Kontrolle

“Kontrolle.” sagte Adrian. “Kontrolle ist alles, worauf es ankommt.”

Es war vielleicht keine weltbewegende Erkenntnis, die die charismatische, selbstbewusste Stimme von Adrian Stevenson hier verkündete. Nichts worüber nicht schon unzählige Menschen immer wieder nachgedacht, geschrieben oder geredet haben. Aber für seine Zuhörer war es genau das: Es waren Worte, die ihre Welt bewegten. Die sie vielleicht – nein ganz gewiss – aus der Sackgasse herausholen konnten, zu der ihre Leben geworden waren.

Adrian war genau der Typ, dem man solch ein Wunder zutraute. Ein gutaussehender, muskulöser Mann Ende dreißig mit kurzen, schwarzen Haaren. Sein Gesicht war hübsch, aber nicht glatt. Es besaß ein paar Falten, jedoch nicht zu viele. Gerade genug um lebenserfahren zu wirken. Um seinen Zuhörern zu vermitteln, dass er genau wie sie wusste, welche Schläge einem das Leben versetzen konnte. Seine Kleidung war gut ausgewählt. Weißes Hemd, graue Hose, keine Krawatte. Seriös, aber nicht spießig. Adrian achtete sorgsam darauf nie wie ein schmieriger Gebrauchtwagenverkäufer oder ein Versicherungsvertreter auf einer Kaffeefahrt zu wirken.

Und es gelang ihm. Jede seiner Bewegungen war selbstbewusst. Sein Lächeln war souverän, aber nie überheblich. Alles an ihm schrie heraus, dass er etwas Besonderes war, ein Könner, eine Leitfigur, ein Weiser. Aber er fügte dieser Mischung immer gerade genug Selbstironie, genug Humor bei, um nicht den Kontakt zu den Menschen zu verlieren. Andernfalls hätte er es nie geschafft, diesen fast zweitausend Personen fassenden Saal zu füllen. Und das bei einem Preis von 1.000 Euro pro Ticket. Aber Adrian Stevenson war nicht irgendwer. Er war der Heiße Scheiß unter den Selbsthilfegurus und wer den Besten wollte, der musste sich das auch was Kosten lassen.

“Wenn ihr die Kontrolle verliert, verliert ihr euch selbst.”, sagte er und seine Stimme flutete wie eine kraftvolle Welle über die Köpfe seiner Zuhörer. Die meisten von ihnen hatten schon mehrere Seminare bei ihm absolviert und auch wenn es hier den ein oder anderen Neuling gab, so war das hier doch alles andere als eine Anfängerveranstaltung.

“Was fehlt dem Obdachlosen, der euch heute Morgen um Geld angebettelt hat?”, sagte er.

“Kontrolle!”, antworteten einige aber noch nicht alle aus sein Publikum. So war es am Anfang immer.

“Was fehlt der Frau, die von ihrem betrunkenen Mann geschlagen wird und immer wieder zu ihm zurückkommt?”, fragte Adrian, wobei er seine Stimme ein wenig anhob.

“Kontrolle!”, riefen diesmal schon die Meisten.

“Was fehlt dem Mann der sich mehr und mehr verschuldet, in der falschen Hoffnung auf den großen Gewinn am Automaten?”, schmetterte Adrian mit der ganzen Kraft seines gut geschulten Organs.

“Kontrolle!”, diesmal rief, nein brüllte ausnahmslos jeder seiner Zuhörer. Einige standen sogar auf und ließen frenetischen Jubel erklingen.

Adrian beugte ganz leicht den Kopf. Eine richtige Verbeugung hätte eitel gewirkt.

“Ja, Kontrolle.”, sagte er und glitt dabei mühelos von seiner Ekstase in einen leisen, nachdenklichen Ton. Das Publikum verstummte sofort. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. “Aber wie erlangt ihr Kontrolle?”

