Artgerecht

“Warum muss ich ausgerechnet mit dir hier gefangen sein?” Melanie rollte mit den Augen und fuhr sich mit der Hand durch die ungekämmten, langen schwarzen Haare, während ihr Blick Gift sprühte und sie mit überschlagenen Beinen auf dem harten, unbequemen Bürostuhl gegenüber von Roland saß, “von allen Strafen des Universums ist das die Schlimmste.”

“Jetzt übertreib mal nicht”, sagte Roland und zog an seiner E-Zigarette. Das Ding war eine unförmige, hässliche Katastrophe, funktionierte nicht richtig, hatte einen widerlichen Geschmack, scharfe Kanten am Mundstück und wurde manchmal zu heiß, aber da sie immerhin Nikotin in einer zwar unglaublich starken, aber offenbar zumindest nicht tödlichen Dosis enthielt, rauchte er sie trotzdem, “es gibt sicher viel unangenehmere Gesellschaft als mich.”

Das stimmte. Er war bereits einundvierzig und damit etwa zehn Jahre älter als Melanie, aber abgesehen von ein paar Augenringen und Sorgenfalten und einer etwas lichten Haarpracht sah er recht passabel aus. Außerdem hatte er einen ganz ordentlichen Charakter. Zumindest hatten ihm das seine Freunde immer wieder bescheinigt.

“Sicher”, gestand Melanie ein, “Mörder, Vergewaltiger, Kinderschänder. Falls du dich mit denen vergleichen willst, kommst du ganz gut weg.”

“Mein Gott!”, sagte Roland und schlug die Hände vors Gesicht, “ich habe begriffen, dass ich damals zu weit gegangen bin, OK? Ich hätte dich nicht weiter bedrängen sollen, als du meine Avancen abgelehnt hast und ich habe mich schon tausend Mal dafür entschuldigt.”

“Avancen?”, fragte Melanie mit skeptisch hochgezogener Augenbraue, “Das klingt, als wärst du ein Rosenkavalier in einem französischen Liebesfilm gewesen. Doch soweit ich mich erinnere, warst du nicht so romantisch unterwegs. ‘Deine Titten sehen echt geil aus in dem Licht, Mel. Hast du nicht Lust zu mir nach Hause zu kommen?’, würde ich jedenfalls nicht als ‘Avance’ bezeichnen.”

“Ich war betrunken”, wandte Roland ein und tippte auf seiner mit sinnlosen Zeichen belegten Tastatur herum, woraufhin auf seinem Bildschirm nicht weniger sinnbefreite Rechtecke und Symbole in schrillen Farben und verschiedener Größe erschienen. Leider war ihre Anordnung in keinster Weise abhängig von dem, was er auf der Tastatur eingab, ansonsten hätte er es wenigstens noch als eine Art Spiel begreifen können, “und ja, es war ein miserabler Machospruch. Was soll ich denn noch tun? Soll ich vor dir im Staub kriechen?”

“Das hast du bereits”, sagte Melanie trocken, “und genau das ist ja das Problem. Ich habe noch nie einen Mann erlebt, der sich selbst so erniedrigt und einem dabei gleichzeitig so viel Angst gemacht hat wie du.”

“Hör zu”, sagte Roland, während er einen weiteren unappetitlichen Zug nahm, “ich war damals ich dich verknallt und zudem in einer recht schwierigen Phase. Ich war einsam, du warst eine gute Kollegin und ich habe ziemlich miesen Scheiß abgezogen. Können wir das nicht wenigstens für den Moment vergessen. Immerhin haben wir hier ganz andere Probleme.”

Melanie sah Roland einige Sekunden intensiv an. Dann wurde ihr Blick etwas weicher. “OK”, sagte sie, “im Grunde hast du ja recht. Es ist nur, dass ich viel lieber mit Jim hier gewesen wäre oder mit meiner besten Freundin Sally. Ich vermisse die beiden eben und wenn man von allen Menschen auf der Welt ausgerechnet mit jemandem in eine Zelle gesteckt wird, mit dem man eine unschöne Vergangenheit hat, hebt nicht gerade die Laune.”

“Ich vermisse meine Leute auch”, sagte Roland, “Wie lange ist es jetzt her, dass sie uns getrennt haben?”

Melanie überlegte kurz und warf dabei einen Blick an die Wand, an der Gemälde hingen, die Dali beschämt hätten, auch wenn sie den Verdacht hatte, dass es eigentlich stinknormale Landschaftsbilder sein sollten. Bäume, deren Stämme wie schmelzendes Eis zerflossen, Hirsche, die so unförmig waren, dass sie direkt aus einem Horrorfilm hätten stammen können, längliche, schiefe Häuser, die aussahen, als wären sie einer Lovecraft-Kurzgeschichte entsprungen, Blumen, mit quadratischen, zu kleinen oder zu großen Blüten und eine Sonne, die mal pink und mal gelb, dann aber so groß wie ein roter Riese über der Szenerie thronte. Ein Bild, welches wahrscheinlich Albert Einstein zeigen sollte, wirkte eher wie eine Mischung aus Chewbacca, Cousin ‘IT’ aus der Addams Family und einem von Inzest schwer geschädigten Hill-Billy mit Knochendeformation, “vielleicht eine Woche. Diese Uhr da oben ist ja leider auch keine Hilfe und einen Tag und Nacht-Rhythmus gibt es hier drin ja auch nicht. Ist also schwer zu sagen.”

Tatsächlich war die Uhr nicht nur mit einem Ziffernblatt aus Buchstaben, römischen Zeichen, Sonderzeichen, kyrillischen Zeichen und völlig unbestimmbaren Runen bestückt, sondern besaß auch vier Zeiger, die mal rückwärts und mal vorwärts wild durch die Zeit sprangen oder sich sogar wie Propeller drehten.

“Mir fällt es auch nicht leichter das einzuschätzen”, sagte Roland, “was wohl mit ihnen passiert ist?”

“Wahrscheinlich werden sie ebenso gefangengehalten wie wir”, vermutete Melanie, auch wenn in ihrer Stimme weniger Selbstsicherheit lag, als gewohnt.

“Ich hoffe es”, sagte Roland.

“Was soll denn sonst mit ihnen passiert sein?”, fragte Melanie.

“Nun, zum Beispiel könnten sie sie einfach umgebracht, zu Futter verarbeitet oder anderweitig aussortiert und entsorgt haben”, schlug Roland vor.

“Du siehst zu viele Science-Fiction-Filme”, wandte Melanie ein.

“Wir SIND in einem verdammten Science-Fiction-Film”, schoss Roland zurück, “oder gibt es eine bessere Beschreibung dafür, wenn plötzlich gewaltige Schiffe am Himmel auftauchen und LKW-große, fliegende Sammlerdrohnen ausspucken, die einfach in unser Firmengebäude brettern, uns wie Vieh in ihr Inneres stopfen, nur um uns irgendwo am Ende des Universums in die mieseste Nachbildung eines Büros zu sperren, die ich je gesehen habe.”

“Mag sein”, gab Melanie zu, “das war alles wirklich abgefuckt. Aber das heißt noch lange nicht, dass die Wesen, die das getan haben, Menschenfresser sind. Vielleicht sind es nur Forscher, die unser Verhalten studieren wollen. Noch sehe ich keinen Grund gleich das Schlimmste anzunehmen.”

“Kann es sein, dass du es einfach nur nicht wahrhaben willst?”, fragte Roland.

“Kann es sein, dass du einfach ein pessimistisches Arschloch bist, das versucht, jeden, der mit dir zu tun hat mit in seinen depressiven Sumpf zu ziehen?”, antwortete Melanie, “kein Wunder, dass es keine Frau mit dir aushält!”

“Sehr liebenswürdig”, sagte Roland, “Du solltest dir lieber gut überlegen, ob …”

“Warte”, sagte Melanie, “hörst du das?”

Roland lauschte. Tatsächlich, da war ein Geräusch vor der Tür. Vor jener schrägen, halb im Boden verschwindenden Tür, die sie seit etwa einer Woche nicht aufbekommen hatten. Nicht einmal mit dem absurden, aber stabilen Hartgummilocher den scharfen Kugelschreibern aus geschliffenem Glas oder den Notizzetteln aus Stahl. Es war das erste Zeichen von Leben oder Aktivität, das sie seit ihrer Ankunft auf dem Schiff von jenseits des Raumes vernommen hatten. Zumindest, wenn man den schwer genießbaren Kaffee aus der Kaffeemaschine und das seltsame Essen, das von Zeit zu Zeit wie aus dem Nichts in der übergroßen Mikrowelle erschien, einmal ignorierte.

Das Essen war nicht giftig, wie die beiden nach viel Überwindung festgestellt hatten, aber es ignorierte sämtliche Regeln der Kochkunst und des menschlichen Geschmacks. Anders ließen sich Hering-Schokocreme-Torten oder Kapern-Lakritz-Gratins mit Kaugummischmelz nicht erklären. Manchmal mussten sie dennoch aufpassen, ob ihre Gefängniswärter nicht etwa Gips, Watte oder Erde in die Nahrungsmittel gemischt hatten, weil sie anscheinend nicht ahnten, dass dies keine Nahrungsmittel im engeren Sinne waren. Roland fragte sich ohnehin, ob es sich bei ihren Entführern um biologische Lebewesen oder um selbstständig agierende Roboter handelte. Selbst, als man sie von den anderen getrennt hatte, hatten Drohnen diese Aufgabe übernommen. Nun, dachte er, nun würden sie es erfahren.

“Halt dich bereit”, sagte Melanie, griff sich vorsichtig einen der Kugelschreiber und reichte auch Roland einen, den er widerwillig annahm und sich dabei natürlich gleich in die Finger schnitt.

