, welches, wie Pingo wusste, demselben Pilz entstammte. Neben Büchern in unterschiedlichen Sprachen, die sich den Buchrücken nach vor allem mit Chirurgie, Genetik aber auch mit Psychologie und sogar Esoterik zu beschäftigen schienen, enthielten sie auch Behälter mit wahrscheinlich streng gesicherten Whe-Ann-Datenchips. Diese Behälter hatten in etwa die Form von Pinienzapfen in deren Vertiefungen kleine, ungefähr fingerkuppengroße Scheiben steckten. Man brauchte diese Scheiben lediglich zwischen Daumen und Zeigefinger zu nehmen, um Zugriff auf ihren Inhalt zu erhalten. Sobald der Hautkontakt hergestellt war, erschien im Blickfeld des Anwenders ein virtuelles Menü, welches alle Daten im Handumdrehen verfügbar machte. Zumindest, wenn man die entsprechende Zugangsberechtigung besaß. Anderenfalls …

Karmon, der seine Ankündigung, etwas finden zu wollen, was ihnen gegen den Malmer half, offenbar ernst nahm, streckte seine Finger nach einem dieser Chips aus. Sein Blick trübte sich ein, als das virtuelle Interface vor seinen Augen erschien. Doch erst als das Abwehrprogramm des Chips aktiv wurde, begann er zu schreien, wild mit den Händen zu fuchteln und schließlich einige Schattenstrahlen gegen die leere Luft zu schießen, die knisternd in die Wand einfuhren.

Jeder sah andere Albtraumgestalten und Situationen, wenn er diesem Schutzmechanismus ausgesetzt war. Die Chips kramten tief im Unterbewusstsein und suchten sich einige der schlimmsten Phobien und Schwächen des unbefugten Benutzers heraus, um daraus ein äußerst authentisches Wahnszenario zu basteln. Was dies bei einem Wesen wie Karmon sein könnte, lag außerhalb von Pingos Vorstellungskraft, aber der Schrecken, der Karmon erfasste, amüsierte ihn.

Pingo lachte. Sein Lachen war finster, gehässig und verletzend, fühlte sich aber gerade deswegen unglaublich befreiend für ihn an. Ihm war durchaus bewusst, dass manche Sicherungen sich nicht allein auf das Verbreiten von Angst und Schrecken beschränken, sondern bleibende Hirnschäden hinterließen oder das Gehirn des verhinderten Datendiebes sogar gänzlich in schmorende Asche verwandelten. Aber es kümmerte ihn nicht. Im Gegenteil, er bedauerte sogar, dass Karmon so glimpflich davongekommen war. Es wäre doch lustig ihn als schwachsinnigen großen Tölpel hinter sich her stolpern zu sehen. Sein eigener, dunkelgrauer Tanzbär, der ihn und jedes Publikum erfreuen könnte, welches er für eine solche Vorstellung als würdig erachten würde. Vielleicht, so dachte er amüsiert, könnte das sogar der Beginn einer fahrenden Freakshow sein.

Endlich lies Karmon den Chip fallen, was ihn wahrscheinlich vor einem bleibenden Trauma bewahrte. „Was gibt es da zu lachen?“, fragte der Symbiont mehr verwirrt als wütend, als er langsam wieder in der Wirklichkeit ankam.

„Ein jeder ist dem Schicksalsgott, ein gutes Ziel für Hohn und Spott. Man strebt und fällt, und hofft und weint, solang das Atmen sinnvoll scheint, und auch wenn man sich nur noch quält, so lacht er, bis der Atem fehlt“, reimte Pingo fröhlich.

„Du wusstest, was es mit diesen Datenträgern auf sich hat“, knurrte Karmon.

„Auge um Auge. Zahn um Zahn. Schaden um Schaden, Wahn um Wahn“, antwortete Pingo nur lachend und grinste böse und ohne sich von dem dunklen Wesen einschüchtern zu lassen. Pingo fühlte sich beschwingt. Er hatte keine Angst. Nicht einmal vor dem Tod. Er wollte nichts weiter als zu lachen. Würde Karmon in diesem Moment mit seinen Klauen durch Pingos Brauch brechen und ihm die Eingeweide herausreißen, würde er eben darüber lachen. „Der Stein, der Stein“, flüsterte eine ferne Stimme in ihm, „er will allein, will alles sein.“

„Hört ihr das?“, fragte Kollom.

Für einen Moment hörte selbst Pingo auf zu lachen. Sie alle lauschten angestrengt.

„Ist das Gesang?“, fragte Karmon schließlich.

„Ich glaube schon“, erwiderte Kollom, „und zwar von einer Frauenstimme. Die Sprache kann ich aber nicht entschlüsseln.“

Pingo dagegen hätte es gekonnt. Doch es interessierte ihn nicht, denn es klang nicht lustig. Und der kleine Teil von ihm, der sich für andere Dinge als Spaß und Schadenfreude interessierte, war zu sehr damit beschäftigt über das entsetzt zu sein, was im Moment mit ihm geschah.

„Glauben Sie, dass sie von der Frau stammt, die auch diese Körperteile hier gelagert hat?“, fragte Karmon.

„Möglich“, sagte Kollom, „wahrscheinlich ist sie in ähnlich guter geistiger Verfassung wie unser lachender Freund hier, warum also sollte sie nicht singen. Allerdings könnte es auch eine Gefangene sein, den sie oder er sich als Singvogel hält. Womöglich hat der Besitzer dieser Höhle einen ganzen Zoo.“

Während die drei sich weiter durch die Höhle bewegten wurde der Gesang immer lauter und so stellten sie fest, dass er erstaunlich gut war.

„Wer es auch ist“, sagte Karmon, „sollte sie uns auch nur schief ansehen, werden wir sie ausschalten.“

„Gewiss“, stimmte Kollom zu, „außer natürlich, sie unterbreitet uns ein interessantes Angebot.“

Karmon sah ihn skeptisch an, aber Kollom ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen.

Pingo hingegen erging sich immer wieder in hysterischen Lachanfällen oder versuchte sich daran den Gesang auf alberne Weise zu imitieren. Von außen sah es aus, als hätte er eine ziemlich gute Zeit, innerlich jedoch weinte er.

„Wenn Herr Dellagrahn weiter so einen Lärm macht, ist es mit der Heimlichkeit bald vorbei“, sagte Kollom, „wir sollten ihn zum Schweigen bringen.“

Karmon betrachtete Pingo eine Weile prüfend, schüttelte dann aber den Kopf, „wir sollten unsere Schlagkraft nicht ohne Not verringern. Selbst ein verrückter Mitstreiter ist im Zweifel besser als nichts. Mit der Heimlichkeit ist es wahrscheinlich schon seit unserer Ankunft an diesem Ort vorbei. Wer auch immer hier wohnt, weiß längst, dass wir hier sind.“

„Wie Sie meinen“, sagte Kollom.

Kurz darauf erübrigte sich Kolloms Vorschlag ohnehin, denn als den dreien ein scharfer, süßlicher, stechender Geruch entgegenschlug verging dem Mann aus Rhin sowohl das Lachen, als auch das Singen. „Was stinkt hier so erbärmlich?“, fragte er ausnahmsweise ohne schelmischen Unterton in der Stimme.

„Tja“, antwortete Kollom hustend, als der Gang eine Biegung machte und kurz darauf in einer deutlich größeren, ungefähr kreisrunden Höhle mündete, „ich denke, hier haben Sie die Antwort.“

~o~

„Und, wird Arnin uns freilassen?“, fragte Nanita, als Sandra in den Warteraum zurückkehrte. Sie hatte ein weiteres Glas von dem virtuellen Pseudo-Sekt, den sie als „Thought-Shot“ bezeichnet hatte, in ihrer Hand.

Sandra antwortete nicht, sondern ging wutschnaubend auf ihren Stuhl zu und ließ sich darauf fallen.

„Offenbar nicht“, schloss Nanita und warf einen Blick auf Sandras Arm-Display, „aber ganz unerfolgreich waren sie dann doch nicht. Immerhin dreihundert Dominanten haben Sie dem alten Kabelkopf aus den Leitungen geleiert. Das würde ich dann einfach als Anzahlung betrachten, wenn Sie so freundlich wären.“

„Ich bin nicht so freundlich“, widersprach Sandra genervt, „dieses Geld war nicht Teil unserer Abmachung und ohnehin betrachte ich es als Schmerzensgeld für die Zeit, die ich mit diesem arroganten Mistkerl verbracht habe.“

Eigentlich hatte Sandra Arnin sogar ganz sympathisch gefunden, was gewiss an seiner charismatischen Stimme gelegen hatte. Aber sie zwang sich dennoch dazu, ihn zu hassen. Das immerhin konnte sie wirklich gut.

„Wie Sie meinen“, antwortete Nanita, „eigentlich sollte es auch in Ihrem Sinne sein, Ihre Schulden bei mir so schnell wie möglich abzutragen, aber wenn Sie das nicht wollen, ist es Ihre Entscheidung. Wie Sie bereits zutreffenderweise erwähnten, ist das Geld nicht Teil unserer Abmachung. Jedenfalls nicht dem Wortlaut unseres Vertrages nach. Was Arnin betrifft, so habe ich Sie gewarnt.“

„Vor ihm hätten Sie mich nicht warnen müssen“, sagte Sandra, „aber eine Warnung davor, dass Arnin und Kollom meine Worte mithören können und dass ich dies durch eine einfache Berufung auf das Verhandlungsrecht hätte verhindern können, wäre durchaus nett gewesen.“

„Sie haben nicht danach gefragt“, gab Nanita schulterzuckend zurück, „Ihre Flatrate gilt lediglich für Antworten auf direkte Fragen. Alles andere liegt in meinem Ermessen.“

„Na wunderbar“, seufzte Sandra, „das hätte ich mir ja denken können.“

„Das hätten Sie“, bestätigte Nanita.

Da Sandra das dringende Bedürfnis überkam sich von ihrer frustrierenden Situation abzulenken, begab sie sich zu dem Automaten und rang ihm ebenfalls einen „Thought-Shot“ ab.

Fünfzig Dominanten verschwanden von ihrem Konto. Ein teures Vergnügen. Aber der süß-herbe Geschmack, den das Getränk entfaltete und die Entspannung, die es in ihr auslöste, entschädigten wenigstens etwas dafür, auch wenn ihre Gedanken fast unangenehm klar blieben.

„Und? Schmeckt es Ihnen?“, fragte Nanita.

„Ist in Ordnung. Ich hatte mir allerdings etwas Stärkeres erhofft“, erwiderte Sandra.

„Kollom würde uns niemals erlauben, etwas zu konsumieren, was unsere Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen könnte“, erklärte Nanita.

„Natürlich“, seufzte Sandra, „Das bedeutet also, dass wir uns hier zu Tode langweilen müssen, bis der Wichser uns aus seinem Koffer holt?“

„Nicht unbedingt“, sagte Nanita, stand auf, ging auf Sandra zu, beugte sich über sie und ergriff ihre Arme.

„Hey, was soll der Mist“, beschwerte sich Sandra, die sich ungern gewaltsam losreißen wollte, um den Rest ihres teuren Getränks nicht zu verschütten.

„Sie werden mir Gesellschaft leisten“, sagte Nanita herrisch, „Sie haben recht, Nähe fehlt mir durchaus. Und mir ist ebenso langweilig wie Ihnen. Also verlange ich Ihre Kooperation.“.

„Hey! Spinnst du?! Ich stehe nicht auf Frauen!“, sagte Sandra und das hatte sogar einmal der Wahrheit entsprochen, bevor sie den Katalog gefunden hatte. Elyvenne war die erste Frau in ihrem Leben gewesen. Für Fortgeschrittene spielten Geschlechter irgendwann keine Rolle mehr. Genauso wenig wie unterschiedliche Spezies. Alles, was dann noch zählte, waren Sympathie und erotische Anziehung. Genau das war jedoch das Problem. Letztere mochte gegenüber Nanita, die ihm Gegensatz zu ihrer Schaufelversion durchaus attraktiv war, noch in gewissem Maße bestehen. Erstere hingegen nicht wirklich. Sandra schätzte an ihren Partnern ein gewisses Maß an Idealismus. Nicht zu viel natürlich und gerne auch gebrochen und verdreht, aber ein kleines Feuer sollte schon in ihnen Brennen. Bei Elyvenne war das der Fall gewesen und auch bei Adrian auf gewisse Weise. Nanita hingegen war im Grunde ein kaltes, totes Ding, wenn man einmal von ihren Rachegelüsten gegenüber Kollom absah. Doch selbst, wenn sie das und die Tatsache, dass die Frau ihr gegenüber alles andere als freundlich auftrat, hätte ignorieren können, so war sie keine Prostituierte.

„Warum sollte mich das kümmern?“, fragte Nanita kalt und verständnislos, „immerhin geht es hier um mein Vergnügen, nicht um Ihres. Sie haben den beiden Freibriefen zugestimmt. Einen davon löse ich nun ein, und deshalb werden Sie für die Dauer des Vertrages meine Geschlechtspartnerin sein.“

„Ich werde mich nicht von dir vergewaltigen lassen!“, zischte Sandra und versuchte doch sich loszureißen, wobei ein wenig von dem Thought-Shot auf der Erde landete, doch zumindest bekam sie eine Hand frei, die sie drohend gegen Nanita erhob.

„Es ist keine Vergewaltigung, wenn es auf vertraglicher Basis geschieht“, belehrte Nanita sie.

„Ich scheiße auf den Vertrag!“, keifte Sandra, „Lass mich los und behalten deine gierigen Finger bei dir!“

„Auf Vertragsbruch steht die Todesstrafe“, sagte Nanita drohend, „jeder in Deovan achtet diese Tradition.“

„Wir sind aber nicht in Deovan“, sagte Sandra.

„Doch das sind wir“, entgegnete Nanita, „dieser Manifestor gehört einem Deovani. Wenn Kollom von diesem Vertragsbruch hört, ist er gezwungen Sie hinzurichten. Das gehört zu den wenigen Gesetzen unseres Volkes.“

Sandras Augen sprühten Nanita blanken Hass entgegen, „Dann habe ich also keine Wahl?“, sagte sie.

„Nein“, bestätigte Nanita, „und ich habe keine Geduld mehr. Ich würde sagen, wir beginnen fürs Erste mit einem Kuss.“

Sie spreizte die Lippen und in ihren Augen lag nackte Gier. Sandra hatte sich geirrt, in Nanita brannte ein Feuer, aber sie fürchtete, dass es ihr nicht viel Wärme spenden würde.

~o~

Die Höhle, von der einige kleinere Gänge abgingen, wurde dominiert von einem Becken, welches mit einer stinkenden, zähen, grün schimmernden Flüssigkeit gefüllt war. Die Flüssigkeit kräuselte sich leicht und bewegte sich, obwohl in der Höhle nicht der geringste Luftstrom zu spüren war. Am Rande des Beckens befand sich ringsherum eine widerliche, gräuliche Masse, bei der erst auf den zweiten Blick erkennbar war, dass es sich um zerfallende Körper und Körperteile handelte, die jedoch nicht auf gewöhnliche Weise verwesten, sondern scheinbar von der Flüssigkeit zersetzt wurden. Kleinere Ausläufer der Substanz stülpten sich bei jeder kleinen Wellenbewegung, die die Flüssigkeit durchlief, über die Körper auf dem Leichenhaufen und wuschen sie aus. Fast so, wie Wasser es bei Gestein tat, nur geschah dies wesentlich schneller und wirkte irgendwie … bewusst. So als würden in der Flüssigkeit kleine, unsichtbare Arbeiterinnen wohnen, die Nahrung für ihre Königin sammelten.

„Fast wie im Seelenwirbel“, flüsterte Karmon nachdenklich.

Genau in der Mitte dieses widerlichen Tümpels stand – bis zu den Knien mit der Flüssigkeit bedeckt – eine nackte Frau. Adrian und vielleicht auch Sandra hätten sie als Gesunderin erkannt und wenn Pingo gerade mehr er selbst gewesen wäre, hätte er sie auch als solch erkannt. Jedoch wäre ihnen allen dabei aufgefallen, dass sie nur begrenzte Ähnlichkeit mit einer gewöhnlichen Gesunderin besaß. Wie bei den Exponaten am Eingang stimmten hier die Proportionen nämlich ganz und gar nicht. Der mit langen, hellblonden Haaren bedeckte Kopf der Frau, aus dem unablässig jener fremdartige Gesang erklang, war ungewöhnlich groß und nahm mit jedem ihrer Atemzüge ein wenig an Umfang ab und zu, während ihr Oberkörper noch relativ normal dimensioniert war. Hingegen war ihr Unterleib verkümmert und ihre Arme und Beine waren zerbrechlich wirkende, kaum ausgebildete, dünne Stelzen. Am bizarrsten jedoch waren ihre fast skeletthaft wirkenden Hände, deren reisigdünne sieben Finger den Eindruck erweckten von einem einfachen Händedruck gebrochen werden zu können. Es war ein Wunder, dass dieses Geschöpf sich überhaupt aufrecht hinstellen konnte und dennoch stand es dort und sang, ohne auch nur das geringste Interesse an ihnen zu zeigen.

„So ein großer Kopf“, frohlockte Pingo, dessen Schadenfreude nun wieder über seinen Ekel gesiegt hatte, „Ein Kopf, ein Zopf, ein singender Schopf. Er bläst sich auf wie Gungaart im Topf“, trällerte er.

„Vielleicht sollten wir IHN dort reinwerfen“, schlug Kollom vor.

„Nein“, sagte Karmon ernst, „so etwas wünsche ich niemandem.“

„Vielleicht haben Sie recht“, stimmte Kollom zu, „ich bin mir natürlich nicht sicher, aber ich vermute doch, dass dieses Becken etwas mit dem Zustand dieser Frau zu tun hat. Ich glaube jedenfalls nicht, dass sie die Herrin dieses Gewölbes ist. Aber vielleicht weiß sie etwas mehr darüber.“

„Ich glaube eher nicht“, vermutete Karmon.

„Es kommt zumindest auf einen Versuch an“, sagte Kollom, „Hallo, können Sie mich hören? Mein Name ist Kollom Nehmer und …“

„Sie kann sie nicht hören“, erklang eine herrische, ebenfalls weibliche Stimme aus einem der beiden Gänge zu ihrer rechten. Kurz darauf erschien eine weitere Gesunderin, die jedoch nicht nackt war, sondern einen schwarzen Arztkittel samt OP-Maske trug. Außerdem trug sie in ihrer siebenfingrigen Hand ein glänzendes Skalpell. Ihr Kopf wurde geziert von langen schwarzen Haaren mit vereinzelten, hellblauen Strähnen.

„Sie ist nur ihre Stimme“, sagte sie und mit einem Mal glitzerten Tränen in ihren harten Augen, „nur ihre Stimme … nicht mehr und doch weit mehr, als ich bislang erreicht habe.“

„Was soll diese ganze Veranstaltung?“, fragte Karmon, „Warum ist diese Frau in diesem jämmerlichen Zustand? Was sind das für Körper und woher stammt diese Flüssigkeit? Aus Braviania?“

„So etwas wie dich habe ich noch nie gesehen“, sagte die Gesunderin Anstelle einer Antwort und betrachtete Karmon wie ein seltenes Exemplar aus einem Zoo, „Irgendetwas an dir erinnert mich an einen Kwang Grong … aber diese Form ist mehr als ungewöhnlich.“

„Meine Form geht Sie gar nichts an. Allerdings habe ich Ihnen Fragen gestellt und noch keine Antwort erhalten“, sagte Karmon.

„Ihr seid in Shaktas Höhle eingedrungen“, sagte die Gesunderin tadelnd, „da erbitte ich mir zumindest ein wenig Höflichkeit.“

„Eine Form, eine Form, weitab jeder Norm. Nicht sehr nett, nicht sehr schön, doch von weitem zu sehen“, trällerte Pingo gackernd.

