Fortgeschritten: Die Lebensmärkte von Deovan 5

„Wo ist Slura?“, fragte ich mit Karmons Mund, als wir gemeinsam die Creep-Höhle betraten. Die Zellen waren leer, der große Tisch jedoch war zumindest zur Hälfte besetzt. Der Bulle und eben auch Slura waren jedoch nirgends zu entdecken. Dafür saßen am hinteren Kopfende nebeneinander die hungrig und verzweifelt dreinblickenden Zwillingsgeschwister Schlinger und Schlund, während die geisterhafte Spectra auf der linken und die düstere Oblivia auf der rechten Tischseite Platz genommen hatte.

An jedem Platz – auch an den unbesetzten – lag metallenes Geschirr, bestehend aus Tellern, Kelchen, Messern und Gabeln, deren Ränder und Griffe jeweils mit stilisierten Dämonenköpfen bestückt waren, die eigentlich klischeehaft und plakativ anmuteten, jedoch in dieser Runde eine beinah lovecraftsche Bedrohlichkeit entfalteten.

Die Teller waren jedoch nicht in jedem Fall gefüllt. Oblivia schlang lustlos einen unappetitlichen Brei aus bunten, noch lebendig scheinenden Würmern herunter, die sie mit ihrem Besteck in kleine, blutige Happen zerlegte. Dieselbe zweifelhafte Köstlichkeit fand sich auch an dem anscheinend uns zugedachten Platz, direkt neben Oblivia. Schlinger und Schlund, die ohnehin keine gewöhnliche Nahrung zu sich nehmen konnten, starrten missmutig auf ihre leeren Teller, während sich Spectras Portion nicht auf, sondern neben dem Tisch befand: an einer kurzen, stählernen Kette, die zu einem vielleicht achtjährigen, deovanischen Jungen mit kurzen blonden Haaren und in einem blauen Anzug führte, in dessen Blick Schicksalsergebenheit mit nackter Angst rang. Er erinnerte mich an das Mädchen Nida aus dem Invisible Land, nur dass seine Lage noch viel aussichtsloser war als ihre.

Vor allem aber erinnerte er mich an meinen faustischen Pakt mit Moydrur und an Ominees Warnung vor den Scyonen. In diesem Moment schwor ich mir endgültig niemals Kinder zu bekommen und zu diesem Zeitpunkt wusste ich natürlich noch nicht, dass ich diesen Schwur letztendlich – wenn auch etwas unfreiwillig – brechen würde. Dennoch wurde mir ganz anders bei dem Gedanken daran, wie sich dieser Junge gerade fühlen musste.

„Sie hat zu tun“, erklärte Spectra barsch, „außerdem wollte sie, dass wir Creeps gemeinsam essen. Eigentlich sollten wir sogar auf dich warten.“

Ihr Blick wanderte zur fast mechanisch kauenden Oblivia.

„Ein sinnloses Ritual“, kommentierte die Onyx-Geweihte mit einer kalten, aber samtigen, hypnotisch-flüsterhaften Stimme, „das hier dient der Erhaltung der Bio-Maschinen, die wir als Körper bezeichnen. Dinge wie Zeitpunkt und Gleichzeitigkeit sind genauso bedeutungslos wie unser Leben. Wir essen. Wir funktionieren. Wir töten. Das ist alles.“

„Bei so einer lustfeindlichen Attitüde vergeht einem ja beinah der Appetit“, meinte Spectra und blickte entgegen ihrer Worte hungrig zu dem Jungen, der leicht zitterte, jedoch nicht einmal den Versuch unternahm sich zu befreien. „Es wird wirklich Zeit, dass du endgültig im Schatten verschwindest“, ätzte Spectra, „ja, worauf wartest du eigentlich noch?“

Oblivia blickte von ihrem Teller auf. Ihre weißen Augen strahlten wie unheilvolle Leuchtfeuer. „Vielleicht darauf, euch alle mitnehmen zu können“, versprach sie mit der mystischen Inbrunst einer Prophezeiung.

Spectra lachte wie eine Hyäne, „nimm dich nicht so wichtig, Glanzauge. Du bist nicht irgendeine auserwählte Todesfee, deren Erscheinen die Legenden angekündigt haben. Du bist eine Kranke. Eine von tausenden Onyx-Geweihten, die bald verrecken werden oder schon verreckt sind und keine davon hat uns alle mit in den Schatten gerissen. Gibt mir den richtigen Stein und ein paar Penner von der Straße und ich mach ein paar Dutzend von deiner Sorte. Das einzige, was dein Tod bewirken wird, sind ein paar flackernde Lichter, etwas Arbeit für die Reinigungskräfte und weniger dummes, negatives Gelaber, das mir den Tag verdirbt.“

„Ich bin es nicht, die andauernd reden will“, antwortete Oblivia ruhig, „sondern du. Du hast Angst vor der Stille, Spectra. Vor der Leere in dir. Nichts fürchtest du mehr.“

„So ein Schwachsinn“, widersprach Spectra und wandte sich mir zu, „die einzige Leere, die ich fürchte, ist die in meinem Bauch. Deshalb solltest du dich setzen, Grauer. Je länger ich auf mein Essen warten muss, desto schneller verdirbt es. Ich hasse es, wenn sie so stark nach Angst schmecken. Ein bisschen davon bringt die richtige Würze hinein, aber zu viel macht es bitter.“

„Du willst diesen Jungen tatsächlich verspeisen?“, fragte ich gepresst und überlegte, wie ich ihr ihr Opfer notfalls entreißen könnte.

Spectra sah mich verwirrt an. „Natürlich. Ich habe Hunger. Da isst man für gewöhnlich“, entgegnete sie.

„Aber er ist ein denkendes und fühlendes Wesen und ein Kind noch dazu“, gab ich zu bedenken.

„Das stimmt“, gestand Spectra ein, „aber ich fühle und denke auch. Und ich muss essen. Ich bin eine Scyonin. Wir ernähren uns von Kindern, so wie andere von Tieren, Pflanzen oder sonstigen Lebewesen, die ebenfalls Schmerz empfinden, Angst haben und überleben wollen. Das Leben ist ein Zerstörungswerk, ob man nun will oder nicht, ob man sich daran erfreut oder es hasst. Ja, er ist jung, aber aus welchem Grund sollte ein junges Leben mehr wert sein, als ein altes? Verliert man etwa mit der Volljährigkeit sein Lebensrecht? Ich jedenfalls sehe keinen Grund dafür. Aber diese Fragen bleiben ohnehin theoretisch. Es gibt nur eine, die für mich zählt. Er oder ich. Da fällt mir die Wahl nicht schwer. Ob es richtig ist für Enry zu töten, in diesem Labyrinth, DAS ist vielleicht eine Frage der Moral, dies hier hingegen ist lediglich eine des Geschmacks.“

„Es ist und bleibt barbarisch“, sagte ich, da mir nichts Besseres einfallen wollte. Ich hatte keine Argumente, nur mein bloßes, übles Bauchgefühl, dass das hier nicht richtig war, nicht richtig sein konnte. Leider fühlte ich mich zurückversetzt in die Zeit der Speisung der Laarmashk. Genau wie damals hatte ich nur zwei Optionen: Aufzubegehren und einen lebensgefährlichen Konflikt heraufzubeschwören oder mich zu fügen. Ich wusste nicht, welchen Weg ich wählen sollte, aber ich hatte so ein Gefühl, dass Widerstand zu diesem Zeitpunkt nicht einmal dem Jungen etwas genützt hätte.