Die unförmige Tür ging auf, wobei sie sich allerdings weder nach außen, noch nach innen öffnete, sondern einfach nach oben glitt. Der Weg in die Freiheit lag dennoch nicht vor ihnen. Stattdessen erblickten sie eine transparente Wand aus Glas oder Plastik und dahinter ein Wesen, das in etwa aussah, als hätte man fünf Schlangen zu einem Körper verschmolzen und ihre Schwänze dabei als sternförmig angeordnete “Füße” drapiert. Der Kopf der Kreatur hingegen war ein aufgeblähter, von dicken, roten Adern durchzogener, Gallertartiger Ballon in den irgendein Scherzkeks achteckige, blau schillernde Augen gesteckt hatte. Der Mund des Geschöpfes bestand aus vier dreieckigen Hauptlappen, die gerade halb nach außen geklappt waren, sodass man eine ganze Reihe zwar winziger aber scharfer Zähne in Ober und Unterkiefer erahnen konnte. Ohren oder eine Nase besaß die Kreatur nicht. Dafür zwei sehr dünne Arme mit einer Menge Gelenken. Melanie erinnerten sie an acht kurze Stöcke, die jemand mit Draht aneinander befestigt und als krönenden Abschluss eine saugnapfartige Auswölbung angebracht hat, die wohl so etwas Ähnliches eine Hand darstellen sollte. Roland erinnerten sie nur daran, dass sein Leben eine beschissene Richtung eingeschlagen hatte. Das Wesen trug einen cremefarbenen Umhang, weswegen ihnen der Anblick seines Oberkörpers wenigstens erspart blieb.

“Widerlich!”, sagte Melanie voller Abscheu.

“Was hast du erwartet?”, sagte Roland schulterzuckend, “etwa flauschige Teddybären?”. Trotz seiner markigen Art hatte er eine Mordsangst. Hätte er sich nicht in Galgenhumor geflüchtet, hätte er wohl weinend und in Embryonalstellung auf dem Boden liegen müssen.

Das Wesen blickte sie aufmerksam aus seinen seltsamen Augen an, so als versuche es einzuschätzen, ob die beiden Menschen eine Gefahr für es darstellten. Dabei drückte es seine Saugnapfhände immer wieder wie beiläufig gegen das Glas und hinterließ schmierige Flecken darauf. Gelegentlich legte es den Kopf schief wie ein Vogel oder ein Hund, aber die dünne Glasscheibe öffnete sich nicht.

“Was hat es vor?”, fragte Melanie, “warum kommt es nicht rein? Nicht, dass ich sonderlich scharf darauf wäre, ganz im Gegenteil, aber diese Spannershow ist auch nicht viel besser.”

“Ich denke, es hält uns für aggressiv”, sagte Roland, ging ein paar Schritte zurück und ließ den scharfen Glaskugelschreiber aus seiner Hand auf den Schreibtisch gleiten.

“Bist du verrückt?”, fragte Melanie, “wenn das Ding doch reinkommt und wir unbewaffnet sind, sind wir geliefert.”

“Das sind wir wahrscheinlich sowieso”, sagte Roland, “aber falls es doch nicht kommt, um uns zu schaden, will ich ein paar Antworten. Und die bekommen wir nicht, wenn wir uns gebärden wie die Höhlenmenschen. Leg das Ding aus der Hand, Melanie.”

Melanie wechselte einen zweifelnden Blick mit Roland, dann legte sie ihre „Waffe“ ebenfalls auf den Tisch.

Als das Wesen das bemerkte, glitt die Tür auf und es trat herein. Die Herzen der beiden schlugen ihnen bis zum Hals und Schweiß trat aus ihren Poren.

Unerwartet flink “rutschte” das Wesen über den Boden und bewegte sich auf Melanie und Roland zu, wobei es sie aufmerksam aus seinen fremdartigen Augen beobachtete und rasselnde, quietschende Geräusche von sich gab.

“Wer bist du?”, fragte Melanie zitternd, “verstehst du unsere Sprache?”

Als sie sprach, wandte das Geschöpf ihr den Kopf zu, antwortete ihr jedoch nicht.

“Hey”, wiederholte sie nun deutlich energischer, “Wo hast du unsere Freunde hingebracht? Wo sind wir hier überhaupt? Was soll der ganze Mist hier? Lass uns sofort hier raus!”

Noch immer gab das Geschöpf keine Antwort.

“Offenbar versteht er dich nicht”, sagte Roland und Melanie warf ihm einen wütenden Blick zu. “Das habe ich auch bemerkt”, antwortete sie, “falls er nicht lediglich so tut.”

Plötzlich bewegte sich die Kreatur zielstrebig auf Roland zu und packte mit zwei ihrer Saugnäpfe dessen Arm. “Hey, was soll das!”, schrie er protestierend und versuchte sich loszureißen, aber als er diesen Versuch wagte, hatte er das Gefühl, sich damit die Haut abzureißen, also ließ er es sein.

Das Wesen hob einen weiteren seiner Arme und aus dem Augenwinkel sah Roland, wie Melanie die Hand nach dem Kugelschreiber ausstreckte. Er schüttelte warnend den Kopf, in der Hoffnung sie davon abzuhalten.

Sie ließ sich jedoch nicht davon beirren, griff sich vorsichtig das Schreibgerät und nährte sich auf Zehenspitzen der Kreatur. Gleichzeitig legte sich der dritte Saugnapf direkt auf die Schnittwunde an Rolands Hand. Roland schrie auf und einen Augenblick später schrie auch das Wesen, als Melanie den Stift in seinem Fleisch versenkte und ihr grünes, stinkendes Blut entgegenquoll. Sofort holte sie erneut aus und stach ein weiteres Mal zu. “Stirb du Bastard!”, rief sie triumphal und hätte ganz sicher auch ein drittes Mal zugestochen, wenn sich nicht in diesem Moment bislang unsichtbare Luken in der Wand des bizarren Büros geöffnet hätten und kleine, gläserne Pfeile in die Hälse der beiden Menschen eingeschlagen wären. Innerhalb eines Herzschlags brachen sie bewusstlos auf dem Boden zusammen.

~o~

“Auch schon wach?”, fragte Melanie, deren Schädel noch immer brummte, als sie sah, wie langsam Leben in ihren bislang schlapp auf seinem Bürostuhl hängenden Mitgefangenen kam.

“Wach wäre übertrieben”, antwortete Roland benommen. Er blickte auf seinen Arm, an dem sich noch immer schwache Abdrücke von der Saugnapfhand des Wesens befanden. Derselbe Abdruck befand sich auch an seiner Handfläche, dort, wo er sich an dem Kugelschreiber geschnitten hatte. Der Schnitt hingegen war restlos verschwunden.

“Es wollte mich heilen”, sagte Roland benommen.

“Ist mir auch schon aufgefallen”, stimmte Melanie zu, “tut es noch weh?”

Roland schüttelte den Kopf. “Mit meiner Hand ist alles gut”, sagte er, “Aber mir ist speiübel.”

“Mir ebenfalls”, sagte Melanie, “Die haben uns mit einem wirklich üblen Scheißzeug ausgeknockt. Die schienen sich wohl nicht ganz sicher zu sein, ob sie uns vergiften oder nur betäuben wollten. Aber es wird besser.”

“Das höre ich doch gerne. Aber eigentlich wär‘ diese Fahrt im Chemie-Express gar nicht nötig gewesen, wenn du nicht wie eine Irre auf das Ding eingestochen hättest”, bemerkte Roland, während er sich den von Schwindel geplagten Kopf hielt, so als müsste er ihn daran hindern von seinem Körper zu rutschen.

“Wie eine Irre? Ich glaub es hackt!”, antwortete Melanie scharf, “Tschuldigung, dass ich versucht habe, dich zu beschützen.”

“War ja lieb gemeint”, sagte Roland, “aber doch sehr kurzsichtig. Wir können wahrscheinlich froh sein, dass sie uns deswegen nicht abgemurkst haben. Falls sie das nicht noch nachholen. Immerhin ist dieses Ding ja sicher nicht das einzige seiner Art auf dem Schiff oder was immer das hier ist.”

“Ach fick dich doch, du Bastard!”, donnerte Melanie wütend, “tut mir leid, dass ich als Normalsterbliche nicht an deiner legendären männlichen Weitsicht teilhaben kann. Das nächste Mal, wenn das Ding dir auf die Pelle rückt, genieße ich einfach die Show, statt mir einen Stift zu greifen!”

“Die Stifte hat man uns ohnehin weggenommen”, sagte Roland, nachdem er einen neuerlichen Blick auf ihre Gefängniszelle geworfen hatte, “genau wie alles andere, was als Waffe taugt. Also wirst du gar nicht erst in Versuchung kommen.”

Melanie antwortete nicht, sondern starrte lediglich wütend an die Wand.

“Jetzt sei nicht eingeschnappt”, sagte Roland, aber er bekam keine Antwort. Lediglich einen Mittelfinger, den sie ihm entgegenstreckte, ohne ihn anzusehen. Da erkannte Roland, dass sie gerade wirklich nicht mehr in der Stimmung für Gespräche war. Und während die Minuten in Stille verstrichen und Roland praktisch dazu gezwungen war nachzudenken, konnte er sie immer besser verstehen. Seine Vorwürfe waren ein lupenreiner Arschloch-Move gewesen, so berechtigt sie im Nachhinein auch sein mochten.

Wenn er ehrlich zu sich war, hatte er selbst auch nicht deswegen darauf verzichtet das ekelhafte Geschöpf anzugreifen, weil er so weitsichtig und rational gewesen war, sondern einfach deshalb, weil er zu viel Angst gehabt hatte. Entsprechend bastelte er in seinem Kopf an einer Entschuldigung, die Melanie irgendwie akzeptieren könnte, die ihn selbst aber auch nicht wie den letzten Idioten aussehen lassen würde. Noch bevor ihm jedoch etwas Passendes einfiel, nahm er etwas wahr, was ihm zuvor noch nicht aufgefallen war.

“Riechst du das?”, fragte er.

“Was?”, knurrte Melanie, “deine stinkende Arroganz vielleicht?”

“Im Ernst”, sagte Roland, “es riecht nach … Himbeeren.”

Melanie blähte schnüffelnd ihre Nasenflügel. “ich rieche auch etwas, aber keine Himbeeren”, sagte sie nun nicht mehr wütend, sondern nachdenklich, “Es riecht für mich eher nach Vanille.”

