Fortgeschritten: Die Lebensmärkte von Deovan

Es hatte Tarena und mich ziemlich viel Überwindung gekostet unsere seelische Lähmung abzuschütteln und den unerwarteten Raum genauer in Augenschein zu nehmen, aber letztlich ist es uns gelungen. „Durch die Tür?“, schreibt Tarena in den staubigen Boden.

„Ja“, antworte ich, während ich Andy, der nicht weniger traumatisiert scheint, als wir, sanft über den Kopf streiche, „aber noch nicht direkt. Erst untersuchen wir die Kisten. Vielleicht gibt es dort etwas Nützliches zu finden.“

Tarena wirkt nicht begeistert von meinem Vorschlag, aber sie nickt trotzdem und so machen wir uns daran die alten Kartons und Kisten zu durchwühlen. Leider ist das Ergebnis wenig berauschend. Die meisten Kisten sind gefüllt mit Tapetenfetzen, Pappstücken, alten Flaschen, Stoffresten und anderem wenig nützlichen Kram, der ausnahmslos feucht und klamm, wenn auch immerhin nicht verschimmelt oder verrottet ist. Dennoch bildet sich auf meinen Fingern bereits nach kurzer Zeit ein schmieriger, widerlicher Staubfilm, den ich instinktiv versuche, an meiner ohnehin schon dreckigen Kleidung abzustreifen, es jedoch schließlich aufgebe, da ständig neuer Staub den Platz des alten einnimmt.

In einigen Kisten immerhin, finden sich auch Dinge, die man nicht mehr nur als Müll, sondern mit etwas gutem Willen auch als Trödel bezeichnen kann.

Vieles davon ist Spielzeug. Alte LEGO-Figuren mit kleinen Schäden und oft verblassten Gesichtern, ein Kassettenrekorder mit Blümchenmuster, Actionfiguren mit Schwertern und Kanonen, traurig blickende Puppen mit dreckigen Kleidern und dergleichen mehr. Kindheitserinnerungen fluten meinen Kopf und eine Welle von Nostalgie erfasst mich, die schwermütig und beängstigend, aber nicht allein negativ ist und die mich sogar dazu bringt eine der LEGO-Figürchen – einen schwarzen Ritter mit abgebrochener Lanze – einzustecken. Kaum da ich die Figur in meinem Rucksack verstaut habe, habe ich das Gefühl einen Teil meiner Selbstsicherheit zurückzugewinnen. Warum, kann ich nicht sagen, aber in dieser bedrückenden Umgebung nehme ich jedes bisschen Halt, das ich bekommen kann dankend an.

Ich fahre damit fort das Gerümpel auf Nützliches oder Aufschlussreiches zu durchsuchen. Die meisten Spielzeuge haben einen irdischen Ursprung, auch wenn ich gelegentlich Objekte entdecke, deren Form oder Zweck mir unbekannt ist und die manchmal mit seltsamen, fremden Schriftzeichen verziert sind. Ich entdecke sogar kleine Peitschen und Daumenschrauben, von denen ich vermute, dass man sie so auch in den Spielwarengeschäften von Andradon finden kann.

Während ich die muffigen, chaotischen Kisten durchwühle, erwacht auch Andy aus seiner Apathie und seine Insektenaugen scheinen jede meiner Bewegungen interessiert zu verfolgen.

„Was?“, krächzt Tarena ausnahmsweise mit ihrer kaum für menschliche Laute gemachten Stimme und deutet auf einen der Kartons.

„Das sind Spielzeuge. Man gibt sie Kindern zum Zeitvertreib, zum Lernen und vor allem, damit sie Spaß damit haben können. Seltsamerweise stammen die meisten davon aus meiner Heimatwelt“, erkläre ich ihr.

„Ich verstehe“, schreibt Tarena in den Staub, „unsere Jungen spielen auch manchmal. Mit Resten von Jagdbeute, mit Stöcken, mit Früchten. Aber nicht immer. Viele sehr fantasielos. Sehr ernst. Aber wenn aus deiner Welt, wie Dinge kommen nach Xakrischidaa?“

„Ich weiß es nicht“, gestehe ich ein, „um ehrlich zu sein, kann ich es mir gerade nicht einmal im Ansatz erklären, aber ich glaube nicht, dass es etwas Gutes bedeutet.“

„Vielleicht doch“, erwidert Tarena unerwartet, „schau dir Andy an.“

Ich gehorche. Andy gibt einen krächzenden, zirpenden, aber durchaus vergnügten Laut von sich und deutet wild auf die Kiste, die ich gerade durchsuche. Da ich natürlich ahne, was der Grund für sein Verhalten ist, halte ich ihm nacheinander ein paar der Spielzeuge entgegen, doch erst, als ich ihm eine dunkelhaarige, weibliche Puppe mit einem blau karierten Kleid präsentiere, nimmt er sie in seine Klauenarme und drückt sie fröhlich zirpend an sich.

„Womöglich hast du recht“, sage ich lächelnd, und Tarena, die der Anblick des glücklichen Andy wohl ebenfalls sehr zu rühren scheint, nimmt uns beide in den Arm. Für einen Moment brich die allgegenwärtige depressive Schwärze auf, wie bei einem Ertrinkenden, der ein Loch in die Eisdecke des zugefrorenen Sees geschlagen hat, der ihn gefangenhält. Viel zu schnell jedoch wird dieses Gefühl wieder unter Eis begraben. Tarenas Umarmung endet und selbst Andys Zirpen verstummt. Trotzdem habe ich noch immer das Gefühl, dass die Hoffnungslosigkeit in mir, ein winziges Bisschen abgenommen hat.

Spätestens jetzt jedoch, verebbt mein Interesse an den Kisten und an allem anderen, was es hier zu finden geben könnte. Stattdessen beginnt der Raum schlagartig an subtiler Bedrohlichkeit zu gewinnen. Die Kisten sind nicht länger nur Kisten, sondern überreife Nester fremder, unaussprechlicher Kreaturen. Und der Staub, der wie Schneeanhäufungen zwischen ihnen liegt, beginnt wie durch einen unmerklichen Windstoß zu zittern und scheint sich dann ganz langsam, scheinbar aus eigenen Willen auf uns zuzubewegen. Es ist, als würde der Dachboden dagegen aufbegehren, dass wir die Frechheit besessen haben, in seinem Inneren auch nur für einen Augenblick so etwas wie Glück zu empfinden.

Die Angst immerhin ist eine Waffe, die sich wunderbar gegen die brütende Trostlosigkeit und Taubheit nutzen lässt. Und so gibt sie uns die Kraft, auf die Tür zu zurennen, die sich problemlos öffnen lässt. Dahinter erwartet uns ein gähnender, tiefer Abgrund, dessen Boden ich nicht erkennen kann, da lediglich eine mickrige, verdreckte Funzel an der Decke brennt.

Schon spüre ich, wie die Verzweiflung wieder ihren Griff um mich festigt, während ich hinter uns das leise Rascheln des näher kommenden Staubs höre. Bevor ich jedoch erneut in lähmende Resignation verfallen kann, bemerke ich, wie Tarena mich an der Schulter berührt. Ich sehe sie an und mein Blick folgt ihrer nach unten gerichteten Klaue. Erst jetzt entdecke ich eine hölzerne Leiter mit weit auseinander stehenden Streben.

„Was würde ich nur ohne dich machen?“, frage ich sie, während ich voller Sorge feststelle, dass der Staub weiterhin langsam auf uns zukriecht.

„Weiterreisen“, antwortet sie rau und ich denke an den Katalog und frage mich, ob sie recht hat. Hätte ich ohne Tarena gerade überhaupt nur die Kraft zu atmen?

Zum Glück muss ich diese Frage nicht beantworten, sondern lediglich klettern, was mir eine viel leichtere Aufgabe zu sein scheint. Also setze ich Andy auf meine Schultern und beginne den Abstieg. Der kleine schlingt seine Klauenhände so fest um meinen Hals, dass er mir fast die Luft abdrückt. Erst als wir ein paar Schritte hinter und gebracht haben und auch seine Mutter sich uns angeschlossen hat, entspannt er sich etwas.

Der Abstieg dauert lang. Sehr lang und als wir endlich wieder festen Boden unter den Füßen haben, zittern meine Arme von der Anstrengung. Der Boden ist diesmal nicht aus Holz, sondern aus Stein. Die Wände sind mit altem, rissigen Putz bedeckt und an ihnen lehnen rostige Eisenstangen, Bettrahmen, sogar Fahrräder. Ein Keller. An der Decke flackert wieder jenes unangenehme, funzelige Licht. Auch hier liegt Staub, wenn auch etwas weniger und er scheint sich nicht zu bewegen. Noch nicht. Dafür treibt er wirbelnd durch die Luft und lässt mich hin und wieder husten, was auch Tarena und Andy betrifft, nur das dieses Husten bei ihnen schrill und fremdartig klingt. Tarena nimmt eine kürzere Eisenstange mit sich, was ich für eine gute Idee halte. Staub lässt sich damit zwar nicht bekämpfen aber ich habe so das Gefühl, dass er nicht die einzige Bedrohung sein wird, mit der wir es hier zu tun bekommen werden.

Der Keller zieht sich schier endlos, macht Biegungen, bietet Abzweigungen, wird unterbrochen von Türen, hinter denen wieder nichts als unbewohnte, aber oft mit Gerümpel, Schrott und Sperrmüll voll gestellte Kellerräume warten. Was ist das nur für ein Ort, frage ich mich und merke, wie mich die Leere der Gänge innerlich weiter aushöhlt und der Staub mich immer wieder niesen und Husten lässt. Meine Schleimhäute fühlen sich an wie Sandpapier. Das Atmen fällt mir langsam auch schon schwerer. Ich bitte Tarena um etwas Wasser, welches sie in einem Beutel mit sich führt, das aus dem Organ irgendeines Tieres zu bestehen scheint. Sie reicht mir den Beutel und ich nehme einen großen Schluck. Die Feuchtigkeit tut erst gut, dann jedoch habe ich das Gefühl, dass sie lediglich all den Staub in meiner Kehle zu einem klebrigen Teppich verbindet, der noch unangenehmer ist, als das Kitzeln des Staubs an sich. Gleichzeitig frage mich, ob wir so lange durch diese Gänge irren werden, bist wir verhungern oder verdursten.

Ich überlege umzukehren, auch wenn ich mich nicht mehr sicher bin, ob ich den Weg noch finden kann und versuche durch eine der stets gleich aussehenden, zerkratzten, hölzernen Türen zurückzugehen. Aber so leicht sich diese bislang auf unserem Weg in die Tiefen dieses Kaninchenbaus öffnen ließen, so wenig lassen sie sich anscheinend für den Rückweg nutzen. Was ich auch versuche, sie bleibt verschlossen. Ich rüttele an dem Griff, schlage und trete dagegen, versuche es mit On-Grarins Peitsche, mobilisiere sogar noch einmal meine eingerosteten Fädenkräfte aus Uranor, was mir lediglich eine zwanzigminütige Migräneattacke aus der Hölle beschert, es mir aber nicht ermöglicht das Schloss zu öffnen und gebe schließlich auf.

„Kannst du es versuchen?“, frage ich Tarena und die Jägerin nickt, bedeutet mir zurückzutreten und schlägt dann mit ihrer Eisenstange wieder und wieder gegen die hölzerne Tür, ohne dass diese sich auch nur im Mindesten davon beeindrucken lässt.

„Das ist unmöglich“, sage ich so irritiert wie frustriert.

Tarena schüttelt den Kopf, „Nein, umkehren ist unmöglich“, erwidert sie, womit sie leider auch recht hat. Wir müssen der Realität ins Auge sehen: Wir sind gefangen und gezwungen dem Weg zu folgen, den dieser seltsame Ort für uns vorgesehen hat.

Und so setzen wir unseren Weg fort, der uns durch zahllose gruselige Kellerabschnitte und einseitig benutzbare Türen, über wackelige Leitern hinauf und hinabführt. Und schließlich durch weitere niedrige, trostlose Dachböden und klaustrophobische, hölzerne Schächte, die so eng sind, dass wir gezwungen sind zu kriechen und die staubige, warme, verbrauchte Luft uns ein paar mal nah an die Bewusstlosigkeit bringt.

Langsam fühle ich mich wie eine Ratte in einem Labyrinth, errichtet von einem böswilligen Forscher. Oder so als befände ich mich im Verdauungstrakt eines Ungeheuers aus Holz, Staub und Stein, der letztlich nur in einer säuregefüllten, hungrigen Magengrube enden kann.

Schlimmer als diese Gedanken, ja schlimmer als die Furcht an sich ist aber die Leere und Monotonie der Umgebung. Sie zermürbt mich, macht meine Gedanken weich und konfus und schleift meinen Geist wie ein Fluss einen Kiesel, während ich irgendwann kaum mehr bin als atmendes, voranschreitendes Fleisch.

Das einzige, worin sich die einzelnen Räume überhaupt unterscheiden, ist die Menge an Staub, die sich in ihnen befindet. Denn diese wird nun jedes Mal ein winziges bisschen größer. Nicht nur, weil mehr davon in den Ecken und auf dem Boden liegt, sondern auch weil er uns inzwischen wieder verfolgt. Weil er sich langsam auftürmt und vorwärtsrollt. Weil er durch Ritzen kriecht und sickert wie die Vorhut eines hasserfüllten Ameisenvolkes. Er kommt uns nie zu nahe, aber hält mit uns Schritt, bleibt immer wenige Meter oder zumindest einige Zentimeter von uns entfernt, so als würde er beobachten, abwarten, lauern. Wenn wir stehenbleiben, bleibt auch er stehen. Aber wie lange noch? Wann würde er sich entscheiden zuzuschnappen?

Werde ich verrückt, frage ich mich. Bilde ich mir das alles nur ein? Immerhin ist es doch nur Staub. Nichts weiter als harmloser, lächerlicher Staub. Keine zornigen Rorak, keine wandelnden Kranken, keine finsteren Laarmaschk. Einfach nur Staub.

Doch dann erinnere ich mich wieder an ein Biologiereferat, das ich einmal hatte halten müssen. Darin war es unter anderem um die Zusammensetzung von Staub gegangen. Und obwohl ich damals nur eine gutwillige Vier Plus für meinen zusammengestotterten Vortrag kassiert habe, ist mir der Wikipedia-Artikel, den ich dafür im Wesentlichen abgeschrieben habe, noch gut im Gedächtnis geblieben. Staub ist nicht einfach nur Staub. Es ist ein Gemisch aus Hautschuppen, Fasern und Fusseln, Haaren, Pollen, toten und lebenden Hausstaubmilben, Kotpartikeln, Mikroorganismen, Schimmelpilzen, Spinnweben, Insektenresten und vielen anderen nicht immer appetitlichen Einzelbestandteilen. Eine halb-lebendige, zombieeske Müllstruktur, die uns allein wegen ihrer geringen Größe und unserer Fähigkeit zur Ignoranz nicht vor Ekel erstarren lässt. Und dieses Zeug ist hier überall. In der Luft, in unseren Lungen, auf unserer Haut, in den Ecken und direkt hinter uns. Ganz besonders hinter uns, wo es sich zu immer beachtlicheren Ausmaßen zusammenballt.

Ich will die Staubwolke nicht berühren, nicht von ihr durchdrungen werden und trotzdem sinkt mein Körper einmal mehr mut- und kraftlos auf den Boden. Ich blicke zu dem Staub. Er hat sich aufgetürmt wie eine lockere Düne. In ihm scheint es zu wimmeln und zu pulsieren, aber noch wartet er. Wartet geduldig wie ein Geier auf den Kadaver eines Sterbenden. Für einen Moment stelle ich mir vor, wie es wäre sich dort hineinzustürzen, in diesem belebtem Staub zu ersticken, zu ertrinken. Sterbend und verrottend eins zu werden mit dem Staubkollektiv, in dessen Mitte ich Augen zu erfühlen glaube. Augen, die ich nicht sehen kann und die dennoch da sind. Irgendwo, auf einer anderen, fremden Ebene. Da ist er wieder, der Ruf der Leere, denke ich. Aber ist er das wirklich oder ist es nicht vielmehr eine ausgewachsene Todessehnsucht, als ein flüchtiges Gedankenexperiment?

„Ich kann nicht mehr!“, rufe ich heulend und zittern wie ein Kind, während ich mich schäme, da weder Tarena noch Andy weinen oder aufgeben. Ich greife nach der Ritterfigur in meiner Tasche. Wieder hilft ihre Berührung etwas, doch nun fühle ich mich noch viel mehr wie ein Kind. Weit mehr als Andy, dessen warmer, harter Körper wie ein schwerer Schal um meinen Hals hängt, seine Puppe zwischen seinen Klauen, und der keinen Laut von sich gibt.

Ganz anders als Tarena. Sie krächzt ein halb flehendes, halb wütendes „Komm!“ und nimmt uns beide erst in und dann auf den Arm und schleppt uns wie ein Stück fragile Fracht weiter. Sie ist stärker, als ich dachte. Körperlich und seelisch. Trotzdem ächzt sie unter dem Gewicht. Nicht sofort, aber nach einigen weiteren Kellern und Dachböden merke ich, wie ihre Bewegungen langsamer werden. Ich schäme mich und diese Scham wird schließlich so groß, dass ich dem nicht länger zusehen kann.

„Ich kann weiterlaufen“, verspreche ich und so setzt Tarena mich ab und nimmt dafür Andy auf ihren Rücken. Zuerst scheint es, als könne ich mein gerade erst gegebenes Versprechen nicht halten. Die ersten Schritte tue ich so langsam und unsicher wie ein Greis. Dann jedoch raffe ich mich auf und bewege mich weiter durch die schier endlose Aneinanderreihung von feuchtem Putz, rostigen Rohren, staubigen Böden, knarrenden Brettern und wackeligen Leitern, bis diese zermürbende Monotonie irgendwann tatsächlich ein Ende hat.

Leider erwartet uns kein Tor in die Freiheit, kein freundlicher, grenzenloser Himmel wie ich ihn nach diesen wenigen Stunden fast noch mehr herbeisehne, als zu meiner Zeit in den Seuchenhöhlen. Doch immerhin gibt es endlich wieder eine wirkliche Variation. Der Raum, den wir nun betreten ist zwar kaum weniger düster und trostlos als die vorangehenden, aber er könnte sich dennoch kaum mehr von ihnen unterscheiden. Eine riesige, weitläufige Fabrikhalle mit einer ferne vielleicht vierzig, vielleicht auch fünfzig Meter hohen Decke, an der unzählige schwache Lampen wie zitternde, sterbende Sterne vor sich hin leuchten.

Diese bemerkenswerte Höhe erreicht die Decke jedoch nur in einem vielleicht zwanzig Meter breiten Korridor. Auf dem Rest der weitläufigen Fläche winden sich unzählige, dicke Röhren wie fette, schwebende Schlangen um- und übereinander und verringern die Deckenhöhe auf klaustrophobische anderthalb Meter. An dem leisen Rauschen und Plätschern, welches den Raum erfüllt, kann ich ablesen, dass diese Röhren irgendetwas transportieren, auch wenn ich natürlich nicht im Entferntesten erahnen kann, was.

Während die meisten der Röhren irgendwo am anderen Ende der Halle in der Wand verschwinden, führen einige zu einer großen, glockenförmigen Konstruktion. Allein all diese neuen Reize genügen, um die Aufregung wieder in meine taube Brust einziehen zu lassen. Ich stürme voran und Tarena tut es mir gleich. Bevor wir das Glockenkonstrukt jedoch genauer erkunden, umrunden wir es und versuchen einen Blick auf das zu erhaschen, was dahinter, am anderen Ende der Halle liegt.

Und wir werden fündig. Dort gibt es eine Tür. Eine zehn Meter hohe und fünf Meter breite, zweiflügelige Tür aus poliertem, eisgrauem Stahl und mit drei breiten Messingriegeln. Ganz oben, genau zwischen den Türflügeln ist ein riesiges, tropfenförmiges Messingpendel eingelassen. Allein der Anblick des Pendels ruft eine ganze Menge weiterer Erinnerungen in mir wach, die ich gerade nicht gebrauchen kann.

Dennoch: Diese Tür riecht nach Freiheit, nach Abwechslung, nach einem Ausweg und sowohl ich als auch Tarena atmen erleichtert auf. Ich blicke meine Freundin an und sie blickt aus aufgeweckten Facettenaugen zurück. Dann nicken wir uns stürmen gemeinsam mit unserem Sohn auf das Versprechen von Freiheit zu.

Ein Versprechen, das sich einmal mehr nicht einlöst. Denn als wir die Tür endlich erreichen, finden wir erneut keine Möglichkeit sie zu öffnen. Sie besitzt keinen Griff, keinen Knauf, kein Schlüsselloch, kein Eingabefeld, kein verfluchter Scanner. Nichts.

Wir drücken dagegen, werfen uns dagegen, ziehen an dem untersten Riegel, der der einzige ist, den wir erreichen können, suchen die gesamte Oberfläche nach Öffnungen und versteckten Mechanismen ab, doch wir finden nichts.

„Geh auf, du verficktes Scheißding!“, brülle ich wie von Sinnen und gebe meinem Fußtritt noch gerade genug Beherrschung mit auf den Weg, um mir nichts zu brechen. Noch immer geschieht nichts. Warum sollte es auch. Das ist eine gewaltige Metalltür, kein billiges Elektrogerät mit Wackelkontakt.

„Vielleicht andere Tür an den Seiten?“, schreibt Tarena auf den Boden.

„Vielleicht“, stimme ich zu und frage mich, warum ich selbst nicht auf diese Idee gekommen bin, „aber zuerst will ich mir dieses Ding dort genauer ansehen.“

Dabei zeige ich auf die „Glocke“ und bin tatsächlich neugierig, was es damit auf sich hat. Wahrscheinlich will ich mir aber vor allem nicht eingestehen, dass mir der Gedanke, unter den gespenstischen Röhren umher zu kriechen und auf gut Glück nach einem Ausweg zu suchen, ohne vor etwaigen Gefahren wegrennen zu können, große Angst einjagt. Tarena stimmt mir zirpend zu.

Langsam gehen wir auf die Konstruktion zu, die aus glatten, dunklen, leicht grünlichem Metall besteht. Es gibt keine einzige Schweißnaht daran, keine Nieten oder Schrauben, nicht einmal dort, wo die Röhren in die Glocke hineinlaufen. Selbst sie verbinden sich völlig organisch mit ihr. Es gibt nur zwei Dinge, die die Perfektion stören: eine etwa zwei Meter hohe, dreißig Zentimeter tiefe und sechzig Zentimeter breite Aussparung und ein Schriftzug, der darüber angebracht wurde.

„Lass fallen, was dir Halt gibt!“, steht dort in maschinell anmutenden Lettern.

„Was bedeutet das“, flüstere ich zu mir selbst und bemerke, dass mich die Worte erschaudern lassen. Ich blicke zu Tarena. „Hast du eine Ahnung, was diese Worte bedeuten?“, frage ich sie.