„Ein Steingeweihter!“, sagte die Frau, die offenbar Shakta hieß, aufgeregt, „Narrengold, wenn ich mir das hier so ansehe und in einem sehr weit fortgeschrittenen Stadium.“

Ihre Stimme drückte plötzlich eine Mischung aus Tadel und mütterlicher Fürsorge aus. „Wie konnten sie es riskieren, sich mit einem Pyrit-Geweihten im Endstadium hier herunterzubegeben? Er ist eine Gefahr für sich und für andere.“

„Er war noch nicht die ganze Zeit so“, warf Kollom ein, „vorher war er lediglich etwas nervig mit seiner Reimerei, aber noch einigermaßen bei Verstand.“

„Oh, ein Deovani“, sagte Shakta, die zum ersten Mal Kollom ihre Aufmerksamkeit schenkte, „das erklärt einiges. Haben Sie ihn gekauft? Als Kuriosität?“

„Nein“, antwortete Kollom, „er ist uns … zugelaufen.“

Shakta sah Kollom skeptisch an. „Wenn Sie das sagen. Jedenfalls kann ich ihn nicht in diesem Zustand lassen. Ich sollte doch noch etwas …“

Den Rest ihrer Worte verschluckte sie in einem unhörbaren Flüstern, als sie zur Höhlenwand ging und eine ganz bestimmte Stelle berührte, woraufhin sich ein verstecktes Fach mit diversen medizinischen Gerätschaften, verschiedenen Gegenständen von unbekanntem Zweck und einer Reihe pyramidenförmiger Phiolen offenbarte. Eine dieser Flaschen nahm sie an sich, bevor sie das versteckte Fach wieder verschloss und ging mit der Phiole zum hysterisch lachenden Pingo.

Kollom beobachtete sie dabei äußerst aufmerksam.

„Ein Fläschchen, das glitzert im finsteren Schein. Ist es deins oder seins oder ist es wohl mein?“, dichtete Pingo.

„Das wird ihn nicht heilen“, erklärte Shakta, während sie die Phiole öffnete, „das könnte selbst eine Tonne Gesundheit nicht, aber es wird seinen Geist klären und den Stein temporär zurückdrängen.“

„Warum helfen Sie ihm?“, fragte Kollom verblüfft.

„Ich bin Ärztin“, sagte die Gesunderin, „und zumindest jenseits von Hyronanin bedeutet das noch etwas.“

Dann führte sie das Fläschchen zu Pingos Mund, wobei sie seinen Händen ausweichen musste, die wie irre danach schlugen und flößte ihm die Flüssigkeit ein.

Abgesehen vom allgegenwärtigen Gesang der deformierten Gesunderin wurde es still in der Höhle. Nichts passierte. Pingo kippte nicht um, zuckte nicht in wilden Krämpfen wie ein Besessener, dem man einen Dämon ausgetrieben hatte. Er hörte lediglich auf zu Lachen, seine Gesichtszüge glätteten sich und schließlich sagte er mit ruhiger aber äußerst erleichterter Stimme: „Danke, Shakta!“

„Gern geschehen“, erwiderte die Gesunderin, „aber ich bin nicht Shakta. Mein Name ist Jarma. Das hier ist Shakta oder zumindest ein Teil von ihr.“

Sie zeigte auf die singende Gesunderin.

Pingo nickte. „Wie viel Zeit bleibt mir?“, fragte Pingo, der sich lang nicht mehr so klar und entspannt gefühlt hatte, „ich meine, bevor ich mich selbst verliere?“

„Mehr als noch vor einigen Augenblicken“, sagte Jarma, „alles andere lässt sich unmöglich voraussagen. Erst recht nicht bei einem Pyrit. Die sind noch viel unberechenbarer als die meisten anderen Steine. Vielleicht kann ich dir noch ein oder zwei Phyolen Gesundheit mitgeben, aber die Wirkung …“

„… lässt mit jeder Dosis stark nach, ich weiß“, sagte Pingo. „Ich bin … war Teil der gläsernen Archive“, erklärte er auf Jarmas überraschten Gesichtsausdruck, „ich weiß also so einiges. Deshalb hätte ich nie erwartet Hilfe von einer Gesunderin zu bekommen. Noch dazu ohne Gegenleistung.“

„Oh, ich will eine Gegenleistung“, sagte Jarma und alle Augen richteten sich alarmiert auf sie. „Ich will jetzt nämlich auch meine Antworten, und zwar noch bevor ich dem überdimensionierten Kwang Grong seine geben werde. Ich würde nämlich gern wissen, was ihr hier unten und noch dazu in Shaktas Höhle macht.“

„Wir wollen einen Freund aus der Festung der Rilandi befreien“, erklärte Kollom

„Ein Deovani hat Freunde?“, fragte Jarma skeptisch, „das wäre mir neu.“

„Er ist auch nicht MEIN Freund“, erklärte Kollom mit einem schiefen Lächeln, „er ist der ehemalige Wirt des Kwang Grong und ein Freund unseres Steingeweihten.“

„Ich verstehe“, sagte Jarma, „das erklärt aber noch immer nicht, warum ihr hier drin seid. Ich bin nämlich weder eines dieser grauenhaften Glaswesen noch throne ich hoch im Licht, wie ihr wohl sehen könnt.“

„Wir waren auf der Flucht vor dem schwarzen Malmer“, erklärte Pingo, „unsere Anwesenheit hier drin ist ein Versehen. Eigentlich haben wir einen Weg in die Festung gesucht.“

„Ja, der Malmer ist ein wahres Ärgernis“, sagte Jarma, die mit dieser Erklärung einigermaßen zufrieden schien, „ich hatte auch schon gewisse Schwierigkeiten mit ihm. Aber er hält sich für gewöhnlich nie sehr lange vor unserer Zuflucht auf. Ihr solltet also bald wieder aufbrechen können. Und das solltet ihr auch tun. Dies ist kein Ort für Fremde, sondern nur für Shakta und mich.“

„Hast du vielleicht irgendetwas, dass uns helfen kann“, fragte Karmon, „für den Fall, dass uns der Malmer erneut belästigt.“

„Nein, das habe ich nicht“, sagte Jarma verärgert, „zum einen gibt es kein Mittel gegen den Malmer, zum anderen habe ich schon genug getan, wenn man bedenkt, dass ihr völlig Fremde für mich seid. Ihr platzt in mein Heim herein, löchert mich mit Fragen und bis auf diesen gut erzogenen Steingeweihten hier, macht ihr mir auch keinen sonderlich sympathischen Eindruck.“

„Vielleicht können wir DIR helfen“, bot Pingo an, „ich möchte nicht indiskret sein, aber du wirktest – verständlicherweise – nicht gerade glücklich mit Shaktas Zustand und ich spüre, dass sie dir sehr viel bedeutet. Ich habe – wie ich bereits erwähnte – in den Archiven gearbeitet, vielleicht weiß ich etwas, dass dir weiterhilft. Wenn du mir erklärst, was du hier versuchst, kann ich dich womöglich unterstützen.“

Jarma sah Pingo überrascht und beeindruckt an, „Seht ihr“, sagte sie zu Karmon und Kollom, „so geht man respektvoll mit einer Fremden um.“

Dann wandte sie sich wieder an Pingo, „ich weiß selbst eine Menge über Medizin und Biologie, insofern bin ich mir nicht sicher, ob du mir helfen kannst, aber warum sollten wir es nicht versuchen, wenn es Shakta hilft.“

Mit diesen Worten ging sie auf das Becken zu, überstieg die gräulichen Fleischberge, durchquerte die seltsame Flüssigkeit und legte Shakta zwei ihrer Finger auf die Lippen, „ruhig mein Schatz“, sagte sie leise und die Frau verstummte. Dann kehrte Jarma zu den anderen zurück.

„Du musst wissen, dass Shakta einst meine Gefährtin war. Sie ist mit mir aus Hyronanin geflüchtet, doch sie war krank gewesen. Tiefenverseucht. Als wir hier in Uranor ankamen ist sie so schnell gestorben, dass ich ihr Leben nicht retten konnte. Doch ich konnte zumindest einen Teil von ihr bewahren. Ein wenig gesundes, unverseuchtes, unzerfallenes Gewebe, an das – wie ich glaube – ihr Bewusstsein noch immer gebunden ist. Dieser Ort neigt dazu Seelen festzuhalten. Jedenfalls habe ich mit den extrahiertem Zellen experimentiert in der Hoffnung sie auf diese Weise zurückzubringen.“

„Was gibt es da zu experimentieren?“, fragte Kollom, „Gentechnische Reproduktion ist doch nun wirklich kein Hexenwerk.“

„Ich will Shakta zurückbringen, du emotionsloser Geldsack“, zischte Jarma, „nicht nur ein Stück Fleisch, das aussieht wie sie. Dafür verwende ich ein von mir entwickeltes, intelligentes Material namens „Amorphium“, welches sowohl die grob- als auch die feinstofflichen Informationen des Quellmaterials adaptiert. Damit zu arbeiten ist alles andere als einfach und doch stand ich kurz vor einem Durchbruch. Mehr noch: Ich hatte die Lösung eigentlich bereits gefunden, aber bevor ich sie anwenden konnte, sind diese verfluchten Rilandi hier eingebrochen und haben meine Arbeit gestohlen. Nicht nur die Formel und das Amorphium, sondern auch die Zellproben von Shakta. Dabei war ich kurz davor gewesen sie wieder bei mir zu haben.“

Plötzlich begann Jarma hemmungslos zu weinen und Pingo, der sich deshalb ziemlich unwohl fühlte, legte die Arme um die Gesunderin, die ihn dafür dankbar ansah.

„Wenn sie alles mitgenommen haben, was du für deine Forschungen brauchtest, welchen Sinn hat dann das hier? Und wie ist es überhaupt möglich?“, fragte Karmon und zeigte auf das Becken mit dem nun stummen Zerrbild von Shakta darin.

„Ich hatte noch einen Vorrat an experimentellem, unvollkommenem Amorphium und es gab noch Rückstände von ihr“, sagte Jarma traurig, „winzige Spuren an ihrer Kleidung. Aber es funktioniert nicht. Nicht so wie es sollte. Es sind nur ferne Echos von ihr in diesen kümmerlichen Gewebresten, nur winzige Fragmente. Den Großteil ihrer Seele haben Sie gestohlen. Aber ich … ich kann nicht anders. Es ist so einsam hier. So einsam ohne sie. Deshalb gebe ich nicht auf. Ich habe meine Erinnerungen in den Whe-Ann-Datenspeichern gesichert. Alles, was ich über sie weiß. Diese Informationen halfen etwas. Zusammen mit dem Amorphium und der Nährflüssigkeit kann ich daraus Ebenbilder von ihr erschaffen. Aber bislang sind sie unausgewogen, unvollständig und verzerrt. Ich habe versucht, zumindest das Amorphium zu verbessern, aber die alte Zusammensetzung will mir nicht mehr gelingen. Es ist wie verhext. Vielleicht hast du eine Idee wie ich meine Shakta vollständig wiederherstellen und ihr Bewusstsein zu mir holen kann.“

„Woher stammen die Körperteile in der Flüssigkeit“, fragte Pingo streng, „hast du für sie gemordet?“

Jarma schüttelte den Kopf, „Es gibt eine Art … Friedhof … ein Vorratslager des Malmers, ganz in der Nähe. Dort lagert er einen Teil seiner Beute und dort werde ich fündig. Es ist eine ekelhafte Arbeit, aber das Amorphium benötigt eine Eiweißquelle, damit es arbeiten kann.“

„Du hast den Malmer bestohlen?“, fragte Kollom ungläubig, „und ich dachte, es gäbe kein Mittel gegen ihn.“

„Das gibt es auch nicht“, beharrte Jarma, „jedenfalls kein Wundermittel, welches ihn töten oder festsetzen könnte. Alles, was hilft, ist sein Bewegungsmuster genau zu kennen und ihm auszuweichen.“

„Was ist jetzt Pingo?“, fragte Jarma ungeduldig, „kennst du einen Weg, um Shakta und mir zu helfen oder habe ich dir das alles umsonst erzählt?“

Pingo sah sie nachdenklich an, „ich glaube die Lösung für dein Problem kennst du selber. Was du brauchst, ist das Amorphium, welches dir gestohlen wurde und Shaktas vollständige Seelenessenz. Alles andere führt nur zu Leid und Enttäuschungen. Zu schrecklichen Fehlschlägen und falschen Hoffnungen, aber nicht dazu deine große Liebe zurückzugewinnen.“

„Also bietest du mir gar nichts, Gelehrter“, sagte Jarma wütend.

„Ich biete dir die Wahrheit“, sagte Pingo, „es gibt im Multiversum tausend Möglichkeiten Lügen und Traumgebilde zu erschaffen, die dir vorspielen könnten Shakta zu sein, aber von einer Möglichkeit eine echte Kopie mit eigenem Willen zu erzeugen weiß ich nichts. Natürlich weiß auch ich nicht alles, was in den Archiven steht, aber ich weiß doch eine ganze Menge und deshalb rate ich dir: Wenn du eine solche Methode gefunden hast, musst du sie wiedererlangen. Denn sie ist etwas ganz und gar Einzigartiges.“

„Aber wie soll ich das anstellen?“, fragte Jarma verzweifelt, „ich komme unmöglich alleine in die Festung, ohne von den Rilandi getötet zu werden.“

„Das musst du auch nicht“, sagte Pingo, „wir werden dir helfen! Wir wollen doch ohnehin dort hinein.“

„Das würdet ihr wirklich für mich tun?“, fragte Jarma.

„Nein“, sagte Kollom trocken, öffnete seine Handfläche und ließ daraus einen knisternden Stoß konzentrierter Elektrizität hervorschießen, der Jarma direkt in die Brust traf und einhüllte. Sie schrie, während ihr Körper sich in wilden Zuckungen wand und schließlich vollkommen still lag.

„Was … was hast du getan?“, fragte Pingo fassungslos.

Kollom ging auf die Gesunderin zu, legte sein Ohr an ihren Mund, dann an ihre Brust und gab ihr schließlich einen Tritt, auf den sie in keinster Weise reagierte.

„Ich habe versucht sie zu töten. Und das offenbar mit Erfolg“, sagte Kollom grinsend.

„Aber … wir wollten ihr helfen“, stammelte Pingo.

„DU wolltest ihr helfen“, korrigierte Kollom, „wir anderen wollten den Unterschlupf dieser Wahnsinnigen schnellstmöglich wieder verlassen und ich für meinen Teil hätte vorher gerne noch ein paar Souvenirs.“

Während er dies sagte, öffnete er seinen Koffer, manifestierte damit einen quadratischen Behälter aus mattem Metall und richtete ihn auf das Becken, woraufhin ein schmaler, halbdurchsichtiger Tunnel aus flirrender Luft entstand, durch den ein kleiner Teil der Flüssigkeit in den Behälter gesaugt wurde.

„Wie kannst du nur so grausam sein“, empörte sich Pingo „sie hat meinen Verstand zumindest vorübergehend wieder in Ordnung gebracht und das ist nun unser Dank?“

„Genau“, sagte Kollom, „sie hat DIR geholfen. Ich schulde ihr überhaupt nichts. Und übrigens: Als du noch in Reimen gesprochen hast, hast du mir besser gefallen. Da hast du nämlich nicht halb so wild die Moralkeule geschwungen.“

„Diebischer Mistkerl“, zischte Pingo, woraufhin Kollom lediglich mit den Schultern zuckte.

Dann lies Kollom den gefüllten Behälter in seinem Manifestor verschwinden, drückte auf die Stelle im Felsmassiv, die er sich gemerkt hatte und lies das versteckte Fach aufgleiten, wo er sämtliche Flaschen Gesundheit, diverse Flaschen mit anderen Substanzen – wahrscheinlich auch dem Amorphium und den verbliebenen Zellproben von Shakta – , und einige der Instrumente herausholte und ebenfalls in seinen Koffer übertrug. Lediglich einen scharfen, silbrigen Gegenstand, welcher an ein Skalpell erinnerte, behielt er in der Hand und ging damit auf das Becken zu, in dem noch immer das regungslose Shakta-Abbild stand.

„Was hast du vor?“, fragte Pingo alarmiert.

Kollom antwortete nicht, sondern legte lediglich seinen Manifestor vor dem grünlichen Wasser ab, aus dem sich sofort darauf eine kurze, gebogene Metallbrücke ausbreitete, die direkt über das Wasser zu Shakta führte. Bevor Kollom diese jedoch betreten konnte, schob sich Pingo geistesgegenwärtig an ihm vorbei und stellte sich wie ein ritterlicher Beschützer vor Shaktas groteske Gestalt.

„Geh zur Seite“, sagte Kollom und zielte mit einer kurzen, breiten Waffe auf Pingo, die er scheinbar aus dem Ärmel geschüttelt hatte.

„Du lässt sie in Ruhe“, beharrte Pingo.

„Sie ist ein totes Stück Fleisch, kaum belebt von defizitärer Technologie“, sagte Kollom, „mehr nicht. Es spricht nichts dagegen eine Probe daraus zu entnehmen.“

„DU bist ein totes Stück Fleisch, kaum belebt von Gier“, antwortete Pingo, „jeder Käfer hat mehr Seele in sich.“

„Wenn das so ist, weißt du, dass ich nicht zögern würde zu schießen“, konterte Kollom trocken.

„Warum tust du es dann nicht?“, fragte Pingo unbeeindruckt.

„Weil das hier ein wenig Vorlaufzeit benötigt“, sagte Kollom kalt lächelnd. Einen Sekundenbruchteil später wurde Pingo in die Höhe gehoben und unsanft, wenn auch nicht mit tödlicher Wucht über das Becken hinweg gegen die Höhlenwand geschleudert. Dann ging er auf Shakta zu und schnitt ihr mit dem Skalpell ein etwa zehn mal zehn Zentimeter großes Stück Fleisch aus ihrem Oberkörper. Der Körper der Frau zuckte kurz zusammen, aber ansonsten reagierte sie nicht auf den grausamen Eingriff.

Dann ging Kollom über die metallene Brücke zurück an Land, verstaute seine Probe in einem weiteren Behältnis und ließ die Brücke danach wieder einfahren.

„Was meinen Sie, Karmon?“, fragte Kollom, „ist der Malmer noch in der Nähe?“

„Ich glaube nicht“, sagte Karmon, „jedenfalls habe ich ihn nicht mehr gehört oder seine Erschütterungen gespürt.“

„Gut“, sagte Kollom, „meine Instrumente melden auch keine Aktivität mehr. Allerdings vertraue ich ihnen hier drin nicht voll und ganz. Da ist es besser sich auf die Intuition eines uralten mächtigen Wesens zu verlassen.“

Danach ging er zu Pingo, der noch immer benommen auf dem Höhlenboden lag und streckte ihm die Hand hin. „Es tut mir leid, dass ich meine Umgangsformen derart vernachlässigt habe“, sagte er, „aber ich kann es nicht dulden, wenn kleinliche, rückständige Denkweisen meinen Vorhaben im Weg stehen. Wenn Sie so weit wären, könnten wir nun weitergehen.“

„Ich glaube, ich bleibe lieber hier“, sagte Pingo, wobei er Kollom wütend anfunkelte, „diese Höhle scheint mir weniger unheimlich als eure Gesellschaft.“

Er blickte dabei auch zu Karmon, der bislang keinen Handschlag getan hatte, um etwas gegen Kolloms egoistische Handlungen zu unternehmen.

„Wie Sie meinen“, sagte Kollom, „soll ich ihrem Freund Adrian etwa ausrichten? Zum Beispiel, wo er ihre Pyrit-Statue finden kann?“

Pingos sonst so gütiges Gesicht verzerrte sich vor Wut, aber dann stemmte er sich – ohne Kolloms Hand zu ergreifen – in die Höhe und folgte den beiden murrend zurück in den Tunnel.

~o~

Der Rückweg verlief ohne Zwischenfälle, wenn man einmal davon absah, dass Kollom es sich nicht nehmen ließ auch noch die Whe-Ann-Datenspeicher mit Shaktas Erinnerungen einzusacken und das Pingo auffiel – als sie erneut den Abschnitt mit den bizarr verkrümmten Körpern erreichten – dass diese allesamt nicht nur einander, sondern auch dem Shakta-Abbild im Becken genau glichen, von man von ihren Deformationen einmal absah. Das mussten die anderen gescheiterten Versuche Jarmas gewesen sein, ihre Freundin zurückzugewinnen. Die verzweifelte Liebe und Sehnsucht, die daraus – bei aller Verwerflichkeit solcher Experimente – sprach, rührte Pingos Herz und vertiefte die Abscheu über das, was Kollom getan hatte. Pingo fragte sich, ob er für Para und Lanno auch so weit gegangen wäre wie die Gesunderin. Er stellte sich gerne vor, dass es so wäre, doch wahrscheinlich traf das nicht zu. Das Fläschchen Gesundheit hatte nicht nur seinen Geist geklärt, sondern auch Ordnung in seine verschwommenen Erinnerungen gebracht. Er hatte sich tatsächlich umgebracht, bevor er nach Uranor gekommen war. Er hatte die beiden einfach zurückgelassen, und zwar ohne ihnen von seinem Zustand zu berichten. Damals hatte er das für ein Opfer aus Liebe gehalten, aber nun war er sich da nicht mehr so sicher. Liebe, so glaubte er nun, bedeutete wohl eher zu kämpfen, nicht zu fliehen. So viel hatte ihn die Begegnung mit der bedauernswerten Jarma immerhin gelehrt.