“Wo kommt das her?”, fragte Roland.

“Keine Ahnung”, sagte Melanie während sie aufstand und damit begann, systematisch die Wände abzusuchen. Kurz darauf schloss Roland sich ihr an. Sie untersuchten auch die Schreibtische, die Tür und die Kaffeeküche, doch kamen zu keinem Ergebnis.

“Es scheint von überall herzukommen”, schloss Melanie.

“Meinst du, es ist giftig?”, fragte Roland nervös.

“Ich weiß nicht“, gab Melanie zurück, „ich denke, wenn sie uns töten wollten, hätten sie es auch tun können, während wir bewusstlos waren. Vielleicht wollten sie uns nur einen Raumduft spendieren. Es gibt schlimmere Düfte, als Vanille.”

“Himbeeren”, beharrte Roland kichernd und nach kurzem Zögern stimmte Melanie in sein Gelächter ein.

“Warum riecht es eigentlich für uns beide so unterschiedlich?”, überlegte Melanie, während sie mit ihrem Bürostuhl wieder etwas näher an Roland heranfuhr. Nachdenklich strich sie eine Haarsträhne zurück. Roland fiel nun wieder auf, wie schön sie eigentlich war.

“Keine Ahnung”, sagte Roland, “aber der Geruch macht mich hungrig. Sollen wir nicht mal schauen, was die Küche so bereithält?”

Melanie nickte. Also gingen sie beide in die kleine Kaffeeküche und dann zielstrebig auf die Mikrowelle zu. “Welche Zeit und Watt-Zahl soll ich einstellen?”, fragte Melanie.

“834 Grad und FG Minuten. Diese Einstellung hatten wir glaube ich noch nicht”, schlug Melanie vor, drückte auf den eiförmigen Schalter und lauschte dem schrillen Piepen, welches das Gerät stets bei der Zubereitung von sich gab, während die unsinnige Zeitanzeige von FG auf XC, dann auf 7J und auf 0O wechselte. In der Regel dauerte der Vorgang nur ein oder zwei Minuten, zumindest wenn man seiner inneren Uhr trauen konnte.

“Mal sehen, was sie uns diesmal zaubern”, sagte Melanie seufzend.

“Ich hoffe ja auf Vanilleeis mit Himbeersoße”, bemerkte Roland trocken.

“Eher fahren die uns noch nach Hause und geben uns Schmerzensgeld für die entstandenen Unannehmlichkeiten”, antwortete Melanie skeptisch.

“Wahrscheinlich hast du recht”, sagte Roland niedergeschlagen, “meinst du, die Erde existiert überhaupt noch?”

Melanie überlegte kurz und kaute dabei auf ihrer Unterlippe, “der Planet sicher noch. Ich hatte nicht den Eindruck, dass ihnen etwas daran lag, ihn zu zerstören. Aber was die Menschen angeht, bin ich skeptischer. Selbst wenn sie die anderen nicht mitgenommen oder getötet haben, waren wir ja schon vor ihrer Ankunft von Katastrophen umzingelt.”

“Das alles wirkt so verdammt unwirklich”, stellte Roland fest.

“Es riecht auch so”, sagte Melanie und verzog angewidert die Mundwinkel, als sich die Türe der Mikrowelle von selbst öffnete und neben zwei dick belegten Sandwiches auch einen herb-süßen Geruch offenbarte.

“So viel zum Thema Vanilleeis”, sagte Roland.

Mit spitzen Fingern nahm eines der heißen Sandwiches heraus, roch daran und klappte es schließlich auf, “Sieht nach Hühnerherzen und Heimchen mit Senf und Brombeermarmelade aus.”

“Ich frag mich, ob ich das mit dem Kotzen gleich erledige, oder bis nach dem Essen warte”, bemerkte Roland.

“Wahrscheinlich macht das keinen Unterschied”, sagte Melanie schulterzuckend, “aber es hätte schlimmer sein können. Immerhin ist es essbar. Vielleicht sollten wir es mit einem Kaffee herunterspülen.”

“Gute Idee”, pflichtete ihr Roland bei und suchte zwei viel zu schwere und etwas unförmige, aber immerhin nicht scharfkantige Tassen aus dem Schrank heraus, die er unter die Maschine stellte.

Einige Minuten später saßen sie einander auf ihren Bürostühlen gegenüber, schlürften dünnen, wässrigen Kaffee, in dem schwarze Brocken schwammen, von denen sie einfach hofften, dass auch sie aus Kaffee bestanden und bissen tapfer in ihre Sandwiches, während die zufällig erscheinenden Bilder auf ihren Monitoren ihre Gesichter erhellten und die angenehmen, aber seltsamen Raumdüfte noch stärker als zuvor in ihre Nasen drangen.

“Danke”, sagte Roland plötzlich, als er ein weiteres großes Stück seines Snacks herunter gekämpft hatte.

“Wofür?”, fragte Melanie verdutzt und hielt ihr halb hinuntergewürgtes Sandwich hoch, “dafür bin ich nicht verantwortlich.”

“Das meine ich auch nicht”, sagte Roland sanft, “ich danke dir dafür, dass du versucht hast, mich zu retten.

Melanie grinste breit und ihre Wangen leuchteten rot, so als würde sie sich über die Maßen geschmeichelt fühlen “Das ist doch … das ist doch selbstverständlich. Ich … wüsste nicht, was ich hier ohne dich tun sollte.”

“Ich auch nicht”, sagte Roland, während plötzlich Tränen in seine Augen traten, die er nicht mehr zurückhalten konnte, “und dabei habe ich es dir gedankt, indem ich dich kritisiert habe. Ich bin so ein Haufen Scheiße, Melanie. So ein erbärmliches Abziehbild von einem Mann.”

Die letzten Worte hatte er heftig schluchzend ausgesprochen.

“Hey, Hey”, sagte Melanie, rollte ein Stück näher heran und nahm ihn in den Arm, “jeder macht mal Fehler. Das ist eben auch eine verdammt beschissene Situation.”

Roland schlang auch seine Arme fester um Melanie. Ihre Gesichter berührten sich und seine Tränen benetzten ihre Haut.

“So beschissen ist sie gar nicht”, hauchte Roland in ihr Ohr, “immerhin sind wir zusammen.”

“Ja”, sagte Melanie schmachtend, “das ist alles, was ich mir wünsche.”

Sie löste sich etwas aus ihrer Umarmung, riss Rolands Hemd so schwungvoll auf, dass die Knöpfe in alle Richtungen davonsprangen und kratze mit ihren Nägeln leicht über seine Brust. Roland ließ das nicht auf sich sitzen, ließ ihrer Bluse die gleiche Behandlung angedeihen und packte ihre Brüste, als diese nur noch mit einem dünnen BH bedeckt vor ihm lagen, mit beiden Händen.

“Ich will dich”, raunte er voller Lust.

“Ich dich auch”, sagte Melanie schwer atmend, “aber sie werden uns zusehen.”

“Das ist mir egal”, erwiderte Roland, während er spürte, wie sein Glied gegen den Stoff seiner Hose drückte.

Kurz darauf war es auch Melanie egal.

~o~

Als Melanie erwachte, war das erste, was sie bemerkte, dass der Vanille-Duft nicht länger vorhanden war. Erst dann stellte sie fest, dass sie vollkommen nackt war und in den Armen eines nicht weniger nackten Roland lag, auf dessen noch schlafendem Gesicht ein seliges Grinsen ruhte. Ein schwacher Duft nach Schweiß und Sperma erfüllte den Raum. Melanie schrie und schlug Rolands Arme weg, die sich unwillkürlich wie eine Fessel aus Fleisch um sie gelegt hatten.

„Was ist denn los?“, fragte Roland verschlafen, wobei er die Augen geschlossen hielt, um das angenehme Gefühl, das in ihm wohnte, noch eine Weile festzuhalten.

„Was los ist?“, fragte Melanie, „das fragst du ernsthaft? Ich kann dir sagen, was los ist: Wir haben miteinander geschlafen!“

„Na und?“, sagte Roland gähnend, der mit dieser Erkenntnis absolut keine Probleme hatte.

„Na und?“, schrie Melanie fassungslos, „wie dumm und schwanzgesteuert kann man eigentlich sein? Denkst du ernsthaft, ich würde freiwillig mit dir in die Kiste steigen? Die haben irgendwas mit uns angestellt!“

„Wahrscheinlich dieser seltsame Duft …“, überlegte Roland laut, während er nach seinen Klamotten angelte. Dabei vermied er es bewusst Melanie anzusehen, da er keine Lust hatte sich die Laune noch zusätzlich durch ihr genervtes Gesicht verderben zu lassen, „er wird irgendwie auf unser Hormonsystem gewirkt haben. Aber das ist kein Grund in Panik zu geraten. Es ist wie nach ‘ner versoffenen Nacht, wo man eben Dinge getan hat, die man nüchtern vielleicht nicht getan hätte. Wir haben Spaß gehabt. Zum ersten Mal seit Tagen in diesem beschissenen Alien-Gefängnis. Mehr ist es nicht gewesen. Deswegen musst du dich mir gegenüber zu nichts verpflichtet fühlen.“

„Oh wie gütig du doch bist“, höhnte Melanie, „dir mag es vielleicht gefallen haben mal eben eine mit Drogen gefügig gemachte Frau zu vergewaltigen, du egoistische Matschbirne. Aber meine Gefühle scheinen dir ja völlig egal zu sein, genau wie die Frage, was das Zeug in der Luft uns vielleicht sonst noch angetan hat, und …. Oh mein Gott!“

„Was ist denn nun schon wieder“, sagte Roland genervt, während er sein T-Shirt überstreifte.

„SIEH, WAS DU ANGERICHTET HAST, DU IGNORANTES ARSCHLOCH!“, brüllte Melanie.

Da Roland etwas in ihrer Stimme hörte, das weit über gewöhnliche Empörung hinausging, sah er nun doch zu ihr herüber. Melanies Gesicht war wie erwartet zornverzerrt. Wie auch er hatte sie ihre Unterwäsche, ihre Hose und ihr T-Shirt bereits übergezogen, jedoch war letzteres halb hochgekrempelt und offenbarte einen deutlich geschwollenen Bauch.