Tarena geht in die Knie und setzt Andy vorsichtig auf dem Boden ab. Sie sieht sich die Schrift genau an, betastet mit ihren Klauen die Aussparung und das glatte, kalte Material, während ich unruhig zu den dunklen Bereichen unterhalb der Röhren und zu jener Tür blicke, durch die wir hineingekommen sind. Noch ist alles still. Der lebendige Staub ist uns aus irgendeinem Grund nicht gefolgt und auch von Tarenas Volk scheint uns keiner hierher verfolgen zu wollen. Oder zu können. Als Tarena mit ihren Untersuchungen fertig ist, tritt sie zurück und kniet sich nieder.

„Das hier gemacht, um etwas zu opfern“, schreibt sie ihre Vermutung auf den Boden und das unangenehme Gefühl in meiner Magengrube verstärkt sich.

„Zu welchem Zweck? Für irgendeinen Gott?“, frage ich, wohl noch immer unter dem Eindruck meiner kürzlich beendeten Aufzeichnungen über Uranor.

Tarena zirpt verneinend. „Nein“, sagt sie, „um große Tür zu öffnen.“

Natürlich, denke ich, das ergibt Sinn. Diese Umgebung scheint meinem Verstand offensichtlich nicht gutzutun. „Wenn wir nur wüssten, was … was zur Hölle ist das?!“, rufe ich erschrocken, als etwas unter den Röhren auftaucht. Es ähnelt grob einer Spinne, vielleicht auch einem Skorpion, allerdings ist es kein gewöhnliches organisches Wesen. Sein Körper besteht aus jenem verstaubten, vergessen Schrott, dem wir auf unserem Weg durch die Keller und Dachböden immer wieder begegnet sind.

Der Rumpf des Wesens ist eine Melange aus Sofaleder, Staub und Stofflumpen, in der diverse Puppenköpfe, Legosteine, Kartonreste und Kleiderbügel stecken. Er ist bewachsenen mit Flusen und strohigem, verfilzten Puppenhaar, welches wie kränkliches Fell an ihm herabhängt. Aus diesem Wust ragen metallene Beine aus gebogenen Stehlampen, die in Füßen aus alten Pfannen mit Zehen aus ausgelaufenen, korrodierten Batterien bestehen. Sein augenloser Kopf wird gebildet aus aufeinandergestapelten Fahrradreifen, die so zerschnitten und gebogen sind, dass sie ein breites, mit Speichenzähnen bestücktes Maul bilden, aus dem drei lange, zungenähnliche Reifenschläuche ragen. Sein Schwanz wiederum besteht aus Zangen, Scheren, Schraubenziehern und anderen Werkzeugen, die am Ende in einer Zweierreihe von jeweils drei Stacheln aufragen, sodass es an den Schwanz eines Stegosaurus erinnert. Zusammengehalten wird all das von einer Schicht schmierigem, verklebten Staubs.

Mir fehlt in diesem Moment jede Fantasie, um mir erklären zu können, wie so ein Ding überhaupt existieren kann, aber eins ist sonnenklar: Es krabbelt wütend und angriffslustig auf uns zu.

„Pass auf Andy auf, ich kümmere mich um das Vieh!“, sage ich, auch wenn ich mich gerade eher müde und lustlos als heldenhaft fühle, hole On-Grarins Peitsche hervor, aktiviere sie und stürme auf das Geschöpf los. Bevor ich jedoch mit meiner Waffe ausholen kann, schießt irgendetwas Glänzendes aus dem Mund der Kreatur hervor und trifft mich in meinen linken Oberarm. Ein kurzer, brennender Schmerz jagt durch meinen Körper, bringt mich jedoch dazu, reflexhaft in die Hocke zu gehen und so den weiteren Geschossen auszuweichen, die wie bei einem Maschinengewehr aus dem metallenen Mund dringen. Endlich schaffe ich es meine Peitsche zu schwingen und fange damit nicht nur den nach mir schlagenden Schwanz der Kreatur ab, sondern schaffe es sogar ihn mit einem Ruck vom Rumpf zu trennen, woraufhin er in seine Einzelteile zerfällt.

„Nimm das, Sperrmüll!“, brülle ich voller Genugtuung, bemerke jedoch, dass die Kreatur noch nicht am Ende ist. Zielstrebig wie ein Roboter krabbelt sie auf mich zu und versucht mich mit ihren Geschossen einzudecken. In meiner Not suche ich kurz Deckung hinter der Glockenkonstruktion und stelle mit einem raschen Blick auf meinen Oberarm fest, dass ich nur eine oberflächliche Verletzung davongetragen habe. Die Projektile prallen derweil wirkungslos an dem rätselhaften Bau ab und entpuppen sich als Rasierklingen.

„Hübsch“, flüstere ich und gehe dann erneut zum Angriff über, schon allein, weil ich dem Wesen keine Gelegenheit geben will, sich auf Tarena und Andy zu stürzen. Ich renne aus meiner Deckung hervor. Einige Rasierklingen fliegen harmlos, durch meine Haare, während ich die Peitsche in einer Aufwärtsbewegung gegen den Kopf der Kreatur führe. Die Waffe verhakt sich und ich ziehe kräftig an ihr. Damit gelingt es mir zwar den Metallkopf des Wesens weit nach oben zu biegen und mich so außerhalb der Schusslinie zu halten, doch noch will sich der Schädel nicht vom Rest des Körpers lösen. Auch das gnadenlose Bombardement geht ungerührt weiter und während sich der Kopf des Geschöpfes Millimeter für Millimeter nach unten bewegt und mein Arm immer schwerer wird, wird mir bewusst, dass ich nicht mehr weit davon entfernt bin, mir einen Haufen Rasierklingen durch den Kopf gehen zu lassen.

Plötzlich sehe ich aus dem Augenwinkel wie eine stabile Eisenstange, geschwungen von Insektenklauen, auf einem der sechs Beine der Kreatur niedergeht und das Stehlampenglied am Gelenk abbricht. Irritiert und strauchelnd versucht das Geschöpf seinen Kopf zu drehen und ich nutze seine nachlassende Spannung, indem ich jedes Quäntchen Kraft in meinen Muskeln mobilisiere und noch einmal kräftig an der Peitsche ziehe. Mit einem hässlichen, metallischen Knirschen lösen sich die Räder vom Rumpf und fallen als regungsloser Haufen Schrott auf die Erde.

„Danke“, sage ich atemlos und mit einem verliebten Lächeln zu Tarena, die mir zunickt und mir eine berauschende Pheromonwolke zur Antwort sendet.

„Was ist mit Andy?“, frage ich besorgt, als ich ihn nicht bei ihr entdecken kann.

Mein Blut gefriert fast in meinen Adern, als ich ein hohes, panisches Zirpen höre. Es kommt von jenseits des Glocken-Konstrukts.

Sofort stürmen Tarena und ich dorthin und entdecken den kleinen Andy, der vor dem mutmaßlichen Opferaltar kniet und den ängstlichen Blick auf eine bärenähnliche Kreatur aus alten Schränken, Tischbeinen, Polsterelementen und elektrischen Geräten gerichtet hält, die sich auf allen Vieren auf ihn zubewegt.

Tarena, die von der Situation wohl sogar noch mehr schockiert ist, als ich, entwickelt ein unglaubliches Tempo und stellt sich der neuen Kreatur mit ihrer improvisierten Waffe in den Weg, während ich mich direkt zu unserem Sohn begebe, um ihn zu beschützen.

Als ich ihn jedoch erreiche, gerate ich ins Stocken. Mein vermeintlich schwachsinniger Sohn ist nicht untätig gewesen. Er hat jene Puppe, die ich ihm auf dem Dachboden gegeben hatte, in der Vertiefung platziert und just in diesem Moment sehe ich, wie sich der Metallboden unter dem Spielzeug öffnet und es in das Innere der Konstruktion fallen lässt. Jene erstreckt sich offenbar nicht nur über der Erde, denn der Fall der Puppe dauert einige Sekunden an, bevor ich schließlich hören kann, wie sie von Sägeblättern oder etwas ähnlichen zerstört wird. Kurz darauf erklingt ein quietschendes, hallendes Geräusch vom Ende des Raums. Als meine Augen ihm folgen, zerspringt mein Herz fast vor Freude. Einer der Riegel an der großen Tür hat sich bewegt.

Kurz bin ich irritiert, dann jedoch macht es „Klick“ in meinem Kopf. Die Puppe. Sie hat Andy Halt gegeben. Und er hat sie geopfert. „Du bist ein Genie, Andy“, lobe ich meinen Sohn, nehme ihn auf den Arm und drehe mich kurz mit ihm im Kreis, woraufhin er fröhlich zirpt.

Meine Euphorie endet jedoch abrupt, als ich feststelle, dass sich nun Tarena in arger Bedrängnis befindet. Sie hat ihrem Gegner schwer zugesetzt, einen seiner Tischbeinarme zersplittert und seinen wie zu einem Lächeln eingekerbten Sofakissen-Kopf halb von seinen Schultern getrennt. Aber gerade schleichen sich unter den Röhren zwei wurmartige Geschöpfe aus Lumpen und feuchtem Staub an, an deren unförmigen Häuptern funkensprühende Konstruktionen aus Messern, Gabeln und alten Autobatterien befestigt sind. Ich verzichte darauf, Tarena, die sich noch im im Kampf mit ihrem Hauptgegner befindet, zu warnen, um ihre Konzentration nicht zu stören. Stattdessen setze ich meinen genialen Sohn vorsichtig auf den Boden und greife in den Kampf ein.

Mit zwei schnellen Schlägen graben sich die Widerhaken der Peitsche erst in den einen und dann in den anderen Stoffwurm und lassen Lumpenstücke wie Hautfetzen umherwirbeln. Zwar gelingt es mir damit nicht, die beiden Monstren außer Gefecht zu setzen, aber immerhin erreiche ich mein eigentliches Ziel: Die Würmer lassen von Tarena ab und widmen sich stattdessen mir.

Während der rechte meiner neuen Gegner mit einem überraschend flinken Satz auf mich zuspringt und ich ihm im letzten Moment mit einer tänzelnden Bewegung ausweiche, lasse ich die Peitsche auf den Hals meines zweiten Kontrahenten niedergehen. Zumindest ist das mein Plan. In Wahrheit jedoch wird die metallbesetzte Peitsche im letzten Moment von dem Kopf der Kreatur wie von einem Magneten angezogen und verbindet sich mit den Kontakten der Autobatterie. Ein heftiger Schlag geht durch meinen Körper und ich fühle förmlich, wie mein Herz stolpert, während die Peitsche klackend auf den Boden fällt.

Von Schmerz und Schock gelähmt, höre ich wie die beiden schleifend und scharrend auf mich zukriechen. Von Panik ergriffen warte ich darauf, dass mir meine Muskeln wieder gehorchen. Doch sie tun es nicht und plötzlich sehe ich den ersten bizarren Kopf aus Lumpen und Metall in meinen Sichtfeld auftauchend. Erst kurz bevor der Wurm mir einen erneuten und vielleicht fatalen Schock verpassen kann, bekomme ich meinen Körper wieder einigermaßen unter Kontrolle, Rolle mich zur Seite, stemme mich ungeschickt in die Höhe und springe taumelnd über den zweiten Wurm hinweg. Kurz denke ich darüber nach, die Peitsche wieder aufzunehmen, doch als ich sehe, wie Tarena ihrem Gegner den Gnadenstoß versetzt und dessen Körper in seine Einzelteile zerfällt, presche ich auf diese Überreste zu und greife mir einen der abgebrochenen Bettpfosten. Ich wechsele einen kurzen Blick mit Tarena, die nun auch die neuen Feinde entdeckt und sofort versteht, was ich vorhabe. Auch sie lässt ihre Eisenstange fallen, greift sich eine der nicht leitfähigen Waffen und kurz darauf verwandeln wir die Batterien der beiden Würmer gemeinsam in harmlosen Schrott, was auch ihren unheimlichen Lebensfunken erlöschen lässt.

Kaum liegen auch diese Feinde im Staub, drehen wir uns synchron zu Andy um, der noch immer wie hypnotisiert vor der Metallglocke sitzt. Da ich aus den Tiefen der Röhrenlabyrinthe bereits wieder Geräusche höre, die auf weitere, angreifende Müllkonstrukte schließen lasse, hebe ich meine Peitsche rasch wieder auf und beschließe, Tarena die Lage schnell zusammenzufassen.

„Andy hat eine Möglichkeit gefunden, einen der Riegel zu öffnen. Er musste seine Puppe dafür opfern, die …“

Ich gerate ins Stocken, als wir Andy erreichen und ich sehe, wie er seine Puppe vollkommen intakt in den Armen hält.

„Das … das … aber er hat doch …“, stammel ich dümmlich und verblüfft, während ich die Puppe betrachte, die dasselbe billige, etwas gruselige Ding zu sein scheint, welches ich Andy geschenkt habe. Nur ist sie nun sauberer. Schöner. Neuer.

„Ich glaube dir“, schreibt Tarena auf den Boden, „vielleicht Belohnung für Opferbereitschaft. Glocke erschafft Dinge neu. Müssen weiter Dinge opfern. Du auch hast Figur. Habe es gesehen.“

Ich hole den kleinen, kaputten Ritter hervor und während ich die Figur in Händen halte, spüre ich sofort, wie ich etwas ruhiger und selbstbewusster werde. Schon der Gedanke, das Spielzeug zu opfern, bereitet mir großes Unbehagen. Selbst, wenn ich weiß, dass ich sie zurückbekomme. Trotzdem gehe ich wie in Zeitlupe auf die Vertiefung zu und stelle mich neben Andy, der mich neugierig betrachtet, so als wolle er wissen, was sein Vater für ein Mensch ist.

Kein besonders beeindruckender, wie es scheint, denn ich bringe es einfach nicht übers Herz die kleine Ritterfigur der Vernichtung und den Sägeblättern zu überantworten. Sie ist schmutzig, dunkel, heldenhaft, verschlagen und versehrt. Ein rauer, widersprüchlicher Mistkerl. Genau wie ich. Sie soll kein strahlendes, perfektes Etwas werden. Sie wurde bereits ins tausenden Hämmern geschmiedet und braucht keine weitere Wiedergeburt. „Aber wir brauchen einen Weg hier raus“, entgegne ich still meinen eigenen Zweifeln.

Während ich mit mir hadere, höre ich die Geräusche näherkommen. Ein kurzer Blick verrät mir, dass weitere Schrottskorpione, Schrankbären, Elektrowürmer, sowie Schlangen aus Kabeln, undefinierbare Entitäten aus Einkaufswagenelementen, Farbeimern und alten Büchern und viele weitere unmögliche Schöpfungen unter den Röhren herumkriechen und sich unweigerlich auf uns zubewegen.

„Tu‘s!“, krächzt Tarena und ihr vorwurfsvoller Ton sticht mir ins Herz, während ich die kleine Figur zitternd und mit weißen Fingerknöcheln umklammere, als würde von ihr mein Leben abhängen. Dabei ist es umgekehrt. Viele Leben hängen von ihrer Zerstörung ab. Das spüre ich, weiß ich, fast so als hätte ich ein Bild aus der verworrenen Schleife empfangen, die wir Zukunft nennen. Zum ersten Mal habe ich eine Ahnung davon, wie sich Frodo gefühlt haben muss, als er den Ring ins Feuer werfen sollte. Vielleicht sollte ich darauf hoffen, dass mir eine der Kreaturen die Hand abbeißt und den Ritter zusammen mit ihr in die Vertiefung wirft, denke ich sarkastisch.

Kampflärm erklingt und ich weiß, was es bedeutet. Tarena, die Frau, der ich mich so nah fühle wie noch keiner anderen zuvor, stellt sich allein einer Übermacht und statt ihr zu helfen, hocke ich hier tatenlos herum, huldige einem kaputten Spielzeug und verfalle in Selbstmitleid. Mehr noch, ich traue mich nicht einmal aufzusehen, aus Angst zu beobachten, wie Tarena in Stücke gerissen wird. Ich höre ein Zirpen, das aus Wut entsprungen sein kann, aber auch aus Angst. Oder Schmerz.

Was tue ich, wenn ihr etwas passiert, frage ich mich. Reise ich wirklich ohne sie weiter? Ergibt das alles dann überhaupt noch einen Sinn? Mein Fernweh, spüre ich, ist in diesem Moment beinahe erloschen und ich glaube, dass nicht allein dieser schreckliche Ort hier dafür verantwortlich ist. Ich habe so viele Feuer in mir entzündet, so vieles abgefackelt, dass nur noch zwei Fackeln aus dem Aschenhaufen aufragen. Eine kleine und eine große. Danach, so fürchte ich, wartet nur noch Kälte.

Ich blicke zu Andy, wenigstens dafür bringe ich noch genügend Mut auf. Seine Facettenaugen verurteilen nicht, beobachten nur, registrieren nur und selbst das wird mir zu viel. Denn mein Sohn, das ahne ich, ist nicht so beschränkt wie ich erst dachte. Er ist nur jung und fremdartig, doch irgendwann wird er verstehen. Wird sich erinnern. Wird urteilen. Sieh mich nicht an, bete ich still. Sieh mich auf keinen Fall mehr an. Bitte!

Mein Wunsch wird auf die grausamste Art erhört, als eine Kabelschlange den kleinen Körper an sich reißt und ihre schwarz isolierten Kabel enger und enger um ihn wickelt. Der Kleine windet und wehrt sich, ja er kreischt sogar auf beinah menschliche Weise, aber es hilft nicht. Sie wird ihn zerquetschen, begreife ich und ein Teil von mir denkt: Gut, dann wird er dich auch nicht verurteilen. Wenn sie beide tot sind, wird dich niemand verurteilen. Es klingt verlockend, aber nach dem Schweigen kommt die Stille. Die endlose, grausame Stille. Das ziellose Treiben auf einem toten See, bevölkert von kalten Erinnerungen. Eingefrorene Standbilder, dort wo Bewegung und Leben sein sollte.

Eine wilde, fieberhafte Urangst ergreift von mir Besitz und löst meine Starre. Der Ritter landet auf dem Podest. Ich ziehe meine Hand zurück und sehe der Figur beim Fallen zu. Momente später, höre ich, wie sie den Sägen zum Opfer fällt. Fast habe ich das Gefühl, ich selbst wäre es, der dort zersägt wird und glaube ein schmerzhaftes Kribbeln auf meiner Haut zu spüren. Ich drehe mich um und sehe nun auch Andy fallen. Nicht so lange, nicht so tief, aber dennoch. Sein kleiner Körper fällt aus der Umklammerung der Kabelschlange, die wieder nichts weiter als ein Haufen staubiger Kabel ist. Weiter vorne höre ich gefühlte Tonnen von Schrott und Gerümpel zu Boden fallen. Ich hebe meinen Kopf weit genug, um nach Tarena zu sehen. Sie liegt auf dem Boden. Wirkt erschöpft, vielleicht verletzt, aber sie lebt.

Dann geht ein wahres Donnern durch die Halle. Der zweite Riegel schiebt sich zurück. Ich hebe Andy auf, der dabei ein schmerzerfülltes Zirpen von sich gibt. Ich betaste seinen Körper. Das Chitin weist kleinere Risse auf. Ich hoffe, er wird es überleben. Ich fühle mich schrecklich, aber erleichtert. Zumindest etwas. Ich gehe zu dem Podest und stecke die nagelneue Ritterfigur ein. Sie ist sauber und hübsch in ihrer silbernen Rüstung, auf ihrem weißen Pferd. Aber sie gibt mir nichts, bedeutet mir nichts. Ich werfe sie achtlos weg und gehe auf Tarena zu. Ich setze Andy ab und halte ihr meine Hand hin, um ihr aufzuhelfen. Sie ergreift sie und kneift mir mit ihrer Klaue so fest in den Arm, dass Blut spritzt. „Was soll der Mist?!“, frage ich und stolpere zurück.

„Was soll der Mist?!“, wiederholt sie schrill, doch mit laut ausgesprochen Worten. Ihre Stimme klingt so falsch, so zweckentfremdet, dass ich mich nicht wundern würde, wenn der Versuch zu sprechen ihre Kehle auseinanderreißen würde. Trotzdem versucht sie es und ich kann ihre Wut zweifelsfrei heraushören.

„Du Andy gefährdet. Was soll der Mist?!“, kreischt sie und stemmt sich in die Höhe, während ich mir meinen Arm halte und langsam zurückweiche. Plötzlich macht sie mir Angst. Richtig Angst.

„Du mich gefährdet. Du dich gefährdet. Wegen blöder Figur. Was soll der Mist?!“, schreit sie mit rauer, ersterbender Stimme, während sie sich wie eine Rachegöttin über mich erhebt, die Klauen wie zum Schlag erhoben. Ihre Pheromone schmecken plötzlich so bitter, so streng, dass ich das Gefühl habe Gift zu atmen.

„Es tut mir leid“, sage ich, „das Ding war zu mächtig. Sein Einfluss auf mich war zu stark.“

Tarena senkt ihre Arme wieder, ich spüre, rieche, wie ihre Wut etwas zurückweicht. „Es nicht zu stark. Du bist zu schwach“, schreibt sie nun wieder wie gewohnt, während sie sich mit einer Klaue gegen die Kehle tippt und ein quietschendes Geräusch von sich gibt. Offenbar hat es ihr wirklich Schmerzen bereitet zu sprechen.

„Willst du mich dafür töten?“, frage ich resigniert und deute auf meine blutenden Wunden.

Sie sieht mich an. Wirkt ein wenig schuldbewusst. Aber nur etwas.

„Nein“, erwidert sie, „halt still!“

Sie beugt sich vor und setzt ihre starren Lippen auf die von ihr geschlagenen Wunde. Erst will ich zurückweichen, als ich spüre, wie sich ihre Mandibeln gegen meine Haut schieben und kurz darauf ein konzentrierter Strahl irgendeiner säuerlich riechenden Flüssigkeit in meine Wunde schießt. Es brennt und kribbelt, dennoch gelingt es mir, mich zu beherrschen. Als sie ihre Lippen löst, sehe ich eine zähe, bräunliche Masse auf der Wunde glitzern. Die Blutung jedoch hat aufgehört.

„Du hast mich geheilt!“, stelle ich überrascht fest.

„Nein“, antwortet sie, „nicht geheilt. Nur Blutung gestillt. Etwas desinfiziert. Rest muss Körper machen. Du nicht fliehen in den Tod. Nicht fliehen vor mir und Andy. Nicht dieselbe Dummheit wie ich. Du zu uns stehen. Zu deinem Versprechen.“

„Das will ich ja auch“, sage ich und drehe mich zu Andy um, den Tarena schon mit besorgtem Blick fixiert. Als sie ihn berührt, kreischt er auf. Der Geruch ihrer Pheromone wird wieder unangenehmer, wütender. Sie beginnt auch ihn auf dieselbe Weise zu behandeln wie mich.

„Wird er es überstehen?“, frage ich sie, als sie fertig ist.

„Weiß es nicht“, schreibt sie, „solltest hoffen. Sonst du auch Kindermörder.“

Ihre Worte treffen mich härter als zuvor ihr Schlag. Plötzlich fühle ich einen Windstoß. Erst leicht, dann etwas stärker. Im selben Moment höre ich ein vielfaches Kratzen und Schaben, welches von überall zugleich zu kommen scheint.

„Hörst du das?“, frage ich.

Tarena nickt.

