Fortgeschritten – Die blendenden Himmel von Uranor

Im seltsamen, verwirrenden Licht dieser Welt halte ich es zuerst für einen Traum. Für ein künstlerisches Werk meines Unterbewusstseins, welches Sandra, Garwenia, Ilivia, Scavinee und all die anderen Frauen, die in meinem Leben einmal eine Rolle gespielt haben zu einer einzigen, entrückten Mariengestalt verschmolzen hat, die nun über den noch immer regennassen Boden wie der Avatar einer lange ersehnte Erlösung auf mich zuschreitet. Als ich jedoch näher komme, erkenne ich, dass ich mich irre. Die Frau, die mir entgegenkommt, trägt zwar ein Kind auf dem Arm, was die religiöse Anmutung noch unterstützt, aber dennoch ist sie keine mythische Figur irgendeiner verstaubten Religion, sondern eine ganz reale Erscheinung. Es ist SIE. Das Ziel meiner Reue, der Anlass meiner Umkehr und SIE ist das letzte, was ich hier – nur wenige Minuten Fußmarsch von der seltsamen Höhle entfernt – vorzufinden erwartet hatte. Noch dazu, wo SIE zwar nicht topfit wirkt, aber doch kräftig genug, um ein Insektenbein vor das andere zu setzen. Allein das erscheint mir schon wie ein Wunder, denn das letzte Mal, als ich SIE gesehen, als ich sie VERLASSEN hatte, hatte sie praktisch im Sterben gelegen.
Ich blicke auf das Kind in ihrem Arm. Soweit ich es erkennen kann, handelt es sich dabei um Andy, in dessen weitestgehend menschlichem Gesicht riesige Facettenaugen wohnen und dessen Oberkörper – mit den scherenbewehrten Greifarmen – fast vollständig an eine Kreuzung aus Käfer und Ameise erinnert, während sein Unterleib wieder der eines Menschen ist. Ich fand ihn – wie ich gestehen muss – immer äußerst abstoßend, doch nun wo ich ihn wiedersehe, geht mein Vaterherz trotz allem bei seinem Anblick auf, zumal auch sein Mund sich zu einem Lächeln verzieht und ein babyhaftes Glucksen daraus hervordringt. Doch wo sind unsere anderen Kinder?

IHR Gesicht gibt mir darauf keine Antwort und ohnehin kann ich nicht so leicht darin lesen. IHRE menschliche Haut liegt wie eine unbewegte Maske über ihrem Insektenschädel, da SIE offenbar schlicht keine Muskeln besitzt, die SIE für ihre Mimik einsetzen konnte. Natürlich habe ich in all der Zeit mit IHR gelernt in IHR zu lesen. In IHREM Verhalten, in der Haltung der Fühler, der Neigung des Kopfes oder dem Klang der Laute, die aus IHREM Mund dringen. Gerade jedoch fällt es mir schwer zu sagen, wie SIE fühlt oder denkt. SIE muss sich verraten fühlen, und zwar zu Recht. Ich habe SIE in der Stunde IHRER größten Not zum Sterben zurückgelassen. Erwartet mich nun der Tod? Das Urteil durch IHRE Hand? Andererseits wäre es dann wohl nicht besonders logisch ein kleines Kind dafür mitzuschleppen.

Doch als SIE direkt vor mir steht, versucht SIE mit IHREN dürren Klauenarmen nicht, mir den Kopf von den Schultern zu reißen, sondern schließt mich in die Arme, was nicht nur zu einem Moment seltsamer Vertrautheit führt, sondern mir vor Rührung die Tränen in die Augen treibt. Ich spüre Gnade in dieser Umarmung, Vergebung, auch wenn ich nicht weiß, ob ich sie annehmen kann. IHRE Nähe und die Pheromone, die aus IHREM Mund dringen führt neben dem immer noch latent vorhandenen – aber längst nicht mehr so heftigen – Ekel auch zu eher unpassenden Reaktionen meines Körpers, die ich jedoch ignoriere.

„Was ist geschehen?“, frage ich SIE, als SIE sich wieder von mir löst. Natürlich erwarte ich keine Antwort, aber da ich mein Leben lang daran gewöhnt war Gespräche selbst mit den seltsamsten Humanoiden führen zu können, lassen sich solche Angewohnheiten schwer ablegen.

„Besser“, krächzt SIE, auch wenn es in etwa klingt, als würde ein scharfkantiger Stein in einer leeren Fabrikhalle über ein rostiges Stück Metall gezogen. Dennoch. Sie spricht. Nach all der Zeit, in der ich gedacht hatte, dass das unmöglich ist.

„Du kannst reden?“, frage ich verblüfft.

Doch SIE schüttelt den Kopf, zeigt mit IHREN Zangenhänden auf IHREN Mund und dann auf meinen Rucksack und irgendwie begreife ich. SIE kann reden. Versteht meine Sprache zumindest ansatzweise, doch besitzt kaum die nötige Anatomie, um mehr als nur ein paar Worte formulieren zu können. Doch offenbar hat SIE begriffen, dass es möglich ist Sprache in schriftlicher Form festzuhalten und anscheinend will SIE, dass ich IHR zeige wie das geht. SIE scheint demnach deutlich intelligenter zu sein, als ich gedacht hatte.

„Du willst, dass ich dir das Schreiben beibringe?“, frage ich und SIE nickt, begleitet von einem aufgeregten Zirpen.

„Gut, dann komm mit mir“, sage ich lächelnd und gemeinsam mit Andy machen wir uns auf den Weg zurück in die Höhle, die ich erst vor wenigen Minuten verlassen werde. In mir herrscht dabei große Aufregung, denn einmal mehr habe ich die Chance ein Geheimnis zu lüften. Das Geheimnis eines noch unentdeckten Seelenlebens, einer unerforschten Gedankenwelt. Ich werde sie unterrichten, so gut ich es kann und so vielleicht eine Menge Dinge erfahren. Zum Beispiel, wie SIE genesen konnte, was der Schwarm dazu sagt, dass SIE den Stock verlassen hat und was mit unseren anderen Kindern geschehen ist. Zwischendurch jedoch werde ich es mir nicht nehmen lassen, meine eigenen Aufzeichnungen fortzuführen. Angefangen mit meinen alles andere als himmlischen Erlebnissen in den blendenden Himmeln von Uranor.

~o~

Meine Augen brannten. Es war, als hätte Razza oder ein anderer Andrin sich meiner angenommen und es sich zur heiligsten Aufgabe gemacht, in jeden einzelnen meiner Sehnerven eine unendlich feine, weiß glühende, gezackte Nadel einzuführen. Dieses Licht würde meine Augen verdorren lassen und selbst mein Gehirn in ein trauriges Häufchen Asche verwandeln, noch bevor es eine gnädige Blindheit vor diesem mörderischen Photonenbeschuss schützen könnte. Davon war ich zutiefst überzeugt.

Vorerst aber geschah weder das eine, noch das andere. Weder Blindheit noch Todesschwärze lösten den stechenden Schmerz ab und da ich weder die Augen schließen, noch meinen Kopf abwenden konnte, tat ich das einzige, was mir blieb: Ich schrie aus voller Kehle und schloss mich damit dem dissonanten Chor der Schreie an, der seit meiner Ankunft in Uranor um mich herum ertönte. In einem der Schreie erkannte ich Sandras Stimme, maß dem aber nicht sonderlich viel Bedeutung zu. Welche Rolle spielten schon Namen? Immerhin gab es nur einen Schmerz, nur einen Schrei und darin waren wir alle verbunden. Dieser Zustand hielt für Äonen an oder für Minuten – damals konnte ich das nicht mit Sicherheit sagen.

Heute jedoch tippe ich auf Letzteres und dennoch war ich nur noch ein wimmerndes Häufchen Elend, als der Schmerz wie auch die Helligkeit endlich etwas nachließen und meine doch nicht erblindeten Augen wieder in der Lage waren etwas anderes wahrzunehmen als reinstes Weiß. Was sie erblickten, war die Quelle des Lichts und zugleich wahrscheinlich das Schönste, was sie je gesehen hatten. Es war eine Festung. Eine Festung mit hohen, glatten Mauern aus weißem Marmor auf deren von verspielten, spitzen Türmen geschmückten Zinnen ein wahres Meer aus saftigen Gräsern, bunten Blumen, sich in einem sanften Wind wiegenden Sträuchern und kleinen Bäumen wuchs. Manche davon waren wie gewöhnliche Pflanzen, manche aber auch aus flüssig scheinendem Silber, andere aus Gold oder schillernden, roten, blauen, violetten oder gar regenbogenfarbenen Kristallen. Am Fuß der Mauer, von der das zuvor so peinigende und nun so verlockend sanfte und Geborgenheit verheißende Licht ausging, gab es ein Tor. Ein offenes Burgtor aus lebendigen Blüten in einem robusten Drahtgitter aus silbernem Plasma, welches über einem Burggraben lag, in dem ein Meer aus Sternen und kosmischen Nebeln schwamm und von der Macht der Ewigkeit erzählte. Obwohl das Burgtor offenstand, konnte ich nicht erkennen, was innerhalb der Stadt lag, da der Lichtschein, der wie eine Heiligenerscheinung daraus hervorbrach, sämtlich Details verschlang.

Dennoch hörte ich Stimmen darin sprechen. Glückliche Stimmen, begleitet von Lachen und ungekannter Fröhlichkeit. Ich musste dorthin. Mich diesen schmerzhaft schönen Stimmen anschließen. In ihrer Fröhlichkeit baden. In ihrem Glück neu entstehen. Scheiß auf den verfluchten Katalog, dachte ich, scheiß auf Sandra. Scheiß auf mein verdammtes Leben. Es wäre ohnehin wertlos, wenn es mir nicht gelingen würde dorthin zu kommen.

Dort zu leben, und sei es als niedrigster unter den niedrigsten Dienern, war jedes Opfer wert. Aber es ging nicht. Sobald ich wieder in der Lage war, mich zu bewegen, kroch ich, robbte ich wie von Sinnen auf diese Festung des Glücks zu und stieß doch letztlich auf Widerstand. Es gab eine Barriere, eine Barriere aus weißem Licht und goldenem Gras, die ich einfach nicht überschreiten konnte. Der Versuch es zu tun, tat nicht einmal weh. Nicht körperlich. Ich wurde lediglich zurückgestoßen, so als prallte ich an eine flexible Membran. Und doch war allein diese grausame Zurückweisung, die Unfähigkeit diesen Segensort zu betreten, mehr als ich ertragen konnte. Ich begann zu weinen. Ein stetiger Fluss aus heißen Tränen, der sich schon bald in einen regelrechten Heulkrampf wandelte, während ich weiterhin vergeblich versuchte, mich mit beiden Händen durch die unsichtbare Membran zu graben.

“SIEH ES ENDLICH EIN”, sagte Karmon in mir, “WIR KÖNNEN DIESE GRENZE NICHT ÜBERWINDEN”

“Sag so etwas nicht!”, jammerte ich, “du bist nur eine falsche Schlange, ein Unglück bringender Dämon in meinem Kopf, der meine Zuversicht ins Wanken bringen will, du …”

“ICH BIN EIN TEIL VON DIR!”, schrie der Kwang Grong, “DER VERNÜNFTIGERE, WIE ES SCHEINT. UND ICH BIN DER GRUND, AUS DEM WIR ÜBERHAUPT NOCH LEBEN. SOLL ICH DIR ETWA EINE LISTE DARÜBER ANFERTIGEN, WIE OFT DIESER ‘DÄMON’ DIR SCHON DEN UNDANKBAREN ARSCH GERETTET HAT? KOMM ENDLICH ZUR VERNUNFT, ADRIAN. SIEH, WAS UM DICH IST, NICHT WAS DU NICHT ERREICHEN KANNST. DA DIESER ORT UNSERE VERBINDUNG STÖRT, BIN ICH UMSO MEHR AUF DEINE MITHILFE ANGEWIESEN. ALSO SIEH!”

Und so sah ich. Ich sah, dass wir im Schlamm lagen. In einem stinkenden, matschigen Schlamm, in dem graue Würmer und weiße Schaben umherkrochen und der sich – wie ich feststellte, als ich mich endlich vom Anblick der segensreichen Festung lösen konnte – rings um mich herum bis an den Horizont erstreckte. In dem Schlamm, so als wären sie gerade aus seinen fauligen Tiefen geboren wurden, steckten andere Wesen. Andrin, Bravianer selbst einige Jyllen und Rorak und Angehörige mir noch unbekannter Völker, doch auch nicht wenige Menschen. Einige von ihnen lagen apathisch und abwesend im Schlamm, manche unterhielten sich leise, aber die allermeisten krochen vergeblich auf das Licht zu und hämmerten mit ihren Fäusten, Klauen, Krallen oder Tentakeln auf die Barriere ein, die jedoch keiner von ihnen durchdringen konnte.