„What the fuck!“, sagte Roland, „das … das ist doch unmöglich.“

„Nein, genau das passiert, wenn man ungeschützt miteinander fickt!“, sagte Melanie wütend, während sie entgeistert auf ihren Bauch starrte, „nur normalerweise nicht so schnell.“

„Wie zum Teufel geht das?“, fragte Roland völlig verwirrt.

„WOHER SOLL ICH DAS WISSEN?!“, schrie Melanie ihn an, „Ich habe mir das Ding hier nicht in den Bauch gespritzt.“

„Hey, komm mal runter“, sagte Roland verteidigend, „erstens stand ich genauso unter Drogen wie du und zweitens habe ich mit dem da nichts zu tun. Diese Viecher müssen mehr mit unseren Hormonen angestellt haben, als ich dachte.“

„Ich will mal sehen, wie du ‚runter kommen‘ würdest, wenn du plötzlich mit einem Schwangerschaftsbauch aufgewacht wärst. Ich muss dieses … dieses Ding in mir irgendwie loswerden“, sagte sie panisch, während Tränen der Wut und der Verzweiflung über ihr Gesicht liefen.

„Ist das nicht ein bisschen drastisch“, wandte Roland ein, „immerhin ist es ein Mensch und – so seltsam das auch ist – unser Kind. Du kannst doch nicht ernsthaft darüber nachdenken, es zu töten.“

„Was es ist, wissen wir nicht“, widersprach Melanie, „Gut möglich, dass die mir ihren eigenen Nachwuchs über den Nebel eingepflanzt haben, mit deiner freundlichen Unterstützung. Oder sie haben zumindest irgendeinen Hybriden erzeugt. Aber selbst, wenn nicht, geht es dich nicht mal einen feuchten Scheiß an, was ich mit meinem Bauch mache, Klar.“

„Schon gut“, sagte Roland, der noch immer Schwierigkeiten hatte mit dieser neuen Situation klarzukommen, „aber was willst du denn tun? Die werden dich das Kind ja wohl kaum abtreiben lassen.“

„Ich weiß es nicht, verflucht!“, sagte Melanie zerstreut, doch plötzlich wurde ihr Gesicht von solch einer Wut ergriffen, dass Roland aus Angst einige Schritte zurücktrat, „doch, Roland, genau das sollen sie tun. Ich will dieses Ding in meinem Bauch nicht austragen. Ganz egal, ob es ein Alienbastard ist oder deine Hackfresse trägt.“ Sie stürmte mit großen auf die Tür zu und schlug mit den Fäusten dagegen. „Macht es weg verdammt!“, schrie sie, „entfernt dieses Monster aus meinem Bauch!“

„Das ist albern“, kommentierte Roland, „selbst, wenn sie dich hören und verstehen sollten, werden sie dir nicht helfen. Was immer sie getan haben, haben sie mit Absicht getan. Hör auf mit dem Schwachsinn und setz dich endlich wieder hin.“

Das war ein Fehler. Melanie hörte damit auf, sich ihre Hände an der Tür wund zu schlagen, ging stattdessen auf Roland zu und schlug ihm die geballte Faust so fest ins Gesicht, dass sein Schädel brummte und sich einer seiner Schneidezähne verdächtig locker anfühlte.

„Wenn hier etwas albern ist, dann sind es sinnlose Ratschläge von einem widerlichen Kerl wie dir, dessen schlimmstes Erlebnis in diesem Trauerspiel die Erfüllung seiner perversen Fantasien war!“, polterte Melanie, die jedoch nun wieder etwas ruhiger klang. Anscheinend war es ihr gelungen einen Teil ihrer Aggressionen in diesen Schlag zu entladen. Roland hätte dennoch gern darauf verzichten können.

„Was soll die Scheiße!“, beschwerte er sich nuschelnd, während er sich den blutenden Mund hielt, „ich bin nicht dein Feind!“ Dabei war Roland zunächst viel zu überrumpelt, um überhaupt wütend zu sein.

„Du bist aber auch nicht mein Freund“, erwiderte Melanie kalt, setzte sich daraufhin auf den Boden, lehnte sich gegen die Wand und verfiel in brütende Verzweiflung.

„Dumme Schlampe“, zischte Roland, der nun doch den Stich des Zorns in seinem Bauch spürte. Jedoch sprach er so leise, dass Melanie, die sich am anderen Ende des Raums befand, ihn sicher nicht würde hören können. Er wollte nicht noch zur weiteren Eskalation beitragen, war diesen Fluch aber zumindest seinem eigenen Stolz schuldig. Roland musste sich dennoch eingestehen, dass ihr Vorwurf zutraf. Das Ganze hatte ihm – außer der Gefangenschaft selbst, dem lockeren Zahn und seinem geschwollenen Mund – bislang keine negativen Konsequenzen beschert. Insofern hatte er sich entschlossen das unfaire Verhalten von Melanie ein Stück weit zu tolerieren. Immerhin würde er noch eine Weile mit ihr hier feststecken, denn er sah nach wie vor keine Möglichkeit aus diesem Zerrbild eines Büros zu entkommen.

Da er jedoch keine Lust hatte mit Melanie zu reden und es zweifelhaft war, ob sie überhaupt dazu bereit wäre, versuchte er sich anderweitig abzulenken. Er setzte sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch mit dem flackernden Monitor, zog an der Karikatur einer E-Zigarette, die die Aliens anscheinend übersehen oder absichtlich zurückgelassen hatten und spürte den viel zu intensiven Geschmack des Liquids auf seiner Zunge. Sofort fing er heftig zu Husten an, zumal der Dampf in seinem wunden Mund heftig brannte. Melanie blickte dabei kurz auf und funkelte ihn schadenfroh an.

Womöglich hoffe sie, dass er ersticken würde, doch er tat ihr diesen Gefallen nicht. Als sein Hustenanfall endlich endete, beschloss er jedoch diese verfluchte Zigarette wegzulegen und sie nie wieder anzurühren. Stattdessen machte er sich zum ersten Mal ernsthaft Gedanken darüber, wie sie vielleicht aus diesem Gefängnis fliehen könnten.

Dass er erst jetzt über Fluchtpläne nachdachte, mag seltsam klingen und ihm selbst erschien es auch seltsam, aber offenbar hatten ihn all die ungewöhnlichen Ereignisse einfach zu sehr abgelenkt. Der Hauptgrund war aber wohl Melanies Anwesenheit. Es war paradox: Gerade machte ihn allein ihr Anblick wütend, aber gleichzeitig hätte er ihr gleich wieder die Kleider vom Leib reißen können. Es wäre einfach gewesen, das allein auf die Nachwirkungen des Gases zu schieben. Aber Roland war ehrlich genug zu sich selbst, um sich einzugestehen, dass er ein notgeiler, triebgesteuerter Bastard war, der sich vor allem durch seinen glücklicherweise meist vorhandenen Anstand davon abhielt zum lupenreinen Vergewaltiger zu werden.

Jedenfalls, was die Fluchtmöglichkeiten anging, so sah ihre Lage nicht gerade rosig aus. Es gab hier drin keine Fenster und die einzige Tür war nun mal äußerst stabil und Roland glaubte auch nicht, dass es hier drin irgendeinen verstecken Mechanismus gab, der die Tür öffnete. Immerhin war dies eine Art Gefängniszelle und die waren für gewöhnlich nicht von Innen zu öffnen.

Bevor er jedoch endgültig den Mut verlor, bemerkte Roland etwas Interessantes an der Decke des „Büros“ und zwar dort, wo das seltsame Gas in den Raum eingeströmt war. Während der Großteil der Decke ebenfalls massiv und wie aus einem Guss wirkte, gab es einen quadratischen Bereich, in welchen eine löchrige Metallplatte eingelassen worden war, die verdächtig nach dem Gitter eines Lüftungsschachtes aussah. Konnte es so einfach sein? Natürlich wusste er nicht, wohin dieser Schacht führte, falls es einer war, aber es wäre zumindest eine Chance.

„Hey, Melanie, ich habe vielleicht eine Ahnung wie wir hier rauskommen können“, sagte Roland aufgeregt.

Melanie öffnete kurz die Augen. „Da bin ich aber gespannt“, sagte sie genervt, jedoch mit einem schwachen hoffnungsvollen Unterton in der Stimme.

„Siehst du den Schacht dort oben?“, fragte Roland und zeigte zur Decke.

„Ich bin schwanger, nicht blind“, erwiderte sie, „natürlich sehe ich ihn!“. Seltsamerweise glaubte er nicht nur Sarkasmus, sondern auch Enttäuschung aus ihren Worten herauszuhören.

„Wenn wir einen der Tische dorthin verschieben, könnte es uns vielleicht gelingen den Deckel zu öffnen. Zumindest könnten wir es versuchen. Sie haben uns zwar die meisten der scharfen Gegenstände weggenommen, aber wir finden hier sicher noch etwas, was wir als Werkzeug verwenden könnten“, erklärte Roland ungerührt.

Nun fing Melanie schallend an zu lachen.

„Was ist so lustig?“, fragte Roland.