„Du musst ihn ja nicht essen. Du hast das da“, sagte Spectra schulterzuckend und zeigte auf meinen Teller, auf dem sich die Würmer wie spastische Muskeln wanden.

Einen Augenblick rang ich mit mir. Stellte mir vor, wie ich ihren durchscheinenden Hals mit Karmons kräftigen Händen umdrehen würde, letztlich jedoch umrundete ich den Tisch und ließ mich wortlos neben Oblivia nieder.

Ich versuchte meinen Blick auf den Teller mit dem ekelhaften Essen zu heften, doch ich konnte nicht verhindern, dass meine Augen wieder zu dem Jungen wanderten, was auch Spectra nicht entging.

„Ist noch irgendwas?“, erkundigte sie sich genervt.

„Weißt du, wie er heißt?“, fragte ich sie gepresst.

„Nein, wieso sollte ich?“, erwiderte Spectra, „kennst du den Namen deiner letzten Mahlzeit?“

Das war der Moment, in dem ich jegliche Beherrschung verlor. Das Gesicht des Jungen wurde zu Xidans Gesicht, zu Nidas Gesicht, zum Gesicht meines hypothetischen eigenen Kindes und alles in mir drängte danach, Spectra zu verletzen, zu töten, auszulöschen auf die abartigste, gnadenloseste und finsterste Weise, die überhaupt möglich war. Die Konsequenzen waren mir egal. Die Vernunft war mir egal, aber leider – oder rückblickend womöglich zum Glück – gehorchten mir meine Muskeln nicht mehr. Karmon hatte sie blockiert. „Lass mich!“, wütete ich innerlich, „ich muss ihn retten!“

„Nein, ich muss dich retten!“, widersprach Karmon, „ich muss uns beide retten. Ist dir nicht klar, dass dies hier eine Prüfung von Slura ist? Eine Prüfung, bei der du bereits jetzt nicht gut aussiehst und die du in eine totale Katastrophe verwandeln wirst, wenn du einem ihrer Creeps ein Leid zufügst, um ihre Mahlzeit zu beschützen? Beherrsche dich, gottverdammt. Sonst muss ich es tun!“

„Du kennst ihn offenbar nicht“, interpretierte Spectra mein äußerliches Schweigen, „dann spar’ dir deine Kommentare und lass mich endlich essen.“

Die Wut in mir blieb bestehen, genau wie das Mitgefühl für dieses unschuldige Leben, aber da Karmon alle seine Körperfunktionen außer dem bloßen Sprechen meinem Zugriff entzogen hatte, verlegte ich mich zwangsläufig aufs Beobachten.

Spectra wandte sich zu dem verängstigten Kind um und nahm es fast zärtlich in die geisterhaften Arme. Plötzlich blitzten ihre Augen in einem irrlichthaften grünem Feuer auf und dasselbe Feuer glomm kurz darauf in den Augen des Jungen, aus dessen Gesicht mit einem Mal sämtliche Angst verschwunden war.

„Du hypnotisierst ihn?“, fragte ich verwundert, da ich fast sicher gewesen war gleich einem von Schreien erfüllten Blutbad beizuwohnen, doch Spectra antwortete mir nicht, sondern … öffnete sich. Ja, anders kann man es kaum beschreiben. Ihre gesamte Gestalt wurde entgrenzter, weicher, amorpher und begann sich wie ein schmeichelndes, warmes Sumpffeuer über den Jungen zu stülpen. Sein Gesicht, seine Arme, seinen Unterkörper taten es ihr gleich, spalteten kleine Partikel ab, die zu ihr hinüberflogen, als bestünde er aus Nebel und verbanden sich mit Spectras Körper, integrierten sich nahtlos in sie, als hätten sie schon immer zu ihr gehört.

Es war beinahe schön. Traurig. Grauenhaft, aber schön und rein ästhetisch betrachtet weit weniger abstoßend als das, was mit Karmons Opfern geschah. Dennoch war das Ergebnis dasselbe, als die letzten Partikel von Spectras Mahlzeit in sie diffundierten, wie taumelnde Motten, die in eine Kerzenflamme flogen und sich leere Kleidung gleich einem Leichentuch auf den Boden legte: Der Junge war nicht mehr da. Er würde nie mehr da sein. Die Geschichte seines Lebens – ob schön, grausam, langweilig oder spannend – war vorzeitig beendet worden und mir wurde übel.

„Reiß dich zusammen!“, erinnerte mich Karmon, „sein Leben ist nicht wertvoller als unseres.“

Die herzlosen Worte des Kwang Grong hallten bitter in meinem Bewusstsein nach und ein Teil von mir wollte die Karmon verdrängen, gegen ihn aufbegehren, ihn abschütteln wie ein Pferd seinen ungeliebten Reiter. Doch ich tat es nicht, versuchte es nicht einmal ernsthaft, ob nun aus Liebe, Angst oder nackter Schwäche und ich fragte mich wieder, ob ich nur mit einem Dämon zusammenlebte, oder selbst einer war. Adrian, der Erzdämon der Trägheit, des Zögerns, der konsequenzlosen Weinerlichkeit.

„Nachdem du mich jetzt eingehend beim Essen beobachtet hast, solltest du dir endlich auch deine Portion genehmigen“, forderte Spectra mich auf, „Slura bestand darauf, dass wir bei dir bleiben, bis du aufgegessen hast und ich würde meine Zeit gerne produktiver nutzen.“

Ich sah zu Oblivia und erkannte, dass auch sie ihren Teller geleert hatte und brütend an die Wand starrte, während kleine Schatten flackernd um ihren Körper tanzten.

Widerwillig griff ich mir eine Gabel und steckte sie in den krabbelnden Haufen, der trotz des Gewusels seine Form beibehielt. Ein Schaudern des Ekels fuhr von meiner Hand in meinen Arm.

„Kann dein Körper überhaupt solche Nahrung aufnehmen?“, fragte ich Karmon vorsichtig optimistisch.

„Ich glaube ja“, machte er meine Hoffnung gleich wieder zunichte, „ich kann daraus zwar keine nennenswerte Energie gewinnen, aber konsumieren kann ich sie durchaus. Immerhin sind dies Lebewesen. Auf die Gabel wirst du aber verzichten können.“

Diese Bemerkung trug nicht gerade dazu bei, meine Laune zu heben.

„Was ist mit Schlinger und Schlund?“, fragte ich, um das Unvermeidliche noch etwas hinauszuzögern, „essen sie nicht?“

„Nein“, antwortete Spectra, „Slura will, dass sie hungrig sind. Das macht sie aggressiver. Dabei ist so viel köstliche Dunkelheit um sie versammelt. Das muss sie wahnsinnig machen.“

„Reden sie deswegen nicht?“, wollte ich wissen, „ich habe einst Tronhiire kennengelernt, die weitaus gesprächiger waren.“

„Nein“, sagte Spectra, „das liegt an ihrer Konditionierung. Sie wollen nur noch fressen und töten. Die Behandlung hat ihnen längst allen Feinsinn ausgetrieben. Anders als bei dir offenbar.“

„Kwang Grong sind recht hart im Nehmen“, versuchte ich mich an einer Erklärung.

