Röhren

Noch ein Schritt. Und dann ein Weiterer. Jedesmal belohnt von einem langen, dumpfen und blechernen Echo. Ich weiß nicht wie viele davon ich schon hinter mich gebracht habe und will es auch gar nicht wissen. Was sonst würde diese Zahl mir schenken als ein Symbol meiner Auswegslosigkeit. Dennoch denke ich, dass ich bereits viele Jahre hier unterwegs bin.

Die Luft ist heiß und trocken. Sie schabt wie Sandpapier an den Innenseiten meiner Lungen und lässt mich immer wieder Husten. Hier in meiner Röhre ist es immerhin besser als Draußen, wenn auch nicht viel besser.

Früher hätte ich mir vielleicht Sorgen um meinen Gesundheitszustand gemacht. Darüber, was diese Luft und die ständige Hitze meinem Körper antun. Aber dafür gibt es nun keinen Grund mehr. Ich werde nicht erkranken. Und auch nicht sterben. Jedenfalls nicht auf diese Weise. Das ist ja gerade das Problem. Oder zumindest eines davon.

Ein anderes ist die Eintönigkeit. Was das betrifft, ist die Röhre sogar noch schlimmer als das, was dort Draußen liegt. Ein endloser, hohler Wurm aus grün-lackiertem Metall in dem stets ein mattes, geisterhaftes Licht scheint und die sich endlos dem stets gleich weit entfernten Horizont entgegenstrecken. Manchmal, wenn sich meine nackten Füße über den heißen Boden bewegen, meine Hände sich an das gleichgültige Metall drücken und meine Augen nichts weiter als diesen runden, gleichförmigen Horizont erblicken, habe ich das Gefühl im Bauch eines gewaltigen Ungeheuers zu sein, dass lediglich bislang vergessen hat mich zu verdauen.

Meistens führt mich die Röhre geradeaus, manchmal bewegt sie sich auch in seltsam gewundenen Kurven und Spiralen. Die Steigung ist nie so steil, dass ich sie nicht bewältigen könnte, weswegen ich mich in diesem Fällen jedesmal auf Händen und Knien weiterkämpfe. Es ist anstregend. Sehr anstrengend. Aber es ist eine der wenigen Abwechslungen, die ich noch habe.

Ich kann die Röhre verlassen, wenn man ich es will. Von Zeit zu Zeit, immer nach etwa zehn Kilometern (wenn ich mich nicht verzählt habe, Zählen ist so schwierig geworden), gibt es Ausgänge. Rostige, kleine Leitern, die aus den Röhren hinaus in die Wüste führen.

Denn das ist alles, was sich jenseits der Röhren befindet: Ein weites, totes, trockenes Areal. Keine Kakteen, keine Skorpione. Nur endlose Ebenen voller Sonne und Sand. Und voller Hitze, immerwährender Hitze.

In den Wüsten, die ich von früher kenne, hatte es Regen gegeben. Nicht oft natürlich, aber dann und wann hatten sich die Wolken erbarmt jene kurzen Schauer auf den staubtrockenen Boden hinabgeschickt, die die Basis für das dort ansässige, spärliche Leben bildeten. Hier ist dem nicht so. Die Wüste bleibt trocken und leer. Immer.

Dennoch fühle ich keinen Durst. Zumindest keinen Starken. Aber die Erinnerung an Wasser schmerzt. Die Erinnerung daran, wie es sich anfühlt, meine Kehle mit kühler und erfrischender Flüssigkeit zu benetzen.

In der Röhre ist es etwas besser. Hier kann ich mich der gnadenlosen Gegenwart der Sonne einigermaßen entziehen und das Metall unter meinen Füßen ist zwar heiß, aber auch nicht so heiß wie es eigentlich sein sollte, bei Metall, das unablässiger Sonneneinstrahlung ausgesetzt ist. Vor allem aber: irgendwie … Irgendwie fühlt die Röhre sich auf eine verdrehte Art nach Heimat an. Nach etwas, was zu mir gehört, auch wenn das eigentlich lächerlich ist. Denn streng genommen ist sie eher ein Gefängnis als eine Heimat und wer auch immer sie gebaut hat und welchen Zweck sie auch ursprünglich dienten – mir gehören sie nicht.

Nichts gehört mir mehr. So viele Dinge sind verloren gegangen. So wie auch ich mich verloren fühle auf meinem Weg der wohl noch so lange weitergehen wird, bis der Sonne dort am Himmel der Brennstoff ausgeht und sie mich – und alles ander hier mit ihrer feurigen Umarmung mit in den Tod reisst. Aber vielleicht geschieht das nie. Es ist nicht die Sonne, die ich früher kannte also gibt es auch keinen Grund anzunehmen, dass sie den selben Gesetzen unterworfen ist.