„Ich weiß nicht“, höhnte Melanie, „vielleicht dein Egoismus, vor allem aber deine Dummheit. Ich habe den Lüftungsschacht schon vor Tag bemerkt und mich gefragt, ob es Sinn machen würde ihn als Fluchtweg zu nutzen, doch das ist gleich aus mehreren Gründen dämlich. Zum einen werden die wohl kaum einen Knast oder eine Forschungsstation bauen, die man so einfach verlassen kann. Wahrscheinlich verläuft das Ding vertikal, ist vollkommen glatt und hat nicht die Spur von einer Leiter. Zum anderen würde es uns selbst dann nichts bringen, wenn sie so dumm wären uns damit eine Fluchtmöglichkeit zu schenken.“

„Natürlich würde uns das was bringen“, widersprach Roland, „wir wären dann frei!“

„Wir wären aus dieser Zelle raus, ja“, bestätigte Melanie, „aber wir wären noch immer auf ihrem Raumschiff, ihrer Forschungsstation, ihrem Heimatplaneten oder was auch immer. Sieht so dein genialer Plan aus? Willst du etwa einfach ins Vakuum oder in eine unbekannte Atmosphäre hinaus hüpfen und dann was? Nach Hause fliegen? Mit deinen unsichtbaren Flügeln und einem wirklich tiefen Atemzug?“

„Wir könnten das Schiff übernehmen“, schlug Roland vor, „oder zumindest einen Jäger oder so etwas, falls sie das haben.“

„Das Schiff übernehmen?!“, fragte Melanie ungläubig, „Ich hab ja schon viele Machos getroffen, aber du schießt echt den Vogel ab. Meinst du wirklich, du könntest unbewaffnet eine ganze Raumschiffbesatzung ausschalten und dann noch ein dir völlig unbekanntes Gefährt steuern? Das ist nämlich alles nicht so leicht, wie sich an eine Frau ranzumachen, die unter Drogen steht.“

„Wir müssen doch nicht alle von ihnen ausschalten“, beharrte Roland, die Spitze ignorierend „nur die Richtigen. Vielleicht finden wir auch irgendetwas, dass wir als Waffe benutzen können, wenn wir erst einmal hier raus sind. Außerdem wäre ich ja nicht allein.“

„Ich bin schwanger, du Denkversager!“, zischte Melanie und legte sich die Hände vors Gesicht, um zu betonen, wie unheimlich dämlich sie Rolands Aussage fand, „und zwar im achten oder neunten Monat, wenn ich mir das so ansehe. Ich passe dort oben niemals durch, selbst wenn ich ignorieren könnte, wie verdammt übel mir ist.“

Nun schoss die Schamesröte in Rolands Gesicht. Daran hatte er tatsächlich nicht gedacht. Nachdem er einige Zeit betreten geschwiegen hat, merkte er an: „Vielleicht könnten wir es versuchen, sobald du das Kind zur Welt …“

„Ich bringe diese Kreatur nicht zur Welt!“, kreischte Melanie entschlossen, „und jetzt halt dein verdammtes Maul, OK?“

Roland nickte. Dass sie hinsichtlich der Geburt keine große Wahl hatte, wusste sie wahrscheinlich selber. Aber ein wenig Realitätsverweigerung war manchmal gar nicht so verkehrt. Zumindest, wenn man in einer ausweglosen Situation war und andernfalls Gefahr lief völlig durchzudrehen. Er würde ihr ein wenig Zeit geben. Sobald die Geburt erst vorüber war, wäre sie sicher bereit mit ihm zu fliehen. Vielleicht würden ihre außerirdischen Entführer sie dann sogar aus freien Stücken gehen lassen. Immerhin hatten sie dieses Gas eingesetzt, damit er und Melanie ein Kind zeugten. Wenn sie Glück hatten, wollten sie lediglich ihr Genmaterial oder so etwas haben, würden vielleicht noch ihr Gedächtnis löschen und sie dann zurück zur Erde bringen. War das nicht bei diesen Alien-Entführungsgeschichten immer so?

Roland, der der Meinung war, dass es nie schaden konnte sich vorzubereiten, packte den Tisch mit dem unbrauchbaren Computer und versuchte ihn unter die Stelle mit dem Lüftungsdeckel zu ziehen. Leider war das längst nicht so einfach, wie er angenommen hatte. Der Tisch war ungewöhnlich schwer und als er versuchte den Computer von ihm zu entfernen, um sein Gewicht zu verringern, bemerkte er, dass dieser fest damit verbunden war. Doch auch wenn es ihn ziemlich anstrengte und Melanie nicht daran dachte, ihm zu helfen, kam er Zentimeter für Zentimeter voran und nach ungefähr einer Stunde – das sagte ihm zumindest sein Bauchgefühl, die seltsame Uhr war in dieser Hinsicht keine Hilfe – hatte er den Tisch so platziert, dass es ihm möglich sein würde den Schacht zu erreichen. Dann stieg er hinauf, streckte sich zur Decke und nahm das Gitter in Augenschein.

Es war ganz klassisch mit Schlitzschrauben befestigt. Das wunderte ihn ein wenig, jedoch gab es ja nicht unbedingt einen Grund, warum eine fremde Zivilisation zwingend irgendwelche abgespacten Mechanismen verwenden musste, wenn ein einfaches Prinzip auch funktionierte. Vielleicht wollten sie aber auch einfach nur nicht ihre hübsche Büroidylle mit ihrer Architektur verschandeln.

Leider hatte Roland kein geeignetes Werkzeug und so schaute er sich nochmal ein wenig in dem surrealen Büro nach etwas um, was sich vielleicht zweckentfremden ließ. Er wurde fündig bei einer mehrfach gebogenen, ungleichmäßigen Büroklammer, die er so lange zurechtbog, bis sie für sein Vorhaben geeignet schien. Zunächst rutschte das Ding immer wieder ab und die Schrauben bewegten sich keinen Millimeter, aber zuletzt gelang es ihm doch, alle von ihnen zu lösen und den Schacht offenzulegen.

Was er sah, machte ihm durchaus Hoffnung. Es war wirklich ein Schacht. Er war erleuchtet von matt schimmernden Lampen, die sich wie fette Blutegel an dem Metall klebten. Der Schacht führte zwar tatsächlich steil in die Höhe, aber anders als Melanie geunkt hatte, gab es darin eine Art Leiter. Ihre Sprossen lagen zwar weiter auseinander, als es der menschlichen Anatomie entsprach, aber nicht so weit, dass sie unbenutzbar sein würden. Zudem wurde der Schacht jenseits der engen, aber gerade so menschengroßen Luke deutlich breiter, als er zunächst vermutet hatte. Kurz spielte Roland mit dem Gedanken hineinzuklettern und den Schacht zu erkunden oder womöglich sogar auf eigene Faust eine Flucht zu wagen. Aber zum einen wollte er Melanie – bei allem Zorn, den er inzwischen ihretwegen empfand – ungern einfach hier zurücklassen und zum anderen war er nach all diesen Anstrengungen, all dem Stress und den ermüdenden Diskussionen schlicht zu erschöpft dafür. Also befestigte er das Gitter wieder lose, setzte sich dann wieder auf seinen Bürostuhl, lehnte sich zurück und ließ sich von dem arhythmischen Uhrenticken und seinen vagen, verlockenden Hoffnungen einlullen. Als er sah, dass auch Melanie wieder ihre Augen geschlossen hatte, gab er seiner wachsenden Müdigkeit schließlich nach.

~o~

Roland wurde von einem lauten Schrei geweckt. Zuerst nahm er an, dass er von einem der Außerirdischen stammen würde, so fremd und verzerrt erschien ihm diese Stimme, doch als er die Augen aufschlug, bemerkte er, dass das Gebrüll in Wahrheit von Melanie stammte.

Melanie lag auf dem Boden. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt und tränenverschmiert. Ihr gesamter Körper war mit Blut besudelt. Das T-Shirt, welches sich über ihren Bauch spannte, war bereits ein einziger, blutgetränkter Lappen.

Links neben ihr, auf dem Boden, entdeckte er „seine“ E-Zigarette mit dem scharfen Mundstück, an der ebenfalls Blut klebte. Ein unguter Verdacht stieg in Roland auf.

Er sprang auf, stürmte zu Melanie und kniete sich neben ihr hin. Wie er befürchtet hatte, schien das Blut aus Wunden in ihrem Bauch zu quellen. „Was hast du getan, um Gottes willen?“

„Das Ding“, sagte sie keuchend, während sie sich ihren blutenden Bauch hielt, „es hat sich bewegt. Es hat mich getreten, als wollte es mich zerreißen. Es wäre gekommen Roland … jeden Moment wäre es aus mir herausgeplatzt. Es ist kein normales Kind. Es KANN kein normales Kind sein. Es hat Klauen, Roland. Ganz sicher!“

„Du hättest es nach der Geburt noch immer umbringen können, wenn es eins von diesen Aliens gewesen wäre. Ohne dich selbst zu verstümmeln“, sagte Roland bestürzt.

Noch einmal glomm Zorn in Melanies Augen auf. „Hörst du mir überhaupt zu?“, schrie sie, „es hätte mich umgebracht. Bei der Geburt oder direkt danach. Erst mich und dann dich!“

„Das weißt du nicht“, sagte Roland, der sich ziemlich hilflos fühlte. Er hatte nicht den blassesten Schimmer von Medizin und wusste gerade auch überhaupt nicht, was er tun könnte.

„Nein“, sagte Melanie matt, „aber ich weiß dass … Ahhhh!! Es tut so weh! Ich glaube … Scheiße! Scheiße!! Ich glaube, es ist noch nicht tot.“

Melanie wollte wieder nach der E-Zigarette greifen, aber Roland trat sie reflexartig weg, wobei er versehentlich ihre Hand traf. Ein knackendes Geräusch erklang.

„Du verdammter Bastard!“, brüllte Melanie unter Tränen, „Dass Frauen verletzt werden ist in Ordnung, solange du es tust und nicht sie selbst, was?“

Roland reagierte nicht darauf, sondern nahm die E-Zigarette an sich, um sie von weiterer Selbstverstümmelung abzuhalten.

Plötzlich hustete Melanie heftig und ein kleiner Schwall Blut landete auf ihrem Kinn. Dann begannen ihre Lider zu flattern, bevor sie sie schließlich vollkommen schloss.

„Hey, wach bleiben!“, sagte Roland und rüttelte an ihr. Für einen Moment öffnete sie ihre Augen und brabbelte irgendetwas Unverständliches. Dann fielen ihre Lider wieder zu.