„Das mag sein“, gestand Spectra zu, „aber letztlich wird Slura auch dich brechen, was ein wenig schade ist. Ich meine, versteh mich nicht falsch. Du bist ein weinerlicher Nervtöter, aber du bist immer noch ein besserer Gesprächspartner als diese arrogante, depressive Onyx-Schnepfe.“

„Denkst du, das verletzt mich?“, erwiderte Oblivia, ohne Spectra anzusehen, „mich, die das Herz des Vergessens geschaut hat?“

„Nein, diese Hoffnung hab ich längst aufgeben“, entgegnete Spectra seufzend.

„Hoffnung ist ohnehin eine Illusion“, bemerkte Oblivia, klang jedoch eher so, als spräche sie zu sich selbst.

„Das ist genau das, was ich meine“, sagte Spectra.

Ich nickte. „Warum seid ihr beiden noch bei Verstand?“, erkundigte ich mich.

Spectra brach in ein verstörendes Gelächter aus, „Oblivia bei Verstand? Der war gut!“

„Du weißt, was ich meine“, beharrte ich.

„Ach, weiß ich das?“, neckte Spectra, „nun, die Steinschnepfe hat sowieso Massen von verpestetem Geröll in der Rübe und das blockt nicht nur jegliche Heilung ab, sondern auch jeden Versuch der Einflussnahme von außen. Der Stein hütet seine Beute eifersüchtig, so minderwertig sie in diesem Fall auch sein mag.“

Jegliche Heilung? Ich dachte an Pingo und wurde sentimental. Ob es wirklich keine Behandlung für den gutherzigen Steingeweihten gab? Jedenfalls hoffte ich, dass Jarma oder sonst jemand eine Behandlungsmethode für ihn entdecken würde. Er zumindest hatte etwas Glück verdient.

„Was mich betrifft, so bin ich als Scyonin auf grundlegende Art mit allen anderen Scyonen verbunden und unsere Verbindung lässt sich nicht so einfach manipulieren, wie Slura bereits feststellen musste. Gelegentlich versucht sie es noch, aber eigentlich hat sie sich damit arrangiert. Immerhin tue ich, was von mir erwartet wird und der Act-Blocker verhindert, dass ich mich gegen sie auflehne, selbst wenn ich das vorhätte.“

Während sie das sagte, blickte sie wieder zu meinem widerlichen Essen und diesmal gab ich mir einen Ruck und baute darauf, dass Karmon keine Geschmacksnerven besaß. Ich irrte mich. Die Säfte der Tiere, die fein zerstäubt und molekular zerlegt in unsere Mundöffnung strömten, wurden allesamt von sensiblen Rezeptoren erfasst. Sie bildeten eine ausgesucht abstoßende Geschmackskomposition, die das Essen auch jenseits allen kulturell geprägten Ekels vor solcher Nahrung zu keiner angenehmen Erfahrung machte. Damals war ich noch nicht an die Käferkost gewöhnt und auch wenn ich glaube, dass die Mehlwürmer und Heuschrecken, die in meiner Heimat zumindest von experimentierfreudigen Zeitgenossen verzehrt wurden, wahrscheinlich gar nicht mal so schlecht schmeckten, traf das auf diese Mahlzeit gar nicht zu. Was hier geboten wurde, mochte nahrhaft sein oder auch nicht, aber in jedem Fall war es ein Erlebnis, auf welches ich gerne verzichtet hätte.

Dennoch würgte ich alles stoisch herunter und schluckte es genauso tapfer wie mein Bedauern über Karmons moralischen Verfall und meine Gewissensbisse wegen des namenlosen Jungen, seien sie nun berechtigt oder nicht. Schließlich blieben nur vertrocknete Hüllen auf dem Teller zurück.

Spectra grinste breit, als wir unsere Mahlzeit beendet hatten, „offenbar bist auch du sehr gehorsam. Für den Fall, dass du dich weigerst, hatte Slura eine bravianische Süßspeise für dich vorbereitet. Auf die wirst du aber nun verzichten müssen.“

„Verdammte Sadistin!“, erwiderte ich verärgert.

„Wer hat von mir geredet?“, hörte ich Slura antworten, die wie aufs Stichwort in der Tür erschien und ihre Peitsche entspannt in der Hand hielt, „übrigens kann ich dich beruhigen, Karmon. Spectra hat dich belogen. Wenn du nicht gehorcht hättest, hätte ich dich sicher nicht noch mit etwas Süßem belohnt. Ganz im Gegenteil.“

„Es war eine Prüfung“, kommentierte ich lakonisch das offensichtliche, „du hast uns beobachtet.“

„So ist es“, stimmte Slura zu.

„Habe ich bestanden?“, wollte ich wissen.

„Nein“, erwiderte Slura kalt, „aber durchgefallen bist du auch nicht. Noch nicht. Wir werden sehen, wie der praktische Teil verläuft. Nun wird es Zeit in die Zellen zurückzukehren. Für euch alle.“

„Wieder Lektionen?“, fragte ich.

„Nein, diesmal nicht“, antwortete Slura, „ihr werdet euch ausruhen. Morgen braucht ihr jedes Quäntchen Energie. Ich hoffe, ihr habt blutige Träume.“

~o~

Ich hatte noch nie zuvor die Gelegenheit gehabt, dem Traum eines anderen beizuwohnen. Als Karmon und ich noch wirkliche Grong-Shin gewesen waren, waren wir wie eine Person gewesen und so hatten es auch in den nächtlichen Welten keinen Unterschied zwischen uns gegeben. Karmons Träume waren auch meine gewesen, doch nun war unsere Verbindung ähnlich distanziert wie im Wachzustand, wenn auch nicht vollkommen.

Ich schwebte neben und leicht über ihm und ich war luzide – zumindest in dem Sinne, dass ich wusste, dass dies ein Traum war – doch ich konnte nicht handeln. Immerhin jedoch konnte ich alles sehen. Und so sah ich auch Karmon, traurig und düster, fast wie ein finsterer Ritter, der schwerelos in einem Meer aus Schwärze trieb. Ein Meer, welches einst den Namen „All“ getragen haben mochte, welches man inzwischen jedoch wohl besser als „Nichts“ bezeichnet hätte, denn es befand sich in einem so fortgeschrittenen Zustand der Verwesung, der Dekomposition, dass weder Fleisch, noch stinkende Gase, noch Knochen oder Erde davon übrig waren.

Nur eine dem Traum geschuldete Abart jener Fernsicht, die ich in der Portalhöhle und in Itsch Zingtzschar erlebt hatte, zeigte mir noch verirrte Elektronen und Positronen, die in großer Entfernung aneinander vorbeischwebten, wie Geisterschiffe vor einem nebligen Horizont. Inmitten von alldem lag Sandra, in ihrer Sahkshah-Rüstung, jedoch ohne Helm. Ihre blonden Locken genauso eisig und gefroren wie ihr strenges Gesicht. Ein martialisches, bitteres Schneewittchen, gefangen im gläsernen Sarg ihres eigenen Körpers. Hoffnungslos verloren. Unendlich kalt.

Karmons Augen hingegen glühten wie gierige Flammen und auch wenn es keine Materie gab, an der er sich hätte abstoßen können, bewegte er sich wie ein Schwimmer auf sie zu, sei es durch die Kraft der Magie (oder war auch sie schon vergangen?) oder durch reinste, verquere Traumlogik.