So blieben sie zurück. Genau wie ich. Im Dunkel und in der Kälte. Ja, es war kalt hier im Schlamm. Nicht so kalt, dass uns der Erfrierungstod bevorstehen würde, aber doch viel zu kalt, um sich hier wohlzufühlen. Hätte ich noch meine Söldneruniform getragen, wäre es vielleicht erträglicher gewesen, aber da der Krieg vorbei gewesen war, hatte ich es in meinen letzten Tagen und Wochen in Konor nicht mehr für nötig gehalten, einen Kampfanzug zu tragen und hatte stattdessen das leichte Alltagsgewand eines Unterdianten bevorzugt, welches für das wärmere Klima dieser Welt ausgelegt gewesen war. Nun bereute ich diese Entscheidung. Von der Barriere ging ein bisschen Wärme aus, aber nicht viel. Kaum mehr, als für gewöhnlich von einem geschlossenen Backofen abstrahlt.

Ich blickte hinauf zum Himmel, der aus einer dichten, hellgrauen, geisterhaft schimmernden Wolkenfront bestand, die hin und wieder von einigen regenbogenfarbenen Striemen durchzuckt wurde, die wie gezähmte Blitze oder Adern aus Licht in ihr metaphorisches Fleisch eingelassen worden waren. Dennoch, obwohl sie meine Augen beinah so sehr blendeten wie die Festung, erreichte dieses Licht kaum den Schlamm, in dem wir lagen, so als würde es davon aufgefressen. Jenseits dieses wehrhaften, wärmenden Feuers aus Licht, Pflanzen und Marmor, gehörte diese Welt der Dunkelheit und der Kälte. Und natürlich der Leere, denn soweit ich es überblicken konnte gab es im Schlamm nichts weiter als Schaben, Würmer und gequälte Seelen.

Eine der widerlichen Schaben kroch gerade über mein Gesicht und tat mit ihren dürren Beinen die ersten tastenden Schritte über meinen Augapfel, während ihr dicker, weißer Panzer mein Blickfeld auszufüllen begann. Von Ekel ergriffen schlug ich nach ihr und zerquetschte sie dabei halb, während ihre nach Erbrochenem und Essig riechenden Körpersäfte mein Gesicht besudelten. Der Rest ihres Körpers landete im Schlamm, wo er zuckend verendete.

Noch ein Leben, das ich zerstört habe, dachte ich und Bilder von Garwenia, Xidan, Ilivia, Nalina, Scavinee und Korf tauchten vor meinem inneren Auge auf. Notwendige Opfer, versuchte ich mich zu beruhigen. Notwendig, um zu überleben. Ich muss nach vorne sehen, sonst bin ich verloren.

Dieser Gedanke brachte mich dazu, zum ersten Mal nach meinem Erwachen in Uranor nach Sandra Ausschau zu halten. Ich hatte vorhin geglaubt auch ihre Schreie in dem dissonanten und nun endlich verstummten Chor aus überwältigten, verwirrten Stimmen gehört zu haben, aber stimmte das auch oder hatte dieser Ort meinen Sinnen lediglich einen Streich gespielt?

Suchend und stets gegen den Drang ankämpfend meinen Blick wieder auf die unerreichbare Festung zu richten, durchstachen meine Augen das schwammige Zwielicht, während ich fühlte wie Würmer und Schaben über und unterhalb des Schlamms auf meiner Haut herumkrochen und – wie ich zumindest befürchtete – nach Körperöffnungen Ausschau hielten. Endlich entdeckte ich Sandra. Sie lag, nur in Unterwäsche und mit dem Gesicht voran, im Schlamm. War sie bereits tot, dachte ich besorgt, war sie erstickt? Ihre Lungen und Eingeweide von grauen Würmern gefüllt?

Wahrscheinlich war es das erste Mal, dass ich wirklich so etwas wie Liebe für Sandra empfand. Kein Begehren, keine Ehrfurcht oder unterwürfige Bewunderung, sondern aufrichtige Sorge um ihr Wohlergehen. Nun, wo wir beide gebrochen im Schlamm lagen und das verlockende Licht meine Gedanken nicht vollkommen beherrschte, wollte ich ernsthaft wissen, wie es ihr geht. Eine Frage, die ich mir in unserer gesamten Zeit in Konor, in der wir zusammen mit Razza die Herrscher eines ganzen Reiches gewesen waren, nie wirklich gestellt hatte. Möglich, dass es jetzt zu spät dafür war.

So schnell wie möglich kroch ich auf Sandra zu und versuchte ihren Körper aus dem Schlamm zu ziehen, was auf dem zähen, matschigen Untergrund nicht so einfach war, zumal sich meine Muskeln kalt, hart und verkrampft anfühlten. Dennoch gelang es mir, sie zu erreichen. Als ich jedoch versuchte sie hochzuwuchten und sie gerade erst ein paar Zentimeter emporgehoben hatte, schoss ein jäher Schmerz durch meine Arme (ja, selbst durch meinen Waffenarm) und machte mich für einen Moment bewegungsunfähig. “ES IST NUR EIN KRAMPF”, sagte der Kwang Grong angestrengt, “ICH WERDE VERSUCHEN DIR ZU HELFEN.”

Sofort spürte ich, wie meine Muskeln sich etwas lockerten und im zweiten Anlauf gelang es mir tatsächlich Sandras Körper in die Höhe zu wuchten. Die einstige Herrscherin des Rorak-Reiches war schlammverkrustet, ihr Haar voll mit Dreck und Würmern doch als ich mein Ohr gegen ihre Brust presste, merkte ich erleichtert, wie diese sich schwach hob und senkte und hörte einen leisen, aber regelmäßigen Herzschlag. Sie lebte, doch anscheinend war sie nicht bei Bewusstsein. “Sandra”, sagte ich, “Sandra, wach auf”. Keine Reaktion. Ich schüttelte sie vorsichtig, gab ihr sogar ein paar leichte Schläge auf die Wange, doch nichts geschah.

“EIN SCHATTENSTRAHL KÖNNTE SIE AUFWECKEN”, schlug Karmon vor.

“Willst du mich verarschen? Das würde sie umbringen!”, widersprach ich vehement.

“NICHT, WENN MAN DIE STÄRKE DES STRAHLS ENTSPRECHEND ANPASST. ICH WEISS MEHR ÜBER DIESE WAFFE ALS DU, ADRIAN. IMMERHIN WAR ICH LANG GENUG DIESE WAFFE”, erwiderte der Kwang Grong, “DIE FRAGE IST NUR, OB DU MIR VERTRAUST.”

Tat ich das? Vertraute ich diesem Wesen? Wir waren lange vollständig verschmolzen gewesen, weswegen ich das wohl eigentlich tun sollte, aber nun, wo dieser Ort unsere Verbindung störte, kehrten die Zweifel zurück. Ich konnte nicht mehr uneingeschränkt auf die Gedanken des Kwang Grong zugreifen, so wie Karmon nicht auf die meinen. Lügen waren wieder möglich. Täuschungen waren möglich und mir drängte sich die Frage auf, ob der Symbiont mich nicht erst in diese verfahrene Lage gebracht hatte. War er es nicht gewesen, der es mir ermöglicht hatte die unschuldigen Cestral zu entführen, der mich dazu gebracht hatte hunderte Jyllen grausam zu töten und Scavinee Sandras und Razzas Launen auszuliefern? Konnte ich einem solchen Wesen wirklich vertrauen, oder wollte es Sandra lediglich auch aus dem Weg räumen, um mich wieder ganz für sich selbst zu haben?

“WAS IST NUN?”, fragte Karmon ungeduldig, “WILLST DU MIT DEINER FREUNDIN SPRECHEN, ODER NICHT? NOCH ATMET SIE, ABER WIE LANGE NOCH, WENN IHR LEBENSFUNKE NICHT NEU ENTFACHT WIRD? IHRE REFLEXE SIND AUSGESCHALTET. SIE KÖNNTE AN IHREM EIGENEN BLUT ERSTICKEN, ODER AN IHREM ERBROCHENEN. WILLST DU DAS WIRKLICH VERANTWORTEN?”

Das Mistvieh hat Recht, dachte ich und nach einigen Sekunden des Zögerns sagte ich: “In Ordnung. Tu es!”

Unmittelbar darauf erklang ein leises Knistern und ein geisterhafter, fast durchsichtiger Schattenstrahl löste sich aus meinem Arm und hüllte Sandras Körper von Kopf bis Fuß ein. Ihre Muskeln zuckten, als hätte man Stromstöße durch ihren gesamten Körper gejagt. Dann flatterten ihre Lider und ihre Augen öffneten sich. Bei dem Anblick ging mir das Herz auf. Ich hatte mich geirrt: Sie war mir nicht annähernd so egal, wie ich noch im Angesicht des Lichtes geglaubt hatte, selbst wenn meine Gefühle für sie noch immer nicht ganz mit der Sehnsucht nach der Festung mithalten konnten.

“Willkommen zurück im Leben. Sahkscha”, sagte ich lächelnd.

Sandras Augen sahen mich prüfend an, so als wollten sie sicherstellen, dass ich nicht nur eine Geistererscheinung war. Dann öffnete sich ihr Mund und spuckte mir explosionsartig einen stinkenden Schwall an Schaben, Würmern, Schlamm und Erbrochenem entgegen, der mich von oben bis unten benetzte.

“Das war für das ‘Sahkscha’, du Knalltüte”, sagte sie hustend, “was fällt dir ein mich mit dem Titel anzusprechen, den mir diese Schlampe Kora entrissen hat?”

“Es sollte ein Scherz sein. Um dich aufzuheitern”, antwortete ich, während ich versuchte mir Erbrochenes und Reste von Würmern und Schaben aus dem Gesicht zu pulen, all den Dreck dabei jedoch eher unabsichtlich einmassierte wie eine Creme. “Jetzt neu”, dachte ich sarkastisch, “Uranor Antiaging” mit nährstoffreichem Uranor-Schlamm, belebenden Chitin-Molekülen und Magensäure für den Extra-Peeling-Effekt.

“Ein Scherz?”, fragte Sandra ungläubig, “mir ist ganz und gar nicht nach Scherzen zumute! Ich habe mein Amt verloren, meine Macht, meine mühsam errichtete Heimat, Elyvenne und nun stecke ich wegen dir auch noch in diesem Drecksloch fest. Nein, Adrian, ich bin ganz und ganz sicher nicht in der Stimmung für Scherze.”

“Wegen mir?”, protestierte ich fassungslos, “was hab ich denn damit zu tun?”

“Das fragst du ernsthaft?”, antwortete Sandra wütend, “du hast den armen Korf auf dem Gewissen und hast seine Tochter gegen uns aufgebracht. Du hast dich mit dieser verrückten Rara eingelassen. Ohne dich würde ich noch immer auf dem Thron sitzen und die Macht und den Schutz der Rüstung genießen!”

“Ach ja? Und was ist mit Elyvenne?”, schleuderte ich zurück, “war ich es etwa, der seine Geliebte ignoriert und wie Luft behandelt hat?”

“Ich hab sie deinetwegen ignoriert, du Hornochse!”, donnerte Sandra, “damit du deinen netten Abendfick bekommst, um dein ach so zartes Gewissen zu beruhigen. Du hast dich doch so schon andauernd wegen Scavinee in Selbstmitleid gesuhlt. Hätte ich nicht dafür gesorgt, dass du regelmäßig Druck ablassen kannst, hätte ich vor lauter Flennerei wahrscheinlich gar nicht mehr schlafen können!”

“Jetzt versuch nicht, alles auf mich zu schieben”, konterte ich, “du wolltest mich genauso und ich habe nie von dir verlangt dich von Elyvenne fernzuhalten. Ich hätte es akzeptiert, wenn du deine Beziehung zu ihr aufrechterhalten hättest. Es nicht zu tun, war allein deine Entscheidung gewesen!”

“Klar, dass du da nichts gegen gehabt hättest. So ein kleiner Dreier unter Freunden ist doch was Feines, was? So aber wäre das nicht gelaufen, Adrian”, sagte Sandra nun etwas ruhiger, “Elyvenne hätte mit einer belanglosen Affäre nebenbei leben können, aber um wirklich an deiner Seite sein zu können, als deine Partnerin und Gefährtin, musste ich sie verstoßen.”

“Also war es doch mehr als ein netter Abendfick für dich?”, fragte ich.