„Verdammt!“, rief Roland und schlug leicht gegen Melanies Wange, aber sie reagierte nicht. Soweit er das sehen konnte, atmete sie zwar noch, aber er machte sich nichts vor: Ihr Zustand war beschissen. Wenn sie nicht bald Hilfe bekam, würde sie verbluten. Auch wenn es ihm nicht gefiel, würde Roland ihre Entführer rufen oder irgendwie auf Melanies Lage aufmerksam machen müssen. Die Aliens konnten ja kein Interesse daran haben, dass ihr „Experiment“ starb. Bevor Roland jedoch seinen Plan in die Tat umsetzen konnte, hörte er schabende, schleifende Geräusche von jenseits der Tür. Sie mussten von den Ballonköpfen stammen.

Das änderte alles. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, griff er nach seiner Büroklammer, sprang auf den Tisch, und begann hastig die Schrauben zu lösen. Als die letzte von ihnen scheppernd zu Boden fiel, hörte er, dass die fremdartigen Schritte bereits ganz nah gekommen waren. Er streckte sich, krümmte die Finger um die gerade erreichbare tiefste Leitersprosse und zog sich mit einem kräftigen Ruck nach oben, der ihm beinah die Gelenke auskugelte. Irgendwie schaffte er es trotzdem erst die rechte Hand und dann die linke Hand um die nächste Sprosse zu schließen und seine Füße auf den kleinen Vorsprung zu ziehen, der den Einstieg umgab. Da hörte er bereits die Tür aufgleiten. Immerhin wusste er nun, dass sich jemand um Melanie kümmern würde, aber dummerweise war ihm nun auch klar, dass er nicht daran gedacht hatte, das Gitter wieder zu befestigen: Wenn die Ballonköpfe nicht vollkommen dämlich waren, würden sie wissen, wohin er geflohen war.

Da es jedoch zu spät war, um sein Versäumnis nachzuholen und er keinerlei Lust hatte zurückzukehren, kletterte er die Leiter, so schnell er konnte nach oben, immer getrieben von der Angst hinter sich das Geräusch hinaufkletternder Aliengliedmaßen oder den Schuss einer Waffe zu hören. Sein Herzt klopfte heftig, er begann zu schwitzen, was den Griff seiner Hände rutschig und unzuverlässig machte. Vor allem jedoch biss ihn sein schlechtes Gewissen. War es wirklich in Ordnung gewesen Melanie in der Hand der Aliens zurückzulassen? Sie waren sicher nicht die besten Freunde gewesen, aber sie war immerhin ein Mensch und je mehr er nun darüber nachdachte, desto weniger sicher war er sich, ob ihre Kidnapper ihr wirklich helfen oder nicht doch etwas Grauenhaftes mit ihr anstellen würden. Doch schon bald trat dieses moralische Problem gegenüber einem weitaus weniger abstrakten in den Hintergrund: Die „Leiter“, deren große Sprossenabstände für Roland am Anfang lediglich ein nerviges Ärgernis gewesen waren, wurde langsam zu einer ernsthaften Ausdauerprüfung. Seine Muskeln schmerzten schon jetzt und nachdem er anfangs noch gehofft hatte, dass der Schacht bald eine Biegung machen oder eine seitliche Abzweigung bieten würde, zeigte sich nun, dass er stattdessen immer nur weiter geradeaus führte. Zumindest, soweit die spärliche Beleuchtung ihn vorausblicken ließ.

Noch dazu machten ihn die Geräusche in diesem Schacht schier wahnsinnig. Von überall her glaubte er ein fernes Donnern, Tropfen, Schleifen oder Klopfen zu hören. Diese Geräusche kamen nicht spürbar näher, weswegen er sie nicht unbedingt auf mögliche Verfolger zurückführte, aber sie hatten dennoch etwas Gespenstisches an sich.

Während er sich mühsam von Sprosse zu Sprosse schleppte, erschien ihm sein aus der Not geborene Plan immer miserabler. Hatte er sich anfangs tatsächlich noch in der Lage gefühlt es mit einigen Besatzungsmitgliedern aufzunehmen und das Schiff – falls es ein Schiff war – zu infiltrieren, so war sich inzwischen nicht mal mehr sicher, ob er in seinem erschöpften Zustand ein Kleinkind hätte in die Flucht schlagen können. Doch nun war es schlicht zu spät für Zweifel und so versuchte er diese Gedanken zu verdrängen und kämpfte sich verbissen weiter, wobei er jedes Quäntchen Kraft nutzte, welches noch in seinen Muskeln steckte.

Dabei geriet er dermaßen in eine schmerzgeplagte Trance, dass er die kleine Lücke zwischen den zwei Leitersprossen beinah übersehen hätte. Lediglich der ungewohnte, kalte Luftzug, der ihm gegen die schweißnasse Brust blies, machte ihn darauf aufmerksam. Das Loch war rund, dunkel und deutlich enger als der Schacht, in dem er sich gerade befand. Dennoch schien es groß genug, um hindurch zu kriechen. Das musste natürlich gar nichts bedeuteten. Wenn Roland Pech hatte, würde er sich weiter vorne verjüngen und er würde darin stecken bleiben. Das zumindest sagte ihm die latente Klaustrophobie, unter der er litt. Zudem schien der Boden dieses Schachtes nicht aus glatten Metall zu bestehen, sondern aus einer rötlichen, organisch wirkenden, schleimig glänzenden Substanz. Der Anblick widerte ihn an. Allerdings war der Gedanke, endlich nicht mehr gegen die Schwerkraft ankämpfen zu müssen, äußerst verlockend und so krabbelte er nichtsdestotrotz in die Öffnung hinein.

Sein Körper passte besser hindurch, als er befürchtet hatte und das Krabbeln auf dem erfreulich trockenen, organischen Untergrund fiel ihm um Welten leichter, als das Klettern. Darüber hinaus hatte der kühle, aber nicht zu kalte Luftzug wirklich etwas Erfrischendes an sich, was sein überhitzter, schwitzender Körper sehr zu schätzen wusste. Da sich der Tunnel zu allem Überfluss nicht zu verengen, sondern sogar noch etwas zu verbreitern schien, kehrte zumindest etwas von Rolands Optimismus in ihn zurück. Vielleicht, so dachte er, könnte er das hier doch heil überstehen und womöglich sogar Melanie irgendwie hier rausbekommen, auch wenn sie ihm dann mindestens eine Entschuldigung und ein Abendessen ohne jede Beleidigung schuldig wäre. Wenn es gut lief, würde er sich natürlich auch bemühen seine anderen Kollegen zu befreien, sofern er herausfand, wo man sie eingesperrt hatte.

Je weiter er sich vorwärts bewegte, so mehr fiel ihm auf, wie der Luftstrom zunahm. Wo kam diese Luft wohl her? Befand er sich vielleicht doch auf dem Heimatplaneten der Außerirdischen und hatten diese eine atembare Atmosphäre? Das wäre natürlich fast zu schön, um wahr zu sein, aber dennoch erlaubte Roland es sich zu träumen. Er war kein Forscher, sondern Programmierer und nicht mal ein besonders guter, wenn er ehrlich war, aber dennoch hatte er natürlich schon als Kind – wie jeder kleiner Junge – davon geträumt eine fremde Welt zu besuchen. Vielleicht könnte er sich vor seiner Flucht ja noch ein wenig umsehen.

Plötzlich hörte Roland über sich ein zischendes Geräusch. Erschrocken blickte er nach oben und spürte, wie etwas kühles, scharfes in seine Augen und seinen Mund drang. Das war Gas, begriff er, wieder irgendein verfluchtes Gas. Er fing sofort an zu Würgen, zu Spucken und zu Husten. Seine Augen brannten, als hätte man sie mit Sand abgerieben, nachdem er stundenlang nicht geblinzelt hatte. Seine Haut kribbelte, als hätte man sie unter Strom gesetzt. So eine Scheiße, dachte er, ich hätte mir ja denken können, dass es nicht so leicht sein würde. Was war das hier? Eine Fehlfunktion? Ein Angriff? Oder einfach nur irgendein Kühl- oder Desinfektionsmittel, welches regelmäßig in den Schacht ausgebracht wurde?

Scheißegal! In jedem Fall musste er weiter, sich das Zeug irgendwie abwaschen. Aus dem Mund, von seiner Haut, aus den Augen. Vor allem aus den Augen! Mühsam kroch er weiter, als er ein weiteres Zischen hörte. Weiterer heiß-kalter Nebel senkte sich auf seinen Körper, verfing sich in seiner Kleidung und seinen Haaren. Roland wimmerte und schrie vor Schmerzen, als er glaubte zu spüren, wie seine Haut Blasen warf. Dann jedoch gingen seine Schreie in ein Gähnen über. Er wurde müde, so unendlich müde. Trotzdem gab er nicht auf, kämpfte um jeden Zentimeter. Er musste hier weg, bevor sich diese wahrscheinlich lebensgefährliche Substanz ein weiteres Mal über ihm verteilte. Also schleppte er sich noch einige Meter weiter über den kalten, fleischigen Boden … und brach dann erschöpft zusammen.

~o~

Rolands Kopf dröhnte, als er wieder erwachte. Seine Augen waren tränenverkrustet und er hatte einen widerlichen Geschmack in seinem Mund. Immerhin waren die Schmerzen genauso verflogen wie die Müdigkeit. Dafür verspürte er Hunger und einen unglaublichen Durst. Für einen Moment glaubte er, sich irgendwo auf einem Operationstisch der Aliens zu befinden, aber als er sich etwas in die Höhe stemmte und sein Rücken gegen die Decke der Röhre stieß, wurde ihm klar, dass dem nicht so war. Er befand sich noch immer in diesem widerlichen Lüftungsschacht. Er versuchte sich seine Hand vor die Augen zu halten, um festzustellen, ob er womöglich blind geworden war, aber er konnte sie nicht erkennen. Natürlich musste das nichts bedeuten, da der Schacht schon vor seiner unfreiwilligen Dusche stockfinster gewesen war. Dennoch beunruhigte es ihn, auch wenn er froh darüber war noch zu leben und sich nicht viel schlechter zu fühlen, als nach einer durchzechten Nacht. Trotzdem konnte er hier nicht bleiben, also raffte er sich dazu auf weiterzukriechen, ohne zu wissen, wohin genau er sich da eigentlich bewegte.