Schließlich überbrückte Karmon die Distanz, umschlang Sandra mit seinem harten Körper, legte Beine und Arme um sie, presste sich an sie, als hoffte er sie auf diese Weise aufzutauen. Sein Mundschlitz, der Verschlinger so vieler Leben, näherte sich ihren Lippen. Behutsam. Zärtlich. Zögerlich. Wie um ihr den Kuss zu schenken, den dieser Körper ihr eigentlich nicht zu geben imstande war.

Doch dann sprangen Sandras Augenlider auf. Schwungvoll und geschmeidig, als wären sie nicht längst dem Wärmetod jener geträumten Galaxie zum Opfer gefallen. Doch ihre Augen waren anders, als ich sie kannte. Wirbelnde, schwarze Strudel; und ihre Lippen – ein Trichter, der sofort begann zu empfangen, zu saugen, zu trinken.

Die Schlafende verschmähte ihr Geschenk und suchte sich ein eigenes aus. Schneller und schneller verschwand das Leben aus Karmon, sein Körper wurde kleiner, hohler, fiel in sich zusammen, während Sandra wuchs. Immer größer wurde. Dicker und unförmiger. Karmon versuchte zu fliehen, sich zu befreien, doch Sandras Sog war zu stark und ihr Ereignishorizont unüberwindlich. Schließlich war Karmon Vergangenheit, nur noch versprengte Reste seines Leibes trieben zwischen den traurigen Elektronen umher und wurden bald darauf absorbiert von Sandras Körper, der jede Menschlichkeit verloren hatte.

Ein aufgeblähtes, glotzendes Ding, mit Armen und Beinen dicker als Fässer, schwammig und weich und sich drehend, immer rascher drehend. Ein Tanz, ein hypnotischer Rausch, bis ihr Fleisch sich neu verteilte, Knochen brachen, Glieder sich umbildeten und eine Art Kugel entstand. Nicht schön, nicht perfekt, sondern hügelig, runzlig und warzig und voll schwärendem Fleisch, mit Augen und Lippen, die noch immer als Sandras zu erkennen waren, wenn auch glasig und glänzend und widerlich feucht. Mehr und mehr der kalten Trümmer von Energie und Materie flossen in sie hinein, wurden gerufen wie Fahnenflüchtige zum Banner eines Kriegshelden, wurden geschluckt von den gefräßigen Porenmäulern ihrer planetaren Haut. Ja, Sandra wurde ein Planet, wurde eine Sonne, ja womöglich, das neue Zentrum eines neuen, grauenhaften Multiversums und nun spürte ich, wie sie auch an mir riss, auch mich begehrte, wie sie alles begehrte, was sie bekommen konnte. Spürte, wie selbst die externe Distanz des Beobachters mich nicht mehr beschützen konnte vor dem kompromisslosen Sog ihrer wachsenden Gravitation. „Wir waren einst vereint, Adrian“, hörte ich sie rufen, „Zeit an alte Zeiten anzuknüpfen!“

Doch ich wollte nicht zu ihr, sträubte mich, kämpfte mit allem, was ich aufbieten konnte, wollte in die Leere fliehen, während sie …

„Aufwachen!“, donnerte Sluras strenges Gebrüll durch den Raum und erschien mir in diesem Moment so lieblich wie ein sanft gehauchter Kuss, „Zeit für ein wenig Kampftraining!“

„Wen soll ich diesmal fertigmachen?“, fragte ich gerädert und noch immer halb im Traum gefangen, jedoch von einer finsteren Mischung aus Aggression und schlechter Laune erfüllt, deren Quelle ich nicht ausmachen konnte, „Spectra? Oblivia? Dich?“

„Nein, du größenwahnsinniger Fantast“, erwiderte Slura, die neben den anderen Creeps stand, die ihre Zellen bereits verlassen hatten, „wenn ich dir den Arsch versohlen würde, wärst du für das Haus nicht mehr zu gebrauchen. Ich will lediglich, dass ihr alle euch ein wenig aufwärmt. An denen hier.“

Plötzlich öffnete sich eine versteckte Tür in der Wand und eine ganze Reihe ausgehungerter, verdreckter, hohläugiger Gestalten beiderlei Geschlechts betrat die Creep-Höhle. Einige von ihnen hielten kleine, rostige Messer oder klobige Eisenstangen in ihren schwieligen Händen, die meisten jedoch waren unbewaffnet. Als der letzte von ihnen eingetreten war, zählte ich dreißig.

„Was sind das für Leute?“, wollte ich wissen.

„Have-Nons aus dem Invisible Land“, antwortete Slura, „sie waren sehr günstig zu bekommen. Wer von euch die meisten von ihnen tötet, bekommt von der Firma einen exklusiven Vergnügungsgutschein ausgestellt, einlösbar für Freizeit, Getränke, Drogen und Sex. Wenn einer von ihnen es schafft einen von euch zu erledigen, erhält er das Recht euren Platz einzunehmen. Soweit die Regeln.“

Sofort war mir klar, dass niemand von diesen traurigen Kreaturen darauf hoffen konnte uns auch nur eine ernsthafte Verletzung zuzufügen. Die meisten dieser Leute wären nicht mal in der Lage gewesen einen Kampf gegen eine Strohpuppe zu gewinnen oder auch nur ihre kümmerlichen Waffen zu heben. Insofern war das hier eindeutig kein Kampftraining, sondern ein geplantes Massaker, welches uns auf das kommende Blutvergießen vorbereiten und vielleicht noch bestehende Hemmungen abbauen sollte.

Das Problem war nur, dass ich nicht bereit war auch nur einem von ihnen ein Haar zu krümmen. Ich hatte weiß Gott hart darum gekämpft mein Schlächter-Erbe aus Konor genauso hinter mir zu lassen, wie den verblendeten Gehorsam aus Uranor. Dass ich gestern den armen Jungen im Stich gelassen und ihn Spectra überlassen hatte, war übel genug gewesen, selbst wenn es nicht wirklich meine Schuld gewesen war. Doch wenn ich nun wieder aktiv jemanden verletzen würde, dann …

„Das wird nicht deine Sorge sein, Grong-Shin“, antwortete Karmon auf meine Gedanken, „ich werde meinen Körper übernehmen und tun, was getan werden muss.“

„Auf keinen Fall“, protestierte ich, „das ist doch genau, was Slura beabsichtigt. Sie will dich dazu bringen, Schwächere zu töten, Leid zu verursachen, zu einem Kwang Ana zu werden.“

„Das ist mir bewusst“, antwortete Karmon, „ich werde mich deshalb auch nicht von ihnen ernähren.“

„Und du glaubst ernsthaft, dass das irgendeinen Unterschied macht?“, gab ich zu bedenken.

