Fortgeschritten: Das Mysterium von Samnia

Ich bin „Adrian“, ein Fortgeschrittener, ein Reisender zwischen den Welten und ein Opfer, ein Sklave des Fernwehs. Für eine kurze, aber intensive Zeit meines abwechslungsreichen Lebens war ich der Handlanger eines Sadisten in einem Reich ewiger Krankheit. Ein Seelensammler, der unterschiedlichste Planeten besuchte, um zu ernten, um neue Sklaven und Verdammte zu finden für die Seuchenhöhlen von Hyronanin, einen Ort, der jede Hölle an Grausamkeit weit übertrifft.

Dies nur für alle, die bislang nicht die Lust oder die Muße hatten, meine Aufzeichnungen bis ins Detail zu erforschen. Einige dieser Welten jedenfalls, waren nicht wie die anderen. Sie waren keine natürlichen, eigenständigen Gebilde mit organischer Entwicklung und uralter Geschichte, sondern wortwörtliche Kopfgeburten aus dem Schoß der Legenden und Traditionen, die jedoch in den sogenannten Manifia-Ebenen sehr reale Formen angenommen haben.

Samnia war eine solche Welt und wie zuvor schon Noestria und viele weitere neue Horizonte, betrat ich sie im Dunkel der Nacht. Das Erste, was ich von Samnia sah, war regengetränker Asphalt, ein von fetzenhaften Wolken umspielter Vollmond und gepflegte, von Kerzenlicht erhellte Reihenhäuser, geschmückt mit grinsenden Kürbissen, flatternden Bettlaken-Gespenstern, künstlichen Spinnweben, baumelnden Plastikskeletten und gehüllt in träge Schwaden aus dichtem Nebel.

Das Erste, was ich jedoch hörte, waren Schreie. Schreie von Kindern. Sie kamen ganz aus der Nähe, von irgendwo hinter dem Häuserblock, der mich so sehr an meine verlorene Heimat erinnerte, dass es schmerzte, selbst wenn die Gebäude eher einer amerikanischen Klein- oder Vorstadt entlehnt schienen, als einem deutschen Dorf.

Ich war hier als Jäger, dazu bestimmt so viele Einwohner wie möglich in den Abgrund zu reißen, aber dennoch war ich auch damals ein Mensch und so war es mein erster Impuls zu helfen. Also bog ich ab, umrundete das Gebäude so schnell es mir möglich war und entdeckte sofort, welchen Ursprung die Schreie hatten, die ich vernommen hatte. Dort waren wirklich Kinder. Je drei menschliche Jungen und Mädchen im Alter von etwa neun oder Zehn Jahren, mit kinnlangen, grauen Haaren. Allesamt bekleidet mit schwarzen T-Shirts und Jeanshosen. Die Kinder hatten sich offenbar schützend vor einen kleineren, etwa sechsjährigen, blonden Jungen gescharrt, der bitterlich weinte.

Die dunkel gekleideten Kinder umgaben den Jungen beinah wie ein Schutzkreis, doch auch sie schienen verängstigt und verliehen ihrer dieser Angst schreiend, wimmernd und klagend Ausdruck. Eine Angst, die nur allzu verständlich war angesichts der vier gefährlich aussehenden Monstrositäten, die sie bedrohten.

Eine dieser Kreaturen war fellbewachsen und tierisch, mit bedrohlich geöffneter, sabbernder, wolfsartiger Schnauze und langen, gebogenen Klauen. Eine andere war extrem hager, verbarg ihr Gesicht hinter der schwarzen Kapuze eines Samtumhangs und schwang eine riesige Sense. Eine dritte hingegen ähnelte einem gewöhnlichen Mädchen, wirkte jedoch blass, durchscheinend und eher wie eine Luftspiegelung, wären da nicht die beiden langen Eisenketten an ihren Handgelenken gewesen. Ketten, die sie wie Peitschen gegen die bedauernswerten Kinder schwang, die ihr Bestes taten, um den tödlichen Schlägen auszuweichen, was ihnen nicht immer gelungen war, wie zahleiche Blessuren und blaue Fleckn an ihren Armen und Beinen zeigten. Am gefährlichsten jedoch erschien mir eine warzennasige, grünhäutige Hexengestalt, deren verkrümmte Finger einen knorrigen Zauberstab schwangen. Sie führte einen garstigen, unheilvollen Fluch auf den faltigen Lippen, von dem ich jedoch nur die ersten Worte verstand, die sie mit boshafter, alter Stimme sprach: „Krötenhaut und Dachsgebein dein Aug‘ soll blind und eitrig sein und deine Kehle jung und rein, soll sich verzieh’n in …“

Wie gesagt, Hilfsbereitschaft war in jenem Moment mein Hauptantrieb und so zögerte ich keinen Augenblick und versuchte meinen Schattenstrahler, jene besondere, beseelte Waffe, die an meinem Arm anstelle meiner rechten Hand festgewachsen war, zum Einsatz zu bringen. Es funktionierte.

Ein knisternder dunkler Blitz vernichtender Energie zuckte durch die Nacht und traf die boshafte Zauberin direkt in die verdorrte, runzelige Brust. Ihr Zauberspruch endete abrupt und ihr Stab fiel nutzlos aus ihren kraftlosen Händen. Dennoch schien sie nicht tot zu sein. Noch nicht. Aber ich war fest entschlossen, das zu ändern.

„Nein, bitte hör auf, tu Mandy nicht weh!“, hörte ich eine flehende Stimme rufen und hielt inne. Die Stimme gehörte einem Teenager-Mädchen mit lockigen, schwarzen Haaren und rotem Kapuzenpullover, welches gerade aus einem der Häuser gekommen sein musste. Um ihr Handgelenk hing eine flackernde Kürbislaterne, eingerahmt von einem Ring aus schwarzen Metall.

Auch, wenn die Lage eindeutig schien, wirkte die Verzweiflung in der Stimme des unbekannten Mädchens echt und wenn mich meine Reisen bislang eins gelehrt hatten, dann dass man sich selten auf den ersten Eindruck verlassen konnte. Also versuchte ich ihrem Wunsch zu entsprechen, doch das war leichter gesagt als getan. Denn jener Symbiont, der in der Waffe wohnte und der sich mir eines späteren Tages mit dem Namen „Karmon“ vorstellen sollte, war zu jenen Zeiten noch kein sehr zuverlässiger Partner gewesen. Es war nicht immer leicht gewesen, ihn zu entfesseln, aber wenn es gelang, hatte er für gewöhnlich Blut sehen wollen.

Statt also den nächsten Schuss zurückzuhalten, riss ich meinen Arm nach oben und entließ das tödliche Geschoss in den Himmel, wo es sich wie eine umgekehrte Sternschnuppe in der Nacht verlor. Erst als ich merkte, dass die Wut des Symbionten verraucht war, senkte ich meinen Arm wieder. Ich warf einen Blick auf die hässliche, alte Hexe, die die Unbekannte als „Mandy“ bezeichnet hatte. Erleichtert stellte ich fest, dass sie zwar schwer verletzt und kampfunfähig war, aber noch atmete. Vorerst zumindest.

„Danke“, sagte das Mädchen und begab sich an meine Seite, ohne die dunkel gekleideten Kinder aus dem Auge zu lassen, „ich weiß, wie das hier aussieht. Aber es ist … ich erklär es dir später. Doch erst musst du mir helfen, diese Kinder zu töten. Sofort!“

„Ich soll was?!“, fragte ich, denn auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt bereits einmal ein Kind entführt und der Folter ausgeliefert hatte, war das nichts, auf das ich stolz war oder was ich unbedingt wiederholen wollte.

„Hör zu, sie sind nicht …“, versuchte die Unbekannte zu erklären.

In diesem Moment jedoch geschah etwas mit den grauhaarigen Kindern. Wie auf einen unhörbaren Befehl hin drängten sie sich um den weinenden Jungen zusammen, hielten sich an den Händen und … verwuchsen miteinander. Ja, ihre Beine, Unterkörper und schließlich auch die Oberkörper verbanden sich in Stoff und Fleisch und bildeten eine trichterförmige, blütenkelchartige Konstruktion, während sie ihre Köpfe nach hinten rissen und spitze, sirenenhafte Rufe in den Himmel schleuderten.

„Nein!“, brüllte das Mädchen in Panik, „nicht auch noch Tom! Bitte Fremder, hilf uns!“

Noch bevor ich reagieren konnte, schwang das Geistermädchen ihre Ketten ein weiteres Mal gegen den das gerade entstandene Blütenkelchwesen im Versuch es auseinanderzureißen, doch der Riss, den ihre Ketten erzeugten, schloss sich binnen weniger Augenblicke wieder. Und nicht nur das. Der gesamte Kelch aus Leibern wurde zu einem lückenlosen Gefängnis, als die bislang noch getrennten Köpfe der vermeintlichen Kinder zu einer hässlichen Decke aus Augen, Mündern und Ohren verwuchsen und den weinenden Tom endgültig einsperrten. Kurz darauf schlug ein weiterer Schuss meines Schattenstrahlers in den lebendigen Käfig ein und schuf ein faustgroßes Loch, wobei ein durchdringender Geruch nach verkohltem Fleisch und karamellisiertem Zucker in meine Nase stieg.

Dieses Loch, so klein es auch war, wuchs zumindest nicht sofort wieder zu. Doch ehe ich erneut feuern konnte, setzte sich die Blüte in Bewegung und schwebte wie eine Seerose in einem Sturm über den Asphalt. Ein zweiter Schuss von mir ging fehl und auch der Wolf und die Kapuzengestalt, die versuchten dem Ding mit wehendem Umhang und raubtierhafter Geschwindigkeit nachzusetzen, kehrten schon bald entmutigt zurück, als das unheimliche Kollektiv im Nebel verschwand.

Das Mädchen, welches mich um Hilfe gebeten hatte, kniete schluchzend und mit gesenktem Kopf auf dem kalten Boden, während sie die faltige Hand der Hexe hielt.

Ich ging zu der Hexe – „Mandy“ – und untersuchte sie. Ihr Brustkorb hob und senkte sich noch immer. Jedoch nur sehr flach. Der Strahler hatte ihre Brust an einer Stelle vollständig aufgerissen, sodass man ein offenbar noch einigermaßen intaktes, schwarzes Herz sehen konnte, das darunter pumpte. Ihre Augen jedoch waren geschlossen und nichts deutete darauf hin, dass sie noch bei Bewusstsein war.

„Sie lebt“, stellte ich fest, „auch wenn ich nicht verstehe, wie das möglich ist. Aber sie scheint ohnmächtig zu sein.“

„Ich weiß“, sagte das Mädchen niedergeschlagen, „wir müssen sie sofort ins Haus bringen. Doch du willst sicher ein paar Erklärungen, oder?“

„Die wären in der Tat nicht schlecht“, stimmte ich zu, „fangen wir fürs Erste mal damit an, wie du heißt.“

„Sally“, erwiderte sie, „Sally Summer. Und du bist?“

Gerade wollte ich mir irgendeinen beliebigen Namen ausdenken, als sich mein Mund wie von selbst bewegte, „ich bin ein Fortgeschrittener, ein Reisender zwischen den Welten, der seinen wahren Namen vergessen hat. Außerdem bin ich ein Ernter im Dienste der Gesunder von Hyronanin. Ich bin hier, um so viele Lebewesen wie möglich aus dieser Welt zu entführen und in die Seuchenhöhlen zu bringen, damit die Gesunder ihre Gesundheit stehlen und sie zu dienstbaren, kranken Sklaven oder hilflosen, gequälten Gefangenen machen können.“

Ungläubig starrte ich Sally an und konnte kaum glauben, dass ich all das gerade wirklich gesagt hatte.

„Wundere dich nicht“, sagte Sally lächelnd, „so ergeht es allen, die mit mir reden. Man kann mich nicht anlügen. Es ist unmöglich. Und du brauchst dir wegen dieser Wahrheiten keine Sorgen zu machen. Ich bin einfach froh, dass jemand von außerhalb kommt, der uns vielleicht helfen könnte. Da ist es mir inzwischen fast egal, ob er ein Massenmörder oder ein Heiliger ist. Allerdings muss ich dich enttäuschen: aus Samnia geht für Erste niemand fort. Auch du nicht, egal über welche Mittel du auch verfügen magst. Jedenfalls nicht, solange SIE hier herrschen. Aber vielleicht wüsste ich einen Weg, wie du trotzdem an deine Beute kommst. Falls du bereit bist, mir zu helfen.“

„Natürlich“, erwiderte ich perplex, „aber bist du sicher, dass du mir einfach irgendwelche Leute ausliefern willst, nun, wo du die Wahrheit über mich kennst?“

„Sagen wir, ich werde tun, was ich tun muss“, antwortete Sally, „noch vor ein paar Monaten hätte ich Abschaum wie dich verachtet … Mörder, Vergewaltiger, Entführer … und das tue ich eigentlich immer noch. Aber ich musste lernen pragmatischer zu sein und mich damit zu trösten, dass euch irgendwann noch eure gerechte Strafe ereilen wird. Egal. Wir reden später weiter. Mandy braucht dringend Hilfe. Ich muss nur eines wissen: Wirst du dir meine Geschichte anhören und mich nicht hintergehen oder bedrohen, basierend auf dem, was du weißt?“

„Ja“, antwortete ich beinah automatisch, obwohl mir der Wahrheitsgehalt dieser Antwort selbst nicht einmal bewusst war.

„Gut“, sagte Sally, „dann hilf mir, Mandy zu tragen. Sie ist schwerer als sie aussieht.“

Ich nickte und packte die mit schwarzen Schnallenschuhen bekleideten Füße der Hexe, deren offenes kohlschwarzes Herz noch immer müde schlug, während Sally sie an den Schultern packte, ohne ihre Kürbis-Laterne loszulassen. Mandy roch intensiv nach Schwefel, Schweiß und uralter Frau.

„Was ist mit den anderen?“, fragte ich und blickte auf die drei weiteren monströsen Kreaturen, die uns umgaben, „sind sie gefährlich?“

„Nicht, solange du in meiner Nähe bleibst und keinen Unsinn anstellst“, erwiderte Sally, während wir die überraschend schwere Hexe auf die Tür zuschleppten, „Sie waren einst meine Freunde und ganz normale Menschen, bevor … lange Geschichte … die Laterne kann sie jedenfalls zähmen.“

Wir betraten das Haus, welches auch von Innen vollkommen im Halloween-Stil geschmückt war. Geistergirlanden, dunkle Kerzen, Plastikkürbisse, Plüschspinnen, Skelette und abgeschnittene Gliedmaßen mit Massen von Kunstblut zierten Decken, Wände und Möbel. Außerdem gab es einen Esstisch, der reichlich mit Speisen und Getränken in Halloween-Thematik gedeckt war und bei denen man nicht mit Lebensmittelfarbe gegeizt hatte.

Gemeinsam legten wir Sally auf einer abgewetzten weißen Ledercouch ab.

„Schließ die Tür!“, verlangte Sally.

„Die anderen sind noch draußen“, wandte ich ein.

„So soll es auch sein“, meinte Sally, „die Lampe kann sie zwar kontrollieren, aber ich will sie doch nicht unbedingt um mich haben. Es schmerzt zu sehr … und sie sind nicht die besten Gesprächspartner. Draußen sind sie besser aufgehoben.“

„Wie du meinst“, sagte ich und schloss die Tür, auch wenn mich der Wolf, das Geistermädchen und die Kapuzengestalt zugleich sehnsüchtig und blutrünstig ansahen.

„Wie kann man ihr helfen?“, fragte ich Sally, die den verletzten Körper ihrer Freundin begutachtete.

„Das wird nicht leicht. Dein komischer Laserstrahl hat ihr schwer zugesetzt“, sagte sie nicht ohne Vorwurf, „nun braucht sie dringend Nahrung.“

Ohne weiter zu erklären, was sie damit meinte, stand sie auf, ging zu einem silbernen Gefrierschrank und holte dort ein in Frischhaltefolie eingeschlagenes Stück Fleisch heraus. Fleisch, an dem noch menschliche Haut zu erkennen war.

„Ist das …“, begann ich angewidert.

„Ja, das ist ein Teil eines Kinderarms“, sagte Sally beinah beiläufig, während sie das Fleisch auswickelte, „und spar dir deine Moralpredigt. Der Junge, dem er gehörte, war schon vorher tot und ich habe ihn nicht umgebracht. Außerdem hätte ich von jemandem mit solch einer Mission weniger Skrupel erwartet.“

„Ich habe mich nicht um diese Mission gerissen“, betonte ich wahrheitsgemäß.

Sally zuckte mit den Schultern, „das hat Mandy auch nicht. Als Mensch konnte sie keiner Fliege was zu leide tun. Aber die Kreatur, die sie jetzt verkörpert, folgt nun mal bestimmten Regeln. Dies ist eine davon.“

Als wäre es ein Lolly, den sie einem traurigen Kind geben wollte, hielt Sally das abgerissene Unterarmstück direkt an Mandys Mund. Sofort kam Leben in die bewusstlose Hexe. Ihre wässrigen Augen öffneten sich und ihre gelben Zähne schlugen sich gierig in das Fleisch und begannen ihr widerliches Werk. Binnen Minuten war der Knochen abgenagt, während sich das Loch in Mandys Brust wie von Zauberhand schloss. Schließlich schlossen sich auch ihre Augen wieder und sie verfiel in ein lautes, sägendes Schnarchen.

„Das hat funktioniert. Jetzt braucht sie nur noch etwas Ruhe“, meinte Sally erleichtert und warf den abgenagten Knochen achtlos auf den Boden.

„Dann könntest du mir vielleicht erst einmal erzählen, was hier eigentlich los ist und was genau du von mir willst“, forderte ich sie auf, während ich mich auf einem grauen Stoffsessel niederließ, der mit einer schwarzen Spinnwebendecke überspannt war.

Sally, die sich einen Platz neben Mandys schlafendem, runzligen Gesicht gesucht hatte und die die Laterne, die an ihrem Handgelenk baumelte, nie lange aus den Augen ließ, sah mich mürrisch und missmutig an. Dann jedoch zeigte sich der tiefe Schmerz, der sich in ihr Gesicht gegraben hatte. Als sie sprach, sackten ihre Schultern in sich zusammen und verrieten den mit der Situation überforderten Teenager in ihr.

„Also, wo fang ich an …“, begann sie etwas konfus, „die Sache ist die, diese Welt ist …“

„… eine Verkörperung der Traditionen und Bräuche rund um Halloween“, vervollständigte ich ihren Satz.

„Nun, so habe ich das noch nie betrachtet. Aber ja, so ungefähr könnte man das sagen … jedenfalls kommt es dem recht nahe. Aber wie kommst du darauf?“, fragte Sally.

„Es ist nicht die erste Welt dieser Art, die ich besuche. Es gibt ein Phänomen, welches man auch die ‚Manifia-Ebenen‘ nennt. Traditionen, Geschichten und Legenden erwachen in den Welten dieser Ebenen zu ganz realem Leben“, erklärte ich.

„Du meinst, ich, Sally und all die anderen, wir sind lediglich Figuren in einer Geschichte?“, wunderte sich Sally.

„Nicht direkt. Jedenfalls nicht viel mehr als alle anderen Lebewesen im Multiversum auch“, beruhigte ich sie, „sobald eine solche Welt geboren wurde, folgt sie ihrer eigenen Entwicklung. Ihre Autoren haben zumeist keine Möglichkeit mehr, sie beeinflussen. Erst recht nicht bei Welten, die auf so vielschichtigen Traditionen aufbauen.“

Damals war vieles von dem, was ich Sally erzählte, noch geraten oder aus dem wenigen geschlussfolgert, was On-Grarin mir erzählt hatte. Heute weiß ich, dass ich damit erstaunlich nah an der Wahrheit gelegen hatte.

„Im Multiwas?“, fragte Sally.

„Multiversum“, korrigierte ich, „Die Gesamtheit aller möglichen Zeitlinien und Existenzebenen. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Du wolltest mir ja eigentlich etwas erzählen, bevor ich dich unterbrochen habe.“

„Ja, stimmt“, sagte Sally und goss sich einen nach Kürbis und Alkohol duftenden Drink in eine als Fledermauskopf gestaltete Tasse und schüttete auch mir etwas in ein gleichartiges Gefäß, was ich dankend annahm, „also, die Sache ist die. Es … es war hier nicht immer so gewesen. Wir waren anfangs eine ganz gewöhnliche Stadt, wenn man davon absieht, dass wir nicht nur an einem Tag, sondern stets den gesamten Oktober über Halloween gefeiert haben. Dafür waren wir berühmt und dieser Spleen hat sogar ein paar Touristen angezogen. Abgesehen von ihrer Dauer war an unseren Festen aber nichts Besonderes gewesen. Süßigkeiten, Dekoration, unheimlich Kostüme. Dieser ganze Kram eben. Für uns ältere auch ein wenig Party und Alkohol. Alles ein lustiger und zugleich irgendwie mystischer Spaß. Irgendwann jedoch … weißt, du worum es bei diesem Feiertag ursprünglich ging?“

„Darum, böse Geister zu vertreiben“, kramte ich mein halbgares Internetwissen hervor, während ich meine Kehle mit der süß-würzigen Flüssigkeit benetzte.

„So ist es“, stimmte Sally zu und wurde plötzlich sehr ernst, „lange Zeit war das für uns nichts weiter als eine nette Hintergrundinfo. Ein kurioses, historisches Detail, mit dem man in Gesprächen als Schlaumeier glänzen konnte, das aber sonst keinerlei Bedeutung für uns hatte. Dann jedoch … kamen sie.“

„Die Geister?“, fragte ich.

„Die Geister, ja“, bestätigte Sally, „eigentlich sollte man ja meinen, dass sie um uns einen besonders großen Bogen machen würden, aber vielleicht haben wir durch unsere Dauerfeierei irgendwelche heiligen Riten verletzt oder die Herausforderung hat sie gereizt oder was weiß ich. Jedenfalls haben sie sich in unserer Stadt breitgemacht wie Ungeziefer. Doch nicht mit rasselnden Ketten wie Kira dort draußen, sondern als unsichtbare Puppenspieler, denen es gefiel, mit unserer Wirklichkeit und unserem Verstand rumzupfuschen.

Erst griffen sie nur nach den Schatten. Sie verformten die Schatten von Möbeln, aber auch von Menschen auf so groteske, beängstigende Weise, dass es ausreichte, um viele von uns um den Schlaf zu bringen. Alle, die es nicht selbst erlebt hatten, taten die Berichte darüber natürlich als bloße Spinnerei ab. Was als nächstes passierte, war aber schon viel schwerer zu leugnen.

Nun fingen Dinge an sich zu bewegen. Einfach so, ohne äußeres Zutun flogen Teller, Flaschen und Kissen durch die Luft, Bücher klappten auf und Messer erhoben sich aus ihren Schubladen und famdem ihren Weg in Schlaf- und Wohnzimmer, zu Venen, Augen und Herzen. Es gab viele Verletzte und einige Tote, auch wenn die Messer nicht immer tödlich zustachen und es oft bei Verstümmelungen, Verletzungen oder bloßen Drohungen blieb, bevor sie wieder scheinbar harmlos zu Boden fielen.