Das Geräusch kommt näher. Ich blicke zu den Röhren, kann dort im Dunkeln jedoch nichts erkennen, also umrunde ich die Opferglocke, sodass ich einen Blick auf jenen Eingang werfen kann, aus dem wir gekommen sind. Was ich sehe, lässt mich vor Angst erstarren. Der Staubhaufen, der uns bislang nicht in diesen Raum gefolgt ist, ist zurück. Und er ist gewachsen. Wie Wasser durch einen undichten Staudamm, rieselt er durch die Tür und türmt sich langsam zu einer meterhohen Welle von fast tsunamihaften Ausmaßen auf, die langsam, aber unaufhaltsam näher kommt. Winzige Staubpartikel gehen ihr wie Wasserspritzer voraus und lassen mich erneut husten. Ich stolpere zurück, beinah in Tarenas Arme hinein, und blicke wieder zu den Röhren. Auch dort kann ich nun Staub erkennen. Er liegt nicht so hoch, aber ist dafür dichter und massiver und bewegt sich ebenfalls auf uns zu. Wie die Ausläufer eines Ozeans der bei Flut seine Finger nach dem Land ausstreckt, kreist der Staub uns ein.

„Wenn uns das da erreicht, werden wir ersticken“, stelle ich fest und spucke einen kleinen, verklebten Klumpen staubigen Speichels aus, „wir müssen den Riegel irgendwie öffnen. Und zwar schnell? Was ist es, dass dir Halt gibt, Tarena? Was müssen wir noch opfern?“

Tarena antwortet mir nicht. Sie sieht mich einfach nur an wort- und reglos an, so als hätte ich ihr eine ungebührliche Frage gestellt. Plötzlich macht es „Klick“ bei mir. Tarena besitzt keine Figur oder Puppe. Aber sie hat mich umarmt, bei mir nach Halt gesucht. Das ist die Antwort auf meine Frage und sie schlägt mit einer Wucht bei mir ein, wie sie nur Wahrheiten entwickeln können.

„Bin ich noch dein Halt, Tarena?“, frage ich hustend und mit einem Kloß im Hals, der nicht allein von dem Staub kommt, „trotz meines Verhaltens?“

Tarena antwortet nicht, aber ich nehme eine Veränderung in ihren Duftstoffen wahr. Die Wut ist daraus gewichen und hat Trauer und Sorge Platz gemacht. Das reicht mir als Antwort.

Inzwischen hat der Staub unter der Röhren unsere Füße erreicht und Tarena hebt Andy auf ihren Arm. Ich hingegen beginne damit, in die Vertiefung hineinzusteigen.

„Nein!“, kreischt Tarena noch einmal rau und beginnt durch den kniehohen und weiter ansteigenden Staub auf mich zu zurennen.

„Es gibt nur diesen Weg oder den Tod für uns alle“, sage ich ruhig und entschlossen, während ich innerlich vor Angst und Nervosität fast auseinandergerissen werde. Mein rechter Fuß ist schon auf der Plattform und als ich mich kurz zur Seite drehe, ist die Staubwelle nur noch wenige Meter von uns entfernt „ich lasse euch nicht im Stich. Alle Opfer kamen wieder. Das wird auch mit mir geschehen!“

„Du weißt nicht, ob das auch für Lebewesen gilt“, flüstert eine Stimme in mir, als ich auch den anderen Fuß auf die Plattform stelle und darauf warte, dass der Boden und meinen Füßen verschwindet. „Und selbst wenn, so kamen sie verändert wieder. Weiß, glatt geschliffen. So bist du nicht. So willst du nicht sein.“

„Nein, das will ich nicht“, flüster ich leise zu mir selbst und blicke zu Andy und Tarena. Beide husten und würgen, ringen sichtlich um Atem und Tarena reicht der heranquellende Staub inzwischen bis zur Brust, „aber es geht nicht immer nur um mich.“

„Spring herunter, Verdammt! Es wird dich zerreißen. Die Schmerzen werden grauenhaft sein“, warnt mich die Stimme ein letztes Mal.

„Mit Grausamkeit kenne ich mich aus“, erwidere ich hustend, während ich spüre, wie sich die Staubwelle über meinen Kopf senkt und tausende winziger Insekten, Kotreste, Mikroben und andere Bestandteile sich in meinen Haaren niederlassen. Dann weicht der Boden unter meinen Füßen und ich falle hinab ins Dunkel, während das Drehen der Kreissägen das Rauschen des Staubs in meinen Ohren verdrängt.

Kurz darauf berühren meine Füße das rotierende, scharfe Metall und die Geräusche meiner eigenen Schreie übernehmen die Führung im gnadenlosen Dezibel-Rennen.

Es wird schlimmer, als ich erwartet habe. Mich erwartet keine gnädige Ohnmacht, kein Zaubertrick, der meine Sinne benebelt, wie ich es bei einem mutmaßlich magischen Apparat zumindest für möglich gehalten habe. Ich bin vielmehr vollkommen bei Bewusstsein, während die Klingen meine Haut durchdringen, meine Muskeln und Sehnen zerfetzen und meine Knochen zersägen. Der Geruch von heißgelaufenem Metall, verbrannten Knochen und verschmortem Fleisch lässt mich würgen. Als wäre dies Teil einer Notevakuierung entleeren sich fast synchron meine Tränendrüsen, mein Magen, mein Darm und meine Blase, doch bleiben die von ihnen abgesonderten Substanzen nicht die einzigen, die meinen sterbenden Körper verlassen. Schon bald gibt es mehr Schmerz in meinen Körper, als Blut, welches aus mir herausschießt, wie aus einer aufgeschnittenen Safttüte. Meine Beine, mein Becken und schließlich meine Brust, mein Bauch und meine Arme verteilen sich als zerschnittene Fragmente in der diffusen Dunkelheit um mich herum. Irgendwo habe ich gelesen, dass ein Mensch nach der Enthauptung noch fünfzehn bis dreißig Sekunden weiterleben kann. Ob das stimmt, sollte ich bald erfahren, denke ich, während die Klingen meinen Hals erreichen. Doch da irre ich mich. Denn es dauert lediglich drei Sekunden, bis die Säge nach meinem Kiefer auch mein Gehirn erreicht.

~o~

Es ist Beileibe nicht die erste Nahtodes- oder auch Todeserfahrung, die ich auf meinen Reisen erlebe, aber abgesehen von meinem wirklich grauenhaften Dahinscheiden, wohl die unspektakulärste. Kein Pläuschchen mit Gott, kein Bad in den Sternen und keine Erleuchtung to go im „Café Nirwana“. Ich bin einfach nur weg und sofort wieder da. Nur steckte ich nicht mehr in dieser seltsamen Hinrichtungsglocke, sondern stehe davor und blickte in das starre Gesicht von Tarena, deren Fassungslosigkeit ich jedoch zweifelsfrei an ihren Duftstoffen erkenne. Der Staub hat sich bis auf eine dünne Schicht am Boden verzogen, auf dem Andy aufgeregt herumkrabbelt und mir dabei nur wenig Aufmerksamkeit schenkt.

Ich blicke an mir hinab. Meine Verletzungen sind geheilt. Ich bin nicht nackt, sondern in saubere, weiße Klamotten gehüllt. Erinnerungen an Uranor und Deovan kommen in mir auf, doch ist es weder ein sakrales Gewand, noch ein Anzug, den ich trage, sondern ein weißes T-Shirt und eine weiße Jeans. Ein Impuls rät mir dazu Tarena in die Arme zu schließen, aber ich zögere. Habe ich überhaupt das Recht dazu? Sie ist mit „Adrian“ zusammen, aber bin ich dieser Adrian oder lediglich eine aufpolierte Kopie, der diese Glocke das Gefühl gegeben hat, er zu sein? Wie stellt man so etwas fest, wo man doch auch so schon strenggenommen in jeder Sekunde ein etwas andere Mensch ist, als in der Sekunde davor? Ich blicke hinab zu Andy, der einfach zielstrebig an mir vorbeiläuft. Ist das ein Anzeichen? In Filmen haben jedenfalls Tiere und Kinder immer ein gutes Gespür dafür, wenn jemand nicht „echt“ ist, und Andy ist im Prinzip ein wenig von beidem.

Ich sehe Tarena auf mich zukommen. Sie scheint ihre Zweifel überwunden zu haben. Vielleicht ist das aber auch nur Selbsttäuschung. Wenn ich nicht mehr echt bin, würde das immerhin bedeuten, dass sie alleine ist. Jedenfalls abgesehen von Andy.

Sie schließt mich in die Arme und ich erwidere es. Es fühlt sich gut an. Immerhin empfinden kann ich also noch. Nach ein paar Sekunden löst sich Tarena von mir. Sie tritt zurück und beginnt zu schreiben.

„Alles in Ordnung?“, schreibt sie nun doch eine Frage in den verbliebenen Staub.

„Ich glaube schon“, antworte ich, „es war kein Vergnügen, aber ich atme noch.“

„Du nicht tun müssen. Niemals tun müssen“, fügt sie hinzu.

„Adrian musste es tun“, sage ich und korrigiere mich dann, als ich ihre Unsicherheit ob meiner seltsamen Antwort spüre, „ich musste es tun.“

Dann blicke ich zur Tür, wo nicht nur der letzte Riegel verschwunden ist, sondern sich auch die Tür selbst zurückgezogen hat. Alles, was nun dort zu sehen ist, ist eine breite Treppe mit kupferroten Stufen und das große Messingpendel, welches an einer langen Kette aus rautenförmigen Gliedern wie bei einer alten Uhr zwischen dem Türrahmen hin- und herschwingt. Hin und her. Hin und her. Hin und her. Perfekt ausbalanciert. Hin und her. Hin und her. Elegant und harmonisch. Hin und her. Hin und her.

Ein schrilles Zirpen reißt mich aus meiner Trance und zurück in die Wirklichkeit.

„Tut mir leid“, sage ich verwirrt, „das alles war wohl doch ein bisschen viel für mich. Wir sollten weitergehen. Wo ist Andy denn nun schon wieder?“

Tarena zeigt mit ihrer Klaue auf eine Stelle neben der Glocke und mein Blick folgt ihr. Dort sehe ich Andy sitzen, der sich irgendetwas anschaut. Ich knie mich zu ihm nieder und sehe, dass er mit etwas spielt. Es ist nicht seine Puppe, die er inzwischen so achtlos in den Dreck geworfen hat, wie ich zuvor den Ritter. Es ist eine Kugel aus schwarzem Glas, etwa so groß wie ein Golfball, die er mit seinen Klauen auf seinem Schoß hin und her rollt.

„Wo er sie wohl herhat?“, überlege ich laut. „Denkst du, sie ist gefährlich?“, frage ich Tarena, ohne die Kugel zu berühren. Sie gefällt mir nicht, macht mir Angst. Aber sie fasziniert mich auch. Bringt etwas in mir zum Schwingen. Tarena schüttelt den Kopf.

„Glaube nicht. Alles Gefährliche fort“, schreibt sie, „vorerst. Das spüre ich. Jägerinstinkt. Lass ihn spielen. Scheint ihn glücklich zu machen.“

„In Ordnung“, sage ich nach kurzem Zögern. Ich will Andy auf den Arm nehmen, aber sie kommt mir zuvor. Ein wenig zu schnell um es nach Zufall aussehen zu lassen. Sie traut mir nicht. Ich nehme es ihr nicht übel. Ich traue mir selbst nicht. Trotzdem ergreift sie meine Hand und gemeinsam gehen wir auf das schwingende Messingpendel zu.

Je näher wir kommen, desto mehr kehrt die Erinnerung zurück. Es ist nicht das erste Pendel, dem ich begegnet bin. Nur noch nicht in dieser Größe. Noch nie so schön. Noch nie so makellos austariert. Oder doch?

Tarena schreckt zurück, als wir das Pendel erreichen. Ich kann es verstehen. Ein wenig. Es hängt nun viel tiefer, fast bis zum Boden. Wenn es uns trifft, wird es uns zerquetschen. Aber ich passe den Moment genau ab. Mit schlafwandlerischer Sicherheit. Ich ziehe sie mit mir, mit sanfter Gewalt, sodass das Pendel zwar nur Zentimeter hinter ihrem Rücken vorbeischwingt, aber sie nicht trifft. Nun fühle ich mich noch sicherer. Keine Bedrohung kann dieses Pendel überwinden. Dessen bin ich mir gewiss.

Wir betreten die Treppe. Die Stufen sind anders als bei der Himmelstreppe in Uranor.

Bequemer. Perfekt ausgemessen. Aber es sind viele. Sehr viele. Ein Ende kann ich nicht sehen. An ihren Seiten gibt es kleine, orangefarbene Lampen, die das Metall sanft erleuchten und einen Blick auf die nächsten Stufen erlauben, doch ganz oben schieben wir die Dunkelheit vor uns her wie Geröll bei einer Grabung. Aber ich sehe nur selten nach oben. Der Boden ist interessanter. Jede Stufe besitzt kleine Gravuren. Linien. Formen. Rechte Winkel, die ineinandergreifen, sich fortsetzen, ganze Labyrinthe bilden. Ich folge diesen Labyrinthen. Geh mit den Augen auf die Reise. Verliere und finde mich in ihnen und beschreite Stufe um Stufe. Tarena redet nicht. Schreibt nicht. Hier gibt es keinen Staub. Keine Schrift. Keine Botschaften.

„Kann nicht“, sagt sie dann doch irgendwann. Ich halte widerwillig inne. Hebe den Kopf. Erst jetzt merke ich, dass meine Beine schwer sind. Auch Tarena wirkt erschöpft.

„Pause?“, frage ich sie tonlos und sie nickt erleichtert.

Ich setze mich auf das Metall, das leicht und angenehm unter meinem Hintern kribbelt. Ich merke, dass ich diese Pause brauche. Gut, um zu regenerieren. Gut, um sich aufzuladen. Sie legt ihren Arm um mich. Ich lasse es geschehen und krame den Katalog hervor. Gibt Dinge aufzuzeichnen. Dinge festzuhalten. Dinge zu berichten. Von Adrian und seinen Erlebnissen in Deovan.

~o~

Karmon und ich betraten Deovan so, wie wir Uranor verlassen hatten: in Kälte und Dunkelheit. Und dennoch waren die Unterschiede groß. Denn wo die Kälte in der sterbenden Heimat der Rilandi vollkommen lebensfeindlich gewesen war, entsprach sie hier eher einer gewöhnlichen, wenn auch äußerst widerlichen Herbstnacht. Auch die Dunkelheit war nicht so absolut, wie der Eindruck vermuten ließ. Karmons leistungsstarke Augen sahen feine, unregelmäßige und von umherwirbelnden Staub getrübte, blasse Lichtstrahlen von allen Seiten in das hineinfallen, was sich auf den zweiten Blick als eine Art Gebäude entpuppte. Trotzdem war der Asphaltboden, in den Karmon seine ungewöhnlichen Zehen hinein krallte nicht nur kalt, sondern auch feucht.

Dies mochte zwar ein Innenraum sein, aber Kälte, Wind und Feuchtigkeit gelangten dennoch scheinbar ungehindert hinein. Ein beißender, süßlicher, ungesunder Geruch lag in der Luft und wenn Karmons Körper menschlich gewesen wäre, hätte er mit Sicherheit husten müssen. Von Draußen hörten wir ein vorerst undefinierbares Gewirr aus lauten und leisen Stimmen, Motorenlärm und seltsam fernen, gleichgültigem Regengeplätscher.

„Was ist das für ein Gestank?“, fragte ich, der an allen von Karmons Sinnen Teil hatte.

„Das weißt du doch, Adrian“, sagte Karmon, „wir beide haben es oft genug gerochen.“
Natürlich hatte er recht. Ich ahnte die Antwort auf meine Frage längst, aber dennoch wollte ich Gewissheit.

„Ich weiß“, sagte ich, „aber du weißt auch, dass man jedes Detail seiner Umgebung kennen muss, wenn man überleben will. Nutze meine bravianische Uhr“, bat ich ihn, „Du hast sie doch mitgenommen, oder?“

Karmon blickte auf sein Handgelenk, tippte zielsicher auf einen bestimmten Punkt und gab mir die Antwort auf meine Frage, indem er der Umgebung einen weiteren, deutlich helleren Lichtstrahl hinzufügte, der uns die von mir verlangten Details verriet. Was ich für feste Wände vielleicht nicht aus Stein, Stahl oder Beton, aber doch zumindest aus Holz oder Wellblech gehalten hatte, entpuppte sich als ein hässliches, fragiles Flickwerk verschiedenster Materialien, von denen ich einige als Plastikverpackungen, Gummistücke, Pappe, Holzreste und rostige Schrottteile identifizieren konnte.

Manche von diesen Müllfragmenten waren mit Drähten zusammengebunden, andere mit verschmortem, verklumpten Plastik, wieder andere mit einer bräunlichen Masse, bei der es sich durchaus um Kot handeln konnte. Der üble Geruch jedoch stammte nicht von dort. Dessen Quelle sah ich, als Karmon sich umdrehte und seinen Blick auf den verstümmelten Kadaver eines Deovani richtete. Es handelte sich um einen Mann, der dem Geruch und der aufgeblähten Haut nach schon mindestens drei Tagen tot sein musste. Seine Haut besaß eine kränkliche, gelbliche Färbung, die mit dem Verwesungsprozess zusammenhängen mochte, aber auch Symptom einer Krankheit sein konnte, die zu seinem Tod beigetragen hatte.

Dass keine Nager oder Insekten an ihm zu sehen waren, sprach womöglich für letztere Möglichkeit. Vielleicht spürten diese Tiere – vorausgesetzt sie existierten in dieser Welt –, dass ein Bissen von diesem Fleisch sie nicht unbedingt stärken würde. Die lidlosen, runden Augen des Deovani waren sauber entfernt worden und offenbarten klaffende Augenhöhlen. Sein rechter Arm und beide Beine waren glatt amputiert und die Wunden professionell versorgt worden, während an seinem linken Arm lediglich die Hand fehlte. Das Armdisplay, welches ich schon von Kollom Nehmer her kannte, steckte noch immer in seinem verrottenden Fleisch. Sein Kontostand zeigte demzufolge ein Minus von 11.253 Dominanten an.

Sein Kopf ruhte auf einem Kissen aus Lumpen und Müll und seine leeren Augenhöhlen waren auf einen Punkt über ihm gerichtet, an dem sich in der improvisierten Decke ein ungefähr faustgroßes Loch befand. „Könntest du schauen, was er sich angesehen hat?“, fragte ich Karmon.

„Natürlich, Grong-Shin“, antwortete er, stellte sich neben den Mann und richtete seine Augen auf das Loch. Dort erkannte ich einen winzigen Ausschnitt von einem Nachthimmel der keine Sterne zeigte, dafür aber eine leuchtende Botschaft, die scheinbar in den Himmel graviert worden war. „Greif nach den Sternen: Volark Stellar Refresh!“, stand dort geschrieben, umrahmt von einer Form, die an eine Getränkedose erinnerte.

„Das scheint für ihn nicht so ganz funktioniert zu haben“, sagte ich zu Karmon, wobei ich Ekel und Mitleid trotz meiner Steinform nicht aus meiner Gedankenstimme heraushalten konnte, „das ist so eine fiese Eigenart von Werbebotschaften.“

„Das stimmt“, pflichtete mir Karmon bei, „aber er scheint fest daran geglaubt zu haben. Bis zuletzt! Ich weiß nicht, ob ich das erbärmlich oder bewundernswert finden soll.“

„Wahrscheinlich trifft beides ein wenig zu“, erwiderte ich, „eins jedenfalls ist sicher, diese Welt passt genauso gut zu diesem Wichser Kollom, wie ich erwartet habe.“

„Da magst du recht haben“, sagte Karmon, „aber noch haben wir kaum etwas von Deovan gesehen.“

„Ich kann es kaum erwarten das zu ändern“, meinte ich sarkastisch. Dann ging Karmon auf die dünne Wand zu und riss sie einfach auseinander.

~o~

Was sich jenseits dieser Grabkammer aus Müll und Unrat befand, war im Grunde nichts weiter als ein größeres Abbild von ihr. Die einstmals sicher breite Straße, auf der wir nun standen, hatte sich durch ein Gewirr behelfsmäßiger Unterkünfte in eine enge, klaustrophobische Gasse verwandelt, auch wenn nicht jede dieser Baracken aus Müll, sondern manche auch aus Holz oder Zeltstoff bestanden. Eine Zier für die Augen waren jedoch auch diese nicht. Das hieß: Die Bewohner dieser traurigen Verschläge hatten sich durchaus Mühe gegeben sie dazu zu machen. Nicht selten hatten sie ihren Namen mit Kot, Blut oder Farbe auf ihre Behausung gepinselt oder sogar gedruckte oder aus Metall gefertigte Namensschilder verwendet, die die Bewohner etwa als „Rina Have-Non“, „Korwon Have-Non“, oder „Livata Geber“ auswiesen. Manchmal gesellten sich auch Firmenlogos („Ungara United“, „New Day Inc.“, „Die Gemeinschaft des Strebens“) oder Werbebotschaften („Gain insane – ihr verlässlicher Marktberater“, „Körperkapital – wie sie natürliche Ressourcen gewinnbringend investieren“, „Leave them behind – vom Unternehmer zum Nehmer in 180 Tagen“) hinzu. Vereinzelt fanden sich auch ganze Lebensläufe an den dreckigen, verschmierten, morschen Wänden, die vielfältige Geschichten des Scheiterns erzählten und wohl daran erinnern sollten, dass die Bewohner einmal bessere und erfolgreichere Zeiten erlebt hatten und vielleicht auch wieder erleben würden.

Mich erinnerten sie mehr an Inschriften auf Grabsteinen, selbst wenn vielleicht nicht jeder in diesen vom Licht der am Himmel prangenden Werbebotschaften beleuchteten Behausungen tot war. Zwar war hier auf der Straße niemand zu sehen, aber manchmal waren Bewegungen in den Hütten zu erkennen, die nicht alle vom peitschenden Wind herrühren mochten. Dieser Wind trug anders als vermutet keinen Regen über die knochentrockenen Straßen. Der Regen nämlich, den ich deutlich hören und sogar in dem schmalen Streifen Himmel über uns hinabfallen sehen konnte, erreichte nicht den Boden. Offenbar, schloss ich, lag diese Stadt unter einer Kuppel oder war – wenn man den Wind bedachte – zumindest teilweise überdacht. In diesem Fall stammte die Feuchtigkeit in der Hütte wahrscheinlich nicht vom Regen, sondern von Körperflüssigkeiten, dachte ich angewidert.

Der Geruch hier draußen war aber kaum besser, als in der Hütte, in der wir angekommen waren. Ein wenig verlockendes Potpourri aus Abfall, Blut, Fäkalien und Abgasen, in das sich schwache Essensdüfte und gelegentlich auch etwas exotisches Parfum mischte.

„Widerlich“, befand ich.

„Mehr als das“, antwortete Karmon, „ich bin mir nicht sicher, aber ich schätze, dass diese Luft deinen alten Körper in wenigen Wochen vollkommen ruiniert hätte. Mit mir als Symbiont vielleicht in wenigen Monaten.“

„Dann kann ich ja dankbar sein, in diesem Stein zu stecken“, sagte ich nur halb im Scherz, „wie kann man nur an einem solchen Ort leben?“

„Nun, ich denke, dass diese Leute es sich nicht ausgesucht haben“, meinte Karmon, „jedenfalls glaube ich nicht, dass wir Kollom hier finden werden.“

„Das glaube ich auch nicht“, stimmte ich ihm zu, „vielleicht kommen wir irgendwie in ein besseres Viertel. Der Typ mag sich zwar in Uranor durch den Schlamm gewühlt haben, aber ich glaube, diese Gegend wäre selbst ihm zu schmutzig.“

Karmon sah sich um und ich erkannte, dass wir uns in einer Sackgasse befanden, die an einer Seite an einer massiven und sehr hohen Mauer endete. Damit war unser Weg immerhin klar.