„Vielleicht nicht“, erwiderte Karmon, „vielleicht aber doch.“

„Das ist Bullshit“, antwortete ich, „und das weißt du auch. Jeder von diesen Leuten hat eine Geschichte. Jeder von ihnen hat Träume und Wünsche. Du kannst sie nicht einfach abschlachten, weil diese Andrin-Schlampe auf ein paar Lockerungsübungen besteht. Was ist mit der Nichtswerdung, was ist mit deinen Prinzipien?“

„Die Nichtswerdung ist nie eine dauerhafte Lösung“, antwortete Karmon, „solange die Welt um einen herum verlangt, dass man handelt. Und deine Geschichte ist alles, was mich interessiert. So war es schon immer gewesen, selbst dann, wenn ich es verleugnet habe. Mein Weg ist vorgezeichnet. Deiner ist offen.“

„Gar nichts ist vorbestimmt. Was ist mit Sandra? Was ist mit deiner großen Liebe? Willst du gar nicht mehr um sie kämpfen?“, versuchte ich ihn umzustimmen.

„Hast du meinen Traum miterlebt?“, fragte Karmon.

„Ja“, antwortete ich.

„Dann weißt du, was mit ihr ist“, sagte Karmon, „ich liebe Sandra, soweit ich das beurteilen kann. Aber sie ist eine Falle. Ein Moloch. Ein Dunkel, noch finsterer als ich. Ich werde mich von ihr fernhalten. Es ist besser so.“

„Es war nur ein Traum!“, widersprach ich.

„Dies alles hier ist nur ein Traum. Bis wir irgendwann aufwachen“, sinnierte Karmon und ich spürte, wie ich herausgedrängt wurde, abgeschnitten, isoliert, begrenzt auf den kleinen Stein, in dem ich wohnte.

„Seid ihr bereit?“, fragte Slura. Die Have-Nons blickten sich unsicher und verzweifelt an. Einige zitterten, andere spiegelten Entschlossenheit vor. Die Creeps jedoch nickten und begaben sich in Kampfposition. Auch Karmon.

„Lasst das Schlachten beginnen!“, trällerte Slura fröhlich. Und so begann es.

~o~

Ich will hier ungern in jeder Einzelheit davon berichten, was daraufhin passierte und dennoch kann ich mich nicht dagegen wehren zumindest einige Ereignisse zu nennen, da auch dies zu meiner Geschichte gehört. Wie ich vermutete hatte, war es kein Kampf gewesen, sondern ein Massaker, welches sich von einem Tontaubenschießen lediglich durch den Grad an Grausamkeit unterschied. Wie jedes Lebewesen mit einem Selbsterhaltungstrieb versuchten die Have-Nons sich zu verteidigen, aber jeder, der es auch nur wagte seine „Waffe“ oder seine Fäuste gegen einen der Creeps zu richten, bezahlte dafür mit dem Verlust seines Armes oder Schlimmeren. Doch auch, wer es nicht tat, wurde nicht geschont.

Spectra feuerte selbstredend ihr gesamtes Sumpfmagier-Programm ab, füllte Münder mit Fliegen, ließ giftige und ätzende Gase los, durchlöcherte Organe, Augen und Gehirne mit Eisenschilf und ließ ihre Gegner in weichem Schlamm versinken, den sie fest werden ließ, gerade, als diese versuchten sich wieder herauszukämpfen, sodass sie qualvoll erstickten oder zur leichten Beute für ihre anderen Angriffe wurden. Oblivia hingegen wob undurchdringliche Dunkelheit und brach wie eine unsichtbare Rachegöttin aus dem Hinterhalt hervor, um ihre scharfen, harten Onyx-Fingerspitzen in die Herzen oder Köpfe ihrer hilflosen Feinde zu stoßen.

Die Unglücklichen, die sie dabei erwischte, starben nicht einfach nur. Nein, ihre Augen wurden schwarz wie Kohle und dunkelgrauer Schaum quoll mit Überdruck aus ihren Mündern wie aus einer zu lang geschüttelten Bierflasche, während sie sich in schmerzhaften Krämpfen wanden und flehende, unverständliche Laute von sich gaben. Bis sie letztendlich erstarrten, die Münder verzogen zu hohlen Masken der Hoffnungslosigkeit.

Sogar Schlinger und Schlund wurde ausnahmsweise erlaubt ein wenig zu speisen und so genehmigten sie sich in ihrer riesigen, grauenhaften Hungergestalt ein paar magere Bissen und füllten ihre ungesund aussehenden Eiersäcke, was darauf hindeutete, dass auch diese Have-Nons in ihrem Leben nicht allesamt unschuldig gewesen waren.

Das alles verblasste jedoch gegenüber dem, was Karmon veranstaltete. Wie ein Ungeheuer aus den Sagen wütete er unter der Menge, riss um Gnade flehende Köpfe ab, verstümmelte, zertrat kriechenden Hände und bebende Brustkörbe und verbrannte mit seinem Schattenstrahler unzählige Quadratmeter an Haut und Fleisch bis zur Unkenntlichkeit. Vor allem aber tötete er, tötete und tötete, sodass kaum ein Zweifel daran bestand, wer der Sieger dieses grauenhaften Gewaltwettbewerbs sein würde.

Auch ich gehörte in gewisser Weise zu seinen Opfern, denn ich musste all dem hilflos beiwohnen und alle Versuche, die Kontrolle zu übernehmen und Karmons Mordlust zu zügeln, scheiterten. Ja, Karmon wollte mich dadurch schützen, das zumindest hatte er zu mir gesagt, aber ich fragte mich langsam ernsthaft, ob es für meine eigene Moral und mein Seelenheil so viel besser war, dieser Barbarei passiv beizuwohnen, als sie aktiv zu verursachen. Zumal das hier weit über das hinausging, was zu unserer Tarnung notwendig war. Karmon agierte nicht wie ein verdeckter Agent, sondern wie ein Musterschüler.

Schließlich endete es, da kein einziger der Have-Nons, die als beinah wertlose Kampfmaße aus den Lebensmärkten geholt worden waren, noch atmete. Der gesamte Trainingsraum war glitschig von Blut und Fleisch und übersät mit gebrochenen, zerstörten Körpern. Der Gestank nach Tod war atemberaubend.

„Dreizehn Tötungen“, stellte Slura fest, „sieht so aus, als hätte ich mich in dir getäuscht, Kwang Grong. Du bist wohl doch ein rücksichtsloser Schlächter, an dem sich so mancher von euch ein Vorbild nehmen könnte. Enry wird begeistert sein. Deinen Gutschein bekommst du natürlich, direkt nach der heutigen Vorstellung.“

Karmon nickte angesichts dieser Huldigung, doch meine Glückwünsche an ihn fielen etwas frostiger aus. „Was sollte das, du Wahnsinniger? Legst du es darauf an, ihre Arbeit zu übernehmen? Willst du jetzt im Eiltempo zu einem gnadenlosen Verschlinger werden?“

Seine Antwort kam nicht in Worten … oder zumindest nicht in verständlichen. „Selbstbehauptung … der Strudel … das Seelengewitter … Dominanz ist alles. Überleben. Entleben. Der Ausweg“, streiften seine Gedanken stockend, konfus und eisig mein Bewusstsein.

„Karmon, alles klar?“, rief ich nicht mehr nur wütend, sondern auch ziemlich besorgt.