Doch auch damit hörte unser Albtraum nicht auf. Denn die Geister waren nicht nur in der Lage gewesen Dinge zu bewegen, sondern auch, sie zu verändern. Harmlose Brotmesser wurden zu runengeschmückten Ritualdolchen, Betten zu hölzernen Gefängnissen oder mittelalterlichen Foltergeräten und auch Kinderspielzeuge veränderten sich radikal. Ihre Köpfe wurden zu Fratzen mit dunklen, glitzernden Augen und ihre Gliedmaßen wuchsen überproportional und nahmen bizarrste Formen an. Einige Plüschtiere verformten sich sogar in knotige Gebilde aus narbiger, menschlicher Haut oder entwickelten eine Füllung aus verwesendem Fleisch und lebendigen Insekten. Gelegentlich bewegten sie sich auch, knurrten oder sprachen einzelne, geflüsterte Worte. Gerne mitten in der Nacht und wenn Kinder oder auch Erwachsene mit ihnen alleine im Zimmer waren.“

„Keine sehr beruhigende Vorstellung“, meinte ich zu Sally, deren Gesicht im flackernden Schein der Laterne und in dem nur von Kerzen und einer stark heruntergedimmten Deckenlampe beleuchteten Zimmer selbst etwas Geisterhaftes an sich hatte.

„So kann man es ausdrücken“, bestätigte sie, „Und wurde noch schlimmer, als die ersten weglosen Türen in den Wohnungen auftauchten.“

„Weglose Türen? Lass mich raten, es waren Portale in andere Dimensionen“, vermutete ich ins Blaue hinein.

„Nicht … nicht immer“, sagte Sally, „manche führten in endlose Kellergewölbe, andere zu ausgestorbenen Straßen zwischen verlassenen, verfallenen Gebäuden, wieder andere einfach nur an entfernte oder nahe Orte innerhalb der Stadt. Viele Türen öffneten sich jedoch direkt in ein weißes, konturloses Nichts. Wer auch immer durch diese Türen ging, löste sich einfach auf oder fiel, ohne je den Boden zu erreichen, jedenfalls nach dem, was wir wissen.“

„Es fällt mir schwer zu glauben, dass jemand freiwillig durch eine solche Tür gehen würde“, merkte ich skeptisch an.

„Du hast es noch nie erlebt …“, sagte Sally beinah flüsternd, „es ist wie ein Sog, ja wenn du davorstehst, erscheint es dir wie die beste Idee der Welt sich dem hinzugeben. Vor allem die Leere … sie ist so bittersüß … so friedvoll. Aber auch die andere Orte … man kann von ihnen zurückkehren – theoretisch – aber nur wenige wollen das. Ich meine, sie sind schrecklich, beängstigend, aber sie fühlen sich zugleich irgendwie nach Heimat an. Seltsam, nicht?“

Ich nickte, schon alleine, weil mir das Konzept Heimat zu jenem Zeitpunkt schon an sich fremd war.

„Du hast sie also selbst gesehen, die Türen?“, fragte ich.

Sally nickte und deutete auf eine schräg angebrachte, blütenweiße Holztür an der Wand hinter mir, die mir bislang noch nicht aufgefallen war. Sie war mit Kisten, Gerümpel und einem kleinen Tisch verbarrikadiert. Dennoch konnte ich erkennen, dass sie erst ein paar Zentimeter über dem Boden begann und dass tatsächlich eine gewisse … Aura … von ihr ausging. Nun, wo ich sie bemerkt hatte, war es schwer sie zu ignorieren. Selbst, als ich mich wieder zu Sally umdrehte, blieb ein unangenehmes Kribbeln in meinem Nacken zurück, so als würde ich einem gefährlichen Raubtier den Rücken zuwenden.

„Warum bist du dann immer noch hier?“, wollte ich wissen.

Plötzlich traten Tränen in Sally Augen. „Mandy, Nathaniel, Kira, Jason und Kurt. Es ist allein ihr Verdienst, dass ich nicht längst verschwunden bin. Sie waren schon immer stärker als ich. Sie hielten mich zurück. Blockierten die Türen, wann immer sie auftauchten, trotz der Gefahren, trotz der Versuchung, auch wenn sie sie nicht endgültig verschließen konnten.“

„Die Türen haben sie aber nicht zu dem gemacht, was sie jetzt sind, oder?“, vermutete ich.

„Nein“, antwortete Sally kopfschüttelnd, „das hat einen anderen Grund. Die weglosen Türen waren nicht das Ende unserer Leidensgeschichte, musst du wissen. Aber vielleicht waren sie die Einfallstore, durch die die Geister endgültig in diese Welt kamen. Nur wenige Wochen nachdem die Türen erschienen waren, kamen die … Nebelkinder. Ich nenne sie so, weil ich keinen besseren Begriff dafür habe und weil sie durchaus an Kinder erinnern …“

„Reden wir von den Geschöpfen, die Tom entführt haben?“, fragte ich.

„Ja und nein“, erwiderte Sally, „anfangs sahen sie nicht so menschlich aus. Nicht ganz. Sie kamen zu unseren Häusern, klingelten oder klopften, und wenn wir ihnen öffneten, standen sie einfach so da – reglose, kindergroße, humanoide Gestalten ohne erkennbares Geschlecht und beinah ohne Gesichter. Alles, was sie besaßen, war eine große, dreieckige Öffnung mit nach unten ausgerichteter Spitze, die einen Großteil ihrer grauhaarigen Köpfe einnahm und die sowohl Mund als auch Auge oder nichts von beidem sein konnte. Denn alles, was man darin sah, war Dunkelheit.

Wenn Erwachsene oder Jugendliche ihnen öffneten, taten sie ihnen nichts, sprachen nicht mit ihnen, gingen aber auch nicht fort und ließen sich nicht vertreiben. Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang gaben sie dann ein hohes, klagendes Fiepen von sich, das viele an den Rand des Nervenzusammenbruchs brachte.

Zu diesem Zeitpunkt gab es nur einen einzigen Weg, sie loszuwerden: Ein Kind mit ihnen reden zu lassen, das noch nicht die Pubertät erreicht hatte. Wenn das geschehen, flüsterten sie irgendetwas, was nur die Kinder verstehen konnten und nahmen sie mit sich, führten sie einfach in die Nacht hinaus wie hypnotisierte Puppen. Jeder, der versuchte, ihnen ihre willige Beute zu entreißen, bezahlte dafür mit dem Leben. Getötet entweder von den Nebelkindern oder vom eigenen, betörten Nachwuchs.

Wer sie jedoch ziehen ließ, blieb verschont und hat vorerst keinen Besuch mehr von ihnen zu erwarten. Entdeckt hatte man dies zunächst durch unglückliche, tragische Zufälle, denn wohl kaum jemand würde seine Kinder einfach so in sein Verderben gehen lassen. Doch mit der Zeit und nach vielen schlaflosen Nächten voller unruhiger Träume, kamen einige Eltern zu dem Schluss, dass man für ein wenig Schlaf durchaus ein Opfer bringen kann. Manche von ihnen waren sogar so gewissenlos, so verdorben, dass sie danach tatsächlich Ruhe und Erholung fanden.

Andere jedoch erkannten bald, was sie getan hatten und begaben sich entweder auf die Suche nach ihren Kindern oder vertrauten sich den weglosen Türen an, um ihren Schuldgefühlen zu entgehen oder sich selbst zu richten. Sie alle kehrten nie zurück.

So wurde die Stadt nach und nach entvölkert und die einzigen, die übrigblieben, waren trauernde oder herzlose Eltern, einige Kinderlose, wir Jugendliche und eine Handvoll Kinder, die die Geister noch nicht in ihre Klauen bekommen hatten.

Jetzt, es war genau der einunddreißigste Oktober, war die Zeit gekommen, in der kein neuer Tag mehr anbrach. Die Uhr lief weiter, aber keine Sonne erhob sich mehr am Horizont und auch die Jahreszeiten schienen stillzustehen. Seitdem ist es immer Herbst und immer Nacht. Manchmal regnet es, manchmal stürmt es, manchmal nicht, aber immer seit jenem Tag ist es ungemütlich, kalt und feucht. Und als wären all diese Dinge noch nicht Folter genug, stellten wir bald fest, dass unsere Lage noch weitaus schlimmer war als gedacht.

Spätestens jetzt, wo kein Zweifel mehr daran bestand, dass Samnia sich auf direktem Weg in die Hölle befand, versuchten viele der Überlebenden, diesem seltsamen Albtraum auf der einzigen, gewundenen Straße zu entkommen, die zu zwei Seiten aus der Stadt hinausführte. Es wird dich sicher nicht wundern, dass es ihnen nicht gelang. Wer es an der Nordseite versuchte, ging immerhin nicht verloren. Sobald er einen bestimmten Punkt überschritten hatte, landete er einfach wieder im Stadtzentrum. Diejenigen, die es es jedoch auf der Südseite probierten, wurden gefangen und … verzerrt.

Sie blieben einfach in der Luft stecken, wurde von unsichtbaren Kräften nach oben gezogen, wo ihre Glieder zerdrückt, unregelmäßig verformt und wie zu dünnem Papier zusammengepresst wurden. Dort hängen sie seitdem, wie menschliche Tintenkleckse, einfach in der Luft und bilden ein schreckliches, verdrehtes Muster, das nur sichtbar ist, wenn es regnet.

Keiner kann sagen, ob sie noch leben, ob sie gefangen sind in ihrem Zustand oder ob lediglich ihre zerquetschten Körper dort herumhängen ohne je zu verrotten. Ein abschreckendes Beispiel, sollte man meinen.

Trotzdem hielt sich lange Zeit hartnäckig das Gerücht, dass ein Entkommen auf diesem Weg möglich sei, wenn man die richtige Zeit wählt und die richtige Kleidung, die richtigen Gegenstände, das richtige Wort oder die richtige Einstellung mitbringt. Diese falsche Hoffnung wurde noch befeuert durch die Passanten, Autofahrer und Gebäude, die gleich jenseits dieser unsichtbaren Barriere zu sehen sind.

Ein großes Puppentheater, wenn du mich fragst, aber diese vermeintlichen Personen winkten, sprachen und lockten mit großem Geschick und spielten mit der Verzweiflung der Einwohner. Auch meine Eltern hängen nun dort. Sie hatten mich mitgenommen, im Glauben, gemeinsam mit mir fliehen zu können, nachdem eine Juwelierin ihnen für teures Geld einen angeblichen Talisman verkauft hatte. Ich hatte versucht ihnen klarzumachen, dass es nicht funktionieren würde, dass auch wir dort hängenbleiben würden. Doch sie hatten nicht auf mich gehört. Sie hatten mich eisern festgehalten, als wäre ich ihr verfluchter Besitz. Doch im letzten Augenblick, als ich schon den gierigen Sog der Barriere gespürt hatte, war es mir gelungen mich loszureißen und ich bin einfach fortgerannt, ohne mich umzudrehen. Seitdem hatte ich mich der Barriere nie wieder genährt.“

Sally hielt kurz inne, schluckte schwer und fuhr dann fort.

„Nicht jeder fiel auf diesen Trick herein, aber viele. Und denen, die hier ausharrten, erging es nicht viel besser. Inzwischen waren die Nebelkinder zurückgekehrt, wie du ja selbst gesehen hast. Sie besaßen – oder nutzen – nicht mehr die Macht, Kinder zu hypnotisieren, aber dafür verfügten sie jetzt über andere, gefährliche Kräfte. Und sie trugen nun Gesichter. Gesichter, die vielen von uns schmerzlich bekannt vorkamen. Sollte ich Tom je unter ihnen erblicken müssen, würde ich …“

Sally verstummte und nahm einen großen Schluck von ihrem Kürbislikör und dann gleich noch einen, so hastig, dass sie husten musste und die orangerote Flüssigkeit aus ihren Mundwinkeln herauslief.

„… jedenfalls wollten sie beenden, was sie begonnen hatten: sich alle Kinder zu holen, die es in Samnia gab. Warum, weiß ich nicht. Aber wir Teenager waren jetzt alle, die sie noch vor ihnen beschützen konnten, denn aus irgendeinem Grund waren wir resistenter gegen die Verlockungen der Barriere und dem Ruf der Türen. Klar, einige von den überlebenden Erwachsenen waren auch ganz in Ordnung, aber die guten tendierten leider dazu nach und nach zu verschwinden und die restlichen waren ziemlich gemeine Wichser. Und gemeine Wichser, denen langweilig ist, kommen oft auf dumme Gedanken, ganz besonders, wenn Kinder in Reichweite sind. Doch mit so etwas kennst du dich sicher aus, oder? Wie viele Kinder hast du bereits auf dem Gewissen?“

„Eines“, antwortete ich wieder wie automatisch und gegen meinen Willen, „aber ich habe es nicht getötet.“

„Wie gütig“, bemerkte Sally zynisch. Ihr Blick drückte reinste Verachtung aus, „was dann? Hast du es gefoltert? Vergewaltigt? Hast du deinen Spaß gehabt, seine kleine Seele zerrissen, alle Spuren verwischt und dann einfach weitergemacht?“

„Nein“, gab ich widerwillig Auskunft, „aber ich entführte es und ließ zu, dass man es in einen engen Kasten einsperrt. Für immer.“

Sally spuckte aus. Es hätte einer der Kürbiskerne sein, die in dem Getränk schwammen, aber natürlich wusste ich es besser. Ich schämte mich. Doch nicht sehr. Damals war nicht viel Platz für Scham in mir gewesen.

Sie nahm sich ein Taschentuch, wischte sich den Mund ab und sprach weiter. „Auf jeden Fall hatten wir es nun mit zwei Arten von Ungeheuern zu tun. Mit Geistern und Erwachsenen. Manchmal halfen uns letztere gegen erstere – schon allein aus Angst ihren liebsten Zeitvertreib zu verlieren – doch zumeist standen wir gegen beide. Wir nannten uns die Herbstwächter.“

„Herbstwächter?“, wunderte ich mich, „klingt nett. Aber wozu überhaupt ein Name?“

„Du findest es albern, nicht?“, sagte Sally mit einem trockenen Kichern, das auch ein Laut der Verzweiflung sein konnte, „wie in irgendeinem Teenie-Klamauk oder bei den fucking Drei-Fragezeichen, stimmt’s? Früher hätte ich das auch so gesehen, aber so ein Name gibt einem das Gefühl von Gemeinschaft, davon für etwas einzustehen und vielleicht doch eine Chance zu haben. Das mag ein Trugschluss gewesen sein, aber es war alles, was wir hatten und es half uns, nicht völlig den Verstand zu verlieren.“

Ein bitterer Zug erschien um ihren Mund, als sie das sagte und das Zittern in ihrem Gesicht legte nahe, dass sie Tränen zurückhielt.

„Das mit deinen Freunden tut mir leid“, sagte ich aufrichtig, „aber du hast mir noch immer nicht erzählt, was es mit Mandy und den anderen auf sich hat. Warum haben sie sich so verändert?“

„Dazu wollte ich gerade kommen“, sagte Sally und machte eine kurze Pause, als Mandy ein besonders lautes Schnarchen von sich gab, „anfangs, als die Nebelkinder ihre zweite, aggressivere Angriffswelle starteten, waren wir fast rund um die Uhr im Einsatz. Wir bewaffneten uns mit allem, was wir finden konnten – Pistolen, Gewehren, Messern, Besen, Harken oder Äxten – und hielten sie auf Distanz. Dafür hatten wir uns in diesem Haus, dem Haus meiner Eltern verschanzt und alle Kinder aus der Nachbarschaft hierhin gebracht. Wann immer uns die Geister zu nahe kamen, griffen wir sie an und vertrieben, verwundeten oder töteten sie sogar. Doch sie kamen immer wieder und wieder. Es war ein regelrechter Krieg und an Schlaf war kaum zu denken. Nach vier Tagen waren wir so erschöpft, dass wir kaum noch unsere Augen aufhalten konnten und wir waren sicher, das dies unser Ende sein würde.

Also scharten wir uns um die Kinder, nahmen unsere Waffen zur Hand und warteten darauf, im Schlaf gemeuchelt zu werden oder den Bastarden ein letztes Mal Paroli zu bieten. Doch es kam anders. Als wir am nächsten Morgen erwachten – den wir nur so nannten, weil die Uhr ihn uns anzeigte – waren wir alle noch am Leben und fühlten uns so wohl und ausgeruht, wie schon lange nicht mehr. Und so war es auch am nächsten Morgen und an dem darauf, Zunächst blieben wir skeptisch und wachsam, doch schließlich wagten wir zu hoffen, dass der Spuk zwar vielleicht nicht vorbei war, aber zumindest seinen Höhepunkt erreicht hatte.

Die Stadt blieb ein Gefängnis, die Nacht herrschte ungebrochen, aber – so schien es immerhin – wir mussten nicht länger um unser Leben fürchten. So beschlossen wir zu feiern. Immerhin war ja Halloween und die Kinder, aber auch wir, hatten sicher ein wenig Spaß verdient und so taten wir unser Bestes, um uns einen schönen Abend zu machen. Auch wenn es in unserem Haus kaum noch Vorräte gab und auch an Kostümen und Deko ironischerweise Mangel herrschte, da wir vieles für Barrikaden, improvisierte Waffen, Ablenkungsmanöver oder dergleichen verwendet hatten. Aber wir bastelten uns Outfits aus Bademänteln, Mützen, Schals und Brillen und schminkten unsere Gesichter mit dem, was wir an Make-up im Haus hatten. Wir konstruierten Spinnennetze aus weißer und schwarzer Wolle und fertigten kleine Geister aus Kissenbezügen und Taschentüchern. Das alles machte uns einen Riesenspaß und ließ uns die Strapazen und Ängste der letzten Tage wenigstens für eine Weile vergessen.

Mandy blieb unten, um Wache zu schieben und das Essen vorzubereiten, während wir anderen die Kinder partytauglich machten. Als wir jedoch unten ankamen, lagen auf den Tellern nicht die erwarteten trockene Schwarzbrotscheiben mit Kidneybohnen oder Schüsseln mit Mais, Senf und Mayonnaise. Stattdessen stand auf dem Tisch ein üppiges Festmahl aus mit Zuckeraugen verziertem Wackelpudding, würziger Kürbissuppe, kleinen Lakritzvampiren, schwarz gefärbten Spaghetti mit grüner Soße, Kürbislikör und vielem mehr und Mandy trug ein kunstvoll gearbeitetes, gruselig-realistisches Hexen-Outfit mitsamt Hut und Zauberstab.

‚Wo zur Hölle hast du das aufgetrieben?‘, hatte ich Mandy verwundert gefragt, während nicht nur die Augen der Kinder immer größer geworden waren.

‚Das hat mir der Teufel geschenkt‘, hatte sie mit krächzend verstellter Stimme geantwortet und erst finster und dann immer fröhlicher gelacht, ‚es ist einfach so erschienen. Und das ist noch nicht alles.‘

Dann hatte sie erst auf die Skelette, Grabsteine, Spinnweben und eine Menge weiterer gruseliger Dekoration an den Wänden gezeigt und dann auf eine Reihe nagelneuer Outfits, die ordentlich zusammengefaltet auf der Couch lagen: Geister, Mumien, Werwölfe, Zombies und vieles mehr, alles in bester Qualität und in zwei verschiedenen Größen.

Ich teilte jedoch Mandys Begeisterung und die der Kinder nicht. „Zieh das sofort wieder aus“, hatte ich von ihr verlangt, „bisher hat uns alles, was hier einfach so erschienen ist, nur Unheil gebracht. Die Türen, die Barriere, die Nebelkinder. Ich werde nicht mal in die Nähe dieser Klamotten kommen.“

„Jetzt stell dich nicht so an“, hatte Mandy lachend widersprochen, „das ist nur etwas Stoff und Plastik, mehr nicht. Und selbst wenn es mehr wäre als das, wieso sollten hier nicht auch hilfreiche Dinge erscheinen? Vielleicht gibt es ja auch Mächte, die die Nebelkinder genauso hassen wie wir. Schon mal darüber nachgedacht?“

„Das ist Wunschdenken“, hatte ich beharrt. Meine Mahnungen waren jedoch nicht nur bei ihr auf taube Ohren gestoßen, sondern auch bei Kira, Jason und Kurt. Da ich keinen Bruch mit meinen Freunden riskieren wollte, blieb ich als einzige in ein schlichtes, albernes Bettlaken gehüllt und das für mich bestimmte Outfit – ein Vampir – blieb unangetastet. Das heißt, ich war nicht ganz die einzige, die verzichtete. Mein Freund Nathaniel blieb – vor allem mir zuliebe – ebenfalls unverkleidet, selbst wenn seine Blicke immer wieder sehnsüchtig zu dem stylischen Schlangenmenschenkostüm herüberwanderte, das anscheinend für ihn bestimmt war.

Auch die Kinder konnte ich nicht davon abhalten, sich zu verkleiden, was das ungute Gefühl in mir noch verstärkte. Und während ich mit den anderen am Tisch Platz nahm, die sich ihre schauerlich veränderten Gesichter mit köstlich duftenden Speisen rätselhaften Ursprungs vollstopften, nahm ich nervös Nathaniels Hand, da ich fest damit rechnete, schon bald waschechten Ungeheuern gegenüberzusitzen.“

Sally hielt inne, als sie bemerkte, wie ich meine Tasse mit dem Kürbislikör hastig absetzte.

„Keine Angst“, sagte sie bitter lächelnd, „die Speisen und Getränke erwiesen sich als harmlos. Andernfalls hätte ich mich damals auch verändert. Denn selbst, wenn ich die Partystimmung der anderen nicht teilte und darauf verzichtete mich zu verkleiden, konnte ich dem Essensduft schließlich nicht mehr widerstehen. Zu lange hatte ich mich von rationierten Konserven ernährt. Auch meine anderen Befürchtungen blieben fürs Erste unbegründet. Meine Freunde und die Kinder unterhielten sich, spielten Partyspiele, lachten und scherzten, aber niemand kam auf die Idee Amok zu laufen. Trotzdem sollte der Abend nicht so verlaufen, wie wir es uns erhofft hatten.

Es war bereits spät in der Nacht, als es an der Tür klopfte. Das verwirrte mich etwas, denn bei den letzten Angriffen der Nebelkinder hatten sie sich nicht angekündigt, sondern einfach versucht, durch die Tür zu brechen.

Ich weiß nicht genau warum, aber noch bevor die anderen die Gelegenheit hatten, zur Tür zu gehen, war ich bereits aufgestanden und hatte geöffnet. Doch da war niemand. Angestrengt starrte ich in die Nacht hinaus, zu den anderen Häusern, zu den Hecken in unserem Vorgarten, der Vogelscheuche, den Kürbissen und den großen Skeletten, doch niemand schien sich dahinter zu verstecken und es gab auch kein Zeichen, keine Botschaft, keinen verdächtigen Nebel oder dergleichen. Nach einigen Augenblicken stieß Nathaniel zu mir, doch auch er entdeckte nichts und niemanden. Gerade als wir beschlossen hatten, die Tür wieder zu schließen und zurück ins Haus zu gehen, brach die Hölle los.

Sie kamen von allen Seiten. Durch Fenster, Böden, die weglosen Türen, ja sogar durch die Decke. Die Kinder schrien, riefen um Hilfe, rannten weg und versteckten sich und sowohl Nathaniel und ich, als auch die anderen versuchten sie zu beschützen, doch vergeblich.

Innerhalb weniger Sekunden waren wir vollständig von Nebelkindern eingekesselt. Sie waren anders gewesen damals. Anders sogar, als du sie kennengelernt hast, aber ganz anders als bei ihren ersten Besuchen. Wilder, aggressiver, gnadenloser.

Die Kinder wollten sie entführen, ja, aber uns wollten sie beißen, kratzen, würgen und töten. Wie gesagt, eigentlich hatten wir keine Chance. Aber dann … nun … dann erwachten die Kostüme. Jason war der erste gewesen, der sich verwandelte. Als ich es bemerkte, hat mich das noch viel mehr erschreckt, als der Überfall unserer Feinde. Vor allem, weil es so schnell ging. So unglaublich schnell.