Dabei weiß ich immerhin eines mit Gewissheit: Ich mag verloren sein, aber ich bin hier dennoch nicht allein. Meine Röhre – so gewaltig und vielfach gewunden sie auch sein mag – ist nur eine unter vielen. Immer, wenn ich mich hinaus in die Wüste wage, sehe ich neun Weitere von ihnen, die sich parallel zu meiner erstrecken und auf denselben unbekannten und wahrscheinlich auch unerreichbaren Horizont zubewegen.

Ich kann sie nicht betreten. Weiß Gott habe ich es häufig genug versucht, in den endlosen Stunden der Einsamkeit. Und wenn diese Einsamkeit wieder droht mein Herz in kleine Stücke zu zerreisen, wenn ich meinen rechten Arm für irgendein menschliches Gesicht – egal ob schön, hässlich, freundlich oder hasserfüllt – hergeben würde, dann werde ich es wieder versuchen. Ich werde gegen das Metall schlagen, werde jede Biegung nach einer Nahtstelle absuchen und werde mir die Seele aus dem Leib schreien in der Hoffnung, dass mich jemand hört.

Aber es wird keine Öffnung geben und niemand wird mich hören. Zwar kann anscheinend – zumindest, wenn ich von meinen eigenen Erfahrungen ausgehe – jeder seine eigene Röhre verlassen, aber niemand kann in die der anderen hineingelangen. Dennoch weiß ich, dass die Röhren bewohnt sind. Ich höre die anderen Verdammten darin laufen, klagen, schluchzen und Selbstgespräche führen. Manche von ihnen klingen dabei so als würden sie wirklich mit irgendeinem Gegenüber reden. Wahrscheinlich sind das die Glücklichen, die noch ihre Illusion genießen. Mich jedenfalls hören sie nie. Egal wie oft und laut ich auch nach ihnen rufe.

Insgeheim hoffe ich noch immer darauf, dass irgendwann einer der anderen seine Röhre verlässt und sich unsere Wege kreuzen. Aber wahrscheinlich ist auch dies nur eine falsche Hoffnung. Immerhin hätte ich sonst schon längst jemanden von ihnen treffen müssen. Vielleicht – so fürchte ich – sind wir füreinander gänzlich unsichtbar. Gefangene von parallelen Realitäten, die sich unendlich nah sind, sich aber niemals berühren werden.

Die zehn Röhren, die ich hier sehe, sind aber nicht die Einzigen. Ein paar Mal habe ich mich tiefer in die Wüste hineingewagt. So weit, dass ich weitere von ihnen am Horizont habe schimmern sehen. Aber nie habe ich sie erreichen können. Irgendwann sind sie einfach nicht mehr näher gekommen, obwohl ich mich viele Kilometer in ihre Richtung bewegt hatte. Und als wäre das nicht beunruhigend genug gewesen, war es kurz darauf noch viel umheimlicher geworden.

Mit einem Mal – als hätte ich eine unsichtbare Grenze überschritten – waren die in der Ferne erahnbaren Röhren gänzlich verschwunden und auch meine Heimatröhre konnte ich nicht mehr erkennen. Mit ihnen verschwand auch die allgegenwärtige Sonne vom Himmel und ließ mich in einer dämmrigen Nacht zurück. Beleuchtet allein von einem schwachen bläulichen Licht ohne jede sichtbare Quelle. Eiskalte Winde, die wohl selbst in der Antarktis ihresgleichen suchen, erhoben sich und vertrieben die vertraute flirrende Hitze.

All dies hatte mir in seiner Plötzlichkeit wirklich Angst eingejagt. Aber ich wäre wohl trotzdem weitergegangen, um zu erforschen, wie weit sich diese Wüste überhaupt erstreckt und ob etwas, irgendetwas, dahinterlag. Es war das Heulen, dass mich zurückhielt. Ein Geräusch so schrill und gewaltig, dass es mir in den Ohren weh tat und mein Herz an jenem Punkt packte, wo der ursprünglichste Teil der Angst wohnt. Jene Untiefen der Furcht, denen wir – Gott sein Dank – in einem durchschnittlichen Menschenleben sonst nur selten begegnen.

Dabei konnte ich nicht mal genau sagen, woher das Geräusch stammte. Aber das ändere nichts daran, dass es meine Vorstellungskraft dazu bewog, mich mit den schillerndsten Bildern zu quälen.

Es erinnerte mich an das Geräusch eines Bohrers, den ein sadistischer Zahnarzt an einem vollkommen gesunden Zahn einsetzt, an den verzweifelten Schrei eines Kindes, dessen gesamte Familie ausgelöscht worden ist, an die Sirenenen, kurz vor einem nuklearen Angriff, wenn weit und breit kein Bunker in Sicht ist und man mit zweifelsfreier Klarheit erkennt, dass man verloren ist.