„Nein … doch“, antwortete Karmon nun wieder etwas mehr wie er selbst, „ich habe getan … was nötig war.“

„Was nötig war?“, fragte ich entgeistert, „du hast gerade einen verfluchten Orden fürs Massenabschlachten verliehen bekommen, von unserer geliebten Folterprinzessin höchstpersönlich.“

„WAG ES NICHT ZU URTEILEN, MENSCH!“, brüllte Karmon mich geistig an, bevor er direkt wieder ruhig wurde, „Adrian … es ist … es ist wohl besser, wenn du übernimmst … ich … brauche Ruhe. Muss … mich ordnen. Versuche uns nicht zu enttarnen, okay?“

„Okay“, erwiderte ich zögernd, „ich denke, das sollte nicht allzu schwer werden, nachdem wir nun Everybody’s Darling sind.“

Wie um meine Worte zu bekräftigen, kam Spectra zu mir und klopfte mir mit ihren geisterhaften Händen auf die Schulter.

„Gute Arbeit“, sagte sie, „aber wenn du mich nach dieser Vorstellung noch einmal schräg ansiehst, wenn ich ein Kind verzehre, bekomme ich einen Lachanfall. Bevor ich dich töte.“

~o~

Einige Stunden später kehrte der Bulle zurück. Seine Wunden waren offenbar von irgendjemandem behandelt wurden, wenn auch nicht gut. Die tiefen Verletzungen, die Karmons Finger in seinem rechten Arm geschlagen hatten, waren vernäht worden, aber die Stiche waren grob und wenig kunstvoll ausgeführt worden. Die zerstörten Augen waren durch künstliche Implantate ersetzt worden, die jedoch matt und zerkratzt waren und viel träger und unkoordinierter reagierten als die natürlichen Augen in seinen anderen Köpfen. Vor allem jedoch bewegte er sich müde und unsicher, was sicher daran lag, dass ich ihn ausgesaugt und ausgetrocknet hatte, vielleicht aber auch an der Behandlung des Pfuschers, der – womöglich ohne Betäubung – an ihm herumgeschnitten hatte.

„Wieder fit“, brummte er, ohne mich, seinen Verstümmler, auch nur anzusehen und seinen Blick allein auf Slura gerichtet, die über sein Schicksal entscheiden würde.

„Ach wirklich?“, fragte Slura, ergriff in einer fließenden Bewegung den frisch genähten Arm des Bullen, drückte ihn mühelos herunter und dehnte ihn ein ganzes Stück über den natürlichen Bewegungsradius des Gelenks hinaus. Alles, was der Bulle dem entgegensetzen konnte, war ein jämmerliches Wimmern, während er in die Knie brach. In seinem Gesicht stand die Verzweiflung geschrieben.

„Einen Scheiß bist du“, urteilte Slura, „das ist übelster Pfusch. So kann dich selbst ein durchschnittlicher Have-Non bezwingen. Geh mir aus den Augen und melde dich bei Enry. Er wird deinen Verkauf auf den Endmärkten organisieren.“

„Nein!“, flehte der Bulle, „kann kämpfen. Kann …“

Sluras Gesicht verzog sich vor Zorn und sie holte kraftvoll mit ihrer Peitsche aus.

„Halt!“, unterbrach ich sie, „der Mann brauch nur etwas Ruhe und Nahrung. Ich habe ihm eine Menge Nährstoffe und Flüssigkeit entzogen. Gebt ihm etwas zu essen und zu trinken und ein paar Tage Erholung und er wird wieder in der Lage sein Schädel einzuschlagen. Garantiert.“

Slura brachte die Bewegung dennoch zu Ende, was der Bulle mit einem gequälten Aufheulen quittierte, als die Peitsche seine Kleidung zerriss und die Haut darunter rot färbte. Dann jedoch hielt Slura tatsächlich inne und sah mich an. „Höre ich da Mitleid?“, fragte sie lauernd.

„Du hast mich heute Morgen erlebt, Slura“, erinnerte ich sie, „denkst du das wirklich?“

Ihr ratloses Gesicht verriet, dass sie sich dessen zumindest nicht sicher war.

„Ich denke lediglich betriebswirtschaftlich“, erklärte ich, „der Bulle ist ein guter Kämpfer, wenn er in Form ist und ihm ein paar Tage Ruhe und ein wenig günstige Nahrung zu gönnen ist eine geringe Investition für so einen Aktivposten. Wenn er dann noch immer nicht deinen Vorstellungen entspricht, wird er zumindest mehr auf den Endmärkten einbringen, als in seinem jetzigen Zustand.“

„Womöglich hast du sogar recht“, gestand Slura schließlich zu, nachdem sie kurz über meine Argumente nachgedacht hatte, „aber das wird uns für die Vorstellung heute Abend wenig nützen.“

„Für heute Abend müsst ihr so oder so Ersatz besorgen. Ob ihr ihn nun verkauft oder nicht“, wandte ich ein.

Slura nickte nachdenklich, „ja, das stimmt leider. Also gut. Ich gebe ihn eine Woche und schaue, was sich auf die Schnelle an Kämpfern auf den Märkten auftreiben lässt. Er sollte nur darauf hoffen, dass es nicht besser ist als er. Bis dahin, Bulle, geh in deine Zelle und hoffe lieber auf eine Wunderheilung. Mitleid hast du von mir nicht zu erwarten.“

Und ich glaube auch nicht, dass der Bulle etwas Derartiges von der Andrin erwartet hatte. Allerdings bewies sein der dankbare Blick, den er mir zuwarf, als Slura uns wieder verließ, dass er mein Mitgefühl und meine Hilfe durchaus zu schätzen wusste.

~o~

Die nächsten Stunden vergingen zäh und einsam. Slura war auf den Lebensmärkten unterwegs und weder Spectra noch Oblivia ließen sich zu einem Gespräch herab. Karmon für seinen Teil hatte sich praktisch vollständig zurückgezogen und wann immer ich mich traute ihm nachzuspüren, berührte ich nur eine finstere Wolke aus Schuld, morbider Schwärmerei, Verwirrung und unheilvollen, unverständlichen Mantren unter der sich etwas Bedrohliches, Lauerndes regte. Etwas, dass im Moment noch klein war, das aber große Pläne hatte. Es war jedenfalls mehr als deutlich, dass Karmons Geist auf der Kippe stand und wenn er kippte, würde er sicher nicht nur eine Menge Unschuldige unter sich begraben, sondern auch mich.

Damals in Hyronanin hatte Garwenia mich ja aufgeklärt, was es mit den verschiedenen Typen von Kwang Grong auf sich hatte. Ein Kwang Ana zeichnete sich demnach dadurch aus, dass er seinen Wirt vollständig übernahm und auch wenn ich streng genommen kein Teil mehr von Karmon war, wusste ich nicht, ob ihn das davon abhalten würde mich dennoch zu übernehmen oder mir auf andere Art zu schaden. Eines war klar: Wir mussten hier raus, bevor es so weit kam, doch leider hatte ich nicht die blasseste Ahnung wie.

Als Slura jedoch am Abend zurückkehrte, brachte sie zu meiner großen Überraschung jemanden mit, von dem ich zumindest hoffte, dass er uns helfen könnte und von dem ich niemals angenommen hätte ihn hier zu finden: Autemga.

„Was machst du hier?“, fragte ich die vierbeinige Kreatur, die ich zuletzt in Uranor gesehen hatte und deren Rücken inzwischen fast bis zur Decke reichte, gedanklich. Dabei war ich dankbar dafür, dass Karmons Gesicht nicht allzu sehr dafür geeignet war, emotionale Regungen auszudrücken. Andernfalls hätte meine Verblüffung eindeutig verraten, dass mir dieser Neuzugang nicht unbekannt war.