Aber so schrecklich es war, es war auch hilfreich. In seiner Wolfsgestalt verletzte Jason eines der Nebelkinder so schwer, dass es reglos liegengblieb und ihm ein Schwall jener Süßigkeiten aus dem Leib sprudelte, die sie anstelle von Blut in ihren Körpern tragen. Einige weitere konnte er zumindest verscheuchen. Doch erst als Mandy sich verwandelte, bekamen sie richtig Angst. Mandy beherrschte plötzlich Zaubersprüche, die sie nie zuvor gelernt hatte. Ohne große Mühe verwandelte sie die Nebelkinder in Kröten, ließ sie zu Stein erstarren oder in Flammen aufgehen und verwandelte einige von ihnen sogar in riesenhafte Eiterbeulen, die in Kaskaden aus Schleim, Konfekt und Karamell explodierten.

Als dann auch noch Kira ihre Transformation durchmachte und mit ihren Ketten wütete und Kurt anfing seine tödliche Sense zu schwingen, dauerte es nicht mehr lange, bis sie die Flucht ergriffen. Ich weiß nicht, ob es damals einem von uns gelang sie wirklich zu töten, oder nur die Körper der Kinder, die sie gestohlen hatten, aber zumindest entführten sie an diesem Abend kein weiteres Kind. Und anders als wir Jugendliche verwandelten sich die Kinder auch nicht in Monstren. Ihre Kostüme blieben einfach nur Kostüme.

Als der Angriff vorüber war, war ich zum ersten Mal mit jenen Kreaturen allein, die einmal meine Freunde gewesen waren. Ich sah ihre unmenschliche Gier, ihren grundlosen Hass und ihren von jeder Moral befreiten Geist in Gesichtern lodern, die mir nun viel, viel zu nah waren.

Dabei wurde mir bewusst, dass weder ich noch Nathaniel die geringste Chance haben würden, gegen sie zu bestehen. Doch zu meinem Glück schien die Verwandlung damals noch nicht permanent zu sein. Noch bevor es für uns gefährlich werden konnte, wurde aus grüner Hexenhaut wieder Stoff, aus Werwolfsfell kratziger Kunstpelz und aus schimmernder Geisterhaut eine etwas hübschere Version meiner eigenen, albernen Kostümierung.

Auch der Verstand schien in meine Freunde zurückzukehren. Zumindest zum Teil, denn als ich ihnen riet, nein, sie anflehte, ihre Verkleidungen abzulegen und wegzuschmeißen, hörten sie nicht auf mich. Ganz im Gegenteil: Nathaniel, der bis jetzt genau wie ich auf ein Kostüm verzichtet hatte, war offenbar nicht schockiert, sondern beeindruckt von dem, was er gesehen hatte. Also schnappte er sich sein Schlangenkostüm und begann es überzustreifen. Selbst, als ich ihm damit drohte, mit ihm Schluss zu machen, hielt ihn das nicht davon ab.

‚Tu, was du willst‘, hatte er traurig, aber entschlossen gesagt, ‚du hast gesehen, wie gefährlich die Nebelkinder geworden sind und was für eine Macht diese Kostüme über sie haben. Unsere Sicherheit und die der Kleinen ist mir wichtiger als alles andere. Selbst als unsere Beziehung.‘

Das tat weh. Sehr sogar. Aber nicht so sehr, wie der Moment, in dem Nathaniel den Reißverschluss seines Kostüms bis zum Anschlag hochzog. Eine Trennung, so dachte ich schon damals, konnte man vielleicht rückgängig machen. Das hier nicht. Zu dieser Zeit überlegte ich ernsthaft unsere Gruppe zu verlassen und in der Stadt nach weiteren Überlebenden zu suchen, auch wenn ich nach diesem massiven Angriff nicht mehr sicher war, ob es noch welche gab. Aber mit einem hatte Nathaniel recht: Ich konnte die Kinder, die wir so lange beschützt hatten, nicht einfach im Stich lassen. Also blieb ich.

Da niemand von uns wusste, wann der nächste Angriff kommen würde, nutzten wir die Zeit, um die Schäden zu reparieren, die die Nebelkinder angerichtet hatten. Dabei versuchten meine kostümierten Freunde sogar, die Kräfte ihrer Verkleidungen zu nutzen, in der Hoffnung so schneller arbeiten zu können. Aber welche Magie ihnen auch immer darin wohnte, sie ließ sich auf diese Weise nicht herbeirufen, sondern folgte allein ihrem eigenen Willen.

Trotzdem kamen wir einigermaßen voran, auch wenn wir viel improvisieren mussten und ich half natürlich nach Kräften mit. Dennoch kühlte sich das Verhältnis zu meinen Freunden mit jedem Tag, ja sogar mit jeder Stunde, die verging, weiter ab. Sie spürten, dass ich sie für Ungeheuer hielt und ich hatte meinerseits nicht den Eindruck, ihnen noch trauen zu können, auch wenn sich bis dahin niemand von ihnen allzu auffällig verhielt. Da aber die Angriffe fürs Erste wieder ausblieben – vielleicht, weil sich die Nebelkinder noch von ihren Verlusten erholten -, gelang es uns schließlich, alle Schäden zu reparieren. Sogar die weglosen Türen verbarrikadierten wir noch sorgfältiger als zuvor.

Aber der Riss zwischen uns konnte nicht gekittet werden. Er wurde sogar noch breiter und unsere Gespräche wurden immer seltener und angespannter. Schließlich zog ich mich endgültig in mein Zimmer zurück, wo ich ganz für mich blieb, manchmal nervös meine Tür beobachtete und betete, dass keine weitere erschien.

Hinunter zu den anderen ging ich nur noch, wenn ich nach den Kindern sah, mir etwas zu essen besorgte oder es einen Angriff gab. Denn nach einigen Tagen, in denen sie sich ihre Wunden geleckt hatten, nahmen die Nebelkinder ihrem Kampf gegen uns wieder auf, auch wenn es uns jedes Mal gelang, sie abzuwehren.

Das UNS ist in diesem Zusammenhang jedoch übertrieben. Ich hatte kaum noch etwas zur Verteidigung beizutragen. Oft genug kam ich im Getümmel nicht mal dazu, einen einzigen Schuss oder Schlag abzugeben, da die Fähigkeiten meiner Freunde mit jedem Angriff weiter wuchsen, sei es nun durch Übung oder durch die finstere Magie ihrer Kostüme.

Das war auch ihnen nicht entgangen, weswegen sie mich immer seltener zur Hilfe riefen. Sie – das ließen sie mich spüren – waren wie die verfluchten Avengers und ich war im Grunde gar nichts. Dennoch war ich ihnen deshalb nicht wirklich böse. Ich wusste, hoffte vielleicht auch nur, dass allein die Kostüme an all dem Schuld waren, dass es ein weiterer Versuch der Geister war, unseren Widerstand zu brechen, selbst wenn dieser Mummenschanz uns augenscheinlich Stärke gab.

Trotzdem resignierte ich mehr und mehr. Ich dämmerte nur noch vor mich hin, starrte die meiste Zeit an die Wand oder durch die Ritzen in meinem zugenagelten Fenster, während der Wind kalt um unser Haus pfiff. Jedenfalls bis zu jener ganz besonderen Nacht, in der ich aus einem üblen Traum erwachte und diese Laterne auf meinem Nachtisch fand. Einen grinsender Kürbis mit flackernder Flamme und einem Metallring mit lauter, krummen, eigenartigen Schlüsseln daran. Erst hielt ich sie für einen weiteren Teil der ominösen Halloween-Dekoration und wollte sie einfach ignorieren. Dann jedoch klopfte es an der Tür. Nicht höflich, nicht aggressiv, sondern eindeutig panisch.

‚Wer ist da? Was ist los?‘, hatte ich gefragt.

‚Ich bin’s, Tom, lass mich rein, Bitte! Sie sind alle verrückt geworden!‘, war die Antwort gekommen und auch wenn ich eine List der Geister nicht hatte ausschließen können, hatte ich nicht gezögert zu öffnen. Besser, ich gefährdete mich selbst, als Tom im Stich zu lassen. Zum Glück hatte mich meine Intuition nicht getäuscht, denn es war tatsächlich der Junge, mit verwuschelten Haaren und in seinem geliebten Bärenpyjama. Zitternd, schweißgebadet, blutbesudelt, voller blauer Flecke und mit traumatisiertem Blick sprang er förmlich in meine Arme und ich schloss sofort die Tür hinter ihm, auch wenn ich im Treppenhaus nur Dunkelheit und keinen Verfolger erkennen konnte.

‚Alles gut‘, hatte ich so dümmlich wie gut gemeint gesagt und ihm über den verschwitzten Kopf gestrichen, ‚erzähl mir, was genau los ist?‘

Dabei betätigte ich den Lichtschalter, um das schwache Laternenlicht durch eine bessere Beleuchtung zu ersetzen, aber nichts geschah.

‚Das brauchst du nicht zu versuchen‘, hatte mir Tom mit überschlagender, kieksiger Stimme erklärt, ‚die Lichter gehen nicht mehr. Es ist alles ganz dunkel. Aber dort sind die Schreie… und das Blut … und diese Stimmen … ich … ich weiß nicht, ob … ob den anderen was passiert ist.‘

‚Waren es die Geister?‘, hatte ich gefragt, erschüttert und nach dem letzten Strohhalm greifend, der mich vor meinen eigenen, düsteren Ahnungen hätte bewahren können.

‚Nein‘, hatte Tom mit großen Augen geantwortet, „ich glaube nicht. Sie waren nie so … grausam.‘

Tom hatte dieselbe Vermutung wie ich, das war mir spätestens jetzt klar geworden. Aber er sprach sie nicht aus, denn auch er erkannte, dass ich es wusste, dass ich es die ganze Zeit über gewusst hatte.

Mangels einer anderen Lichtquelle griff ich mir die Laterne und die Flinte neben meinem Bett und ging hinunter. Tom wollte mir folgen, aber ich hielt ihn davon ab. ‚Bleib hier, hörst du und lass niemand anderen als mich hinein‘, hatte ich von ihm verlangt, ‚ich werde fünfmal klopfen, wenn ich zurück bin, okay?‘

Tom nickte, aber ich glaube nicht, dass er davon ausging, mich jemals wiederzusehen.

Das Licht der Laterne reichte nicht sehr weit, aber kaum, da ich die Treppe so leise wie möglich hinabgegangen war, sah ich die ersten Spuren von dem, was Tom mir beschrieben hatte. Lange Blutspuren auf dem Boden, Kratzer an den Wänden, zerschlagene Vasen, zersplitterte Regale und Fußspuren von Menschen, Tieren und anderen Kreaturen. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass es wieder etwas heller wurde, und zwar auch jenseits des Lichtkreises meiner kleinen Laterne.

‚Nathaniel!‘, hatte ich gerufen, ‚Mandy, Jason, Kurt, Kira, wo seid ihr?!‘

Eine Antwort erhielt ich nicht. Das war aber auch nicht nötig, denn kaum da ich das Wohnzimmer betreten hatte, gingen schlagartig die Lichter an und ich erblickte meine Freunde, in ihrer vollen Kostümgestalt, wie sie sie sonst nur trugen, wenn die Geister angriffen. Doch das war es nicht, was mich bis ins Mark erschütterte, was mir die Tränen und die Kotze synchron aus dem Körper schießen ließ. Nein, es war das, was sie in den Händen hielten.

Beine, Arme, Köpfe und rohe Fleischstücke von Lisa, Ned und Laura – jenen Kindern, die wir zu beschützen geschworen hatten – steckten halb verspeist in ihren Fängen oder ruhten als blutige, perverse Trophäen in ihren Klauen, wo sie sie ohne sichtbares Mitleid betrachteten.

Mandy, die den augenlosen Kopf von Lisa in ihren krummen Händen trug, lachte sogar ein schablonenhaftes, gehässiges Lachen und streichelte dabei das schreckverzerrte Antlitz des toten Mädchens wie eine Katze, die auf ihrem Schoß hockte. Die Überreste der Kinder lagen blutend, leblos und zerfetzt auf Tischen und Böden. Viele von ihnen grotesk verformt, aufgebläht oder mit Krankheitsmalen versehen, die auf einen Fluch hindeuteten. Lediglich den kleinen Jon konnte ich nicht entdecken, doch der dicke, gedehnte Schlangenbauch von dem, was einmal Nathaniel gewesen war, ließ keine Zweifel an seinem Schicksal zu.

Einzig die kleine Stacey war noch am Leben, auch wenn ihr der Unterkiefer und das rechte Bein fehlten und ihre Haut mit entzündeten, schwärenden Pusteln übersät war. Sie wimmerte und schluchzte und der Schmerz, das Grauen, in ihrem Gesicht war fast mehr als ich ertragen konnte. Es zerriss mich innerlich.

Meinen Freunden, ihren Peinigern, jedoch war das alles gleichgültig. Zumindest seit sie mich gesehen hatten, hatten sie ihren Opfern keinerlei Aufmerksamkeit mehr geschenkt, aber immerhin hatten sie auch nicht versucht, ihr Zerstörungswerk an Stacey fortzusetzen. Auch mich griffen sie nicht an. Alles, was sie taten, war, mich wie hypnotisiert anzustarren. Im Nachhinein betrachtet hätte mich das natürlich wundern müssen, aber zu diesem Zeitpunkt, konnte ich mich kaum auf etwas anderes als dieses unmenschliche Massaker konzentrieren, welches sich vor meinen Augen entfaltete.

Rote Wut explodierte in mir und ich war kurz davor, diese Kreaturen, diese Ungeheuer allesamt über den Haufen zu schießen. Ich presste den Lauf meines Gewehrs gegen den blutverschmierten Wolfsschädel von Jason. Er kläffte und knurrte mich an, bewegte sich jedoch immer noch nicht und versuchte auch nicht, meine Waffe wegzuschlagen. Der Geruch nach Blut machte mich fast rasend und mein Finger krümmte sich langsam um den Abzug. Dann aber erinnerte ich mich daran, dass diese Monster einst meine Freunde gewesen waren und so ließ ich meine Waffe schließlich kraftlos sinken.

‚Haut ab!‘, hatte ich nur verlangt, ‚lasst Stacey und Tom in Ruhe und verschwindet!‘

Auch wenn ich nicht so richtig damit gerechnet hatte, hatten sie mir gehorcht. Jason, Mandy, Kurt, Kira und Nathaniel ließen ihre blutige Beute fallen und gingen wie Schlafwandler auf die Haustür zu. Dann öffneten und schlossen sie direkt wieder hinter sich. Als ich mir sicher war, dass sie gegangen waren, blickte ich in das gequälte, zerstörte, doch noch immer lebendige Gesicht von Stacey, von deren Oberkiefer ein schaumiger Strom aus Speichel und Blut troff.

Sie wollte mir etwas sagen, da bin ich mir sicher, aber ihr Zustand ließ es nicht zu.

‚Es ist gut‘, hatte ich dreist gelogen, ‚alles ist gut, meine Kleine.‘ Dabei dachte ich darüber nach, dass ich mittlerweile in einer Welt ohne funktionierende Krankenhäuser und ohne Ärzte lebte. Dann stellte ich die Laterne ab, packte meine Waffe mit beiden Händen, schloss die Augen, weinte und schoss.

Das Donnern des Schusses, der Staceys Leben und Leiden beendete, hätte beinah das Geräusch der sich öffnenden Tür übertönt und zusammen mit den langsam wieder erlöschenden Lichtern mein Schicksal besiegelt. Doch aus irgendeinem Impuls heraus, aus irgendeiner Ahnung heraus ließ ich die Waffe fallen und griff stattdessen nach der Lampe, die noch immer auf dem Boden stand. Wieder erwachten die Lichter und als ich mich umdrehte, erblickte ich Nathaniel, den Schlangenkopf weit geöffnet, bereit mich im Ganzen zu verschlingen und mich mit Jon zu vereinen, selbst, wenn ihn das wahrscheinlich auseinandergerissen hätte.

Spätestens jetzt waren mir zwei Dinge klar geworden: Meine Freunde waren inzwischen nichts weiter, als gefährliche Marionetten und diese seltsame Laterne war alles, was fortan zwischen mir, dem sicheren Tod und der absoluten Finsternis lag.

Also achtete ich fortan darauf, sie niemals wieder abzulegen, nicht einmal im Schlaf und folgte der einzigen Mission, die für mich noch Sinn ergab: Tom zu verteidigen und zu beschützen, mithilfe meiner von der Laterne gesteuerten Freunde, die alle seine Freunde getötet hatten. Denn auch wenn mir und Tom eigentlich nur danach zumute war uns im Bett zu verkriechen und zu weinen, ließ uns diese Welt keine Zeit dazu. Die Angriffe der Nebelkinder erfolgten immer noch. Immerhin gab es immer noch mindestens ein Kind in Samnia, das nicht ihrer Kontrolle unterlag. Und auch die weglosen Türen hatten hörten nicht auf zu erscheinen, sprossen weiter wie Pilze aus den Wänden, den Decken und sogar aus dem Boden, so als wollten sie auch das kleine bisschen Normalität zersetzen, das uns noch geblieben war. Und auch wenn die Laterne mir ständig neue Schlüssel lieferte, um diese Türen zu verschließen, erforderte es eine Menge Konzentration, den Überblick zu behalten und zu reagieren, bevor die Nebelkinder – oder irgendetwas anderes – diese Zugänge nutzen konnten.

Ob Tom inzwischen der einzige lebendige Junge in ganz Samnia ist, weiß ich natürlich nicht mit Sicherheit, aber auf meinen Streifzügen durch die Nachbarschaft sah ich zumindest nie wieder ein anderes Kind. Auch andere Jugendliche und anständige Erwachsene traf ich nicht mehr. Sie alle wurden wohl bereits von den Türen oder der Barriere geholt.

Die einzigen Erwachsenen, denen ich noch begegnete, versuchten genauso oft, mich zu kidnappen, zu bestehlen oder mich sogar zu ermorden, wie mir zu helfen. Oft genug sprangen sie mir nur gegen die Nebelkinder bei, in der Erwartung, dass ich im Gegenzug ihre perversen Gelüste erfüllen oder ihnen als Haushälterin dienen würde. Ohne die Lampe und die Hilfe meiner Freunde wäre ich wahrscheinlich schon längst in ihre Fänge geraten. Einmal war es sogar so knapp geworden, dass ausgerechnet Nathaniel sich für mich opfern musste. Tapfer hatte er sich gegen eine große Meute bösartiger Männer gestellt und uns die nötige Zeit verschafft, um zu verschwinden. Später hatte ich ich ihn natürlich gerufen, aber er ist nie erschienen. Ein weiterer wichtiger Mensch, den ich an Samnia verloren habe.

So also war in den letzten Wochen meine Lage – fast vollständig allein, belagert von den Geistern und üblen Menschen einer ganzen Stadt und umstellt von immer mehr weglosen Türen, die ich zwar verschließen kann, die jedoch immer schneller und schneller erscheinen. Am meisten Sorgen bereitet mir aber, was jetzt geschehen wird. Sie haben die Kinder sicher aus einem bestimmten Grund zu sich geholt und jetzt, wo sie wahrscheinlich alle von ihnen haben, fürchte ich, dass etwas noch Schrecklicheres passieren könnte.“

„Glaubst du, sie brauchen sie für irgendein Ritual?“, fragte ich in die nachdenkliche Stille, die ihrem deprimierenden, ausführlichen Bericht folgte.

„Davon gehe ich aus“, erwiderte Sally, „doch selbst wenn nicht, können wir Tom nicht in ihrer Gewalt lassen. Er soll keines dieser Ungeheuer werden.“

„Ich soll dir also helfen ihn zu befreien“, schlussfolgerte ich und wenig überraschend nickte Sally.

„Aber wie?“, hakte ich nach, „haben diese Nebelkinder so etwas wie einen Unterschlupf oder ein Nest? Und weißt du, wo es sich befindet?“

„Nicht genau“, gestand Sally ein, „ich hatte lange danach gesucht und fast die gesamte Stadt durchkämmt, von der gebogenen Straße bis hin zur Barriere, doch ein Hauptquartier oder dergleichen fand ich nicht. Auch als meine Freunde noch sie selbst gewesen waren, hatten wir nichts entdecken können. Allerdings kommen die Nebelkinder manchmal durch die weglosen Türen und ich sah sie auch oft einfach im Nebel verschwinden, also glaube ich nicht, dass ihr Hauptquartier in der Stadt zu finden ist. Sie besuchen Samnia lediglich, wenn sie etwas von hier brauchen. Unsere Kinder zum Beispiel. Ich denke eher, dass sich ihr Sitz irgendwo dort befindet.“

Sie zeigte auf die verbarrikadierten Tür hinter mir, die sich schräg in der Wand gebildet hatte.

„Selbst wenn du recht hast …“, bemerkte ich skeptisch, „… wenn ich das richtig verstehe, befindet sich hinter diesen Türen ein regelrechtes interdimensionales Netzwerk. Welche Chance sollten wir haben, die Nebelkinder oder Tom dort aufzuspüren? Noch dazu in einer Ebene, die die meisten Besucher nie wieder verlassen können?“

„Du bist ein Wanderer zwischen den Welten, oder nicht?“, erwiderte Sally, „dich an solchen Orten zu bewegen sollte dir doch ein Leichtes sein. Außerdem haben wir die Laterne. Ich weiß zwar nicht, wie sie genau funktioniert, aber ich habe das sichere Gefühl, dass sie uns den Weg weisen kann.“

„Wenn du dir da so sicher bist, warum hast du es dann noch nicht versucht?“, fragte ich.

„Alleine dort hineinzugehen wäre Selbstmord“, erklärte Sally, „man braucht einen Anker, einen Begleiter, der einen bei Verstand hält. Ansonsten hat man praktisch überhaupt keine Chance, zurückzukehren.“

„Du hattest Tom“, entfuhr es mir, noch bevor mir die Absurdität dieses Einwandes bewusst wurde.

„Ich soll ein Kind in diese Horrordimension bringen? Wie kannst du überhaupt an so etwas denken?“, fragte sie empört, bevor ihr Gesicht einen abgeklärten, zynischen Gesichtsausdruck annahm, „entschuldige. Ich hatte vergessen, mit wem ich hier spreche. Kinder zu opfern, muss dir wie das Natürlichste der Welt erscheinen.“

„So ist es nun auch wieder nicht“, widersprach ich vehement.

Sally zuckte mit den Schultern, wahrscheinlich, um zu demonstrieren, wie wenig ihr meine Worte bedeuteten.

„Was ist nun?“, fragte sie, „bist du dabei, Seelenernter?“

Ich dachte einen Augenblick darüber nach. Wenn Sally recht hatte und hier die normalen Gesetze der Portalmaschine nicht galten, war mein eigenes Schicksal enger mit dem dieser Welt verknüpft, als mir lieb sein konnte. Ich hätte es natürlich darauf ankommen lassen können, aber zum einen hatte ich ja schon in der Weihnachtswelt Noestria erlebt, dass die Manifia-Ebenen oft nach ganz eigenen Regeln funktionierten und zum anderen – selbst, wenn sie nicht die Wahrheit sagte, und die Formel, die mich nach Hyronanin teleportierte doch funktionierte, würde On-Grarin mich filetieren, wenn ich lediglich eine Teenagerin als Beute mitbrachte. Auch die automatische Rückkehr nach einer Stunde, die in den meisten Welten ein ehernes Gesetz der Portalmaschine war, würde mich praktisch dazu zwingen, möglichst schnell weitere Menschen aufzutreiben, die ich mit mir nehmen konnte. Sally war also so oder so meine beste Chance auf eine erfolgreiche Mission und immerhin ging es ja sogar zur Abwechslung um eine gerechte Sache.