Sandra sah mich nachdenklich an, wobei sie auf ihrer mit Kotze verklebten Unterlippe herumkaute, “Was auch immer es war, es hat mein Leben zerstört. DU hast mein Leben zerstört!”

“Ich habe dein Leben gerettet”, widersprach ich empört, “gerade erst. Vor ein paar Minuten.”

“Soll ich dafür etwa dankbar sein. Für ein Leben in diesem insektenverseuchten Scheißhaufen? Für eine verfluchte Festung, die mich anzieht wie eine Kerze eine Motte, ohne dass ich zu ihr gelangen kann? Danke für gar nichts, du Krüppel!”, ätzte Sandra.

“Du hast mich zum Krüppel gemacht”, antwortete ich, “auf deinen Befehl hin hat man mir die Beine mit einem verdammten Panzer abgesäbelt!”

“Nein, Adrian”, widersprach Sandra kopfschüttelnd, “du hast dich schon vorher selbst verkrüppelt. Und damit meine ich nicht deinen Arm. Du hast deine Seele verkrüppelt. Sie ist ein schlammiger Haufen Scheiße, der noch schlimmer stinkt als dieser Schmodder hier.”

“Das sagst ausgerechnet du. Die Tyrannin. Die Vernichterin eines ganzen Volkes”, gab ich hysterisch kichernd zurück.

“Ich war eine Tyrannin”, gab Sandra zu, “und das war mir jederzeit bewusst. Ich stehe dazu und zu allem, was ich getan habe. Anders als du. Meine Seele mag dunkel sein, finsterer als ich es je für möglich gehalten habe, aber sie ist dennoch ganz. Deine hingegen ist ein Flickenteppich, ein Haufen Lumpen gebaut aus Schuldgefühlen, unterdrückten Trieben, Selbstmitleid und reinstem Chaos. Du hast mir nie erzählt, was es mit deinem Arm auf sich hat oder mit deinen Heilkräften. Aber ich spüre eine Präsenz in dir. Eine Spaltung, die alles in dir durchzieht. Du bist kein Mensch, Adrian. Du bist ein Haufen spiritueller Sondermüll!”

“Versuchst du dich jetzt als Psychologin?”, fragte ich sarkastisch.

“Um das zu sehen braucht es keine Psychologin”, erwiderte Sandra, “nur zwei offene Augen.”

Nach diesen Worten verfielen wir beide in brütendes Schweigen. Sandra wandte den Kopf von mir ab, setzte sich in den Schlamm und starrte gedankenverloren in das unerreichbare Licht.

Ich hingegen starrte in mich hinein. Die Worte, die mir Sandra entgegenschleudert hatte, trafen mich – bei all der Ungerechtigkeit, die ihnen anhaftete – hart. So hart, dass ich allein nicht damit klarkommen konnte. Da die meisten anderen Verdammten an diesem Ort entweder stumpfsinnig ins Licht starten, vergeblich gegen die Barrikade ankämpften oder mit ihren eigenen Sorgen und Konflikten beschäftigt waren – mal ganz abgesehen davon, dass ich wildfremde Personen wohl kaum zu meinem Seelenleben befragen konnte – griff ich zur naheliegendsten Möglichkeit.

“Meinst du, dass sie Recht hat?”, fragte ich den Kwang Grong.

“NEIN”, sagte Karmon entschieden, “NICHT WIRKLICH. SIE HASST SICH SELBST UND WILL DICH DESHALB KRÄNKEN. DU BIST NICHT PERFEKT ADRIAN, DOCH WER IST DAS SCHON? AUCH HAST DU VERLETZUNGEN IN DIR, VERLETZUNGEN, DIE NICHT MAL ICH HEILEN KANN. ABER DAS TRIFFT AUCH AUF SANDRA ZU, EGAL WAS SIE ERZÄHLT. DIESE DINGE WIRST DU ÜBERWINDEN UND AN IHNEN WACHSEN. DAZU SIND SIE DA. ES GIBT KEINE VOLLENDETE PERFEKTION UND WENN DOCH, DANN WÄRE SIE NICHTS ANDERES ALS ERSTARRUNG. JEDES WESEN WANDELT SICH, HÄUTET SICH, ENTWICKELT SICH. STÄNDIG. JEDERZEIT. SO WIE AUCH WIR. SO WIE AUCH DU. DU WIRST DIESE WUNDEN HEILEN, ADRIAN. DAVON BIN ICH ÜBERZEUGT. UND DANN WERDEN NEUE ENTSTEHEN, DA ECHTES WACHSTUM SIE NUN EINMAL MIT SICH BRINGT. MEHR SORGEN ABER, MACHT MIR DER PAKT MIT DIESER RÜSTUNG UND DER FLUCH, DEN DIR KORA DAMIT ANHÄNGEN KONNTE. ER IST NOCH AKTIV. ICH KANN IHN IMMER NOCH SPÜREN.”

“Kannst du ihn lösen?”, fragte ich, da mich das mehr interessierte als seine Kalendersprüche aus dem Motivationstrainerhandbuch. Ich schätzte es durchaus, dass er mich aufheitern wollte, aber damit hatte er leider nur sehr begrenzten Erfolg.

“NEIN”, sagte der Kwang Grong, “DAS ÜBERSTEIGT SOGAR MEINE FÄHIGKEITEN. ERST RECHT JETZT, WO WIR NICHT VOLLKOMMEN VEREINT SIND.”

“Na wunderbar”, sagte ich, “also kann ich also heute Nacht mit den schlimmsten Albträumen meines Lebens rechnen?”

“DAS IST LEIDER ZU ERWARTEN”, erwiderte der Kwang Grong.

“Kannst du mich wenigstens wach halten?”, fragte ich seufzend.

“VIELLEICHT KÖNNTE ICH DAS. EINE ZEITLANG”, antwortete Karmon, “ABER ICH SPÜRE, DASS DEIN KÖRPER DEN SCHLAF BENÖTIGEN WIRD. WENN ICH DICH KÜNSTLICH WACHHALTE, WIRD DICH DAS NUR UNNÖTIG SCHWÄCHEN UND DAS UNVERMEIDLICHE LEDIGLICH HINAUSZÖGERN. IM SCHLIMMSTEN FALL WERDEN DIE TRÄUME NOCH GRAUENHAFTER ODER DEIN – UNSER – KÖRPER WIRD ZU SCHWACH WERDEN, UM SIE ZU ERTRAGEN. DAS KANN ICH NICHT RISKIEREN. ABER VIELLEICHT KANN ICH DIR AUF ANDERE WEISE HELFEN.”

“Wie kannst du mir helfen?”, wollte ich wissen. Doch der Kwang Grong antwortete nicht.

“Rede mit mir Karmon!”, verlangte ich verzweifelt, “Wie willst du mir helfen?”

Erneut erklang keine Antwort in mir. Offenbar hatte Karmon vorerst alles gesagt, was er sagen wollte. Verfluchtes Arschloch, dachte ich wütend.

Da sowohl Karmon als auch Sandra als Ablenkung ausfielen, holte mich schon bald wieder die lockende, quälende Sehnsucht nach der Lichtfestung ein. „Lass mich rein!“, schrie ich verzweifelt, „Lasst mich endlich zu euch. Ich will einer von euch sein. Ich will bei euch leben. Ich will in dieses verdammte Licht! BITTE!“

„Sie hören uns nicht, die Wesen im Licht“, sagte eine helle, aber eindeutig männliche Stimme hinter mir, „schon lang schrie ich dort, doch sie hörten kein Wort.“

Ich drehte mich in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war und sah einen Mann, der mir in drei Punkten glich. Erstens besaß er eine größtenteils menschliche Erscheinung, was Gesicht, Haut und Gliedmaßen betraf, auch wenn seine Ohren ungewöhnlich klein waren und so eng am Kopf anlagen, dass man sie leicht übersehen konnte und seine Nase ebenfalls ungewöhnlich klein war. Zweitens war er etwa Anfang zwanzig, also ungefähr in meinem Alter. Drittens war auch er an vielen Stellen seines Körpers mit Schlamm besudelt. In einigen anderen Punkten glich er mir jedoch ganz und gar nicht. Der Mann hatte zwar eine Hose an, jedoch einen nackten Oberkörper. So konnte ich erkennen, dass aus seinem Bauchnabel schillernde an Gold und Silber erinnernde Halbedelsteine wuchsen, die ich mit meinen begrenzten Geologie-Kenntnissen als „Pyrit“ oder „Katzengold“ einordnete. Dieselben Steine bildeten auch seine Fingernägel, seine Haare, die Zähne in seinem lächelnden Mund und – was besonders verstörend war – seine Augen.

„Jetzt sag mir Bitte, dass du nicht vorhast immer in Gedichten zu sprechen“, bemerkte ich genervt.

„Nein“, sagte der Mann traurig, „ich hasse es selbst. Aber von Zeit zu Zeit kann ich es nicht verhindern. Besonders, wenn ich aufgeregt bin. Der Stein verlangt es.“

„Der Stein?“, fragte ich und blickte in seine von würfelförmigen, schillernden Kristallen gefüllten Augenhöhlen, „etwa der Pyrit?“

„Genau. Ich bin ein Steingeweihter. Als solcher wohlbekannt. Der Stein zwingt mir sein Wesen auf, wird ‚Narrengold‘ genannt“, antwortete der Mann grinsend.

„Du verarschst mich, oder?“, sagte ich und konnte dabei ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Der Mann schien das zu sehen, obwohl seine Augen nur aus Pyrit bestanden.

„Das ist ganz und gar nicht lustig“, sagte der Mann plötzlich ernst und resigniert, was im krassen Gegensatz zum humorvollen Ton seiner Verse stand, „der Stein greift mein Gehirn an. Früher oder später wird er es wahrscheinlich ersetzen. Was dann mit mir geschehen wird, weiß ich nicht genau. Manche von uns werden zu wandelnden Steinen, die umherlaufen und versuchen andere anzustecken und den Stein zu verbreiten. Andere erstarren einfach und werden zu ihrem eigenen Denkmal.“

„Du bist ansteckend?“, fragte ich und rückte fast unbewusst einige Zentimeter von ihm weg.

„Keine Angst. Noch bin ich es nicht. Jedenfalls noch nicht sehr. Du müsstest dir schon meine Haare durchs Fleisch spießen oder ausgiebig an meinem Bauchnabel lecken, um dir den Stein einzufangen und ich vermute auf beides legst du keinen besonders großen Wert.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Hab ich’s mir doch gedacht“, sagte der Mann und streckte mir die Hand hin, „ich bin übrigens Pingo. Pingo Dellagrahn aus Rihn.“

Ich zögerte einige Sekunden, da ich Pingos Versicherung, nicht ansteckend zu sein, nicht so hundertprozentig vertraute. Dann jedoch ergriff ich seine Hand. Sollte ich mir wirklich was einfangen, würde mich der Kwang Grong schon davor bewahren. Zumindest was körperliche Leiden betraf, konnte er das ja ganz gut.

„Adrian“, sagte ich.

„Angenehm“, erwiderte Pingo, „ich kannte mal einen Hadrian. Ihr seid nicht zufällig verwandt, oder?“

„Nicht das ich wüsste“, antwortete ich.

„Wäre eigentlich auch verwunderlich gewesen. Hadrian war ebenfalls ein Rihn-Ha, wie ich. Du bist aber ein Mensch, falls ich mich nicht täusche“.

„Woher weißt du das?“, fragte ich irritiert.

„Gibt sehr viele von euch hier und mit ein paar von ihnen habe ich geredet, wenn sie gerade mal nicht ins Licht gestarrt hatten. Aber auch sonst hätte ich es gewusst. Die gläsernen Archive in Rihn speichern sehr viel Wissen über das Multiversum. Bevor … bevor ich das hier wurde, habe ich dort gearbeitet. Da kriegt man so einiges mit.“

„Wie wurdest du denn DAS?“, wollte ich wissen, auch wenn das womöglich unhöflich war, „oder wurdest du so geboren?“

Pingo schüttelte den Kopf, „Nein. Das hier gehört nicht zu meiner Grundausstattung. Schuld daran war ein etwas zu langer und zu riskanter Spaziergang über die Nadelgebirge. Zwei Drittel von Rihn bestehen aus Gebirgen voller Edelsteine. Manche davon sind harmlos, viele spitz und scharfkantig, andere leider infektiös und wieder andere haben fantastische Eigenschaften. Das war auch der Grund, aus dem ich im Gebirge unterwegs war. Ich habe nach einem großen, schwebfähigen Stein gesucht, damit ich nicht immer in den Archiven herumklettern muss, um an bestimmte Informationen zu kommen. Geht ganz schön in die Gelenke der Scheiß. Leider hab ich einmal nicht aufgepasst und bin in Pyritnadeln getreten, noch dazu von der infektiösen Sorte. Der Rest ist Geschichte, so wahr ich hier steh und lächelnd dem Tod in die Augen seh‘“, erklärte Pingo.