Oder war es nicht vielmehr das Heulen von fremdartigen, bizarren Kreaturen? Hatte ich nicht – irgendwo dort in der dämmrigen Dunkelheit – Augen gesehen? Nicht nur ein paar, sondern deren hunderte – leuchtend rot abgehoben vor dem Vorhang der Nacht? Und waren sie nicht näher gekommen, größer geworden, immer dann wenn ich meinen Blick kurz abgewendet hatte? Ich weiss es nicht mehr genau. Alles was ich weiß, ist, dass sich ein sehr beeunruhigender Gedanke in meinem Kopf ausgebreitet hatte: Wenn ich weiterginge, würde ich vielleicht nie mehr zurückfinden. Dann würde ich hierbleiben müssen. In der bläulichen Dunkelheit zwischen diesen lauernden Augen und dem geisteszersetzenden Heulen.

Es war das Erste und Einzige Mal gewesen, dass ich mich so weit in die Wüste vorgewagt habe. Seitdem habe ich mich nie mehr weit von meiner Röhre entfernt. Ohnehin ist es besser ein festes Ziel zu haben, egal wie sinnlos es auch sein mag, und sich in einem Gebiet zu bewegen, dessen Regeln man genau kennt.

Also setze ich weiter einen Fuß vor den anderen und lasse weithin hallende, blecherne Schritte erklingen, die meiner Reise durch die endlose Röhren vorauseilen. Denn was ist die Alternative? Zurücklaufen, wo auch nichts anderes auf mich warten wird? Mich einfach hinlegen und auf einen Schlaf warten, der doch nicht kommen wird oder erneut die Wüste betreten und ein weit schlimmeres Schicksal erfahren?

Einmal mehr schweifen meine Gedanken zurück in die Vergangenheit. Wie lange ist es her, seit ich in diesem Krankenhausbett gelegen habe? Mir ging es damals echt dreckig: Lungenentzündung, Fieber. Jeder Atemzug hatte wehgetan. Mehr noch als jetzt. Und doch wünsche ich mich in jeder Sekunde meiner Wanderung in diese Zeit zurück.

Was haben sie mir im Laufe meines Lebens nicht alles über den Tod erzählt? Licht, Dunkelheit, Höllenfeuer, Engel, Wiedergeburt, ewiger Schlaf. Tausend Geschichten und Märchen von wunderschön bis erschreckend, von fantasievoll bis nüchtern. Aber keine davon hat mich auf das hier vorbereitet.

Und doch ist dies der Ort an dem ich erwacht bin, nachdem ich meinen letzten Atemzug getan habe. Vielleicht wäre es nur halb so schlimm gewesen, wenn ich mich damals, bei meiner Ankunft, nicht umgedreht hätte. Wenn ich einfach weiter stur geradeaus gegangen wäre. Vielleicht hätte ich mie dann noch etwas mehr Hoffnung bewahrt und diese endlose Wanderung damit zumindest eine zeitlang erträglicher gemacht. Aber ich habe mich umgedreht. Und was ich dabei gesehen habe, war zwar für sich genommen profan, konnte aber in seiner Bedeutung nicht erschütternder sein: Fußspuren.

Meine Fußspuren auf dem staubverklebten Boden der Röhre. Fußspuren, die sich – wie ich bei meinen Nachforschungen feststellen musste – bereits über unzählige von Kilometern erstreckten. Das wiederrum konnte nur Eines bedeuten: Meine Wanderung durch diesen realen Albtraum hatte schon vor langer Zeit begonnen. Wahrscheinlich schon Jahrzehnte, Jahrhunderte oder Jahrtausende vor meine so genannten Leben. Inzwischen glaube ich, dass das Leben selbst nichts anderes als eine gnädige Illusion ist, die einige von uns befallen hat.

Eine Illusion, in die ich schon so oft verzweifelt versucht habe zurückzukehren. Jedoch ist es mir nie gelungen. Vielleicht gibt es dafür ein Ritual oder Zauberworte, die ich nicht kenne. Womöglich ist der Übergang in diese Illusion auch nur an bestimmten Orten möglich, oder vielleicht – und diese Möglichkeit macht mit am meisten Angst – kommt sie nie wieder. Vielleicht hat jeder von uns nur eine Gelegenheit für kurze Zeit von hier zu fliehen. Nur eine einzige Ration Realitätsflucht für einen endlos langen Weg ins Nirgendwo.

Falls du mich hörst. Falls diese Worte den Weg in deinen seligen Tagtraum finden, so will ich dich nur um Eines bitten. Nein, dich anflehen:

Genieße das, was du „Leben“ nennst, so lange du kannst.

Denn dein Weg wird noch lang sein.

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