„Ich stehe zu meinem Wort“, sagte ich deshalb bekräftigend, „wenn du zu deinem stehst.“

„Du wirst deine Opfer bekommen“, antwortete Sally kühl und leerte dabei ihr Glas mit Kürbislikör in einem Zug.

Dann wandte sie sich Mandy zu und strich ihr sanft über die runzeligen Augenlider, die sich kurz darauf öffneten.

„Bist du wieder einsatzbereit?“, fragte sie die Hexe.

„Ja“, krächzte diese, wobei ein Sabberfaden an ihrem warzigen Kinn hinablief.

„Gut“, sagte Sally, „dann hole die anderen herein und komme hierhin zurück.“

Die Hexe nickte, stemmte sich hoch und machte sich auf den Weg zur Eingangstür.

„Wir sollten keine Zeit mehr verlieren“, sagte Sally zu mir und zeigte auf die weglose Tür hinter uns, „Wir werden diesen Eingang nehmen, er ist noch frisch.“

~o~

„Wenn du die Tür verschlossen hast, warum hast du sie dann noch immer verbarrikadiert?“, fragte ich angestrengt, während ich den kleinen, aber unerwartet schweren Tisch zur Seite schob. Der Wolf, die Geisterfrau, die Kapuzengestalt und die wiederhergestellte Mandy taten keinen Handschlag, um uns zu helfen, sondern standen nur wie Statuen neben uns und starrten auf die Tür. Kurz hatte ich mit dem Gedanken gespielt, Sally darauf aufmerksam zu machen, aber dann ließ ich es doch lieber sein. Wenn sie ihre Macht über ihre Freunde nicht auf diese Weise gebrauchen wollte, würde das schon seinen Grund haben.

„Man kann nie vorsichtig genug sein“, erwiderte Sally, die ihrerseits eine der Kisten wegräumte, „die Lampe ist alles, was mich noch am Leben hält, sie bietet mir Schutz, Kontrolle und scheint der einzige Grund zu sein, warum noch nicht alle Lichter in der Stadt ausgegangen sind. Aber das heißt nicht, dass ich ihr auch vertraue. Um ehrlich zu sein vertraue ich nichts und niemandem mehr.“

„Vernünftige Einstellung“, meinte ich.

„Fürs Überleben vielleicht“, antwortete Sally bitter, „fürs Leben eher nicht.“

Als ich sicher war, dass Sally gerade nicht auf mich achtete, warf ich einen kurzen Blick auf meine bravianische Uhr, deren fremdartiges Zeitsystem ich inzwischen bereits in und auswendig kannte. Dass sich die Anzeige darauf seit meiner Ankunft nicht verändert hatte, sprach dafür, dass Sally mit ihrer zuvor geäußerten Behauptung recht hatte. Offenbar war diese Welt tatsächlich in einer Art Schleife gefangen, was ein Entkommen relativ unwahrscheinlich werden ließ.

Schließlich war der Zugang zur Tür frei. Sally holte sich eine Schrotflinte aus der Abstellkammer und suchte aus den Dutzenden von Schlüsseln, die an dem zur Lampe gehörenden Metallring befestigt waren, den Passenden aus. Er bestand in diesem Fall aus einem dünnen, leicht gebogenen Halm und einem Bart aus gekippten Quadraten und einer großen, gestauchten Spirale. Sie schob ihn in die Tür.

„Warte“, sagte ich, bevor sie den Schlüssel umdrehen konnte, „eine Frage hätte ich noch, bevor wir gehen.“

„Ja?“, sagte Sally ein wenig ungeduldig.

„Wo genau hattest du das Fleisch her, das du Mandy gegeben hast?“, fragte ich. Ich wusste nicht einmal, warum mich das interessierte, immerhin war diese Welt absurd genug, um alles Mögliche zu erklären – sogar einen abgetrennten Kinderarm in einem Gefrierschrank. Aber es schien mir wichtig zu wissen, mit wem ich unterwegs war, ganz besonders, wenn diejenige mir dank ihrer Fähigkeiten weit mehr vertrauen konnte als ich ihr.

Sally sah mich nervös an und blickte zu Boden und erst dachte ich, dass sie mir gar nicht antworten würde. Dann tat sie es doch. „Wie gesagt, ich habe niemanden dafür getötet, falls du das meinst, aber ich habe … praktisch gedacht.“

Es war nicht schwer, sich zusammenzureimen, was sie damit meinte. „Du hast ernsthaft die Leichen deiner Schutzbefohlenen portioniert und eingefroren? Mitten in diesem Massaker?“, erwiderte ich verblüfft, „also, ich will ja jetzt keine Vergleiche zwischen uns beiden anstellen, aber normal ist das auch nicht.“

Sally sah mich wütend an und ließ dabei nicht erkennen, ob ihre Wut aus meiner Äußerung resultierte oder daher kam, dass ich ins Schwarze getroffen hatte. Letztendlich schluckte sie aber ihren Zorn hinunter und ihre Gesichtszüge glätteten sich etwas. „In meiner Welt ist gar nichts normal“, sagte sie gepresst, „das wirst du gleich sehen.“

Dann öffnete sie die Tür.

~o~

Ich hatte schon die verschiedensten Wege genutzt, um in neue Welten zu reisen. Sei es nun mein Reisekatalog, der mir die zweifelhafte Ehre verliehen hatte ein Fortgeschrittener zu sein, die Portalmaschine in Hyronanin oder – in gewisser Weise – auch die Mentravia in Cestralia. Doch die weglosen Türen waren eine Kategorie für sich. Ich weiß nicht, auf welche Weise sie funktionieren oder zu welcher Sphäre die Ebene gehört, zu der sie führen. Am ehesten lässt sie sich wohl noch mit dem Geflecht vergleichen, jenem gespenstischen Raum, der die verschiedenen Welten im Multiversum umgibt und zusammenhält. Wo dieses jedoch – bei all seiner Düsternis und Fremdheit – einen Zweck erfüllt und einer gewissen Ordnung folgt, ist der weglose Raum eher wie ein Schrottplatz, eine flüchtige Staubwolke, der chaotische, einsturzgefährdete Dachboden des Multiversums, vollgestopft mit Gerümpel, in dessen Kontingenz sich beständig Wege öffnen, schließen, vermischen und auslöschen.

Entsprechend war auch der Pfad, der uns hinter der Tür erwartete, nicht einfach nur eine leere, endlose Gasse oder ein konturloses Nichts, wie Sally angedeutet hatte, sondern ein sinnesbeleidigendes, verwirrendes Durcheinander. Eine rissige Straße aus blau und rot lumineszierendem Asphalt, in den sich immer wieder kleine Inseln aus grünen Gräsern mischten, die in ihren Randbereichen langsam von organischer Masse in graue, spröde Asphaltgewächse übergingen, die gut in die Maschinengärten von Dank Qua gepasst hätten. Auch gab es Einsprengsel von Schotter, sandfarbenem Hallenboden und weichem, nassem Schlamm, sowie kleine, horizontale oder nach oben fließende Wasserfälle, deren Flüssigkeit aus dem Nichts erschien und verschwand. Und dies waren allein die Elemente, die ich von unserem Startpunkt aus sehen konnte.

Der Geruch in meiner Nase war mal stechend, mal blumig, mal würzig, mal vergoren und mal war es beinah so, als hätte irgendetwas die Sinneszellen in meiner Nase ausgebrannt und betäubt. Das einzige wirklich konstante war der kräftige, jedoch gerade noch nicht stürmische Wind, der hier beständig wehte, so als wollte er dieses Chaos einfach hinwegblasen oder alle vertreiben, die sich fatalerweise hierhin verirrt hatten.

Gleichzeitig spürte ich auch diesen Sog, vor dem mich Sally gewarnt hatte. Es war beinah das Gegenteil von dem, was ich in den trostlosen Eingeweiden von Xakrischidaa erfahren sollte: eine Verlockung, eine Versuchung, die einem versprach, endlich zu finden, was man sein Leben lang gesucht oder was man irgendwann auf seinem Weg verloren hatte. Trotzdem war es nicht schön, sondern unheimlich, verloren, tot.

„Diesen Ort hatte ich mir etwas anders vorgestellt“, meinte ich, wobei meine Stimme gegen den Wind einen recht schweren Stand hatte.

„So eine Version des weglosen Raums habe ich auch noch nie gesehen oder auch nur davon gehört“, sagte Sally, „normalerweise sind diese Zugänge konsistenter. Kaputt? Ja. Verdreht? Natürlich! Aber zumindest sind sie noch halbwegs logisch aufgebaut. Das hier allerdings … es muss an der Laterne liegen. Oder an dir.“

„Nicht mal in meinem Kopf sieht es so wirr aus“, witzelte ich, Sally blieb jedoch ernst und auch mir war schon bald nicht mehr nach Lachen zumute.

Als wir unsere ersten Schritte taten – mit Sallys verkleideten Freunden wie mit einem Hunderudel im Schlepptau – wurde es noch merkwürdiger. War der Himmel zuvor noch eine blanke, weiße Fläche gewesen, erschienen plötzlich wie aus dem Nichts braunschwarze Gewitterwolken, deren kubische Form jedoch mehr an Legosteine, denn an normale Wolken erinnerte. Immer wieder schickten diese Wolken Blitze hinab, die jedoch nicht sofort verschwanden, sondern stehen blieben, als surrende, knisternde Stäbe tödlicher Elektrizität, die wir möglichst weiträumig umgingen. Ein anderes Mal ploppte eine zerfließende, unregelmäßige Sonne am Himmel auf, deren kränkliche Strahlen wie bronzefarbenes Gift zu Boden sickerten und als wir durch sie hindurchschritten, hatte ich nicht nur das Gefühl mich durch einen Industriehochofen zu bewegen, sondern fühlte einen starken, grauenhaften Schwindel, der mich fast zur Seite kippen ließ.

„Vorsicht!“, rief Sally panisch und packte mich am Arm. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich beinahe den Rand der Straße verlassen hatte und mit einem Fuß in dem konturlosen, weißen Nichts hing, „ich habe von Menschen gehört, die in das Weiß gegangen sind. Sie haben sich einfach aufgelöst, sind vollkommen verschwunden, aber mit einem schmerzlosen Tod hatte das nichts zu tun, so viel kannst du mir glauben. Pass besser auf, wo du hintrittst!“

„Danke“, sagte ich, als ich mein Gleichgewicht zurückerlangt und wieder festen oder – in diesem Fall – matschigen Boden unter den Füßen hatte.

Wir gingen weiter und kamen an eine breite, plattformartige Stelle, an der sich der flickenhafte Pfad verzweigte, jedoch nicht nach Art einer gewöhnlichen Wegkreuzung. Stattdessen ging von dem Hauptpfad ein verworrenes Netz, dünner grauer Stege ab, allesamt gerade groß genug, um einen Fuß vor den anderen zu setzen. Mal verliefen sie gerade, mal wanden sie sich in engen Kurven nach oben oder schlängelten sich tief hinab, wo sie auf dutzende von Tunneln trafen. Einige davon flackernd, fragmentiert und offensichtlich instabil. Andere wirkten fast gezeichnet, wie schablonenhafte Drahtgittermodelle, mit einer zweidimensionalen, monochromen Landschaft dahinter. Wieder andere waren wabernde, feuchte Blasen, aus denen Stimmen und Gerüche hervorquollen wie aus einem deckellosen Kochtopf und dann gab es da noch solche, die massiv, trocken und fast schon normal wirkten: lediglich schlecht beleuchtete, klaustrophobische Verbindungstunnel auf einer extradimensionalen Autobahn.

Nichts davon erschien mir allzu einladend und doch verspürte ich in mir den Wunsch, all dies zu erkunden, zu erforschen, bis in den letzten, seltsamen, verdrehten, staubigen Winkel hinein und mich in den endlosen Gängen zu verlieren. Und ich bin mir fast sicher, dass ich diesem Drang nachgegeben hätte, wenn ich nicht schon seit vielen Wochen für On-Grarin über die Portalmaschine das halbe Multiversum abgeerntet hätte. Dadurch waren mein Fernweh und mein Hunger nach neuen Eindrücken zwar noch immer groß, aber nicht verzehrend und die Vernunft trug vorerst den Sieg davon.

„Sag mir bitte, dass du eine Ahnung hast, welchen Weg wir nehmen müssen“, brüllte ich durch den Wind.

Als keine Antwort kam, drehte ich mich zu Sally um und entdeckte, dass sie mit weit aufgerissenen Augen und Mund in den Himmel starrte, wo ein riesenhafter, regenbogenfarbener Spiralnebel rotierte, dessen zackenförmigen Enden immer wieder kleine schwarze Löcher in die weiße Leere schnitten. Aus diesen Löchern wiederum tropfte eine schwarze, gelartige Substanz, die sich auf ihrem Weg hinab verlor und als feiner, dunkler, klebriger Sprühnebel auf uns hinabschwebte.

„Sieh nicht hin!“, sagte ich zu ihr, schloss vorsichtshalber meine Augen und bedeckte ihre mit meiner intakten Hand. Das war womöglich ein Fehler, denn schon kurz darauf spürte ich einen heftigen Schmerz in meiner Hand, als Sally herzhaft hineinbiss.

„Verdammt, was soll das?“, fluchte ich, ohne jedoch meine Hand zu entfernen.

„Tut mir leid“, sagte Sally, deren Verstand endlich aus dem Griff des Phänomens befreit schien, „ich … ich hatte keine Kontrolle.“

„Schon in Ordnung“, sagte ich, obwohl die Wunde brannte und ich das Blut über meinen Handrücken rinnen fühlte, „dieses Ding ist … verlockend. Auch für mich. Hast du meine Frage denn gehört?“

„Habe ich“, sagte Sally und blickte mit gesenktem Kopf auf ihre Lampe. Der Kürbis, dessen flackernder Flamme anscheinend nicht mal der Wind etwas anhaben konnte, vibrierte heftig. Und die Schlüssel … sie tanzten, rutschten auf dem Metallring aufeinander zu und wanden sich in eine ganz bestimmte Richtung. „Ich glaube, wir müssen dorthin“, sagte Sally und zeigte auf einen vergleichsweise stabilen, dunkelgrauen Tunnel, der sich jedoch weit entfernt und noch dazu recht weit oben befand. Das bedeutete einen Aufstieg mit sicher vierzigprozentiger Steigung auf einem vielleicht fünfzehn Zentimeter breiten Steg, mit unklarer Oberflächenbeschaffenheit, bei starkem Wind.

„Das ist praktisch unmöglich“, befand ich.

„Und doch ist es der einzige Weg“, entgegnete Sally.

„Kann Mandy uns nicht einfach dort hinaufzaubern?“, fragte ich und sah zu Sallys Freunden, die völlig reglos und von allem unbeeindruckt hinter uns auf der Plattform standen. Leere Kostüme, die ihre einstigen Besitzer wohl schon lange aufgefressen hatten, selbst wenn Sally sich etwas anderes einreden mochte.

„Ich glaube nicht“, erwiderte Sally, „sie beherrscht einige Zauber, aber es sind eher solche, die zu einer typischen Märchenhexe passen. Vor allem Flüche und dergleichen. Massenteleportation gehört wohl eher nicht dazu.“

„Du könntest versuchen es ihr zu befehlen, dann finden wir es heraus“, schlug ich vor.

„So funktioniert das nicht“, entgegnete Sally, „dank der Lampe folgt sie mir, wenn ich es will und sie beschützt mich vor meinen Feinden. Ich kann ihr auch vage Absichten übermitteln, etwa welche Feinde mir gerade gefährlich werden. Aber ich kann ihr keine so komplexen, präzisen Befehle geben und selbst wenn sie könnte, weiß ich nicht, ob sie sie befolgen würde.“

„Und die anderen?“, fragte ich.

„Kira könnte vielleicht alleine dort hinaufschweben, aber davon hätten wir nichts“, meinte Sally, „der Rest ist nicht besser dran als wir.“

„Also müssen wir laufen“, meinte ich resigniert.

„Oder uns am Steg entlanghangeln“, schlug Sally vor.

„Leider habe ich nur eine Hand“, sagte ich, „und selbst wenn ich zwei hätte, glaube ich, dass meine Muskeln auf halber Strecke aufgeben würden. Ich weiß ja nicht, wie viel du so trainierst, aber …“

„Schon gut“, meinte Sally, „wahrscheinlich hast du recht.“

„Dann Augen zu und durch“, sagte ich und lief hinter Sally, die ihre Laterne wie einen Kompass vor sich hertrug, auf den von ihr angezeigten Steg zu. Mandy und die anderen Kostümwesen folgten uns.

Wie ich befürchtet hatte, war der Steg nicht einmal breit genug, um beide Füße nebeneinander aufzusetzen, sodass wir uns fast wie Seiltänzer darauf bewegen mussten. Der Untergrund schien immerhin aus festem, rauen Stein zu bestehen. Dennoch war es unglaublich schwer, die Balance zu behalten, während der Wind an uns riss, die Schwerkraft zunehmend drohte, uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen und die Steigung immer steiler wurde. So wurde jeder Schritt zu einem kraftraubenden, kalkulierten Schachzug gegen die unzuverlässigen Widernaturgesetze, die hier herrschten.

Was ich später auf der Himmelstreppe von Uranor erleben sollte, war natürlich ebenfalls schlimm gewesen, aber dort hatte ich zumindest gewusst, dass mich lediglich ein normaler Sturz erwartete, wahrscheinlich eine gnädige Ohnmacht und schließlich ein unbemerkter, schneller Tod. Hier hingegen …

„Geht es noch?“, fragte ich Sally, als ich bemerkte, dass sie sich nicht weiterbewegte, obwohl wir gerade einmal knapp die Hälfte der Strecke hinter uns gebracht hatten.

„Hey, Sally, hörst du mich?“, schrie ich noch lauter gegen den peitschenden Wind an und fragte mich, was ich tun würde, wenn sich das Mädchen einfach nicht mehr von der Stelle rühren würde. Umkehren wäre auf diesem winzigen Steg so gut wie unmöglich, selbst, wenn Mandy und die anderen nicht hinter mir wären. Was also dann? Einfach in dieser Zwischenebene bleiben, bis ich den Verstand verlor? Mich mit nur einer Hand an ihr vorbeihangeln? Sie einfach erschießen oder vom Steg stoßen? Letzteres wäre vielleicht eine Option, aber dann würden ihre „Freunde“ mit einiger Wahrscheinlichkeit über mich herfallen.

Es sei denn, natürlich, ich brachte diese Laterne vorher in meine Gewalt. Ja, dachte ich, das könnte ich wirklich tun, falls mir nichts anderes übrigblieb. Bevor ich jedoch leichtfertig Verrat beging und mich einmal mehr auf ein unbekanntes, unberechenbares Artefakt einließ, entschied ich mich, einen letzten Versuch zu unternehmen, zu Sally durchzudringen. Energisch tippte ich ihr auf die Schulter.

Ihre Reaktion kam so prompt, so reflexhaft, dass ich beinah mein Gleichgewicht verloren hätte. Ihr Kopf ruckte herum. Nicht um hundertachtzig Grad, aber doch so weit, wie es ihr Hals und Oberkörper gerade zuließen und so erkannte ich den Grund für ihre Regungslosigkeit.

Ihre Augen waren weit geöffnet, ihre Pupillen sprangen so wild umher, als würden sie einem fünfdimensionalen Tennisspiel folgen, ihr Mund zitterte und krampfte in spastischen Zuckungen und öliger Schweiß lag auf ihrer Haut. Vor allem jedoch saß ein weißes, fünfarmiges Wesen auf ihrer Stirn, das man am ehesten als eine Mischung aus Spinne und Seestern beschreiben konnte und pumpte sein dickes, knotiges, Zentrum mit irgendetwas voll, was Sally ihm ganz bestimmt nicht überlassen wollte.

Ich erkannte sofort, dass keine Zeit für Feingefühl war, also richtete ich meinen Schattenstrahler auf den Parasiten und feuerte. Karmon gehorchte meinem Befehl und so fuhr ein konzentrierter Ball schwarzer Elektrizität in die Kreatur, wobei ich hoffte, Sally nicht das Gesicht zu verkohlen. Ausnahmsweise erfüllten sich meine Hoffnungen. Die unbekannte Kreatur, deren genaue Herkunft mir schleierhaft war, fiel paralysiert und steif von Sallys unverbranntem Gesicht und verschwand in der weißen Leere.

Doch auch, wenn die Waffe Sally nicht verletzt hatte, reichte der Rückstoß aus, um ihr ohnehin fragiles Gleichgewicht kippen zu lassen. Hilflos ruderte sie mit Armen und Händen, neigte sich zur Seite … und fiel.

Dies war einer der vielen Gelegenheiten, in denen mir Karmon nicht nur mit seinen vernichtenden Geschossen, sondern auch auf andere Weise geholfen hatte. Andernfalls hätte ich weder die nötigen, schnellen Reflexe besessen, um Sallys Unterarm zu packen, noch die Balance und Muskelkraft, um dem Gewicht ihres Körpers auf diesem schmalen Steg zu widerstehen. Trotz dieser Unterstützung jedoch, wurde mir schnell bewusst, dass ich das Mädchen, welches nun halb bewusstlos über dem tödlichen Abgrund baumelte, nicht helfen konnte. Selbst wenn es mir gelingen würde, sie zu mir nach oben zu ziehen, konnte der Steg ihr nicht ausreichend Halt bieten.

Da ich sie noch dazu an jenem Arm gepackt hatte, an dessen Handgelenk auch die Laterne baumelte, traf ich eine Entscheidung. Ich ließ Sallys Arm los und packte die Laterne noch im hinabrutschen an ihrem Henkel, in der Hoffnung sie mir wie geplant zu sichern, wenn schon ihre Besitzerin verloren war. Doch kurz bevor Sallys Arm ganz durch den Henkel gerutscht war, krümmte sich ihre Hand krampfartig um den Metallring. Ein kräftiger Ruck ging durch meinen Arm und ich wäre sicher trotz Karmons Hilfe hinabgestürzt, wenn ich den Griff nicht losgelassen hätte.

So musste ich also dabei zusehen, wie Sally samt der wertvollen Laterne im Nichts verschwand. Ich gönnte mir aber nicht den Luxus ihren Sturz bis zum bitteren Ende zu verfolgen, sondern wandte mich um und sah der neuen Bedrohung ins Gesicht, die schon bald erwachen würde. Dieses Gesicht, war das schattenhafte, knochige Antlitz von Kurt, dessen Kapuzengestalt vorerst noch regungslos verharrte, wenn man einmal davon absah, dass der Wind seinen dunklen Umhang aufbauschte und wild flattern ließ. Wieder machte ich meinen Schattenstrahler bereit, entschlossen, auf jede verdächtige Bewegung sofort zu reagieren. Was sich dann jedoch bewegte war weder Kurts Sense, noch seine knochige Hand, sondern sein fleischloser Mund. Er formte Worte.

„Mors est nihil“, drang es von seinen Lippen und ich verstand genug von Latein, um zu wissen, dass dies kein Angriff war.

„Was ist passiert?“, hörte ich Sally, deren Körper samt der Laterne unversehrt auf den Steg zurückgekehrt war, etwas benommen fragen.