„Wer bist du?“, fragte die Kreatur, die – wie ich von Karmon wusste – in der Lage war, meine Gedanken zu empfangen, „und was machst du in diesem Körper?“

„Ich bin Adrian“, erklärte ich, „erinnerst du dich nicht an mich? Wir haben in Uranor zusammen gekämpft.“

„Doch, ich erinnere mich“, sagte Autemga, „wir hielten dich für tot, genau wie Karmon, aber wie es aussieht, wurde dir kein solch würdevolles Schicksal zuteil. Du hast deine einstige Macht verloren. Und du bist auch nicht mit ihm verbunden, das spüre ich. Du bist jetzt nur noch ein Parasit. Kein Symbiont wie mein Vater, sondern ein wertloses Anhängsel. Warum maßt du dich an, für ihn zu sprechen?“

„Dank Moydrurs Fehlstein habe ich Zuflucht in Karmons Körper gefunden, nachdem Kollom meinen eigenen zerstört hatte, das stimmt“, erklärte ich und ignorierte die Schmähungen, „aber ich maße mir gar nichts an. Karmon kann gerade einfach nur nicht reden. Er befindet sich in tiefer Meditation. Ich gebe so lange auf seinen Körper acht, weil er es wünscht. Aber ich kann dir sagen, dass er deine Hilfe braucht. Wir beide brauchen dringend Hilfe.“

„Also bist du nun sein Kammerdiener?“, fragte Autemga spöttisch.

„Das hier ist Crave“, stellte Slura den mir bekannten Neuankömmling vor und unterbrach damit unser gedankliches Gespräch, „es war nicht leicht ihn zu bekommen, auch wenn der Preis einigermaßen akzeptabel war. Leider haben wir keine Zeit, um ihn zu konditionieren oder zu testen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er ein mehr als würdiger Ersatz für unseren … Schaden ist.“

Sie sah verächtlich zum Bullen, der erschöpft in seiner Zelle lag.

„Wenn nicht, werden wir das in Kürze feststellen und ihn wieder abstoßen“, fügte Slura hinzu und sah warnend zu Autemga, was angesichts der Unterschiede in ihrer Statur mehr als lächerlich wirkte. Das Geschöpf begegnete dieser Warnung entsprechend auch mit einem herablassenden Blick. Dennoch vermutete ich, dass eine Konfrontation zwischen den beiden noch nicht zwingend zu seinen Gunsten ausgehen würde. Selbst ohne den Act-Blocker, der ihm sicherlich eingesetzt worden war.

„Ich lasse euch nun noch ein wenig allein“, sagte Slura und blickte ihre Creeps nacheinander an, „in einer dreiviertel Stunde beginnt die Vorstellung und in einer halben werde ich euch zu euren Positionen führen. Stellt bis dahin keinen Unsinn an.“

Mit diesen Worten verließ sie den Raum wieder und wir waren allein.

„Wirst du uns jetzt helfen?“, fragte ich Autemga wieder telepathisch, in der Hoffnung, dass so niemand unser Gespräch würde mitverfolgen können. Ich fühlte mich unwohl dabei, einen Gefallen von diesem Wesen zu erbitten, aber viele andere Möglichkeiten hatte ich nicht.

„Wie kommst du auf diesen Gedanken, Diener?“, erwiderte Autemga höhnisch, „hältst du uns für Freunde oder so etwas?“

„Nein, das sicher nicht“, antwortete ich, „aber für Verbündete. Wir haben in Uranor Seite an Seite gegen Rilandi, Laarmaschk und Scyonen gekämpft und wir haben den Allspiegel bezwungen.“

„Das haben wir“, antwortete Autemga, „wir haben großartig geschlachtet und getötet. Aber du solltest wissen, dass ich euch nur aus zwei Gründen geholfen habe: Wegen Karmon und weil ich neugeboren und erfahrungshungrig war. Eine verdammte Rebellion. Ein Krieg entfesselter Mächte. Das war interessant gewesen. Ich glaube nicht, dass du mir jetzt etwas Vergleichbares anbieten kannst.“

„Das vielleicht nicht“, gestand ich ein, „aber Karmon, dein Vater, ist in Gefahr. Wäre das allein nicht auch Grund genug, uns zu helfen? Außerdem kann es durchaus spannend werden, wenn wir gemeinsam diese Bude in die Luft sprengen, fliehen, Enry und Slura niederwerfen und anschließend Rache an demjenigen üben, der uns verraten und Karmon fast getötet hat: Kollom Nehmer.“

Autemga wirkte weiterhin skeptisch, aber nicht gänzlich uninteressiert. „Auch Kollom ist mein Vater, wie du sicher weißt“, bemerkte Autemga.

„Manche Väter sind besser als andere“, konterte ich.

„Da magst du ausnahmsweise Recht haben“, stimmte Autemga zu, „doch warum wollt ihr überhaupt hier weg?“, fragte er.

„Das ist doch wohl offensichtlich“, erwiderte ich, „Enry ist ein psychopathischer Sklavenhalter, der uns als Spielfiguren für sein Gruselkabinett ausbeuten will, bis wir zu schwach und ausgelaugt sind, um ihm noch von Nutzen zu sein. Wir sind Gefangene, Autemga. Das ist immer ein Grund, zu fliehen. Oder bist du etwas freiwillig hier?“

„Das bin ich“, antwortete Autemga süffisant.

„Was?“, fragte ich verwirrt und die Blicke von Oblivia und Spectra ließen mich befürchten, dass ich dieses Wort laut ausgesprochen hatte. Jedoch ging keiner von den anderen Creeps auf meinen Ausruf ein.

„Nun, beinah zumindest“, schränkte Autemga ein, „eigentlich wollte ich zu meiner Mutter und zu Pingo, nach Rihn, um mich selbst etwas besser kennenzulernen und in den Archiven zu erfahren, welche großen Konflikte es zurzeit gibt, in denen ich mitmischen könnte. Leider hatte ich jedoch unterwegs einige Meinungsverschiedenheiten mit dem Scyonen, der mich führte und so gefiel es ihm, mich auf Konor abzusetzen und nicht am vereinbarten Zielort. Zuerst wollte ich dort ein Leben im Verborgenen führen, mich vielleicht im Invisible Land von den Have-Nons und verirrten Geschäftsleuten ernähren und auf eine Gelegenheit warten meine Reise fortzusetzen, dann jedoch hörte ich von dem House of Life und fand, dass es ein wunderbarer Ort wäre, um meine Triebe ganz offen auszuleben und mich ungestört zu entwickeln.

Also ging ich zu den Endmärkten und verkaufte mich selbst an einen Händler, unter der Bedingung mich nur dorthin weiterzuverkaufen. Natürlich war mir bewusst, wie unwahrscheinlich es war, dass dies geschehen würde, aber ich hatte da so eine Ahnung, so ein Gefühl, dass es mehr sein würde als eine vage Hoffnung. Der Händler war nicht ganz so überzeugt, aber er stimmte zu, da ich keinen Unterhalt von ihm verlangte und ein unwahrscheinlicher Verkauf noch immer besser war als nichts, vor allem wenn man die Ware kostenlos erhalten hatte. Und siehe da, es dauerte nur wenige Tage, bis Slura die Märkte besuchte. Und hier bin ich nun. Bereit zu dienen, zu fressen und zu wachsen.“

„Das ist doch vollkommen hirnrissig“, widersprach ich, „warum solltest du dich selbst so einschränken wollen?“

„Beleidige mich ruhig weiter, du Wurm“, blaffte Autemga, „das wird meine Kooperationsbereitschaft sicherlich erhöhen. Abgesehen davon sollte dir klar sein, welche Konsequenzen es hätte, wenn ich mich willkürlich an der Bevölkerung Deovans bediene. Hier mag ein Leben nicht viel gelten, aber wenn ich die Einflusssphären von zu vielen Konzernen störe, werden sie sich irgendwann zusammentun und mich vernichten. Solange ich aber ihren Interessen diene …“

Autemga zuckte mit den muskulösen Schultern und zog grinsend seine Lefzen hoch.