„Ärgerlich“, sagte Kollom plötzlich, als sie die Tür erreichten, durch die sie Shaktas Höhle betreten hatten.

„Was ist los?“, fragte Karmon.

„Die Tür geht nicht auf“, antwortete Kollom, „was wenig Sinn ergibt, da Jarma in der Lage sein musste ihr Versteck zu verlassen.“

„Vielleicht rächt es sich nun, dass Sie die Hausherrin gemeuchelt haben“, kommentierte Pingo spitz, „vielleicht hat sie für so einen Fall vorgesorgt.“

„Möglich“, sagte Kollom nachdenklich.

„Soll ich es versuchen?“, schlug Karmon vor.

„Warum nicht“, erwiderte Kollom achselzuckend. Karmon trat vor und versuchte sein Glück. Während der Koloss sich an der Tür zu schaffen machte, betrachtete Pingo gleichermaßen angewidert und fasziniert die gescheiterten Experimente, die an den Halterungen an der Wand lehnten. Er fragte sich, warum Jarma sie nicht vernichtet hatte. Offenbar waren sie ja nicht mehr belebt. Brauchte sie sie noch für künftige Experimente, wollte sie sich an ihr Scheitern erinnern oder brachte sie es einfach nicht übers Herz etwas zu zerstören, dass wie ihre Geliebte aussah? Pingo vermutete letzteres, auch wenn diese ständige Erinnerung an die eigene Machtlosigkeit ihm an Jarmas Stelle ebenso viel Schmerz bereitet hätte. Schon so war der Anblick grauenhaft. Je länger er dieses Horrorkabinett betrachtete, desto mehr wollte er unbedingt von hier weg und desto glücklicher war er darüber, doch nicht alleine hiergeblieben zu sein, so sehr er seine Wegbegleiter inzwischen auch verabscheute.

„Es geht nicht“, knurrte Karmon schließlich, dem es weder mit roher Gewalt, noch mit seinen schwarzen Blitzen gelungen war die Tür aufzubekommen, „Wir sind hier gefangen.“

„Vielleicht nicht“, überlegte Kollom, „eventuell könnten wir …“

„Seht ihr das?“, rief Pingo plötzlich alarmiert, „die Körper. Sie bewegen sich!“

Sofort wandten sich die anderen um und stellten fest, dass Pingo recht hatte.

Eine Shakta-Version mit drei Armen und einem verkümmerten Kopf streckte ihre knorrigen Hände gerade nach Pingo aus, der ein Stück zurückwich. Ein überdurchschnittlich großes Abbild mit einem schiefen Mund und ohne Augen stieg aus ihrem Gerüst heraus und auch dahinter machten sich nach und nach weitere misslungene Klone auf den Weg zu ihnen.

„Schießt, verdammt nochmal!“, sagte Kollom, der sofort das Feuer auf die Wesen eröffnete und die dreiarmige in einen ihrer Arme traf, der kurz darauf abknickte, was sie jedoch anscheinend nicht sonderlich störte.

„Du hast mir meine Waffe weggenommen, als ich zuletzt in der Steinstarre war“, erinnerte Pingo.

„Hier“, sagte Kollom, warf ihm eine Pistole zu, berührte eines der Medaillons um seinen Hals und hielt kurz darauf ein dünnes Schwert in der Hand, dessen Griff dem Symbol seines Konzerns nachempfunden war.

„Ein Schwert? Ist das dein Ernst?“, fragte Pingo, während er einige schlecht gezielte Schüsse in die Menge feuerte. Er war kein guter Schütze, aber in diesem engen Tunnel brauchte man das auch nicht zu sein.

Als sich kurz darauf zwei Shakta-Versionen mit klauenartig verformten Händen und unnatürlich verdickten Knien auf ihn stürzten, schwang er dieses Schwert gegen sie, woraufhin die Klone sich in einer kleinen Explosion auflösten, deren Hitze den drei entgegen brandete. „Ja“, sagte Kollom grinsend.

Nun fing auch Karmon an, seine schwarzen Blitze gegen die Shakta-Kopien auszuschicken, doch obwohl es den dreien gelang etliche von ihnen zu verletzen oder gar zu pulverisieren, riss der Strom nicht ab und jede Kopie, die sie nicht vollständig vernichteten, bewegte sich ungerührt weiter auf sie zu.

„Die Luft“, sagte Karmon schließlich, „die Hitze. Ich kann kaum atmen.“

„Das Schwert“, erklärte Kollom, „es verbraucht Sauerstoff.“

„Warum setzen Sie es dann ein, Sie Idiot!“, fluchte Pingo ebenfalls schwer atmend.

„Weil es diese Klone tötet“, erklärte Kollom, „und zwar endgültig.“

„Es tötet uns ebenfalls“, sagte Pingo, „jedenfalls auf lange Sicht.“

„Bis dahin hat uns Jarmas kleiner Harem eh schon überrannt“, antwortete Kollom und beugte sich hinunter zu seinem Manifestor, „wir müssen diese Tür aufbekommen und ich habe eine Idee, wie uns das gelingen könnte, aber das Dauert eine Weile. Wenn ihr beiden uns den Rücken für einige Momente freihalten könntet, könnte ich …“

Bevor Kollom seinen Satz beenden konnte, stürzte sich eine Shakta-Kopie mit fünf Armen, der es irgendwie gelungen war, an die Decke zu gelangen, von oben herab auf Kollom und schlang ihre verkrüppelten, aber kräftigen Hände um seinen Hals, seine Brust und seine Arme. Der Mann aus Deovan versuchte das Schwert gegen seine Gegnerin zu schwingen, was jedoch durch deren Griff effektiv verhindert wurde und als ihm schließlich schwarz vor Augen wurde, löste sich die rätselhafte Waffe in seiner Hand in Nichts auf.

Ein weiterer, stämmiger, muskulöser Klon mit wässrigen Augen und einem raubtierartigen Gebiss hatte sich inzwischen seitlich an Pingo herangeschlichen, während dieser mit anderen Shaktas beschäftigt war und sich in das zwar harte, aber hoch nicht gänzlich unverletzliche Fleisch seines Beins verbissen. Schockiert und überrumpelt knickte Pingo ein und verlor seine Waffe aus der Hand, woraufhin er von weiteren Gegnern überrannt wurde, so wie es auch mit dem bewusstlosen Kollom geschah. Karmon gelang es noch eine Zeitlang Widerstand zu leisten, doch gegen diese schwer zu tötende Übermacht an Feinden hatte er – ganz allein und durch die Atemnot ohnehin angeschlagen – keine Chance.

Nur wenige Augenblicke später wurden ein großer und zwei kleinere bewusstlose Körper von einer Vielzahl deformierter Leiber zurück ins Zentrum von Shaktas Höhle transportiert.

~o~

„Wie öffnet man dieses Ding?“, fragte eine weibliche Stimme.

Kolloms Kopf dröhnte noch von der Ohrfeige, die die Gesunderin ihm verpasst hatte, um ihn aufzuwecken, „Jarma?“, fragte er benommen. „Sie leben?“

„Hier drin stirbt niemand“, erklärte Jarma, „nicht mehr jedenfalls. Shakta konnte es nicht mehr helfen, aber inzwischen ist die Limaah-Konzentration in diesem Unterschlupf viel zu hoch, um den Tod zuzulassen. Aber es gibt schlimmere Schicksale, als den Tod. Wenn Sie nicht eines davon erleiden wollen, sollten Sie mir unbedingt erzählen, was Sie mit meinen Sachen angestellt haben. Sie sind dort drin, habe ich recht?“

Kollom hatte keine Ahnung was Limaah war, auch wenn er gehört hatte, dass der Tod in Hyronanin unbekannt war. Aber er wusste, dass sein Konzernschwert einen Körper auch hier vernichten konnte. Was mit dessen Seele geschah, ob sie verging oder sich an den feinen Staub heften musste, der übrigblieb war ihm herzlich egal. Leider gab es da aber ein Problem: Jarma hatte ihn das Schwert zusammen mit allen anderen Artefakten abgenommen. Noch dazu wurde er von drei besonders hässlichen Shakta-Klonen bewacht. Dabei befand sich rechts von ihm ein Haufen halb absorbierter Körperteile und – was am schlimmsten war – er steckte bis zum Bauchnabel in der grünlichen Flüssigkeit des Beckens und hatte keine Möglichkeit sich herauszubewegen, obwohl er weder gelähmt, noch gefesselt war. Sobald er jedoch versuchte, sich aus der Flüssigkeit zu erheben, war es, als würde er gegen einen unsichtbaren Widerstand ankämpfen. Mit einem kurzen Seitenblick stellte er fest, dass Pingo und Karmon ebenfalls bewacht wurden und obendrein noch bewusstlos waren. Von dieser Seite hatte er also keine Hilfe zu warten. In der Mitte des Beckens hingegen befand sich hingegen nicht länger die Shakta-Kopie mit dem riesenhaften, pulsierenden Kopf, sondern ein grauer, amorpher Klumpen aus unbekannter Materie, der knapp über die „Wasseroberfläche“ ragte. Das musste das Amorphium sein, von dem Jarma gesprochen hatte.

„Diese Höhle ist – mit Verlaub – doch ziemlich unaufgeräumt“, antwortete Kollom schließlich auf Jarmas Frage, „gut möglich, dass Sie da einmal das ein oder andere verlegen. Was meinen Koffer angeht, so muss ich Sie leider enttäuschen. Darin befindet sich lediglich ein wenig Kleidung zum Wechseln und einige Wegrationen. Mögen Sie bravianische Zuckergurken?“

Jarma verdrehte genervt die Augen, „ihre kläglichen Versuche witzig zu sein, können Sie sich sparen. Ohnehin wäre ich in Ihrer Situation nicht zu Scherzen aufgelegt, denn das einzige Wesen, um das Sie sich scheren – Sie selbst – ist in akuter Gefahr. Ich habe keine Ahnung, was die Transmutationsflüssigkeit mit lebendigen Lebewesen anstellt, aber wir werden es bald herausfinden, wenn Sie nicht kooperativ sind.“

Tatsächlich verschwand das spöttische Grinsen von Kolloms Gesicht. „Wir wissen beide, dass Sie mich auch dann nicht hier herausholen werden, wenn ich Ihnen gebe, was Sie verlangen“, sagte Kollom, „Ich habe versucht Sie zu töten und – schlimmer noch – mich an Ihrem Besitz vergriffen. Das werden Sie mir nicht vergeben.“

„Sie würden es vielleicht nicht“, erwiderte Jarma, „aber ich bin nicht so rachsüchtig wie Sie. Alles, was ich will, ist Shakta wiederzubekommen. Was mit Ihnen oder Ihren Gefährten passiert, ist mir herzlich egal. Öffnen Sie diesen Koffer für mich und geben Sie mir meine Sachen zurück, dann können Sie und die anderen gehen und tun, was immer Sie wollen. Und sollten Sie sich an den Plan des Steingeweihten halten, von dessen Aufrichtigkeit ich sogar überzeugt bin, und mit Shaktas Gewebeproben zu mir zurückkehren, würde ich mich dafür erkenntlich zeigen.“

„Inwiefern?“, fragte Kollom, dessen lidlose Augen gierig funkelten, als er diesen Vorschlag hörte.

„Ich würde Ihnen nicht nur einen Teil der Gesundheit, die ich besitze, freiwillig überlassen, sondern Ihnen auch meine gesamten Forschungsdaten aushändigen, inklusive des Wissens, welches sich lediglich in meinem Kopf befindet“, sagte Jarma.

„Das würden Sie tun?“, fragte Kollom verwundert, „Sie würden mir die Erkenntnisse zur Wesensrekonstruktion von Individuen einfach so überlassen, obwohl das eine wahre Goldgrube wäre?“

Jarma nickte, „natürlich. Mir geht es nicht um Profit. Mir geht es allein um Shakta. Also, haben wir einen Deal?“

Kollom sah sie einen Moment prüfend an und wog seine Möglichkeiten ab. Schließlich sagte er aber, „tut mir leid, ich vertraue Ihnen nicht genug, um Ihnen die Kontrolle über meine Besitztümer einzuräumen. Wenn Sie mich allerdings befreien würden, könnten wir darüber reden. Dann könnte ich Ihre Sachen selbst aus dem Manifestor herausholen und Ihnen übergeben.“

Jarma seufzte mit hörbarer Enttäuschung, „dann werde ich einen anderen Weg finden müssen oder darauf hoffen, dass der Prozess Sie kooperativer macht.“

„Hoffnung ist eine unsichere Anlage, pflegen wir in Deovan zu sagen“, erwiderte Kollom süffisant, auch wenn ihm das Kribbeln, welches die Flüssigkeit an seinem Körper inzwischen auslöste durchaus beunruhigte.

„Das einzig Interessante, was aus dem Mund eines Probanden kommen kann ist Blut, sagen wir in Hyronanin“, erwiderte Jarma mit einer plötzlichen, beängstigenden Kälte. Dann ging sie zur Höhlenwand, öffnete ein weiteres Geheimfach und holte dort eine Reihe von Instrumenten heraus, mit denen Sie begann sich am Manifestor zu schaffen zu machen.

„Sie werden damit keinen Erfolg haben“, warnte sie Kollom, aber die Gesunderin arbeitete weiter, so als hätte sie ihn nicht gehört.

~o~

Sandra spürte Nanitas Zunge in ihrem Mund. Unter anderen Umständen hätte sie kein Problem damit gehabt, aber so fühlte es sich falsch an. Vollkommen falsch. Kein Vergleich zu ihren Nächten mit Elyvenne. Nanitas Zunge war genauso kalt, fordernd und geschäftsmäßig, wie ihre Worte und wie der harte Griff ihrer Hände, die sich um Sandras Brüste legten. Dennoch wehrte sich Sandra nicht. Das Risiko, von Kollom bestraft zu werden, war ihr zu hoch. Sie würde sich für das hier revanchieren. Aber nicht jetzt. Sie hatte sich damals, von ihrer Vorgängerin als Sahkscha lange Zeit misshandeln lassen und letzten Endes doch ihre Rache bekommen. So würde es auch in diesem Fall sein. Das hieß jedoch nicht, dass sie alles mit sich machen ließ. Sie stieß Nanita sanft genug weg, um es nicht aggressiv wirken zu lassen, woraufhin sie die Deovani verblüfft ansah, „geht das hier vielleicht auch etwas zärtlicher?“, fragte sie.

„In dieser Hinsicht bist du als erworbene Ware zu betrachten, du hast keine Wünsche zu äußern“, sagte Nanita, „es läuft allein nach meinen Regeln.“

„Schon mal drüber nachgedacht, dass es auch dir mehr Spaß machen würde, wenn ich etwas Freude daran hätte?“, wandte Sandra ein, wobei sie sich bemühte ebenfalls kühl und leidenschaftslos zu klingen, wenn sie ihre Wut schon nicht zeigen konnte.

„In Deovan ist jeder Schauspieler genug, um sich nicht anmerken zu lassen, wenn die Erbringung einer Dienstleistung ihm nicht gefällt“, entgegnete Nanita kalt, „das gehört zu den grundlegenden Geboten der Qualitätssicherung und du solltest das ebenfalls lernen. Doch jetzt zieh dich aus. Ich will sehen, was ich erworben habe.“

Eine ungeahnte Wut explodierte in Sandras Brust. Es war eine Sache, Nanitas Fummelei über sich ergehen zu lassen und eine ganz andere sich vor ihr wie eine Sklavin oder ein Tier zu entblößen und begutachten zu lassen. Sie hatte gedacht, dass sie das hier aushalten würde, aber sie hatte sich schon genug von Schaufel erniedrigen lassen. Sie war immerhin eine Herrscherin gewesen.

„Nein!“, sagte Sandra mühsam beherrscht, „in einem schicken Hotel mit guter Musik, einem weichen Bett und gutem Wein könnte ich vielleicht darüber nachdenken einen Striptease für dich hinzulegen, wenn du lieb darum bittest, aber hier in diesem Koffer nicht.“

Plötzlich war Nanitas Geschäftsmäßigkeit dahin. Ihre Augen sprühten vor Zorn, „Hör mal zu du Not-Have, du ziehst jetzt deine verfluchten Klamotten aus oder ich werde Kollom lieb darum bitten deinem Leben ein Ende zu machen. Haben wir uns verstanden!“

Sandra rang mit sich. Sie hatte große Lust dieser größenwahnsinnigen Schaufel selbst das Licht auszuknipsen oder ihr wenigstens ihre grapschenden Hände abzuhacken. Andererseits war sie nicht zur Sahkscha aufgestiegen, indem sie unnötige Risiken eingegangen war. Noch bevor sie jedoch eine Entscheidung getroffen hatte, erklang ein schriller Ton und der gesamte Raum wurde in dunkelblaues Licht getaucht, welches ihren Körpern etwas vollkommen Unwirkliches gab.

„Was ist das?“, fragte Sandra.

„Ein Alarm“, erklärte Nanita mürrisch, „jemand versucht sich unbefugt Zugang zum Manifestor zu verschaffen.“

~o~

„Du bekommst ihn nicht auf“, sagte Kollom entspannt, während er Jarmas vergebliche Versuche beobachtete. Sie hatte schon mehrere ihrer Instrumente an der praktisch unüberwindbaren Koffersicherung verbogen und versuchte es dennoch weiter.

Jarma drehte sich zu ihm um. Ihre Augen drückten mehr Eifer als Frustration aus. „Das macht nichts“, sagte sie, „das hier ist eh nur ein Zeitvertreib, während ich darauf warte, dass mir das, was auch immer aus dir und den anderen werden wird, sich kooperativer zeigt. Oder dass du schlau genug bist, mir vorher zu sagen, wie ich an meine Sachen komme.“

Unwillkürlich blickte Kollom zur Mitte des Beckens. Das Amorphium veränderte sich, bekam Konturen. Und es wunderte ihn nicht. Er spürte deutlich, wie etwas an ihm zog, so als würde ein kräftiger Wind durch seinen Körper und seine Gedanken hindurchfegen. Karmon und Pingo hingegen waren noch nicht wieder aufgewacht, obwohl er bereits des Öfteren versucht hatte, dies durch lautes Rufen zu erreichen. Er fragte sich, ob sie überhaupt noch am Leben waren.

„Das wird beides sicher nicht passieren“, sagte Kollom möglichst ruhig, „und selbst, wenn Sie den Manifestor öffnen und aktivieren könnten, würde Sie das nicht weiterbringen. Sie könnten dann noch immer nicht auf die gespeicherten Daten und Objekte zurückgreifen.“

„Wir werden sehen“, antwortete Jarma schmunzelnd, „aber um uns beiden die Zeit zu vertreiben, würde ich Ihnen gerne noch eine Frage stellen.“

Kollom bemerkte aus dem Augenwinkel heraus, dass sich Karmon gerade ein wenig bewegt hatte. Wenn er Glück hatte, hatte Jarma die Kraft und Widerstandsfähigkeit des Giganten falsch eingeschätzt. In jedem Fall würde er Jarma aber ablenken müssen. Smalltalk kam da gerade recht. „Ich höre“, erwiderte Kollom deshalb.

„Wer sind Sie?“, fragte Jarma.

„Was für eine dumme Frage,“ antwortete Kollom lachend, „ich bin natürlich Kollom Nehmer, C… CI… ich bin. Ich bin der Chef des Mo .. Kon … Mar…. ich bin… ich bin.“

„Sie wissen es nicht mehr, oder?“, stellte Jarma fest, „eine interessante Auswirkung. Aber im Grunde war so etwas zu erwarten. Es war, wenn man so will, meine Hypothese.“

„Wie kann das sein?“, fragte Kollom mehr aus Schock, denn aus konkretem Informationsinteresse heraus. Selbstverständlich konnte er sich denken, was dafür verantwortlich war. Kollom durchforstete rasch seine Erinnerungen. Pläne, Projekte, Kontakte, Deals, Statistiken. Das meiste war noch da, jedoch gab es Lücken. Details, an die er sich eigentlich erinnern sollte, fehlten, auch wenn – soweit er es beurteilen konnte, keines davon so schwer wog wie das Vergessen des Namens seiner Firma und seiner Funktion. Das Meiste würde er sich glücklicherweise wieder anlesen können, hatte es auf dem Firmenserver gespeichert. Trotzdem befiel Kollom, der gerne alles unter Kontrolle hatte, eine ungekannte Angst.