„Du hattest einen Parasiten auf deiner Stirn“, teilte ich ihr ruhig mit, „ein ziemlich widerliches Ding. Ich habe ihn entfernt. Zumindest äußerlich. Fühlst du dich irgendwie anders?“

Dabei machte ich mir in Wahrheit weniger Gedanken um Sallys Gesundheitszustand, als darüber, ob sie bemerkt sie bemerkt hatte, dass ich sie absichtlich hatte fallenlassen. Eine Unsterbliche zu verärgern wäre sicher keine gute Idee, selbst, wenn sie diese Eigenschaft nur der Laterne und Kurt zu verdanken hatte.

„Danke. Mit mir ist alles in Ordnung“, antwortete sie und ließ dabei tatsächlich keinen Groll gegen mich erkennen, „aber dieser Ort ist wohl noch gefährlicher, als selbst ich gedacht hatte.“

„Das kannst du laut sagen“, erwiderte ich und zeigte auf ihre gerötete Stirn, die noch immer einen tiefen, kreisförmigen Abdruck aufwies, „jedenfalls solltest du besser auf dein Gesicht achtgeben. Parasiten sind schlecht für den Teint.“

„Ich werde es versuchen“, kicherte Sally überraschend gelöst und begann dann wieder vorsichtig einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Bevor ich das jedoch ebenfalls tat, drehte ich mich noch einmal zu Kurt um. Dabei glaubte ich fast in seinen toten Augen eine Art Warnung zu erkennen. Er wusste, was passiert war und auf irgendeine Weise war es ihm scheinbar nicht egal. Vielleicht hatte ich mich getäuscht. Vielleicht lebte ein Teil von Sallys Freunden noch immer in diesen Kostümen. Sollte es so sein und sollten sie irgendwann von ihrem Fluch befreit werden, sollte ich lieber bereits weit weg sein.

~o~

Den Rest der Strecke brachten wir relativ ereignislos hinter uns. Weder weitere Parasiten, noch sonstige Bedrohungen tauchten auf, wenn man von den Herausforderungen des Geländes und des hypnotischen Spiralnebels einmal absah. Dennoch waren die letzten Meter eine kraftraubende Tortur, die unseren Muskeln einfach alles abverlangte und uns zuletzt sogar dazu nötigte, uns an den Steg zu klammern, wie Affen an einen Ast. Letztlich aber betraten wir den Tunnel und damit die nächste Etappe dieses Albtraums. Dabei erfolgte keine Teleportation und es gab auch keine sonstigen, übernatürlichen Effekte, sondern lediglich einen allmählichen Übergang von einem Ort zu einem anderen.

Das Beste an unserer neuen Umgebung war, dass wir wieder festen Boden unter den Füßen und keinen Abgrund an unserer Seite hatten. Außerdem war der Weg vor uns zumindest gerade breit genug, um normal darauf laufen zu können, auch wenn wir immer noch hintereinander hergehen mussten.

Davon abgesehen war diese neue Umgebung profan und merkwürdig zugleich. Sie ähnelte einem Flur, wie er sich auch im Haus meiner Großmutter hätte befinden können. Ein rauer, hellgrauer Teppichboden mit cremefarbenen, rosa geblümten Tapeten und einer hohen, holzvertäfelten Decke, von der in unregelmäßigen Abständen Rauchglas-Deckenlampen mit flackernden Glühbirnen hingen. An den Wänden standen immer wieder Schuhschränke mit altmodischen, hässlichen Schuhen, sowie Kommoden aus dunklem oder roten Holz, mit Spitzendeckchen und manchmal mit Spiegeln, die unsere Gesichter jedoch nur als kubische, verwaschene Zerrbilder zurückwarfen. Überdies gab es hier von Zeit zu Zeit kleine Risse und Löcher in den Wänden, durch die die weiße Leere oder die schwarze Substanz sichtbar war, die so etwas zu sein schien wie das Blut dieser Leere. Dabei hatte ich das Gefühl, dass uns jemand oder etwas durch diese Löcher beobachtete, wie ein lüsterner Voyeur oder wie ein Tierhalter, der sein Terrarium betrachtete.

Vor allem jedoch gab es auffällig viele Bilder auf den Schränken und an den Wänden, die mal in hölzernen und mal in metallenen Rahmen steckten. Insbesondere Porträts von Personen, die allesamt entweder in Schwarzweiß oder in Sepia gehalten waren. Jedoch waren es keine gewöhnlichen Porträts. Manchmal zerflossen die Gesichtszüge der dargestellten Menschen darauf wie Wachs, manchmal waren ihre Augen und Münder verblasst oder fehlten völlig. Ein anderes Mal schienen Personen sich zu überlagern oder regelrecht ineinander überzugehen, mal sanft und unscharf wie bei einer Doppelbelichtung, mal klar abgegrenzt, wie bei einer Collage und dann wieder so organisch wie bei siamesischen Zwillingen.

Die dargestellten Personen verfolgten mich nicht mit Blicken, bewegten sich nicht, wurden nicht lebendig, aber ihre hölzernen Posen, bei denen sie meist starr in tristen Wohnzimmern oder vor leeren, trostlosen Landschaften standen und ihre traurigen Gesichtsausdrücke schufen eine sehr beklemmende Atmosphäre. Um so mehr, da in diesem Flur ein muffiger, abgestandener Geruch von schlechtem Parfum, saurem Schweiß und altem, unbeweinten Tod vorherrschte. Gelegentlich war auch ein unendlich fernes Gelächter, ein leises, statisches Rauschen oder gebrochene, verstimmte Klavierklänge zu vernehmen.

„Meinst du, dass dies schon ihr Hauptquartier ist?“, fragte ich Sally, „geisterhaft genug wirkt es auf mich.“

„Nein“, antwortete sie kopfschüttelnd, „noch nicht. Aber ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg.“

Ob Sally mit dieser Vermutung recht hatte oder nicht, blieb zunächst unklar. Der Flur setzte sich weiter fort. Manchmal nahm er eine Biegung oder wurde von einer angelehnten, dunkelbraunen, groben Türen unterbrochen, hinter der dieselbe Leere lag, wie hinter den Löchern, die jedoch nicht einmal ich gern erkunden wollte. Nach einiger Zeit tauchten auch andere Arten von Türen auf. Schräge, glatte, weiße Türen, die in der Decke oder sogar direkt im Boden eingelassen waren. Es waren ohne Zweifel weglose Türen, wie jene in Sallys Haus, die uns hierher geführt hatte. Selbstverständlich öffneten wir keine davon und überquerten die im Boden integrierten so vorsichtig wie möglich. Ich muss jedoch zugeben, dass zumindest diese Türen meine Fantasie befeuerten und es mir durchaus schwerfiel nicht nachzusehen, wohin sie führen mochten.

Schließlich wurde der Flur etwas breiter und die Tapete wechselte in einen dunkelbraunen, unifarbenen Ton. Zudem hingen an der Decke nun Fledermäuse, die sich nach einem ersten, kurzen Schreck als leblose Plastikversionen an Schnüren entpuppte. Außerdem prangten an den Wänden immer wieder grinsende, wie mit zittriger Hand gemalte Zeichnungen von Kürbissen in Weiß oder Orange. Vor allem jedoch war am Ende des Ganges eine große, schwarze Tür zu erkennen, deren Knauf die Form eines Totenschädels hatte.

„Offenbar hattest du recht“, sagte ich zu Sally.

„Ist auch nicht schwer, wenn man eine magische Laterne hat“, gab sie ungewohnt bescheiden zurück. Dann atmete sie tief durch.

„Tom, ich komme!“, versprach sie und schritt ohne lange zu zögern auf die Tür zu und drehte den Knauf versuchsweise in beide Richtungen. Dann zog sie daran. Nichts geschah.

„Anscheinend verschlossen“, meinte ich.

„Ach, was du nicht sagst“, sagte Sally genervt.

„Soll ich versuchen, sie zu öffnen?“, bot ich an und hob meinen Waffenarm.

„Nein“, erwiderte Sally, „ich fürchte, dass uns das in Schwierigkeiten bringen könnte.“

Stattdessen wandte sie sich dem Schlüsselring ihrer Lampe zu und suchte nach etwas, das in das Schlüsselloch der Tür passen könnte. Eine Aufgabe, die bei schätzungsweise sechzig verschiedenen Schlüsseln eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen konnte.

Dabei wünschte ich mir nichts sehnlicher, als hier endlich rauszukommen und das alles hinter mir zu lassen. Ich verstand nicht, warum On-Grarin, mein andrinischer Aufseher, mich überhaupt in diese verfluchte Manifia-Ebenen schickte. Diese Missionen waren für gewöhnlich viel aufwendiger als die meisten anderen und dauerten entsprechend länger. Der einzige Grund konnte die außergewöhnliche Magie sein, die in den hier lebenden Wesen steckte. Vielleicht machte sie ihre Gesundheit wertvoller, potenter. Trotzdem hätte ich mir im Moment nichts weiter gewünscht als mich in einer gewöhnlichen Welt zu befinden, die bei all ihrer Fremdartigkeit und ihren womöglich widrigen Umweltbedingungen zumindest den bekannten Naturgesetzen gehorchte. Dort hätte ich einfach einen Hinterhalt vorbereiten, ein paar Zivilisten hineinlocken, die Ware abliefern und mich dann darauf konzentrieren können den bitteren Geschmack meines Erfolges hinunterzuschlucken. Fertig.

Das hier hingegen … ich meine, nichts gegen Halloween, aber diese Welt nahm langsam wirklich absurde Formen an …

Mehr aus Langeweile, denn aus wirklicher Neugier, warf ich einen erneuten Blick auf meine bravianische Uhr, deren Anzeige noch immer bei 37:45 Uhr eingefroren war und betrachtete die Zahlen eine Zeitlang, so als könnte ich sie dadurch zum weiterlaufen animieren, bevor mir dieses Spielchen zu langweilig wurde und ich meinen Blick anderen Dingen zuwandte. Immer wieder ertappte ich mich dabei, zwischen den Kostümierten hindurch in den langen, muffigen Flur zu blicken, aus dem wir gekommen waren. Dort gab es zwar kein Anzeichen von Bewegung, aber dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, von irgendetwas beobachtet zu werden.

Während Sally fluchend einen Schlüssel nach dem anderen ausprobierte, wanderte mein Blick zur Decke. Auch dort gab es wieder weglosen Türen, und zwar eine ganze Menge davon. Dabei fiel mir erst jetzt auf, dass die falschen Fledermäuse nicht einfach von der Decke hingen, sondern aus dem Rahmen dieser Türen entsprangen und sie waren nicht das einzige, was von dort erwuchs. Wie die abgestorbene Haut eines Leprakranken ragte auch eine Reihe von kleinen und großen Spitzendeckchen aus den Türschlitzen hervor und tanzte wie im Wind, obwohl es hier drin vollkommen windstill war.

Fast, als würden sie leben, dachte ich.

Gerade, als ich mir feierlich geschworen hatte, mit diesen Textilien nicht in Berührung zu kommen, spürte ich eine feine, kitzelnde Berührung am Hals und meiner linken Schulter. Erschrocken drehte ich mich um und entdeckte Kurt, dessen knochige Hand eine der längsten Decken genommen und zu meiner Schulter geführt hatte. Er lächelte nicht, konnte es vermutlich gar nicht, aber dennoch hatte ich den Eindruck, dass etwas in ihm lächelte. Noch bevor ich begriff, was wirklich los war, ging ein heftiger Ruck durch meinen Nacken und ich wurde – trotz aller physikalischen Unmöglichkeit eines solchen Vorgangs – von dem Spitzendeckchen durch die geschlossene Tür gezogen.

Der kurze Moment, in dem ich die Holzstruktur der weglosen Tür mit eigenen Augen erblickt hatte, hat auf jeden Fall einen Ehrenplatz in meine Sammlung seltsamer Erinnerungen verdient, was ich dahinter erlebte, stand dem jedoch in nichts nach.

Ich fand mich in einer Art winzigen Dachbodenkammer wieder. Unter mir die weglose Tür, hinter und über mir weiß verputzte, schräge Wände und vor mir eine uralte Frau. Nun, das war eigentlich nicht ganz richtig. Statur und Hautbeschaffenheit entsprachen tatsächlich denen einer alten Frau. Jedoch besaß ihr Gesicht keinerlei Nase, ihre großen Augäpfel waren pupillenlos und grau wie Beton und ihr Mund lag so schräg wie eine schlampig ausgeführte Zeichnung in ihrem Gesicht und offenbarte stumpfe, krumm gewachsene Zähne, die so wild und zahlreich in ihrem Mundraum wucherten als wären sie aus Zahngewebe bestehende Tumore.

Besonders bemerkenswert waren jedoch ihre Arme, denn diese endeten bereits an den Ellenbogen und gingen dort in jene Spitzendeckchen über, die mich heraufgezogen hatten.

„So einsam“, sagte sie mit rauer, trauriger, brüchiger Stimme und passend dazu spürte ich bei diesen Worten eine Welle aus Einsamkeit, Verzweiflung und Ausweglosigkeit über mich hereinbrechen, die sogar das Grauen, das ihr Anblick bei mir auslöste, noch übertraf.

Leider war ich damals nicht unbedingt ein extrem empathischer Typ gewesen, und so ließ ich mich gar nicht erst auf ein Gespräch mit dieser Kreatur ein, sondern knallte ihr sofort eine Ladung meines Schattenstrahlers in ihr runzeliges Gesicht. Zähne flogen umher, Haut platzte und blassrotes Blut verteilte sich an den Wänden. Sofort ließ ich einen weiteren Schuss folgen und dann noch einen, bis sich ihr hässlicher Kopf in eine Ruine verwandelte hatte. Halbwegs zufrieden, versuchte ich mich loszureißen und die Tür unter mir mit den Füßen einzutreten, doch beides schlug fehl. Weder das Holz, noch der vermeintliche Stoff gaben nach. Stattdessen fühlte ich ein finsteres, bleiernes, zerstörerisches Reißen in meiner Brust, so als versuche jemand meine Seele aus mir herauszubrechen.

Gleichzeitig sah ich, wie sich der Körper der Frau anfing, sich mit dicken, pulsierenden Blasen zu füllen, die – angefangen an meinen Schultern – bis hinauf zu ihrer Gesichtsruine wanderten, die sich – Stück für Stück – wieder regenerierte. Solange, bis ihr Gesicht wieder vollständig hergestellt war und eine große, matte Leere in mir entstanden war.

Ich muss hier weg, dachte ich, sonst ist das mein Ende. Panik stieg in mir auf und gab mir noch einmal neue Kraft. Ich rüttelte am Türgriff, drückte ihn herunter, schoss einen Schattenstrahl auf die Tür und donnerte meinen Waffenarm dagegen, doch nichts tat sich.

„Sally! Ich bin hier oben! Hilf mir! Bitte, verdammt! Hilf mir!“, schrie ich, doch weder sie noch einer der Kostümierten kam mir zu Hilfe. Dies ist nicht nur irgendein anderer Raum, verstand ich, es ist eine andere Ebene, eine Art Taschendimension. Als mir das bewusst wurde, wich mein Überlebenskampf blanker Resignation.

„So einsam“, sagte die Kreatur erneut, „so unendlich einsam“, und ihr schlechter, saurer Atem ließ mich husten, während ihre Zähne klapperten und knarzten wie eine vom Sturm bedrängte Bretterbude.

Ich werde hierbleiben, dachte ich entsetzt. Sie will mich bei sich behalten, bis ich sterbe, wahnsinnig werde oder so werde wie sie.

Verängstigt, erschüttert und gelähmt vor Grauen starrte ich in ihre seltsamen grauen Augen und dann verstand ich. Ich verstand, dass ich mich geirrt hatte und dass es vielleicht doch einen Ausweg gab. Für uns beide.

Trotz meiner Schwäche hob ich meine Arme, beugte mich nach vorn und … schloss das Wesen in die Arme als wäre es nichts weiter als meine geliebte, schon lang verstorbene Oma, die mich früher zuverlässig mit Komplimenten, Geschichten und Nussschokolade versorgt hatte.

Die Berührung ihrer kalten, runzligen Haut und die Nähe ihres unmenschlichen Gesichtes waren kaum zu ertragen, dann aber spürte ich eine Woge aus Wärme durch mich hindurchgehen, gefolgt von den traurigen, aber nur allzu menschlichen Bildern einer Frau, die nach und nach jeden verloren hatte, der ihr je etwas bedeutet hatte, und die die letzten Jahre ihres Lebens in ständiger Einsamkeit und verhasster Routine verbracht hatte.

Gleichzeitig bemerkte ich, wie all die verlorene Kraft wieder in mich zurückströmte und auch das Aussehen der Frau veränderte sich. Sie blieb alt, jedoch normalisierten sich ihre Gesichtszüge zu denen eines Menschen und auch ihre Arme waren wieder richtige Arme.

„Danke“, sagte sie erleichtert und traurig zugleich, „das hat so gutgetan.“

Ein Lächeln wuchs auf ihrem Gesicht, während ihr Körper langsam blasser und durchscheinender wurde. „Du bist ein guter Junge“, sagte sie leise etwas, was eigentlich nur jemand sagen konnte, der mich nicht kannte, „deshalb solltest du wissen, dass Sally …“

Dann verblasste sie vollkommen und nahm den Rest ihrer Worte mit, wo immer sie auch hinging.

Nurmehr völlig allein, griff ich erneut nach dem Türgriff der weglosen Tür, betete zu einem unbekannten Gott und zog. Diesmal öffnete die Tür sich prompt. Ich fiel und landete dennoch sanft auf meinen Füßen, so als würden die gewohnten Naturgesetze einmal mehr keine Rolle spielen.

„Wo warst du, verdammt?“, fragte Sally ungeduldig, der meine plötzliche Ankunft wohl nicht entgangen war.

„In einer Art Separee. Einem extradimensionalen Gefängnis“, erklärte ich, „eine dieser Spitzendeckchen hat mich berührt und dort hineingezogen.“

„Verstehe“, sagte Sally, „ja, hier muss man wohl sehr genau aufpassen, wo man hinfasst. Warst du allein oder hattest du Gesellschaft?“

Zusammen mit der unvollendeten Warnung der alten Frau erschien mir diese Frage eigenartig, also beschloss ich instinktiv Sally meine Begegnung zu verschweigen. Dabei vergaß ich ganz, dass es mir eigentlich nicht möglich sein sollte Sally zu belügen, aber zu meiner großen Überraschung funktionierte es dennoch. „Ich war allein“, erwiderte ich glatt, „aber es war nicht so leicht hinauszufinden. Hast du denn etwas erreicht?“

Wie war das möglich? Hatte es etwas mit der Frau zu tun, oder hatte einer der Kostümierten seine Finger im Spiel?

„Ja“, sagte Sally und deutete auf die Tür, „sie ist offen. Der Schlüssel ist erschienen, nachdem ich alle anderen ausprobiert hatte. Ärgerlich, nicht? Andererseits wäre ich sonst vielleicht schon ohne dich weitergegangen.“

„Wahrscheinlich hat der richtige Schlüssel nur so lange auf sich warten lassen, um dich von einer solchen Dummheit abzuhalten“, behauptete ich.

„Wenn du meinst“, sagte Sally lachend und öffnete die Tür, „dann beweise mal deinen Wert. Ich denke, hier werden wir Tom finden. Und auch die Nebelkinder. Das zumindest wären mal wieder Kinder, denen du wehtun darfst.“

Ich wollte Sally einen bissigen, lockeren Spruch entgegenschleudern, aber kurz flammte wieder die Erinnerung an Xidan auf, jenen kleinen Jungen aus Cestralia, der mir vertraut und den ich zu einer Ewigkeit in der Dunkelheit verurteilt hatte, und stahl ihn mir von den Lippen. Ich nickte lediglich. Dann gingen wir hindurch.

~o~

Der Raum, der uns hinter dieser Tür erwartete, erinnerte an eine Mischung aus einer Geisterbahn und einem Laden für Halloween-Dekoration, wobei die Assoziationen zu ersterer überwogen. Es war ein etwa fünf Meter breiter und zehn Meter hoher Tunnel, verkleidet mit dunkelgrauem, bemaltem Pappmaschee, das wohl eine Höhlenwand nachbilden sollte. Auf dem Boden lagen Schienen, jedoch gab es keine Wagen. Dafür hingen an der Decke dieselben Plastikfledermäuse wie im letzten Raum und zudem auch einige falsche Spinnen. In der linken Wand waren hin und wieder breite Alkoven eingelassen, in der Skelette und Puppen Hinrichtungsszenen, Hexenverbrennungen, Gerichtsverhandlungen, satanische Riten, kannibalische Feste und Begräbnisse darstellten.

Die rechte Wand hingegen wurde nie unterbrochen und war bemalt mit grinsenden Geistern, gespenstischen Kinderreimen und seltsamen Symbolen. Sie war vom Rest des geraden, scheinbar unverzweigten Tunnels abgetrennt durch einen winzigen, nicht einmal einen Meter breiten Strom, der neben Wasser auch mit Bonbons, Fruchtgummis und Schokolade gefüllt war. Diese Süßigkeiten erinnerten jedoch nicht an ein kindliches Schlaraffenland, sondern verhielten sich eher so, wie man es von Lebensmitteln erwarten würde, die zu lange im Wasser gelegen hatten. Sie waren aufgeschwemmt, verblichen, angelaufen, verschmiert und verklebt und würden wohl niemandem, der nicht schon fast am Verhungern war, dazu einladen zuzugreifen. Die Luft war erfüllt von einer widerlichen Süße und einer hohen Luftfeuchtigkeit, die sich immer wieder in dichten Nebelbänken niederschlug, die wie orientierungslose Wanderer durch die Luft trieben.

„Wenigstens müssen wir uns keine Gedanken über den richtigen Weg machen“, sagte ich.

„Sieht ganz so aus“, stimmte Sally mir abwesend zu.

„Worüber denkst du nach?“, fragte ich, „über Tom?“

„Ja, natürlich“, sagte Sally, während sich ihre Hand fester um den Griff der Laterne krampfte, die sie inzwischen wieder in ihrer Hand hielt, „wir müssen ihn finden. Unbedingt.“

Das Laufen auf den Schienen war alles andere als bequem, aber immerhin gab es hier keine weglosen Türen und auch sonst keine offensichtlichen Bedrohungen, auch wenn mir die menschengroßen, verkleideten Puppen und Gerippe, die immer wieder neben uns aus dem Nebel auftauchten und ihre barbarischen Szenen präsentierten, ein wenig Unbehagen bereiteten.

„Meinst du, sie werden von ihnen kontrolliert?“, fragte ich Sally.

„Ich weiß es nicht“, meinte Sally, „aber denkbar wäre es. Es wären nicht die ersten scheinbar unbelebten Gegenstände, die sie für ihre Zwecke genutzt hätten.“

Mein Hinweis führte immerhin dazu, dass Sally Mandy, Kurt und Jason befahl unsere linke Seite zu decken. Lediglich Kira schwebte weiterhin rechts von uns, um auf dort auftauchende Überraschungen reagieren zu können. Nach einigen weiteren Minuten, in denen wir stumm durch den düsteren, nebligen Tunnel geschritten waren, erschien mir diese Vorsichtsmaßnahme aber nicht mehr ausreichend.

Warum nicht die Gefahrenquellen direkt ausschalten, überlegte ich und versuchte einige der Figuren mit meinem Schattenstrahler zu zerlegen, jedoch schien mein Symbiont das leider nicht für notwendig zu halten und verweigerte mir den Dienst. Natürlich hätte ich auch versuchen können, die Figuren im Nahkampf auseinanderzunehmen, aber das Frösteln, das mich allein bei dem Gedanken befiel, mich in eine dieser Szenen hineinzubegeben, die allesamt wirkten wie kleine, verbotene, fremdartige Universen, hielt mich davon ab.