Eine Frau aus dem Publikum hob die Hand. Es war Maria Watson. Dass er das wusste, lag nicht an irgendwelchen mentalen Fähigkeiten, sondern daran, dass er sie aus früheren Seminaren kannte. Ein guter Coach musste sein Publikum kennen. Natürlich nicht jeden Einzelnen. Das war auch völlig unmöglich. Aber zumindest die Wichtigsten. Die, die die immer in der ersten Reihe saßen und die anderen mit ihrer Begeisterung ansteckten. “Indem man das Richtige tut.” schlug Maria vor. “Indem man Verantwortung für sein Leben übernimmt.” Maria sah ihn an, wie eine Gläubige die ihrem Gott eine Opfergabe gebracht hatte und, die nun darum bangte, ob er diese annehmen würde. Dabei war Adrian kein Gott. Kein Sektenführer. Kein Guru. Er war nur ein Mann, der gut reden konnte und den Menschen dabei half, über sich hinauszuwachsen.

“Ein guter Gedanke.”, sagte Adrian lächelnd und auch Maria begann regelrecht zu strahlen. Er ließ seine Worte einige wohldosierte Sekunden stehen und wurde vollkommen ruhig. Dann aber explodierte er in einem laut und hart ausgesprochenen Satz. “Nur leider ist er vollkommen falsch!” donnerte er und Maria, aber auch die anderen im Publikum sanken regelrecht in sich zusammen. Er wusste, dass einige jetzt darüber nachdachten zu gehen, aber das würden sie nicht. Sie hatten für das hier bezahlt und sie wollten ihr Leben in Ordnung bringen. Sie würden bleiben.

“Scheiß auf das Richtige!”, schrie er und untermalte die Geste, indem er die Hand schwungvoll Richtung Boden bewegte. “Scheiß auf Verantwortung!” setze er nach und wiederholte die Geste. “Das ist Bullshit! Bullshit mit dem man euch so lange gefüttert hat, bis ihr lerntet den Geschmack zu lieben.”

Vereinzelt erklang ein Lachen. Einige lachten wegen seiner Ausdrucksweise, die meisten um sich nicht mehr so unwohl zu fühlen. Beides kam Adrian gelegen.

“Das Richtige. Verantwortung. Das sind alles nur Grenzen, die euch die Gesellschaft auferlegt. Ketten, in die sie euch einwickelt, bis ihr euch selbst nicht mehr wiedererkennt. Bis ihr nichts als Gefangene in eurem eigenen Körper seid. WOLLT IHR GEFANGENE SEIN?” schrie er.

“NEIN!!” schallte es aus der Menge zurück.

“Nein, ihr wollt es nicht!” stimmt er ihnen zu. “Und ihr müsst es auch nicht. Ihr seid nicht auf dieser Welt, um Gefangene zu sein. Ihr seid auf dieser Welt um frei zu sein. Um Kontrolle zu haben!”

Applaus donnerte durch die Halle. Adrian nahm einen Schluck aus dem Wasserglas, das auf dem kleinen runden Tisch auf der Bühne stand.

“Doch ihr wollt sicher wissen, was ihr konkret tun könnt, um euch zu befreien. Was jeder Einzelne von euch tun kann.” Er streckte seinen Finger aus und kreiste damit über seinem Publikum wie ein Suchscheinwerfer oder wie das Licht einer höheren Macht, am Ende landete er bei einem glatzköpfigen Mann Mitte vierzig in einem abgetragenen Anzug. Er zeigte dieselbe Euphorie wie seine anderen Zuhörer und doch war darunter eine tiefe Trauer verborgen. “Fabian.”, sagte Adrian fast im Befehlston. “Warum hast DU die Kontrolle verloren?”

Der Mann lief sofort rot an. Er schämte sich seine Geschichte zu erzählen. Dabei kannte Adrian sie bereits. Eine Freundin von Fabian, die ein begeisterter Fan von Adrian war, hatte ihm davon berichtet. Sie war es auch gewesen, die Adrian überredet hatte zum Seminar zu kommen. Im Moment sah es aber nicht danach aus, dass er etwas erzählen wollte. Immer wieder ballte er die Hände zu Fäusten, um sie sofort wieder zu öffnen. Gleichzeitig blickte er starr auf den Boden.

“Sieh mich an.”, sagte Adrian sanft. Er wusste genau, wann er Härte einsetzen musste und wann nicht.