„Gibt es keine Heilung für deinen Zustand?“, fragte ich von unerwartetem Mitgefühl ergriffen.

„Nein. Bevor die Welthüter den Befall entdeckt und mich ausgestoßen haben, habe ich die Archive durchsucht und keine Heilung gefunden. Und was in den Archiven nicht steht, existiert für gewöhnlich auch nicht“, sagte Pingo deprimiert, „Ich hätte mich schon längst selbst töten sollen und irgendwie sagen meine Erinnerungen auch, dass ich es getan habe.“

„Du hast dich umgebracht?“, fragte ich verwirrt.

„Das denke ich zumindest. Ich glaube sogar, mich ziemlich genau daran zu erinnern, wie ich einen scharfen Kristall genommen und mir damit die Kehle aufgeschlitzt habe, aber dennoch stehe ich hier. Lebendig und infiziert wie eh und je. Seltsam, oder?“, antwortete Pingo.

In der Tat, dachte ich, sehr seltsam. „Wie lange bist du schon hier?“

„Oh, so einige Wochen schätze ich“, sagte Pingo, „auch wenn das mit dem Zeitgefühl hier nicht so einfach ist“

„Und in der ganzen Zeit hast du nie jemanden aus der Festung gesehen?“, fragte ich.

„Das habe ich nicht behauptet. Manchmal kommen sie hierher, reden mit einigen und nehmen gelegentlich jemanden mit. Mit mir haben sie jedoch bislang noch nicht gesprochen und mitgenommen haben sie mich schon gar nicht. Jedenfalls haben die Rufe keinen Einfluss auf ihr Erscheinen oder vielleicht sogar einen negativen. Die, die sie mitgenommen haben, gehörten zu denen, die am wenigsten geschrien haben.“

„Wie sehen sie aus?“, erkundigte ich mich.

„Ganz genau weiß ich das nicht. Ich habe sie nie so richtig aus der Nähe gesehen. Aber ich glaube, dass ihre Körper aus Glas bestehen oder zumindest so aussehen. Sie sind nicht völlig durchsichtig, eher milchig und auch nicht halbätherisch wie etwa die Cestral, sondern von fester Gestalt. Allerdings bin ich mir da – wie gesagt – nicht so ganz sicher. Sie verströmen nämlich ähnlich viel Licht wie die Festung selbst und sie schirmen sich und ihre Gesprächspartner meistens vor ungewollten Blicken ab. Das macht es etwas schwer, Details zu erkennen.“

„Wie oft nehmen sie jemanden mit?“, fragte ich Pingo.

„Nur einen wohl von etwa acht, wird in ihr schönes Heim gebracht“, kam die beschwingte Antwort.

„Allerdings sprechen sie mit den meisten mehrmals, bevor sie sie mitnehmen“, fuhr Pingo ernst und melancholisch fort, „Wahrscheinlich wollen sie sie prüfen. Testen, ob sie würdig sind oder so etwas. Die, die abgelehnt werden, sind daraufhin meist ziemlich niedergeschlagen. Doch auch, wenn sie einen von ihnen mitnehmen, heißt das noch nicht unbedingt, dass sie auch dort bleiben. Oft genug bringt man sie nach einige Zeit wieder hierher. Weinend, zitternd und verzweifelt.“

„Meinst du, man tut ihnen in der Festung etwas an?“, fragte ich und konnte mir gleichzeitig kaum vorstellen, dass Geschöpfe, die in solch einem segensreichen Licht leben, überhaupt zur Gewalt fähig sind.

„Ich weiß es nicht“, sagte Pingo, „doch ich denke nicht, dass sie sie foltern oder dergleichen. Ich denke eher, dass diese Unglücklichen weinen, weil sie all die Schönheit gesehen haben und nun wissen, dass sie ihrer unwürdig sind. Dass sie ihre Chance für immer vertan haben.“

Das muss tatsächlich grauenhaft sein, dachte ich voller Mitleid. An diesem Ort zu leben und davon verstoßen zu werden war eine grausame Vorstellung. „Werden sie also nie mehr geprüft? Bekommen sie keine zweite Chance?“, fragte ich Pingo.

„Nein und das ist auch nicht mehr möglich“, sagte er.

„Wieso?“, wollte ich wissen.

„Der schwarze Malmer kommt geschwind, zieht sie dorthin wo alle sind, die ihren Regeln nicht entsprochen. Verdaut, gequält und aufgebrochen“, trällerte Pingo.

„Was ist der schwarze Malmer?“, fragte ich von einer unguten Vorahnung erfüllt.

Ein finsterer Ausdruck erschien auf Pingos Gesicht, und nun, wo er die Stirn in Falten legte, konnte ich auch unter seiner Haut feine Adern voller Pyritgestein erkennen.

„Er ist so etwas wie ihre Müllabfuhr“, sagte Pingo, „Ein Wesen, das im Schlamm lebt. Oder viele Wesen. Genau lässt sich das nicht sagen. Aber unter den Abgelehnten gerät – manchmal nach ein paar Stunden, manchmal erst nach Tagen – der Boden in Bewegung. Die Käfer und Würmer verziehen sich. Dann rutscht der Schlamm nach unten. Fast wie Treibsand. Ein Loch tut sich auf und der Unglückliche verschwindet mit einem gequälten Brüllen und einem malmenden, saugenden Geräusch aus dem Untergrund. Dann, ein paar Sekunden später, wird der Schlamm in einer blutbesudelten Fontäne wieder nach Oben geschleudert. Die Käfer und Würmer kehren zurück und machen sich über das vom schwarzen Malmer verschmähte Blut her und dann ist alles wie vorher. Fast so, als hätte es den Unglücklichen niemals gegeben.„

„Kann man vor ihm fliehen?“, fragte ich beunruhigt, während sich der matschige Boden um mich herum plötzlich noch widerwärtiger anfühlte.

„Nein. Viele versuchen es. Wie gedopte Sportschwimmer kraulen und wühlen sie sich durch den Schlamm, versuchen herauszuklettern und auf dem weichen Boden zu hüpfen, in der Hoffnung ein sicheres Ufer zu erreichen, aber bislang hat es – soweit ich weiß – noch keiner geschafft. Ich bezweifle ohnehin, dass es hier noch etwas anderes gibt als die Festung und den endlosen Schlamm. Aber keine Angst. Vorerst bist du sicher. Sie fressen nur die Abgelehnten und jene, die sie nach vier Gesprächen noch nicht mit sich nahmen.“

„Die auch?“, versicherte ich mich.

„Leider, Kumpel“, sagte Pingo bedauernd, „Du hast vier Chancen auf die Endrunde. Mehr nicht.“

„Und es gibt keinen anderen Weg hier raus?“, hakte ich nach.

„Keinen, der mir bekannt wäre. Andernfalls wäre es hier deutlich leerer. Das Licht ist verlockend, verdammt verlockend, aber der Schlamm ist es nicht. Wenn es einen Ausweg gäbe, hätte der eine oder andere ihn sicher schon gewählt. Spätestens nach dem vierten oder auch dritten unglücklich gelaufenen Gespräch“, antwortete Pingo.

„Das klingt nicht gut“, sagte ich, „weißt du wenigstens, nach welchen Kriterien sie die Leute auswählen?“

„Leider nein“, antwortete Pingo, „sie achten dabei sehr auf Privatsphäre. Wer in der Nähe ist, hört zwar, dass geredet wird, aber nicht was. Sie schirmen sich – wie gesagt – zumeist von unseren Blicken ab und bei diesen Gesprächen benutzen beide Parteien so eine seltsame Sprache, die klingt als würde ein Windhauch durch ein Meer von fein geschmiedeten Glocken gehen. Ist echt schön anzuhören, aber nicht sehr informativ. Mehr weiß ich leider auch nicht.“

Plötzlich streckte sich Pingo wie jemand, der nach einer langen Nacht gerade aus seinem Bett aufgestanden war und sagte dann in Gedichtform: „Nun brauch ich Ruhe eine Zeit, der Stein verlangt sein Recht. Vorerst für mich kein Glück und Leid erstarrt und kaum mehr echt. Vielleicht werd‘ ich nach Stunden dann, die Muskeln wieder rühr’n, falls nicht der Stein mich ganz durchsetzt und schließt all jene Tür’n.“

Kaum da er diese Worte gesprochen hatte, erstarrte er tatsächlich in seiner Bewegung und wurde zu einer Art lebendigen Statue.

Auch eine Art ein Gespräch zu beenden, dachte ich und spürte mit einem Mal ebenfalls so etwas wie Müdigkeit. Das war nach all den Strapazen und Ereignissen der letzten Zeit nicht verwunderlich, aber ich wusste zugleich, was das bedeutete. Albträume. Grauenhafte, schreckliche Albträume, die selbst in Sahkschas Foltermeisterin Rodara Mitleid erweckt hatten. Trotz dieses Gedankens entfuhr mir ein herzhaftes Gähnen, meine Glieder wurden schwerer und mit einem Mal kam mir der widerliche Schlamm voller Schaben, Würmern und diesem seltsamen schwarzen Malmer wie ein komfortables Wasserbett vor. Mich einfach darin treiben lassen, bis zum Hals darin versinken und mich etwas auszuruhen, nur für einen Moment, das hätte ich mir nach all dem Ärger wirklich verdient.

„Karmon, bist du das, du Bastard?“, schrie ich in Gedanken, „machst du mich so müde? Wenn ja, dann hör sofort damit auf!“

Doch Karmon reagierte nicht auf meine Bitte. Der Kwang Grong hüllte sich lieber weiter in Schweigen, während meine Lider immer schwerer worden. „Verfluchter Parasit!“, sagte ich diesmal laut und fühlte mich so allein, wie noch nie in meinem Leben. Mein Seelenpartner ignorierte mich, falls er nicht sogar gegen mich arbeitete. Dieser seltsame Clown Pingo schlief wortwörtlich wie ein Stein und die anderen Anwesenden waren entweder zu weit weg oder wirkten zu apathisch, um ein Gespräch zu beginnen. Dennoch versuchte ich es, um mich dadurch irgendwie vom Einschlafen abzuhalten. Ich sprach einen bulligen Rorak an, der mich auf den ersten Blick etwas an Korf erinnerte, jedoch eine schiefe, mehrmals gebrochene Nase, rote, lange Haare und ein weitaus ernsteres Gesicht hatte „Hey, Kollege“, sagte ich schläfrig, „weißt du schon, dass euer Volk gewonnen hat? Die Jyllen sind besiegt!“. Doch er schien mich gar nicht zu hören und starte nur ungerührt auf das Licht. Ähnlich viel Erfolg hatte ich bei einer ausgemergelten Bravianerin und einem Pflanzenmann, der mich grob an den armen Nunnonu erinnerte, nur, dass er etwas kleiner und gelblicher war.

Sandra, dachte ich mit schlafumwölktem Geist, Sie ist gerade nicht gut auf mich zu sprechen, aber diese Hilfe wird sie mir bestimmt nicht verweigern. So egal kann ich ihr gar nicht sein. Also kroch ich gähnend und stolpernd zu Sandra, deren Augen ebenfalls wie Magnete auf die Festung geheftet waren und versuchte mein Glück.

„Sandra?“, fragte ich.

Keine Reaktion.

„Sandra, bitte. Rede mit mir! Sonst schlafe ich ein. Und dann kommen die Träume. Die verfluchten Albträume. Ich weiß nicht, ob ich das überstehe. Bitte, hilf mir wach zu bleiben!“

Diesmal drehte sie sich zu mir um. Gott sei Dank.

„Ich lebe in einem Albtraum, Adrian. In einem Albtraum, den du mir beschert hast. Ich denke, da ist es nur fair, dass du auch ein paar nette Träume hast“, sagte sie kalt.

Dann fing sie plötzlich zu singen. Sie hatte eine schöne Stimme und ich hasste sie dafür.

„Guten Abend, gute Nacht. Mit Rosen bedacht, mit Näglein besteckt. Schlüpf‘ unter die Deck’ …“

„Du verfluchtes Miststück“, sagte ich gähnend, aber Sandra grinste nur mitleidslos und sang ungerührt weiter, während ich mich kniff, schüttelte und doch merkte, wie ich den Kampf verlor.

„… Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt. Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.“

~o~

Wie sollte der Albtraum eines Fortgeschrittenen, eines vom Fernweh Getriebenen anders beginnen, als mit seiner Heimat? Nach all den exotischen Orten, die ich auf meinen Reisen besucht hatte, gab es für mich fast nichts Fremdartigeres, fast nichts Bizarreres als den Anblick meines elterlichen Wohnzimmers. Den schweren, leicht zerkratzen Glastisch mit den gebogenen Füßen, den mein Vater aus zweiter Hand erworben hatte und über den meine Mutter – die stets mehr Geschmack besessen hatte als er – immer mal wieder humorvoll-abfällige Kommentare losgelassen hatte. Die Schrankwand aus dunklem Tropenholz – ein Erbstück meiner verstorbenen Großmutter, in deren Regale sich Romane, Lexika, ein – von mir schon tausendfach durchgeblätterter – Weltatlas, sowie einige kitschige Figürchen standen. Zu letzteren gehörten vor allem diverse Nachbildungen von Elefanten aus Holz, Stein und Elfenbein aus dem Nachlass meines Opas. Er hatte eine Vorliebe für solchen vermeintlich exotischen Kitsch gehabt und auch wenn er selbst nicht oft gereist war, hatte er durch diese Sammelleidenschaft wohl auf seine Art versucht, dem ihm innewohnenden Fernweh beizukommen. Überhaupt war er außer mir der Einzige in unserer Familie gewesen, der eine gewisse Neugier auf ferne Länder besessen hatte, auch wenn er in den meisten Fällen ein von kitschigen Fernsehfilmen und Schundromanen verzerrtes Bild davon gehabt hatte. Hinzu kamen Schutzengelfiguren von meiner Mutter, die von schlanken, ernsten Cherubinen, bis hin zu pummeligen Puttenengeln reichten.

Meine Mutter war religiös gewesen, aber nicht auf eine strenggläubige Art. Nicht mit Bibelstudium, Hölle und strengen Geboten. Eher so eine Kumpel-Jesus-New-Age-Esoterik-wir-sind-alle-verbunden-und-Gott-hat-uns-alle-lieb Art. Diese Engel, von denen auch einigen auf Regalen oder als lächelnde Statuen zwischen den Zimmerpflanzen (hauptsächlich Monstera und Yukka-Palmen) und dem Fernseher Platz fanden, hatten ihr oft Trost gegeben, wenn ihre angeschlagene Hüfte ihr zu schaffen gemacht hatte oder mein Vater wieder schlecht drauf gewesen war, weil er als Mitte fünfzigjähriger, arbeitsloser Bankkaufmann auf dem Arbeitsmarkt nicht eben beliebt war. Mein Vater hatte zwar noch nie ein böses Wort zu meiner Mutter gesagt, aber war oft in eine schweigsame, brütende Niedergeschlagenheit versunken, die an der Grenze zur klinischen Depression balancierte. Da meine Mutter ihren Mann liebt und ohnehin eine mitfühlende Frau ist, hat sie das jedes Mal mit runtergezogen. Hinzu kam, dass es allein mit ihrem Verkäuferinnengehalt nicht eben einfach war, über die Runden zu kommen. Aber die Engel hatten ihr auf irgendeine psychologisch-verkorkste Weise Trost gespendet und sie hatte darauf geschworen, dass sie sie beschützt hatten. Sie und ihre kleine Familie. Zumindest in diesem Punkt hatte sie sich offenbar geirrt.

Eigentlich war es ein Moment der Harmonie, den ich hier vor mir sah. Wir alle drei saßen an dem Glastisch, mein Vater mit einem Glas Radler – durch das er sein abendliches Bier ersetzt hatte, in der Hoffnung so nicht zum Alkoholiker zu werden -, meine Mutter mit ihrem geliebten, naturtrüben Apfelsaft und ich mit einem Kakao, dessen dampfende, herbe Süße ich um so mehr zu schätzen wusste, da ich in diesem Traum im Körper meines neunjährigen Selbst steckte. Im Fernsehen lief „Kevin Allein zu Haus“, den wir alle als Film nie so wirklich gemocht hatten, ihn aber als weihnachtliches Ritual, als Träger von Gemeinschaftlichkeit, dennoch schätzten. Es war also Weihnachten, auch wenn weder ein Tannenbaum zu sehen war, noch irgendwelche Dekoration aufgestellt worden war.

Meine Eltern waren glücklich. Mein Vater, der seine Brille, sein grau-weiß kariertes Hemd, seine gestreifte Schlafanzughose und seine schreiend roten Hauslatschen trug, wirkte entspannt und schien in seinem schon fast kahlen Kopf ausnahmsweise mal keine schier unlösbaren Probleme hin und her zu wälzen. Meine Mutter, die sich ihre kinnlangen, eigentlich blonden Haare gerade dunkelbraun gefärbt hatte, trug ihren weiten, cremefarbenen Wollpulli mit dem darauf gestickten Wort „Love“ zu einer hellblauen Jeanshose und lächelte, während sie meinen Vater verliebt ansah. Er lächelte zurück.

Auch mir selbst schien es gutzugehen. Jedenfalls dem Ich, das eigentlich in meinem neunjährigen, schlaksigen, wuschelköpfigen Körper zu Hause war, die Hände seiner Eltern festhielt und das Geschehen auf ihren Gesichtern aufmerksamer verfolgte, als das auf dem Fernseher. Da ich als Gast im Kopf des Jungen wohnte, wie Karmon anfangs in meinem, wusste ich genau, wie er sich fühlte. Glücklich, geborgen und unbeschwert, auch wenn seine Gedanken bereits wieder in realen und fiktiven fremden Ländern wohnten, sich Landschaften ausmalten und an Dinge dachten, die es darüber zu lernen oder zu recherchieren galt. Das Fernweh war auch damals schon in ihm erwacht gewesen, aber dennoch hatte der Junge sich nicht eingesperrt gefühlt. Noch nicht. Noch hatte er wachsen müssen und war dankbar dafür gewesen, dies in Sicherheit und Liebe tun zu dürfen. Ich jedoch spürte, dass etwas mit dieser Harmonie nicht stimmte. Sie war nicht falsch, nicht aufgesetzt. Nein, das war es nicht. Eher war sie … bedroht, so als würde etwas Unsichtbares, böses nach ihr greifen und sie aus reiner Schadensfreude zerquetschen wollen. Und kaum, dass ich dies gedacht hatte, klingelte es an der Tür. NICHT AUFMACHEN!, dachte ich panisch, UM GOTTES WILLEN, NICHT AUFMACHEN!

Aber mein neunjähriges Ich war da ganz anderer Meinung. „Tante Hilda!“, rief es begeistert, knallte seinen Kakao so hektisch auf den Glastisch, dass etwas davon überschwappte, was meine Eltern eher amüsiert als verärgert zur Kenntnis nahmen, und rannte zur Tür. An Weihnachten kam meine Tante Hilda, die eine unserer wenigen noch lebenden Verwandten war, uns oft besuchen und da sie nicht nur eine äußerst herzliche Frau war, sondern auch ein verdammt gutes Gespür für Geschenke hatte, sehnte ich ihre Besuche immer wieder herbei. Doch das da Draußen war nicht Tante Hilda, versuchte ich meinem jüngeren Ich klar zu machen oder wenigstens seinen kakaoverschmierten Mund zu benutzen, um meine Eltern auf diese Weise zu warnen.

Doch ohne Erfolg. Ich war nur ein Zuschauer, kein mächtiger Kwang Grong. Also konnte ich auch nicht verhindern, dass meine kleine Hand die Türklinke herunterdrückte und die Tür mit einem beherzten Schwung aufzog. Draußen stand tatsächlich nicht Tante Hilda. Draußen, in der von Schneeflocken und kaltem Wind erfüllten Nacht, stand ein finsterer junger Mann in einer Kampfuniform mit Schädelsymbol, metallenen Unterschenkeln und einem linken Arm, der aus einer Kanone bestand. Mein jüngeres Ich hatte so etwas schon einmal gesehen. Vor einigen Wochen erst hatte sein Vater sich einen Film im Fernsehen angeschaut, bei dem ein solcher Metallmann Menschen verfolgt und auf sie geschossen hatte. Dieser Mann hatte jedoch ganz aus Metall bestanden, auch wenn er sich da nicht sicher war, da sein Vater ihn ins Bett geschickt und darauf bestanden hatte, dass dies kein Film für Kinder wäre. Mein jüngeres Ich hatte danach lange Albträume gehabt, in denen der Metallmann in sein Zimmer gekommen war und ihm wehgetan hatte. Dieser Mann jedoch machte ihm noch viel mehr Angst. Und zwar nicht nur ihm, sondern auch mir. Denn der Mann war Ich.

„Wer bist du?“, fragte mein jüngeres Ich, dessen Namen ich noch immer nicht wusste mit piepsiger, zitternder Stimme.m

„Ich bin ein Fortgeschrittener“, sagte mein älteres Ich namens ‚Adrian‘ dunkel und abgeklärt, „Ich möchte deinen Eltern etwas geben.“

„Was denn?“, fragte mein jüngeres Ich.

,Adrian‘ grinste und wuchtete mit seiner normalen Hand einen Jutesack über seine Schultern „Lass dich überraschen, Kleiner“, sagte er, „kann ich denn jetzt reinkommen?“

NEIN, DU IDIOT, schrie ich mein jüngeres Ich gedanklich an.

„Natürlich“, sagte der Junge und machte ‚Adrian‘ den Weg frei, der kurz darauf mit seinen Roboterbeinen in das Wohnzimmer eintrat.

Meine Mutter kam freudestrahlend auf ihn zu. „Hallo, Adrian, mein Junge“, sagte sie, wobei sie den falschen Namen verwendete, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. „Wie schön, dass du uns besuchen kommst“

„Natürlich Mutter“, sagte mein älteres Ich mit einem Raubtiergrinsen, „ich habe euch so lange nicht gesehen.“

Nun stand auch mein Vater auf und klopfte ‚Adrian‘ auf die Schulter „Du hast dich wirklich prächtig entwickelt, mein Sohn. Du musst so viel von der Welt gesehen haben.“

„Das habe ich“, sagte ‚Adrian‘ während ich aus den Augen meines jüngeren Ichs hilflos zusah und ‚Adrian‘ mir dämonisch zuzwinkerte. ICH MUSS SIE WARNEN, dachte ich und versuchte erneut die Kontrolle über den kleinen Körper zu übernehmen. Diesmal mit deutlich mehr Nachdruck. Dabei hatte die besondere Form von Selbsthass, die ich gegenüber meinem älteren Ich empfand, solche Ausmaße angenommen, dass ich jegliche Zurückhaltung aufgab. Ich suchte nach einer Schwachstelle, nach einem Angriffspunkt in der Seele meines jüngeren Ichs, fand ihn und grub mich hinein, zwängte mich hinein und drückte die Lebensflamme dieser kleinen, sich vergeblich wehrenden Jungenseele au,s wie eine Kerzenflamme. Ich fühlte eine traurige, deprimierende Leere in dem kleinen Körper, doch immerhin war ich nun allein und konnte meinen jüngeren Körper benutzen, wie ich wollte. „Glaubt ihm nicht, Mama, Papa!“, piepste ich mit meiner damals grauenhaft schrillen Kinderstimme, „er ist ein Betrüger. Ihr müsst ihn wegschicken.“

„Sei nicht so unhöflich zu deinem Bruder!“, sagte mein Vater nicht böse, aber dennoch streng, „er ist den ganzen Weg aus Konor hierhergekommen. Da werden wir ihn wohl kaum wieder in die Kälte zurückschicken!“

„Auf keinen Fall!“, stimmte ihm meine Mutter zu, „Setz dich doch, mein lieber Junge. Erzähl uns von deinen Abenteuern. Soll ich dir ein Glas frisch gepresste Jonmella machen?“

‚Adrian‘ schüttelte den Kopf. „Danke. Aber ich habe leider nicht viel Zeit. Das Fernweh ruft mich. Aber ich habe Geschenke für euch mitgebracht.“

„Geschenke?“, kiekste mein Vater wie ein Schwachsinniger auf einem Drogentrip, „das ist ja großartig!“

„Oh ja, das ist es“, sagte ‚Adrian‘ während er seinen Sack abstellte und sich an der Schnur zu schaffen machte, die ihn verschlossen hielt. Eine grauenhafte Vorahnung erfüllte mich. Was auch immer geschah, dachte ich, er durfte diesen Sack nicht öffnen. Verzweifelt rannte ich auf ‚Adrian‘ zu und schlug auf die Finger seiner menschlichen Hand ein, was ihn jedoch nur zum Lachen brachte, „alles gut, Kleiner“, sagte er feixend, wobei er tatsächlich wie der ältere Bruder wirkte, den ich nie gehabt hatte, „für dich hab ich natürlich auch was.“

„NEIN!“, schrie ich von wachsender Angst erfüllt und schlug sinnlos auf ‚Adrians‘ Bauch ein.

