Therapiesitzung

“Hallo, Herr Doktor Richter”, sagte die blonde Frau mit dem strengen Zopf, dem schwarzen Anzug und dem wohldosierten Lächeln, welches zu keinem Zeitpunkt ihre Augen erreichte, “mein Name ist Linda Bender. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Anreise.”

Im ersten Moment wollte Richter angesichts dieser Frechheit am liebsten explodieren, aber irgendwie gelang es ihm, seine Gefühle zumindest etwas zu beherrschen. “Ich würde es ganz bestimmt nicht als angenehm bezeichnen, an einem Sonntag um drei Uhr Nachts überfallen, niedergeknüppelt und gefesselt zu werden, während maskierte, bewaffnete Männer dasselbe mit meiner Frau und meiner Tochter machen, um dann mit einem Sack über dem Kopf quer durch die Weltgeschichte gekarrt zu werden”, knurrte er lediglich, schon allein aus Angst etwas zu sagen oder zu tun, was Lynn oder Linda gefährden könnte. Viel lieber hätte er dieser grauenhaften Frau eine Gesichtsmassage verpasst.

“Keine Sorge. Ihrer Frau und Ihrer Tochter geht es ganz hervorragend”, sagte Bender, “ich hatte gehofft, dass die Mitglieder Ihrer kleinen … Eskorte Sie darüber in Kenntnis setzen würden.”

“Einen Scheiß hat man mir erzählt!”, donnerte Richter nun doch recht ungehalten, “Sie glaube gar nicht wie verfickt sauer ich bin!”

“Sie sind aus freien Stücken auf das Angebot eingegangen, welches unser Kontaktmann Ihnen übermittelt hatte. Sie hätten sich denken können, dass diese Sache nicht gemäß den üblichen Business-Gepflogenheiten abläuft. Immerhin handelt es sich hierbei streng genommen um Industriespionage”, wandte Linda ruhig ein, ohne ihr falsches Lächeln zu verlieren.

“DAS habe ich nicht erwartet. Ich tue nichts, bevor ich meine Tochter und meine Frau gesehen habe”, antwortete Richter.

“Wir haben zwanzig Millionen Euro auf Ihr Konto überwiesen. Dies sollte fürs Erste genug an Gegenleistung sein”, bemerkte Bender.

“Ich verkaufe nicht das Leben meiner Familie, egal für wie viel Geld”, protestierte Richter heftig.

“Das haben Sie bereits”, sagte Bender ruhig, “Die beiden waren praktisch im Preis inbegriffen und das wussten Sie auch. Doch wird sind nicht die Mafia. Selbstverständlich können Sie noch von unserem Angebot zurücktreten. Sie überweisen uns das Geld zurück, wir lassen Ihre Familie frei und sie Essen gemeinsam ein Eis und machen sich ein schönes Restwochenende. Alles wäre gut. Zumindest bis Montag. Dann nämlich könnte es durchaus sein, dass Ihre Firma Ihnen einige unangenehme Nachfragen zu möglichen Sicherheitslücken, entwendeten Proben und kopierten Forschungsdaten stellt.”

“Herzlose Hure!”, donnerte Richter, der langsam den Rest seiner Beherrschung verlor, mit hochrotem Kopf.

Bender hob eine Augenbraue, “Ist das etwas Ihre Vorstellung von Professionalität?”

“Ich dachte, das hier läuft nicht nach den üblichen Business-Gepflogenheiten ab”, konterte Richter spitz.

“Punkt für Sie”, sagte Bender und blickte auf die altmodische, silberne Armbanduhr an ihrem Handgelenk, “doch Herr Jansen legt dennoch einen hohen Wert auf Pünktlichkeit. Bei jeder Art von Business. Wir sollten also nicht zu viel Zeit verlieren.”

Richter zögerte noch einen Moment, nickte dann aber widerwillig.

“Sehr gut. Folgen sie mir”, sagte Bender und führte ihn den weiß gestrichenen Gang hinunter, bis zu einer deplatziert wirkenden Doppeltür aus rötlichem Tropenholz.

“Nicht sehr umweltfreundlich”, bemerkte Richter.

“Oh, glauben Sie mir”, sagte Bender und zum ersten Mal transportierte ihr Lächeln so etwas wie eine menschliche Regung, auch wenn es natürlich schwarzer Humor war, “dies trifft auf Herrn Jansen gleich in mehrfacher Weise zu.”