Es funktionierte. Langsam hob Fabian seinen Kopf. “Du kannst es uns ruhig erzählen. Du bist hier unter Freunden. Unter Gleichgesinnten. Auch ich bin dein Freund. Und Freunden kannst du alles sagen.”

Fabian zögerte noch einen Moment, nickte dann aber. “A … Also gut. Es ist so … mir mir geht es nicht so gut. Meine Frau … sie hat sich in einen Anderen verliebt und auch mein Job … ich hab immer mein Bestes getan, aber dann war da dieser Typ. Ein neuer Kollege. Er war nicht besser als ich, eher schlechter, aber er war jünger und konnte sich besser verkaufen und als dann die Krise kam, als sie Stellen streichen mussten … haben sie …”

“Warum hast du die Kontrolle verloren?” unterbrach ihn Adrian streng.

“Nun … sie haben ihn an meiner Stelle eingestellt. Und Stefanie sie hat wohl einfach …”

“Warum hast du die Kontrolle verloren?” wiederholte Adrian ungeduldig.

“Ich war wahrscheinlich zu schwach … meine Mutter hat schon immer gesagt, dass ich es nie zu etwas bringen würde und damit hat sie wohl …”

“WARUM HAST DU DIE KONTROLLE VERLOREN!?!”, schrie Adrian nun in einem erneuten aggressiven Ausbruch. Kurz verzerrte sich sein Gesicht regelrecht vor Wut und jeder seiner Zuhörer zuckte zusammen. Fabian brach sogar in Tränen aus.

Seine Sitznachbarin wollte ihm anscheinend ihre Hand auf die Schulter legen, aus einer natürlichen Regung menschlichen Mitgefühls heraus. “Fass ihn nicht an!” wies Adrian sie zurecht. Die Frau gehorchte und Fabian blieb zitternd, weinend und schweigend sitzen. Auch Adrian sagte nichts mehr. Der nächste Schritt musste von Fabian kommen. Er selbst musste die richtigen Schlüsse ziehen.

Eine Sekunde verstrich. Zehn Sekunden. Zwanzig Sekunden. Dreißig. Und jede davon zog sich wie eine Ewigkeit. Doch letztendlich begann Adrian zu sprechen. “Weil ich die Regeln beachtet habe.”

“FANTASTISCH!”, lobte Adrian genauso laut und überschwänglich, wie er Fabian gerade noch eingeschüchtert hatte. “Fantastisch. Dieser Mann ist ein Genie. Ein unglaubliches Genie. Er war noch nie in einem einzigen Seminar von mir und doch hat er sofort erkannt, worauf es wirklich ankommt. Allein mit der göttlichen Kraft seines Verstandes. Alles was er brauchte, war ein kleiner Schubs in die richtige Richtung.”

Ein schüchternes Lächeln erschien auf Fabians Gesicht und die Menge begann zu klatschen. Seine Nachbarn klopften ihm auf die Schultern. Diesmal erhob Adrian keine Einwände dagegen.

“Regeln sind es, die uns versklaven, wie unser genialer Freund herausgefunden hat. Regeln sind das Gegenteil von Kontrolle. Mehr noch: Regeln sind der Feind der Kontrolle! Und da die Kontrolle unser Freund ist, unser einziger wirklicher Freund, sind die Regeln auch unser Feind. Was also müssen wir tun?”

“Die Regeln brechen!”, rief eine Adrian unbekannte Frau aus einer der hinteren Reihen.

“Die Regeln brechen, ganz genau.” stimmte Adrian zu. Er ging zu seinem kleinen Tisch und nahm erneut einen Schluck Wasser. “Puh. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich finde es hier eindeutig zu heiß. Und das liegt wahrscheinlich nicht nur daran, dass hier so viele heiße Frauen und Kerle auf so engem Raum sind. Vielleicht ist es Zeit für eine Erfrischung.”

Der Scherz war lahm, billig und in fast allen Situationen würde er als genau das entlarvt werden. Aber Adrian sprach mit so viel Überzeugung, mit so viel Selbstunerschütterlichkeit (Selbstvertrauen war ein zu schwaches Wort), dass es wirkte. Sein Publikum brach in schallendes Gelächter aus und die Anspannung, die sie zuvor befallen hatte, fiel von ihnen ab. Sie begannen sich wieder wohl zu wühlen, sicher, entspannt. Das war genau das, was er wollte.