„Wenn du noch einmal so ein Theater machst, gibt es morgen kein Frühstück für dich!“, sagte meine Mutter ungewohnt zornig und auch mein Vater blickte mich tadelnd an. ‚Adrian‘ jedoch lächelte weiter, während hinter uns im Fernseher gerade die Szene begann, in der die Einbrecher es in Kevins Haus geschafft hatten.

Die geschickten Finger von ‚Adrians‘ rechter Hand lösten den Knoten im Nu und zauberten zwei Puppen hervor, die er mir reichte. Trotz meines Widerwillens nahm ich sie entgegen. Beide Puppen waren weiblich und hatten in etwas die Größe von Barbiepuppen. Die eine von ihnen war fast durchsichtig, jedoch leicht bläulich, hatte einen schmerzverzerrten Ausdruck auf ihrem Gesicht und ein gezacktes Messer in ihrem Solarplexus. Die andere hatte rote, schuppige Haut, zwei abgebrochene und zwei intakte Anmella-Stränge, einen verkrüppelten Nutrion und einen schwachsinnigen, leeren Ausdruck auf ihrem Gesicht. Ilivia und Scavinee erkannte ich und fing an zu weinen. „Sind die nicht schön, Kleiner?“, sagte ‚Adrian‘ und griff nach der Ilivia-Puppe, „die hier kann sogar was ganz Tolles.“

Mit zwei spitzen Fingern nahm er das gezackte Messer heraus und rammte es sofort wieder in ihr Sonnengeflecht.

„Warum tust du das? Ich hab dir doch nichts Böses getan. Bitte hör auf!“, sagte die Puppe plötzlich gequält und obwohl es klang, wie die Stimmen solcher sprechenden Spielzeuge nun einmal klingen, wirkte es zugleich erschreckend realistisch, so als könnte ich all den Schmerz, all die Enttäuschung, all die Fassungslosigkeit, die die echte Ilivia in ihrem vergeblichen Flehen zum Ausdruck gebracht hatte, noch einmal durchleben. „Behalte sie, ich will sie nicht!“, sagte ich, als ‚Adrian‘ mir die Puppe zurückgeben wollte und ließ gleichzeitig auch angewidert die Scavinee-Puppe auf den Boden fallen, wo ihre beiden intakten Anmella-Stränge ebenfalls zerbrachen.

„Oh nein“, sagte ‚Adrian‘ höhnisch, „jetzt hast du sie kaputtgemacht. Dabei war sie die letzte ihrer Art.“

Seine Worte trafen mich hart und brachten den von mir besetzten, kleinen Körper heftig zum Schluchzen.

„So geht man nicht mit Geschenken um, junger Mann“, tadelte mich mein Vater, „Entschuldige dich gefälligst bei Adrian. Und bedanke dich!“

„Nein!“, sagte ich trotzig.

„Also wirklich …“, begann meine Mutter.

„Schon in Ordnung“, sagte ‚Adrian‘, „so sind Kinder eben. Grausam und undankbar. Lasst uns lieber zu etwas Erfreulicherem kommen. Zu euren Geschenken!“

„Au ja“, freute sich meine Mutter überschwänglich.

„Das hier ist für dich, Mama“, sagte ‚Adrian‘ und zog eine winzige, metallene Gottesanbeterin aus seinem Sack, „ein kleines Haustier. Direkt aus den Maschinengärten von Dank Qua.“

Meine Mutter streckte die Hand aus und nahm das Insekt entgegen, welches sofort damit begann in ihre Hand zu beißen und kleine Stücke Fleisch davon abzureißen. Rotes Blut tropfte auf den hellen Teppichboden, „Och wie goldig“, sagte meine Mutter, so als hätte sie nichts davon bemerkt, „sie sucht sich selbständig Futter. So ein tolles Geschenk!“

Ich wollte ihr helfen, die Gottesanbeterin von ihrer Hand wegnehmen, aber als ich es versuchte schlug meine Mutter meine Hand weg. „Das ist mein Spielzeug“, sagte sie knurrend, „Spiel mit deinem Eigenen.“

„Was bekomme ich?“, erkundigte sich mein Vater ungeduldig, wobei er keine Notiz davon nahm, dass die Gottesanbeterin, die gerade von der Hand auf ihren Arm weiterkletterte, um das Fleisch dort zu kosten, meine Mutter zerfetzte.

Vor unverhohlener Vorfreude glucksend holte ‚Adrian‘ einen weiteren Gegenstand aus dem Sack. Es war die in Cellophan eingepackte Nachbildung eines Virus aus weißer Schokolade mit knallrot leuchtenden Rezeptoren aus Marzipan.

„Das sieht ja lecker aus“, sagte mein Vater, riss ‚Adrian‘ die Süßigkeit förmlich aus der Hand und leckte sich über die Lippen, während er das Virus auspackte.

„Das ist eine erlesene Nascherei aus Hyronanin“, sagte ‚Adrian‘ stolz wie ein Weinkenner, der über ein besonders exklusives Anbaugebiet redete.

„Nein, Papa“, versuchte ich ihn zu warnen, „Schmeiß das weg. Das wird deine Gesundheit ruinieren!“

„Ach quatsch“, sagte mein Vater lächelnd bevor er sich den Virus in den Mund schob und herzhaft darauf herumkaute, „heute ist Weihnachten, da kann man sich ruhig einmal etwas gönnen.“

Kurz darauf begann Blut aus seinem Mund zu laufen, als hätte er in ein zu kurz gebratenes Steak gebissen. Seine restlichen Haare fielen ihm aus, als sich ein gelblicher, feuchter Schorf auf seiner gesamten Kopfhaut bildete. Er brach zusammen und hustete einen Klumpen blutigen Schleims auf den Teppich. „Echt lecker“, würgte er keuchend hervor, „nur etwas scharf“. Erneut hustete er, wobei diesmal neben Blut auch Magensäure und ein paar Zähne auf den Boden spuckte. Angewidert und geschockt blickte ich zu meiner Mutter. Ihre Arme, ihr Hals und ihre Schultern waren von tiefen, blutigen Wunden durchzogen, die die Gottesanbeterin wie Tunnel in sie hineingefressen hatte. Ihr linker, kleiner Finger fehlte und ihr rechter Mittelfinger hing nur noch an einigen dünnen Gewebefäden. Der dümmlich verzückte Ausdruck verschwand aus ihrem Gesicht und machte Schrecken und Verzweiflung Platz. „Hilf mir, mein Junge!“, brüllte sie unter Tränen, „warum hilfst du mir nicht. Warum bist du fortgegangen? Warum hast du uns alleingelassen?“

„Ich bin hier, Mama!“, sagte ich und hörte, wie sich meine Stimme dabei vor Trauer und Bedauern überschlug, doch schien sie mich nicht zu hören. Verzweifelt versuchte ich nach dem Metalltier zu greifen, welches sich nun gierig schmatzend auf den Bauch meiner Mutter zubewegte. Doch das Insekt war zu schnell, sprang oder rannte immer wieder vor meinen zupackenden Fingern weg oder biss mir seinerseits mit seinen eisernen Beißwerkzeugen in die Hand. Schon bald konnte ich meine Hand vor lauter Schmerz kaum noch bewegen. Ich hörte ein grauenhaft klingendes Husten und nahm dann einen süßlichen Geruch wahr. Ich drehte mich um und sah wie flüssiger, rotbrauner Durchfall und von roten Schlieren durchzogener Urin durch die gestreifte Schlafanzughose meines sich in Krämpfen windenden Vaters tropfte.

„Hör damit auf!“, verlangte ich, „Nimm das Vieh weg und gib meinem Vater Gesundheit, um ihn zu heilen. Ich bin mir sicher, dass du welche dabei hast.“

„Das stimmt“, sagte ‚Adrian‘ überlegen lächelnd, „aber ich gebe sie ihm nicht.“

„Du bist ein Monster. Ein seelenloses, leeres Monster!“, schrie ich mich selbst an und hatte dabei ein eigenartiges DejaVu-Gefühl.

„Du hast keine Ahnung, wie es in mir aussieht“, erwiderte ‚Adrian‘ streng, „ich habe mehr Seele in mir, als du ermessen kannst und ich habe eine Mission, einen Traum, der mich über jede Leere hinweg trägt. Leider muss ich manchmal notwendige Opfer bringen. Um zu Überleben, um Weiterträumen zu können.“

„Das ist kein …“, begann ich, wurde aber von einem bestialischen Schrei abgelenkt, der aus der Kehle meiner Mutter drang. Die Gottesanbeterin hatte sich verwandelt. In einen Gräber. In einen verfluchten Gräber aus Konor, der sich wie eine ausgehungerte Ratte in den Bauch meiner Mutter fraß, und darin verschwand. „NEIN!“, kreischte ich, gefangen in einem Strudel aus Schuld, Mitleid und Trauer, als sich der Bauch meiner Mutter wie ein Ballon aufblähte, ihren Pullover aufsprengte, hart und schwarz wurde und letztlich in einem Schwall aus Gedärmen, Blut und kleinen Gräbern explodierte, die sich sofort wieder in Gottesanbeterinnen verwandelten und in alle Richtungen davon krabbelten. Leer und ausgeschabt lag der Bauchraum meiner Mutter vor mir. „Es tut so weh“, sagte sie, „so unglaublich weh“

„Du lebst noch?“, fragte ich schockiert.

„An Weihnachten stirbt niemand“, sagte ‚Adrian‘ gackernd. Dann holte er noch etwas aus seinem fast leeren Sack. Es war ein Katalog, erkannte ich. Ein alter Reisekatalog.

„Was tust du?“, fragte ich, während er darin blätterte.

„Weiter reisen“, sagte ‚Adrian‘, „das Fernweh ruft mich.“

„Du kannst uns doch nicht mit all dem Chaos, mit all dem Leid, dass du angerichtet hast, zurücklassen“, protestierte ich, während ich vergeblich versuchte ihm den Katalog mit meinen kleinen, blutigen Fingern zu entreißen.

„Oh doch“, sagte er lächelnd, als er bei den schwarzen Seiten angekommen war, „ich bin ein Fortgeschrittener. Genau das ist es, was wir tun.“

Dann verschwand er von einer Sekunde auf die andere und ließ mich mit meinen Eltern allein zurück. „Ich habe solchen Hunger, mein Junge“, sagte mein Vater, den ich kaum noch erkennen konnte. Sein Gesicht war aufgequollen und übersät mit Geschwüren, seine Lippen aufgeplatzt und rissig und sein Atem stank wie die Hölle. Doch in seinen verkrusteten Augen wohnte tatsächlich Hunger. Alles verzehrender Hunger.

„Ich kann in die Küche gehen und dir etwas zu Essen machen“, sagte ich, wobei ich versuchte mir meinen Ekel nicht anmerken zu lassen.

„Das ist lieb, Kleiner“, sagte mein Vater hustend und mit verzerrter, nuscheliger Stimme, „aber ich glaube, ich probiere lieber eine dieser Kopffrüchte. Die Gärtner und die Kannibalen aus Dank Qua schwören darauf und sie sollen gut fürs Gehirn sein.“

Eine Sekunde später krabbelte mein Vater so schnell wie eine aufgescheuchte Spinne auf meine Mutter zu, griff nach ihrem Kopf, brach ihn mit bloßen Fingern auf und holte ein Stück Hirngewebe aus ihrem Schädel, bevor er es wie eine Spaghetti in seinen von Geschwüren bedeckten Mund gleiten ließ.

„Das Artian-Re ist das Beste daran, mein Sohn“, sagte er schmatzend, „vom Ministerium empfohlen!“

„Mama!“, schrie ich vollkommen verzweifelt.

„Wie kann ich dienen?“, fragte sie mechanisch. Ihr Blick war leer und tot.