Nachdem er die Benommenheit seiner Ohnmacht abgeschüttelt hatte, machte sich seine leichte Klaustrophobie bemerkbar, die – als er wieder realisierte, dass er sich in einem engen Tunnel von unbekannter Länge auf einem unbekannten Planeten oder Raumschiff befand – gar nicht mehr SO leicht war. Dieses grauenhafte, beklemmende Gefühl, welches in ihm die Angst weckte, jeden Augenblick von den Wänden zerquetscht zu werden, trieb ihn dazu an, noch schneller zu kriechen und dadurch schließlich mit einer nicht unerheblichen Wucht mit dem Kopf gegen eine Wand zu stoßen, als der Schacht plötzlich endete.

„Verdammter Mist“, fluchte Roland leise und rieb sich den schmerzenden Kopf. Die Vorstellung den ganzen Weg wieder rückwärts kriechen zu müssen und vielleicht erneut mit dem unbekannten Mittel eingesprüht zu werden, dessen langfristige Folgen er jetzt schon nicht abschätzen konnte, brachte ihn an den Rand der Verzweiflung. Jedoch waren Schmerzen und Verzweiflung im Handumdrehen vergessen, als er seinen Kopf nach rechts wandte und in der Ferne ein noch schwaches, aber durchaus erkennbares Licht entdeckte. Das bedeutete nicht nur, dass seine Augen noch funktionierten, sondern auch, dass der Schacht nicht zu Ende war, sondern lediglich eine Biegung machte. Und vor allem bedeutete es, dass er mit etwas Glück schon bald dieses elende Gekrieche hinter sich gebracht hätte.

Von diesen Erkenntnissen beflügelt, legte er noch einmal an Tempo zu und stand schon bald an der Stelle, an der der Schacht nahe der Decke einer gewaltigen Halle endete. Dieser Ausgang musste sich bestimmt mehr als hundert Meter über dem Erdboden befinden und bei dem Gedanken, dort herunterzufallen, wurde ihm sofort wieder übel. Dennoch streckte er vorsichtig seinen Kopf hinaus und warf einen raschen Blick zu beiden Seiten. Glücklicherweise befand sich unterhalb von ihm erneut eine Leiter mit weit auseinander stehenden Sprossen. Hier lebendig hinunterzukommen wäre also theoretisch möglich, aber ob ihm das auch ungesehen gelingen würde, war eine andere Frage. Denn nun, wo er zum ersten Mal den Mut fand, sich den Raum genauer anzuschauen, entdeckte er hunderte von gläsernen, transparenten Kuppel-Strukturen verschiedener Größe, in denen sich die unterschiedlichsten Lebewesen befanden. Es gab große, massige Geschöpfe mit stämmigen Beinen und langen, gekrümmten Hälsen, die an diese pflanzenfressenden Saurier erinnerten, jedoch waren sie pechschwarz und besaßen drei flache Köpfe, die unabhängig voneinander in den unter den Kuppeln gepflanzten Pflanzen nach Essbarem suchten. Er sah fluoreszierende, fliegende Wesen mit langen Greifarmen, Kreaturen, die an umher kriechende, lebende Gitterstrukturen erinnerten, von denen einige mit einer Art Paarungsakt beschäftigt schienen und irgendetwas Großes, Dunkles, was in einem gewaltigen Becken schwamm, von dem er aber nicht viel erkennen könnte. Neben diesen Giganten gab es auch eine Menge kleineres Getier und vor allem auch zweibeinige Wesen, deren Gesichter er aus der Entfernung nicht erkennen konnte, die für ihn jedoch eindeutig nach Menschen aussahen. Zwischen den Kuppeln streiften dutzende dieser Ballonköpfe umher und pressten ihre Glupschaugen förmlich an das Glas. Einige von ihnen waren viel kleiner, als die, die er zuerst gesehen hatte. „Kinder…“, flüsterte Roland zu sich selbst und spürte wie sich aus all dem, was er hier sah, eine erschreckende Erkenntnis in ihm zusammensetzte.

„Das muss ein Zoo sein“, sagte er zu sich selbst. Die Aliens hatten also weder Experimente mit ihnen durchführen, noch sie foltern und ermorden wollen. Sie wollten sie für ihresgleichen ausstellen.

„Elende Bastarde!“, flüsterte Roland wütend, „ihr habt kein Recht Menschen einzusperren und zu überwachen. Das erledigen wir verflucht noch mal immer noch selbst.“ Er verspürte den Wunsch alles hier bis auf die Grundmauern niederzureißen, sich ein Raumschiff zu kapern und es diesen Balonköpfen so richtig zu zeigen, ihre Tentakel zu zerfetzen, ihre Köpfe platzen zu lassen, ihre Geräte und Gebäude zu zerstören und jede Spur von ihnen aus dem Universum zu tilgen.

Aber sein Rambo-Herz wurde gerade gut genug von seinem Verstand in Schach gehalten, um ihm klarzumachen, dass das nichts als Tagträumereien waren. Er war nur ein einfacher Mensch, kein Superhelb und das Beste, auf das er – wenn überhaupt – hoffen konnte, war die Flucht.

Also entschloss er sich genau das zu versuchen und begann den schwindelerregenden Abstieg, wobei er beinah schon abgerutscht wäre, als er sich aus der Tunnelöffnung herabließ und mit den Füßen nach der ersten Sprosse tastete. In letzter Sekunde gelang es ihm jedoch sein Gleichgewicht zurückzuerlangen. Während er so schnell wie möglich hinunterkletterte, warf er immer wieder einen Blick über seine Schulter, um festzustellen, ob ihn einer der Außerirdischen erblickte, jedoch schienen sie von den Gehegen so fasziniert, dass sie ihn nicht bemerkten. Brenzlig wurde es erst, als er unten angekommen war. Dort wuchs eine ihm unbekannte, dunkelrote Pflanze, die an eine Mischung aus Hecke und Efeu erinnerte, jedoch nur bis etwa auf Brusthöhe emporragte. Kaum da er einen Fuß auf dem Boden aufgesetzt hatte, registrierte er, wie sich eines der Alienkinder umdrehte und hätte er sich auch nur eine Nanosekunde später zu Boden fallen lassen, hätten die Augen des Sprösslinge ihn sicher über den unzureichenden Sichtschutz hinweg erspäht und hätte seinen Eltern ein paar unangenehme Fragen über entlaufene „Tiere“ gestellt. So aber übersah das Alien ihn und während er auf allen Vieren an der Hecke vorbeikrabbelte, sah er, dass sich ganz in der Nähe eine Glastür befand, hinter der sich eine grüne Wiese in einem milden, gelblichen Sonnenschein erstreckte.

Konnte das sein? Lag dort draußen tatsächlich eine paradiesische und für Menschen bewohnbare Welt? Roland konnte seine Aufregung kaum zügeln. Das würde für ihn zwar noch nicht die Freiheit bedeuten, aber zumindest war es besser als alles, worauf er gehofft hatte. Jetzt brauchte er nur noch das Glück zu haben, dass kein weiterer Gast dieses Zoos sich in der Nähe dieser Tür befand und ihn entdeckte.

Schnell, aber dabei so leise und vorsichtig wie möglich lief er weiter an der natürlichen Barriere vorbei, bis er zu einer weiteren Lücke kam, die jedoch von einer der Glaskuppeln ausgefüllt wurde. Vorsichtig blickte er im Schutz der Hecke hinein, in der Hoffnung dort nicht erneut ein neugieriges Alienbalg anzutreffen. Stattdessen entdeckte er dort ausgerechnet Melanie. Sie saß auf einem unbequem scheinenden, leicht schiefen Stuhl, inmitten eines nachgebildeten Büros, welches ihm noch bizarrer erschien, als das, aus dem er geflohen war. Melanie blickte apathisch zu Boden und hielt dabei ein Baby im Arm. Offenbar hatten sie sowohl sie als auch das Kind retten können. Die Geburt musste fast so rasch vonstattengegangen sein, wie die Schwangerschaft. Auf Melanies Lippen lag ein albernes, entrücktes Lächeln, doch ihre Augen wirkten matt und leer. Sicher wieder ein Gas, dachte Roland. Das schien so ein Ding von diesen Aliens zu sein. Das Kind zumindest erinnerte ihn nicht am entferntesten an einen der Ballonköpfe oder ein anderes Monster. Es war ein gesundes, vollkommen menschlich wirkendes Baby. Mehr noch: Es war SEIN Kind. Es hatte seine Augen, seine Nase und sogar etwas von seinem ausgeprägten Kinn. Das schlechte Gewissen durchzuckte Roland wie ein Blitz. Er musste ihnen helfen, das wusste er, musste sie irgendwie aus dieser Kuppel herausbekommen. Aber er hatte keine Ahnung, wie er das anstellen sollte und wenn er sich schnappen ließ, würden das weder Melanie, noch ihrem Kind helfen. Also riss er sich schweren Herzens von dem mitleiderregenden Anblick los und beeilte sich zur Tür zu kommen.