“Aber jetzt genug getrödelt”, sagte Bender nun wieder vollkommen glatt und förmlich, “Herr Jansen erwartet sie bereits.”

Schweren Herzens öffnete Richter die rechte der beiden Türen, an der sich ein kalter, verspielter Bronzegriff befand und trat ein. Auch im Inneren roch es würzig und schwer nach alten, seltenen Hölzern. Dies kam nicht von ungefähr, da die Bücherregale, die Schränke, der Boden und auch der wuchtige Schreibtisch, der den Raum dominierte, aus ebenjenen Materialien bestanden. An den ebenfalls holzvertäfelten Wänden sah man die Köpfe diverser Raubkatzen und großer Pflanzenfresser. Einige davon hatte Richter, der sich eigentlich ganz passabel mit der Tierwelt auskannte, noch nie zuvor in seinem Leben gesehen. Womöglich seltene oder ausgestorbene Arten.

Alles in allem sah das Büro von Jansen ein wenig aus wie das eines Abenteurers, Großwildjägers oder Kolonialherren aus dem 19. Jahrhundert. Lediglich die digitale Weltkarte an der Wand zu seiner Rechten, so wie der Laptop, der aufgeklappt neben einer kleinen Pistole und einem Glas Whiskey auf seinem Schreibtisch stand, fielen aus dem Rahmen. Und natürlich der Mann, der zum Vorschein kam, als ebendieser Laptop kurz nach Richters Eintreten zugeklappt wurde. Er trug weder einen Tropenhut, noch einen eleganten Anzug, sondern einen schmutzigen, cremefarbenen Bademantel, unter dem seine nackte, behaarte Brust hervorschaute. Ein leicht säuerlicher, ungewaschener Geruch ging von ihm aus und mischte sich mit dem schweren, süßlichen Geruch der Hölzer. Seine hellbraunen Haare waren ungekämmt, schulterlang, fettig und auf dem oberen Teil seines Kopfes nur sehr spärlich vertreten. Sein grau melierter Bart ließ schätzungsweise seit einer Woche eine Rasur vermissen. Vielleicht auch länger. Die Augen des Mannes, der sich wahrscheinlich in seinen späten Vierzigern befand, wirkten leer und wiesen dicke Ringe auf, was auf zu wenig Schlaf, eine ungesunde Lebensführung oder auf beides verwies. Doch auch, wenn Jansen den Eindruck erweckte, dass er ein Obdachloser war, dem man für einige Zeit erlaubt hatte, das Leben eines Konzernchefs zu führen, umgab ihn doch auch eine Aura der Gefahr. Die unausgesprochene Drohung einer Rücksichtslosigkeit, wie sie nur aus tiefer Verzweiflung geboren werden konnte.

“Dr. Richte”, begrüßte ihn Jansen mit einer tonlosen, tiefen Stimme, die denn Eindruck erweckte, dass er sich zum Sprechen überwinden musste, “schön, dass Sie es einrichten konnten.”

“Ich bin hier”, sagte Richter knapp, um nicht sofort in einen Schwall aus gerechtfertigten Beleidigungen zu verfallen, “was genau muss ich tun, damit ich mein Geld behalten und meine Familie wiedersehen kann?”

Jansen imitierte ein Lächeln. “So voller Leidenschaft”, sagte er mit zynischer Bewunderung, “Die Sorge um die Familie. Die Begeisterung für die Wissenschaft. Die Liebe zum Geld. Sie stecken voller unermesslicher Schätze. Wissen Sie, wie unheimlich gern ich mit Ihnen tauschen würde.”

Dann nahm Jansen einen Schluck Whiskey, verzog das Gesicht und spuckte ihn achtlos auf seinen fleckigen Bademantel, wo er zu einem großen, hellbraunen Fleck verlief.

Richter war angewidert, aber er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen.

“Sie sind, nach allem was man mir sagte, mehrfacher Milliardär”, erwiderte Richter, “die meisten Menschen würden mit IHNEN tauschen wollen.”

Jansen lachte trocken. Richter hatte schon Weinkrämpfe beobachtet, die eine bessere Stimmung verbreiteten.

“Ja, das bin ich”, sagte Jansen, “aber was habe ich davon?”