So blieben die falschen Henker, Mörder und Opfer ungestört und nach einiger Zeit gelangten wir an einen Punkt, an dem der Bonbonfluss die Schienen einfach unterbrach und eine scharfe Biegung nach links machte, wo er direkt in einer Öffnung in der gegenüberliegenden Wand verschwand. Das Gewässer war aber nicht bloß ein Hindernis auf unserem Weg, sondern bildete auch den Ausgangspunkt für eine weitere, grausame Szene .

Sie zeigte eine Mutter, die ihr Kind in einem Weidenkorb in ihren Armen trug und die sich gerade hinabbeugte, um es dem Fluss zu übergeben. Hinter ihr stand eine Reihe von Skeletten, die das Geschehen neutral, ernsthaft, ja beinahe feierlich beobachteten.

Es war eine klassische, geradezu ikonische Szene, die an die tragische Situation von Müttern erinnerte, die ihr Kind aus finanzieller Not oder kulturellen Zwängen aussetzen mussten oder zumindest geglaubt hatten es tun zu müssen. Doch zwei Dinge machten diese spezielle Szene außergewöhnlich.

Zum einen wirkte die Mutter in ihrem langen, weißen Leinengewand nicht traurig oder verzweifelt, sondern trug ein breites, gehässiges Grinsen auf ihrem Gesicht, so als würde sie sich schon darauf freuen das Kind loszuwerden oder es am besten gleich ertrinken zu sehen. Zum anderen trug die Puppe Sallys Gesicht. Es war dabei mehr als eine bloße Ähnlichkeit. Nein, die Puppe wirkte wie eine praktisch perfekte Kopie aus Plastik.

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte ich Sally, die selber ziemlich irritiert und irgendwie auch … verärgert wirkte.

„Gar nichts!“, erwiderte Sally barsch und ihre Wangen wurden sogar etwas rot vor Wut, „einfach ein gemeines Schauspiel der Nebelkinder, um mich zu verhöhnen. Sie lieben solche Spiele. Aber der Spaß wird ihnen schon noch vergehen.“

„Das wird er“, pflichtete ich ihr bei, „dennoch eine seltsame Motivwahl, wo du doch alles getan hast, um die Kinder zu beschützen.“

„Gerade deswegen werden sie mich so dargestellt haben“, entgegnete Sally, „um mich maximal wütend zu machen. Das immerhin ist ihnen gelungen.“

„Kann ich gut verstehen“, meinte ich, „aber wir sollten dennoch nicht unvorsichtig werden. In diesen Fluss etwa sollten wir wohl besser nicht hineintreten. Ich weiß nicht warum, aber ich hab ein ganz mieses Gefühl dabei.“

„Wahrscheinlich zurecht“, sagte Sally schulterzuckend, die sich offenbar etwas abgeregt hatte, auch wenn die Röte in ihrem Gesicht blieb, „aber ich denke, das sollten wir hinbekommen. Über dieses Bächlein zu steigen, sollte selbst einem Neunzigjährigen möglich sein.“

Doch ganz so einfach, wie sie sich das vorstellte, war es leider nicht. Als wir den Rand des Baches erreichten und ich als erster versuchte ihn zu überqueren, war es zunächst so, als würde sich mein Fuß durch dichten, zähen Schlamm kämpfen müssen. Als es mir dann aber mit einiger Mühe gelang, dieses unsichtbare Hindernis zu überwinden, kehrten sich diese Kräfte um und ich wurde plötzlich wie von einem Magneten zu dem Flusslauf hingezogen. Nur dank des raschen Eingreifens von Kurt und Jason, die mich auf Sallys Befehl hin aus dieser offensichtlichen Falle befreiten, entging ich der Berührung mit der zweifelhaften Flüssigkeit.

„Danke“, sagte ich zu Sally, „aber so kommen wir unmöglich auf die andere Seite.“

„So nicht, nein“, stimmte Sally zu, „aber womöglich gibt es einen anderen Weg. Kira, komm her“
Die Geisterfrau gehorchte und schloss zu uns auf, bis auch sie direkt vor dem Bonbonfluss stand.

„Nimm ihre Hand“, verlangte Sally und auch wenn ich ein wenig skeptisch auf die dünne, durchscheinende Hand der ausgemergelten Gespensterfrau blickte, gehorchte ich ihrem Befehl schon allein deswegen, weil sie Kiras Hand ebenfalls ergriff und Kurt, Mandy und Jason den Saum ihres leuchtenden Kleides packten.

„Bring uns rüber“, befahl Sally und tatsächlich erhob sich die Frau in dem Geisterkostüm gemeinsam mit uns allen ein Stück in die Lüfte, schwebte über das Hindernis und setzte uns auf der anderen Seite wieder ab.

„Eine praktische Fähigkeit“, sagte ich anerkennend.

„Sie hat ihren Nutzen, ja“, sagte Sally.

„Ohne jeden Zweifel“, meinte ich etwas misstrauisch, „Umso mehr frage ich mich, warum wir sie nicht vorhin schon genutzt habn, um uns den Aufstieg über den Steg zu ersparen? Du meintest doch, das Kira höchsten allein hätte hinaufschweben können. Wenn sie allerdings in der Lage ist uns ebenfalls schweben zu lassen, dann …“

„Hältst du mich für dumm?!“, donnerte Sally, „oder für masochistisch? Denkst du ernsthaft, dass ich mir diese Tortur nicht erspart hätte, wenn es mir möglich gewesen wäre? Ja, Kira kann uns die paar Meter über den Fluss schweben lassen, aber eine solche Höhe könnte sie mit uns im Schlepptau niemals überwinden. Geht das in dein winziges Hirn?“

„Schon gut“, sagte ich beschwichtigend, „es war ja nur eine Frage.“

„Nur eine …“, begann Sally zu erwidern und hielt dann etwas verwirrt inne, wobei sie sich an die gerötete Stirn fasste und sich nervös, ja beinah schon etwas manisch über die Lippen leckte. „Tut mir leid“, sagte sie, während sie sich mit der linken Hand am Arm kratzte, dort wo die Laterne mittlerweile wieder an ihrem Handgelenk baumelte, „es ist alles nur ein wenig stressig.“

„Ist wirklich alles in Ordnung mit dir?“, erkundigte ich mich besorgt und fragte mich dabei, ob ihr Verhalten etwas mit dem Parasiten zu tun hatte oder ob es andere Gründe dafür gab.

„Dieser Ort ist zu viel für meine Nerven“, wiegelte Sally ab, „das ist alles. Lass uns einfach weitergehen.“

Fürs Erste ließ ich es dabei bewenden und schwor mir noch wachsamer sein als ohnehin schon.

Meine anfängliche Freude über die erfolgreiche Überwindung des Hindernisses bekam einen ersten Dämpfer, als sich der Nebel vor uns zu einer regelrecht undurchdringlichen Wand zusammenballte, die unsere Sichtweite auf wenige Zentimeter verringerte, sodass ich schließlich nicht einmal mehr Sally, Mandy und die anderen sehen konnte.

Auch verschlang der Nebel alle Geräusche, außer meinem eigenen Herzschlag, was mich in eine so dichte Blase der Unwirklichkeit und Einsamkeit hüllte, dass ich schließlich nicht umhin konnte mich selbst mit den Händen zu betasten, um mich zu versichern, dass ich noch existierte.

Diese Frage zumindest, konnte ich bejahen. Aber gab es die anderen überhaupt noch? War ich womöglich unbemerkt durch eine weitere, weglose Tür gegangen? Eine, die nur in eine Richtung funktionierte und die mich in eine Welt aus endlosem Nebel geworfen hatte, aus der es kein Entkommen gab? Diese Angst, die sogar größer war als die vor einem Angriff aus dem Hinterhalt, wurde noch verstärkt, als ich mich umdrehte und auch hinter mir nichts weiter als Nebel erblickte. Ich spielte mit dem Gedanken, einfach nach den anderen zu rufen oder meine Hand auszustrecken. Aber was wäre, wenn ich keine Antwort erhalten würde? Was, wenn meine Hand ins Leere greifen würde?

Ohne ein Gefühl für die Zeit, ohne ein Gefühl für die Richtung ging ich weiter und weiter, während meine Kleidung bereits schwer von der allgegenwärtigen Feuchtigkeit wurde und die Stille wie farb- und geruchloses Gift in meinen Verstand sickerte.

Dann jedoch wurde diese quälende Stille endlich gebrochen, als vor mir Gelächter, die Rufe von Nachtvögeln, Grillenzirpen, sowie leise Musik erklangen. Anstelle von geruchloser Feuchtigkeit erreichten Düfte von brennendem Holz, gerösteten Maronen, Herbstlaub und gekochtem Kürbis meine Nase und als sich der Nebel auf einen Schlag verzog, wie ein von göttlicher Hand entfernter Vorhang, erkannte ich die Quelle von all dem.

Es war ein Fest. Ein Fest auf einer Lichtung im Mondschein, zusätzlich erleuchtet von Lampions, die, eingebettet in Girlanden aus Plastiklaub und Pappkürbissen, ein warmes, heimeliges Licht auf eine Festgesellschaft fallen ließen, die sich dort in geselliger Runde an einem groben, reich gedeckten Holztisch niedergelassen hatte. Diese Gesellschaft bestand weder aus Ungeheuern, noch aus Kostümierten, sondern aus gewöhnlichen, fröhlichen Menschen, die miteinander lachten, scherzten und Gespräche führten, deren Inhalt ich nicht entziffern konnte, auch wenn ich den Klang der Worte vernahm. Am bemerkenswertesten war aber, dass es sich bei diesen Leuten nicht nur um Fremde handelte.

Ich entdeckte auch Sally, die einen blassen, langhaarigen jungen Mann mit Kinnbart im Arm hielt und ihm spielerisch einen Löffel mit Suppen in den Mund steckte. Ich sah den kleinen Tom, der glücklich versunken an Figuren aus Eicheln und Kastanien bastelte und ich erblickte einige junge Leute, die ich zwar nicht direkt kannte, bei denen ich mir jedoch gut vorstellen konnte, dass es sich um Kurt, Kira, Mandy und Jason handelte. Vor allem jedoch sah ich mich selbst. Zwar nur von hinten, aber dennoch bestand für mich kein Zweifel, dass ich es war.

Doch das erschreckte mich nicht. Nein, ganz im Gegenteil, es erschien mir wie eine Einladung. Dieser „Adrian“ war glücklich, entspannt, zufrieden. Ich hörte ihn lachen, nicht zynisch, wahnsinnig oder verzweifelt, sondern wirklich fröhlich. Und ich ahnte, dass ich nur auf diese Version von mir zugehen müsste, um eins mit ihr zu werden, um ewig zu leben in diesem feierlichen Moment in dieser noch warmen Herbstnacht, nahe einem großen, prasselnden Lagerfeuer und geborgen unter den Ästen knorriger, bunt beblätterter Bäume.

Ich trat näher, streckte meine Hand aus und war fest entschlossen, in diesen Traum hinabzusteigen, bis … nun bis mich eine nagende Stimme in mir darauf hinwies, dass diese Version von mir nie wieder etwas anderes sehen würde als diese Lichtung. Keine Abenteuer, keine bizarren, aufregenden Welten, keine neuen Bekanntschaften, keine rätselhaften, lockenden Straßen.

„Na und?!“, schrie ich dieser Stimme stumm entgegen, „was hat mir das alles schon gebracht, außer Schuld, Leid und Sklaverei?“

Doch ungeachtet dessen spürte ich, wie der Zauber verflog, wie die Zweifel sich wie ein gehässiges Grinsen über diesen unschuldigen Traum legten und plötzlich war die Szene nicht mehr dieselbe. Sie wurde nicht schrecklich. Nicht grauenhaft und fremdartig, aber sie erstarrte zu dem, was, sie womöglich schon immer gewesen war: Einer zweidimensionalen Zeichnung auf einer Wand, bei der Sally inzwischen nicht mehr ich, sondern ein völlig Fremder gegenübersaß. Oder war ich es gewesen, der mir diesen Weg versperrt, der dieses Tor auf ewig verschlossen hatte? Ich werde es wohl nie erfahren.

In jenem Moment blieb mir ohnehin keine Zeit, darüber nachzudenken.

„Pass auf!“, hörte ich Sally plötzlich schreien, jedoch nicht die Sally hinter der Wand, sondern die ganz reale, die zusammen mit mir in dieser Sackgasse gefangen war.

Sofort wirbelte ich herum und entging nur um Haaresbreite einer Skeletthand, die mir andernfalls sicher eine hässliche Narbe verpasst hätte. Getrieben von Adrenalin, schüttelte ich alle Träume und Sehnsüchte ab und wechselte in den Überlebensmodus. Binnen Sekundenbruchteilen erfassten meine durch die vielen Reisen geschärften Sinne die Situation.

Der Nebel war nach wie vor verschwunden, doch wie befürchtet, hatten sich die Kreaturen aus den verschiedenen Szenen in Bewegung gesetzt und einen Angriff gestartet. Nicht nur ein paar, sondern dutzende, die uns auf der gesamten Breite des Ganges eingekesselt hatten. Sally kämpfte bereits gegen einen blutbeschmierten Ritter, wobei sie ihre Schrotflinte wie eine Keule schwang und versuchte ihre Lampe aus der Reichweite seines Schwertes zu halten. Kurt rang mit einem grauhaarigen Richter, der versuchte seinen Hammer gegen sein knochiges Gesicht zu schlagen. Kira schwang ihre Ketten gegen gleich vier angreifende Skelette. Jason grub seine Zähne in eine mit einer Heugabel bewaffnete Bauersfrau und brach so Stücke aus ihrem Plastikkörper, der Mangels Blut oder Schmerzempfinden jedoch nicht kollabierte. Noch immer versuchte sie ihm ihre „Waffe“ mit übermenschlicher Wucht in den Wanst zu rammen.

Mandy schließlich hatte ein paar große, hässliche Kröten beschworen, die grünen Schleim ausspieen, der die Gegner zwar nicht ausschaltete, aber zum Ausrutschen brachten und ihnen die Sicht nahm, wodurch ihr Vorstoß immerhin verlangsamt wurde. Ohne meine Hilfe jedoch, das verstand ich, würden sie uns schon bald überrennen.

„Bitte, lass mich nicht im Stich“, flüsterte ich zu meinem Symbionten und versuchte meine Waffe einzusetzen. Es funktionierte. Der schwarze Energieblitz fuhr mitten in den Brustkorb des Skelettwesens und pulverisierte seine Knochen zu feinen Staub. Wie mir der darauffolgende scharfe Geruch verriet, bestanden diese Knochen wohl aus demselben Kunststoff wie die Puppen. Sofort nahm ich den nächsten Gegner aufs Korn, einen muskulösen, dickbäuchigen Schmied, der schnell das Schicksal des Skeletts teilte.

„Danke“, sagte ich zu meinem Symbionten und schöpfte etwas Hoffnung, jedoch war der Ausgang dieses Kampfes nach wie vor nicht klar. Karmon und ich bildeten noch nicht diese harmonische, beinah unschlagbare Einheit, die wir in Konor werden sollten und so war meine Schussfrequenz eher langsam, während die Übermacht der Angreifer erdrückend war.

„Wir müssen hier weg!“, rief ich zu Sally, der es gelungen war, ihre Waffe an den Kopf ihres Gegners zu halten und abzudrücken, wodurch das Gesicht des Ritters zu einem verformten Klumpen geworden war. Umbringen konnte sie ihn auf diese Weise zwar nicht, aber zumindest schien er blind geworden zu sein und die Orientierung verloren zu haben.

„Fantastische Idee“, meinte Sally atemlos, „aber wohin? Das hier ist eine Sackgasse.“

„Es muss einen Weg geben“, sagte ich, während ich drei weitere, diesmal mit langen Knochenspeeren bewaffnete Skelette ausschaltete, die auf mich zugestürmt kamen. Dabei entging ich jedoch nicht einem kleinen, blonden, wütenden Plastikjungen, der mir sein winziges Messer in die Seite rammte und gleich erneut ausholte, um diesmal ein Organ zu treffen. Soweit kam es nicht, da ihn erst eine von Kiras Ketten traf und ich ihm kurz darauf mit meiner Waffe den Rest gab.

„Dann erleuchte mich, Kindermörder und zeig ihn mir“, sagte Sally, die es gerade mit einer Plastikwasserleiche zu tun bekam, die ihr eine stinkende Brühe ins Gesicht spuckte, bevor sie sie mit einem entschlossenen Schlag ihrer Waffe von den Beinen holte.

„Sehr witzig“, sagte ich, den Schmerz in meiner Seite ignorierend, der zum Glück auch nicht allzu heftig war, „ich bin immerhin nicht derjenige mit der magischen Lampe. Wenn du mich nicht angelogen hast, sollte sie uns doch den Weg weisen.“

„Das tut sie für gewöhnlich auch“, sagte Sally, die sich die eklige, aber scheinbar harmlose Brühe aus dem Gesicht wischte und mit einigen Schüssen in das Knie der Leiche sicherstellte, dass sie nicht so schnell wieder aufstand, „aber vielleicht liegt dieser Weg ja neuerdings hinter einer Wand. Pech für uns.“

„Eine Wand …“, flüsterte ich zu mir selbst. Plötzlich kam mir ein Gedanke. Natürlich, die Wand an der Flussbiegung. „Ich glaube, ich weiß, wo wir hinmüssen“, sagte ich, „Kann Kira uns noch einmal über den Fluss bringen?“

„Ja“, meinte Sally, „falls diese Dinger das zulassen!“

Ich sah zu der wartenden Übermacht, die sich vor allem am Fluss aufgestellt hatte, was meiner Vermutung weitere Nahrung gab. Unter ihnen waren auch einige Bogenschützen und Musketiere, die mittlerweile ebenfalls ihre Waffen bereitmachten.

„Hat Mandy nicht noch einen Trick auf Lager?“, fragte ich, „irgendetwas, das uns den Weg freiräumen könnte?“

„Du weißt, dass sie da eingeschränkt ist“, erwiderte Sally, „ihr zu befehlen die Zeit anzuhalten oder unsere Feinde wie Wasser auseinanderzutreiben, kannst du schon mal vergessen.“

„Schon klar“, sagte ich, „aber wie wäre es mit einer Verwandlung? Ist das nicht ein klassischer Hexenfluch?“

„Das stimmt“, sagte Sally und duckte sich gemeinsam mit mir weg, womit wir knapp einem Bombardement aus Pfeilen und uralten Patronen entgingen, das jedoch zumindest Jason erwischte, wie ein schmerzerfülltes Jaulen zeigte, „bei Lebewesen zumindest. Diese Dinger bestehen aber nicht aus Fleisch und Blut. Ich kann sie nicht einfach in Tiere verwandeln.“

„In echte vielleicht nicht“, bemerkte ich augenzwinkernd.

Sally schien mich zu verstehen. Sie warf einen kurzen Blick auf Jason, der lediglich eine Fleischwunde im Oberarm davongetragen zu haben schien. Dann antwortete sie mir.

„Gut, ich garantiere für nichts, aber ich lasse es sie versuchen“, meinte sie und hob ihre Laterne. Gleich darauf öffnete sich Mandys Mund wie von selbst:

„Spinnenblut und Krötenbein ihr sollt nun falsche Ratten sein“, krächzte sie rau und schwang ihren Zauberstab, aus dem sich ein silbernes Glitzern im gesamten Umkreis ausbreitete.

Für einen Moment hielt ich vor Aufregung den Atem an. Dann jedoch schrumpften die Körper der Puppen und Skelette rasant und wurden schließlich zu kleinen, räudigen Plastikratten. Aufgeregt und noch immer angriffslustig wuselten sie um unsere Füße herum und versuchten nach uns zu schnappen. Trotzdem stellten sie immerhin keine so große Bedrohung mehr dar, wie zuvor, da ihre Plastikzähne zwar durch unsere Schuhe drangen, aber nicht mehr als ein unangenehmes Zwicken verursachten.

„Fantastisch!“, urteilte ich.

„Danke“, sagte Sally, „auch wenn es ja eigentlich Mandys Verdienst war. Doch wir sollten uns beeilen. Ich weiß nicht, wie lange der Zauber seine Wirkung behält.“

Mithilfe von Kira überquerten wir den kleinen Süßigkeitenstrom erneut, wobei die Plastikratten, für die das klebrige Wasser kein Hindernis darstellte, uns weiterhin gierig verfolgten.

„Wohin jetzt?“, fragte Sally.

„Dorthin“, sagte ich und zeigte zu der Flussabzweigung und dem der Szene, die die falsche Sally mit ‚ihrem‘ Kind zeigte.

„Was bringt dich eigentlich auf diese Idee?“, fragte Sally skeptisch.

„Nun“, sagte ich, „dort ist die einzige Öffnung.“

„Für die Ratten vielleicht“, meinte Sally, „wir könnten aber gerade einmal unsere Hand durchstecken, selbst wenn das Wasser nicht gefährlich sein sollte.“

„Vertrau mir“, sagte ich und Sally reagierte zwar mit einem genervten Schnauben, folgte mir aber hinein in die Szene, in der merkwürdigerweise noch immer alle Figuren und Skelette an ihrem Platz standen.

„Schau nur“, sagte ich, „hier hat sich nichts verändert. Ich glaube nicht, dass das ein Zufall ist.“

„Möglich“, räumte Sally ein und sah dabei skeptisch zur Kopie ihrer Selbst, „aber wer garantiert uns, dass das nicht einfach ein Hinterhalt ist?“

„Niemand“, antwortete ich, „aber wenn sie uns in den Rücken fallen, kannst du Mandy sie ja einfach ebenfalls verwandeln lassen. Gerne in etwas ohne scharfe Zähne.“

Schließlich gelangten wir zu der Stelle, an der der Bonbonfluss in der Tunnelwand verschwand, auf der jemand einen großen, Nadelwald und eine frische, grüne Wiese aufgemalt hatte, in die sich der Fluss fast perfekt einfügte. Wie Sally richtig bemerkt hatte, war es nur ein winziges Loch, das dem Strom als Durchfluss diente, kaum größer als das Gewässer, welches mir seinen ekelhaft-süßlichen Duft in die Nase presste. Aber dennoch bückte ich mich einer Art Intuition folgend und gab mir alle Mühe nicht mit der Flüssigkeit in Berührung zu kommen, die sich manchmal spritzend an den Rändern des kleinen Durchgangs brach.

Dann nahm ich meinen Waffenarm und knallte ihn mit aller Macht gegen die Wand. Die Wand brach. Oder besser: Sie zerriss. Denn es zeigte sich, dass diese Wand – zumindest an jener Stelle – nichts weiter war als eine Pappkulisse. Meine Intuition schien mich nicht getäuscht zu haben.

„Bingo!“, sagte ich und holte noch ein weiteres Mal aus und dann nochmal, bevor ich meine normale Hand zur Hilfe nahm und mir einfach einen Durchgang aufriss, bis schließlich ein enger, aber zumindest zwei Meter hoher Tunnel zu erkennen war, an dessen Ende eine pinke Tür lag. Zugleich schlug mir ein widerlicher Geruch von Verwesung und feuchtem Stoff entgegen, „da ist unser Weg!“

„Sieht so aus“, sagte Sally, „aber es ist keiner, den ich gerne beschreiten würde.“

„Das kann ich gut verstehen“, erwiderte ich lächelnd, „mein Leben bestand in letzter Zeit fast nur aus solchen Wegen. Aber eins kann ich dir versichern: ja, sie mögen traumatisierend und lebensgefährlich sein, aber zumindest sind sie nie langweilig.“

„Was für ein Trost“, winkte Sally seufzend ab.