Während wir an den Elendsbaracken vorbei jenen Weg einschlugen, der in einen Platz oder zumindest in einen breitere Straße zu münden versprach, achtete Karmon sorgfältig auf mögliche Angriffe von den Seiten oder aus dem Hinterhalt. Kriminalität gab es zwar fast überall, aber wo solche Armut herrschte wie an diesem Ort, da war sie häufig auch von sehr körperlicher Natur. Und wer gezwungen war so zu leben, war vielleicht auch lebensmüde genug, selbst eine Kreatur wie Karmon anzugreifen.

Gelegentlich gönnte Karmon sich – und damit auch mir – aber trotz seiner Wachsamkeit einen Blick nach oben, wo sich weitere Werbe- und Motivationssprüche tummelten, wie Fische in einem überfüllten Aquarium. „Ihr Leben in deiner Hand – wenn‘s schmutzig wird, nimm Killmore Blunt“, „Memory Restore Inc. – wir zeigen dir, wer du warst“, „Narrats Organpfandleihe – von Lungen und Nieren schnell profitieren“, „Alles, was du brauchst ist eine große Idee!“ und so weiter und so weiter. Sterne, Wolken oder ein Mond waren noch immer nicht zu erkennen. Entweder gab es sie hier nicht – was ich nicht für sehr wahrscheinlich hielt – oder sie wurden bewusst ausgeblendet, um den Botschaften keine Konkurrenz zu machen. Für letztere Theorie sprach auch, dass ich gelegentlich glaubte ein mattes Schimmern am Himmel zu sehen, fast wie der Lens Flare einer Kamera.

Noch bevor wir das Ende der kleinen Gasse erreichten, wurden wir aufgehalten. Ein junge, deovanisches Mädchen stürmte direkt auf Karmon zu und schien sich vor seiner Erscheinung, die in jedem Märchenbuch ein gutes Ungeheuer abgegeben hätte, nicht abschrecken zu lassen. Sie trug einen ehemals weißen, nun aber dreckverschmierten Anzug samt nicht weniger schmutziger Hose und hatte ihr schwarzes Haar zu einem verfilzten Zopf gebunden. Sie war dünn, sehr dünn, aber noch nicht mager. Ich schätzte sie auf sieben, vielleicht acht Jahre. Dennoch lag in ihren runden Augen kein Funken von Kindheit.

„Hallo Mister“, sagte sie förmlich, „Gute Geschäfte. Sie sind von außerhalb, oder?“

„Ja“, brummte Karmon zur Antwort.

„Wunderbar“, sagte sie mit einem perfekten Verkäuferinnenlächeln und einer so gut gespielten Freundlichkeit, dass ich sie sicher als echt akzeptiert hätte, wenn nicht der Zustand und das Alter des Mädchens gewesen wären, „hier in Deovan schätzen wir Vielfalt und neue Impulse. Könnte ich Ihnen vielleicht einen vorteilhaften Handel vorschlagen?“

„Nein!“, sagte ich zu Karmon, natürlich ohne, dass das Mädchen mich hören konnte.

„Worum geht es denn?“, fragte der Kwang Grong, meinen Einwand ignorierend.

„Für 5.000 Dominaten könnte ich Ihnen eine meiner Nieren und für 10.000 Dominanten einen meiner Lungenflügel anbieten“, schlug sie so selbstverständlich vor, als ginge es um den Verkauf von Limonade, „jeweils natürlich zuzüglich des Aufschlags von 2.000 Dominanten für den aktuell günstigsten, örtlichen Extraktor. Aufgrund meines Alters und da ich erst wenige Tage im Invisible Land ansässig bin, sind meine Organe noch im hervorragenden Zustand, was Ihnen auch der Extraktor bescheinigen wird. Mir ist bewusst, dass Ihre Physiologie sich von der eines Deovani unterscheidet, aber vielleicht kann der Extraktor das Organ entsprechend modifizieren und so Ihre Gesundheit verbessern oder sie erwerben bei ihm einen Stasiskoffer und verkaufen die Ware gewinnbringend weiter. Für alles lässt sich eine Lösung finden, falls Sie interessiert sind.“

Sie brachte all diese Ungeheuerlichkeiten mit einer bemerkenswerten Kälte und Seriosität vor, aber ich glaubte dennoch etwas Schmerz unter ihrer Maske zu sehen, vielleicht auch nur, weil ich ihn dort sehen wollte. Weil er einfach da sein musste.

„Das ist barbarisch“, sagte ich erschüttert zu Karmon, „Wir müssen ihr helfen! Kein Kind sollte in solch einer Lage sein. Egal, in was für einer Welt.“

„Wie sollen wir das anstellen?“, fragte Karmon, „Wir können ihr nichts bieten. Kein Essen, kein Geld, kein Obdach, keine Fluchtmöglichkeit, vielleicht nicht einmal Schutz. Wir sind kaum besser dran als sie.“

„Schwachsinn!“, widersprach ich, „wir sind nicht dazu gezwungen Organe in der Gosse anzubieten.“

„Noch nicht“, erwiderte Karmon, „wir sind aber auch noch nicht lange hier.“

Zu den Mädchen sagte er: „Ich besitze keine Dominanten.“

Kurz flackerte Enttäuschung in den runden Kinderaugen auf, bevor sie sich offenbar innerlich zur Ordnung rief und ihre Verhandlungen fortführte, „Sie können auch Devisen einsetzen. Ich bringe Sie gern zu einem Wechsler. Er akzeptiert fast alle Währungen.“

„Tut mir leid“, sagte Karmon, „ich bin nicht interessiert.“

Nun lag wirklich Enttäuschung im Gesicht des Mädchens und ich glaubte ein Magenknurren zu hören, so als wäre ihr gerade wieder bewusst geworden, wie viel Hunger sie eigentlich hatte. In ihrem Kopf schien es zu arbeiten.

„Ich habe auch andere Waren. Augen, Gliedmaßen, was immer sie wünschen. Oder Dienstleistungen. Ich kenne diese Gegend inzwischen sehr gut. Ich könnte mich als Führerin anbieten. Sie könnten mich auch adoptieren. Mir wurden überdurchschnittliche kognitive Fähigkeiten bescheinigt. Ich wäre eine gute Investition und bedingungslos loyal.“

„Wir könnten sie tatsächlich adoptieren“, schlug ich in meiner Verzweiflung vor, „zumindest wenn wir an Geld kommen. Wir könnten zurückkehren und sie …“

„Nein!“, sprach Karmon ein Machtwort, „ich schätze ja deine Anfälle von Gewissen, aber das hier würde weder uns noch ihr etwas bringen. Wir können sie nicht quer durch alle Welten schleppen. Sie wäre nicht deine oder unsere Tochter. Sie wäre nichts weiter als ein Souvenir, eine Sklavin, ein Haustier oder schlimmer noch – ein Schmerzmittel gegen deine Gewissensbisse.“

„Dann schnell weg hier“, flehte ich Karmon an, da ich keinen Sinn darin sah, ihm hier zu widersprechen, zumal er wahrscheinlich die Wahrheit sprach, „ich halte das hier nicht mehr aus. Wenn wir ihr schon nicht helfen können, sollten wir sie verlassen.“

„Wenn Sie so freundlich wären zur Seite zu treten, würden wir gerne gehen“, sagte Karmon höflich, aber kalt.

„Natürlich …“, erwiderte das Mädchen enttäuscht, schluckte schwer und versuchte es dann ein letztes Mal, „aber ein Angebot hätte ich noch. Ich könnte Ihnen meinen Körper zur Nutzung anbieten. Als Dienstleistung. Ich habe gehört, viele von außerhalb finden junge Körper attraktiv. Natürlich auch manche Deovani, was das betrifft.“

Auch wenn ich gerade nur ein Geist in einem Stein war, hatte ich das überdeutliche Gefühl, dass mir Magensäure in den Mund schoss. Ich hatte wirklich eine Menge kranker Dinge erlebt und gesehen. Aber das hier …

„Schnell weg hier!“, sagte ich erneut zu Karmon, „bitte, bring uns einfach nur hier weg!“

Doch Karmon reagierte nicht. Er fixierte das Mädchen einfach nur mit seinen dämonischen Augen, während ich fühlte, wie sein Herz schneller schlug und für einen Moment sogar glaubte, so etwas wie Gier in ihm wahrzunehmen. Ich fröstelte. Und es kam nicht von der Kälte. Ich weiß nicht mehr, wie lange er sie angestarrt hatte, aber es konnte durchaus eine Minute gewesen sein. Das Mädchen hielt seinem Blick mit dem Mut der Verzweiflung stand.

„Ich bin nicht interessiert“, sagte Karmon schließlich knapp und diese Worte lösten grenzenlose Erleichterung in mir aus. Für einen Moment hatte ich fast gedacht, dass …

„Bedauerlich“, sagte das Mädchen mit freundlich professioneller Stimme, aber feuchten Augen, „ich heiße Nida Have-Non. Leider besitze ich keine Visitenkarte mehr und da Sie über keinen Identifier verfügen, kann ich meine Daten nicht mit Ihnen teilen. Aber empfehlen Sie mich trotzdem gerne weiter oder fragen Sie einen der anderen Einwohner des Invisible Land nach mir, wenn Sie es sich anders überlegen.“

Dann drehte sich Nida wieder um und trottete entmutigt von dannen.

„Was sollte das gerade?“, fragte ich Karmon geradeheraus, „jetzt sag nicht, dass du auf kleine Kinder stehst.“

„Nein“, antwortete Karmon, „aber dieser Körper hat Hunger. Und er wird immer schlimmer, seit wir Uranor verlassen haben.“

„Du wolltest die Kleine fressen?“, fragte ich entsetzt.

„Ich habe sie nicht gefressen, wie du vielleicht bemerkt hast und ich wollte es auch nicht“, widersprach Karmon, „aber dieser Körper, den mir Pingos Stein ermöglicht hat, hat Bedürfnisse. In Uranor waren sie die meiste Zeit über nur schwach ausgeprägt, aber nun wollen sie nicht länger schweigen und ich weiß nicht mehr, wie lange ich sie noch beherrschen kann.“

„Müssen diese Bedürfnisse an lebenden Geschöpfen gestillt werden?“, fragte ich.

„Ich fürchte ja“, sagte Karmon.

„Fantastisch“, erwiderte ich, „und dabei dachte ich, dass der Stein nur positive Dinge bewirken würde.“

„Oh für mich ist es nicht negativ“, sagte Karmon in einem Anflug von trockenem Humor, „lediglich für alle anderen.“

„Dann sollten wir hoffen, dass wir bald auf ein richtig mieses Arschloch treffen“, meinte ich.

„Ich denke, das sollte hier möglich sein“, antwortete Karmon.

~o~

Die Zentrale des Machtkomplexes der kalten Hand war im Wesentlichen eine architektonische Umsetzung des Konzernlogos. Eine aus dem Boden ragende Hand, deren Finger sich um einen Planeten mit detailliert ausgearbeiteten Kontinenten schlossen. Solche extravaganten Konstruktionen waren in Deovan eher ungewöhnlich. Lediglich in der Unterhaltungsbranche konnten die Bauten gar nicht schrill und bizarr genug sein. Industrie- und Technologieunternehmen bevorzugten für gewöhnlich jedoch eine weit nüchternere und zweckmäßigere Architektur. Dass die MKH-Zentrale eine Ausnahme machte, war vor allem Kolloms Verdienst. Er liebte solche Spielereien und er fand, dass sie viel zur Markenbildung beitragen konnten.

Der Aufsichtsrat war da anderer Ansicht gewesen. In der Sitzung, in denen er die Pläne des begabten Architekten Koriat Geber vorgestellt hatte, hatten die meisten der zehn Aufsichtsratsmitglieder die Entwürfe als „peinlich“ oder „lächerlich“ bezeichnet. Doch er als CEO und Hauptanteilseigner der Firma hatte in solchen Fragen laut Gründungsvereinbarung nun einmal das letzte Wort, und so war die Zentrale genauso gebaut worden, wie er sich das vorgestellt hatte. Dummerweise besaß der Aufsichtsrat mehr Einfluss, wenn es um Personalentscheidungen ging und da dessen Mitglieder ihren Zorn nicht an Kollom auslassen konnten, hatten sie eben Koriat gefeuert und alles getan, um dessen Ruf zu ruinieren.

Kollom hatte das weitere, traurige Schicksal von Koriat Geber genauestens verfolgt, natürlich ohne darin einzugreifen. Erst als ihm zu Ohren gekommen war, dass die Seele des ehemaligen Architekten in einem „Companion-Plüschtier“ auf den Endmärkten gelandet war, hatte er zugeschlagen und den Kauf veranlasst. Der Architekt saß nun in einer Modellnachbildung seiner Schöpfung in Kolloms Büro auf einem bequemen, kleinen Stuhl. Diese Ehre hatte er sich seiner Meinung nach verdient. Manchmal glaubte Kollom ihn nachts flüstern zu hören, aber das war wahrscheinlich Einbildung. Diese Plüschtiere konnten nicht sprechen.

„Gute Geschäfte, Nehmer Kollom“, wurde Kollom von der blonden, kurzhaarigen und rotäugigen Konzernsoldatin am Eingang begrüßt. Die Frau – sie hieß Rivana – lächelte dasselbe breite Lächeln wie ihr dunkelhaariger, Kollom noch unbekannter, männlicher Kollege auf der anderen Seite des Eingangstores. Es bedeutete ihm nichts. Praktisch jeder auf Deovan versuchte sich gegenüber Vorgesetzten, Kunden und vielversprechenden Geschäftspartnern gut zu stellen, indem er fröhlich und freundlich auftrat. Es war eine geringe Investition, die nur weniger Muskelbewegungen bedurfte und die bei den Meisten dennoch ihre Wirkung nicht verfehlte, obwohl sie um das Schauspiel wussten. Deovani waren keine soziopathischen Andrin. Es gab auch bei ihnen den biologisch angelegten Wunsch nach Akzeptanz und Sicherheit und deshalb gierte ihr Gehirn nach solchen Signalen, wie ihr Geschäftssinn nach Dominanten. So war Kolloms Ablehnung auch eher ideologischer Natur. Er schätzte die freie Entfaltung des Individuums über alles. Um jeden Preis.

Deshalb wünschte er sich, dass die Konzernsoldatin ihm ihren Hass und ihre Verachtung offen ins Gesicht geschrien hätte. Dass sie ihren Impulsen gefolgt wäre, egal was das für ihre Zukunft bedeutet hätte. Theoretisch wäre sie dazu in der Lage gewesen. Sie war eine Wächterin, keine Executionerin, welcher der freie Wille für die Dauer ihres zuvor freiwillig eingegangenen Dienstvertrages praktisch genommen worden war. Natürlich hätte er sie für solch ein Verhalten gefeuert und ihr ein miserables Arbeitszeugnis ausgestellt. Das zu tun war seine Freiheit. Zudem hätte er die in ihrem MKH-Dienst erworbenen Fähigkeiten aus ihrem Gehirn löschen lassen, da solche Vorteile nur bei korrekter Vertragserfüllung von Arbeitnehmern behalten werden durften. Sie hätte wahrscheinlich nie wieder eine ordentliche Anstellung erhalten und ihr Leben im Invisible Land oder den Endmärkten ausgehaucht. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht hätte sie einen Weg gefunden zu überleben, aufzusteigen, es ihm heimzuzahlen und ihn irgendwann in den Staub zu treten, einfach, weil sie ihre eigene Freiheit in letzter Konsequenz akzeptiert hatte. Das war nicht wahrscheinlich, aber möglich. Das war das Wunderbare an Deovan. Die eigentliche Essenz dieser Welt, jenseits von schillernden Konzernpalästen und Vertragsgeschacher. Doch in diesem Fall blieben das Gedankenspiele, denn die Frau, wie auch ihr Kollege versteckten sich hinter ihrem falschen Grinsen und suchten Zuflucht in der langweiligen Sicherheit, die es bot.

Kollom grüßte die beiden nicht. Er hatte keine Freundlichkeit nötig, noch war ihm gerade danach. Wortlos ging er durch die unverschlossene Tür. Wäre er nicht befugt gewesen, hätten die zu diesem Zweck angebrachten Vorrichtungen ihn sofort um viele Dominanten erleichtert oder ihn digitalisiert und zu einer unentgeltlichen Beschäftigung im Dienste es Unternehmens verpflichtet, um Schadensersatz für die Verletzung der Privatsphäre zu leisten. Jeder Deovani wusste um dieses Risiko. Konzerne regelten ihre Angelegenheiten selbst. Die Vertragswächter waren etwas für die kleinen Fische.

Während das Äußere des Gebäudes bewusst einschüchternd und düster gestaltet war, sah es im Inneren völlig anders aus. Die Wände waren entweder in Weiß oder in einem hellen, sanften Blauton gehalten. Der Eingangsbereich wurde von bequemen, weißen oder hellgrauen Kunstledersesseln und großzügigen Couchgarnituren, sowie einem wuchtigen Empfangsschalter dominiert. Dieser war an seiner Außenseite einem gekrümmten Finger nachempfunden, um das Thema der äußeren Architektur aufzugreifen. Sowohl auf dem Boden, als auch auf einer großen Leinwand flimmerten Werbespots und kurze Produktvorführungen des Unternehmens.

Das heißt, im Grunde befand sich dort nichts weiter als leere Flächen, aber über die „Sensivity-Schnittstelle“, die jeder dauerhafte Bewohner Deovans und auch jeder Besucher, der hier ernsthaft Geschäfte betreiben wollte, in seinem Gehirn trug, wurde passgenaue Werbung ausgespielt, die beim jeweiligen Besucher den Eindruck erweckten sich auf den dafür vorgesehenen Flächen abzuspielen. Wer Interesse an Waffensystemen hatte, bekam welche gezeigt, und zwar nur solche, die er sich auch leisten konnte. Das Gleiche galt für Nahrungsmittel oder medizinische Geräte. Doch nicht nur grobe Interessen und der Kontostand des Besuchers wurden ausgewertet, sondern alle frei zugänglichen Gedanken, Gefühle und Informationen. Wer nicht die nötigen Dominanten investiert hatte, um Bereiche seines Denkens abzuschirmen, war für die Systeme der MKH-Zentrale wie ein offenes Buch.

Das führte nicht nur zu sehr effektiven und individuellen Anzeigen und dem ein oder anderen Neukunden und Kooperationspartner, sondern war auch sehr hilfreich bei der Mitarbeiterführung und für die Konzernsicherheit. Industriespionage, Sabotage, Racheakte oder Verschwörungen von niedrigeren Mitarbeitern wurden so deutlich erschwert.

Auch dem braunhaarigen Mann, der am Empfang seinen Dienst verrichtete, schenkte Kollom keine große Aufmerksamkeit. Er wollte gerade ohnehin so wenig Konversationen wie möglich führen. Alles, was er wollte, war seine Fracht abzuliefern und dann schnellstmöglich die Wissenslücken aufzufüllen, die sein Erlebnis in Shaktas Höhle bei ihm hinterlassen hatte.

Also ließ Kollom den Empfang im wahrsten Sinne des Wortes links liegen und bog in den Gang ein, an dem sich die vielen winzigen Büros der niedrigeren Hierarchien wie Perlen an einer Schnur aneinanderreihten. Jede dieser kleinen, schalldichten gläsernen Blasen beherbergte genau eine Arbeiterin beziehungsweise einen Arbeiter, der Befehle in sein virtuelles Terminal tippte oder sprach. Durchsichtig waren die Büros dabei nur von außen, damit eine ständige Aufsicht über die Angestellten möglich war. Von Innen sah und hörte man nichts, was nicht zur Arbeit gehörte. Man konnte nicht aus dem Fenster sehen, den Flur beobachten oder Gespräche mit seinen Kollegen führen und zugleich wusste man nie, wer gerade hineinsah und einen beobachtete. Natürlich waren diese Vorkehrung genau genommen redundant, denn jeder Handschlag, jede Eingabe, jede Augenbewegung wurde auch so schon strengstens digital überwacht, aufgezeichnet und dokumentiert und bei Verstößen zumeist sofort mit Vertragsstrafen oder Kündigungen geahndet. Die Angestellten wussten das. Trotzdem war das disziplinierende, archaische Gefühl, womöglich von urteilenden, biologischen und nicht von gleichgültigen, künstlichen Augen überwacht zu werden, nicht zu unterschätzen. Die Disziplin hatte nach Einbau der Spezialverglasung noch einmal zugenommen. Eines war sicher: Faulenzen oder Prokrastination gab es im MKH-Komplex nicht.

Manche behaupteten, dass diese strenge Überwachung der Konzentration und der Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter schaden würde. Und das stimmte absolut. Die Sache war nur, dass dies nicht das Problem des Unternehmens war. Der Machtkomplex der kalten Hand stellte bestimmte Anforderungen an seine Mitarbeiter und wer die nicht erfüllen konnte, blieb draußen. Für das Unternehmen würde das erst zum Problem werden, wenn es keine Mitarbeiter mehr finden würde.

Doch in derartige Schwierigkeiten war die Firma bislang nicht geraten und das hatte verschiedene Gründe. Zum einen fehlten die Alternativen. Die meisten Mitbewerber setzten dieselben Standards an und die, die den Arbeitsalltag etwas lockerer handhabten, zahlten dafür viel schlechter. Natürlich konnte man freiberuflich tätig sein, was in Deovan sogar gute Tradition war. Ohne das nötige Startkapital erforderten die meisten freiberuflichen Dienstleistungen jedoch große und teils grausame Opfer an Körper, Seele und Geist. Arbeitslosigkeit hingegen war in Deovan gleichbedeutend mit Hunger und Tod, wenn man nicht gerade genügend Dominanten Beiseite gelegt hatte.

Die Anreize, sich für einen Job bei MKH zu bewerben, waren also groß, doch das alles hätte natürlich nichts gebracht, wenn die nötigen Qualifikationen nicht zu erlangen gewesen wären. Doch zum Glück gab es diverse Möglichkeiten, sich fit für den Job zu machen, wenn man ein wenig investierte. So wusste Kollom mit ziemlicher Sicherheit, dass alle Frauen, Männer und andersgeschlechtlichen Personen im Dienste seines Konzerns, biologische oder kybernetische Implantate zur Konzentrations- und Leistungssteigerung besaßen oder entsprechende Drogen konsumierten. Manchmal natürlich funktionierten diese Hilfsmittel nicht so ganz, wie sie sollten, was nicht selten zu Entlassungen führte, bei denen Kollom immerhin ein Wörtchen mitzureden hatte.

Und dieses Wort sprach sich nicht immer zuungunsten der Beschäftigten aus. Er wollte kein vollständiger Sklave von Daten und Effizienz sein. Er wollte nicht berechenbar sein. Oft genug folgte er deshalb einfach einem Gefühl, einer Intuition. Und wenn diese ihm riet, an einem Mitarbeiter festzuhalten, tat er das auch. Das war es, was für ihn Freiheit bedeutete: unerwartete Entscheidungen treffen zu können.