“Jetzt kommen Sie mir nicht mit diesen beschissenen ‘Geld allein macht nicht glücklich’- Phrasen”, sagte Richter, der langsam die Geduld verlor, da er keine theatralischen Reden hören, sondern all das möglichst schnell hinter sich bringen wollte, “komischerweise kommen diese Sprüche fast immer von denen, die Geld wie Heu haben, als würden sie mit solchen Bauernweisheiten all die armen Schweine abspeisen wollen, die kaum über die Runden kommen. Ganz nach dem Motto: Ich brauche euch nichts abzugeben, denn so geil ist Reich sein gar nicht. Aber das ist Bullshit. Geld bedeutet Sicherheit und die Möglichkeit sich von jenen Freizumachen, die einem in die eigene Lebensplanung reinreden wollen. Diese Freiheit dann mit Yachten, Golf-Clubs und öder Gesellschaft zu vergeuden ist eine freie Entscheidung, keine Gesetzmäßigkeit.”

“Sie haben nun ebenfalls Geld, Herr Richter”, sagte Jansen und streichelte demonstrativ die Waffe auf seinem Schreibtisch, ohne sie jedoch in die Hand zu nehmen, “fühlen Sie sich frei? Oder sicher?”

Richter wurde mit einem Mal bewusst, dass er sich ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt hatte. Immerhin war er im Machtzentrum eines mächtigen, bewaffneten Mannes, der noch dazu seine Familie in seiner Gewalt hatte. Leider konnte er sich nicht so gut beherrschen, wie es der Situation angemessen wäre. Er mochte solche Typen nicht sonderlich. Auch wenn er natürlich ihr Geld mochte. Erst recht, seitdem er und Lynn bis zum Hals in Schulden steckten. Er entschied sich, lieber zu dieser Frage zu schweigen.

“Ich nehme das als ein Nein”, sagte Jansen, “aber keine Angst, Herr Richter. Sie haben nichts zu befürchten. Im Gegenteil, Ihnen und Ihrer Familie steht eine recht angenehme Zukunft bevor, wenn wir das hier geregelt haben. Meine Zukunft sieht hingegen weniger rosig aus. Genauso wenig wie meine Vergangenheit in den letzten acht Jahren. Es ist nicht das Geld, Herr Richter. In diesem Punkt haben Sie recht. Materielle Sicherheit ist nicht zu verachten, genauso wenig wie ein bisschen Luxus. Aber was bringt all das, wenn das erlesenste Essen nichts weiter bewirkt, als den Körper am Leben zu erhalten? Wenn die angenehmste … Gesellschaft nicht den geringsten Funken Leidenschaft in einem auslöst und man nicht mehr wirklich in der Lage ist, das Spiel der Geschlechter mitzuspielen? Wenn die kreativste Architektur und die malerischsten Landschaften einem nicht mal mehr ein müdes Lächeln entlocken? Und nein, Dr. Richter, es ist keine von Dekadenz ausgelöste, philosophische Sinnkrise, die mich plagt. Ob die Welt einem hochheiligen Zweck folgt oder ein durch kosmische Zufälle entstandener Abenteuerspielspatz inmitten gleichgültiger Sterne ist, ist mir vollkommen egal. Nein, Herr Richter, mein Problem liegt tiefer.”

Jansen ließ ein lautes Seufzen hören und nahm einen weiteren Schluck von seinem Whiskey. Diesmal schluckte er ihn, statt ihn auszuspucken, auch wenn er sein Gesicht dabei zu einer Grimasse verzog.

“Sie wollen meine Forschungsergebnisse nicht für Ihr Unternehmen”, schloss Richter, “Sie wollen Sie für sich selbst.”

Jansen nickte, “Genauso ist es. Es scheint mir, Ihre Intelligenz beschränkt sich nicht allein auf Ihr Labor.”

“Warum all dieser Aufwand?”, fragte Richter, “Es gibt gute Therapien, wirksame Medikamente. Selbst für schwere Fälle. Erst recht für jemanden mit ihren Mitteln, dafür brauchen sie doch nicht …”

“Halten Sie mich für dumm, Herr Richter?”, fragte Jansen mit einer schneidenden, bedrohlichen Kälte in der Stimme, “glauben Sie, ich wüsste nicht, wie man das Internet benutzt? Ich habe alles ausprobiert. Endlose Gesprächstherapien mit den besten Therapeuten der Welt, die ganze Palette an Psychopharmaka inklusiver aller beschissenen Nebenwirkungen, Elektrokrampftherapie, Ayahuasca, LSD, autogenes Training, Meditation, Yoga, Sport, selbst Globuli. Doch ich fühle noch immer absolut gar nichts. Seit acht Jahren bin ich ein Stein, ein Zombie, eine atmende Statue.”