„Wenn dich das nicht tröstet, denk an Tom“, fügte ich hinzu, „mein Gefühl sagt mir, dass wir ihn hier finden werden.“

„Ich hoffe, du hast recht“, erwiderte Sally, „wenn nicht, werden sie es bereuen und wenn doch … dann auch!“

~o~

Wenig überraschend wurde der Gestank umso intensiver, je mehr wir uns der pinken Tür näherten. Als wir sie erreichten, wollte Sally an mir vorbei, um ihre Schlüssel auszuprobieren, doch ich hielt sie zurück und drückte stattdessen die Klinke herunter. Die Tür sprang auf. Offensichtlich war sie nicht verschlossen.

Der Raum dahinter war grundsätzlich dunkel, wurde jedoch von Sallys Lampe ausreichend erhellt, sodass man erkannte, dass er ebenfalls Pink war, und zwar sowohl die Tapete an den Wänden, als auch der Boden und die Decke. Jene Decke zeichnete sich aber auch dadurch aus, dass sie für einen solchen Raum, der in etwa den Grundriss eines durchschnittlichen Kinderzimmers hatte, ungewöhnlich hoch war. Sicherlich zehn Meter oder auch mehr. Möbel gab es hier drin keine. Dennoch war der Raum nicht leer. Jeweils an der linken und rechten Wand stapelten sich – mehr oder weniger ordentlich aufgereiht – Hunderte von Puppen. Jedoch keine lebensgroßen Plastikfiguren wie in dem Tunnel draußen, sondern klassische, kleine Porzellanpuppen mit unterschiedlicher Hautfarbe, Statur, Augenfarbe und Frisur, jedoch ausnahmslos gekleidet in weiße Spitzenkleider.

Diese Puppen bewegten sich nicht, aber aus ihren funkelnden Augen strahlte Intelligenz und während einige von ihnen uns misstrauisch ansahen, blickten die meisten hinauf zum Thron an der uns gegenüberliegenden Wand.

Ja, dort stand ein Thron. Ein gewaltiger Thron, komplett mit Rückenlehne und Armstützen und so hoch, dass er beinah bis zur Decke reichte, auch wenn seine Sitzfläche eher den Maßen eines gewöhnlichen Menschen entsprach. Gebaut war dieses Ungetüm jedoch nicht aus Stahl oder Eisen und auch nicht aus Holz, sondern aus Teddybären. Tausenden von Teddybären mit ungesund aufgeblähten Bäuchen und Augen, aus denen manchmal Maden, Schaben oder Fliegen krochen.

Ich erinnerte mich daran, wie Sally davon gesprochen hatte, dass sich in den Plüschtieren in der Stadt plötzlich Insekten und totes Fleisch gebildet hatten. Hier musste ein ähnliches Phänomen am Werk sein.

Plötzlich fing Sally neben mir an zu husten und zu würgen. Ich konnte es ihr nicht verdenken. Mein Magen war allerdings durch all die eitrigen Geschwüre, üblen Ausdünstungen und Körperflüssigkeiten in Hyronanin noch desensibilisiert genug, um damit umgehen zu können.

„Widerlich“, sagte ich lediglich, „aber wo ist Tom?“

„In Sicherheit“, sagte eine Gestalt, die plötzlich auf dem stinkenden Thron erschien, „so sicher, wie man an diesem Ort eben sein kann.“

Die Gestalt ähnelte dem jungen Mann, den ich auf der Wandmalerei an Sallys Seite erblickt hatte, nur dass er zwar dessen lange Haare, aber keine Augen und keine Nase besaß, sondern lediglich einen dreieckigen Mund, so wie Sally die Gesichter der Nebelkinder bei ihrem ersten Erscheinen beschrieben hatte.

„Nathaniel?“, vermutete ich und wunderte mich, dass diese Frage nicht aus Sallys Mund kam.

„Du kennst den, der ich wahr?“, fragte der Geist und schien für einen Moment mit seinen nicht vorhandenen Augen nach innen zu blicken, „nein, ich glaube nicht. Also hat sie es dir erzählt. Aber wie viel? Nur das für sie passende oder gar die ganze Wahrheit? Und wer bist du überhaupt?“

„Ich bin ein Fortgeschrittener, ein Weitgereister“, beschränkte ich mich auf das Unverfänglichste, „und was meint er damit, Sally?“

„Glaub ihm kein Wort“, sagte Sally, deren Gesicht noch mehr an Röte gewann, „er ist nicht Nathaniel. Nur ein Trugbild, ein Ungeheuer. Mein Nathaniel ist tot.“

„Ich war ein Ungeheuer“, konterte Nathaniel, „Sallys Ungeheuer. Die Marionette jener Frau, die mich zu lieben vorgab. Eine Lüge, die ich geglaubt habe, bis sie mich dazu gebracht hatte, eines ihrer verfluchten Kostüme anzuziehen, mit vergifteten Worten und verlogenen Küssen. Ähnlich wie auch bei Mandy, Kurt, Kira und Jason.“

„Deine Kostüme?“, fragte ich Sally mit wachsender Verwirrung, „mir hast du erzählt, dass sie einfach so in deinem Haus aufgetaucht sind.“

Ich erwartete eine Antwort, eine Richtigstellung, irgendeine Ausflucht, aber alles, was ich von ihr bekam, war ein wütender Blick und geballte Fäuste.

„Das war nicht einmal gelogen“, bestätigte Nathaniel, „sie kann Dinge aus dem Nichts erscheinen lassen. Zumindest in Samnia. Es ist ihre Stadt oder zumindest ist sie es geworden. Ihr Wort ist dort praktisch Gesetz. Und seit sie diese Lampe besitzt, hat ihre Macht noch zugenommen. Eine Macht, die sie gerne benutzt, notfalls auch, um die, die sie angeblich liebt, zu opfern, wenn es ihr in den Kram passt.“

„Verstehe ich das richtig?“, fragte ich Sally, „du hättest dieses ganze Theater jederzeit beenden können?“

„Lausch nur weiter den Worten einer Abscheulichkeit auf einem Thron aus Maden und Filz“, erwiderte Sally und kratzte sich wieder nervös über ihren Arm, während die Flamme der Kürbislaterne im Takt ihrer Bewegungen pulsierte, „du wirst schon sehen, was du davon hast. Denkst du ernsthaft, ich hätte Interesse daran mir meine eigene Hölle zu erschaffen?“

„Oh, darum geht es dir ja auch gar nicht“, meinte Nathaniel, „das wissen wir so gut wie du. Es ist nur der Preis, den du zahlst, damit andere mit dir leiden.“

„Halt dein abscheuliches Maul!“, giftete Sally und feuerte kurzerhand eine Ladung Munition direkt in Jasons Gesicht. Die Kugeln jedoch verschwanden einfach in seinem Kopf wie ein Stein in einem Teich, ohne bleibende Spuren darin zu hinterlassen.

„Hier hast du keine absolute Macht“, sagte Nathaniel ruhig, „der weglose Raum mag ein grauenhafter Ort sein, ein Schrottplatz der Schöpfung, ein Friedhof der Albträume und düsteren Schicksale, aber er gehört nicht zu Samnia und somit gehört er nicht dir. Das immerhin hat er für sich.“

Ich sah zu Sally. Tränen standen auf ihrem Gesicht. Ob aus Wut oder Trauer ließ sich unmöglich sagen, doch ich tippte auf ersteres und sollte recht behalten.

„Töte ihn!“, verlangte Sally von mir, „töte dieses Ding sofort, oder du kannst unsere Vereinbarung vergessen!“

Für einen Moment war ich tatsächlich geneigt, ihrer Forderung nachzugeben. Was kümmerte mich das Schicksal dieser Welt? Ich war hier immerhin nicht auf einer Rettungs- oder Friedensmission. Allerdings war ich auch krankhaft neugierig und ich hasste es erpresst zu werden. Ganz besonders, wenn ich nicht unbedingt in der schwächeren Verhandlungsposition war.

„Erzähl mir, was hier vorgefallen ist“, sagte ich zu Nathaniel, „alles davon. Wer oder was bist du? Oder besser, was seid ihr? Wie bist du dein Kostüm losgeworden? Warum habt ihr die Kinder entführt? Welche Rolle hat Sally dabei gespielt?“

„Das werde ich“, versprach Nathaniel.

„Er wird dich anlügen“, versuchte es Sally nochmal, „er ist eine Schlange, ob mit oder ohne Kostüm.“

„Wenn du das glaubst, Sally, kannst du doch von mir verlangen, die Wahrheit zu berichten“, schlug Nathaniel vor, „ich könnte dich nicht anlügen. Diese Macht besitzt du auch hier, dank dieser unseligen Laterne. Also, was ist? Befehle es mir!“

Sally schwieg, was mir Antwort genug war und Nathaniel offenbar auch.

„Ich bin Nathaniel“, sagte das Nebelkind, „diesen Teil von mir habe ich bewahrt und gerettet, als ich ihm berührte und ihn von seiner falschen Schlangenhaut befreite. Aber ich bin auch Gallwahrd, der Vater jener körperlosen und rastlosen Toten, vor denen ihr Lebendigen erzittert, vor denen ihr euch fürchtet, weil ihr sie nicht versteht. Die Menschen, aber auch viele andere Völker im Multiversum denken, dass wir ihnen schaden wollen, dass wir rachsüchtig und bösartig sind. Doch das stimmt nicht. Wir wollen lediglich Teil eurer Welt sein, wollen zwischen euch leben, harmonisch und in Frieden. Eure Ignoranz jedoch verhindert das und Feste wie Halloween und all die Schutzsymbole und Ikonen sind wie Zäune, wie gigantische Mauern, die uns ausgrenzen.“

„Ich kann schon verstehen, wenn man nicht gerne verrottende Fleischteddys in seiner Nachbarschaft hat, oder fliegende Messer“, wandte ich ein.

„Wir leben im Dunkel und im Reich des Ekels, weil man uns dorthin verdrängt hat, wie Siedler, die man von fruchtbarem Land vertrieb und die nun in der Wüste leben müssen“, erklärte Nathaniel, „wir waren gezwungen, uns der Finsternis anzupassen, äußerlich. Doch es ist nicht unser Wesen. Und Messer haben wir nie gegen Unschuldige eingesetzt, weder fliegende noch gewöhnliche. Wir haben nie jemanden verletzt, der uns nicht zuvor verletzt hat. Wir haben die Kinder entführt, ja. Aber nur, um sie zu retten, sie vor Sally zu retten, vor ihrer tiefen Wunde, in die sie uns alle seit Jahren hineinsaugt, in der Hoffnung auf eine Heilung, auf eine Wiedergutmachung, die wir ihr nicht bieten können.“

„Welche Wunde?“, fragte ich und sah kurz zu Sally, die abwechselnd wütend auf Nathaniel und wie verliebt auf ihre Kürbislampe starrte, als wäre sie das schönste Ding, was überhaupt existiert.

Plötzlich erschien eine weitere Person in dem Raum. Sie wuchs direkt aus dem Boden, ja schien sogar erst aus pinken Teppich zu bestehen, bevor sich das Material in Haut verwandelte und sich die vollständigen Gesichtszüge eines kleinen Jungen herausbildeten.

„Tom“, sagte Sally tonlos, als sie ihren Schützling erblickte, „wir kommen zu spät.“

„Sally wurde etwas Schlimmes angetan“, sagte Tom, den nun nichts mehr von einem Menschenkind unterschied, „sie hat es mir nie erzählt, aber nun weiß ich es. Böse Männer haben sie überfallen, keine Fremden, sondern Leute aus der Nachbarschaft, die sie lange kannte, die sie immer gegrüßt hatte, denen sie sogar ein paar Mal bei der Gartenarbeit geholfen hatte. Sie haben … sie haben ihre Klamotten gestohlen und …“

„… ich denke, du weißt, worauf es hinausläuft“, ergänzte Nathaniel, „Sally hat gekämpft, verloren, lange gelitten. Vergeblich hat sie um Hilfe geschrien und schließlich, als ihr Leben schwand, suchte ihr Geist einen Ausweg, eine Form der Rache. Er schuf ein Gefängnis für ihre Peiniger, doch auch für alle, die nicht da waren, um ihr zu helfen und sei es nur, weil sie nichts von ihrem Leid gewusst hatten, nichts davon wissen konnten und letztlich auch für sich selbst. In dieser Nacht, an Halloween, waren die Schleier der Welten so dünn und ihr Zorn so gewaltig, dass es ihr gelang, eine ganze Stadt mit sich zu nehmen. Vielleicht Mithilfe von Kräften aus dem weglosen Raum, vielleicht aus der eigenen, puren Verzweiflung heraus. Doch was auch der Grund dafür war, es ist geschehen und es lässt sich nicht ändern.“

„Was ist mit den weglosen Türen, in die ihr die Einwohner gelockt habt?“, fragte ich, „Was ist mit der Barriere, die ihr errichtet habt, und in der die Menschen festhängen?“

„Die Barriere hat Sally errichtet“, erklärte Nathaniel, „andernfalls hätten die Menschen zurück in ihre Heimatwelt finden können. Eine Heimat, die wie deine Heimat ist, wenn auch auf einem anderen Pfad der Ereignisse. Der weglose Raum hingegen … ja, er ist gefährlich. Er ist voll von finsteren Wesenheiten und unheilvollen Artefakten und mancher, der ihn betritt, geht verloren. Aber er war unsere einzige Zuflucht, unsere einzige Chance, alle Einwohner Samnias aus ihrem Albtraum zu befreien.“

„Wie genau soll das funktionieren?“, wunderte ich mich, „und was passiert, wenn ihr sie alle befreit habt?“

„Wir haben darauf gebaut, dass Sally zu uns kommt, sobald wir genügend von ihren Sklaven zu uns geholt haben. Wir wollten mit ihr verhandeln und ihr bewusst machen, dass sie falsch liegt oder ihre Macht brechen. Wenn uns das gelingt, wird die Barriere fallen. Die Toten gehen ihrer Wege und die Lebenden kehren in ihre Sphäre zurück“, sagte Nathaniel, „du kannst uns dabei helfen, Fremder. Alles, was du tun musst, ist die Laterne zu zerstören. Sie ist eine Abscheulichkeit. Ein böses Ding, das Sally aus dem weglosen Raum geholt oder das sich SIE geholt hat. Sie ist der Schlüssel zu diesem Gefängnis und sie ist es wohl auch, die verhindert, dass sie endlich Vernunft annimmt.“

„Auf keinen Fall …“, sagte Sally leise, dann riss sie plötzlich ihren Kopf empor und schrie mit wütender, manischer Stimme, „DAS WERDE ICH NICHT ZULASSEN. DIESES LICHT NEHMT IHR MIR NICHT AUCH NOCH WEG! NEIN, IHR LASST MICH NICHT ALLEIN IN DER DUNKELHEIT ZURÜCK. HILF MIR, FORTGESCHRITTENER, HILF MIR SIE ZU VERNICHTEN UND WERDE BELOHNT, MIT DEM WAS DU BRAUCHST!“

Der Cocktail an Emotionen, der in Sallys Gesicht brodelte, war beeindruckend und fürchterlich zugleich. Eine so inspirierende wie grauenhafte Mischung aus Hass, Enttäuschung, Entschlossenheit, Trauer und Gefühlen, die selbst ich nie zuvor empfunden hatte. Vielleicht war sie besessen, dachte ich. Vielleicht war sie aber auch so sehr und so kompromisslos sie selbst, dass es all jene ängstigen musste, die es gewohnt waren ihre Leidenschaften zu zügeln.

„Was passiert mit mir, wenn die Lampe zerstört wird und die Barriere fällt?“, fragte ich.

Nathaniel seufzte und sah mich dann lange an, mit Augen, die nicht sichtbar waren und durch die dennoch eine unergründliche Weisheit strahlte. „Du gehörst nicht zu Samnia, Fremder. Du wirst zurückgebracht werden in jene Welt, aus der du kommst“, sagte er, „aber unser Dank ist dir natürlich gewiss. Auf ewig.“

„Ich verstehe“, sagte ich und nickte.

Dann schoss ich einen schwarzen Blitz direkt in das augenlose Gesicht von Nathaniel hinein. Anders als zuvor Sallys Schuss zeigte der Schattenstrahler Wirkung. Nathaniel schrie auf. Eine kleine Kaskade aus Süßigkeiten sprudelte aus der Einschussstelle und sein Gesicht begann zu schmelzen. Ich schoss erneut, diesmal direkt auf seinen Oberkörper und auch dieser löste sich auf, wurde zu kandiertem Schleim, den die verwesenden Teddybären gierig tranken.

„Nein!“, weinte Tom, „bitte hör auf!“

Aber meine Waffe war entfesselt und sie brauchte ein Ziel. Zu Toms und wohl auch zu meinem Glück boten sich bald eine Menge davon, als sich die kleinen Puppen von den Wänden lösten und auf uns zu preschten. Puppengliedmaßen und zerfetzter Stoff flogen umher, Glasaugen schmolzen und Plastikköpfe wurden pulverisiert, während sich nun auch Kurt, Kira und Jason ins Getümmel stürzten und Sally sie mit ihrer Schrottflinte unterstützte. Zuletzt griff auch Mandy ins Gefecht ein. Erst ließ sie einige der Puppen in Flammen aufgehen, bevor sie erneut eine Armee aus großen Kröten schuf, die verhinderten, dass uns die belebten Spielzeuge zu nah kamen.

Zugleich wuchsen weitere Nebelkinder aus dem Boden und der Decke und anders als Tom blieben sie nicht passiv stehen, sondern versuchten zu mir und Sally zu gelangen. Ich eröffnete das Feuer, doch die Geister bewegten sich schneller als erwartet. Immerhin hatte ich sie nicht so überrumpelt wie Nathaniel und so traf ich nur einige Arme, Beine oder Schultern. Aus den Wunden schossen zwar explosionsartig Süßigkeiten hervor, die schon bald den Boden bedeckten, aber ausschalten konnte ich sie auf diese Weise nicht. Ich musste besser zielen und mir mehr Zeit lassen. Ich wählte mir ein neues Ziel, atmete tief ein, blendete alles um mich herum aus und …

„Nein, sie darfst du nicht töten“, sagte Sally. Ihre Haut hatte mittlerweile eine satte, orangerote Farbe angenommen und ihre Augen, dort wo eigentlich die Pupille hätte sein sollen, glühten zwei kleine Flammen und flackerten im selben Rhythmus wie das Feuer ihrer Laterne, „gib ihnen das hier!“

Sie zeigte auf ungewöhnlich große, silbern leuchtende Kürbissamen, die mit einem Mal wie in einem Springbrunnen aus der Flamme der Laterne empor sprudelten.

Ich wusste natürlich nicht genau, was das zu bedeuten hatte oder wozu diese Samen dienten, auch wenn ich da eine vage Vermutung hatte. Trotzdem nahm ich meine normale, waffenlose Hand und griff in die Fontäne hinein. Immerhin hatte ich meine Wahl getroffen. Es war nun sinnlos umzukehren. Kaum da ich mir eine Handvoll der Samen gegriffen hatte, hörte die Quelle auf zu sprudeln.

Ohne dass Sally mir die Details erklärt hatte, wusste ich instinktiv, was ich jetzt tun musste.

Mit gut gezielten Schüssen schuf ich mir eine Schneise in der Phalanx der Puppen und bewegte mich tänzelnd und gewandt auf die Nebelkinder zu, die anders als Nathaniel allesamt ihr menschliches Gesicht trugen. Kleine Puppenhände und Zähne schnappten gierig und zumeist vergeblich nach mir und wann immer mir doch eine von ihnen zu Nahe kam, machten sie Bekanntschaft mit meinen Stiefel oder einem Ellenbogen.

So gelangte ich schließlich zu meinem ersten Ziel: Einem schlaksigen, großen Jungen, der sogleich demonstrierte, dass er kein gewöhnlicher Junge war, indem er seine Arme und Hände zu absurder Länge ausstreckte und versuchte mich darin einzuwickeln wie in zwei Seile. Bevor ihm das jedoch gelang, packte ich seinen Kopf, presste seine Kiefer auseinander und legte ihm einen der Kürbissamen auf die Zunge. Sofort erstarrte er, gab allen Widerstand auf, zog seine Gliedmaßen zurück und verschwand im Boden.

Durch diesen Erfolg ermutigt versuchte ich dieselbe Taktik bei meinem nächsten Gegner, einem etwas dicklichen, kleinen Mädchen. Doch diesmal fiel es nicht so leicht. Jene verbliebenen Nebelkinder, die sich nicht in einem Zweikampf mit den Kostümierten befanden, wiederholten den Trick, den ich schon einmal bei ihnen gesehen hatte: von allen Seiten schlossen sie sich ihrer bedrängten Schwester an, verbanden sich mit ihr – und sperrten mich ein.

Ich wand und wehrte mich nach Kräften, doch schließlich verschwanden die Teddybären, die Tapete und zuletzt jegliches Licht vor meinen Augen. Das Letzte, was jetzt noch leuchtete, waren die silbernen Samen in meiner Hand. Umgeben von Mündern, grauen Haaren, starrenden Augen und lauernden Händen spürte ich, wie die wenige Luft schlechter und schlechter wurde.

Sie wollen mich ersticken, begriff ich und erwog, den Schattenstrahler zu benutzen. Doch was, wenn ich dadurch die Vereinbarung mit Sally endgültig brach? Vielleicht blieb ich dann ewig in Samnia gefangen und ihrer Gnade ausgeliefert. Falls sie so etwas kannte. Die Nebelkinder schienen meine Unsicherheit zu spüren.

„Es ist noch nicht zu spät“, flüsterten sie vielstimmig und fast flehend in meinen Geist, „Lass die Samen fallen und versprich die Laterne zu zerstören. Dann lassen wir dich gehen und wir können diese Welt gemeinsam heilen.“

Beinah war ich geneigt, dem zuzustimmen, selbst wenn mir das On-Grarins Zorn eingebracht hätte, doch dann fegte eine dunkle, viel lautere Stimme die hellen Geisterstimmen aus meinem Kopf. „WIRF DIE SAMEN HOCH! JETZT!“

Es war nicht so, dass Sally in diesem Moment meinen Willen brach oder versklavte. Es war eher so, dass ich handelte, bevor mein bewusstes Denken überhaupt einsetzen konnte. Wie automatisch öffnete ich die Hand, schleuderte eine kleine Wolke aus silbernen Samen in die Luft und spürte wie ein kräftiger Wind nicht nur frischen Sauerstoff in mein Gefängnis brachte, sondern die Samen zugleich auch in all Richtungen davon schleuderte. Einen Moment lang hielt die Dunkelheit noch an, dann verschwanden die Leiber um mich wie gefällte Bäume und der Raum war wieder wie vorher, nur dass die meisten Puppen wie leblose Gegenstände auf dem Boden lagen. Alle Nebelkinder waren verschwunden, lediglich der kleine Tom stand noch da, weinend und erschüttert, beschützt von zwei noch belebten Puppen.

„Was ist mit ihm?“, fragte ich mit belegter Stimme und spürte einen sauren Geschmack in meinem Mund. Das alles brachte Ereignisse hoch, die ich tief in mir begraben glaubte, „soll er auch verschwinden?“

Ich blickte zu Sally, deren Haar indessen ebenfalls eine orangerote Farbe angenommen hatte. Zudem fiel mir auf, dass die Laterne nicht länger nur an ihrem Arm hing, sondern ein Teil davon geworden war, beinah wie die Waffe an meinem eigenen Arm. Womöglich war es diese Veränderung, vor der mich die alte Frau hatte warnen wollen, bei der ich mir noch immer nicht sicher war, ob es ein übernatürliches Wesen, eine von Sally versklavte Stadtbewohnerin oder eine Art Projektion ihres Unterbewusstsein war.