Während die Menschen lachten, kam das Servicepersonal der Tagungshalle herein. Perfektes Timing, dachte Adrian. Sie trugen große Tablette mit gefüllten Wassergläsern und begannen sofort damit, diese unter den Seminarteilnehmern zu verteilen. Aufgrund ihrer großen Anzahl dauerte das ein wenig, aber am Ende war das Servicepersonal verschwunden und jeder Teilnehmer hatte ein Wasserglas vor sich stehen.

“So, endlich hat jeder von uns etwas zu Trinken. Ich kam mir als Wassermonopolist schon sehr egoistisch vor.” Er lächelte charmant.

Viele lächelten zurück.

Adrian griff sich sein eigenes, noch halbvolles Glas und trat zum Rand der Bühne, wo er jeder einzelnen Person in der ersten Reihe ganz genau in die Augen sah. “Ich will ein kleines Experiment mit euch machen …”

Er ließ die Worte kurz in der Luft hängen, bevor er fortfuhr. “… zunächst möchte ich, dass ihr das Glas vor euch komplett leert. Ich werde das Gleiche tun.” Er hob sein Glas und leerte den Rest der enthaltenen Flüssigkeit in einem Zug, während sein Publikum es ihm nachtat. Manche zögerten etwas, aber letztlich taten Herdentrieb, Gemeinschaftsgefühl, Adrians Charisma und nicht zuletzt das viele Geld, dass jeder für die Teilnahme ausgegeben hatte, ihre Wirkung. Sie alle leerten ihr Getränk entweder in einem Zug oder in einigen großen Schlucken. Adrian sah zufrieden wie ihre Kehlen sich bewegten und die Flüssigkeit in ihren Körper überführten.

“Sehr gut.”, lobte Adrian. “Wasser ist etwas Gutes, etwas Reines. Und Wasser hält sich nicht an Regeln. Eine Zeitlang beugt es sich den Gegebenheiten seiner Umwelt, aber letztendlich handelt es immer nach seinem eigenen Willen. Nach seiner Natur. Dann reißt es Dämme ein, tritt über Ufer und schleift Gestein ab – oder anderes ausgedrückt: Es übernimmt die Kontrolle.” Adrians Hände unterstützten jedes seiner Worte mit anschaulichen Gesten. Zuletzt ballte er sie zu Fäusten.

“Ihr müsst werden wie das Wasser. Ja, das könnte man sagen.” er machte eine kurze Pause, dann sprach er mit geheimnisvoll gesenkter Stimme weiter. “Das ist aber nicht der einzige Grund, aus dem ihr das Glas leeren solltet.”

Erneut nahm er sein leeres Glas, welches er zwischenzeitlich abgestellt hatte, in die rechte Hand. “Genauso wichtig wie das Wasser ist das Glas. Das Glas war dem Wasser ein Gefängnis. Das Glas – auch wenn es noch so durchsichtig ist – ist fest und starr. Es hat keine Kontrolle über seine Form, gibt aber dennoch allem, was dort hineingelangt eine Form vor. Dieses Glas ist gleichbedeutend mit der Gesellschaft und mit eurer eigenen Konditionierung, die euch Tag für Tag davon abhalten euren Impulsen zu folgen und euer volles Potenzial zu entfalten. Ich will, dass ihr euch davon löst. Ich will, dass ihr eure Fesseln sprengt.” Mit diesen Worten knallte er sein Wasserglas auf den Bühnenboden, wo es lautstark zersprang.

Die Teilnehmer zögerten allerdings noch. “Los, versucht es selbst!” forderte er sie auf. “Ich weiß, dass da etwas in euch ist, das euch einflüstern will, dass sich das nicht gehört, dass das kein gutes Benehmen ist. Genau dieser Stimme wollen wir die Stirn bieten. Also los, befreit euch!”