“Dafür haben Sie aber ein beachtliches Imperium hochgezogen”, sagte Richter, der wenig Mitleid mit Jansen empfand. Das lag nicht an seiner Krankheit. Aufgrund seines Forschungsgebiets wusste er genug über Depressionen, um zu wissen, wie beschissen so etwas war. Aber er erkannte einen schlechten Menschen, wenn er ihn sah und Jansen war einer.

“Oh, den Grundstein für meinen Erfolg hatte ich schon weit früher gelegt. Seitdem arbeitet schon allein mein Geld ganz gut für mich. Aber Arbeit war nie mein Problem gewesen. Eigentlich funktioniere ich recht gut. Man nennt das ‘hochfunktionale Depression’, wie sie sicher wissen”, erklärte Jansen, “aber ich habe es inzwischen satt. Ich habe keine Lust mehr den Schein zu wahren und Imperien zu errichten, von denen am Ende nur irgendwelche raffgierigen Aktionäre profitieren. Denken sie, ich weiß nicht, wie verwahrlost ich aussehe? Die Sache ist nur: Es ist mir Scheißegal. Ich habe aufgegeben. Beinah zumindest. Das, worüber wir uns heute austauschen ist mein letzter Versuch, etwas zu ändern.”

“Leider werden Ihnen die Ergebnisse meiner Arbeit auch nicht viel nützen”, wandte Richter ein, “es stimmt, wir haben viel darüber gelernt, welche Prozesse bei dieser Krankheit ablaufen und Wie Neuronen, Synapsen und Hormone darauf reagieren. Aber ich bin noch weit davon entfernt, ein wirklich zuverlässiges Heilmittel entwickeln zu können. Das könnte noch Jahre dauern, womöglich auch Jahrzehnte.”

Erneut lachte Jansen sein freudloses Lachen, “Das weiß ich doch, Herr Dr. Richter. Ich will auch gar kein Heilmittel?”

“Was wollen Sie dann?”, fragte Richter verwirrt.

“Können Sie sich vorstellen, wie das ist, wenn um sie herum alle viel glücklicher sind, als sie selbst? Die Aktionäre, das Management. Aber nicht nur die. Sogar meine Putzfrau, meine Sachbearbeiter, meine Hausmeister, meine Sekretärinnen, all dieses niedere Leben. Egal wie mies ich sie behandle, egal wie schlecht ich sie bezahle oder wie viele Überstunden ich sie machen lasse, die meisten von ihnen empfinden dennoch mehr Freude am Leben, als ich. Sie haben jemanden, der sie liebt, Freunde, ein Hobby, das sie erfüllt, Erinnerungen, die etwas in ihnen auslösen. Oh, ich habe natürlich mein Bestes versucht, einige von ihnen in den Burnout zu treiben, sie genauso leer zu machen wie mich und manchmal hat es auch funktioniert. Doch selbst dann haben sie alle wieder zurück ins Leben gefunden. Haben gekündigt, Therapien gemacht und waren am Ende wieder mehr oder weniger die Alten, während sich bei mir überhaupt nichts getan hat. Wer weiß, vielleicht bin ich auch gar nicht depressiv. Vielleicht bin ich ein Dämon, der seine menschlichen Gefühle abgelegt hat. Aber das spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass ich es nicht länger dulde der einzige hoffnungslose Fall auf dieser Hölle von einem Planeten zu sein. Ich will nicht still leiden, wie all die anderen Erkrankten, die sich nach der Hilfe ihrer Mitmenschen sehnen und an ihren sogenannten ethischen Prinzipien festhalten. Nein, Herr Doktor, ich will kein Heilmittel. Ich will, dass Sie mir eine Bombe bauen. Eine Atombombe für die Hirnchemie. Eine lautlose Massenvernichtungswaffe, die die Lebensfreude des gesamten Planeten tötet. Ich will ein Prodepressivum im großen Stil. Wirksam, zuverlässig und am besten irreversibel. Ich will, dass die gesamte, verdammte Welt das gleiche fühlt wie ich. Nämlich gar nichts. Das würde mich nicht heilen. Aber vielleicht würde es mir etwas Trost schenken”, sagte Jansen.