Er sah hinaus. Dort war niemand zu sehen. Ein letztes Mal blickte er sich hektisch im Gebäude um, dann drückte er gegen die Tür, die keinen Griff, jedoch eine quadratische Vertiefung im Glas besaß. Sie glitt mit einem Zischen auf. Das Gefühl, endlich nicht mehr eingesperrt zu sein, war schwindelerregend. Draußen erwartete ihn tatsächlich eine grüne Wiese, wenn auch mit weichen, schwabbeligen, eher an Algen erinnernden Gräsern, wie er sie nie zuvor gesehen hatte. Der Himmel war blau und wolkenlos und ein rascher Blick in seiner Umgebung zeigte ihm, dass tatsächlich gerade keiner der Außerirdischen in der Nähe war. Dafür erblickte er einen kleinen, plätschernden Bach, der unweit des Eingangs des mysteriösen, gigantischen Zoos dahinfloss. Sein quälender Durst meldete sich sofort wieder, wurde schier übermächtig und so ließ er alle Vorsicht fahren und rannte keuchend und schwer atmend auf den nahen Bach zu. Mit einem kurzen, prüfenden Blick versicherte er sich, dass keine gefährlichen Tiere oder andere Überraschungen darin lauerten und schöpfte eine große Hand voll Wasser aus dem Gewässer. Für einen Augenblick fühlte er sich unheimlich glücklich und frei, wie ein Kind, welches unverhofft den Weg in ein Märchenland gefunden hatte. Dann jedoch bemerkte er den bitteren Geschmack in seinem Mund und spürte, wie seine Lippen und seine Speiseröhre unangenehm zu kribbeln begannen. Das war kein Wasser, begriff er erst jetzt und ließ sich spuckend und würgend auf dem Boden nieder. Wie hatte er nur so dumm sein können? Es konnte sonst eine Chemikalie sein, die er sich da einverleibt hatte. Ja, wenn er Pech hatte, hatte er da gerade seinen eigenen Tod getrunken. Was immer es gewesen war, er würde es auswürgen müssen, entschied er. Also steckte er sich den Finger in den Hals, versuchte einen Brechreiz auslösen und kippte dann plötzlich zur Seite, als seine Lungen sich schmerzhaft verkrampften. Das war auch keine Luft, begriff er, als er auf den zwar blauen, aber auf den zweiten Blick eher dunkel- bis azurblauen, als himmelblauen Himmel blickte. Jedenfalls nicht die Luft, die er kannte. Sie mochte Sauerstoff enthalten, aber wahrscheinlich nicht genug und wohl auch noch irgendetwas anderes, das seinem Organismus ganz und gar nicht gefiel. Der Schwindel und die Atembeschwerden hatten offenbar nichts mit dem Stress zu tun gehabt. Ich muss zurück, dachte er, während es vor seinen Augen schwarz zu flimmern begann, ich muss zurück in den Zoo. Dann verlor er das Bewusstsein.

~o~

“Warum hast du zugelassen, dass das Exemplar entkommt?”, fragte Hagurxaat indem er seine Gedanken und seine Empörung an seine Kollegin übertrug.

„Das Betäubungsmittel hätte es außer Gefecht setzen sollen. Ich konnte nicht ahnen, dass es so weit kommt“, erwiderte Xunxigagzel.

„Du hättest das Exemplar überhaupt nicht aus dem Versuchsraum entkommen lassen sollen!“, tadelte Hagurxaat.

„Warum nicht?“, gab Xunxigagzel trotzig zurück, „es war eine gute Gelegenheit zu überprüfen, ob es die Fähigkeit besitzen würde, seinen Käfig zu öffnen.“

„Das hätten wir auch unter weniger riskanten Bedingungen prüfen können“, beschwerte sich Hagurxaat, „was, wenn es in unser Ökosystem gelang wäre? Bei einem Männchen mag das noch kein Problem sein, aber was, wenn auch noch ein Weibchen entkommen wäre? Oder mehrere? Sie könnten das natürliche Gleichgewicht unserer Heimat stören, heimische Arten verdrängen. Ich dachte immer, du siehst dich als Bewahrer unserer Umwelt?“

„So ist es auch“, stimmte Xunxigagzel zu, „aber ich bin auch ein Forscher. Außerdem war anzunehmen, dass es in unserer Atmosphäre nicht auf Dauer überleben kann.“

„Das wusstest du aber nicht mit Sicherheit“, sagte Hagurxaat wütend, „ich hätte große Lust, dich dafür beim Yunnkoll zu melden, aber …“

Hargurxaat drehte dreimal schnell den Kopf hin und her, was bei ihm einer Art Seufzen gleichkam. „… Dieses Mal lasse ich dir deine Albernheiten noch durchgehen.“

„Danke“, sagte Xunxigagzel.

“Und, was ist deine Meinung bezüglich der Intelligenz dieser Spezies, Xunxigagzel?”, wollte Hagurxaat wissen.

„Nun“, antwortete der angesprochene, „das Männchen ist immerhin entkommen. Es hat improvisiert und zielgerichtet gehandelt. Insgesamt denke ich also durchaus, dass sie auf gewisse Weise intelligent sind”, sagte Xunxigagzel vorsichtig.

“Wie kommst du darauf?“, fragte Hagurxaat skeptisch, „Fluchtverhalten ist sogar einigen der niederen Tiere zu eigenen und manche von ihnen können aus noch komplexeren Labyrinthen entkommen, ohne dass wir ihnen deswegen gleich ein höheres Bewusstsein zusprechen. Und ansonsten habe ich nur primitive Drohgebärden und sprunghaftes, egoistisches und unkoordiniertes Verhalten bei ihnen erlebt.”

“Hast du nicht gesehen, wie ihre Münder sich geöffnet und geschlossen haben? Womöglich steckt dahinter ein Muster. Vielleicht sogar eine Art von Sprache. Was ihr Verhalten betrifft, so könnten das auch Stressreaktionen sein”, gab Xunxigagzel zu bedenken, “vielleicht bedingt durch den abrupten Ortswechsel und die ungewohnte Umgebung.”

“Unsere Gehirnscans bei den anderen Exemplaren haben ergeben, dass sie über keinerlei Anlagen für das Empfangen oder Senden selbst der einfachsten Gedankengänge verfügen. Mag sein, dass sie mittels dieser Mundbewegungen kommunizieren, aber wahrscheinlich nur um Hunger, Angst, Dominanz oder Paarungsbereitschaft zu signalisieren, wie wir es von anderen primitiven Tierarten kennen. Und was diese ‘ungewohnte’ Umgebung betrifft, so haben wir sie bestmöglich ihrem natürlichen Lebensraum nachempfunden”, widersprach Xungigagzel, “Sie entspricht fast exakt den Höhlen, in denen wir sie gefunden haben. Du weißt, wie viel Mühe wir in den Nachbau investiert haben.”

“Ich weiß”, sagte Xunxigagzel, “aber dennoch: Wir haben sie ohne ausführliche Beobachtung aus ihren Herden-Strukturen gerissen. Eine solche Zerstörung von sozialen Zusammenhängen führt auch bei anderen uns bekannten Tierarten zu Stressreaktionen. Erst Recht in Gefangenschaft.”

„Ach, Xungigazei“, sagte Harguxaat, „halte mich nicht für herzlos, aber ich glaube kaum, dass sie von all dem etwas mitbekommen haben. Wahrscheinlich reicht ihre Aufmerksamkeitsspanne dafür gar nicht aus. Außerdem scheinen Sie eine Vorliebe dafür zu haben, sich den Großteil ihres Tages in diesen Höhlen aufzuhalten und auf diese Kästen zu starren. Das haben schon unsere Untersuchungen auf ihrem Heimatplaneten ergeben. Ich denke nicht, dass sie das hier als Gefangenschaft empfinden”, sagte Harguxaat, “das scheint für sie ganz natürlich zu sein.”

“Ich weiß nicht”, sagte Xunxigagzel nachdenklich, “vor allem das Weibchen hat mich ziemlich traurig angesehen. Fast flehend. Beinah so, als würde es mich bitten wollen mich zu befreien. Und das Männchen hat die Gelegenheit zur Flucht genutzt.”

“Was das Männchen angeht, so bin ich mir nicht mal sicher, ob es geflohen ist“, überlegte Harguxaat, „vielleicht hat es nur nach anderen Weibchen oder neuen Futterquellen Ausschau gehalten. Und das Weibchen wollte dich wahrscheinlich nur beschwichtigen oder um anderes Futter bitten. Vielleicht müssen wir die Rezepturen noch etwas optimieren. Jedenfalls sollten wir uns von dem Gedanken verabschieden, dass wir es hier mit wirklich intelligenten Lebewesen zu tun haben. Welches höher entwickelte Lebewesen, welches die Macht und die Fähigkeiten hat seine Umgebung nach seinen Wünschen zu gestalten, würde seinen Lebensraum in so einen erbärmlichen Zustand versetzen? Die Population, die wir zurückgelassen haben, wird innerhalb weniger Jahrzehnte entweder ersticken, ertrinken, verhungern oder an Krankheiten eingehen. Je nachdem, was zuerst eintritt. Die, die wir mitgenommen haben, werden wohl die einzigen Überlebenden bleiben. Falls wir sie vermehren können, ohne jedes Mal unser kostbares Reproduktions-Gas dafür zu verschwenden”, erwiderte Hagurxaat, “abgesehen davon, dass es uns wertvolle Ressourcen kostet, scheint es bei ihnen zu Niedergeschlagenheit und einer Steigerung ihrer Aggressivität zu führen, obwohl der Paarungsakt bei vielen Tieren eher stresslindernd wirkt. Wie dem auch sei: Sieh sie als das, was sie sind und interpretiere da nicht zu viel hinein.”

“Du hast wahrscheinlich recht”, gestand Xunxigazel ein, “womöglich verrenne ich mich da in etwas. Aber selbst wenn sie kein Bewusstsein haben, so habe ich sie doch irgendwie liebgewonnen. Es tut mir echt leid, dass wir all die anderen ihrem Schicksal überlassen müssen.”

“Mir auch”, sagte Harguxaat sanft und verband ihre Hand mit der seinen, “aber sei deshalb nicht traurig, Xunxigagzel. Wir können nicht jedes Lebewesen des gesamten Universums retten. Immerhin haben wir ihr Überleben als Art gesichert und sowohl den jungen, als auch den erwachsenen Ghunat können sie zur Unterhaltung und als interessantes Studienobjekt dienen, während wir uns um ihre artgerechte Haltung, ihr Wohlergehen und ihre Ernährung kümmern. Selbst wenn unsere Suche nach intelligentem Leben im Weltall weitergehen wird, so haben wir doch nicht nur ihnen, sondern auch unserer Gemeinschaft mit diesem Fund einen Dienst erwiesen. Und wer weiß, vielleicht benennt der Yunnkoll diese Art sogar nach dir. Klingt das nicht gut?”

„Das klingt fantastisch“, sagte Xungxigagzel und klapperte dabei glücklich und geschmeichelt mit seinen scharfen Zähnen.

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