Herbstwahn

Die Nacht treibt fiebernd mich hinaus
an diesen dunklen Ort
Ein Feld voll Steinen, Moos und Laub
Und leidgetränktem Wort

Kein Band des Schlafes hält mich fest
Getrieben halt ich wacht
Der Herbstwahn spielt auf mir sein Lied
in der allheill’gen Nacht

Die Füße wandeln schlafesmatt
Auf schwarzer Erde Bett
Um mich herum fällt Blatt um Blatt
Gleich Tänzern beim Bankett

Ein Zittern geht durch meinen Leib
Erwischt mich kalt und heiß
Kein Mensch, kein Leben weit und breit
Kein Flüstern, noch so leis

Ich schreit’ vorbei am Lilienkranz
an Engeln ohne Trost
Rötliche Lichter flackern schwer
Im Sturm, der mich umtost

Die Mauern ragen hoch und kalt
Von Efeu eingefasst
Umkreist von Namen, jung und alt
Verwittert und verblasst

Fast schmerzhaft packt die Sehnsucht mich
Zieht mich zu Mann und Kind
Will reden, fühlen, küssen, seh’n
Will sein, dort wo sie sind

Was nur hab ich dabei gedacht
Mich hierher zu verlier’n
Zu schwelgen in der Endlichkeit
Zu leiden und zu frier’n?

Fast panisch stürme ich voran
Mein Schritt fliegt übers Gras
Bis ich den Eingang sehen kann
Fern, wie durch dickes Glas

Das Gittertor liegt offen da
Und lädt mich förmlich ein
Doch als ich es durchschreiten will
Erstarrt mein Leib zu Stein

Ich fluche, wüte wild und matt
Begreife tränenschwer
Die Lichter der so nahen Stadt
erreiche ich nicht mehr

Wildfremde Menschen streifen blass
Jenseits des Walls umher
Auf Straßen unvertraut und nass
im grauen Häusermeer

Ich rufe, brülle, flehe laut
Auf das sie mich erhören
Die Mauer, die sich aufgebaut
Von außen zu zerstörn

Doch meine Worte enden stumm
Am unsichtbaren Zaun
Kein fremd’rer Wandrer dreht sich um
Reißt mich aus meinem Grau’n

So wende ich mich schließlich ab
verzweifelt und verstört
Durchstreif die stille Totenstadt
Der nun mein Herz gehört

Wie fiebernd lauf ich durch Gespinst
Getrennter Lebensfäden
Bis mich ein Stein mit Hohn angrinst
Gemahnt an altes Leben

Dort steht mein Name eingraviert
Seit bald schon hundert Jahren
Hier ruhten wir einstmals zu viert
Vertraute, die wir waren

Sie zogen ein ins Seelenreich
Vor langer, langer Zeit
Nur ich blieb hier, allein und bleich
Im morschen, trock’nen Kleid

Ich flößt’ uns Schierlingssäfte ein
in allergrößter Not
Das Gift drang tief in sie hinein
Und stieß sie in den Tod

Ich tat’s der Gnade wegen doch
Um ihnen zu erspar’n
Zu hungern dort im Elendsloch
In schwarzen, trüben Jahren

Doch Gott kennt kein Erbarmen
Wenn ein anderer Leben nimmt
Sein Fluch traf meinen Namen
Schonte Bruder, Mann und Kind

Bald stürz ich ins Vergessen
zieh in alte Knochen ein
Die einst noch Fleisch bessesen
Eine Zukunft und ein Sein

Dann wein ich trock’ne Tränen
Durchleide altes Leid
Verbrenn’ im steten Sehnen
Der Traumunendlichkeit

Erst wenn des Herbstes Fieber
Die faulen Glieder rührt
Erhebe ich mich wieder
Unwissend und verwirrt

Bleibt nur ein Hoffnungsfunke
In dieser Nächte Wahn
Den ein verruchtes Wesen
Mir einst ins Ohr getan

Es sprach von Auferstehung
Durch eine finstre Macht
Wenn ich vier Leben nehme
In der allheilgen Nacht

Lang hab ich mich geweigert
Gezögert und geziert
Doch ach das Grab ist bitter
Und Mitleid erodiert

Will wieder mich bewegen
Will lachen, essen, spiel’n
Es geht um meine Seele
Was kümmern mich die Vielen?

Noch hab ich ein paar Stunden
Bevor der Fluch mich greift
Zu schlagen tiefe Wunden
In jeden, der mich streift

Vielleicht führ’n deine Schritte
Dich heut an diesen Ort
Führ’n dich in seine Mitte
Und mich dann endlich fort

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