“Das ist vollkommen krank”, protestierte Richter fassungslos.

“Das ist mir genauso bewusst wie egal”, erwiderte Jansen, “viel wichtiger ist für mich die Frage, ob es möglich ist.”

“Das ist es nicht”, beharrte Richter entschieden, “und selbst wenn es das wäre, würde ich Ihnen bei diesem Wahnsinn nicht helfen.”

“Sind sie sich da so sicher?”, fragte Richter mit hochgezogener Augenbrauen, “Sie befinden sich in meiner Gewalt, genauso wie die Forschungsdaten, die Sie freundlicherweise in dem verschlossenen Kästchen unter Ihrem Bett für uns hinterlegt hatten. Ich denke, meine eigenen Wissenschaftler werden diese Erkenntnisse auch sehr aufschlussreich finden. Aber dann würde es sicher länger dauern und weder Ihnen, noch Ihrer Familie würde das gut bekommen.”

“Sie drohen mir mit dem Tod meiner Familie?”, fragte Richter vor Wut zitternd.

“Ich drohe Ihnen mit Ihrem eigenen Tod. Ihre Familie hingegen würde ich wahrscheinlich freilassen. So könnte sie angemessen Trauern und noch ein paar Tränen vergießen, bevor sie dasselbe Schicksal ereilen würde, wie alle anderen. Aber soweit muss es nicht kommen. Wenn sie mir helfen, würden ich Lynn und Lisa verschonen, genau wie auch sie. Sie drei wären dann die Könige in einer Welt der Bettler, die Glückseligen in einem Meer des Unglücks. Klingt das nicht verlockend? Geradezu poetisch sogar? Dasselbe Angebot mache ich sonst nur meinen loyalsten Mitarbeitern und Wissenschaftlern”, sagte Jansen.

“Wer würde in solch einer Welt überhaupt noch leben wollen?”, fragte Richter noch immer vollkommen erschüttert, auch wenn es hinter seiner Stirn bereits zu arbeiten begann. Er wollte Lynn und Linda nicht einem solchen Schicksal ausliefern. Und tatsächlich hatte ihn Jansen ohnehin in der Hand. Aber könnte er so etwas abgrundtief Böses wirklich fertibringen? Sich Tag für Tag in ein Labor begeben und konzentriert arbeiten, genau wissend, woran er da forschte?

“Finden wir es doch einfach heraus”, schlug Jansen vor, “Sehen Sie es als wissenschaftliches Experiment. Als eine globale Sozialstudie. Wie wird sich eine Welt verändern, in der die Spaßgesellschaft wortwörtlich nicht mehr existiert? Wie lange werden soziale Bande bestehen bleiben? Wann wird die Wirtschaft kollabieren? Wann wird es die ersten Selbstmorde geben? Vielleicht wird es für uns beide und ihre Familie ja doch interessanter, als Sie denken. Erst recht mit all dem schönen Geld, mit all der schönen Sicherheit und Freiheit, die Sie dann besitzen. Und wenn nicht: Diese Waffe hier trage ich nicht ohne Grund immer bei mir. Sie dient nicht meiner Verteidigung. Im Gegenteil: Sie enthält genau eine Kugel. Aber ich kann Ihnen gerne auch eine besorgen, wenn Sie möchten.”

“Sie sind ein Monster”, sagte Richter zitternd. Die Gewissenskonflikte begannen ihn zu zerreißen. Sein Kopf fühlte sich wie aus Watte an. In seinem Bauch rumorte es und allein der Anblick dieses verwahrlosten Irren bereitete ihm Übelkeit.

Jansen winkte gelangweilt ab, “ja, ja. Ich bin ein Monster, ein Dämon und eine grauenhafte Person. Das weiß ich alles. Aber ich will keine Beleidigungen von Ihnen. Sie können mich gar nicht mehr verachten, als ich mich selbst verachte. Nein, was ich will, ist eine Entscheidung. IHRE Entscheidung Herr Doktor Richter”, sagte Jansen, “Sie sind mir gegenüber in einer privilegierten Position und können sich deshalb eine so einfache wie wichtige Frage stellen:

Was sagt Ihnen Ihr Gefühl?”

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.