„Das Amorphium absorbiert mithilfe der Transmutationsflüssigkeit langsam Ihren Körper“, erklärte Jarma, „aber auch Teile Ihres Gehirns und Ihres Bewusstseins. Sie verlierst mit jeder Sekunde, die vergeht an Erinnerungen, Kraft und Intelligenz. Das Gleiche gilt für Ihre Gefährten, auch wenn Sie das wahrscheinlich nicht sonderlich interessiert. Gleichzeitig erhält das Amorphium so gewisse Gestaltungsmöglichkeiten. Ich war mir nicht sicher, wie gut oder schlecht es mit beseelten, vollständig lebendigen Lebewesen funktionieren würde, aber das Ergebnis ist wahrhaft beeindruckend.“

Sie zeigte auf den Klumpen im Zentrum des Beckens, der inzwischen bereits so etwas wie einen mit spitzen Zähnen gefüllten Mund und große Augen herausgebildet hatte, die jedoch auf einem vierbeinigen, eher tierhaften Körper ruhten.

„Lassen Sie mich sofort hier raus!“, brüllte Kollom.

„Sie kennen meine Bedingungen“, sagte Jarma, „stimmen Sie ihnen zu und Sie und die anderen sind frei.“

Als Kollom darauf nicht antwortete, wandte sich Jarma wieder schulterzuckend dem Koffer zu.

Kollom versuchte seine Panik niederzukämpfen. Er musste taktisch klug handeln, solange er noch dazu in der Lage war. Solche sinnlosen Gefühlsausbrüche waren weder hilfreich, noch sein Stil. Er wusste ja, dass Jarma keinen Grund hatte, ihm zu Vertrauen und außerdem in der stärkeren Verhandlungsposition war.

Kollom überdachte seine Optionen. Er konnte einfach nicht auf ihr Angebot eingehen, zumal das Risiko zu hoch war, dass sie ihn hinterging. Sie war keine Deovani, sie achtete das Vertragsrecht nicht so wie er und er konnte sie wahrscheinlich nicht dazu bringen, sich den Truther aufzusetzen, den sie ihn zusammen mit seinen anderen Artefakten abgenommen hatte. Dabei würde er, anders als bei ihm selbst, bei ihr durchaus funktionieren. Doch so dumm war Jarma sicherlich nicht.

Kollom dachte angestrengt nach. Mit seinem Manifestor und seinen Artefakten in Reichweite wäre es zwar auch kein Kinderspiel, aber immerhin möglich gewesen, zumindest aus diesem Becken zu entkommen. Aber leider hatte er nichts davon bei sich. Nicht einmal seine Kontaktleute bei Astrera und Endless Horizons konnte er ohne seinen Manifestor kontaktieren, auch wenn natürlich ungewiss war, ob sie ihm zur Hilfe kommen würden. Ihre Hilfe war nur selten von so direkter Art.

Da all diese Varianten ausfielen und er in seiner jetzigen Lage und ihm unter Einfluss der Transmutationsflüssigkeit keine andere Möglichkeit einfiel, war Kollom nahe daran sich der Verzweiflung hinzugeben, was in seinem Leben nicht oft vorgekommen war. Kollom hatte für gewöhnlich auf der Sonnenseite des Lebens gestanden und seine Biografie war eine fast lupenreine Erzählung ständigen Aufstiegs. Bis jetzt zumindest. Unruhig streifte sein Blick über die mit seinem Manifestor beschäftigte Jarma, die unförmigen Shakta-Klone, die um ihn herum Wache standen und ihn aus stumpfsinnigen, aber dennoch wachsamen Augen betrachtete und die Amorphium-Kreatur, die inzwischen feine Gesichtszüge, Farben und Details herausgebildet hatte. Ihr Körperbau ähnelte einer Mischung aus einem terranischen Hund und einem Reptil. Ihr dunkelgrauer Kopf war gepanzert und wirkte leicht insektoid, mit goldglänzenden, rauen Auswüchsen an der Stirn, lidlosen, runden, goldgesprenkelten Augen und einem breiten, mit scharfen Zähnen bestückten Mund. Ihre Pfoten waren mit dünnen, scharfen, dolchartigen Klauen ausgestattet. Kurzum: Sie besaß Merkmale von Karmon, Pingo und ihm selbst.

Dieses Ding hat etwas von mir gestohlen, dachte Kollom, bevor ein kurzer Schwindelanfall seine Gedanken ausschaltete, ich muss es mir zurückholen. Angewidert wanderte sein verschleierter Blick zu dem noch immer erstarrten Pingo und blieb zuletzt wieder an Karmon hängen. Im Gegensatz zu Pingo, der relativ unverändert wirkte, schien ihm Karmon etwas geschrumpft zu sein, was bei seiner massigen Statur jedoch nicht allzu sehr ins Gewicht fiel. Während er ihn fixierte, bemerkte er plötzlich, wie das Leben in Karmons Augen zurückkehrte.

Trotz eines beeunruhigenden Schwächegefühls, welches sich in seinen Gliedern breitmache, lächelte Kollom. Jetzt hatte er wieder Optionen.

~o~

Sandra war selten für etwas so dankbar gewesen, wie für diesen unerwarteten Alarm, denn er hatte Nanita dazu gezwungen die Erfüllung ihres Vertrages zu unterbrechen und sie selbst so zugleich davor bewahrt, ein womöglich lebensgefährliches Risiko einzugehen. Natürlich fühlte sie sich dennoch beschmutzt. Die psychischen Auswirkungen einer Vergewaltigung – und im Grunde war es genau das gewesen, was Nanita im Begriff gewesen war ihr anzutun – ließen nicht mal eine abgeklärte und desillusionierte Person wie Sandra kalt. Zumal sie wusste, dass das hier wahrscheinlich nur ein Aufschub war. Trotzdem war sie jetzt viel lieber hier im Fateroom – Arnins gespenstischer Administrator-Zentrale – als allein mit der gierigen Frau aus Deovan.

Sie hätte niemals erwartet, dass Kolloms verfluchter Koffer derart viele „Angestellte“ beherbergen würde. Selbst Nanitas Schätzung war hier zu konservativ gewesen. Sandra ging eher von hundert, als von dreißig Angestellten aus. Die meisten von ihnen waren Deovani oder Bravianer. Aber es gab auch Rorak, Andrin und Angehörige weiterer Völker, die ihr bislang unbekannt waren. Sie sah bullige, muskulöse Getalten in einfacher Kleidung, die sie für Arbeiter hielt, einige schmächtige Yuppies in Anzügen, die wahrscheinlich die Kopfarbeit für Kollom erledigten und gruselige, vollkommen ausdruckslose Frauen und Männer mit weißen Gewehren, die wohl so etwas wie seine tragbare Privatarmee waren.

Diese Soldaten waren gelegentlich deovanischer Abstammung, zumeist aber Andrin, was sie ein wenig verwunderte, weil sie die Rorak für die eindeutig überlegenen Krieger hielt. Einige von ihnen saßen auf etwas, dass Sandra an eine Kreuzung zwischen Panzer und Motorrad erinnerte. Natürlich prangte auf diesen Gefährten, wie auch auf allen Klamotten und Waffen das Firmenlogo des Machtkomplexes der kalten Hand.

Sie und alle anderen Anwesenden blickten zu Arnin hinauf, der trotz des noch immer aktiven Alarms seine Kopfhörer nicht abgelegt hatte und wie ein dekonstruiertes Gespenst über ihnen schwebte. Der Raum, in dem sie sich befanden, war deutlich größer, als bei ihrem letzten Besuch. Da das alles hier wohl so etwas wie ein computergenerierter Traum war, verwunderte Sandra das nicht. Immerhin gab es ihr die Möglichkeit, sich trotz der großen Zahl an Anwesenden ein Stück weit entfernt von Nanita aufzuhalten. Natürlich gefiel das ihrer Vertragsherrin überhaupt nicht, aber bevor sie sich darüber beschweren konnte, ergriff Arnin das Wort.

„Verehrte Angestellte des Machtkomplexes der Kalten Hand, verehrtes Manifestor-Team. Jeder – oder zumindest fast jeder – von euch weiß, was unser Zusammentreffen bedeutet. Wir haben es mit einem Level-5-Security-breach zu tun, der durchaus das Potenzial hat die Integrität dieses Manifestors zu gefährden. Die Sensoren haben die folgenden Bilder aufgezeichnet.“

An der linken Wand des Faterooms erschien mit einem Mal eine Art Leinwand. Darauf waren zwei überlebensgroße, siebenfingrige Hände zu sehen, von denen die rechte ein gebogenes, metallenes Instrument hielt, mit dem sie sich offenbar am Manifestor zu schaffen machte und deren mit einer schwarzen OP-Maske bedeckter Kopf sie als Gesunderin auswies. Sandra war ziemlich überrascht so jemanden außerhalb von Hyronanin zu sehen, auch wenn sich in Uranor natürlich die unterschiedlichsten Völker versammelten. Auch wenn die Gestalt der Gesunderin den Sichtbereich der Manifestor-Kamera fast vollständig ausfüllte, konnte man über ihrer Schulter ein Becken mit grünlichem Wasser erkennen, in welchem drei bis zur Hüfte von Flüssigkeit bedeckte Personen standen, die Sandra durchaus bekannt vorkamen.

Als sie die filmischen Abbilder von Karmon und Pingo erkannte, verspürte sie fast so etwas wie Sehnsucht. Pingo war natürlich ein nerviger, naiver Idiot und Karmon ein monströser Wichser, der ihren Katalog gestohlen hatte, aber verglichen mit ihrer jetzigen Gesellschaft hatte sie sich bei ihnen beinahe sicher gefühlt. Zumindest hatte sie gewusst, dass sie ihr nicht nach dem Leben trachteten oder sie vergewaltigen wollten.

Der Anblick von Kollom löste in ihr selbstverständlich nur Brechreiz aus.

„Was geschieht dort mit ihnen?“, fragte Sandra, die Schwierigkeiten hatte sich vorzustellen, wie zum Teufel die drei in diese Lage geraten waren.

„Genau weiß ich das nicht“, antwortete Arnin, „aber ich erkenne, dass ihre Vitalparameter und Gehirnsignaturen sich negativ verändern. Wenn wir nicht eingreifen, werden sie womöglich sterben oder zumindest in einen kritischen, komatösen Zustand verfallen.“

„Warum greifen wir dann nicht ein?“, fragte Sandra, die offenbar entweder die Einzige war, die die Antwort auf diese Frage nicht wusste oder die einzige, die sie überhaupt interessierte.

„Weil lediglich ein Level-5-Breach des Manifestors vorliegt. Dies rechtfertigt keinen Notfall-Personal-Exit, sondern lediglich den Bereitschaftsmodus. Erst ab einem Level-8-Breach können wir aktiv werden.“

„Und was bitteschön wäre ein Level-8 Breach?“, wollte Sandra wissen.

„Die Beschädigung der strukturellen Integrität des Manifestors durch massive Gewalteinwirkung“, antwortete Arnin.

„Das ist ein Scherz, oder?“, fragte Sandra, die absolut keine Lust darauf hatte ihre einzigen beiden halbwegs verlässlichen Verbündeten zu verlieren, noch dazu wo sie sich ziemlich unangenehme Verträge mit Kollom, Nanita und Arnin eingehandelt hatte, „du willst mir doch nicht erzählen, dass du als übermächtiger Administrator nicht in der Lage wärst diese Bestimmungen zu umgehen? Ich glaube kaum, dass Kollom ein Problem damit hätte, wenn du ihm dadurch das Leben rettest.“

„Genauso ist es aber“, sagte Arnin, „diese Beschränkungen sind hardcoded und von meinem Einfluss abgeschirmt. Ohne eine manuelle Autorisierung von Kollom kann ich sie nicht überbrücken.“

„Na wunderbar“, sagte Sandra, „und was sollen wir dann tun?“

„Warten“, sagte Arnin, während er entrückt zum Beat irgendeines Songs mitnickte, „und hoffen.“

~o~

Die Höhle begann vor Kolloms Augen zu verschwimmen. War es überhaupt eine Höhle? Oder war es ein Bürogebäude von … von … dieser Firma, die er …? Waren es die schmucklosen Flure seines Elternhauses, in dem er gerade seine vertraglich vereinbarten Reinigungsleistungen erbringt, während sein Vater die Effizienz seiner Bemühungen überprüft und sanktioniert? War es eine der dunklen und stillen Gassen der ansonsten hektischen Lebensmärkte in denen die Einzelheiten eines neuen Vertrages ausgearbeitet wurden?

Kollom fühlte sich schwach, dürr und ausgelaugt, fast wie ein talentloser Have-Non, der keine nicht lebenswichtigen Körperteile mehr verkaufen konnte. War er das? Und wenn ja, warum sagten ihm dann seine wirren Erinnerungen, dass er jemand sehr Wichtiges gewesen war? Weil das stimmte, durchzuckte es ihn in plötzlicher Klarheit. Er war Kollom Nehmer und diesen Nachnamen – so viel wusste er – trug niemand, der gescheitert war. Mit dieser Gewissheit endete der Anfall. Ein Teil seiner Erinnerungen kehrte fürs Erste zurück und ihm war wieder klar, wo und in welcher Situation er sich befand. Sofort blickte er zu Karmon herüber, der nun tatsächlich wach war und ihn aufmerksam ansah. Jarma hingegen war nach wie vor mit dem Knacken des Manifestors beschäftigt.

„Der Koffer!“, sagte Kollom so leise zu dem Kwang Grong, dass er darauf vertrauen musste, dass dieser in der Lage war Lippen zu lesen und die Shakta-Klone nicht über diese Fähigkeit verfügten, „schieß!“

Um seinen Befehl zu unterstreichen, zielte er selbst gestisch mit dem Finger auf den Koffer. Karmon wirkte für einen kurzen Moment ebenfalls verwirrt und blickte Kollom gleichermaßen ratlos und verächtlich an, dann jedoch gehorchte er. Ein kleiner, aber noch immer schlagkräftiger schwarzer Blitz löste sich aus seiner Brust und schlug dicht neben Jarma in den Manifestor ein, der erst ein Stück nach vorne geschleudert wurde und von dem dann kräuselnd hellgrauer Rauch aufstieg.

Kollom hielt den Atem an. Er hatte das Risiko natürlich einkalkuliert, aber dennoch hoffte er von ganzem Herzen, dass der Manifestor nicht zu sehr beschädigt worden war. Zwar waren die Speichereinheiten selbst vor nuklearen Angriffen abgeschirmt und deshalb würden sich alle Daten und Angestellten von einem Techniker extrahieren lassen, aber solche Geräte waren verdammt teuer und vor allem würde das Notfallprogramm nicht mehr anlaufen können, wenn die Prozessoren etwas abbekommen hatten.

~o~

Eine Art Erdbeben fegte durch den Raum des Administrators. Sandra sah, wie die Wände und der Boden wackelten und rechnete jeden Moment damit zu fallen. Das passierte ihr jedoch genauso wenig wie einem der anderen Angestellten und nach kurzzeitiger Verwirrung wurde ihr auch wieder der Grund dafür klar. Selbst wenn sie sich dank irgendeiner abgefahrenen Technologie auch körperlich in dem Koffer befand, war ihr Körper gerade in keinem Zustand, der den normalen physikalischen Gesetzen unterlag. Die Erschütterungen dienten demnach aller Wahrscheinlichkeit nach nur dazu, erlebbar zu machen, was sich dort Draußen ereignete.

Der Koffer wurde mit roher Gewalt attackiert und schon bevor das blaue Alarmlicht zu rot wechselte und Arnin ihre Vermutung bestätigte, war Sandra klar, was das bedeutete.

„Das ist ein Security-Breach der Stufe 9“, sagte Arnin, „wir
werden angegriffen. Die Systeme haben erheblichen, wenn auch nicht kritischen Schaden genommen. Ich werde nun das Exit-Protokoll starten und euch in die analoge Welt schicken. Tut, was ihr könnt, um Kollom zu retten und zu schützen. Die anderen sind zweitrangig. Aber noch eine Warnung an alle Neuzugänge und Nicht-Deovani: vergesst nicht, dass ihr weiterhin Eigentum des Machtkomplexes seid. Ihr alle habt Verträge zu erfüllen und drakonische Strafen zu erwarten, wenn ihr eure vertraglichen Pflichten nicht erfüllt. Vergesst das nicht!“

Während Arnin diese letzten Worte sprach, blickte auch Nanita Sandra warnend an, so als wollte sie sie an ihren eigenen Vertrag erinnern.

Ihr könnt mich alle mal, dachte Sandra. Dann lösten sich die metallenen, von Drähten durchzogenen Wände um sie herum auf.

~o~

Die Shakta-Klone reagierten nur einen Sekundenbruchteil nach Karmon und stürzten sich gleich zu acht auf den geschwächten Riesen, wobei zwei von ihnen sich als – nun ja – lebendiger Schutzschild zwischen ihn und Jarma stellten.

„Ihr verdammten Idioten!“, brüllte Jarma, die entsetzt auf den rauchenden Koffer starrte, „da drin ist alles an Hoffnung, was ich noch habe!“

Dann fuhr sie blitzartig zum Becken herum und sah erst auf den von den Shaktas in Schach gehaltenen Karmon und dann auf den überlegen grinsenden Kollom, der seine eigene Unsicherheit perfekt verbarg.

Aus Jarmas Augen war nun jegliche Gelassenheit verschwunden. Ihr Gesicht war ein schwarzes Loch voll loderndem Hass geworden.

„Taucht sie unter“, befahl sie, „lasst die Flüssigkeit ihre Arbeit tun. Ich will, dass nichts mehr von ihnen übrigbleibt!“

Der ohnmächtige Pingo, der in seiner Lage natürlich keinen Widerstand leisten konnte, verschwand als Erster gänzlich in der grünlichen Subtanz, gefolgt von Karmon, der sich der Kraft und Überzahl der missglückten Klone nicht länger erwehren konnte.

Kollom hingegen blickte gebannt zu seinem Manifestor, während er von hässlichen, kräftigen Händen hinab gedrückt wurde. Er versuchte gar nicht erst sich zu wehren, sondern nahm stattdessen einen möglichst tiefen Atemzug. Alles, was er tun konnte, war möglichst lange zu überleben. Alles andere war eine Wette auf die Technologie seiner Firma.

~o~

In der Höhle lag ein scharfer, chemischer Gestank. Dennoch genoss Sandra es, endlich wieder reale Luft zu atmen. Sie war wieder frei und an einem Ort, der nicht mehr gänzlich den Gesetzen von Kollom Nehmer unterlag. Allein letzterer Fakt hätte ihr auch eine Müllkippe attraktiv erscheinen lassen.

Sie beobachtete gerade noch, wie die hässlichen, weiblichen Kreaturen, die von der Gesunderin wohl als eine Art von Wächterinnen eingesetzt wurden, Kollom in das widerlich aussehende und von toten Körpern gesäumte Becken drückten. Am liebsten hätte sie ihn mit hinuntergedrückt und dem Pisser dabei gleich noch sein Genick gebrochen. Sie hatte nicht das geringste Interesse daran dem gierigen Mistkerl aus der Patsche zu helfen. Wenn es mit dieser verfluchten Waffe in ihrer Hand möglich gewesen wäre, hätte sie ihm mit größtem Vergnügen persönlich das Licht ausgeblasen, doch das ging leider nicht, da sie Eigentum des Machtkomplexes war und ihrem CEO keinen Schaden zufügen konnte.

Dennoch würde sie sich nicht aus dem Kampf heraushalten. Sie plante immer noch Karmon und Pingo zu helfen, weil sie noch die brauchbarsten Verbündeten an diesem Ort waren. Fürs Erste jedoch bot sich ihr eine andere interessante Gelegenheit, denn während Kolloms kleine Privatarmee sich um den Koffer herum materialisierte und sich die Soldaten und Arbeiter sofort in den Kampf mit den missglückten Klonen stürzten, die sich gegen das Sperrfeuer ihrer Waffen überraschend widerstandsfähig zeigten, landete sie selbst direkt neben der ziemlich verblüfften Gesunderin. Sandra fackelte nicht lange, trat die Frau mit aller Kraft in den Bauch, packte sie mit ihrem linken Arm und hielt ihr den Lauf ihrer Waffe an die Schläfe.

„Wer bist du?“, fragte Jarma überrascht, „wie ist das möglich?“

„Sei still!“, blaffte Sandra in bester, herrischer Sahkscha-Manier, „und ich lasse dich vielleicht am Leben. Hast du das verstanden?“

Die Gesunderin nickte eingeschüchtert.

„Gut“, sagte Sandra, „dann befiehl deinen Geschöpfen, ihre Angriffe einzustellen.“

„Das kann ich nicht“, sagte Jarma weinerlich, „ich habe nur eine begrenzte Kontrolle über sie und sie verfügen über einen grundlegenden Selbsterhaltungstrieb. Jetzt, wo sie bereits angegriffen wurden, werden sie diese Aggressoren auch unweigerlich ausschalten wollen.“

Sandra dachte nach. Sie wusste nicht, ob sie der Frau glauben sollte. Allerdings war gerade auch keine Zeit für langwierige Verhandlungen und Streitgespräche, jetzt wo um sie herum ein wilder Kampf tobte und ihre Verbündeten vom Tode bedroht waren.