Endlich folgten sie seinem Aufruf. Gläser wurden auf den Boden geknallt, zertreten oder sogar in jene Bereiche der Bühne geworfen, in denen er sich gerade nicht befand. Ein lautes Klanggewitter aus klirrendem Glas erfüllte die Luft, nur unterbrochen von kurzen Flüchen, wann immer jemand sich an einem Splitter geschnitten hatte. Aber niemand beschwerte sich. Alle achteten sie nur auf Adrian.

Am Ende war genau die Hälfte der Gläser vernichtet. Die Verweigerer, die interessanterweise gleichmäßig im Publikum verteilt waren, wurden von ihren Sitznachbarn mit einer Mischung aus Tadel und Neugier angesehen.

“Sie können nichts dafür.”, sagte Adrian sanft. “Sie können ihre Muskeln nur gerade nicht bewegen. Oder besser: Sie haben keine KONTROLLE über sich.”

Einige der Teilnehmer begannen nun in Panik auszubrechen. Sie rüttelten vergeblich an den bewegungslosen Leibern ihrer Nachbarn, prüften genau, ob auch ihre eigenen Bewegungen eingeschränkt waren, ob sie irgendwelche Anzeichen einer Lähmung spürten. Vereinzelt hörte er auch Rufe wie “Sie Psychopath!” oder “Sie sind doch wahnsinnig!”. Manche versuchten auch zur Tür der Tagungshalle zu gelangen, die allerdings fest versperrt war, wie Adrian wusste.

“Keine Panik.” beruhigte Adrian die Menge und legte dabei einen so vertrauensvollen Ton in seine Worte, dass einige der Flüchtenden aufhörten an der Tür zu rütteln. “Sie können sich wieder setzen. Der Effekt ist nur temporär. Bereits in einer Viertelstunde lässt die Lähmung nach. Setzen sie sich also wieder.” Als zwar einige, aber noch nicht alle zurück zu ihrem Platz gingen, setzte er noch einmal nach.

“Ihr alle seid hier, um euer Leben besser zu machen, um endlich wirklich ihr selbst zu werden. Jeder von euch hat daran gearbeitet und steht ganz kurz davor sein Ziel zu erreichen. Wollt ihr all das aufgeben, nur wegen eines kleinen, harmlosen Experiments? Seid ihr wirklich so schwach?” Adrian schaffte es, eine gute Mischung aus Verachtung und Motivation in seine Stimme zu legen. Er klang wie ein Vater, der von seinen Kindern zutiefst enttäuscht war, ihnen aber doch die Arme weit öffnete, falls sie auf den Pfad der Vernunft zurückkehren wollten.

Seine Rede verfehlte ihre Wirkung nicht. Einige Sekunden verstrichen, dann jedoch setzen sich auch die letzen, die aufgestanden waren, wieder auf ihre Plätze.

“Sehr gut!” sagte Adrian energisch. “Ich wusste, dass ich mein Vertrauen nicht umsonst in euch gesetzt habe.” Nachdem er diese Worte gesprochen hatte, ließ er sich auf dem Boden im Schneidersitz nieder, bevor er wieder zu seinem Publikum redete. “Ich möchte, dass ihr jetzt die Augen schließt.” Dabei tat er es selbst ebenfalls und wirkte in dem Moment beinah als würde er meditieren. Er wartete ein paar Sekunden, bis seine Zuhörer Zeit hatten, seinen Anweisungen zu folgen. “Nun möchte ich, dass ihr unter euren Sitz greift.” Wieder verstrichen einige Momente. Der Zeiger der Großen Uhr an der Wand bewegte sich träge weiter so als könne er nicht glauben, was sich unter ihm abspielte.

Als die Ersten unter ihre Stühle gegriffen hatten, begannen die erwarteten Fragen. “Was zum Teufel ist das?” erklang es auch vielen Kehlen. Adrian wunderte das nicht. Was sie dort erspürten war ein langer, spitzer Gegenstand aus kaltem Metall.

“Das ist das Werkzeug, mit dem ihr die Kontrolle übernehmen werdet.” sagte Adrian. “Zieht zuerst das Klebeband ab und achtet darauf, dass es dabei nicht herunterfällt.”

Wieder bemerkte Adrian Unruhe, Angst und Widerwillen in seinem Publikum, die wie eine kleine Welle zu ihm nach vorne schwappten.