„Ja“, sagte sie stockend und beinah wieder menschlich, „erst dann ist ihr Einfluss gebrochen.“

„Dann musst du es tun“, sagte ich bestimmt, „immerhin war er dein Schutzbefohlener.“

Sally zuckte zusammen und Tränen bildeten sich in ihre Augen, völlig unbeeindruckt von dem Feuer, das darin brannte. Orangerote Tränen, so sämig und zäh wie Püree. Sie fühlte also noch so etwas wie Reue, aber dennoch war ich mir sicher: was immer diese Lampe war, sie diente ihr nicht länger, sondern war ihr Partner geworden. Vielleicht sogar ihr Herr.

Sally nickte. Stumm sah ich dabei zu, wie sie auf den Jungen zuging, wobei Kurt und Jason ihr vorausgingen wie eine Ehrengarde. Als die beiden kleinen Puppen sich den Kostümierten todesmutig in den Weg stellten, wurde ihr Widerstand schnell von einer Sense und ein paar scharfen Klauen gebrochen.

„Hallo, Sally“, sagte der kleine Tom und blickte seine vermeintliche „Beschützerin“ traurig an, „sie sind nicht tot, oder? Ich höre sie noch flüstern. Ganz fern und leise… ich glaube … ich glaube, der weglose Raum hat sie sich genommen. Schick mich bitte nicht dort hin. Es ist schrecklich dort … sie leiden … oh wie sie leiden. Ich … ich bin harmlos. Ich kann dir nicht schaden. Bitte fütter mich nicht … Ich … tue, was du willst …. ich … werde für dich lächeln … für dich tanzen, wenn du möchtest … ich ….“

Sallys flammende Augen sahen den Jungen nachdenklich an. So menschlich unmenschlich, so mitfühlend grausam und für einen Moment erkannte ich mich selbst darin. Wie in einem verfluchten, gnadenlosen Spiegel.

„Ja, das wirst du“, sagte sie flüsternd wie eine psychopathische Mutter, warf den Samen in ihrer Hand in die Flamme, griff hinein und holte ein kleines Kostüm heraus. Das Kostüm eines Vampirs, jenes Kostüm, was sie angeblich selbst hätte tragen sollen, wenn die Geschichte, die sie mir erzählt hatte, wahr gewesen wäre. Sie reichte es ihm und er nahm es entgegen. Noch einmal sah er sie stumm und bittend an, flehte um Schonung, um Gnade, doch dies war die einzige Gnade, die sie zu geben bereit war.

So zog er das Kostüm an, zitternd und unter Tränen und nur Augenblicke danach war der Großteil von Tom verschwunden und ein kleiner, bleicher, gehorsamer Diener stand an seiner Stelle, seine Erinnerungen und die Reste seines Wesens tief verborgen, auf ewig eingesperrt in seiner blassen Brust. Doch immerhin … immerhin flüsterte er nicht verzweifelt und klagend mit all den anderen, in der weißen Leere des weglosen Raums.

Nun blickte Sally zu mir, den kleinen Vampir wie einen dressierten Schimpansen an ihrer Hand und zwischen unseren Blickten türmten sich die unausgesprochenen Worte wie staubiger Schutt. Ich hätte ihr tausend Dinge sagen können, tausend Urteile sprechen, hätte all ihre Anfeindungen und Vorwürfe wohlfeil zurückschleudern können, doch letztlich, das wusste ich, war ich nicht besser. Wir beide hatten unsere Entscheidungen getroffen. Jetzt gab es nur noch die Zukunft und unseren Vertrag.

„Wird mir jetzt eine Rückkehr möglich sein?“, fragte ich sachlich.

„Ich denke, Ja“, sagte Sally aus deren Mund ein würziger, fruchtiger Geruch drang, „sobald wir zurück in Samnia sind. Ich weiß nicht genau, auf welche Weise du reist. Aber diese Welt ist nicht länger in der Schwebe. Sie ist jetzt ein regulär existierender Ort. Solide, stabil, unerschütterlich, getrennt von allem anderen. Keiner, der hier lebt, wird sie mehr verlassen können, wie für gewöhnlich keiner die Erde verlassen kann, der nicht über ein Raumschiff verfügt. Aber wenn du zu anderen Welten reisen kannst, sollte es dir hier auch möglich sein.“

„Gut“, sagte ich, „Du hast mir aber auch Personen versprochen, die ich mit mir nehmen kann.“

„Das habe ich“, erwiderte Sally oder was immer sie nun war, „und dazu stehe ich.“

Sie warf einen letzten abschätzigen Blick auf die hingerichteten Puppen, den bonbonübersäten Boden und die mit madigem Fleisch gefüllten Teddybären, die nun endgültig dem Verfall ausgeliefert waren. „Erst einmal sollten wir aber dieses Zimmer verlassen. Hier stinkt’s!“

~o~

Die Rückkehr aus dem weglosen Raum fiel uns vergleichsweise leicht. Zwar waren der gruselige, traurige Flur, die gefährliche Spirale und die verwirrende Umgebung nicht verschwunden, aber es war fast, als spürten die Kräfte, die hier herrschten, dass es nicht mehr allein Sally war, die ihr Reich durchschritt, sondern womöglich jemand aus ihrer Mitte. Jedenfalls wurden wir weder gestört, noch angegriffen. Unterwegs fragte ich mich auch, ob Nathaniels oder vielmehr Gallwahrds Behauptung der Wahrheit entsprochen hatte. War er tatsächlich die Verkörperung aller rastlosen Verstorbenen gewesen? Hatte ich mal eben so das gesamte Geisterreich ausgelöscht? Irgendwie konnte ich mir das nicht vorstellen. Sollte er diese Funktion tatsächlich inne gehabt haben, wird er sicher mächtig genug gewesen sein, um in irgendeiner Form weiterzuexistieren. Doch in Samnia und im weglosen Raum spürte ich seine Präsenz nicht mehr.

Als wir in Sallys Haus zurückkehrten, war es beinah so, als hätten wir es nie verlassen. Unsere leeren Gläser standen noch immer auf dem Tisch, die Halloween-Dekoration war an ihrem gewohnten Platz und die Atmosphäre war genauso unheilvoll und beängstigend wie zuvor, nur dass sie nicht mehr chaotisch und unberechenbar wirkte, sondern so stickig und beengend wie ein ungelüfteter Keller.

Bevor wir das Haus verließen, befahl Sally ihren kostümierten Dienern, zurückzubleiben und das Haus zu bewachen. Auch den kleinen Vampir Tom ließ sie dort zurück. Dessen Verwandlung verwunderte mich noch immer ein wenig, denn immerhin hatte Sally ja behauptet, dass die Kostüm keine Macht über Kinder besitzen würden. Allerdings war Tom ja auch kein gewöhnliches Kind mehr gewesen und natürlich konnte auch das eine Lüge gewesen sein.

Warum sie die Kostümierten ihr Haus bewachen ließ, blieb mir schleierhaft. Immerhin gab es in Samnia niemanden mehr zu beschützen und es existierte auch nichts mehr, was ihr gefährlich werden konnte. Es gab nur noch Sally Summer und jene, die ihr hilflos ausgeliefert waren. Ja, wenn ich so darüber nachdachte, war das einzig Bedrohliche in ganz Samnia jene Frau, in deren Gesellschaft ich mich befand.

Wir traten hinaus auf die Straße, der Asphalt war kalt und regennass, doch der Geruch des Wassers war jetzt irgendwie alt und abgestanden. Dasselbe galt für die Luft, die viel zu stickig und verbraucht wirkte, wenn man bedachte, dass wir uns Draußen befanden. Mir kam der Gedanke, ob eine autarke Welt, die nicht größer war als eine einzige Stadt, groß genug war, um sich auf Dauer selbst zu erhalten. Womöglich würde die Gefangenschaft für Sallys Diener ja doch nicht für alle Ewigkeit andauern.

„Wohin gehen wir?“, fragte ich Sally, während sie mich durch die in Dunkelheit getauchten Gassen führte, vorbei an namenlosen, unbeleuchteten Einfamilienhäusern.

„Zu einem Haus am Stadtrand“, erklärte sie mit Lippen, deren wulstige Textur mich inzwischen ebenfalls stark an einen Kürbis erinnerte, „dort gibt es ein paar Leute, die sich ewige Folter redlich verdient hätten.“

Ich blickte hinauf zum Mond. Er war nicht länger eine silberne, volle Scheibe, sondern gesplittert, verkrümmt und verzogen und wenn ich zu lange hinsah, schien er zu flackern und zu zerfließen, wie verwischte Farbe. Vielleicht tat ich meiner künftigen Beute ja doch einen gefallen, wenn ich sie hier herausholte.

„Auf welche Weise reist du eigentlich zurück?“, fragte Sally mich.

Nun, wo ich wieder voll in ihrem Einflussbereich war, konnte ich sie nicht anlügen: „ich spreche drei bestimmte Worte. Dadurch öffne ich ein Tor für mich und bis zu zehn Personen, die sich in meiner Nähe befinden“, erklärte ich.

„Gut zu wissen“, sagte Sally mit einem etwas irren Grinsen, „dann bin ich wohl lieber nicht in deiner Nähe, wenn es passiert.“

Für einen Moment dachte ich ernsthaft darüber nach, ob ich mich vielleicht mit Sally begnügen sollte. Sie war immerhin ein mächtiges Wesen und zusammen mit der Lampe könnt sie eine interessante Ernte mit viel Gesundheit für On-Grarin darstellen. Allerdings machte ihre Macht es auch riskant. Wenn es mir nicht gelang sie mitzunehmen würde ich mit leeren Händen zurückkehren und wenn sie meine Worte hörte und nichts geschah, wäre ihr Zorn sicher fürchterlich. Mit einem gewöhnlichen Teenager wäre ich sicher fertig geworden, aber seit sie sich in ihrem Zorn für die Lampe geöffnet hatte, war sie nun mal weit mehr als das. Nein, entschied ich, die Triebtäter waren wahrscheinlich die bessere Wahl. Ich hoffte nur, dass sie noch in einem guten Zustand waren.

Nach einigen Minuten erreichten wir den Stadtrand und ich erblickte erstmals die Barriere, von der Sally geredet hatte. Es war ein grauenhafter Anblick. Tatsächlich hingen dort dutzende, womöglich auch hunderte von Personen einfach in der Luft und anhand der schwachen Schreie und Rufe, die sie manchmal von sich gaben, konnte ich zumindest erahnen, dass sie noch am Leben waren. Viele von ihnen wirkten jedoch nicht mehr wie normale Menschen. Ihre Gliedmaßen standen in Winkeln ab, für die ihre Gelenke nicht geschaffen waren und oft genug waren sie auf die doppelte oder auch dreifache Länge angewachsen oder auf groteske Weise plattgewalzt.

Hinter ihnen erstreckte sich jedoch nicht länger eine gewöhnliche Stadt, sondern ein verwirrender, wirbelnder Nebel mit bunten, rotierenden Kreisen, deren Farben sich stetig miteinander vermischten und wieder entmischten. War das der weglose Raum, ein Teil des Geflechts oder etwas völlig anderes? Ein Entkommen jedenfalls, schien es hier nicht zu geben.

„Hier ist es“, sagte Sally und ihre Worte lenkten mich von dem bizarren Anblick ab.

Sally zeigte auf ein kleines Haus mit einer dunkelbraunen Holztür, direkt zu unserer Rechten. Sie ging zu der Tür, nahm einen ihrer vielen Schlüssel und öffnete sie.

„Hier trennen sich unsere Wege“, sagte sie, „geh hinein und hole dir deine Belohnung.“

„Danke“, sagte ich nickend und ging einen Schritt auf das Haus zu, hielt dann aber noch einmal Inne und drehte mich zu ihr um. „Was hast du nun vor?“, fragte ich.

„Das geht dich nichts an“, erwiderte Sally schroff, „in Wahrheit liegt dir so wenig an meinem Schicksal wie mir an deinem. Also geh. Und lass es gut sein. Ich hoffe, wir werden uns niemals wiedersehen.“

Da sie im Grunde recht hatte und ich keine Lust verspürte, mich weiterhin beleidigen zu lassen betrat ich zögerlich das Haus. Das Innere war nicht gut beleuchtet, wenn auch nicht gänzlich dunkel. Ein paar kümmerliche, heruntergedimmte Lampen beleuchteten einen engen Flur, der zu einer einzigen, weiteren Türe führte. Da ich an der etwas feuchten, rauen Tapete, keine Lichtschalter entdecken konnte ging ich einfach den Weg entlang. Etwas in mir warnte mich, sei es ein siebter Sinn oder das, was ich über Sally erfahren hatte, die inzwischen mindestens zur Hälfte eine Kreatur aus dem weglosen Raum war. Trotzdem waren da meine unersättliche Neugier und das Wissen, dass ich ohnehin verloren wäre, wenn Sally mich verraten würde. Einen anderen Weg, in dieser Welt an Beute zu kommen, kannte ich nicht und da meine Uhr seit unserer Rückkehr nach Samnia wieder erwacht war und die Minuten unaufhaltsam verstrichen, blieb mir auch keine Zeit mehr einen zu finden. Also öffnete ich die Tür, ungeachtet aller Bedenken.

Dahinter lag … kein gewöhnlicher Raum, sondern ein dunkler Abgrund, nicht endlos vielleicht, aber tief genug, um nicht hineinfallen zu wollen. Entsprechend kämpfte ich um mein Gleichgewicht, hielt mich am Türrahmen fest und spürte plötzlich einen kräftigen Wind in meinem Rücken, der so unerwartet und so heftig kam, dass ich mich nicht dagegen wehren konnte. Ich verlor den Halt und fiel in die Dunkelheit, doch ich fiel nicht so lange wie befürchtet.

Schon nach wenigen Augenblicken stieß ich gegen einen weichen, strukturierten Boden. Nein, begriff ich, gegen eine Wand, eine abschüssige Wand, die mich tiefer und tiefer hinabtaumeln ließ, während ich verzweifelt darum kämpfte, mein Abrutschen zu stoppen. Schließlich war die Schwerkraft fertig mit mir. Noch einmal prallte ich gegen etwas Weiches, Nachgiebiges, dann blieb ich liegen, umgeben von Dunkelheit und einem fruchtigen, würzigen Geruch.

„Sally, das ist nicht fair“, stöhnte ich, während ich versuchte mich hochzustemmen. Es gelang mir sogar, doch kaum da ich zittrig auf meinen Beinen stand, spürte ich eine kitzelnde Berührung an meinem Nacken, an meinen Beinen und an meinem Rücken. Ich stolperte davon weg, aber als ich das versuchte, wurde aus diesem Kitzeln ein scharfer, heftiger Schmerz.

„Sally!“, schrie ich zornig über Sally genauso wie über meine verfluchte Neugier und Leichtsinnigkeit, „du hinterhältiges Dreckstück, wo hast du mich hingebracht? Was geschieht mit mir?“

Keine Antwort, nur noch mehr Schmerz. An meinem Hals, an meinen Armen, meinem Bauch, meinen Lippen. Ich fühlte warmes Blut meine Haut hinabrinnen. Ich wand mich hin und her, schlug um mich, versuchte mich zu befreien, mich zu bewegen, aber irgendetwas hielt mich fest. Fesseln? Ketten? Oder irgendetwas anderes?

Noch einmal wollte ich die Verräterin rufen und meinem Zorn Luft machen, aber diesmal drangen keine Worte aus meinem Mund, nur ein undeutliches, ersticktes Murmeln. Ich konnte meinen Mund nicht öffnen. Meine Lippen waren fest aufeinandergepresst. Ich versuchte sie zu öffnen, mobilisierte jedes bisschen Kraft in meinen Gesichtsmuskeln, aber alles, was ich davon hatte, war noch mehr brennender Schmerz und salziges, feuchtes Blut, das aus meinen Lippen hervorquoll.

Sie waren zugenäht, begriff ich. Irgendetwas hatte sich durch mein Fleisch gegraben. Nicht nur durch meine Lippen, durch meinen ganzen Körper. Panik erfüllte mich, Angst und Hilflosigkeit, wie ich sie lange nicht gekannt habe. So lange war ich der Jäger gewesen. Das Raubtier in der Nacht, der überlegene Beobachter, selbst wenn ich nicht meiner eigenen Sache gedient hatte, jetzt aber war ich ein Nichts. Eine Fliege im Netz. Ein zappelnder Fisch am Haken. Hatte ich das verdient? Vielleicht, aber das schmälerte mein Grauen kein Stück.

Sekunden, Minuten lang geschah nichts. Doch dann plötzlich war da ein Licht. Es war nicht sehr hell, aber nach der absoluten Dunkelheit stach es schmerzhaft in meine Augen. Als ich mich aber etwas an die neue Helligkeit gewöhnt hatte, sah ich, wo ich mich befand. Es war das Innere eines riesigen Kürbis und um mich herum waren Menschen. Männer zumeist, aber auch ein paar Frauen. Und in jedem von ihnen steckten Kürbisranken. Blätter, Stengel und sogar kleine Früchte wuchsen aus ihren von zerrissener, schmutziger Kleidung bedeckten Bäuchen, aus ihren Gliedmaßen, ihren Wangen und bei manchen sogar aus den Augen. Bei jedem von ihnen waren die Lippen durchwachsen, zusammengenäht, wie bei mir. Doch sie waren nicht tot. Ab und an zappelten sie noch und jene, die noch Augen besaßen, sahen mich an, mit dem vergifteten Mitleid eines Mitverdammten.

Dann, in diese vollkommen absurde Szene hinein, erscholl Sallys Stimme.

„Dies ist mein Garten der Reue“, sagte sie und auch wenn ich den Kopf eigentlich nicht weit genug heben konnte, glaubte ich, sie in der Tür stehen zu sehen, „hier ruhen alle, die mir oder anderen ein Leid zugefügt haben. Hier ruhen sie für viele Jahre, vielleicht auch für Jahrzehnte, bis die Pflanze sie verzehrt hat. Es mag keine ewige Qual sein, wie du sie den armen Seelen, diesem armen Jungen in der Hölle beschert hast, aus der du kommst. Aber sie hat den Vorteil, dass ich sie betrachten kann und dass auch du von ihr betroffen bist. Ohne magische Worte, ohne einen Weg dich hier herauswinden zu können. Du magst denken, dass du mir geholfen hast, dass du eine Belohnung verdient hast. Aber für manche Dinge gibt es keine Wiedergutmachung. Darüber solltest du nachdenken, während der Kürbis dich verdaut. Du hast mir geholfen, die bösen Geister zu vertreiben, ja. Aber auch du bist ein böser Geist. Du und deinesgleichen. Und erst, wenn auch ihr im Nichts verschwunden seid, werde ich ohne Angst und Ekel schlafen können.“

Ich wollte etwas erwidern, wollte ihr widersprechen. Wollte sie daran erinnern, was sie Tom angetan hatte, was sie ihren Freunden angetan hatte, was sie der ganzen Stadt angetan hatte, aber die Worte blieben in meiner Kehle stecken, genau wie jene, die mich aus meiner Lage hätten befreien können. Ich versuchte meinen Schattenstrahler zu nutzen, in der irren Hoffnung sie damit treffen zu können, doch nichts geschah. Entweder wollte der Symbiont mir nicht helfen, oder er konnte es nicht.

Und so hallte Sallys Monolog noch lange unwidersprochen in meinem Kopf nach, nachdem sie das Licht gelöscht und die Tür verschlossen hatte. Ab und an hörte ich ein Rascheln, ein leises Wimmern in der Dunkelheit, aber sonst war da nichts als brennender Schmerz, Hilflosigkeit und die schleichenden Bewegungen einer Pflanze, die sich unendlich langsam in meinem Fleisch ausbreitete.

Sicher wäre ich hier gestorben. Wäre geendet als Dünger oder irgendwo im weglosen Raum, wenn die Welt, die Sally sich erschaffen hatte, schließlich kollabiert wäre, so wie ich es vermutete.

Doch fürs Erste war diese Welt, war Samnia noch stabil, gehorchte den Gesetzen des Raumes und der Zeit. Und ausnahmsweise war diese Zeit mein Freund, denn nach weit weniger als einer Stunde holte sie mich zurück in die Seuchenhöhlen, zusammen mit acht Männern, zwei Frauen und ein paar entwurzelten, magischen Kürbisranken.

On-Grarin war nicht wirklich entzückt. Aber er genoss es, die Ranken aus unseren Leibern zu holen. Langsam, ganz langsam, um unser Leid zu maximieren, wissend, dass wir hier, an diesem Ort nicht sterben konnten. Meine Qualen waren fast größer als meine Erleichterung, aber dennoch konnte ich mich glücklich schätzen, denn nachdem er mich ausreichend für meine jämmerliche, schwächliche Beute bestraft hatte, gab On-Grarin mir genügend von der kostbaren Substanz namens „Gesundheit“, um meine Wunden zu heilen. Die anderen hingegen, ob nun schuldig, feige oder lediglich ein Opfer von Sallys dämonischem Rachewahn erwartete ein grauenhaftes Schicksal. Nachdem er jedes verbliebene bisschen Gesundheit aus ihnen extrahiert hatte, sperrte er sie in die Verwahrer. Enge, ausbruchssichere Schubladen im Gestein, aus denen sie nicht mal der Tod würde befreien können. Heute glaube ich, das Sally vielleicht inzwischen ein ähnliches Schicksal ereilt hatte. Sollte ich mit meiner Vermutung recht behalten, würde auch sie alleine sein, wenn ihre zu kleine Welt sich auflöste, wenn alle Gebäude zerfielen, die Gestirne zerbarsten ihre Feinde sich auflösten und ihre Diener nicht mehr waren als ein regungsloser Haufen Stoff, Plastik und Pappe. Vielleicht würde sie dann auf ewig dort im Weiß umhertreiben, suchend, verzweifelnd und hoffnungslos oder eingesperrt in einen winzigen Dachboden als entstellte, alte, einsame Frau, die sich nichts mehr wünschte als eine Umarmung.

Kaum da On-Grarin die Früchte meiner Ernte lebendig begraben hatte, verlor der Mann aus Andradon schnell das Interesse an ihnen. Nicht jedoch an den seltsamen Kürbispflanzen. Sie schienen ihn nicht einfach nur zu faszinieren. Nein – so absurd das auch klang – er schien sie regelrecht zu lieben. Da er sie eingehend und gründlich studierte, gelang es ihm sogar, sie dort in der Portalhöhle zu kultivieren. Anfangs waren die Pflanzen kümmerlich, doch als ich auf meiner nächsten Mission ein paar deutlich kräftigere Opfer erntete und er sie den Pflanzen überließ, wurden sie stärker und für einige Wochen wuchsen tatsächlich Kürbisse direkt im Zentrum der Seuchenhöhlen von Hyronanin.

On-Grarin wirkte beinah glücklich in jenen Tagen. So als schlummere irgendwo in der Brust des zynischen Folterers das friedliche Herz eines Gärtners. Doch letzten Endes verging diese Obsession, vielleicht aus Sprunghaftigkeit, vielleicht aus Angst vor den Gesundern, die solcherlei Verschwendung von Gesundheit sicher nicht gerne sahen – und als die Pflanzen nicht mehr gefüttert wurden, verdorrten sie und starben als vielleicht erste Lebewesen in Hyronanin seit vielen hundert Jahren. Wie das möglich war, weiß ich nicht. Aber womöglich lag es daran, dass diese Pflanzen Geschöpfe des Herbstes waren, und jenseits von Samnia konnte diese Jahreszeit des Übergangs nicht von Dauer sein. Nicht einmal in Hyronanin.

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