Als er den Aufzug erreichte, mit dem er zur Forschungsabteilung im unteren Bereich des Gebäudes gelangen wollte, öffnete sich die Aufzugtür und spuckte eine böse Überraschung aus.

Eine Frau, deren Namen ihm die Transmutationsflüssigkeit aus dem Gedächtnis gelöscht hatte, von der er aber immerhin noch wusste, dass sie ein Mitglied des Aufsichtsrats und die wahrscheinlich zweitmächtigste Person innerhalb des Machtkomplexes war. Vielleicht sogar die Mächtigste, denn sie war im Rat tonangebend, und wenn dieser einmal in der Lage war, sich zu einigen, konnte er Kollom in vielen Fragen überstimmen. Die Kleidung der etwa vierzigjährigen Frau hob sich etwas von der üblichen, neutralen Konzernkleidung ab. Auch sie trug eine weiße Anzughose und einen weißen Anzug, jedoch waren diese mit einem komplizierten, schwarzen Linienmuster verziert, welches bei jedem Betrachter ein wenig Schwindel verursachte. Zudem prangte das Logo des Konzerns auf dem Rücken ihrer Anzugjacke.

Ihr Kopf wurde von einer extravaganten Frisur gekrönt, bei der ihre dunkelblonden Haare in der Mitte kurz geschnitten waren, sich jedoch an den Seiten wie zwei hohe, gedrehte Wellen auftürmten. Auf ihren verkniffenen Lippen lag dunkelvioletter Lippenstift und ihre kurzen Nägel waren weiß lackiert. Die Dominanten-Anzeige ihres Identifiers zeigte eine ähnliche kryptische Angabe wie bei Kollom, aber wie alle erfolgreicheren Nehmer, konnte er diese entschlüsseln und wusste so, dass das Vermögen der Frau nicht weit unterhalb von seinem eigenen rangierte.

„Gute Geschäfte, Nehmer Kollom“, begrüßte sie ihn exakt so, wie die Konzernsoldatin am Eingang. Bei ihr jedoch konnte er nicht auf die Begrüßung verzichten.

„Gute Geschäfte, Nehmer …“, antwortete Kollom, da ihm der Name der Frau einfach nicht einfallen wurde und schloss seine Hand fester um den Manifestor. Er fühlte sich gerade nicht in der Lage ein solches Gespräch zu führen.

„… Torvilla“, ergänzte die Aufsichtsrätin irritiert.

„Torvilla, natürlich“, wiederholte Kollom und hoffte, dass man ihm seine Verlegenheit nicht zu sehr anmerkte.

Es freut mich, dass Sie wieder von Ihrer Reise zurück sind und dem Unternehmen erneut zur Verfügung stehen“, sagte Torvilla, „wohin ging Ihre Reise?“

„Uranor“, erwiderte Kollom knapp. Er spürte, wie eine ungewohnte Müdigkeit an ihm nagte.

„Ach ja“, sagte Torvilla, deren Tonfalls klarmachte, dass sie ganz genau wusste, wo er gewesen war.

„Der Ort, an dem die Religionen für all die verträumten Welten dort draußen entstehen. Sehr interessant und lehrreich sicherlich. Von welchem Nutzen für den Machtkomplex war dieser Ausflug noch gleich?“

Sie sprach das beiläufig aus, aber Kollom entging die implizite Drohung in ihren Worten nicht. Wenigstens hatte er eine Antwort darauf parat.

„Ich konnte diverse Arbeitskräfte und einige nützliche Gegenstände und Technologien akquirieren“, antwortete Kollom, „ich wollte sie gerade im Labor abliefern. Sie werden sich ganz gewiss als profitabel herausstellen.“

„Das werden wir sehen“, entgegnete Torvilla kühl, „was wir hingegen jetzt schon wissen, ist, dass Sie mit Ihrer Reise gewaltige Kosten verursacht, schwer ersetzbare Prototypen beschädigt und eine Menge wertvoller Gerätschaften verschlissen haben.“

„Ich habe lediglich …“, begann Kollom sich zu rechtfertigen.

„Heben Sie sich Ihre Argumente für den Aufsichtsrat auf“, unterbrach ihn Torvilla, „ich habe nicht die Zeit, mir Dinge zweimal anzuhören. ICH arbeite nämlich effizient. Seien Sie um 23 Uhr im Konferenzraum.“

Dann ging sie ohne ein weiteres Wort an Kollom vorbei. Wut kochte in Kollom hoch, gefolgt von Unsicherheit und ein wenig Angst. Er hatte nur noch etwas über eine Stunde, um seine Uranor-Funde abzuliefern und die Schäden an seinem Gedächtnis zu begrenzen. Dabei hatte er letzteres bitter nötig, denn gerade wusste er nicht einmal mehr, wo sich dieser verdammte Konferenzraum befand.

Tausend deftige Flüche lagen ihm auf der Zunge, aber er traute sich nicht einmal, sie zu flüstern. Als CEO blieben seine Gedanken selbst in der Konzernzentrale sein alleiniges Eigentum. Seine Worte jedoch, egal wie leise er sie aussprechen würde, würde jeder hören, aufnehmen und sie ihm bei der passenden Gelegenheit in den Rücken rammen können.

Schlechtgelaunt betrat er den Aufzug.

~o~

Am Ende der kleinen Gasse erwartete Karmon und mich tatsächlich ein Platz. Ja, in gewisser Weise war es sogar ein Marktplatz und noch dazu einer, auf dem so viel passierte, dass wir uns erst Mal ein wenig Zeit nehmen mussten, um das alles auch nur annähernd erfassen zu können.

Genauso schmutzig und wenig einladend wie zuvor die Gasse, war der Platz übersät mit Deovani jeden Alters und Geschlechts, die feilboten, was immer sie noch feilzubieten hatten. Vielen von ihnen fehlten Beine oder Arme, Füße, Augen oder Nasen und wahrscheinlich auch diverse innere Organe, wenn man ihren augenscheinlich miserablen Gesundheitszustand zugrunde legte, der natürlich auch von der schlechten Luft herrühren konnte. Andere, die – wie die kleine Nida – noch keinen Käufer gefunden hatten und noch nicht lange an diesem Ort waren, sahen etwas besser aus und machten zum Teil einen deutlich selbstbewussteren Eindruck, auch wenn sie wahrscheinlich nur noch ein paar Tage davon entfernt waren, das Schicksal der anderen zu teilen.

Selbstbewusstsein war hier ein gutes Stichwort, denn sogar die bedauernswertesten Gestalten schrien und flehten nicht lautstark, sondern priesen ihre Vorzüge in wohlgesetzten, gesitteten Worten an, selbst wenn diese manchmal durch ein Husten oder ganz selten durch ein gepresstes, dezentes Schluchzen unterbrochen wurden. Zumeist jedoch lächelten sie wie fleischgewordene Werbeplakate und bemühten sich darum, einen guten Eindruck zu machen. Weil sie nicht auf Mitleid hoffen, dachte ich, das gab es hier nicht. Sie hofften auf Kunden und die ließen sich nicht mit Trauermienen anlocken. Etwas weniger gesittet ging es an der Handvoll Regenlöcher zu, durch die ein dünnes Rinnsal vom Himmel hinabfloss und tropfte und um die sich regelrechte Trauben von Deovani scharten. Der Rest des Himmels war tatsächlich mit einer kaum sichtbaren Überdachung abgeschirmt, die den Großteil des heftig fallenden Regens irgendwohin ableitete. Womöglich in bessere und zahlungskräftigere Viertel.

Vereinzelt entdecken wir auch etwas besser gekleidete Deovani – Nehmer wahrscheinlich, in der Terminologie von Deovan gesprochen – und manchmal auch fein herausgeputzte Personen anderer Herkunft. Manche von ihnen beobachteten einfach nur. Aber die meisten gingen auf die Angebote der Verzweifelten ein, unterschrieben Verträge oder handelten diese aus. Dann gingen sie mit den mehr oder weniger glücklichen Käufern zu kleinen, massiven Gebäuden aus Stahl oder Stein ging, wo wahrscheinlich die Geschäfte abgeschlossen oder die … Dienstleistungen erbracht werden konnten.

Doch das Angebot war weit größer als die Nachfrage und so gingen die meisten Geber und Have-Nons leer aus. Während ein Teil von ihnen ausharrte und darauf wartete endlich einen Handel abschließen zu können, nutzten andere das Äquivalent des deovanischen Wohlfahrtsstaats. Eine Art Cardiotrainer, der den Einwohnern des „Invisible Land“, die noch über ausreichende Gliedmaßen und Kondition verfügten die Möglichkeit gab, durch Betätigung der Pedale Strom zu erzeugen und so nach entsprechendem, schweißtreibenden Einsatz geringe Geldbeträge zu erwirtschaften. Manche, der Personen, die ihre Arbeitskraft auf diese Weise einsetzten, machten nicht unbedingt den Eindruck, noch lange durchhalten zu können.

Gesponsert wurden diese Geräte, die überall in kleinen Grüppchen auf dem Platz verteilt standen, von der Firma „Recyclon Inc.“, die sich laut den Infotafeln einen satten Anteil am erwirtschafteten Gewinn sicherte. Zudem gab es auch Terminals des Unternehmens „Smart Crowd“, auf denen Have-Nons mit leerem Blick herumtippten und offenbar eine Art Clickworking betrieben, indem sie Produkte bewerteten und Bilder und Videos verschlagworteten. Obwohl die Bezahlung hier noch viel mieser war und keiner, der an diesen Terminals stand, besonders glücklich wirkte, gab es regelrechte Schlangen davor und manchmal kam es auch zu Handgreiflichkeiten, bei denen die guten deovanischen Umgangsformen dann doch massiv litten.

Eingegriffen wurde dabei jedoch erst, als ein junger Mann von einer etwas älteren, aber kräftigeren Frau mit dem Kopf gegen eines der Terminals geschleudert wurde. Die Frau musste über außergewöhnliche Kräfte verfügen, denn sie deformierte auf diese Weise nicht nur das Gesicht ihres Gegners bis zur Unkenntlichkeit, sondern ließ auch das Display des Gerätes zersplittern.

Nur wenige Augenblicke verschwand einer der schmutzigen, quadratischen Bodenplatten und vier bullige, mit verspiegelten Helmen ausgestattete Gestalten mit weißen Lederstiefeln und dunkelgrauen Kampfanzügen kamen zum Vorschein. Auf ihrem Rücken prangte der Schriftzug „Vertragswächter“ und in ihren Händen hielten sie jeder einen kurzen Metallstab mit verdicktem Ende, der in etwa an einen Schlagstock erinnerte. Einer von ihnen trug zudem ein Art Manifestor bei sich. Der Helm dieses Vertragswächters war weiß, während die der anderen schwarz waren.

Auch wenn ich davon ausging, dass es sich hier um so etwas wie die Polizei von Deovan handelte, sah ich in den Gesichtern der meisten Anwesenden – seien es nun Nehmer, Geber oder Have-Nons – wenig bis gar keine Angst oder auch nur Achtung. Einige verzogen spöttisch den Mund und eine jüngere Have-Non spuckte einen der Uniformierten sogar an, was dieser ungerührt über sich ergehen ließ.

Selbst die Frau, die Ziel des Einsatzes der Vertragswächter war, schien nicht sonderlich viel Respekt für sie übrigzuhaben und verpasste zwei der Beamten, die sie ergreifen wollten, so kräftige Faustschläge, dass diese zurückstolperten und trat einem dritten gegen das Knie, welches sich daraufhin unnatürlich verdrehte. Der verletzte Vertragswächter gab keinen Laut von sich. Dafür hatte sich inzwischen eine regelrechte Traube von Zuschauern gebildet. Darunter auch einige Nehmer.

„Das hier ist mein Platz!“, rief die Frau mit einer rauen, angriffslustigen Stimme, „den macht mit mir keiner streitig, erst recht keine Zitzennuckler!“

Sie begab sich in eine kampflustige Position und machte eine herausfordernde Geste mit ihrer rechten Hand. Der weißbehelmte Beamte jedoch war nicht so dumm sich auf einen direkten Kampf einzulassen. Er schwang seinen Schlagstock wie einen Zauberstab und sofort löste sich ein metallenes Netz daraus, welches die Frau umschlang und einschnürte, und zwischen dessen dünnen Metallfäden ein bläuliches Kraftfeld flimmerte. Jeder Versuch der Frau, sich aus dem Netz zu befreien, blieb trotz ihrer offenbar beachtlichen Kräfte erfolglos. Zwei der Vertragswächter ergriffen das Netz mit der Frau, während der mit der Knieverletzung die Luke im Boden wieder öffnete. Wie ein Stück Fracht wurde die Frau in das Loch gestopft und der verletzte Beamte humpelte hinter ihnen her.

Der Vertragswächter, welcher das Netz ausgeworfen hatte, machte Anstalten ihnen zu folgen, wurde aber von einer Nehmerin mit einem topfförmigen Haarschnitt und einem Kontostand von gut vierzig Millionen Dominanten aufgehalten, die einen extravaganten roten Anzug mit grauen und weißen Mosaiken trug. Der Vertragswächter klappte das verspiegelte Visier seines Helmes hoch und erwies sich als glatzköpfiger Mann mit ausdruckslosem Gesicht. Daran, dass die Frau und er die Lippen bewegten, konnte man sehen, dass sie miteinander sprachen. Hören jedoch konnte ich sie nicht und das, obwohl wir den Beiden sehr nah waren.

„Kannst du verstehen, was sie sagt?“, fragte ich Karmon, „bei mir kommt jedenfalls nichts an.“

„Nein“, antwortete der Kwang Grong, „ich denke, sie wird irgendeine technische Vorrichtung verwenden, um ihr Gespräch für Außenstehende unhörbar zu machen. Dennoch ist eigentlich klar, was hier passiert.“

„Sie hat gesehen, welche Kampffähigkeiten die Frau besitzt und will sie nun anwerben, statt sie hinter Gittern wandern zu lassen“, erriet ich Karmons Gedanken.

„Davon gehe ich aus“, stimmte Karmon zu.

Die Verhandlung zwischen dem Vertragswächter und der Nehmerin endeten damit, dass beide sich die Hände schüttelten und der Beamte seinen Helm wieder aufsetzte und seinen Kollegen folgte. Die Nehmerin schloss sich ihnen an und wischte die Hand, die sie gerade noch geschüttelt hatte, verstohlen, aber durchaus angewidert an ihrem Kleid ab. Als die Beiden im Boden verschwunden waren, schloss sich die Bodenplatte wieder wie von Geisterhand.

„Ich frage mich, ob sich das Los dieser Frau nun verbessert oder verschlechtert hat“, überlegte ich laut in Karmons innerem.

„Ich glaube, in ihrer Lostrommel waren nur Nieten“, sagte Karmon düster, „aber wir haben eigene Sorgen. Mein Hunger wird immer größer und wir wissen noch immer nicht, wie wir zu Kollom oder auch nur in die besseren Viertel Stadt kommen sollen.“

„Vielleicht sollten wir welche von denen da fragen“, schlug ich vor und zeigte auf eine kleine Gruppe von Nehmern, die in der Nähe einer Art Imbissbude stand, deren Inhaber scharf riechendes, würzige Teigrollen anbot, bei denen es sich laut Beschriftung des Standes um Köstlichkeiten aus Loth Nomor handelte, „die sehen aus, als könnten sie es wissen.“

Karmon antwortete nicht, aber er schien meinen Vorschlag gutzuheißen, denn er bewegte sich langsam auf die Gruppe zu.

„Schmackhaft“, sagte eine in ein silbernes Kleid gehüllte Frau mit hoch gegelten, leicht an Palmwedel erinnernden Haaren, die in eine der Teigrollen biss und vorsichtig darauf herumkaute, „ich habe die bislang noch nie genossen.“

„Das war vielleicht auch besser so“, sagte eine andere, leicht dickliche Frau mit kinnlangen, roten Haaren und klassischem, weißen Anzug, „mit einem Geber-Organismus hätte das Ihr Ende sein können. Vielleicht nicht sofort, aber mit der Zeit.“

„Wieso?“, fragte die Palmenfrau und kaute langsamer.

„Das ist eine Totenspeise aus den Grabfeldern“, sagte ein glatzköpfiger Mann in einem rotbraunen Anzug und einer goldenen Krawatte, „Sie essen es dort als Henkersmahlzeit, um schnell und schmerzlos zu sterben. Nach dem, was man so hört, sterben sie sehr gerne in dieser Welt.“

Die Palmwedel-Frau hörte auf zu essen und starte auf die Teigrolle. „Warum wird so etwas dann überhaupt angeboten? Und warum essen wir es?“

„Weil es etwas Ungewöhnliches ist und Nehmern wie uns nicht schadet“, erklärte die Rothaarige verschmitzt, „Die Geber essen es, weil es schmackhaft und günstig ist. Außerdem bringt es sie ja nicht sofort um. Man muss eben abwägen zwischen Gaumenfreuden und Lebensjahren. Die Have-Nons würden so einen Snack sicher nicht überstehen, aber die können es sich ja eh nicht leisten.“

Sie lachte und die beiden anderen, so wie auch einige umstehende Geber stimmten mit ein. Lediglich die Palmwedel-Frau brachte nur ein müdes Lächeln zustande.

„Keine Angst“, sagte der Mann, „Sie können es sich erlauben. Ich weiß, dass Sie noch nicht lange eine Nehmerin sind – Glückwunsch nochmal zu Ihrem Erfolg – aber unsere Körper verpacken dieses Gift wirklich ohne Probleme. Und nicht nur das: in Maßen genossen soll es sogar ganz gut für die Haut sein. Und für die Libido.“

Er grinste breit und machte eine anzügliche Hüftbewegung und nun lächelte auch die Palmwedel-Frau befreit.

„Es scheint, wir werden belauscht“, sagte die Rothaarige, der unsere Präsenz als erstes aufgefallen war, mit einem leicht drohenden Unterton, „wir hätten den Maskierer einschalten sollen.“

„Wir haben Sie nicht belauscht“, brummte Karmon möglichst höflich, „wir wollten Sie lediglich ausreden lassen.“

„Wir?“, fragte der Mann während er Karmon von unten bis oben musterte, „für mich sehen Sie nur nach einem aus. Wenn auch nach ziemlich viel davon.“

Karmon schwieg. Er war genauso wenig erpicht darauf, diesen Leuten unsere besondere Lage zu erläutern wie ich.

„Wenn Sie uns nicht belauscht haben, was wollen Sie dann von uns?“, fragte der Glatzköpfige.

„Ich würde gerne wissen, ob Sie einen Mann namens Kollom Nehmer kennen, oder zumindest, ob sie mir sagen können, wie wir in die besseren Viertel der Stadt gelangen“, eröffnete Karmon.

„Oh“, sagte die Rothaarige mit einem amüsierten Funkeln in den Augen, „zumindest die Antwort auf Ihre zweite Frage ist ganz leicht: Sie müssen einfach nur die Karriereleiter hinaufklettern.“

Sie lachte prustend los und die anderen Nehmer schlossen sich ihrem Gelächter an.

„Das ist keine Antwort“, sagte Karmon mit einem Mal kalt und bedrohlich. Ich spürte, dass seine Wut und damit sein Hunger wuchsen.

„Halt dich zurück“, warnte ich ihn, „wen wir über diese Leute herfallen, wird uns das ganz sicher in Schwierigkeiten bringen.“

Leider ließ Karmon nicht erkennen, ob er meine Warnung beherzigen wollte oder ob er sie überhaupt gehört hatte, aber immerhin verzichtete er vorerst darauf, sich die Nehmer einzuverleiben.

„Nein, Schnellmerker, das ist es nicht“, sagte die Palmwedel-Frau, „aber für zehntausend Dominanten könnte ich Ihnen diese Antwort geben.“

„Ich mach‘s auch für neuntausend. Willkommensrabatt für Fremde“, bot der Glatzköpfige überraschend unironisch an und wechselte sofort in den Geschäftsmodus. Der Spott in seinen Augen wich blanker Gier.

„Ich besitze keine Dominanten“, sagte Karmon.

„Dann besorg‘ dir welche“, sagte der Glatzköpfige, dessen Blick sich sofort verhärtete und wandte sich ab. Die anderen taten es ihm gleich.

„Ich will sie vernichten, Adrian“, sagte Karmon düster, aber zum Glück nur gedanklich, „ihre Körper aufbrechen, aussagen und das kalte Gold herausschütteln, welches sie Anstelle eines Herzens haben. Niemand hat das Recht, so mit uns umzuspringen.“

„Das seh ich genauso, Karmon“, antwortete ich ihm und war froh darüber, dass er wieder mit mir redete, „aber wenn hier ein Blutbad anrichten, finden wir Kollom nie, sondern enden wieder in irgendeinem gut verriegelten Loch.“

Wieder reagierte Karmon nicht auf meine Worte. Ich konnte spüren, wie sein Herz schneller schlug und der Hunger seine Antwort wegdrückte wie ein Sturm einen Regenguss.

„Ich könnte Ihnen helfen“, erklang eine zwar männliche, aber recht hohe Stimme hinter uns. Karmon drehte sich um und so sahen wir einen Mann, der kaum besser aussah, als der Tote, in dessen Behausung wir Deovan betreten hatten. Er hatte ein blasses, stoppelbärtiges, faltiges Gesicht und halblange, verfilzte, aschblonde Haare. Seine Augen waren noch vorhanden, aber sie waren entzündet und verkrustet. Seine Arme und Beine waren nackt, aber vollkommen verkümmert und verschrumpelt, sodass sie kaum noch als Gliedmaßen zu erkennen war, sondern eher wie verkrüppelte Ästchen aus seinem Fleisch ragten. Sein Gesicht war hager und der einstmals weiße Anzug, in dem sein Torso steckte, war nass und verschmutzt, „ich weiß zwar nicht, wo genau sich Kollom Nehmer gerade aufhält, aber ich weiß, wo der Sitz seines Unternehmens ist und wie Sie dort hinkommen können.“

„Wir haben leider kein Geld, um Sie zu bezahlen“, erwiderte Karmon knapp, wohl um uns ein weiteres, fruchtloses Gespräch zu ersparen.

„Ich weiß“, entgegnete der Mann überraschend, „aber Sie könnten im Gegenzug eine Dienstleistung für mich erbringen.“

„Und die wäre?“, fragte Karmon wenig begeistert, da er wohl keine große Lust hatte dem Mann ein Organ zu spenden oder sich einen Arm abzuschneiden.

„Sie könnten mich töten“, sagte der Fremde. In seinen Worten lag eine Emotionalität und Sehnsucht, wie ich sie seit unserer Ankunft in Deovan noch bei niemandem vernommen hatte.

Das Ersuchen des Mannes schockierte mich, denn egal wie oft man getötet hatte, so wurde das Töten doch nie zu etwas Trivialen, wenn man kein vollkommener Psychopath war. Karmon sah das offenbar nüchterner.

„Sie sehen mir aus, als würden Sie ohnehin bald sterben“, kommentierte der Kwang Grong.