“Es ist alles gut.” sagte er so freundlich, ruhig und warmherzig, dass sich nicht wenige der Seminarteilnehmer in der Tiefe ihrer Seele an die Stimme ihrer Mutter an ihrem Gitterbettchen erinnerten. Zu einer Zeit als noch alles in Ordnung gewesen war. Und selbst jene, die nie eine so liebevolle Mutter gehabt hatten, dachten an eine Idealversion von ihr. “Ich will euch nur helfen, ich will lediglich, dass ihr endlich wieder Herr eures Lebens seid. Löst das Klebeband und nehmt das Werkzeug in die Hand.”

Adrian konnt natürlich nicht sehen, wie die meisten Teilnehmer tatsächlich die Messer in ihre Hände nahmen. Aber er wusste es trotzdem und das nicht nur wegen des klappernden Geräusches von Metall, dass gegen Holz schlug. “Wunderbar.” sagte er. “Nun nehmt das Werkzeug und führt es zum Hals eures linken Sitznachbarn, so das die Spitze direkt an der Kehle sitzt. Denkt daran, es ist nur ein Experiment, dass euch zeigen soll, wie sich wahre Kontrolle anfühlt. Mehr nicht.”

Adrian atmete ein paar mal tief ein und aus. Dann sagte er. “Fühlt ihr die Kontrolle? Merkt ihr, wie zum ersten Mal in eurem Leben wirklich alles von euch und euren Entscheidungen abhängt? Spürt ihr wie das Schicksal eines ganzen Lebens, eines ganzen persönlichen Universums von der Gnade eurer Bewegungen bestimmt wird?”

Niemand antwortete. Aber das störte Adrian nicht. Dies war ein Moment der Stille und das sollte er auch sein. “Spürt ihr die Grenze? Die Regeln? Hört ihr die Gesellschaft, eure Eltern, die Gesetze und all jene, die euch euer Leben lang verboten haben nach euren Wünschen zu handeln? Der Widerstand, den ihr spürt, ist nicht der Hals hinter dem Messer. Dieser Widerstand sind die Fesseln, die SIE euch angelegt haben.”

Adrian stoppte kurz um einen Kloß im Hals herunterzuschlucken. Seine Zuhörer merkten davon nichts.

“Wir werden diesen Widerstand auf die Probe stellen. Ihr werdet jetzt den Druck verstärken. Nur ein bisschen. Denkt daran, es ist nur ein Experiment. Es geht lediglich darum, dass ihr Kontrolle erlebt. Dass ihr erfahrt, was Kontrolle wirklich bedeutet. Um nichts anderes. Nur ein kleines bisschen mehr Druck.” Noch immer öffnete Adrian nicht die Augen.

“Es ist ein tolles Gefühl, nicht wahr? Spürt ihr die Macht in euren Händen? Was würden all die Menschen, die auf euch gespuckt haben, jetzt sagen? Was würde eurer dominanter Vater sagen, was eure nie zufriedene Mutter? Was würde eurer undankbarer Partner sagen? Was eure ignoranten Lehrer? Was eure herrischen Arbeitgeber und was der Bankangestellte, der euer Geschäft nicht finanzieren wollte?”

Adrian wurde nun mit jedem Wort lauter und feuerte eine regelrechtes Wort-Bombardement auf seine Zuhörer ab. “Ich kann es euch erzählen: Sie würden gar nichts sagen. Zumindest für eine Weile wären sie vollkommen sprachlos wegen so viel Mut und weil sie nicht damit gerechnet haben, dass ihr einmal in eurem durchschnittlichen Leben wirklich die Kontrolle übernehmen würdet. Dann aber würden sie ihre Stimmen zurückfinden und sie würden zu euch sagen: Du traust dich doch ohnehin nicht weiterzugehen! Ein kurzer Test deiner Grenzen, ein Rütteln an den Gitterstäben, mehr ist das hier nicht. Dann wirst du wieder brav nach unseren Regeln spielen, wie du es schon immer getan hast. Wie das machtlose Vieh, dass du bist.” Haben sie recht damit? HABEN SIE RECHT?! SEID IHR WILLENLOSES VIEH? ODER SEID IHR BEREIT DEN DRUCK NOCH WEITER ZU ERHÖHEN?!”