„Dir werden sie aber nicht schaden, oder?“, fragte Sandra.

Jarma schüttelte den Kopf.

„Gut“, sagte Sandra, „dann geh mit mir zu diesem stinkenden Pisstümpel und hilf mir den großen Grauen und den Steinheini daraus zu befreien. Ich denke, du weißt, wen ich meine.“

Jarma nickte geradezu devot. Sandra musste sich eingestehen, dass sie diese Art von Unterwürfigkeit vermisst hatte. Es war lang genug her, dass sie es gewesen war, der die absolute Macht über jemand anderen gehabt hatte. Vor allem jedoch war sie froh, dass alles so unerwartet problemlos ablief.

Sandra warf einen raschen Blick auf das Kampfgeschehen. Kolloms Soldaten waren den Klonen waffentechnisch überlegen, zumal einige von ihnen fast keine Bedrohung darstellten. Manche hatten riesige Köpfe auf zu schwachen Körpern, zu kurze Arme, aufgedunsene, schwerfällige Leiber oder schienen von so minderer Intelligenz, dass es ihnen kaum möglich war koordiniert anzugreifen. Die meisten jedoch besaßen lange, effektive Gliedmaßen, große Schnelligkeit und gute Reflexe. Und es gab noch zwei weitere Vorteile, über die sie verfügten: Zum einen waren sie verdammt zäh, was dazu führte, dass sie auch dann weiter angriffen, wenn sie mehrfach in den Kopf oder die Brust getroffen wurden. Zum anderen waren sie zahlenmäßig überlegen, da ständig neue dieser Wesen aus den verschiedenen, kleineren Tunneln nachströmten.

Obwohl Nanita genauso am Kampfgeschehen beteiligt war wie die Soldaten und Arbeiter, spürte Sandra ihren Blick auf sich ruhen. Offenbar wollte sie ihr „Eigentum“ genauestens im Auge behalten. Fick dich, dachte Sandra wütend. Vielleicht hatte sie Glück und diese übergriffige Schlampe fiel den Kämpfen zum Opfer. Fürs Erste verzichtete sie aber darauf, in dieser Hinsicht nachzuhelfen, sondern begab sich zusammen mit Jarma zum Becken.

~o~

Kollom hatte wirklich tief eingeatmet. Aber da er sich in ähnlichen Situationen zuletzt stets auf seine Artefakte verlassen hatte, war er nicht sonderlich geübt darin seinen Atem anzuhalten. Er spürte bereits, wie ihm erneut schwindelig wurde und der Drang seinen Mund zu öffnen und die grüne Flüssigkeit in sich einzusaugen wurde immer intensiver.

Von der Oberfläche vernahm er gedämpft Schüsse. Sein Plan hatte allem Anschein nach funktioniert und Hilfe war unterwegs. Die Frage war nur: würde sie noch rechtzeitig kommen?

~o~

Die Shakta-Imitationen hielten sich wie erhofft zurück, was sie und Jarma betraf, auch wenn sie gegenüber Kolloms Angestellten weniger Rücksicht zeigten. Manchen von den Konzernsoldaten hatten Finger, Hände, Beine und Arme oder zumindest ihre Waffen an ihre aggressiven Gegner verloren und wurden zunehmend zurückgedrängt, während der Strom an Klonen nicht abriss.

„Wie viele hast du davon bitteschön gemacht?“, fragte Sandra ungläubig.

„Viele“, sagte Jarma lediglich. Dann waren sie an der Stelle angekommen, an der Karmon versunken war. Eine ganze Reihe von Klonen stand dort als eine Art von Wachposten herum und beobachteten Sandra argwöhnisch, ohne jedoch anzugreifen. Karmons massiger Körper war selbst durch die grüne Flüssigkeit hindurch sichtbar.

„Kannst du ihnen wenigstens befehlen ihn dort rauszuholen?“, fragte Sandra.

Jarma schüttelte den Kopf.

War ja klar, dachte Sandra mürrisch. „Dann hilf mir ihn herauszuziehen!“, verlangte sie, auch wenn sie ihrerseits wenig Lust hatte in diese Brühe zu greifen, glaubte sie nie im Leben, dass die schmächtige Gesunderin dieses Kunststück allein zuwege bringen könnte.

„Nein!“, sagte Jarma in einem überheblich-trotzigen Tonfall.

„Nix Nein!“, konterte Sandra, „ich halte eine verdammte Knarre an deinen Kopf, also solltest du besser tun, was ich verlange. Ansonsten werde ich abdrücken. Ich bluffe nicht. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich jemandem das Licht ausblase.“

„Dann schieß doch!“, sagte Jarma vollkommen unbeeindruckt.

„Du willst unbedingt sterben, was?“, fragte Sandra und wurde plötzlich von einem dunklen Verlangen durchströmt, das aufregend in ihrer Brust kribbelte. Die Kontrolle über Leben und Tod zu haben, war wahrscheinlich das geilste, was es überhaupt gab. „Wie du willst, Miststück!“, sagte sie und drückte ab. Ein zufriedenes Grinsen wuchs auf ihrem Gesicht, als sich ein heller Energiestrahl aus der Waffe löste und Jarmas Kopf durchschlug, welche daraufhin kraftlos zu Boden sank.

Es fühlte sich gut an, richt gut. Und das, obwohl Sandra klar war, dass sie gerade außerordentlich dumm gehandelt hatte. Sie hatte ihre Geisel getötet und nun gab es für die Klone keinen Grund mehr sich zurückzuhalten. Dennoch bewegten sie sich nicht auf sie zu. Noch nicht zumindest, während der Kampf um Sandra herum ungebrochen weiter tobte und Kolloms Soldaten und Arbeiter immer weiter zurückgedrängt wurden. Sandra beschloss ihr unverdientes Glück nicht lange herauszufordern. Sie wusste nicht, ob sie stark genug wäre, um Karmon allein aus dieser Brühe herauszuziehen. Aber immerhin WAR sie stark und durchtrainiert und falls er noch lebte und merkte, dass Hilfe unterwegs war, würde Karmon sie sicher nicht die ganze Arbeit alleine machen lassen.

Also kniete sie sich hin, griff in die grüne, übelriechende Masse, die sich warm, glitschig und kribbelig auf ihrer Haut anfühlte, packte Karmons wie schwerelos in der Flüssigkeit ruhende Hände und zog mit all ihrer Kraft an ihnen. Sofort fühlten sich ihre Muskeln an, als wären sie einfache Hanfseile, die plötzlich das Gewicht eines Öltankers halten mussten. Doch mit eisernem Willen gelang es ihr schließlich Karmon ein winziges Stück zu bewegen und seine Finger über die „Wasseroberfläche“ zu ziehen. Mehr geschah jedoch nicht. Der Gigant gab kein Lebenszeichen von sich und letztlich musste sie wieder loslassen und ihn zurücksinken lassen. „Das muss doch irgendwie gehen“, flüsterte sie frustriert und wollte gerade zu einem weiteren Versuch ansetzen, als ihr plötzlich die Beine zurückgerissen wurden, sie ihr Gleichgewicht verlor und sie hart auf dem glitschigen Boden aufschlug. Der unangenehme Geruch des Beckens stach heftig in ihre Nase, während sie sich nach einigen Augenblicken der Benommenheit wieder aufzurappeln versuchte, was leider misslang, da sich ein schwarzer Stiefel schmerzhaft auf ihre Hand senkte.

„In Shaktas Höhle kann man nicht sterben“, sagte Jarma. Sandra drehte ihren Kopf so, dass sie Jarma ansehen konnte, was ihr auch einen Blick auf den eindeutig durchlöcherten Schädel der Gesunderin ermöglichte.

„Aber man kann sich verändern“, fügte Jarma hinzu und mit diesen Worten trat sie Sandra so unerwartet hart in den Magen, dass diese haltlos in das Becken hinabrutschte.

~o~

Kollom konnte dem Impuls nicht länger widerstehen. Seine Augen flimmerten, sein Kopf drohte zu explodieren und so öffnete er den Mund und sog die widerliche Transmutationsflüssigkeit wie frische Bergluft in seine Lungen.

Kolloms Atemorgane, die bei den Deovani genauso wenig wie bei den Menschen dazu gemacht waren mit Flüssigkeiten umzugehen, verkrampften sich und Kollom rechnete fest damit, dass sein Ende nun gekommen war. Doch auch wenn seine gesamte Brust in Flammen zu stehen schien, der widerliche Gestank der Flüssigkeit ihn würgen ließ, ihm das Denken unendlich schwerfiel und er das Gefühl hatte, dass seine Lungen sich auflösen würden, starb er nicht. Es war – in gewisser Weise – ein Wunder und doch wusste er nicht so recht, ob er sich darüber freuen sollte.

~o~

Karmon hatte gehofft nie wieder mit dem Seelenwirbel konfrontiert zu werden. Seinem noch immer nicht überwundenen Geburtstrauma, welches nach wie vor in jedem seiner wachen Augenblicke nachhallte. Das hier war natürlich kein Seelenwirbel wie der in Braviania, in dem er geboren worden war, aber das Prinzip war verdammt ähnlich. Lebenskräfte und Seelen, die aneinander zerrten und gnadenlos um Vorherrschaft rangen. Karmon hasste dieses Spiel, aber er kannte es und er hatte es schon einmal gewonnen. Deshalb war er diesen mörderischen Kräften nicht so schutzlos ausgeliefert wie seine Gefährten, was natürlich nicht bedeutete, dass es leicht war.

Er spürte die schwache, rein körperliche Präsenz, die von den Toten am Rande des Beckens ausging und er registrierte die ungleich stärkeren und bewussteren Kraftströme von Pingo und Kollom. Sie alle bewegten sich auf einen rohen, neu entstehenden Willen im Zentrum des Ganzen zu, der diese Energien um sich sammelte, gleich einem Stern, der Masse in sich aufsog. Dieser Wille war nichts Natürliches oder organisches. Er war ein chaotisches Flickwerk, ein hässliches Provisorium, aber er unterschied sich doch grundlegend von der stumpfen roboterhaftigkeit des schwarzen Malmers, auch wenn sein Hunger ähnlich groß war. Er verlangte nach Lebenskraft, verzehrte sich nach ihr und strebte danach, alles in diesem Becken in sich aufzunehmen. Karmon eingeschlossen.

„Du kannst mich nicht haben“, sagte Karmon zu dem Willen. Im Grunde verwendete er eine Sprache, die ohne Worte auskam, aber das war es, was er dem Wesen vermittelte.

„Ich habe dich bereits“, knurrte der Wille gleich einem Raubtier, „Ein Teil von dir gehört mir bereits und der Rest wird folgen.“

Karmon bemerkte, wie der Wille stärker an ihm saugte, doch er war darauf vorbereitet, wehrte seine Bemühungen ab und brachte es schließlich sogar fertig die Energien umzukehren und sich etwas von dem zurückzuholen, was ihm das Wesen gestohlen hatte, bevor es wieder zu einem Patt kam und der Strom versiegte. Plötzlich spürte Karmon wie zwei Hände ihn packten, kurz kräftig an ihm zerrten und schließlich wieder losließen. Irgendjemand hatte ihn retten wollen und war daran gescheitert. Der Wille schien davon nichts mitbekommen zu haben oder es zu ignorieren.

„Du bist stark“, gestand der Wille ein, „stärker als alle hier, außer mir selbst. Aber dies ist mein Geburtsort. Meine Heimat. Du wirst dennoch verlieren.“

„Was, wenn niemand von uns verlieren muss?“, sagte Karmon.

„Was meinst du?“, fragte der Wille und Karmon spürte die plötzliche Neugier des Wesens.

„Wenn wir zusammenarbeiten können wir beide davon profitieren“, schlug Karmon vor, „dort oben gibt es – wie du sicher selbst bemerkt hast – dutzende von Leibern. Hunderte womöglich, an deren Energie du nicht so einfach gelangen kannst. Wenn du mich und die anderen gehen lässt, führe ich sie dir zu.“

Karmon ahnte die Antwort des Willens, bevor er sie formulierte. „Einverstanden“, sagte das Wesen, „füttere mich und du und deine Freunde sollen den Rest ihrer Kraft behalten. Was ich gewonnen habe, werde ich jedoch nicht wieder hergeben.“

„In Ordnung“, übermittelte Karmon seine Antwort und entspannte sich, während er spürte, wie der Druck der Flüssigkeit auf seinen Körper sich verringerte. Seine Entspannung war jedoch sofort dahin, als er eine neue Präsenz in dem Becken wahrnahm: Sandra. Ihr mussten die Hände gehört haben, die ihm hatten helfen wollen. Ich bin ihr doch nicht egal, dachte Karmon und zog eine ungekannte Befriedigung aus diesem Gedanken, bevor ihm wieder bewusst wurde, in welcher Gefahr Sandra schwebte.

~o~

MKH002 hatte so etwas noch nicht erlebt. Jedenfalls nicht laut den Erinnerungen seiner Dienstzeit für den Konzern, welche alle waren, die er noch besaß. Der Rest – Kindheit, Jugend, ihre gesamte Biografie – war ihm und den anderen Executioner vertragsgemäß entfernt worden, damit sie nichts von ihrer Aufgabe ablenkte. Nach Beendigung ihrer Vertragslaufzeit sollten sie sie zurückerhalten, doch niemand wusste, ob das wirklich so war. Und es kümmerte MKH002 auch kaum. Sein Kopf war angefüllt mit dem Erfahrungsschatz vergangener Einsätze, sowie mit Taktiken, Befehlsketten und Informationen über die Stärken und Schwächen und die Position der lebenswichtigen Organe fast aller bekannten Organismen des Multiversums. Dennoch half ihm all das gerade herzlich wenig. Diese Gegner waren im Grunde unbewaffnet, auch wenn einige von ihnen über effektive, biologische Nahkampfwaffen verfügten. Wären es gewöhnliche Feinde gewesen, hätten sie schon längst tot vor ihnen auf dem Boden gelegen. Doch leider zeigten sie einen bedauernswerten Mangel an Bereitschaft zu sterben. Das traf zwar auf ihn und seine Leute ebenfalls zu, aber sie waren dennoch im Nachteil und das nicht allein durch die große Zahl ihrer Angreifer. Denn in einem Kampf zwischen Unsterblichen kam es vor allem darauf an, wer besser darin war, seinen Gegner zu verstümmeln und kampfunfähig zu machen.

Scharfe Krallen, Zähne und starke Muskeln waren dazu geradezu prädestiniert. Ihre Waffen hingegen waren allein für das Töten geschaffen und auch ihre Fähigkeiten waren darauf ausgerichtet. Weder MKH002 noch einer der anderen Executioner besaß irgendein Nahkampftalent. Sie waren Spezialisten. Allroundkämpfer gab es in Deovan nicht. Für gewöhnlich setzte man in Deovan auf gemischte Heere verschiedener Spezialeinheiten. Doch Kollom hatte offenbar an der falschen Stelle gespart. Erneut vernahm MKH002 einen kurzen Aufschrei, als einem weiteren Executioner – diesmal MKH016 – von einem krallenbewehrten Tentakel der Arm mit der Waffe aus dem Gelenk gerissen wurde. Wäre er ein gewöhnlicher Andrin oder Deovani gewesen, hätte ihm das grauenhafte Qualen verursacht, aber das Schmerzempfinden aller Executioner war so stark herabgesetzt worden, dass sie ihn zwar noch als Alarmsignal wahrnahmen, jedoch nicht mehr von ihm abgelenkt wurden. Dennoch würde er so nicht mehr kämpfen können. Und er war nicht der Einzige. MKH002 schätzte, dass inzwischen mehr als die Hälfte seiner Truppe derart geschädigt war.

Dank seines taktischen Wissens erkannte MKH002 zweifelsfrei, dass diese Schlacht verloren war. Dass es schlau wäre sich in den Manifestor zurückzuziehen. Doch obwohl MKH002 der ranghöchste der Executioner war – nachdem MKH001 von mehreren Klonen in seine Einzelteile zerlegt und sein Kopf bis zur Unkenntlichkeit zerquetscht worden war -, lag es außerhalb seiner Befugnisse einen solchen Schritt anzuordnen. Allein sein CEO, der noch immer in diesem Becken verschollen war, hätte dieses Manöver befehlen können. Er hingegen war lediglich dazu gemacht, die optimale Umsetzung solcher Befehle zu gewährleisten. Also tat er das Einzige, was ihm möglich war: Die Niederlage hinauszögern und die Arbeiter und den restlichen wertvollen Besitz von Kollom Nehmer so lange wie möglich zu schützen.

~o~

Sandra schalt sich eine Närrin, während sie in der ekelhaften Brühe versank. Und zwar nicht allein wegen ihres impulsiven Handelns, welches zwar dumm aber auch sehr befriedigend gewesen war, sondern vor allem, weil sie die Möglichkeit der Unsterblichkeit der Gesunderin nicht einkalkuliert hatte. Sie war als Fortgeschrittene zwar nur einige Augenblicke in Hyronanin gewesen, aber Adrian hatte ihr eigentlich genügend darüber erzählt. Sie hätte ahnen können, dass diese Frau einige Tricks auf Lager hatte. Natürlich bedeutete dies auch, dass sie selbst nicht sterben würde, aber das war nicht zwingend positiv. Die Flüssigkeit, in der sie nun schwamm, konnte eigentlich nicht harmlos sein. Andernfalls hätte sie die Gesunderin wohl kaum dort reingeworfen.

Sandra spürte, wie die Brühe an ihr zerrte und sie merkte auch, dass es ihr praktisch unmöglich war, sich wieder aus ihr herauszubewegen. Mit jedem Millimeter, den sie sich der Oberfläche näherte, schien die Flüssigkeit zäher zu werden, bis sie direkt an der Oberfläche praktisch die Konsistenz von Stahl besaß. Außerdem war es hier unten vollkommen dunkel, sodass sie nicht einmal die Konturen von Karmon, Kollom oder Pingo erspähen konnte, obwohl sie wusste, dass sie sich mit ihr hier drin befanden. Erneut war Sandra macht- und orientierungslos, was ihren Hass auf dieses Becken nur noch mehr verstärkte. Gerade wünschte sie sich den wurmverseuchten Schlamm zurück, der sie bei ihrem Erwachen in Uranor umgeben hatte, als sie von zwei kräftigen Händen gepackt und in die Höhe gezogen wurde.

~o~

Nachdem der Wille seinem Plan zugestimmt hatte, war es Karmon kein Problem gewesen, zusammen mit Sandra aus der Flüssigkeit aufzutauchen. Deren unheimlicher Druck hatte sich mit einem Mal verflüchtigt. Dank seiner geschulten Sinne in Bezug auf Lebensenergien war es Karmon trotz der Dunkelheit auch leicht gefallen Sandra zu orten. Die Klone um sie herum waren verschwunden, wahrscheinlich weil sie es nicht mehr für notwendig gehalten hatten Wache zu schieben, und hatten sich darauf verlegt Kolloms Soldaten zusammenzupferchen und in ihre Einzelteile zu zerlegen.

„Vielen Dank, Karmon“, sagte Sandra ungewöhnlich freundlich zu Karmon, „eigentlich wollte ich dich retten.“

„Ich weiß“, brummte Karmon, „aber der Wille hat es nicht zugelassen.“

„Der Wille? Welcher Wille?“, fragte Sandra verwirrt.

„Das Ding, welches dort im Becken heranwächst“, erklärte Karmon und zeigte auf das tierhafte Wesen, welches auf der Erhebung in der Beckenmitte hockte wie ein Froschkönig auf seinem Seerosenblatt und sie aus dunklen Augen anstierte, „wir haben eine Vereinbarung getroffen. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Wer hat dich hineingestoßen?“

„Die Gesunderin“, antwortete Sandra, und zeigte auf die Frau, die sich den Klonen angeschlossen hatte, die nun zumindest ihre maximale Zahl erreicht zu haben schienen, da keine neuen Shakta-Nachahmungen mehr aus den Tunneln krochen.

„Jarma“, sagte Karmon, „sie wird dafür bezahlen. Aber erst müssen wir die anderen retten.“

„Die anderen?“, fragte Sandra überrascht, „also Pingo können wir meinetwegen aus der Patsche helfen, aber Kollom kann gerne dort unten verrotten. Er hat mich in eine Art Edelsklavenvertrag gelockt und mich gegen meinen Willen in seinem Koffer festgehalten.“

„Wir brauchen ihn“, erwiderte Karmon, „leider.“

„Wozu?“, fragte Sandra, „ohne seine Artefakte ist er als Kämpfer sicher ein Totalausfall.“

„Wir brauchen sein Wissen“, beharrte Karmon, „und wir müssen herausfinden, was er vorhat. Das wird nicht möglich sein, wenn er tot ist.“

„Also gut“, gab sich Sandra seufzend geschlagen.