„So viel zur Vorspeise“, sagte er, wobei Blut und irgendeine schwarze Flüssigkeit aus seinem irre grinsenden Mund hervorquoll, „nun beginnt das Hauptgericht“. Er leckte sich ein letztes Mal über die Lippen und furzte einen weiteren Schwall krankhaften, blutigen Durchfalls aus. Dann begann er sich wie ein tollwütiges Tier auf den geschunden Körper meiner Mutter zu stürzen. Überall roch es nach Blut, Exkrementen, Erbrochenem, Angst und Schmerz. Das war der Moment, indem ich endgültig in blanke Panik verfiel, die umso heftiger ausfiel, da ich im Körper eines kleinen Jungen steckte. Ich musste hier raus, dachte ich, egal was mich dort erwarten würde. Ich stürmte zur Tür rüttelte daran und bekam sie schließlich auf, als mir wieder bewusst wurde, dass ich dafür die Klinke herunterdrücken musste. Doch als ich ein paar Schritte auf dem von ordentlich geschnittenen Hecken umrahmten Pflaster im Eingangsbereich meines Elternhauses tat, bemerkte ich, dass es nicht weiterging. Dahinter lag mit einem Mal vollkommene Schwärze. Nicht die Schwärze einer mondlosen Nacht in einem Dorf auf dem Land, sondern die kompromisslose Schwärze der Nichtexistenz. Es war, als hätte ein Leveldesigner jenseits meines Elternhauses seine Arbeit eingestellt und mir war vollkommen klar, was das bedeutete. Ich, der Fortgeschrittene, der Reisende durch das Multiversum, der Überlebende vieler Welten, war am Ort meiner Kindheit eingesperrt.

„Das war gut“, hörte ich meinen Vater hinter mir wie betrunken sagen, während das Geräusch torkelnder Schritte darauf hinwies, dass er zu mir unterwegs war, „aber ich habe immer noch Hunger.“

Auch wenn mir das unendliche Nichts ringsumher unfassbare Angst machte, warf ich alle Bedenken über Board und rannte darauf zu. Besser darin verschwinden, als das erleben, was mein Vater mit mir vorhatte. Doch als ich die Schwärze berührte, verschwand ich nicht darin, löste mich nicht auf. Stattdessen dehnte sie sich nur wie eine unsichtbare Membram und plötzlich erschien in der ferne ein geisterhaftes Licht. Ein wunderschönes, verlockendes Licht und eine Stimme, die …

„Werd‘ verdammt noch mal wach, du Freak“, verlangte Sandra in ihrem besten, autoritären Sahkscha-Tonfall, „ich dachte ja, es würde mir Spaß machen, dich zu schlagen. Aber irgendwann verliert es seinen Reiz.“

Ein weiterer Schlag traf meine Wange, die sich bereits anfühlte, als hätte man sie einmal ordentlich mit einem Bügeleisen bearbeitet.

„Du kannst aufhören!“, sagte ich noch immer schlaftrunken, „ich bin wach.“

„Endlich“, sagte Sandra genervt, „so langsam tut mir schon die Hand weh.“

Erst jetzt wurde mir bewusst, dass mein Kopf auf ihren nackten Oberschenkeln ruhte. Das Gefühl ihrer nackten Haut – ob nun schlammverkrustet oder nicht – an meinem Nacken, war gerade das Schönste, was ich mir vorstellen konnte. Abgesehen davon natürlich, nicht mehr in dieser grauenhaften Version meines Elternhauses zu sein. Ich spürte wie Tränen der Erleichterung über meine Wangen liefen.

„Jetzt fang nicht auch noch an zu heulen“, sagte Sandra streng, „ich komm mir auch so schon vor, wie ‘ne Mami, die ihren unartigen Sohn züchtigt. Du glaubst gar nicht, wie abtörnend das ist.“

„Sorry“, sagte ich und rieb mir die Tränen aus den Augen.

„Du siehst grauenhaft aus“, kommentierte Sandra geradeheraus.

„Danke“, knurrte ich, „allerdings wundert mich das auch nicht. Ich fühl mich nämlich auch genau so. Warum hast du mich überhaupt wach gemacht? Ich dachte, du hast mir den Albtraum gegönnt.“

„Das dachte ich auch“, sagte Sandra und ein wenig Reue schwang in ihren Worten mit, „ich hasse dich für das, was du getan hast. Für den Tod von Korf und noch mehr dafür, dass du mir meine Heimat und meine Macht genommen hast. Aber so sehr hasse ich dich nun auch wieder nicht. Ich habe selbst einige Stunden geschlafen, aber dann haben deine Schreie das unmöglich gemacht. Du hättest diese Schreie hören sollen, Adrian. Allein sie anzuhören hat mich schier um den Verstand gebracht. Einige der Schlammkriecher um uns herum haben so gut sie konnten die Flucht ergriffen. Selbst die Würmer und Schaben haben sich verpisst. Es wurde sogar so schlimm, dass ich kurz darüber nachdachte, dich zu erwürgen, nur damit du endlich still bist. Aber dann dachte ich: Nein, wenn du ihn jetzt tötest und es eine Art Jenseits gibt, was ich nach all meinen Abenteuern mit dem Katalog durchaus für möglich halte, dann würdest du sicher in den grauenhaften und schrecklichsten Tiefen dieses Jenseits landen und ich mag dir so einiges gönnen – aber das gönne ich dir nicht.“

Sie seufzte und dann sah sie mich fast wieder so an wie damals, als sie mir im Thronsaal ihre Geschichte erzählt hatte. „Immerhin bist du ein Fortgeschrittener. Du bist praktisch Familie. Die einzige, die ich noch habe und du hast den großen Vorteil mit mir gemeinsam weiterreisen zu können. Ich wäre dumm, wenn ich mich deiner entledigen würde.“

„Danke“, sagte ich und empfand es auch so.

„Dank mir nicht zu früh“, sagte Sandra nun wieder betont streng, „wir sind noch nicht im Reinen miteinander. Mein Zorn auf dich ist noch längst nicht verflogen und du hast ‘ne Menge Arbeit vor dir, wenn du all die Scheiße, die du mir eingebrockt hast, auch nur annähernd wieder gut machen willst. Außerdem hat sich unsere Situation in diesem Drecksloch noch um keinen Deut verbessert.“

„Vielleicht sollten wir direkt wieder von hier verschwinden“, schlug ich vor, „das heißt, falls du deinen Katalog noch hast.“

„Natürlich hab ich ihn noch“, sagte sie als wäre es völlig undenkbar, ihn zu verlieren, „er ist zwar verdreckt bis zum Gehtnichtmehr, aber die schwarzen Seiten sind wie durch Zauberhand von all dem Schmutz verschont geblieben. Vielleicht schützen sie sich auch selber. Trotzdem hab ich ihn sicherheitshalber zu deinem in den Rucksack gestopft.“

Sie schien den ungläubigen Blick zu bemerken, den ich ihr zuwarf.

„Jetzt schau nicht wie ‘ne erwürgte Eidechse. Ja, mir ist durchaus bewusst, dass du mit dem Ding abrauschen könntest, aber selbst dich halte ich nicht für so dumm, mich nochmal zu hintergehen. Immerhin brauchst du jemanden, der dich aus deinen Träumchen wachrüttelt, bevor sie dich endgültig den Verstand kosten. Glaub mir, das ist echte Knochenarbeit. Ich hab dich seit fast ‘ner Stunde bearbeitet, bevor du endlich die Augen aufgemacht hast. Ohne mich hättest du sicher noch Stunden weiter geschlummert und geschrien.“

Allein die Vorstellung noch länger mit meinem kannibalischen, kranken Vater und der abgenagten Leiche meiner Mutter in meinem Elternhaus gefangen zu sein, ließ mir fast das Herz stocken. So müde ich auch immer noch war, ich hätte keine Sekunde länger mit dieser Art von Schlaf verbringen mögen.

„Ich würde dich auch dann nicht hier zurücklassen, wenn ich dich nicht als Wachmacherin benötigen würde“, erwiderte ich, „denn immerhin liebe ich dich immer noch und …“

„Vorsichtig mit diesem Wort mein Freund“, warnte Sandra mich, „Ich würde an deiner Stelle einen großen Bogen um solche Begriffe machen, bis ich mir sicher bin, dir nicht doch aus einem Impuls heraus deine Kehle raus zu reißen, wenn ich sie höre. Glaub mir, Adrian, das ist besser für deine Gesundheit.“

„In Ordnung“, sagte ich kleinlaut und wechselte schnell das Thema, „also was ist nun? Sollen wir uns hier verpissen?“

„Darüber habe ich auch schon nachgedacht“, sagte sie, „doch sei ehrlich, Adrian. Könntest du die Geheimnisse dieses Ortes einfach unergründet lassen? Von diesem wunderschönen Licht ganz zu schweigen.“

Ich forschte in mir nach einer ehrlichen Antwort und fand sie. „Nein“, antwortete ich, „wahrscheinlich nicht“ und nach kurzem Zögern fügte ich hinzu „Vielleicht liegt in diesem Licht ja auch irgendwo die Heilung für meine Albträume. Irgendwie könnte ich mir vorstellen, dass es einfach alles heilen könnte.“

„Da geht es mir ähnlich“, sagte Sandra, „auch ich habe genug Wunden, die ich gerne loswerden würde. Also sind wir uns wohl einig, den Katalog nur im absoluten Notfall zu benutzen und uns bis dahin darauf zu konzentrieren einen Weg hinein in die Festung zu finden.“

„Ich kenne womöglich einen“, sagte ich und klärte sie in knappen Worten über mein Gespräch mit Pingo auf.

„Das klingt nicht sonderlich ermutigend“, kommentierte Sandra meine Ausführungen, „ich hatte gehofft, dass wir selber einen Weg hineinfinden könnten, nicht dass wir von der Meinung irgendeines Alien-Psychotherapeuten abhängig sind. Und die Sache mit dem schwarzen Malmer gefällt mir sogar noch viel weniger. Hältst du diesen Pingo denn für vertrauenswürdig? Immerhin ist er anscheinend dabei, sich in einen Stein zu verwandeln.“

„Ich glaube dennoch nicht, dass er lügt oder fantasiert. Wenn er gerade nicht in Gedichten spricht, wirkt er sogar äußerst rational. Außerdem werden wir schon bald merken, ob er die Wahrheit sagt.“

„Da könntest du recht haben“, sagte Sandra nachdenklich, „demnach ist Warten alles, was wir bis dahin tun können?“

„Sieht so aus“, sagte ich, „immerhin erscheint es mir besser als zu schlafen.“

„Also ich könnte durchaus noch etwas Ruhe gebrauchen“, sagte Sandra gähnend, wobei sie sich streckte und räkelte.

„NEIN!“, flehte ich sie an, „Bitte nicht!“

„Schon gut“, erwiderte sie, „jetzt reg dich mal ab, du Memme. Mama bleibt ja schon wach. Wenn du nicht schlafen willst, können wir uns ja ‘ne Runde unterhalten.“

„Worüber denn?“, fragte ich.

„Nun, zum Beispiel von wann du kommst“, schlug Sandra vor.

„Von wann?“, fragte ich verwirrt.

„Ja, von wann“, bestätige Sandra, „als du mir im Thronsaal deine Lebensgeschichte erzählt hast, hast du einige Dinge erwähnt, mit denen ich nichts anfangen konnte. ‚Smart-Phones‘ zum Beispiel, ‚Streaming-Dienste‘ und vor allem andauernd dieses Internet, so als gäbe es kaum noch etwas Wichtigeres auf der Welt, als sich für teures Geld durch irgendwelche Textbildschirme zu arbeiten. Ich hatte damals nicht nachgehakt, da ich ganz andere Sorgen gehabt hatte, aber ich habe mich dennoch gelegentlich gefragt, ob es bei unseren Reisen zu zeitlichen … Anomalien kommen könnte. Also, Adrian. Von wann kommst du?“

„Den Katalog habe ich, glaube ich, im Mai 2018 gefunden. Wann ich die Erste der schwarzen Seiten aufgeschlagen habe, weiß ich jedoch nicht mehr.“

„Interessant“, sagte Sandra und hob dabei eine Augenbraue.

„Und wann war es bei dir?“, fragte ich, nun tatsächlich neugierig geworden.

„Ich habe den Katalog im November 1994 entdeckt“, antwortete Sandra.

„Das ist … das ist unmöglich“, stotterte ich und wusste zugleich, dass das nicht stimmte. ALLES war möglich. Zumindest, wenn man ein Fortgeschrittener war.

„Anscheinend nicht“, sagte Sandra nachdenklich, „wie es aussieht, trennen uns nicht nur unterschiedliche Kindheits- und Jugenderlebnisse und unterschiedliche Vorstellungen von Loyalität, sondern auch eine Menge Jahre. Wie alt bist du, Adrian?“

„Genau weiß ich das nicht“, sagte ich wahrheitsgemäß, „als ich aufbrach war ich neunzehn, inzwischen wahrscheinlich zwanzig, vielleicht aber auch einundzwanzig. Ich hatte kaum Gelegenheit meinen Kalender aktuell zu halten.“

„Ich bin damals sechsundzwanzig gewesen“, erwiderte Sandra, „inzwischen sollte ich ungefähr dreißig Jahre alt sein. Zusammen mit dem Zeitunterschied reicht das locker aus, um deine Mutter sein zu können. Glückwunsch, Motherfucker!“

Sandra lachte trocken, wirkte jedoch auch traurig.