„Sie irren sich“, sagte der Mann, „das wird noch Wochen dauern. Es ist … eine Strafe … Ich verdaue mich selbst, während diverse … Veränderungen dafür sorgen, dass mein Leben so lange wie möglich aufrechterhalten wird. Selbst töten kann ich mich nicht. Ich … ich würde das gerne abkürzen. Sie können dann auch meine Leiche mitnehmen. Meine Organe taugen nicht mehr viel. Aber vielleicht könnten sie mich als Proteinquelle beim Fleischhändler verkaufen oder auch als brennbare Biomasse. Ich bin sehr dehydriert.“

Sofort fühlte ich mich an Hyronanin erinnert. Anders, als für die wandelnden Kranken dort, gab es für diesen Typen zwar irgendwann die Aussicht auf ein Ende seiner Qualen, aber dennoch wollte ich mir nicht ausmalen, wie es wäre, so lange hilflos dahinzusiechen.

„Diesmal können wir helfen, oder?“, fragte ich.

„Ja“, sagte Karmon mit vor Hunger zitternder Stimme zu mir, „es wird aber nicht schmerzfrei.“

Kurz empfing ich bruchstückhafte Bilder von einer Barbarin aus Dank Qua, die wohl in Hyronanin das Pech gehabt hatte Karmon zu begegnen und erschauderte.

„Immerhin wird es schnell gehen“, versuchte ich mein Gewissen zu beruhigen.

„So ist es“, sagte Karmon, „und wenn ich sein Angebot nicht annehme, werde ich mich sehr bald jemand anderem widmen müssen. Ich kann mich nicht länger beherrschen.“

„Ich akzeptiere die Bedingungen“, sagte Karmon laut zu dem Deovani, „aber zunächst müssen Sie mir zeigen, wie ich an mein Ziel komme.“

„Ich brauch es Ihnen nicht zu zeigen“, ächzte der Mann und tippte auf seinem Armdisplay herum, bis es statt seines negativen Kontostandes eine kleine Karte der Umgebung zeigte „nehmen sie meinen Identifier nach meinem Tod an sich. Er wird Sie zur Konzernzentrale von Kollom Nehmer führen. Ohne die Energie meines Körpers wird er nicht dauerhaft brauchbar sein, aber die Batterie dahin hält noch für vier oder fünf Stunden. Das sollte locker ausreichen, um Sie zum Machtkomplex der kalten Hand zu bringen.“

Karmon nickte.

„Wie wird es geschehen?“, fragte der Mann, der ihn anstarrte wie eine Mischung aus Dämon und Engel. Verständlich. Für ihn war er beides.

„So“, sagte Karmon düster und begann ohne weitere Erklärungen damit die Körpersäfte des Deovani aus ihm herauszusaugen. Blut, Fett, Speichel, Galle, sogar Urin und viele weitere Flüssigkeiten flossen wie ein bunter Regenbogen in getrennten Flüssigkeitsströmen aus dem Mann heraus und direkt in Karmons Mundgitter hinein. Die Augen des Mannes wurden kurz von Schmerz erfüllt, vertrockneten dann jedoch zur Unkenntlichkeit. Schließlich lag nur noch ein Haufen verdreckter Klamotten und bröseliger Überreste auf dem Asphalt. Die meisten der Umstehenden hatten dies ohne Mitleid, wenn auch zumindest mit beiläufigem Interesse beobachtet. Bei mir hingegen blieb durchaus ein fader Beigeschmack dieser „Gnade“ zurück, auch wenn wir wahrscheinlich nicht wirklich eine Wahl gehabt hatten. „Geht es dir besser?“, fragte ich den Symbionten.

„Etwas“, antwortete er, „mein Hunger ist vorerst gestillt. Aber ich habe Angst, das …“ Karmon brach ab.

„Wovor hast du Angst?“, hakte ich nach.

Der Kwang Grong antwortete nicht, auch wenn ich wirklich einen leisen Hauch von Panik in ihm zu spüren schien.

„Hey, rede mit mir!“, forderte ich ihn auf, aber Karmon ignorierte mich weiter.

Statt mir zu antworten, ging er auf den verzehrten Mann zu. Dann beugte er sich herunter, riss den flachen, etwa unterarmlangen und -breiten Identifier aus dem mumifizierten Körper und begann ihn von den trockenen Hautresten, die an ihm klebten, zu befreien.

„Das würde ich an Ihrer Stelle nicht tun, Trader“, erklang eine unangenehme, raue Stimme, die selbst innerhalb dieser wenigen Worte zwischen mehreren Tonlagen changierte.

~o~

„Und mit diesem einen, geheimen Wort, beendete Quarinquai, nur Momente vor der sicheren Niederlage der vereinigten Heere, die scheinbar unüberwindliche Herrschaft Moldíns und gab ihrem Volk seine alte Gestalt zurück. Nun würden sie endlich wieder zu ihren fernen Sternenstädten aufsteigen und wie in lang verblassten Zeiten mit den Staubtauchern und Sphärenseglern durch die grenzenlosen Weiten treiben können. Vereint und verbunden in einer Harmonie, wie sie der Nachtfresser nie würde begreifen können.“

Die letzten von Elyvennes Worten tropften wie warmer Honig in Sandras Ohren und sie roch noch den Rauch des Schlachtfelds, spürte die Hitze der brennenden Katapultgeschosse und sah Quarinquais kunstvolle Schwanenrüstung in jeder Einzelheit vor sich, während das Kribbeln ihres Höhepunktes wie ein angenehmer Stromstoß durch ihren Körper jagte. Es war nur ein Experiment gewesen. Elyvenne hatte ihr nicht garantieren können, dass sich eine Mentravia mit körperlichen, sexuellen Erlebnissen verknüpfen ließ. Cestral waren nicht verklemmt und woben schon mal sehr gerne erotische Szenen in die Heldenreisen ein, an denen sie andere teilhaben ließen. Szenen, die man bis zu einem gewissen Grad auch so nachempfinden konnte, als würde man sie selbst erleben. Doch war es natürlich nicht dasselbe, wie mit einer echten Person intim zu werden. Und genau das hatte Sandra gebraucht. Sie hatte diese Erfahrung gebraucht, da das Fernweh sie andernfalls verrückt gemacht hätte. Nun jedoch glitzerten Tränen auf ihrem Gesicht.

„Ich werde dich nie verlassen“, sagte sie zu der halb-durchsichtigen Frau, vor der sie unglaublichen Respekt hatte und zwar nicht nur, weil sie problemlos Leidenschaft und Erzählkunst miteinander verbinden konnte, „egal, wie laut dieser verfluchte Katalog mich ruft.“

„Niemand weiß, was die Zukunft bringt“, sagte Elyvenne mit jener nüchternen Abgeklärtheit, die Sandra so anziehend wie bedauernswert fand. Keine Cestral sollte so denken müssen, aber andererseits hätte es eine naive Vertreterin ihrer Art keine fünf Minuten in Konor ausgehalten. „Aber die Gegenwart genieße ich sehr“, fügte Elyvenne hinzu, „wer hat schon Gelegenheit mit einer waschechten Herrscherin zu verkehren?“

„Es ist wohl mein Glück, dass keine andere Herrscherin von deiner Existenz weiß, ansonsten würden Sie wohl einen Krieg beginnen, um dich mir wegzunehmen“, sagte Sandra lächelnd.

„Eine von ihnen führt ihn bereits“, antwortete Elyvenne schelmisch, „Sie heißt, Scavinee soweit ich weiß.“

Sandra lachte rau, „ich glaube dieser Krieg hat leider weniger attraktive Gründe, als dich.“

„Würdest du dich denn lieber zu der Jyllen legen wollen?“, fügte Sandra ein wenig eifersüchtig hinzu.

„Natürlich“, sagte Elyvenne mit einem liebenswert finsteren Lächeln, „wir könnten uns auf ihrem reglosen Kadaver lieben, nachdem du ihren hässlichen Kopf abgeschlagen hast.“
„Du bist ein Dämon, weißt du das?“, erwiderte Sandra belustigt und erleichtert, „ein Dämon direkt aus dem Paradies.“

„Cestralia war kein Paradies“, antwortete Elyvenne, „dort hatte ich dich nicht.“

Dann strich sie ihrer Sahkscha eine lockige Strähne aus dem Gesicht und küsste sie auf ihre tränennasse Wange.

~o~

Auch jetzt glitzerten Tränen auf Sandras Gesicht. Tränen von denen sie wusste, dass sie rein digital waren. Das Problem war nur, dass das nicht für den Schmerz galt, der sie hervorgebracht hatte. Alles in ihr fühlte sich verkrampft an, ja selbst ihre Seele schien sich wie eine Schnecke in ihr Haus zurückzuziehen. Sandra hasste es, so verletzlich zu sein. Und sie hasste es noch mehr, dass sie Nanita nicht einfach erwürgt hatte, als sie sich erneut auf sie gestürzt und die Erfüllung ihrer „Vereinbarung“ verlangt hatte.

Natürlich wusste sie nicht, ob man in diesem Koffer jemanden überhaupt endgültig töten konnte, aber sie hätte es wenigstens versuchen sollen. Stattdessen hatte sie jedoch einfach nur starr dagelegen und gelegentlich mechanisch auf Nanitas Anweisungen reagiert, während Nanita sich ihr vertraglich vereinbartes Vergnügen abgeholt hatte. Sie hatte Zuflucht in den Erinnerungen an ihre schönsten Momente mit Elyvenne gesucht, aber das hatte keine echte Erleichterung gebracht, sondern dem gegenwärtigen Leid nur noch altes Leid hinzugefügt. Schöne Zeiten, die vergangen waren, waren eine Qual, kein Zufluchtsort. An die Tage ihrer gemeinsamen Herrschaft mit Adrian zu denken, hatte sie nicht einmal ernsthaft erwogen, erschien Ihre diese Momente doch noch viel verworrener und schmerzhafter. Alles an ihrem Liebesleben schien vergiftet zu sein und Nanita hatte es gerade noch tausendmal schlimmer gemacht.

„Es war zufriedenstellend. Ich bin froh, dass ich den Freibrief eingelöst habe“, sagte Nanita genießerisch, beinah schon emotional, während sie sich ihre digitale Kleidung wieder anzog.

Sandras Kiefer zitterte vor Wut, aber sie konnte sie nicht herauslassen. Sie war einfach zu groß dafür und steckte in ihr fest wie ein Korken, unter dem sich immer mehr Druck aufbaute. Vielleicht wäre sie einfach geplatzt, wenn sie nicht geweint hätte. Vielleicht waren das hier keine Tränen der Traurigkeit, sondern nur profaner, physikalischer Druckabbau. Andererseits fühlte sie sich auch so leer und ausgesaugt wie noch nie.

„Du musst dich künftig besser beherrschen, wenn du in Deovan überleben willst“, sagte Nanita, die Sandra ein wenig irritiert ansah, „ich finde solche Gefühlsausbrüche durchaus reizvoll, aber nicht jeder Kunde empfindet sie als angenehm. Nur Nehmer können sie sich einigermaßen bedenkenlos leisten und diesen Status hast du noch lange nicht inne.“

Sandra antwortete ihr nicht. Stattdessen schloss sie ihre Augen. Ihre Augenlider mochten nur virtuell sein, aber wenigstens erfüllten sie ihren Zweck und blendeten Nanitas Anblick aus, der ihr Blut nur noch weiter zum Kochen brachte. Sie hätte sich gerne auch die Ohren zugehalten, aber das hätte sie das letzte bisschen Würde gekostet.

Sandra hörte, wie Nanitas Schuhe sich über das Parkett bewegten, vernahm ein Zischen und spürte kurz darauf eine Berührung an der Schulter. Widerwillig öffnete sie ihre Augen wieder.

„Hier“, sagte Nanita und hielt Sandra einen frisch gezapften Thought-Shot entgegen, „das hilft, die Gedanken zu fokussieren“.

Ungeachtet ihrer Wut, ja ihrem Hass für dieses Miststück wurde ihr bewusst, dass sie Zeugin eines kleinen Wunders geworden war. Nanita hatte ihr etwas geschenkt. Die Kämpferin in ihr wollte rufen: „Na und?“, Nanita das Glas in die Fresse donnern und es mit den Splittern bis zur Unkenntlichkeit zerkratzen, bevor sie sich dem Rest ihres Körpers widmen würde. Die Strategin in ihr aber presste ein „Danke“ hervor, nahm das Glas in die Hand und führte es zum Mund. Als sie gerade den ersten Schluck nehmen wollte, löste sich der Raum um sie herum auf.

~o~

„Ach, nun hältst du es endlich auch mal für nötig mich hier rauszulassen!“, ätzte Sandra. Kollom hatte sie als ersten und wichtigsten Teil seiner Neuanschaffungen aus dem Manifestor befreit. Nun saß Sandra auf dem weißen Kunststoffstuhl vor ihrem neuen Bürotisch und sah Kollom, der ihr gegenübersaß und die Hand gegen seine pochende Stirn presste, herausfordernd an. Der Stress setzte Kollom zu. Auch eine Sache, die er nicht gewohnt war.

„Ich habe dir zugesichert, dich rauszulassen, sobald du an deinem Einsatzort bist“, antwortete Kollom, „genau so steht es in unserem Vertrag.“

„Ich scheiße auf deinen Vertrag“, giftete Sandra, bei der der Korken nun herausplatzte und die Wut hervorschießen ließ, die sie gegen Nanita nicht hatte zeigen können, „ich konnte ihn nicht mal richtig lesen und ich habe ihm nur zugestimmt, weil du mich dazu gezwungen hast, du arroganter, psychopathischer, geldgeiler, lackaffiger, hinterhältiger, seelenloser Haufen Zellabfall!“

„Es reicht!“, donnerte Kollom ungewohnt dünnhäutig und aggressiv, „ich habe keine Lust mir noch länger Ihre Frechheiten anzuhören. Wir sind jetzt in Deovan und Sie sind meine Angestellte. Mein Besitz. Sie werden mich Siezen, wie es sich gehört und Sie werden meinen Weisungen Folge leisten.“

„Und wenn nicht?“, fragte Sandra unerschrocken und hob provokant den Kopf.

„Wir haben einen Vertrag“, beharrte Kollom und erinnerte sich wieder daran, dass es nicht immer nur erfrischend war, sich mit Nicht-Deovani zu unterhalten. Ihr Denkweisen waren oft zu verschieden für ein konstruktives Gespräch.

„Verträge kann man ignorieren“, antwortete Sandra.

„Oh ja, das kann man“, gestand Kollom zu, „aber wissen Sie, was dann passiert? Dann holen Sie die Vertragswächter und bringen Sie zu einer Zwangsversteigerung auf den Endmärkten. Eine Versteigerung, bei der jeder gewinnen kann, außer Sie selbst.“

„Ernsthaft?“, fragte Sandra, „das soll dann die große Freiheit sein, die an diesem Ort herrschen soll? Ich bin kaum ein paar Minuten hier und schon drohst du … drohen Sie mir mit Ihrem Polizeistaat?“

„Wissen Sie was, Sie haben recht“, sagte Kollom, der sich in seiner ideologischen Ehre gekränkt fühlte, nach kurzem Nachdenken „falls Sie sich weiter weigern zu kooperieren, werde ich mich nicht hinter den Vertragswächter verstecken. Ich habe ohnehin nicht viel für diese Bürokraten übrig. Nein, ich werde Sie einfach nur kündigen und Sie dieses Gebäudes verweisen. Ohne Kleidung, ohne Nahrung, ohne Geld, ohne Waffen, ohne Referenzen, ohne jegliches Privileg, außer Ihrem nackten Dasein und Ihrer Arbeitskraft. Mehr nicht. Ich würde Sie sogar von Zugriff des Manifestors entbinden. Sie wären vollkommen frei sich auf den Lebensmärkten zu beweisen. Wollen Sie das?“

„Soll das etwa eine Drohung sein?“, fragte Sandra trotzig, jedoch auch etwas verunsichert.

„Nein, ein Angebot“, entgegnete Kollom, „eine sehr kulantes, aber für Sie womöglich kein sonderlich attraktives. Ich frage mich, wie lange Sie überleben würden. Eine Woche? Zwei?“

„Ich habe schon unter widrigeren Bedingungen überlebt“, entgegnete Sandra gekränkt, „und mehr noch. Ich habe mich sogar hervorragend behauptet.“

Kollom seufzte. Dann warf er einen kurzen Blick auf die Digitaluhr an der Wand. Die Minuten verstrichen und er konnte es sich nicht leisten, ewig zu diskutieren. Er beschloss es mit Offenheit, statt Konfrontation zu versuchen. „Deovan ist nicht Konor und auch nicht Uranor. Es gibt keine einfachen Zugänge für Neulinge. Keine fest installierten Hierarchieleitern, die sie hinaufklettern können, wenn Sie sich nur genügend anstrengen. Wille und Mut allein bedeuten hier nichts. Nicht einmal Talent. Wir haben keinen Bedarf an Rekruten, Betschwestern und Kanonenfutter. Sie müssen etwas anzubieten haben, was andere genügend interessiert, damit sie Ihnen im Gegenzug Ihre Lebenserhaltung dafür finanzieren. Das ist alles, was zählt. Und Sie sollten sich fragen, ob Sie über solche Ressourcen verfügen.“

„Ich kann kämpfen und führen“, sagte Sandra selbstbewusst.

Kollom lachte kurz auf, „das bezweifle ich nicht. Aber hier wird Ihnen das nicht nützen. Sie haben keine Waffen, keine Verbesserungen, keine Erfahrung im deovanischen Straßenkampf. Jeder drittklassige Konzernsoldat würde Sie ohne Anstrengung pulverisieren und kein Konzern, keine Privatperson, nicht einmal die Vertragswächter würden Sie anheuern wollen. Und die Führung würde Ihnen erst recht niemand anvertrauen wollen, da Sie noch nie geführt haben.“

„Ich habe das verfluchte Rorak-Imperium angeführt“, widersprach Sandra wütend.

„Das stimmt“, gestand Kollom ein, „aber eine Militärdiktatur ist kein Konzern. Falls Sie keine wirklich innovative Geschäftsidee in der Hinterhand haben, ist Ihr Körper alles, was Sie haben. Sei es als nutzbare Biomasse oder um … Dienstleistungen damit zu erbringen.“

Kollom sah, wie ein Zittern durch Sandras kühle, zornige Fassade ging. Er hatte es geschafft, sie zu verletzten. Gut.

„Wenn Sie meine Talente so geringschätzen“, sagte Sandra mit bebender Stimme, „warum haben Sie mich dann überhaupt unter Vertrag genommen?“

Kollom unterdrückte ein Lächeln. Nun hatte er sie. „Ich schätze Ihre Talente nicht gering“, sagte er diesmal betont freundlich, „im Gegenteil. Sie haben meiner Meinung nach die besten Voraussetzungen. Bessere als viele da draußen, sei es auf dem freien Arbeitsmarkt oder in den Konzernzentralen, aber ohne eine entsprechende Förderung erreichen Sie so wenig wie ein Samen ohne Licht, Erde und Wasser. Viele andere CEOs würden die Investition scheuen, aber ich bin da anders. Ich will Ihnen diese Förderung geben, wenn Sie bereit sind, dafür Ihre Bestleistung zu geben. Das ist der eigentliche Sinn hinter unserem Vertrag. Sind Sie dafür bereit? Oder wollen Sie Ihr Glück lieber dort draußen versuchen?“

Sandra sah ihn grübelnd und zweifelnd an. Sie zögerte, gab die unnahbare, doch Kollom wusste jetzt schon, dass er gewonnen hatte.

„Ich bleibe“, sagte Sandra zähneknirschend, „wie lautet meine Aufgabe?“

„Dazu kommen wir jetzt. Bitte folgen Sie mir!“

Kollom stand auf und ging auf eine stählerne Türe zu, die sofort aufglitt, als er sich ihr näherte und Sandra folgte ihr. Sie gingen durch einen langen, weiß gestrichenen Gang und gelangten schließlich in ein großes Labor, welches die seltsamste Architektur besaß, die sie je gesehen hatte. Es erinnerte sie ein wenig an die dreidimensionale Entsprechung eines Tetris-Levels. Überall in den dunkelgrauen Wänden und selbst an der Decke gab es asymmetrische, aber immer würfelförmige Ausschnitte und Vorsprünge, sodass der Boden und die Tische und Arbeitsflächen, die hier überall herumstanden die einzigen ebenen Fläche darstellten. Darüber hinaus gab es zwei verglaste, aber nur halb-transparente Türen, die wohl zu weiteren Bereichen des Laborkomplexes führten.

In der Mitte des Labors stand eine einzige Person an einem holografischen Terminal. Sie wirkte abwesend und blickte nach unten, war ihnen aber zugewandt, weswegen ihre ungewöhnliche Gestalt gut zu erkennen war. Ihre Gesichtszüge hatten etwas Männliches, zumal sie einen ordentlich gestutzten Vollbart trug, aber es war schwer zu sagen, welcher Rasse sie angehörte. Ihre großen, lidlosen Augen ließen auf einen Deovani schließen, aber die beiden kleineren, nur halb ausgebildeten Köpfe, die seitlich an ihrem Gesicht angewachsen waren, besaßen eher menschliche Augen und ihre Hände, hatten zwar extrem lange und dünne Finger, aber es waren fünf, wodurch Gesunder und Deovani eigentlich ausgeschlossen waren. Sein Körper, der in einem mit dem Konzernlogo bedruckten, weißen Kittel steckte, war massig, um nicht zu sagen, dick, was ihn aber wohl nicht weiter störte, da er vier stämmige Beine hatte, um ihn zu tragen.

„Uff“, sagte Sandra leise, aber mit unüberhörbarer Abscheu.

Die einzige weitere Person war eine Rorak-Frau mit einem grauhaarigen Zopf und in einem hellblauen Kampfanzug, die vor der linken der beiden Türen stand und Sandra mit starrem Blick beäugte. Sie hielt eine große, weiße Waffe mit dickem Lauf in ihren Händen, die Sandra etwas an einen Raketenwerfer erinnerte.

„Ich erlaube mir einmal, Sie einander vorstellen“, sagte Kollom. „Dies sind … Disruptor Yonis Geber“ – er zeigte auf den Wissenschaftler – „Forschungsleiter dieser Einrichtung und“ – er schien einen Moment lang nachdenken zu müssen und wies dann auf die Rorak – „Ara Geber. Sicherheitsbeauftragte des Labors. Und dies hier ist Sandra Geber, Ihre neue Vorgesetzte.“

„Angenehm“, sagte Disruptor Yonis, ohne von seiner Arbeit aufzusehen. Der Mann hatte eine überakzentuierte, beamtenhafte, etwas abgehackte Art zu sprechen. Beinah, als hätte eine Schreibmaschine gelernt, sich verbal zu artikulieren.

„Stets zu Diensten“, sagte die Rorak knapp und starte sie dabei etwas herablassend an.

„Hallo“, brachte Sandra unsicher hervor. „Was erforschen wir hier?“

„Das wird Ihnen Disruptor Yonis erklären“, sagte Kollom mit einem irgendwie gehetzten Gesichtsausdruck, „ich muss leider zu einem dringenden Termin. Zuvor jedoch …“

Kollom öffnete seinen Manifestor und machte ein paar Eingaben, „… muss ich meine Fracht abladen.“

Kurz darauf erschienen nicht nur verschiedene silberne Kästchen und Behälter auf einem ordentlichen Stapel, sondern auch sämtliche Träumer, die Kollom aus Uranor mitgenommen hatte und die zu traumatisiert gewesen waren, um an den dortigen Kämpfen teilzunehmen. Während sie dort jedoch in vielen Fällen noch wirres Zeug geredet, sich ängstlich auf dem Boden zusammengekauert oder nervös in der Gegend umhergeblickt hatten, waren sie nun so starr und reglos wie Puppen und standen einfach nur mit halb geöffnetem Mund und eng aneinandergedrängt herum, wie eine eingefrorene Schafherde. Auch Garwenia, die Frau, die der liebe Adrian in Hyronanin verraten und zurückgelassen hatte, war darunter.