~o~

„MKH004, ich ordne hiermit den sofortigen Rückzug und die Anwendung der zweiten Stufe des Notprotokolls an“, sagte Nanita zu der Deovani-Frau, die nun der ranghöchste Executioner war, nachdem MKH002 und MKH003 als zerfetzte und kampf- wie kommunikationsunfähige Überreste auf dem Boden lagen.

„Als Arbeiterin sind dazu nicht befugt, Frau Nanita Geber“, antwortete MKH004 mechanisch, während sie versuchte einen sie bedrängenden Klon in die Kniescheibe zu schießen.

„Doch das bin ich. Laut der Subsidiarklausel der Personalbestimmungen hat im Falle der Handlungsfähigkeit des CEO sein Stellvertreter in extremen Notsituationen volle Weisungsbefugnis in allen Bereichen, außer langfristigen Investitions- und Personalentscheidungen. Sie wollen doch wohl nicht leugnen, dass dies eine extreme Situation ist.“

„Nein“, gestand die Konzernsoldatin ein, „Aber sie sind nicht länger Kolloms Stellvertreterin.“

„Aber ich war es einst“, konterte Nanita, „und da Kollom diese Position bislang nicht erneut besetzt hat und Sandra ihre Stellung erst mit ihrer Ankunft in Deovan antreten wird, habe ich nicht nur die Berechtigung, sondern auch die vertragliche Verpflichtung dieser Verantwortung nachzukommen, da sie nicht automatisch an den Aufsichtsrat übergeht.“

Nanita hatte lange überlegt, ob sie diese Karte spielen sollte. Obwohl dieses Schlupfloch tatsächlich existierte, würde es weder Kollom noch dem Aufsichtsrat sonderlich gefallen, wenn eine Geberin es nutzte. Aber sie hatte im Gefühl, dass sie es versuchen musste. Und kein Deovani kam auch nur einen Millimeter weit, wenn er nicht gelegentlich Risiken einging.

MKH004 schwieg einen Moment, auch wenn ihre Waffe weiterhin weiße Energiestrahlen verteilte. Wahrscheinlich prüfte sie die erweiterten Regelwerke und Vertragsdaten, die ihr bei ihrem Arbeitsantritt übermittelt und seitdem regelmäßig aktualisiert worden waren. „Sie haben recht“, sagte die Executionerin schließlich, „sofortiger Rückzug! In den Manifestor!“

Einen Augenblick später begannen sich Kolloms Untergebene zu dematerialisieren.

~o~

Pingo ließ sich leicht aus dem Becken befreien. Er war erneut in eine Art Steinstarre verfallen, wachte jedoch sofort wieder auf, als Karmon und Sandra ihn aus dem Becken zogen. Auch wenn er ein klein wenig schmächtiger wirkte, als zuvor schien sein Geist keinen sichtbaren Schaden genommen zu haben. Womöglich hatte sich seine Pyrit-Infektion ausnahmsweise vorteilhaft ausgewirkt. Bei Kollom sah die Sache jedoch etwas anders aus.

„Wer? Was … oh, Hallo Sa … Sarah“, sagte Kollom unsicher, nachdem sie ihn an die Oberfläche befördert hatten und er gefühlte fünf Liter der schleimigen Substanz auf den Boden gehustet hatte. Trotz seiner Unsicherheit und seines merkwürdigen Verhaltens wirkte es nicht komisch, sondern eher mitleiderregend wie der Mann nach Worten suchte. Besser gesagt: Es hätte Mitleid erregt, wenn es sich um jemand anderen als Kollom Nehmer gehandelt hätte.

„Was ist mit ihm los?“, fragte Pingo.

„Der Wille scheint deutlich mehr von seinen geistigen Fähigkeiten und Erinnerungen absorbiert zu haben, als bei dir oder mir“, vermutete Karmon.

„Geschieht dem Bastard recht“, urteilte Sandra kalt, „nun lass uns …“

Weiter kam sie nicht, da ihr Körper sich plötzlich in nichts auflöste.

„Wo ist sie hin?“, fragte Pingo schockiert.

„Wahrscheinlich in diesen Manifestor“, antwortete Karmon.

„Kollom sieht aber gerade nicht so aus, als ob er in der Lage wäre Leute verschwinden zu lassen“, erwiderte Pingo und zeigte auf den Mann aus Deovan, der ratlos ins Leere starrte und stumm und verzweifelt auf seiner Unterlippe herumkaute.

„Da hast du wohl recht“, sagte Karmon, „aber glaub mir: Ich werde herausfinden, wohin Sandra verschwunden ist. Egal, was ich dafür tun muss. Doch gerade haben wir erst Mal andere Sorgen. Wir müssen Jarma finden und sie dazu zwingen die Höhlentür zu öffnen, und ich habe auch noch ein Versprechen zu erfüllen.“

Karmon wechselte einen Blick mit dem Wesen in dem Becken, in dessen Augen eine unausgesprochene Drohung stand.

„In Ordnung“, sagte Pingo schulterzuckend und versuchte die Angst zu überspielen, die in ihm wohnte, „die Bravianerin Warnefia soll allein einem Heer von tausend Mann gegenüber gestanden haben. Wir sind immerhin zu zweit.“

„Was ist mit dieser Warnefia geschehen?“, fragte Karmon.

„Oh, sie hat die tausend Mann bezwungen“, sagte Pingo, „was ihr natürlich nur dank ihres Kwang Grong-Symbionten möglich gewesen war. Allerdings war das nur die Vorhut ihrer Gegner gewesen. Die zweite Welle war noch deutlich zahlreicher und besser bewaffnet gewesen und hat sie pulverisiert.“

„Du hast den besseren Kwang Grong an deiner Seite“, bemerkte Karmon hintergründig lächelnd.

Pingo lächelte ebenfalls. Dann stürmten sie los.

~o~

„Was soll die Scheiße?!“, beschwerte sich Sandra, als sie sich neben Nanita und den größtenteils arg ramponierten Executioners im Fateroom materialisierte, in dem noch immer rote Warnbeleuchtung vorherrschte.

„Das wollte ich gerade auch fragen“, schloss sich die charismatische Stimme von Arnin an.

„Ich habe mich auf das Subsidiarprotokoll berufen“, sagte Nanita selbstbewusst, „hätte ich das nicht getan, wäre von Kolloms Personal gar nichts mehr übrig.“

Arnin lies ein halb hysterisches, halb amüsiertes Lachen hören.

„Was heißt das?“, fragte Sandra irritiert.

„Sie ist jetzt die Chefin. Jedenfalls so lange, bis Kollom etwas anderes sagt“, erklärte Arnin.

„Was!?“, fragte Sandra entgeistert, die es niemals für möglich gehalten hätte, dass sie Kolloms Führung einmal vermissen würde. Aber immerhin hatte er sie noch nicht zum Sex gezwungen.

„Ich hätte nicht gedacht, dass du etwas gegen Frauen in Führungspositionen hast“, erwiderte Nanita.

„Kommt auf die Frauen an“, schoss Sandra zurück und auch wenn sie nicht damit gerechnet hätte, glaubte sie daraufhin etwas Schmerz in Nanitas Blick zu sehen.

Plötzlich ging eine heftige Erschütterung durch den virtuellen Raum, als – wie der Bildschirm zeigte – gleich mehrere der Shakta-Klone auf den Koffer einschlugen.

„Was plant unsere Chefin denn nun?“, fragte Arnin, „Will sie sich hier drin verkriechen und sich den Schmerz eines physischen Todes ersparen? Dann gratuliere ich. Die Chancen für dieses Vorhaben stehen gut. Die Außenhülle des Manifestors ist zwar recht stabil, aber nicht unzerstörbar. Spätestens in zwei oder drei Minuten sind wir alle Geschichte, wenn die Angriffe in dieser Intensität fortgeführt werden.“

„Sehr witzig, Arnin“, sagte Nanita, „mach die automatischen Verteidigungsanlagen startklar. Und zwar alle. Auch die Prototypen.“

~o~

„Hört auf!“, schrie Jarma, „hört verdammt nochmal auf, ihr dürft den Koffer nicht zerstören. Ich brauche das, was sich dort drin befindet, um Shakta, um … eure Schwester ins Leben zurückzurufen.“

Doch die Duplikate gehorchten ihr nicht. Im Gegenteil: Sie schlugen noch wilder auf den Koffer ein, in dem sich sämtliche Hoffnungen von Jarma befanden. „Hört auf!“, verlangte sie noch einmal verzweifelt und packte eine der Shaktas dabei an der verkrümmten Schulter. Dem Klon, der sich daraufhin zu ihr umdrehte, fehlte ein großer Teil des Unterkiefers. Dennoch sprach er zu ihr: „Du bist nicht unsere Herrin“, sagte er drohend und mit einer Stimme, die nicht einmal im Entferntesten an Shakta erinnerte, „Das warst du nie. Lass uns in Ruhe oder du bist unser nächstes Ziel.“

In den Augen des gescheiterten Experiments sah Jarma etwas Fremdes und abgrundtief Böses. Also gehorchte sie. Und rannte.

~o~

Bereits nach wenigen Metern endete Jarmas Flucht vor der eindrucksvollen Gestalt von Karmon, der sie finster anfunkelte und ihr zusammen mit Pingo den Weg versperrte und sie mit beiden Händen packte, bevor sie sich ihm entziehen konnte. Ohne die Unterstützung der Shakta-Kopien hatte sie gegen den Koloss nicht den Hauch einer Chance.

„Du willst fliehen?“, fragte Karmon, „wie praktisch. Das wollen wir nämlich auch. Jedoch MIT dem Koffer.“

„Das ist unmöglich“, sagte Jarma, „die Klone wurden von wilder Zerstörungswut gepackt und entziehen sich jetzt völlig meiner Kontrolle. Sie waren schon vorher nicht wirklich von Shakta beseelt, aber nun glaube ich, dass irgendetwas Dunkles sie übernommen hat.“

Karmon sah auf Jarma hinab, wie ein Richter auf eine geständige Schwerkriminelle.

„Ich weiß, dass ihr allen Grund habt mich zu hassen“, fuhr Jarma fort, „aber gerade müssen wir zusammenhalten, wenn wir den Rest unseres Daseins nicht als zerfetzte Fleischhaufen fristen wollen. Wir müssen fliehen und nur ich kann den Eingang zu dieser Höhle öffnen! Kämpfen ist keine Option. Wir wären dieser Übermacht hoffnungslos unterlegen.“

Plötzlich hallte ein donnernder, gequälter, tiefer Schrei von den Höhlenwänden wieder. Die drei wanden sich um und sahen dabei, wie einer der Klone erstarrte und dann in einen Haufen kleiner, gleichmäßig geschnittener Gewebewürfel zerfiel, die einen Lidschlag später wie ein umgestoßenes Kartenhaus auf den Boden fielen. Dieser ungewöhnliche Angriff entstammte einer Art metallenem Verteidigungsturm von etwa fünf Quadratmetern Grundfläche, der sich dort, wo vor Kurzem noch der Manifestor gelegen hatte, vom Boden bis zur Decke erstreckte.

„Vielleicht haben wir ja doch eine Chance!“, sagte Karmon.

~o~

„Die Graphitnetzkanone leistet gute Dienste“, stellte Nanita zufrieden fest.

„Das sollte sie besser auch“, kommentierte Arnin, „sie ist ein extrem teurer Prototyp. Wenn sie zu stark beschädigt wird, würde das den Machtkomplex Milliarden Dominanten kosten. In diesem Fall möchte ich nicht in Ihrer Haut stecken.“

„Zum Glück stecken Sie aber nicht in meiner Haut, Arnin. Sie stecken in diesem Koffer fest und haben keine Aussichten, dort jemals herauszukommen. Also lassen Sie diese Dinge meine Sorge sein und kümmern sich stattdessen darum, dass der Antimolekül-Schild korrekt auflädt“, erwiderte Nanita.

„Das tut er bereits“, antwortete Arnin fröhlich, „in etwa zwanzig Sekunden sollte er bereit sein, unzählige Molekülbindungen und 281,4 Millionen Dominanten zu vernichten.“

„Halten Sie Ihr nerviges Maul, Arnin!“, brüllte Nanita nervös.

„Natürlich … Chefin“, höhnte Arnin.

Sandra lächelte in sich hinein. Sie genoss es, Nanita in Bedrängnis zu sehen. Wenn sie Glück hatte, würde Kollom den Verstand verlieren und Nanita würde wegen des Schadens, den Sie ihrer Firma verursacht hatte, auf den Lebensmärkten verkauft oder gleich von irgendwelchen Auftragskillern ihres Konzerns umgebracht. Dann hätten sich fast all ihre Verträge erledigt, abgesehen von dem mit Arnin.

Erneut ging ein heftiger Ruck durch den Fateroom, wobei sich diesmal auch tiefe Risse in den Wänden und im Boden auftaten.

„Was passiert hier?“, fragte Sandra, „ist das auch eine Simulation?“

„Nein“, sagte Arnin, „Sie greifen den Koffer von der Rückseite her an. Die Rendering-Einheit ist beschädigt worden. Wenn das so weitergeht, wird es hier drinnen ziemlich hässlich werden.“

Eine weitere Erschütterung. Mit offenem Mund beobachtete Sandra, wie sich Arnin, Nanita und die Soldaten in weiße Drahtgittermodelle vor einem leeren, pechschwarzen Hintergrund verwandelte.

„Der Prozessor spart Rechenkapazität. Noch ein paar solcher Angriffe und wir sind nichts weiter als nackter Code“, erklärte Arnin, „eine ziemlich öde Form der Existenz, wie ich Ihnen versichern kann.“

„Bring die Titanklingen in Stellung!“, schrie Nanita mit einer mechanisch klingenden, leiernden Stimme, „und wage es nicht, mich auf den Preis hinzuweisen!“

~o~

Karmon kam wie eine Naturgewalt über die Shakta-Klone, welche durch die Verteidigungsmechanismen des Manifestors abgelenkt waren. Der Kwang Grong setzte dabei seinen Schattenstrahler ein, um seine Gegner zu betäuben, packte die auf diese Weise kampfunfähig gemachten Feinde mit seinen Händen und schleuderte sie in das nahe Becken, wo sie hilflos in der grünen Flüssigkeit versanken und dankbar von dem dort wartenden Willen absorbiert wurden.

Jarma hatte entschieden sich lieber aus dem Kampf herauszuhalten. Genauso wie Kollom, der noch immer zwischen Katatonie und dumpfer Depression gefangen schien.

Nachdem Pingo, der genau wie Jarma und Kollom unbewaffnet war, von zwei Klonen beinah in Stücke gerissen worden und nur durch Karmons rasches Eingreifen davor bewahrt worden war, hatte auch er sich zurückgezogen.

„Warum hast du mich in dieses Becken gesteckt?“, fragte Pingo die Gesunderin, deren Augen inzwischen nicht mehr von Wahnsinn und Obsession erfüllt waren, „ich habe dir rein gar nichts getan und ich hatte nichts von dem gewusst, was Kollom vorhatte.“

Jarma blickte Pingo einen Moment lang in die Augen, bevor sie beschämt zu Boden sah. „Es tut mir leid. Ich war zornig und ungerecht. Ich habe wohl zu viel Zeit in dieser Höhle verbracht, ohne wirkliche Gesellschaft. Als dieser hinterhältige Deovani mich angegriffen und beraubt hat, war das wohl etwas zu viel für mich gewesen.“

„Er ist eine verkommene Kreatur“, sagte Pingo, „und er ist nicht mein Freund. Aber ich brauche ihn, um einen Freund befreien zu können.“

„So haben wir uns alle mit Monstern umgeben, wie es scheint“, antwortete Jarma düster.

„Aber manche Monster sind bessere Verbündete als andere“, sagte Pingo lächelnd und zeigte auf Karmon.

~o~

„Was geht dort draußen vor?“, fragte das Drahtgittermodell von Nanita.

„Genau kann ich das nicht sagen“, antwortete Arnin, „die Kameras sind entweder zerstört oder vom System heruntergefahren worden, um Energie zu sparen. Aber der Schadensbericht ergab, dass die Graphitnetzkanonen zerstört und die Generatoren für den Antimolekülschild beschädigt sind. Der Schaden ließe sich zwar zumindest provisorisch überbrücken, aber davon hätten wir nichts, da die Energieversorgung ebenfalls etwas abbekommen hat. Wir können unsere vordere und seitliche Verteidigung durch konventionelle Projektil- und Strahlenwaffen aufrechterhalten, aber Sie haben ja erlebt, wie wenig effektiv diese Waffen gegen diese Klone sind. Immerhin sind die Titanklingen fast unbeschädigt und durchaus nützlich, doch leider sind sie nur auf der Rückseite angebracht.“

„Warum denn das?“, wunderte sich Sandra.

„Tja“, antwortete Arnin, „solche besseren Schlachtermesser sind nun mal nicht so fancy und interessant wie hochkomplexe Waffensysteme und darum auch nicht so attraktiv für potenzielle Investoren.“

„Haben wir eine Chance zu gewinnen“, wollte Nanita wissen.

Arnin schüttelte den Kopf, „mit der aktuellen Verteidigungskonfiguration gebe ich uns noch maximal fünf Minuten, bis die Biester den Manifestor restlos in Stücke gerissen haben.“

„Was ist, wenn wir zusätzlich die Executioner wieder dort rausschicken?“, schlug Nanita vor.

„Sehen Sie sich doch einmal um“, gab Arnin zurück und zeigte auf die Drahtgittermodelle der Konzernsoldaten, von denen sicher gut die Hälfte sehr schwer verletzt und ein weiteres Viertel vollkommen bewegungsunfähig oder regelrecht zerstückelt war, „diesen erbärmlichen Haufen wieder in den Kampf gegen diese Übermacht zu zwingen wäre der Gipfel der Ressourcenverschwendung. Selbst wenn Sie den Aufsichtsrat unter Drogen setzen und mit Gold überschütten würden, könnten Sie so etwas nicht mehr rechtfertigen.“

„Haben Sie denn einen anderen Vorschlag?“, fragte Nanita deren Selbstbewusstsein ein wenig zu bröckeln schien.

Arnin blinzelte übertrieben, so als würde er mit nicht vorhandenen Wimpern klimpern, „den hätte ich in der Tat. Wir haben zwei Möglichkeiten. Wir können unsere persönlichen Ersparnisse für Rauschmittel, gute Drinks und andere Vergnügungen ausgeben und uns gemeinsam auf das Ende unserer Arbeitsverträge vorbereiten, während ich die beste Musik des Multiversums auf die Lautsprecher lege oder wir versuchen es mit einer extremen Materieverdichtung. Ich wäre für ersteren Vorschlag.“

Sandra fragte sich, ob es für Nanita erstrebenswert wäre in den letzten Minuten ihres Lebens ein Drahtgittermodell zu vergewaltigen und hoffte, dass dem nicht so war. Das wäre das Einzige, was die Aussicht auf einen bevorstehenden Tod noch deprimierender gestalten könnte. Sollte sie es dennoch versuchen, würde sie das Miststück fertigmachen. Zu verlieren hätte sie ja ohnehin nichts mehr.

„Erläutern Sie die zweite Option“, antwortete Nanita zu Sandras großer Erleichterung, „wie Sie sich ja denken können, bin ich nicht mehr in die neueren MKH-Entwicklungen einbezogen worden“.

„Gerne“, sagte Arnin, „es handelt sich um eine hoch experimentelle – und natürlich kostspielige – Technologie. Dabei wird die gesamte Materie des Manifestors auf einen winzigen, subatomaren Punkt konzentriert. Das Prinzip ist ähnlich wie bei einem Neutronenstern oder einem weißen Zwerg, jedoch noch weitgehender. Man könnte sagen, dass wir uns in einen eindimensionalen Zustand begeben. Diese Maßnahme würde uns – aus naheliegenden Gründen – vor allem weiteren Angriffen schützen. Es gibt dabei jedoch einige mögliche Komplikationen.