„Was ist?“, fragte ich.

„Kannst du dir das nicht vorstellen?“, gab Sandra zurück, „ich hatte mich damit abgefunden nie mehr in meine Heimat zurückzukehren, aber dennoch hatte es immer die theoretische Möglichkeit gegeben, dass ich in irgendeiner dieser Welten, vielleicht sogar in Konor, über ein Artefakt stolpern würde, dass mir eine Heimkehr ermöglicht. Versteh mich nicht falsch, ich liebe das Reisen, so schrecklich viele der Welten in dem Katalog auch sind, so sind sie doch besser als mein altes Leben. Aber ich hasse es, keine Wahl zu haben. Ich will zumindest die Chance haben, meine Heimat von Zeit zu Zeit zu besuchen, denn auch wenn meine Eltern Drecksäcke waren, würde mich interessieren, was aus ihnen geworden ist und es gab da auch einige gute Freunde, die ich sehr gerne wiedersehen würde. Nachdem du aber nun meine Vermutungen bestätigt hast, glaube ich nicht, dass daraus nochmal etwas werden wird. Meine Eltern sind wahrscheinlich inzwischen tot oder sehr alt und meine Freunde von damals haben mich wahrscheinlich längst vergessen und selbst wenn nicht, würde ich ihnen meine Abwesenheit – und meine relative Jugend – wohl kaum erklären können. Anders als du, Adrian, habe ich meine Heimat wirklich verloren.“

„Ich bin mir nicht so sicher“, sagte ich ,“damals, als ich Ernter in Hyronanin gewesen war, hatte ich die Erde zwar zumindest für eine Stunde besucht und keine großen Veränderungen festgestellt, aber niemand garantiert mir, dass die Zeit in Konor oder hier in Uranor nicht doch anders vergeht. Gut möglich, dass wir inzwischen schon das Jahr 2078 haben, und meine Eltern und Bekannten auch längst tot sind. Andererseits kann es aber auch immer noch sein, dass wir etwas finden, dass uns nicht nur an den Ort, sondern auch in die Zeit zurückschickt, die wir uns wünschen.“

„Ich weiß deine Versuche, mich aufzumuntern, zu schätzen“, sagte Sandra und lächelte dabei so mädchenhaft wie lange nicht mehr, „allerdings ist das mit der Heimreise wahrscheinlich ohnehin nur ein verrückter Traum. Ich könnte nicht mehr an mein altes Leben anknüpfen. In Wahrheit habe ich schon sehr viel von meiner früheren Identität verloren. Ich habe es noch niemandem erzählt, Adrian, aber Sandra ist nicht mein richtiger Name. Er gehörte meiner besten Freundin. Meinen richtigen Namen habe ich vergessen.“

Ohne mich dagegen wehren zu können, begann ich laut zu kichern. Sofort verfinsterte sich Sandras Gesicht.

„Was gibt es da zu lachen, du dummes Arschloch!“, donnerte sie.

„Gar nichts“, sagte ich beschwichtigend, „Sorry. Es ist nur so, dass du damit nicht allein bist. Auch ich habe meinen eigentlichen Namen vergessen.“

„OK“, sagte sie, nun wieder grinsend, „das ist tatsächlich schräg. Offenbar gehört das zu den vielen Nachteilen, wenn man ein Fortgeschrittener ist.“

„Offensichtlich“, stimmte ich ihr zu.

„Gut. Da unser beider Vergangenheit schwindet, sollten wir besser darüber reden, solange wir noch können. Also sag mir doch, so von Identitätsdieb zu Identitätsdieb: Was ist in den vierundzwanzig Jahren zwischen 1994 und 2018 alles so passiert?“

„Puh“, sagte ich, „wo soll ich da anfangen?“

„Ich erwarte ja nicht, dass du mir eine komplette historische Abhandlung lieferst. Ein paar Highlights reichen vollkommen.“

„In Ordnung“, sagte ich, „Also. Terroristen haben 2001 das World Trade Center in New York zerstört, wonach es eine Reihe Stellvertreterkriege gab. Deutschland wird seit 2005 von einer Frau namens Angela Merkel regiert und die USA seit 2017 von einem egomanen Irren namens Donald Trump. Europa hat eine gemeinsame Währung, der Weltuntergang wurde für 2012 angekündigt, kam aber nicht. Dafür haben die Nazis in Deutschland und halb Europa seit einigen Jahren wieder Aufwind, was wir umso deutlicher merken, da wir tatsächlich so gut zwei Drittel unseres Tages mit dem Internet verbringen, wo diese und andere Spinner ihren Hirnschrott in die Welt kotzen. Anders als zu deiner Zeit ist das Netz schneller, größer, günstiger und nicht nur was für Nerds. Handel, Kommunikation, Spiele, Geldtransfers, Business-Meetings, Partnersuche, Pornografie, Serien und Filme, soziale Interaktion und Selbstdarstellung, Sinnfindung, Zeitvertreib, Beleidigungen, Verschwörungstheorien und die verfickte Suche nach kleinen, grünen Männchen, Gott und rothaarigen, gepiercten, übergewichtigen Albino-Asiatinnen, die im Kopfstand Gruppensex mit einbeinigen, unrasierten Pferdemenschen haben, läuft darüber. Kontrolliert wird der ganze Zirkus von fetten, moralisch unterentwickelten Megakonzernen, die so viel Geld haben, dass sie aus purer Langeweile an Unsterblichkeit, Brain-to-Text-Anwendungen und Robotern forschen, die wahrscheinlich irgendwann den Planeten übernehmen werden. Und da wir nun alle unseren – „Smartphones“ – genannten tragbare Überwachungsgeräte mit Telefon- und Internetfunktion mit uns führen, dringt der ganze Kram Nonstop in unsere überlasteten Gehirne. Aber man findet im Netz auch echt geile Dokus über fremde Länder und die Auswahl an exotischen Gerichten bei Restaurants und Lieferdiensten ist großartig. Das zumindest muss ich meiner Zeit lassen.“

„Wow!“, kam die verblüffte Antwort, „kein Wunder, dass du dich in Konor so gut gemacht hast. Gegen deinen Alltag muss das geradezu entspannend gewesen sein.“

„So würde ich das jetzt nicht aus drücken“, sagte ich, „eigentlich habe ich dort in einer verdammt privilegierten Wohlstandsblase gelebt. Krieg kannte ich nur aus dem Fernsehen, dem Internet oder aus Geschichtsbüchern. Selbst den kalten Krieg, von dem du ja durchaus noch etwas mitbekommen hast.“

„Jetzt kennst du den Krieg aber“, kommentiere Sandra melancholisch, „genau wie ich.“

„Oh ja“, sagte ich düster, „jetzt kenne ich ihn.“

Plötzlich wurde es um uns hell. Heller als noch einige Sekunden zuvor.

„Verlorener“, erklang eine helle, weibliche Stimme, „das Licht begehrt Antworten. Willst du sie ihm geben?“

Überrascht drehte ich mich um und sah eines der Glaswesen, von denen Pingo gesprochen hatte. Es war tatsächlich in ein helles Licht getaucht. Trotzdem erkannte ich eine schlanke, ernsthafte, weibliche Gestalt, die in eine leichtes, weißes, fast griechisch anmutendes Gewand gehüllt war. Ihr Kopf war von schneeweißen, schulterlangen Haaren eingerahmt.

„Ja, ich will“, sagte ich wie ein Bräutigam vor einer mit der Pistole erzwungenen Trauung. Eigentlich würde ich mich gerade lieber mit Sandra unterhalten als mit dieser mysteriösen Fremden. Aber laut Pingo war das hier mein mögliches Ticket in die Festung und was hatte ich bei diesem ersten Gespräch schon zu verlieren.

„Gut“, antwortete die Stimme, hob den rechten Arm und schleuderte Sandra mit einem weißen Lichtstrahl einige Meter durch den Schlamm.

„Hey, was soll das?“, protestierte ich, „Sandra hat nichts getan.“

„Es ist nicht ihre Stunde“, sagte die Glasfrau, die mich vage an meine verhasste Religionslehrerin erinnerte, und in diesem Moment entstand aus dem Nichts heraus um uns herum eine kuppelartige Kugel aus Milchglas, die uns vollständig einhüllte. Als sie sich geschlossene hatte, sah ich nichts mehr außer der unbekannten Frau, dem Licht und milchigem, weißen Glas. Der Schlamm, die Insekten, der seltsame Himmel, Sandra und sogar die Festung waren verschwunden. Anders als das Licht in der Festung war dieses Licht jedoch nicht schön, warm und beruhigend. Es war eiskalt. Forschend. Entblößend. Misstrauisch. Es wollte Antworten und es würde sie bekommen. Um jeden nur denkbaren Preis.

„Wer bist du?“, fragte ich und spürte einen scharfen Schmerz, als eine Peitsche aus Licht, die aus dem Körper der Gestalt kam, einen roten, blutenden Schnitt auf meiner Wange hinterließ. Instinktiv wartete ich darauf, dass Karmon meine Wunde heilen würde. Aber das tat er nicht. In Wahrheit spürte ich ihn hier drin kaum.

„Ich stelle Fragen. Du gibst Antworten“, sagte sie streng,

„Wie lauten deine Sünden?“

„Nun“, sagte ich, da ich wenig Lust hatte mein Seelenleben unter diesen Bedingungen preiszugeben, „manchmal esse ich wirklich zu viele Schokoriegel und kann mit diesen gottverdammten, beschissenen Hurensohn-Chipstüten nicht aufhören, wenn ich einmal damit angefangen habe. Und wie du vielleicht schon bemerkt hast, fluche ich für mein Leben gerne. Außerdem sehe ich sündhaft gut aus, auch wenn ich da ja eigentlich nichts für kann.“

Ein weiterer Hieb. Fester. Diesmal auf der anderen Wange.

„Dein Sarkasmus hilft dir hier nicht, Verlorener“, sagte die Glasfrau, „er ist eine Waffe des Dunklen. Des vielfachen Dunklen, welches in dir wohnt und brütet. Enthülle es, befreie dich davon und du sollst Erlösung finden. Also, wie lauten deine Sünden?“

„Ich habe mal ein Glas zerbrochen“, sagte ich keuchend und mit einem schmerzverzerrtem Lächeln, „war das vielleicht mit dir verwandt?“

Erneut ein Schlag, diesmal quer über die Brust. Warmes Blut sickerte über meinen Oberkörper. Die Wunde brannte tierisch. Es heilt wirklich nicht, begriff ich endgültig. Ewig kann ich so nicht weitermachen. Aber dennoch …

„Was wollt ihr eigentlich mit dieser Inquisitionsscheiße erreichen?“, fragte ich schwer atmend, „klar, ihr könnt mich halbtot prügeln und so lange quälen, bis ich euch irgendetwas erzähle, dass euch abgefuckt und krass genug erscheint, um es mir zu glauben, ganz egal, ob ich es getan habe oder nicht. Aber wenn ihr wirklich die Wahrheit hören wollt, solltet ihr euch lieber wie zivilisierte Wesen verhalten und mir zum Beispiel überhaupt mal erklären, wo ich hier bin, wie euer Volk heißt, wie du heißt und warum zum Teufel Wesen, die in so einem wunderschönen, warmen Licht existieren, dennoch so grausam sind all diese Leute im kalten Schlamm frieren, auspeitschen oder vom schwarzen Malmer fressen zu lassen.“

Einen Moment lang dachte ich, dass sie mich nun erneut bestrafen würde, aber der strenge, heilige Zorn, der bislang auf ihrem Gesicht gewohnt hatte, wich etwas anderem. Womöglich Enttäuschung?

„Ich sehe, du bist noch nicht bereit“, sagte sie beinah traurig, „das Dunkel in dir verhindert jede Selbsterkenntnis. Es muss entfernt werden, bevor wir fortfahren können.“

„Was meinst du damit?“, fragte ich und spürte zugleich aus schier unendlicher Ferne, wie der Kwang Grong sich in mir verkrampfte. Er kannte die Antwort auf diese Frage genau so wie ich.

„Wir werden alles entfernen, Verlorener“, sagte sie, wobei ein verzücktes Lächeln auf ihrem Gesicht erschien, so als könnte sie die Prozedur vor lauter Vorfreude kaum erwarten, „das falsche Fleisch und die falsche Seele. Wir werden es herausschneiden und ausbrennen im Namen der Himmel von Uranor. Und dann wirst du alles gestehen!“

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