„Was ist mit ihnen los?“, fragte Sandra mit belegter Stimme.

„Sie sind in Starre gefangen“, erklärte Kollom, „eine reine Vorsichtsmaßnahme.“

„Geber Yonis?“, sagte Kollom und diesmal blickte der seltsame Wissenschaftler auf und seinen Chef direkt an, wobei seine seitlichen Augen geschlossen blieben, „kümmern Sie sich bitte um die Untersuchung, Bestimmung und Inklusion dieser Ressourcen und erklären Sie Sandra Ihre Aufgabe. Ich werde später nach dem Rechten sehen.“

„Wie Sie wünschen, Nehmer Kollom“, sagte Yonis und Kollom wandte sich zum Gehen.

„Hey, Sie können sich nicht so einfach aus dem Staub machen“, protestierte Sandra, die sich an diesem Ort nicht sonderlich wohlfühlte, aber Kollom Nehmer schritt bereits fast fluchtartig durch die Tür, ohne auf sie zu reagieren.

„Wir tun dir nichts, Schätzchen!“, sagte Ara grinsend und präsentierte ein strahlendes, gut gepflegtes Gebiss, „jedenfalls nicht, solange uns niemand dafür bezahlt.“

~o~

Karmon gehorchte der unbekannten Stimme nicht, sondern verstaute das Gerät seelenruhig im Innern seiner Brust, um die Hände freizuhaben. Erst dann drehte er sich zu dem Neuankömmling um. Sein Blick fiel dabei auf einen muskulösen, großgewachsenen Mann, der zwar noch immer kleiner war als Karmon, aber mit einer Körpergröße von mehr als zwei Meter zehn auch größer war, als jeder Deovani, dem wir bislang begegnet waren. Auch sonst war er untypisch. Er trug eine nicht sonderlich elegant wirkende Anzugjacke aus hellem, weitgehend cremefarbenen Leder, die aus verschiedenen, unterschiedlich schattierten und gemusterten Lederstücken zusammengesetzt war.

Über seinen großen, geröteten Augen lag eine in silbriges Metall eingefasste runde Brille mit vorgewölbten Gläsern. Sein von braunen Locken gerahmtes Gesicht war mit bunten Tätowierungen verziert, die beständig ihre Farbe wechselten und mal schwarz, mal grau, mal rot und mal blau aufleuchteten. Seine Beine steckten in einer schwarzen Bügelfaltenhose, die an den Füßen von ebenfalls schwarzen Lederstiefeln abgerundet wurden. In seiner Hand ruhte ein eingeklappter, weißer Schirm, dessen geschärfte Spitze von einem aus geschliffenem, gezacktem Metall bestehendes Windrad eingefasst wurde, dessen Schienen in dünnen, gebogenen Klingen endeten und dessen Griff an eine rot-weiß-gestreifte Zuckerstange erinnerte, nur dass der Griff am Ende nicht gebogen, sondern gerade war.

„Und warum sollte ich es nicht tun?“, fragte Karmon gelassen.

„Weil dieser Identifier Eigentum der Firma Enrytainment ist. Genau wie sein ehemaliger Träger, den sie unbefugt eliminiert haben“, antwortete der Mann, der seine Worte mit einem lauten Zungenschnalzen eröffnete. In seiner unästhetischen, schwankenden Stimme schwang bei aller Geschäftsmäßigkeit eine gewisse Schärfe mit.

„Sein Träger hat ihn mir freiwillig überlassen. Es war ein ganz reguläres Tauschgeschäft. Sein Tod gegen die Informationen auf dem Identifier“, erklärte Karmon.

Erneut schnalzte der Mann mit der Zunge. Es war wohl eine Angewohnheit von ihm. Noch dazu eine, die durchaus geeignet war, meine Nerven auf eine harte Probe zu stellen. „Genau darin liegt das Problem, fürchte ich“, antwortete der Mann und ließ seinen seltsamen Schirm wie ein Pendel hin und herschwingen, „der Träger – Have-Non Gorskard – war überhaupt nicht befugt solche Verhandlungen zu führen.“

„Das wussten wir nicht“, erwiderte Karmon.

„Oh, das spielt keine Rolle. Solche Dinge müssen vor jeder Verhandlung abgeklärt werden. Das gehört zum kleinen Einmaleins des deovanischen Handelswesens. Doch selbst, wenn ich in Rechnung stellen würde, dass sie als Fremder keine Kenntnis von diesen Gepflogenheiten hatten, weiß ich doch, dass Sie lügen. Sie wussten, dass dieser Mann sein Leben und seinen Zustand einer Bestrafung zu verdanken hatte“, antwortete der Mann und rückte seine Brille zurecht.

Karmon entschloss sich, es gar nicht erst abzustreiten, „vielleicht können wir zu einer Übereinkunft kommen, Herr …“

„… Enry Nehmer“, ergänzte der Fremde.

„Wir brauchen lediglich die Informationen auf diesem Identifier, nicht das Gerät selbst. Wenn Sie uns erlauben würden unser Ziel aufzusuchen, könnten wir Ihnen das Gerät danach wieder aushändigen“, schlug Karmon einen Kompromiss vor, „Sie können sich auf unser Wort verlassen.“

„Ich fürchte, das kann ich nicht gestatten“, widersprach Enry Nehmer, „aber ich habe einen anderen Vorschlag: Sie kommen mit mir und arbeiten den Schaden, den sie verursacht haben, bei mir ab. Zu anständigen Bedingungen, versteht sich. Eine Dienstdauer von zwei Jahren, keine schwerwiegenden körperlichen Veränderungen, Räumlichkeiten und Verpflegung zum Erhalt der Arbeitskraft werden gestellt. Wären Sie damit einverstanden?“

„Ich glaube, hier kommen wir mit Worten nicht weiter“, sagte ich und spürte, dass Karmon einer Meinung mit mir war, noch bevor er entsprechend handelte.

Anstelle einer Antwort ließ der Kwang Grong einen schwarzen Blitz aus seiner Brust hervorschnellen, jedoch schien Enry damit gerechnet zu haben, klappte seinen Schirm schneller auf, als Karmons Augen es registrieren konnten und ließ den Angriff wirkungslos verpuffen, wobei er den Wetterschutz wie einen Kreisel in seiner Hand drehte und die äußeren Klingen zu einem einzigen, verschwommenen Silberring wurden.

„So einen Schirm brauchen wir auch“, meinte ich beeindruckt zu Karmon.

„Bedauerlich, dass es mit Fremden immer so laufen muss“, seufzte Enry und ging mit seiner Waffe zum Gegenangriff über, indem er mit der Schirmspitze direkt auf Karmons Brust zielte, wobei sein Arm so schnell und Präzise wie der Kopf einer Schlange vorzuckte. Der Mann schien zu ahnen, wo Karmons Schwachstelle lag, doch diesmal war der Kwang Grong vorbereitet, schlug den Schirm mit einer seiner kräftigen Hände zur Seite und erwischte Enry mit der anderen am Arm.

„Au!“, rief Enry melodramatisch und hielt sich den verletzten Arm, der einen ordentlichen Kratzer davongetragen hatte, ließ sich jedoch nicht entmutigen und unternahm sofort einen weiteren Angriff, der diesmal auf Karmons linken Arm zielte. Karmon, der wusste, wie unempfindlich der ihm von Pingos Stein geschenkte Körper war, nahm diesen Treffer in Kauf, doch als die Schirmspitze auf die unbekannte organisch-metallische Verbindung traf, aus der dieser Körper bestand, schoss ein scharfer Schmerz durch Karmons Arm, den selbst ich spüren konnte.

Karmon feuerte ein paar weitere Geschosse ab und hielt Enry so auf Abstand. Die Umstehenden nahmen unseren Kampf durchaus interessiert wahr, aber niemand von ihnen griff ein.

Der Deovani sprang wie erhofft zurück, um den Blitzen des Schattenstrahlers zu entgehen und Karmon nutze diese winzige Atempause, um seinen Arm zu begutachten.

Erst befürchtete ich, dass es Enry tatsächlich gelungen war, Karmon eine Wunde beizubringen, aber durch die Augen meines Grong-Shin konnte ich keine Verletzung entdecken.

„Alles in Ordnung?“, fragte ich ihn.

„Nein“, antwortete Karmon knapp, „ich kann meinen Arm kaum noch bewegen. Der Mistkerl muss ihn gelähmt haben.“

„Verdammt!“, sagte ich, während Karmon, der nun alles daransetzte, außer Reichweite des Schirms zu bleiben, seinen Kontrahenten mit einer Flut von gut gezielten Schüssen eindeckte. Sie wurden jedoch allesamt von dem besonderen Regenschutz abgefangen wurden.

„Sollen wir fliehen? In eine andere Welt?“, schlug ich vor, auch wenn mir dieser Vorschlag selbst nicht gefiel. Kollom hatte noch eine Strafe zu empfangen und so einiges, das ich gerne von ihm zurück hätte. Außerdem hatte ich noch längst nicht genug von Deovan gesehen, um es einfach wieder verlassen zu können.

„Dann könnten wir aber nicht mehr zurückreisen“, widersprach Karmon, „und ohne Sandra und Kolloms Kopf gehe ich hier nicht weg.“

„Ich verstehe“, sagte ich, „dann werden wir diesen Kamp gewinnen müssen!“

„Das kriege ich hin“, antwortete Karmon mit einer seltsamen Mischung aus Trotz und Melancholie und versuchte nun erneut in die Offensive zu gehen. Dabei probierte er etwas Neues, nutzte seinen Hunger, der nach dem Verspeisen von Have-Non Gorskard noch immer nicht gänzlich gestillt war und richtete ihn direkt auf das Gesicht von Enry, welches vor einem Moment hinter dem Schirm aufblitzte. Tatsächlich landeten einige wenige Tropfen Blut und Fett in Karmons Mund und für einen winzigen Moment sah ich blankes Entsetzen auf Enrys Gesicht, doch bevor Karmon unseren Gegner auf diese Weise ausschalten konnte, riss dieser seinen Schirm wieder hoch und unterbrach den Sichtkontakt, der offenbar für das Aussaugen notwendig war. Eigenartigerweise nahm ich keine Enttäuschung, sondern eher ein Gefühl der Erleichterung an Karmon war, so als wäre er unendlich froh, dass es ihm nicht gelungen war, seinen Gegner zu verspeisen.

Noch einmal wechselte Karmon seine Taktik, die bisher auf seiner großen Kraft und seinen eingebauten Waffen beruht hatte und konzentrierte sich stattdessen darauf, seine eigene Schnelligkeit zu nutzen. Wie sich zeigte, stand diese Enrys in nichts nach und da Karmon zusätzlich eine Distanzwaffe zur Verfügung stand, gelang es ihm seinen Gegner einige weitere oberflächliche Wunden an der Brust und am Hals beizubringen, wobei er es ausnutzte, dass der Nehmer seinen Schirm benötigte, um Karmons Schattenblitze abzublocken und so andernorts Lücken in seiner Verteidigung entstanden. Ein paar Mal gelang es Enry, ihn mit dem messerscharfen Rand seines Schirms zu treffen, doch anders als die Spitze, verursachten die Klingen an den Rändern keine ernsthaften Schäden, auch wenn sie einen Menschen sicherlich mit Leichtigkeit zerlegt hätten. Während dieses Schlagabtauschs kam Enrys Gesicht noch einige Male kurz zum Vorschein, aber Karmon verzichtete darauf, noch einmal zu versuchen, sich von ihm zu nähren.

Während ich den Kampf verfolgte, wünschte ich mir von Herzen, selbst eingreifen zu können, um meinen Grong-Shin zu unterstützen. Doch weder besaß ich On-Grarins Peitsche (die sich entweder noch in Uranor oder im Besitz von Kollom Nehmer befand), noch einen der Hirtenstäbe der Rilandi, und als Stein hätte ich beides ohnehin nicht verwenden können. Kurz darauf fiel mir ein, dass ich dafür andere Fähigkeiten hatte. Zwar gab es hier gerade kein Sonnenlicht und schon gar kein spirituelles Licht, aber vielleicht würde es mir ja dennoch gelingen den ein- oder anderen Faden zu weben. Also konzentrierte ich mich, wandte dieselben Methoden an, wie einst in Uranor und versuchte zwei Fäden zu erschaffen, um Enrys Schirm damit zu beschädigen oder zumindest zu behindern, aber leider tat sich nichts, absolut gar nichts und erneut fühlte ich mich vollkommen machtlos. Noch machtloser, als je zuvor. So langsam begann das wirklich an meinem Selbstbewusstsein zu nagen.

Immerhin schaffte es Karmon unseren Gegner mehr und mehr in die Enge zu treiben, zumal die Lähmung in seinem Arm Gott sei Dank nachzulassen schien und es Enry nicht gelang einen weiteren Treffer anzubringen. Als es Karmon sogar fertigbrachte, eine kleine Beule in den vermeintlich unzerstörbaren Schirm zu schlagen, schien es Enry zu viel zu werden. Er sprang zurück, riss seinen Schirm hoch und schwebte damit einfach einige Meter nach oben, wobei sich augenblicklich ein zweiter, fast identischer Schirm wie der Seitentrieb eines Baumes aus dem Griff entfaltete, wohl um seine Verteidigung auch im Flug aufrechterhalten zu können. Dann tippte er mit seiner freien Hand auf seinen Identifier und grinste.

„Sie sind gut“, lobte er entspannt in der Luft schwebend. Sein Gesicht verdeckte er dabei nicht, da er offenbar bemerkt hatte, dass der Kwang Grong seine gefährlichste Waffe nicht mehr einsetzte, „gut genug um mich viel Zeit und Ressourcen zu kosten, die ich lieber sparen würde. Zum Glück gibt es Alternativen.“

Plötzlich öffneten sich so viele der Pflastersteine, dass ich für einen Moment glaubte, ganz Deovan würde in einen planetengroßen Abgrund stürzen und gleich zwanzig der Vertragswächter erschienen. Allesamt waren sie mit jenen Schlagstöcken bewaffnet, die ich bereits gesehen hatte. Einige von ihnen trugen aber zusätzlich etwas, dass ein wenig nach den Schusswaffen aussah, die auch Kollom Nehmer in Uranor benutzt und verteilt hatte. Zudem war auch wieder ein Anführer mit weißem Helm und Manifestor dabei.

„Dieser Mann hat mein vertraglich abgesichertes Eigentum zerstört!“, beschwerte sich Enry, während er nun wieder zu Boden schwebte und vor dem augenscheinlichen Anführer der Vertragswächter landete, „tun sie ihre Pflicht.“ Er ließ das digitale Abbild eines Vertrages aus seinem Arm aufsteigen, welches der Weißbehelmte sofort in Augenschein nahm.

„Das sieht gar nicht gut aus“, fand ich und suchte durch Karmons Augen nach einem Fluchtweg. Es gab zwei Wege, die von dem Platz wegführten. Der eine, zu unserer Rechten, war relativ breit und stark frequentiert und durch Werbebotschaften hell erleuchtet, der andere war verwaist und nur wenig größer, als jene Gasse, in der wir uns materialisiert hatten. Er besaß jedoch den Vorteil, dass wir weniger Vertragswächter würden überwinden müssen, um ihn zu erreichen. „Wir nehmen den linken Pfad“, schlug ich vor, „Einverstanden, Karmon?“

„Einverstanden“, sagte Karmon und bevor die Polizisten reagieren konnten, rammte er zwei von ihnen seine harten Klauen durch ihre Helme, die längst nicht so widerstandsfähig waren wie Enrys Schirm und schleuderte sie anschließend wie Geschosse in ihre Kollegen hinein, während er einen dritten Vertragswächter mit seinen Schattenstrahlen beschoss.

Damit war Weg vorerst frei und wir stürmten durch die entstandene Lücke, direkt auf die schlecht beleuchtete Gasse zu, wobei Karmon die Taschenlampe meiner Uhr nutzte, um die Orientierung zu behalten.

Wie erwartet, wurde sofort ein metallenes Netz auf uns abgefeuert, das uns zwar einhüllte, das den Klauen und Schattenblitzen des Kwang Grong jedoch nicht entgegenzusetzen hatte. Es hielt nur wenige Sekunden, bevor Karmon eine Lücke für uns geschaffen hatte.

Karmon rannte weiter und nutzte die herumstehenden, gaffenden Passanten, die sich die spektakuläre, kostenlose Unterhaltung nicht entgehen lassen wollten, als Deckung vor den Netzen und Schusswaffen der Vertragswächter aus. Das funktionierte recht gut, da die Vertragswächter, die Unbeteiligten anscheinend nicht verletzen wollten, wahrscheinlich aus Sorge, dass sie jemandes Eigentum sein könnten.

Einige Schüsse wurden natürlich dennoch abgefeuert, doch sie flogen entweder knapp an Karmon vorbei und hinterließen anders als Enrys Schirm nicht mehr als ein paar verbrannte Stellen auf der speziellen Haut des Kwang Grong. Die Gasse rückte immer näher und sie war schon fast in Reichweite, als sich aus den Bodenfliesen vor dem Eingang fünf weitere Vertragswächter erhoben, die den Eingang mit ihren Körpern und Schlagstöcken blockierten.

Sie schienen gut auf seinen Angriff vorbereitet und so änderte Karmon kurz vor dem Zusammentreffen seine Taktik. Er nutzte seine Geschwindigkeit und den glatten, rutschigen Untergrund, um sich fallen zu lassen und sich vom Rennen in ein liegendes Schlittern zu begeben. Dabei fächerte er seine scharfen, widerhakenartigen, ausfahrbaren Zehen, die eigentlich dazu gedacht waren, auf jedem Untergrund sicher laufen zu können, weit auf und fuhr damit wie mit Klingen durch die Unterschenkel der wartenden Vertragswächter. Die meisten von ihnen wurden auf diese Weise knapp oberhalb der Knöchel von ihren Füßen getrennt und kippten dadurch wie gefällte Tannen auf den Asphalt. Einige versuchten trotzdem Karmon mit ihren Schlagstöcken zu treffen, scheiterten jedoch grandios, während Karmon mit einem weiten Satz über sie hinweg sprang und in die Gasse hineinrannte, wo seine Füße, scharrende, klackende Geräusche erzeugten.

Die Gasse war tatsächlich nicht vollkommen dunkel. Auch, wenn hier keine Werbebotschaften an den Gebäuden aufleuchteten, fiel dennoch ein wenig blasses Sternenlicht hinein. Jedoch nicht viel, denn die zwar steinernen, aber schäbigen Häuser, die an beiden Seiten wie trauernde Geier Spalier standen, berührten sich beinah an ihren Dächern, wodurch nur ein winziger Spalt des überdachten Nachthimmels sichtbar blieb.

Ohne die bravianische Taschenlampe hätten wir uns hier kaum zurechtfinden können. Umso mehr, da sich der anfangs vielleicht armbreite Spalt mit jedem Schritt weiter verjüngte, bis er sich schließlich vollständig schloss. Gekrümmt und gebogen wie ein üppiges Dornendickicht wuchsen die Häuser hier aneinander fest, liebkosten und umarmten sich mit ihren Außenwänden, Balkonen und Fensterbänken, gleich uralter, miteinander verflochtener Bäume.

Der Vergleich mit Bäumen drängte sich noch aus einem anderen Grund auf. Obwohl die Häuser natürlich keine Zweige besaßen, vernahm ich so manches Knacken, Knarren und Rascheln aus ihrem Inneren, als wenn sich dort Tapeten ablösen und neu befestigen, Möbel verrücken und Wände verschieben würden.

Die Häuser hier mussten sehr alt sein und standen im krassen Gegensatz zu dieser zwar trostlosen, aber doch leicht futuristisch wirkenden Welt. Sie gemahnten mich mehr an Konstruktionen wie ich sie im London des 19. Jahrhunderts erwartet hätte, auch wenn sich ein paar Details unterschieden, die Ziegel mit ungewöhnlichen Gittermustern verziert waren und mir die Zusammensetzung des Gesteins irgendwie staubiger und poröser erschien. Trotzdem war der Anblick bizarr genug und das fast höhlenartige, windstille und unangenehm warme Gewölbe aus Häusern löste eine subtile Form von Grauen in mir aus. Nun, wo ich mir diese Tage ins Gedächtnis zurückrufe, fällt mir auf, dass dieser Ort eine ähnlich drückende Atmosphäre besaß, wie der Dachboden, auf dem Tarena und ich in den Gebirgen von Xakrischidaa gestoßen sind, obgleich er eher Angst und Stumpfsinn, als Hoffnungslosigkeit und Depression ausatmete. Fast wie zwei unterschiedliche Geschmacksrichtungen derselben Getränkemarke.

„Wo sind unsere Verfolger geblieben?“, fragte ich Karmon, der sich daraufhin umdrehte und in Richtung des Platzes blickte. Ganz in der Ferne glaubte ich eine Reihe großgewachsener Gestalten erkennen zu können, die geduldig auf uns warteten.

„Sie machen sich nicht die Mühe uns zu jagen“, schloss Karmon, „vielleicht, weil sie wissen, dass dies hier eine Sackgasse ist.“

„Womöglich irren sie sich“, meinte ich.

„Es ist ihre Stadt“, gab Karmon lakonisch zurück, „sie sollten sich hier auskennen.“

„Wir sollten es trotzdem versuchen“, meinte ich, „ich habe keine Lust ein unbezahlter Angestellter von Mary Poppins bösem Bruder zu werden. Irgendwie kann ich mir schwer vorstellen, dass Enry uns zum Aktensortieren anheuern will.“

„Was immer er von uns verlangen wird, werde ohnehin ICH tun müssen. Du kannst dich bequem ausruhen“, antwortete Karmon und ich glaubte eine gewisse Verärgerung aus seinen Worten herauszuhören.

„Tut mir leid, ich hab es mir nicht ausgesucht ein Stein zu sein“, schoss ich zurück. Karmon erwiderte nichts.

„Wie dem auch sei. Wir suchen einen Ausweg!“, beharrte ich, „bislang haben wir immer einen gefunden.“

Wieder reagierte der Kwang Grong nicht und für einen Augenblick befürchtete ich sogar, dass er ungeachtet meiner Worte einfach umkehren und sich Enry und Konsorten ergeben würde. Dann jedoch wandte er sich wieder den verwachsenen Gebäuden zu.

„Wie du wünschst, Grong-Shin“, sagte er neutral, jedoch machte mir jedes Schweigen, jedes noch so kleine Zögern von Karmon klar, dass wir keine wirklichen Partner mehr waren. Keine Einheit. Ich war lediglich ein Gefangener in seinem Brustkorb und seiner Gnade bedingungslos ausgeliefert.