Die letzten Worte hatte Adrian geschrien, nun aber wurde er wieder vollkommen ruhig. Er zählte innerlich bis zehn, dann sprach er wieder zu den Teilnehmern.

“Ihr könnt jetzt die Augen öffnen. Öffnet sie und seht, dass euer Handeln Wirkungen hat, dass es einen Unterschied in der Welt macht. Die Psychologie nennt das ‘Selbstwirksamkeit.’ Ich aber nenne es ‘Manifestierte Kontrolle.'”

Gleichzeitig öffnete auch Adrian die Augen und hoffte, betete inständig, dass er nicht das sehen würde, was er zu sehen erwartete. Dass er sich womöglich doch geirrt hatte und ihm seine Zuhörer dieses einmal das seltene und köstliche Geschenk des Ungehorsams gezeigt hätten. Doch stattdessen sah er in eine Menge entsetze Gesichter, die aus ihrer Trance erwachten, in die leeren Augen ihrer Nachbarn blickten und begriffen, dass sie gerade ein Leben beendet hatten. Nicht jeder hatte seinen Anweisungen gehorcht, aber doch viele. Viel zu viele. Schreie wurden laut und die Panik setzte erneut ein. Doch als Adrian sich lamgsam erhob und mit trauriger Stimme in sein Mikrofon sprach, hörten ihn dennoch die meisten Seminarteilnehmer.

“Ich bin maßlos enttäuscht von euch. Ich hatte wirklich gehofft, dass ihr begreift was Kontrolle bedeutet und doch habt ihr euch wie dumme Marionetten von mir fernsteuern lassen. Das Milgram Experiment, all die Katastrophen und Unrechtsregime des 20. Jahrhunderts, all diese Filme, Bücher und Serien die euch die Konsequenzen von blindem Gehorsam offenlegen und ihr sehnt euch noch immer nach einem starken Mann, der euch erzählt, wie ihr euer Leben zu führen habt. Ihr saugt jedes seiner Worte auf als wäre es das verdammte Wort Gottes ohne auch nur eine Minute zu hinterfragen, was sie eigentlich bedeuten.

Ja, euer Leben ist scheiße. Ja, die Welt ist nicht perfekt und ein verdammt verwirrender und beängstigender Ort. Aber irgendwelchen Schwachsinnsdogmen zu folgen macht es nicht besser. Ihr wolltet diese Menschen nicht umbringen. Sie haben euch nie geschadet. Ihr habt keinen Hass gegen sie gehegt und doch habt ihr es getan, nur weil ein geldgeiler Blender in seiner Midlife-Crisis euch mit irgendeiner zusammengeschusterten Küchenpsychologie und aussortierten Kalendersprüchen vollgelabert hat.”

Adrian seufzte tief und resigniert. Tränen rannen über sein Gesicht.

“Ich habe euch eine ganze Menge Kram über Kontrolle erzählt.” sagte er schwer atmend und griff sich dabei an die Hintertasche seiner Hose. “Aber das war alles nur Schwachsinn. Es gibt nur eine Sache, die ihr wirklich über Kontrolle wissen müsst.” Seine Stimme war nun so fest, selbstbewusst und charismatisch wie noch nie. “Kontrolle heisst, verantwortlich zu handeln.” mit diesem Worten hob er die Waffe, die er die ganze Zeit in der Hosentasche getragen hatte, setzte sie an den Kopf und drückte ab.

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Dreihundertsechundfünzig der zweitausend Teilnehmer – Adrian selbst nicht mitgerechnet – kamen bei der Veranstaltung mit dem Titel “Die Hohe Kunst der spirituellen Kontrolle” ums Leben. Genauso vielen Menschen wurde wegen Totschlag der Prozess gemacht. Von den restlichen Teilnehmern benötigen viele noch heute regelmäßige ambulante oder stationäre psychologische Betreuung.

Doch auch wenn Adrian Stevenson mit seinem letzten Seminar ein mehr als radikales Zeichen gegen blinden Gehorsam und gegen seine eigenen Lehren setzte …

… den Buchverkäufen schadete es nicht.

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