Zum einen wüssten wir nicht, wann wir uns wieder ausdehnen könnten und ob wir dann nicht wieder vor demselben Problem stünden wie jetzt. Zum anderen – und das ist wirklich entscheidend – wäre nicht garantiert, dass wir uns wieder korrekt ausdehnen und vor allem die ursprüngliche Struktur ohne Informationsverlust wiederherstellen können. Es gab in unseren Laboren eine Reihe erfolgreicher Versuche der Rekonstruktion, andernfalls hätte Kollom diese Technologie nie seinem Manifestor hinzugefügt, aber es gab auch Fehlschläge. Wenn wir Glück haben, retten wir uns mit dieser Aktion, wenn wir weniger Glück haben, endet unsere Existenz und wenn wir ganz viel Pech haben, kommt es zu einer unvollständigen Rekonstruktion. Was also soll es sein, Chefin?“

Sandra besaß genügend Fantasie, um sich dieses Szenario auszumalen. Dabei sah sie Bilder vor ihrem inneren Auge, die so grotesk und erschrecken waren, dass sie die seltsamen Klone dort draußen hübsch erschienen ließen. Trotzdem würde sie solch ein Risiko jederzeit eingehen, wenn die Alternative der Tod war. Zum Glück schien nicht nur sie es so zu sehen.

„Wir versuchen es mit der Materieverdichtung“, sagte Nanita und drehte sich dann plötzlich zu Sandra um. „Für Vergnügen bleibt noch immer genügend Zeit, wenn wir das hier überstanden haben“, sagte sie mit einer unheimlichen Mischung aus lasziver Andeutung, Befehl und nüchterner Feststellung.

~o~

Karmon badete im Rausch des Kampfes. Wie sehr er es vermisst hatte mit Adrian im Getümmel des Schlachtfeldes zu stehen. So wie damals in Konor, den bislang glücklichsten Zeiten seines Lebens. Das hier war jedoch nicht dasselbe. Sein neuer Körper war stark und robust, aber er war auch einsam und – so sehr es ihn auch schmerzte sich das einzugestehen – besaß nicht die Reflexe und die schier unaufhaltsame Zerstörungskraft seiner Symbiose mit dem Menschen. Wäre Adrian hier und wären sie noch miteinander verbunden, würde es ihm viel leichter fallen dieser Masse an verkrümmten Kreaturen Herr zu werden. Jetzt, wo das Überraschungsmoment vorbei war, versuchten einige von ihnen ihn mit ihren überlangen Armen und Beinen zu attackieren oder sich in sein zwar hartes, aber nicht unzerstörbares Fleisch zu verbeißen. Die meisten von ihnen scheiterten dabei, aber nicht alle und so trug er schnell die ersten Verletzungen davon, die zwar zunächst noch harmlos waren, die seine Gegner aber nun immer wieder als Schwachstellen ausnutzten.

Ehrlich gesagt war Kstmon sich nicht sicher, ob er ohne die Unterstützung von Kolloms seltsamen Apparat überhaupt eine Chance gegen diese Übermacht haben würde, die zwar dank seiner Bemühungen und der Kraft des Beckens wenigstens nachhaltig abnahm, jedoch noch immer überwältigend war. Die große, silberne Maschine zerlegte zumindest manche der Klone in ihre Einzelteile und lenkte andere durch ihr Sperrfeuer ab, dem Karmon, da er die Angriffsmuster des Gerätes erkannte, geschickt auswich.

Doch dann, von einem Moment auf den anderen, war das Gerät verschwunden.

Wo der turmhohe Apparat gerade noch Schmerz und Verderben auf die ihn attackierende Masse gespuckt hatte, befand sich nun nichts weiter als leere Luft.

Sandra!, dachte Karmon schockiert. Sie war ebenfalls da drin gewesen. Was auch immer mit der Maschine geschehen war, war also auch mit ihr geschehen. Ein schmerzhaftes Ziehen ging durch die Brust des Kwang Grong. Hatte er nach Adrian nun auch noch Sandra verloren? Er bemerkte, dass er dies kaum würde ertragen können und versuchte dieser Angst durch Rationalität zu begegnen. Immerhin war es durchaus möglich, dass der Manifestor lediglich eine Art Tarntechnologie angewandt hatte, doch als die Attacken der ebenfalls ratlosen Klone ins Leere gingen, verflüchtigte sich diese Hoffnung sofort.

Gleichzeitig offenbarte sich Karmon ein ganz anderes Problem: Die nun nicht länger abgelenkten Kreaturen konzentrierten sich nun vollkommen auf ihn als ihren einzig verbliebenen, gefährlichen Gegner und stürmten in großer Zahl auf ihn zu. Seine Brust spuckte unablässig schwarze Blitze aus, seine kräftigen Hände rissen Gliedmaßen ab und stießen Gegner zurück, doch obwohl er nicht mehr versuchte die Klone in das Becken zu schleudern – was unabhängig von seinem Versprechen eine effektivere, aber bei dieser Übermacht praktisch unmögliche Lösung war -, geriet Karmon zunehmend in die Defensive. Ja, einige der Klone versuchten sogar die Pausen zwischen zwei seiner Schüsse zu nutzen, um an die Schwachstelle in seiner Brust zu gelangen, in der seine Kanone befestigt war. Bislang konnte Karmon sie noch davon abhalten. Aber wie lange noch?

Der Tunnel, dachte er, dort ist es enger und sie können mich nicht in so großer Zahl angreifen. Vielleicht ließe sich sein notwendiger Rückzug auf diese Weise in einen Vorteil verwandeln. Doch die Klone, die seit einiger Zeit schlauer agierten als zuvor, schienen seinen Plan bereits zu antizipieren und begannen nicht nur damit ihn zu umzingeln, sondern auch auf den Tunneln zuzulaufen, um ihn dort zu erwarten. Ich stecke in der Falle, begriff Karmon. Und ein Ausweg war nicht in Sicht.

~o~

„Wir müssen ihm helfen!“, sagte Pingo zu Jarma.

„Wie denn?“, antwortete Jarma, „Keiner von uns beiden ist ein Kämpfer. Du hast dich sogar schon daran versucht und bist grandios gescheitert.“

„Das wird denen da ziemlich egal sein, wenn Karmon erst niedergerungen wurde und sie anfangen uns auseinanderzureißen“, erwiderte Pingo, „besser wir handeln jetzt, wo unsere Chancen noch leicht über 0 liegen und wir nicht einfach darauf warten müssen zerfetzt zu werden.“

„Sollen sie uns doch zerfetzen“, sagte Jarma resigniert.

„Selbst wenn du sterben wolltest, müsstest du dafür hier raus“, konterte Pingo, „hier drin gibt es keinen leichten Ausweg, nur ein ewiges Gefängnis. Das solltest du am besten wissen.“

„Vielleicht sollten wir tatsächlich hier raus“, antwortete Jarma, „der Koffer und mit ihm Shaktas Überreste und all mein Amorphium sind unwiederbringlich verloren. In diesem Labor gibt es nichts mehr für mich.“

„Ich gehe nicht ohne Karmon“, beharrte Pingo, „und auch nicht ohne Sandra. Und was den Manifestor angeht, so …“

„Extreme Materieverdichtung“, sagte Kollom plötzlich, so als würde er nach einem Wrackteil greifen, welches im landlosen Meer seines Geistes vorbeitrieb.

„Wie bitte?“, fragte Jarma verwirrt, „was meinst du?“

Aber Kollom war wieder in dumpfes Schweigen verfallen.

„Er meint sicher den Manifestor“, sagte Pingo aufgeregt, „er ist nicht einfach so verschwunden. Es steckt bestimmt irgendeine Technologie dahinter.“

„Sieh!“, sagte Pingo und zeigte auf einige Klone, die auf den Haupttunnel zuströmten, „Sie wollen Karmon den Weg abschneiden.“

Dann sah er entschlossen zu Jarma, „mir ist egal, was du tust. Ich werde kämpfen!“

„Du bist noch immer unbewaffnet“, sagte Jarma.

„Das mag sein“, antwortete Pingo und hob dann lächelnd seine Hände mit den goldenen Nägeln, „aber ich bin infektiös!“

Mit diesen Worten stürmte Pingo los.

~o~

Sandra war eine Tat. Ein Gedanke. Eine zukünftige Vergangenheit im eindimensionalen Brennpunkt eines multidimensionalen Augenblicks. Sie war Nanita, Arnin, sie selbst, jeder einzelne Executioner und auch der Manifestor. Sie dachte und dachte nicht. Sie plante und lauschte doch ihrer Intuition, während sie/er/es sich der unmöglich scheinenden Aufgabe widmete aus der Zeitlosigkeit heraus einen passenden Zeitpunkt zu bestimmen, um in den Strom der Zeit zurückzukehren.

~o~

Pingo hatte es sich einfacher vorgestellt. Es war ihm tatsächlich gelungen, sich im Tunneleingang zu platzieren, so wie Karmon es wahrscheinlich vorgehabt hatte, aber da er nur etwa halb so breit war wie der Kwang Grong, konnte er seinen strategischen Vorteil nicht ausspielen. Immerhin gelang es ihm tatsächlich einige der Klone mit seinen scharfen Nägeln zu treffen und hier und da bewies eine schnell auftretende Kristallblüte, dass sich die Infektion bei diesen Wesen schneller ausbreitete als erhofft. Doch die Steinstarre, die ihn selbst gerade am Anfang seiner Infektion sehr oft befallen hatte, lies bei den Duplikaten bislang dennoch auf sich warten und in einem hatte Jarma recht gehabt: Er war kein Kämpfer.

Zwar tat er sein Bestes, um den Angriffen auszuweichen, doch er war zu langsam, kassierte eine Menge Treffer und zuletzt geschah das, was kommen musste: Eine der Shakta-Imitate umschlang sein rechtes Bein mit beiden Händen, riss daran … und brachte ihn zu Fall.

~o~

Karmon schlug mit einem gewaltigen Knall auf dem Boden auf. Inzwischen hing eine ganze Traube von Gegner an ihm, hieb auf ihn ein und versuchte sich mit roher Gewalt durch seinen Körper zu graben. So viele, dass er das Gleichgewicht nicht länger hatte halten können. Seine Brust spuckte unablässig schwarze Vernichtung aus und seine Hände wüteten mit rücksichtsloser Grausamkeit unter den Shakta-Imitaten, aber auch, wenn er Gesichter verbrannte, Hände verkohlte, klumpige Greifarme lähmte und Klauen abschnitt, ließen sich die Kreaturen nicht entmutigen und wühlten in seinem Inneren. Und endlich fanden sie die weiche, elastische Membran, die als letzter Schutzwall sein empfindliches Herz umgab. Karmon schrie.

~o~

Jarma bereute es inzwischen, nicht mit dem Steingeweihten mitgekommen zu sein. Doch nun war es zu spät dazu, da er hinter einer regelrechten Mauer von unvollendeten Shaktas verschwunden war. Sich da durchzukämpfen wäre vollkommen ausgeschlossen, selbst wenn sie es fertiggebracht hätte die Hand gegen eine ihrer Schöpfungen zu erheben. Umso mehr, da dieses vor kurzem noch so aufmüpfige Ekel namens Kollom nun regungslos neben ihr stand und kaum mehr geistig anwesend schien, was ihn zu einem noch unbrauchbareren Verbündeten werden ließ.

„Was habe ich getan?“, flüsterte Jarma, der zum ersten Mal wirklich bewusst wurde, was ihre Besessenheit angerichtet hatte. Dabei waren sie und Shakta eigentlich aus den Seuchenhöhlen geflüchtet, um gemeinsam ein besseres Leben zu beginnen. Nur deshalb hatten sie vor langer Zeit all die Mühen auf sich genommen, um die Begrenzungen der Portalmaschine zu umgehen.

„Du hast uns Körper geschenkt“, sagte eine raue Stimme hinter ihr. Sie drehte sich um und erblickte eine Shakta-Version mit zwanzig Fingern an jeder Hand, einem dürren, eingefallenen, überlangen Gesicht und breiten, froschartigen Füßen, „und dafür sind wir dankbar“.

Sie erinnerte sich. Eine ihrer ganz besonders missglückten Fehlschläge. Noch dazu ohne ein besonderes Talent oder irgendeine Eigenschaft, die an Shakta erinnerte. Dennoch hatte sie ihren Körper bewahrt. So wie die Körper aller anderen. Zuerst aus Liebe zu der Frau, der sie gleichen sollten. Dann als Forschungsobjekte und schließlich als bessere Wachhunde. So viel zur wahren Liebe, dachte Jarma bitter.

„Wer seid ihr?“, fragte sie das Wesen, welches garantiert nicht Shakta war.

Die Kreatur verzog ihr Gesicht zu einer schiefen Grimasse, die Jarma nicht als Lächeln bezeichnen wollte. „Das Brummen im Hintergrund. Das Vergessen. Der gehorsame Herrscher. Das sprechende Geheimnis. Die andere Welt“, sagte sie.

„Nicht sehr aufschlussreich“, antwortete Jarma, „aber was immer ihr seid: Ich bitte euch mich und vor allem diese Leute in Ruhe zu lassen. Ich habe ihnen genug Unrecht angetan. Das wäre für euch ein Weg, um mir zu danken.“

„Das können wir leider nicht“, sprach das Geschöpf rau, „aber es gibt andere Möglichkeiten Dank auszudrücken.“
Das Geschöpf machte einen Kussmund und ging mit ausgebreiteten Armen auf Jarma zu.

~o~

Pingo spürte, wie etwas in ihm zerbrach. Und damit meinte er weder Illusionen und Träume noch seinen Geisteszustand, sondern etwas sehr Handfestes. Knochen, vielleicht auch Pyritgestein. Jedenfalls fühlte es sich ganz und gar nicht angenehm an. Inzwischen waren manche der Klone wie erhofft in eine Steinstarre verfallen, aber viele andere hatte er nicht infizieren können und selbst eine von den Infizierten waren noch bewegungsfähig und nutzten ihre körperlichen Veränderungen dazu. noch härter auf ihn einzuprügeln. Sie wollten ihn nicht töten. Sie wussten, dass das hier drin nicht möglich war. Sie wollten vielmehr seinen von Pyrit durchsetzten und dermaßen verstärkten Leib zertrümmern, um ihn schließlich auseinanderreißen zu können. Und sie waren auf einem guten Weg dahin. Er hätte Karmon oder Jarma um Hilfe rufen können, aber der eine war selbst in Bedrängnis und die andere nicht bereit und wahrscheinlich auch nicht fähig ihm zu helfen.

Plötzlich hörte Pingo ein lautes Knurren. Zunächst hielt er es für eine Einbildung oder das vertraute Geräusch brechender Gliedmaßen, aber als es erneut erklang, war er sich sicher, dass es das nicht war. Die Frage war nur: Was war es dann?

~o~

Karmon konnte nicht behaupten so einen Schmerz noch nie erlebt zu haben, denn damals im Seelenwirbel hatte er im Grunde jede Art von Schmerz erlebt. Dennoch war es ein ekelhaftes Gefühl zu spüren, wie die schützende Membran durchstoßen und sein Herz gleich von mehreren spitzen Fingern durchlöchert und zerquetscht wurde.

Karmon wusste, dass ihn das an beinah jedem anderen Ort des Multiversums den Tod gebracht hätte, aber auch hier blieb es nicht ohne Folgen. Kaum, da das warme Glimmen in seiner Brust erlosch, stellte die mit ihm verbundene Waffe ihren Dienst ein und er bemerkte wie die Kraft aus seinen Muskeln wich. Dieses Herz war nicht nur irgendein Organ gewesen, sondern sprichwörtlicher der Motor seines gesamten Organismus. Doch immerhin denken konnte er noch. Und so dachte er absurderweise weniger über die Zerstörung seines Herzens, als darüber nach, ob die Klone Sandras Katalog finden würden, den er gleich unterhalb des Herzens in einer weiteren schützenden Membran versteckt hielt. Wenn er Pech hatte, könnte er von ihnen zerstört werden – was schlecht wäre, weil Sandra ihn dafür sicher hassen würde – und wenn es noch schlimmer kam, würde er zurück in Sandras Hände gelangen und sie würde sicher im Handumdrehen auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Karmon versuchte diesen Gedanken zu verdrängen, während er hilflos dabei zusah, wie die hässlich grinsenden, weiblichen Kreaturen über ihm damit begannen seinen erst vor kurzem erlangten Körper in seine Einzelteile zu zerlegen. Doch weit kamen sie damit nicht. Nicht ohne Genugtuung beobachtete Karmon, wie sich im Leib eines besonders hässlichen, glubschäugigen Klones, welcher mit beiden Händen in ihm herumwühlte ein großes, klaffendes Loch auftat, in welchem kurz darauf eine blutverschmierte Schnauze erschien, über die ihn kleine Augen grüßend ansahen.

„Der Wille. Aus dem Seelenbecken“, dachte Karmon.

„Du kannst mich Autemga nennen“, antwortete der Wille nicht in Gedanken, sondern mit einer tierhaften, knurrenden Stimme, „du hast mir gut gedient. Ich konnte wachsen und mich ernähren und nun will ich dir helfen, dein Werk zu vollenden.“

Lautstark schlang er den Fleischbrocken hinunter, den er sich aus seinem Opfer gegriffen hatte, packte den Klon mit seinen kräftigen Kiefern und schleuderte ihn in hohem Bogen in das Becken.

„Danke“, dachte Karmon und der große Kopf von Autemga nickte ihm zu. Was dann folgte, war ein Blutbad.

~o~

Es hätte jeder Zeitpunkt sein können. Auch ein ferner Tag in tausenden von Jahren, in dem diese Höhle längst eingestürzt sein würde, aber es war letztlich genau dieser Moment, in dem sich der Manifestor und seine Bewohner, die für einen zeitlosen Augenblick eins geworden waren, wieder ausdehnten.

Nachdem Arnin in einer kurzen Diagnose festgestellt hatte, dass sich nichts Wesentliches verändert hatte, hatte Nanita den Befehl gegeben den Manifestor erneut zu verlassen, um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen, was ohne funktionierende Kameras nur sehr begrenzt möglich war.

Während ihrer erzwungenen, eindimensionalen Vereinigung hatte Sandra das Gefühl gehabt Nanitas geheimste Absichten zu kennen und zu verstehen, so wie auch die jedes anderen in diesem Koffer. Doch dieses Wissen war – falls es je wirklich in ihr existiert hatte – verschwunden. Zurück blieb lediglich ein vages Gefühl der Verbundenheit, das jedoch nicht stark genug war, um ihren Hass auf Schaufel zu überdecken. Ohnehin beschäftigten sie dieser Gedanke nicht lange, denn was sich vor ihren Augen abspielte, taugte durchaus zur Ablenkung.

Die merkwürdige Kreatur aus dem Becken, die sich an der Essenz von Kollom, Karmon und Pingo genährt hatte, arbeitete sich vor ihren Augen wie ein entfesselter Gott durch die Reihen der Shakta-Kopien, riss mit seinen scharfen Zähnen und Klauen gewaltige Fleischstücke aus ihren Leibern, brach Knochen und trennte sogar Köpfe von ihren Hälsen.

„Angriff“, sagte Nanita neben ihr, die das Schauspiel offenbar ebenfalls verfolgt hatte zu ihren noch handlungsfähigen Executionern, „geben wir ihnen den Rest!“

~o~

Jarma spürte den warmen, stinkenden Atem der Kreatur auf ihrem Gesicht. An ihrem Rücken hingegen fühlte sie inzwischen die kalte, raue Höhlenwand. Sie hätte versuchen können zu fliehen, aber sie wusste, dass das nichts genutzt hätte.

„Ich wünschte, wir könnten uns wirklich vereinigen“, flüsterte das Geschöpf, „ich wünschte ich könnte so werden wie du, aber leider ist dieser Körper nicht dazu geeignet. Er ist so starr und unflexibel wie deiner, wenn auch weit weniger anmutig. Also müssen wir uns wohl oder übel mit den Gegebenheiten abfinden.“

Ihre Lippen nährten sich Jarmas Gesicht, und als sie ihre feuchte Berührung auf ihrer Stirn spürte, hätte Jarma sich am liebsten sofort übergeben.

Es war nicht der verunstaltete, hässliche Körper, der sie abstieß. Sie hätte sich selbst mit Freuden in der Umarmung eines noch weit deformierteren Leibes verloren, wenn er von Shakta bewohnt worden wäre. Was sie wirklich anekelte, war die falsche, finstere Ausstrahlung des Wesens, welches an ihrer Statt in diesem Körper weilte.

Diese Aura war subtil. So fein, dass sie viele sicher nicht bemerkt hätten, wenn sich die Kreatur weniger furchterregend und aufdringlich verhalten hätte. Doch für Jarma troff sie wie vergifteter, stinkender Sirup aus jeder ihrer Poren. Allein die Vorstellung, dass diese Lippen mehr als nur ihre Stirn berühren könnten, war für Jarma fast mehr, als sie ertragen konnte.

Doch genau dazu setzte das Wesen gerade an, bevor sich ein breites, kräftiges Maul um seinen schmalen Kopf schloss und diesen mit einem Ruck abriss. Hellrotes Blut sprudelte aus dem Halsstumpf vor und benetzte Jarmas Körper und auch den weißen Anzug des reglos neben ihr stehenden Kollom.