Wir drangen tiefer in das Häuserdickicht vor, welches weiterhin begehbar blieb, auch wenn sich die „Decke“ bald schon knapp oberhalb von Karmons Kopf befand und sich immer weiter senkte, je weiter wir gingen. Bevor der Kwang Grong jedoch gezwungen war zu kriechen, endete die seltsame Gasse an einer Tür aus dunklem, fast schwarzem Holz, an der ein silberner Türgriff befestigt war. Die Tür stand einen winzigen Spalt offen und dennoch verspürte ich wenig Lust darauf, sie zu öffnen. Karmon ließ den Strahl der Taschenlampe über die Umgebung kreisen. An den Häuserwänden zu beiden Seiten waren nun Botschaften zu sehen, die mal mit weißer, mal mit roter und mal mit silberner Farbe dort angebracht worden waren. Viele davon waren lediglich Namen: „Wannik Geber“, „Gora Have-Non“, „Ribella Geber“, „Nurik Have-Non“, sogar „Nutra Nehmer“ und viele mehr. Manche der Namen waren bis zur Unleserlichkeit verblasst oder von anderen übermalt worden. Hinzu kamen kurze Botschaften und Gedichte, die mal mehr und mal weniger Sinn ergaben:

„Das Leben und Streben, das alles zu geben,
das Geben und Nehmen führt letztlich hierher.
Verbiegen, verkaufen, um sich zu erheben.
Hab alles, sah alles, bin gar nichts, bin leer.“

„Was schenkt man jemandem, der alles erreicht hat? Den Tod!“

„Komm. Nimm meine Hand. Und dann hol dir den Rest.“

„Diese Stimme, die dich leitet … das bist nicht du selbst.“

Um nur einige zu nennen. All diese Sprüche brachten etwas in mir zum Klingen, was rückblickend betrachtet wohl ein Warnton war, was ich jedoch damals als Ruf des Unbekannten missinterpretierte. Einem Ruf, den ich nicht widerstehen konnte, erst recht hier, wo der Rückweg versperrt schien und so streifte ich mein anfängliches Unbehagen ab.

„Worauf wartest du?“, sagte ich zu Karmon, „geh durch die Tür!“

Karmons Hand streckte sich tatsächlich nach dem Türgriff aus und sein Blick richtete sich auf den Spalt, hinter dem die Dunkelheit leise zu flüstern und rasselnd zu atmen schien.

Karmon hielt inne und zog seine Hand zurück. „Nein!“, sagte er ungewohnt scharf zu mir, „ich bin nicht dein Hund, Adrian. Und auch nicht dein Sklave. Ich treffe meine eigenen Entscheidungen.“

Der Tonfall der Kwang Grong ließ mich erzittern. Doch ich bemühte mich, es mir nicht anmerken zu lassen.

„Du hast Angst, oder?“, sagte ich zu meinem ehemaligen Symbionten, „Angst vor dem, was dahinter liegt. Ich verstehe das, ich empfinde dieselbe Furcht. Aber wir müssen sie überwinden. Wir haben keine andere Wahl!“

„Wag es nicht, mich ängstlich zu nennen“, zischte Karmon nun nur noch wütender. Für einen winzigen Augenblick tauchte ein Bild vor meinem geistigen Auge auf. Eine Zukunftsvision, in der Karmon mich einfach auf den Boden legen, die Kataloge mitnehmen und in der Nacht verschwinden würde.

Doch das tat er nicht. Stattdessen drehte er sich wieder um, kehrte der seltsamen Tür den Rücken zu und ging schweigend zurück zum Platz auf dem Enry und die Vertragswächter auf uns warteten. Ich wollte ihn abhalten, ihm ins Gewissen reden, aber ich blieb stumm. Ich wollte es nicht riskieren, ihn noch mehr zu verärgern. Lieber ruhte ich in seiner Brust, als auf den gnadenlosen Straßen Deovans.

Als die Vertragswächter in Sichtweite kam, hob Karmon die Hände, noch bevor sie einen Schuss abgeben konnten. „Ich komme freiwillig mit“, sagte er.

„Wie erfreulich“, schnalzte Enry und wirbelte seinen Schirm vergnügt umher, „Gewalt hat durchaus ihren Platz in der Welt – einen sehr Wichtigen sogar – , aber doch nicht, wenn es ums Geschäftliche geht. Wir sind hier doch alle zivilisierte Leute. Händigen Sie mir einfach den Identifier von Have-Non Gorskard aus, lassen Sie sich kennzeichnen und ich führe Sie zu Ihrem Einsatzort.“

Karmon nickte, holte den Identifier hervor, ohne noch einen Blick darauf zu werfen und gab ihn Enry, der ihn sofort in seinen Schirm warf, diesen drehte und das Gerät damit augenscheinlich verschwinden ließ.

„Danke. Jetzt strecken Sie bitte Ihre Hände aus“, verlangte Enry. Karmon gehorchte. Nun konnte ich mich nicht länger beherrschen. „Du kannst dich nicht einfach so festnehmen lassen“, protestierte ich, „als Gefangene von diesem Enry haben wir absolut keine Chance Kollom zu finden. Oder Sandra. Greif ihn an, saug‘ ihm seine Säfte aus, tu irgendwas, verdammt!“

„Ich habe einen Plan, Mensch“, antwortete Karmon eisig und vollkommen distanziert, „mehr musst du nicht wissen.“

Was war nur mit ihm passiert? War es dieser Ort? Die seltsame Gasse? Die Tötung dieses Gorskard? Ich hatte keine Ahnung, aber ich hoffte inständig, dass sich seine Laune wieder bessern würde. Andernfalls könnte sich meine Zeit in Deovan als noch weit unangenehmer erweisen, als befürchtet.

Enry drehte seinen Schirm erneut und holte zwei kurze, stählerne, mit Edelsteinen besetzte Ketten daraus hervor. Offenbar war das Ding nicht nur eine Waffe, sondern auch Enrys Version eines Manifestors.

Dann nahm Enry die Ketten in die Hand und legte Sie jeweils über Karmons ausgestreckte Handgelenke, um die sie sich sofort wie von Geisterhand zu einer Art Armband krümmten. Die Edelsteine darauf ergaben ein Muster, welches ich erst auf den zweiten Blick als den Schriftzug „Enrytainment“ identifizierte. Ein leises Vibrieren ging durch Karmons gesamten Körper, das auch ich spürte und das mir klarmachte, dass diese Ketten weit mehr waren, als gewöhnlicher Armschmuck.

„Ich danke Ihnen für Ihre Kooperation“, sagte der Mann und verbeugte sich kurz, „ich bin sehr froh, dass Sie nicht in den tiefen Gassen verschwunden sind. Das wäre ein ziemlicher Verlust gewesen.“

„Wo bringen Sie mich nun hin?“, fragte Karmon.

„Das werden Sie bald erfahren“, antwortete Enry jovial, „folgen Sie mir einfach. Nicht, dass Sie jetzt noch eine Wahl hätten.“

Er lachte ein Lachen, welches etwa so viel mit Humor zu tun hatte, wie die Axt eines Henkers mit dem Holzfäller-Handwerk.

Dann wandte er sich an die Vertragswächter, „Ihre Dienste sind nicht länger vonnöten.“

~o~

Kollom war erleichtert, das Labor endlich wieder verlassen zu können. Es war ihm dort drin unglaublich schwergefallen die Konzentration zu behalten und selbst die Namen seiner beiden langjährigen Mitarbeiter wären ihm beinah entglitten. Die Lücken, die er nach und nach in seinen Erinnerungen entdeckte, waren größer als gedacht. Womöglich auch deswegen, weil sie mit jeder Stunde die verging weiter wuchsen. Hatte er bislang noch gehofft, dass die Transmutationsflüssigkeit ihm lediglich ein paar Fakten aus seinem Gedächtnis gestohlen und ihm etwas Verwirrung beschert hatte, so befürchtete er inzwischen, dass sie ihm vielmehr den Samen seines Untergangs in den Kopf gepflanzt hatte.

Heißer, blutroter Hass jagte durch seinen Körper und er wünschte sich nichts sehnlicher als ihm Ausdruck zu verleihen, so wie es das natürliche Recht eines jeden Geschöpfes war. Kollom spürte seine Muskeln zucken und krallte seine Nägel gerade so fest in seine Handflächen, dass sie noch nicht bluteten. Aber dann gewann die so ungeliebte, wie auch leider notwendige Beherrschung wieder die Oberhand. Sobald die Lage mit dem Aufsichtsrat geklärt und seine Arbeit mit Sandra Geber beendet sein würde, würde er Jarma ausfindig machen, sie gefangennehmen und ihr Gelegenheit geben den Schaden, den sie an ihm verursacht hatte, wieder gutzumachen. Doch zuvor galt es, seinen eigenen Niedergang zu stoppen oder wenigstens zu verlangsamen.

Sobald wie möglich würde er sein Gehirn von Yonis untersuchen lassen müssen, doch fürs Erste musste er Schadensbegrenzung betreiben. Er rief die Zeitanzeige seines Identifiers auf und stellte fest, dass ihm nur noch fünfundvierzig Minuten bis zur Versammlung blieben. Kollom beschleunigte seine Schritte und rannte schon beinah durch die unterirdische Laboranlage, bis er endlich an der Tür zum Archiv ankam. Was nun folgen würde, war eigentlich nicht zulässig. Nicht einmal für den CEO. Zum Glück war er dank des „Zeitlinien-Rings“ aus Jin Dragag, den er am Zeigefinger seiner linken Hand trug, in der Lage die Überwachungskameras zu täuschen. Die Aufzeichnungen würden lediglich zeigen, wie er vom Labor aus direkt zu seinem Büro im Obergeschoss ging, ganz einfach, weil das Artefakt diese Szene aus einer Version der Realität holte, in der er genau dies tat. So konnte er unbemerkt vor der Tür stehenbleiben und einen versteckten Mechanismus an seinem Manifestor auslösen, woraufhin sich ein winziger Draht in seinen Finger bohrte und einen kurzen Schmerz auslöste.

„Arnin“, dachte Kollom, nachdem der Kontakt hergestellt war, „ich brauche unbemerkten Zugang und dann einen Direktinput zum Zentral-Archiv. Bekommst du das hin?“

„Natürlich Artondom“, sagte Arnin gehorsam in Kolloms Kopf, auch wenn dem Administrator seine Überraschung anzumerken war, „irgendeine gewünschte Priorisierung?“

„Breite Grundlageninformationen über Kollom Nehmer und seine Tätigkeiten in den letzten fünf Jahren“, sagte Kollom ein wenig verlegen und sah sich nervös im Gang um. Vor biologischen Augen würde ihn der Ring nicht verbergen. Zu seinem Glück zeigte sich jedoch niemand und schon nach wenigen Sekunden glitt die Tür zum Archiv auf.

Kollom trat ein und ging auf den Superrechner zu, der in seiner Form einer gedrungenen Stufenpyramide ähnelte und der sämtliche Daten über Verkäufe, Technologien, Kunden, Statistiken und Mitarbeiter des Machtkomplexes der kalten Hand enthielt. Es gab hier ein altmodisches Touchpad-Terminal, über das sich bestimmte dieser Informationen abrufen ließen, wenn man die entsprechende Berechtigung besaß. Kollom ignorierte es. Er besaß zwar die Berechtigung für den Zugriff auf fünfundneunzig Prozent dieser Informationen, aber jeder dieser Zugriffe würde aufgezeichnet werden und wäre für den Aufsichtsrat einsehbar, was zu weiteren unangenehmen Fragen führen würde. Abgesehen davon würde es Tage, vielleicht sogar Wochen dauern, seine Wissenslücken auf diese Weise zu schließen. Stattdessen ging er auf die andere Seite des Gerätes zu, wo die Stromversorgung und weitere Kabel befestigt waren, platzierte sich direkt davor und hielt seinen Manifestor ein Stück in die Höhe. Sofort lösten sich zwei weitere Drähte aus dem intelligenten Koffer, von denen eine sich durch die Stirn hindurch minimalinvasiv in Kolloms Gehirn vorarbeitete und die andere sich mit dem Archiv-Rechner verband.

Kollom sah noch einmal auf die Zeitanzeige an seinem Armdisplay. „Arnin, unterbrechen Sie die Übertragung in dreißig Minuten!“

„Diese Zeit wird nie und nimmer reichen, um diese Menge an Informationen zu verarbeiten“, widersprach Arnin.

„Ich weiß“, erwiderte Kollom, „tun sie es trotzdem.“

„Verstanden“, sagte Arnin. Dann begann die Übertragung und Kolloms Bewusstsein schwand.

~o~

Sandra entschloss sich die angriffslustige Bemerkung der Rorak-Söldnerin zu ignorieren. Sie hatte genug Zeit unter diesem Volk verbracht, um zu wissen, dass sie sich ihr gegenüber keine Schwäche leisten durfte. Schon ihr kleiner Ausbruch gegenüber Kollom tat ihrem Respekt bei dieser Frau sicher nicht gerade gut. Dabei war sie im Grunde stolz auf ihre Selbstbeherrschung, da sie am liebsten geheult, geschrien und alles um sich herum kaputtgetreten hätte. Aber die Rorak wusste nichts um diesen Kampf in ihr und sie glaubte auch nicht, dass sie viel Anerkennung dafür übrig gehabt hätte, wenn sie es täte.

„Was erforschen wir hier überhaupt und wobei soll ich Sie führen?“, wandte sie sich stattdessen an den gruseligen Wissenschaftler.

„Oh ja natürlich …“, sagte Disruptor Yonis lächelnd, während er auf die Kisten mit den Technologien und Waffen zuging, die Kollom aus der „Asservatenkammer“ in Uranor gestohlen hatte und begann sie nach und nach auf einen der großen Labortische zu stapeln. Seine seitlichen Münder lächelten mit. „… es gibt Entscheidungen zu treffen“, fuhr Yonis fort, womit er die Antwort auf ihre erste Frage aussparte.

„Entscheidungen?“, fragte Sandra verwirrt.

„Darüber, was mit diesem neuen Personal geschehen soll“, präzisierte Yonis, während er die ersten Kisten öffnete und den Inhalt offenbar, in Waffen, Materialproben und Artefakte sortierte „wie wir es am besten gewinnbringend einsetzen. Diese Entscheidung obliegt Ihnen.“

Sandra beschlich ein ungutes Gefühl. Sie hatte nichts gegen Führungspositionen und war es gewohnt Entscheidungen zu treffen, die das Schicksal ihrer Untergebenen beeinflussten. Aber das hier war etwas anderes. Diese Leute wussten ja nicht einmal, wie ihnen geschah. „Welche Möglichkeiten gibt es denn? Und vor allem haben Sie mir noch immer nicht gesagt, woran wir hier eigentlich forschen.“

„Die Antwort auf beide Fragen hängt eng zusammen“, erklärte Yonis, „Zunächst einmal erforschen wir hier ganz unterschiedliche Dinge. Zu viel, um Ihnen jetzt alle auflisten zu können, aber ich gebe Ihnen gerne einen Zugang zum Archiv, damit Sie sich auf Stand bringen können. Aktuell jedenfalls forschen wir an einem besonderen Waffensystem, welches Eigenschaften von nuklearen, biologischen und magischen Waffen verbindet.“

Sandra fuhr ein kalter Schauer über den Rücken. In Ihrer Zeit als Sahkscha hatte sie von einer Waffe gehört, mit der eine große Jyllen-Stadt dem Erdboden gleichgemacht worden war, und auf die recht ähnliche Beschreibungen zutrafen. Eine Waffe, deren Einsatz man nicht wiederholt hatte, weil die Konsequenzen zu unberechenbar und nachhaltig gewesen waren und das bombardierte Gebiet auch von den Rorak nicht mehr genutzt werden konnte. Ob es hier einen Zusammenhang gab?

„Diese Waffe wird auf einem abgeschirmten Testgelände erprobt und hat sehr großes Potenzial, aber birgt auch noch gewisse Unsicherheitsfaktoren“, fuhr Yonis fort, „Um diese zu beseitigen, benötigen wir natürlich zuverlässige Messdaten. Leider bringt es die Wirkung dieser Waffe mit sich, dass sie jegliche komplexe Elektronik in ihrem Wirkungsbereich stark beeinträchtigt oder gar zerstört. Der Einsatz von Drohnen und Robotern ist deshalb nicht möglich. Einfache Messgeräte funktionieren zwar, aber damit sie Daten erheben können, müssten sie von biologischen Personen dorthin gebracht und gesichert werden. Sie können sich vorstellen, dass es schwer ist, für diese Arbeit geeignetes Material zu finden. Der Arbeitsmarkt in Deovan ist zwar sehr kompetitiv und es gibt eine Menge Verzweifelter, die nach einem Auskommen suchen, aber zum einen ist das Risiko für die eigene körperliche Unversehrtheit extrem hoch und zum anderen ist nicht jeder Bewerber dafür geeignet, da es einer gewissen Wehrhaftigkeit bedarf, um im Einsatzgebiet bestehen zu können. Die Strahlung und das mutagene Potenzial sind nämlich nicht die einzigen Komplikationen, mit denen man es dort zu tun bekommt. Manchmal muss man auch sehr handfesten Bedrohungen begegnen, falls Sie verstehen, was ich meine.“

Sandra verstand das nicht. Jedenfalls nicht ganz, aber das ungute Gefühl in ihr wuchs nichtsdestotrotz. Dennoch hielt sie ihre moralischen Bedenken vorerst zurück. Sie waren ohnehin niemals der dominierende Teil ihres Charakters gewesen, „Das klingt für mich nach keinem Job, den ein gut ausgebildeter Söldner mit entsprechender Schutzkleidung nicht erledigen könnte. Wenn man ihm genügend zahlt, heißt das.“

Ara lachte freudlos auf, doch es war wieder Yonin, der antwortete, „Genau da liegt das Problem. Fähige Leute und eine adäquate Schutzkleidung wären sehr teuer. Zu teuer sogar, wenn man bedenkt, dass wir uns noch immer in einem experimentellen Stadium befinden, und nicht einmal garantiert ist, dass unsere Forschung auch Gewinne abwerfen wird. Hier kommen unsere Neuankömmlinge ins Spiel. Sie sind zwar nicht im besten Zustand, aber sie sind günstig und haben praktischerweise Universalverträgen zugestimmt, die weitere Verhandlungen mit ihnen fürs Erste unnötig machen. Dadurch können wir sie auf jede gewünschte Weise für diese Operation einsetzen. In diesem Zusammenhang brauchen wir drei Arten von Mitarbeitern. Solche, die mir hier im Labor zur Hand gehen und mir dabei helfen die eingehenden Daten auszuwerten, solche, die die Mission vor Ort, aber von außerhalb des Wirkungsbereiches überwachen und jene, die die Messgeräte an Ort und Stelle bringen.“

„Jetzt widersprechen Sie sich“, merkte Sandra an, „Sie sagten doch gerade, dass die Entwicklung von Schutzkleidung sich nicht rechnen würde. Wie sollen diese Leute ihre Messungen durchführen, wenn Sie ohne Schutz in einem kontaminierten Gebiet unterwegs sind? Selbst, wenn Ihnen ihre Leben gleichgültig sind, hätten Sie doch wenig davon, wenn sie nach ein paar Minuten tot wären.“

„Das stimmt“, sagte Yonis und nickte, wobei seine seitlichen Gesichter zustimmend zwinkerten, „dafür gibt es aber eine Lösung. Wissen Sie, was ein Steingeweihter ist?“

„Ja“, sagte Sandra und musste natürlich automatisch an Pingo denken, „ziemlich seltsame Zeitgenossen, wenn Sie mich fragen. Aber keiner von diesen Leuten ist einer von ihnen.“

„Noch nicht“, stimmte Yonis zu, „aber in dieser Kammer haben wir einige Mineralien, die das ändern können.“

Er zeigte dabei auf die rechte der beiden halbdurchsichtigen Türen.

„Sie wollen Sie infizieren?“, fragte Sandra.

„Genau“, stimmte Yonis zu, „wir haben hier diverse Mineralproben aus Rihn. Alles streng gesichert versteht sich, um keine Epidemie in ganz Deovan auszulösen. Rubine, Smaragde, Gold, Aventurine, Onyx. Doch Blei ist für uns am interessantesten. Bleigeweihte sind nicht die hellsten und sie sind für ihre Umgebung giftig, aber die Schutzanzüge für sie sind ungleich günstiger herzustellen, als für gewöhnliche Angestellte und ihre Körper sind praktisch unverwüstlich. Genau die Anforderungen, die wir an Typ-3-Mitarbeiter haben.“

Ein dicker Kloß bildete sich in Sandras Hals. So langsam entwickelte sich das in eine Richtung, die nicht einmal ihr sonderlich behagte. „Hören Sie, Yonis“, sagte Sandra, „ich weiß nicht allzu viel über Steingeweihte, da ich nur einen kennenlernen … nun ja … durfte. Aber ich weiß, dass sich dieser Zustand nicht rückgängig machen lässt. Diesen Leuten wurde aber vertraglich zugesichert, dass sie nach Erfüllung ihrer Verträge ihre Freiheit erlangen. Wenn Sie dann Bleigeweihte oder sonst was sind, haben sie von dieser Freiheit nicht mehr viel, oder meinen Sie nicht?“

Yonis antwortete nicht. Er sah Sandra einfach nur lächelnd an und seine Seitengesichter schlossen synchron ihre Augen und ihre Münder.

Die Rorak hingegen war mitteilsamer. „Eines sollten Sie über deovanische Freiheit wissen“, sagte Ara, „egal was die Marketing-Floskeln auch behaupten mögen: Freiheit ist hier immer die Freiheit des Wohlhabendsten.“

Stille kehrte ein, bevor Yonis weitersprach, als wäre nichts gewesen. „Wie dem auch sei“, sagte er, „ich werde diese Leute psychologisch testen und Empfehlungen geben, wer meiner Meinung nach für welche Aufgabe am besten geeignet ist. Wir brauchen fünf Typ-1-, fünf Typ-2- und zehn Typ-3-Mitarbeiter. Wer wofür eingesetzt wird, Geber Sandra, entscheiden letzten Endes Sie.“

~o~

„Die Zeit ist vorbei, Artondom“, meldete sich Arnins Stimme und unterbrach die Flut an Fakten, Zusammenhängen und Statistiken, die Kolloms Hirn überschüttet hatte. Es waren eine Menge Informationen gewesen, aber dennoch wusste Kollom, dass ihm immer noch etwas fehlte. Und nicht nur das: schon jetzt glaubte er zu spüren, wie ihm einige der gerade erst erlangten Informationen schon wieder zu entgleiten begannen.

„Danke, Arnin“, sagte er noch immer etwas benommen. Dann stöpselte er sich ab, trat auf den Gang hinaus. Er wählte den kleinen Fluchttunnel mit dem schnellen Aufzug, der für den Fall eines Angriffs durch fremde Konzernstreitkräfte angelegt worden war und der auf Überwachungssysteme verzichtete, um gegnerischen Hackern keine Angriffsfläche zu bieten, um unbemerkt in sein Büro zu gelangen. Dann deaktivierte er seinen Zeitlinien-Ring und machte sich auf den Weg zum Konferenzraum. Während er durch die Flure schritt und sich der großen Tür, mit dem silbernen Konzernlogo näherte, machte er einige Atemübungen und straffte seine Schultern wie ein Krieger vor einer Schlacht. Das kam nicht von ungefähr. Das, was nun kommen würde, war eine.

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