Jarma sah zu der unvermittelt aufgetauchten Kreatur, die die Transmutationsflüssigkeit aus dem Amorphium geformt hatte und befürchtete eine Bedrohung gegen eine schlimmere eingetauscht zu haben, doch das Wesen griff sie nicht an, sondern verschlang lediglich den Kopf des Shakta-Klones, warf Jarma einen rätselhaften Blick zu und machte sich dann aus dem Staub.

Der geköpfte – aber nicht tote – Klon sackte nicht etwa in sich zusammen, sondern blieb einfach vor Jarma stehen, so als könnte er noch nicht fassen, was mit ihm passiert war. Während sie jedoch fasziniert auf die von Lamaah am Leben gehaltene Leiche starrte, bemerkte sie, wie sich – begleitet von einem tiefen, beinah mehr fühl- als hörbaren Brummen – ein hässlicher, hellgrauer Schatten aus dem Leichnam löste und kurz darauf durch die Höhlendecke verschwand.

~o~

Der vereinten Kraft von Autemga, Sandra, Nanita und den verbliebenen Executionern und Arbeitern des Machtkomplexes der kalten Hand hatten die Shakta-Klone wenig entgegenzusetzen. Es dauerte nur Minuten, bis sie alle bezwungen, zerfetzt und ihre kampfunfähigen Überreste im Becken entsorgt worden waren.

Der Preis dieses Sieges war hoch gewesen. Karmon und Pingo waren schwer verletzt und auch unter den Konzernsoldaten hatte es einige Verluste gegeben. Autemga war direkt nach dem Ende des Kampfes ins Becken eingetaucht und hatte sich seitdem nicht mehr gezeigt, während Sandra, Nanita, Kollom, Pingo und Jarma sich um den reglosen Karmon versammelt hatten.

„Kannst du ihn heilen?“, fragte Sandra an Jarma gerichtet.

Jarma nickte, „natürlich. Ihn und auch alle anderen, die noch über ein Verdauungssystem verfügen. Das wäre das mindeste, nach dem, was ich angerichtet habe. Aber dafür bräuchte ich die Gesundheit, die Kollom mir gestohlen hat.“

Sie zeigte dabei auf den Manifestor, der inzwischen wieder seine gewohnte Koffer-Form angenommen hatte.

„Die ist jetzt Eigentum des Machtkomplexes der Kalten Hand“, widersprach Nanita.

„Es war ein Diebstahl!“, empörte sich Jarma.

„Mag sein“, räumte Nanita ein, „aber ihr feindseliges Verhalten und die Handlungen der von ihnen erzeugten biologischen Einheiten haben den Einsatz äußerst kostspieliger Technologien und die Opferung erheblicher Personalressourcen erforderlich gemacht. Insofern betrachte ich die von Kollom entwendeten Gegenstände als Anzahlung.“

„Haben Sie überhaupt darüber zu entscheiden?“, fragte Jarma, „wenn ich mich recht erinnere und er nicht gelogen hat, ist der hier Ihr Vorgesetzter.“ Sie zeigte auf Kollom.

„Sie können ihn ja über seine Ansichten befragen, wenn Sie mögen“, erwiderte Nanita schulterzuckend.

„Genau das werde ich tun“, sagte Jarma, „Kollom? Sind sie jetzt bereit mir mein Eigentum zurückzugeben?“

„Eigentum?“, fragte Kollom verwirrt und man merkte, dass er sich nicht im Klaren darüber war, was dieses Wort bedeutete. „Ich habe …“, stammelte er und suchte nach Worten, brach dann aber wieder ab.

„So wie ich das einschätze, scheint er nicht in der Lage zu sein, Verhandlungen zu führen“, sagte Nanita süffisant, „und wenn ich mich nicht täusche, sind Sie daran nicht ganz unschuldig. Also müssen sie wohl oder übel mit meinen Entscheidungen leben.“

„Ich würde ja die Gesundheit anbieten, die Sie mir geschenkt haben“, bot Pingo an, der gerade noch so in der Lage war zu sprechen, „doch leider ist die während des Kampfes zerstört worden.“

„Was für ein Pech“, sagte Nanita höhnisch.

„Gib dir einen Ruck, Nanita“, verlangte Sandra, „wir haben das hier gemeinsam durchgestanden und das du hier noch stehst, hast du auch Karmon zu verdanken.“

Nanita sah sie abschätzig an, „dass ich noch hier stehe, habe ich dem genialen Erfindergeist deovanischer Ingenieure zu verdanken. Davon abgesehen, hast du gar nichts von mir zu verlangen. Du bist mein Eigentum und du hast bis jetzt noch nicht eine deiner Pflichten erfüllt.“

„Was für Pflichten?“, fragte Pingo.

„Das geht dich nichts an“, sagte Sandra, die wenig Lust hatte darüber zu reden. Erst recht nicht gegenüber Pingo oder dieser Jarma.

„Gut“, sagte Nanita, „dann kehren alle außer mir und Kollom jetzt in den Manifestor zurück und wir verlassen diesen ungastlichen Ort. Bezüglich der offenen Forderungen an sie, wird in Kürze ein Vertreter des Machtkomplexes hier erscheinen und …“

„Sie gehen nirgendwo hin“, sagte Jarma selbstbewusst, „ich erlaube es nicht und ohne meine Erlaubnis können Sie diese Höhle nicht verlassen.“

„Netter Versuch“, sagte Nanita überheblich lächelnd, „aber wir beide wissen, dass Sie mich nicht aufhalten können.“

„Oh doch, das kann sie“, unterbrach Sandra sie, „wir haben bereits vergeblich versucht zu entkommen.“

Nanita sah Sandra skeptisch an und schien ihr erst nicht glauben zu wollen, letztlich jedoch nickte sie.

„In Ordnung“, sagte Nanita seufzend, „wie lauten Ihre Bedingungen?“

„Sie geben mir sämtliche Proben von Shaktas DNA zurück“, verlangte Jarma, „außerdem alle entwendeten Phiolen mit Amorphium und meine Laborutensilien, sowie die Hälfte meines Vorrats an Gesundheit. Den Rest können Sie als Entschädigung behalten, womit dann auch restlos alle Ansprüche mir gegenüber erloschen wären.“

„Diese Bedingungen sind ein Witz“, beschwerte sich Nanita, „Sie wissen schon, dass meine Executioners Sie problemlos in Ihre Einzelteile zerlegen könnten, nun wo Ihre Klone Geschichte sind?“

Sie zeigte auf die Konzernsoldaten, von denen zwar inzwischen etliche verletzt und verstümmelt waren, aber zumindest ein gutes Dutzend noch fit genug wirkte, um eine ernsthafte Bedrohung darzustellen.

„Das könnten sie wahrscheinlich“, erwiderte Jarma entspannt lächelnd, „aber dann würden Sie nie wieder hier rauskommen.“

Sandra lachte und fing sich dafür eine Ohrfeige von Nanita ein.

„Wag es nicht noch einmal, mich anzufassen“, drohte Sandra.

„Ich fasse dich an, wann immer ich will!“, gab Nanita kalt zurück, „doch fürs Erste ermüdest du mich.“

Kaum da sie das gesagt hatte, war Sandra zusammen mit den Konzernsoldaten im Manifestor verschwunden.

„Doch nun zurück zum Geschäft“, sagte Nanita, „ich bin mit Ihrem Vorschlag einverstanden.“

Sie ging zum Manifestor, öffnete ihn und führte ein paar Gesten aus, woraufhin Jarmas Habseligkeiten sich auf dem Boden um den Koffer herum manifestierten.

Jarma beugte sich herunter und sah ihren Besitz prüfend an. Als sie zufrieden war, verstaute sie ihre Utensilien wieder in ihrem Geheimfach und kam mit ein paar Flaschen Gesundheit zurück. Drei davon reichte sie Pingo, dessen Körper sich beinah sofort erholte, nachdem er von dem pyramidenförmigen Fläschchen getrunken hatte. Eine weitere Dosis brachte schließlich Karmons Herz wieder zum schlagen, woraufhin sich der Kwang Grong erhob, als hätte er lediglich ausgiebig und entspannt geschlafen.

„Wollen sie Ihre ‚Anzahlung‘ nicht nutzen, um Ihre eigenen Leute zu heilen?“, fragte Jarma.

Nanita schüttelte den Kopf, „Diese Gesundheit ist viel wertvoller, als das Leben irgendeines Executioners. Sobald wir die Höhle wieder verlassen und die Seelen dieser Soldaten ihre Körper verlassen, werden wir ihre Überreste in unser Energiedepot einspeisen und für andere Zwecke nutzen.“

„Sie sind eine wirklich widerliche Person“, stellte Jarma fest, „auch wenn ich wahrscheinlich nicht in der Position bin zu urteilen.“

„Damit zumindest haben Sie recht“, sagte Nanita.

Jarma nahm derweil eine dritte Phiole und ging damit auf Kollom zu.

„Was haben Sie damit vor?“, fragte Nanita, „körperlich sieht er doch noch ganz fit aus.“

„Gesundheit kann nicht nur den Körper heilen“, antwortete Jarma, „Sie kann vielleicht nicht zurückbringen, was die Amorphium-Kreatur ihm genommen hat, aber sie kann womöglich das ordnen, was noch geblieben ist.“

Nanita schien nicht sehr glücklich über diese Aussicht, aber bevor sie protestieren konnte, hatte Jarma Kollom bereits das Fläschchen eingeflößt. Anders als bei Pingo, bei dem sich die gebrochenen Knochen wie von Geisterhand zusammengefügt hatten oder Karmon, dessen Verletzung sich ebenfalls sichtbar und im raschen Tempo geschlossen hatten, passierte bei Kollom zumindest auf den ersten Blick nichts Spektakuläres. „Weißt du, wer du bist?“, fragte Jarma ihren ‘Patienten’.

„Kollom Nehmer“, antworte dieser nun plötzlich wieder deutlich selbstbewusster, „Chef des … Chef der kalten Hand. Und ziemlich unerfreut darüber, dass mir eine Untergebene meinen Posten streitig machen will.“

„Ich habe mich an die Bestimmungen gehalten“, beharrte Nanita, „immerhin waren Sie zuerst physisch und dann geistig abwesend.“

„Das haben Sie … vermute ich zumindest“, sagte Kollom, „doch nun bin ich wieder hier und habe das Kommando. Wenn Sie also so freundlich wären wieder an die Arbeit zu gehen, Schaufel!“

Nanita zeigte ein hasserfülltes Gesicht, bevor Sie es hinter ihrer professionellen Maske vergab und zögerte noch einige Augenblicke, bevor sie sich schließlich doch dematerialisierte, um sich die Demütigung zu ersparen, das von Kollom erledigen zu lassen.

„Nun, da alles wieder seine Ordnung hat, erkläre ich im Namen von …. von meinem Unternehmen … sämtliche Abmachungen, die sie mit Frau Nanita Geber getroffen haben für nichtig“, eröffnete Kollom.

Jarma sah ihn entsetzt an, „das können Sie nicht machen!“, protestierte sie, „ich warne Sie, wenn …“

„Ich übertrage Ihnen die Verfügungsgewalt über ausnahmslos alle Dinge, die ich Ihnen unrechtmäßig entwendet habe und lasse sämtliche Schadensersatzforderungen gegen Sie fallen, unter der Bedingungen, dass Sie uns hier rauslassen und mir meine Sachen ebenfalls zurückgeben. Mehr noch: Ich biete Ihnen auch an, für mich zu arbeiten“, sagte Kollom, „wir können eine gute Medizinerin gebrauchen.“

Pingo und Karmon wechselten einen verblüfften Blick und auch Jarma wirkte äußerst überrascht. Einige Sekunden lang schien sie über das Angebot nachzudenken, dann sagte sie, „ich danke Ihnen und bin selbstverständlich mit Ihren Bedingungen einverstanden. Jedoch bin selbst ich nicht verzweifelt genug, um freiwillig bei einem Deovani anzuheuern. Ganz besonders nicht bei einem, der mich kürzlich noch ausgeraubt hat und versucht hat mich zu töten. Allerdings habe ich einen anderen Vorschlag: Ich werde Sie und Ihre Reisegefährten in die Festung begleiten und Sie mit meinen Kenntnissen unterstützen, jedoch auf vollkommen freiwilliger Basis. Ich habe nun endgültig erkannt, dass ich mit dem instabilen Amorphium nicht mehr erschaffen kann als viel Leid und unfreiwillige Gefäße für – was auch immer. Vielleicht kann ich mit eurer Unterstützung das stabile Amorphium und die gestohlene DNA von Shakta zurückbekommen und mich an diesen Pissern rächen. Natürlich ist es auch gut möglich, dass wir alle dabei draufgehen, aber ohne Shakta hat mein Leben ohnehin keinen Sinn und ich habe mich schon viel zu lang in dieser Höhle aufgehalten.“

„So machen wir es“, sagte Kollom und auch Pingo und Karmon nickten, woraufhin Jarma Kolloms Besitz aus seinem weiteren Geheimfach entnahm und ihn dem Deovani überreichte.

„Das wäre noch etwas, Kollom“, sagte Karmon, der die Verhandlungen seit seiner Wiedererweckung stumm verfolgt hatte.

„Ja?“, erwiderte Kollom fragend.

„Es wird Zeit, dass Sie Sandra aus Ihrem Koffer befreien“, verlangte Karmon, „in der kurzen Zeit, in der sie Nanita daraus entlassen hat, hat sie mir deutlich zu verstehen gegeben, dass sie dort gegen ihren Willen festgehalten wird. Ich habe dieses Spielchen jetzt lang genug mitgespielt. Lassen Sie sie gehen, oder wir beide haben ein ernsthaftes Problem!“

„Einverstanden“, sagte Kollom, „mir war nicht bewusst, wie unzufrieden sie ist. Aus ihrem Vertrag kann und werde ich sie natürlich nicht entlassen, aber wenn ihr eine physische Präsenz lieber ist, will ich mich diesem Wunsch nicht verwehren.“

Kollom ging zum schwer ramponierten Manifestor, öffnete ihn, gab ein paar Befehle ein und wenige Augenblicke später stand Sandra in ihrer vollen Pracht und mit einem ziemlichen überraschten Gesichtsausdruck vor ihnen.

„Willkommen zurück in der Kohlenstoffwelt, Sandra“, begrüßte Kollom sie.

Sandra betrachtete ihn skeptisch. Dann sah sie zu Karmon herüber, „Hast du den Mistkerl dazu gezwungen, Großer?“

„Nein“, widersprach Kollom, „das hat dieser ‚Mistkerl‘ hier ganz freiwillig getan. Ich habe ihn lediglich ganz nett darum gebeten.“

„Komisch, dass sie auf seine Bitten hören und auf meine nicht“, bemerkte Sandra spitz an Kollom gewandt, „wie kann es übrigens sein, dass sie wieder in zusammenhängenden Sätzen sprechen können? Zuletzt wirkten sie auf mich eher wie eine stammelnde Witzfigur.“

„Mir geht es gut“, sagte Kollom, „Jarma war so freundlich meinen Geist zu klären.“

„Besonders freundlich schienen sie mir bislang nicht zu sein“, sagte Sandra zu Jarma.

„Ich habe Fehler gemacht“, gestand Jarma ein, „wie wir alle hier.“

„So kann man es natürlich auch ausdrücken“, sagte Sandra lachend.

„Können wir jetzt endlich aufbrechen?“, fragte Pingo, „Adrian wartet noch immer auf unsere Hilfe.“

„Er hat recht“, stimmte Karmon zu, „gehen Sie voran, Jarma und öffnen Sie endlich diese Tür. Die Luft hier drin ist einfach nur widerlich.“

„WARTET!“, erklang eine knurrende Stimme, die von einem nassen, platschenden Geräusch begleite wurde. Autemga hatte das Becken verlassen, welches nun vollkommen frei von jeglichen sichtbaren Körperteilen und Überresten war und stand nun tropfnass und gewaltig vor ihnen. Er hatte stark an Körpermaße zugelegt und war nun so groß, dass er Karmon fast bis zur Brust reichte. Eine ehrfurchtgebietende, intelligente Bestie mit beeindruckenden Muskeln und Kiefern, „Ist das der Dank für eure Rettung? Mich einfach so zurückzulassen an diesem leeren Ort?“

Seine Worte klangen freundlich, soweit eine solche Stimme überhaupt Freundlichkeit ausdrücken konnte, jedoch mit einer unterschwelligen Drohung darin.

„Natürlich sind wir dir unendlich dankbar“, antwortete Pingo, „aber uns war nicht bewusst, dass du mit uns kommen willst.“

„Oh, das will ich durchaus“, sagte Autemga, „dies hier ist ein Ort ohne Leben und Tod und ich sehne mich danach von beidem zu kosten.“

Pingo, Jarma und Sandra wechselten Blicke, die eindeutig verrieten, dass sie das nicht für eine gute Idee hielten. Doch bevor sie irgendeinen Zweifel äußern konnten, kam Karmon ihnen zuvor. „Es wäre uns eine Ehre, wenn du uns begleiten würdest, Autemga“, sagte er und da niemand es wagte sich gegen den Kwang Grong und gegen das kolossale Biest zu stellen machte die ungleiche Gruppe sich schon kurz darauf auf den Weg. Denn so unterschiedlich ihre Motive auch sein mochten, sie alle hatten einen gemeinsamen Feind. Die Rilandi in ihrer Festung aus Glas, Stein und blendendem Licht.

4 thoughts on “Fortgeschritten: Die blendenden Himmel von Uranor 7

  1. Lieber Angstkreis!

    Ich habe noch nicht mit dem neuen Teil begonnen, aber ich wollte mich von ganzem Herzen für diese tolle Reihe bedanken, bevor ich keine Zeit mehr habe! Seit 2019? Oder so begleitet mich Adrians oder Olevans Geschichte und sie hat mich nie gelangweilt. Ich kann mir hundert mal die Vertonungen von Kati zum entspannen geben und ich werde ihrer nie überdrüssig. Ja sogar in meinen Träumen sucht mich deine Geschichte schon heim und ich erlebe meine ganz eigenen Abenteuer in diesen bizarren Welten! Ich empfehle sie natürlich auch weiter wo ich kann, nur leider ist sie den meisten meiner Bekannten zu makaber haha. Doch mit dem Rest der meinen Geschmack teilt, rauche ich richtig fette Tüten und wir hören uns KWs Vertonungen an (so ungefähr stelle ich mir eine Mentravia vor 😉 hab leider vergessen wie man‘s korrekt schreibt, aber du wirst schon wissen was ich meine). Also nochmal in aller Deutlichkeit, DANKE!!

    Lg Aylin

    1. Liebe Aylin,

      ich danke dir auch von ganzem Herzen. So schöne Worte wie deine tun wirklich unglaublich gut. Keine Zeit mehr? 😮 Ich hoffe, das bezieht sich nur auf Stress, etc. und nicht auf etwas Gesundheitliches. Dass du und deine Freunde die Geschichte gemeinsam als Mentravia erlebt, finde ich wirklich toll. Auch wenn ich selbst nicht so der “Raucher” bin, kann ich mir schon vorstellen, dass es diesem Erlebnis nahekommt mit Freunden gemeinsam entspannt in eine Geschichte einzutauchen. Und wer weiß, vielleicht öffnet sich euch irgendwann spontan ein Tor nach Cestralia 😉. Aus meinen Träumen hole ich mir lustigerweise auch mal ganz gern Inspirationen für die Story, insofern passt es ganz gut, wenn du sie dort weiterspinnst. Jedenfalls vielen Dank fürs fleißige Weiterempfehlen fürs treue Lesen. Ich hoffe, dass du noch viele weitere fortgeschrittene Träume haben wirst!

      LG Angstkreis

  2. Die geschichte ist einfach großartig! Jeden tag sehe ich nach ob ein neues kapitel von Adrian erschienen ist und sobald dies eintritt ist der rest des tages mit dem lesen verplant. Ich hoffe noch viele weitere von Adrians abenteuern lesen zu dürfen und vorallem die großartig beschriebenen Welten und Wesen mehr zu erkunden.

    1. Vielen Dank, Justin. Echt schön das zu hören. Ich denke Adrian würde sich auch freuen, wenn er wüsste, dass seine Leidensgeschichte nicht ungelesen bleibt ;). Ich arbeite auch schon fleißig am neuesten Teil, welcher das Finale von Uranor und der mit Abstand längste der gesamten bisherigen Reihe werden wird. Allerdings wird es wegen des Umfangs wohl noch mindestens bis Ende April / Anfang Mai dauern bis er fertig ist. Dann aber hast du wahrscheinlich zwei Tage zu lesen ^^. Jedenfalls noch mal herzlichsten Dank für dein Feedback und ein wunderschönes Restwochenende dir. LG Angstkreis

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