Vielleicht zum ersten Mal wurde mir wirklich bewusst, was für ein Ungeheuer Jarma auf das Multiversum losgelassen hatte. Bislang hatte ich Autemga als eine mächtige, aber hilfreiche Kuriosität betrachtet. Ja, als eine Art Kampfhund, dessen Dienste man sich sichern konnte, wenn man die richtigen Kommandos beherrschte. Mittlerweile realisierte ich, wie sehr ich mich geirrt hatte. Autemga war kein Hund. Nicht einmal ein tollwütiger Wolf. Autemga war ein junges schwarzes Loch, das danach gierte Masse aufzusaugen. So etwas konnte man nicht kontrollieren. Nur zerstrahlen, solange es noch nicht zu groß war. Doch dazu hatte ich nicht die Mittel.

„Du weißt viel über deovanische Konzernpolitik“, bemerkte ich.

„Man schnappt das eine oder andere auf“, entgegnete Autemga.

„Wirst du uns dennoch helfen? Um deines Vaters willen?“, fragte ich in der Hoffnung, ihn bei der einzigen emotionalen Bindung zu packen, über die er womöglich verfügte.

Autemga blickte mich an. Starr. Ruhig. Undurchdringlich.

„Vielleicht, in einigen Monaten oder Jahren, wenn ich genügend Gelegenheit hatte zu wachsen oder mir langweilig geworden ist“, bot Autemga an.

„So viel Zeit haben wir nicht“, sagte ich.

„Du vielleicht nicht, Mensch“, antwortete Autemga, „mein Vater schon. Er ist ein uraltes Wesen, dem einige Jahre wenig bedeuten und das es gewohnt ist, sich in Geduld zu üben. Wie sonst hätte er so lange in jener Waffe ruhen können, in der du ihn gefunden hast?“

„Normalerweise mag das so sein“, gestand ich ein, „aber jetzt gerade ist er dabei sich selbst zu verlieren. Sie wollen ihn brechen, ihn in einen Kwang Ana verwandeln und ich fürchte, es wird ihnen bald gelingen.“

„Und?“, fragte Autemga gleichgültig, „was soll daran so schlimm sein? Dann wird er dich verschlingen und stärker werden. Das ist Entwicklung, mehr nicht.“

„So kannst du unmöglich denken“, erwiderte ich entgeistert, „auch Pingo gehört zu deinen Vätern. Und Jarma ist deine Mutter. Sie beide verfügen über Mitgefühl. Du musst mehr sein, als nur ein gewissenloses Ungeheuer. Dir kann es nicht egal sein, wenn einer deiner Schöpfer sein Wesen verliert. Und eine Entwicklung ist es schon gar nicht. Es ist nicht Karmons Wunsch, ein Kwang Ana zu werden. Es ist ein Zwang, der ihm auferlegt wurde. Slura und Enry wollen ihn nicht befreien oder entfesseln. Sie wollen seinen Willen brechen. Das kannst du nicht gutheißen!“

Autemga schwieg eine lange Zeit. Er schien nachzudenken und je länger er das tat, desto größer wurde das Unbehagen in mir. Schließlich jedoch sprach er wieder.

„Vielleicht werde ich euch helfen“, sagte er und ich spürte, wie ich innerlich aufatmete, „aber dazu will ich erst mit Karmon sprechen. Allein. Ich will, dass du ihm die volle Kontrolle gibst und ich will, dass du dich aus seinem Körper zurückziehst.“

„Das kann ich nicht“, widersprach ich.

„Oh doch, das kannst du“, beharrte Autemga, „du hast zwei Hände und du weißt, an welcher Stelle der Fehlstein ruht.“

„Du verlangst von mir, dass ich mich selbst aus seiner Brust reiße?“, fragte ich entsetzt.

„Genau das verlange ich“, bestätigte Autemga, „Ansonsten werde ich euch nicht helfen und vielleicht werde ich Slura sogar von dir erzählen. Sie hätte sicher keine Hemmungen, Karmon zu untersuchen und ein paar Nachforschungen anzustellen. Wäre doch gut möglich, dass sie dich dabei entdeckt.“

„Wenn ich Karmons Körper verlasse, würde ich ohnehin entdeckt“, wandte ich ein.

„Dann rate ich dir, dich gut zu verstecken“, antwortete Autemga höhnisch, „aber nicht so gut, dass Karmon dich nicht wiederfinden kann. Falls er dich zurückhaben will, heißt das.“

„Karmon könnte verärgert sein, wenn du ihn störst“, warnte ich in einem letzten Versuch ihn umzustimmen.

„Das Risiko gehe ich ein“, erwiderte Autemga, “also, was ist?“

„Ich mache es“, sagte ich resigniert und konnte kaum glauben, dass ich dem zustimmte.

„Braver Diener“, antwortete Autemga belustigt.

Ich atmete tief durch und versuchte die Ängste zurückzudrängen, die bei dem Gedanken bald wieder von der Außenwelt abgeschnitten zu sein von mir Besitz ergreifen wollten und überlegte, wo ich mich fallen lassen könnte, ohne dass es jemandem auffällt. Dabei schien mir meine Zelle der einzige halbwegs geeignete Ort dafür zu sein.

Als ich mich schweren Herzens in Bewegung setzte, um sie zu betreten, hielt Oblivia mich zurück.

„Ihr habt euch unterhalten, oder?“, fragte sie mich, „du und der Neue.“

„Nicht, dass ich wüsste“, verneinte ich, „und ich glaube schon, dass ich das gemerkt hätte.“

„Du brauchst es nicht zu leugnen“, sagte Oblivia, „ich habe es gespürt. Ihr habt Gedanken ausgetauscht. Ich konnte sie nicht lesen, aber ich konnte sie fühlen, wie einen Wind, der durch meinen Kopf fährt. Er ist eine Kreatur der Leere. Genau wie ich.“

„Er ist nicht wie du“, widersprach ich.

„Nein, leider nicht“, sagte Oblivia melancholisch, „ich bin nur ein Bettler zu Füßen des Nichts und dennoch …“

„Ich würde vor der Vorstellung gerne noch ein wenig meditieren“, unterbrach ich sie schroff, „wenn du über die Leere reden willst, dann rede doch einfach direkt mit Crave.“

Ich ließ Oblivia stehen, ohne mich darum zu kümmern, ob ich sie verärgert hatte. Zu stark hielten mich meine eigenen Ängste beschäftigt.

Schließlich ließ ich mich mit gekreuzten Beinen auf dem Boden meiner Zelle nieder, meine Brust der Wand zugewandt und suchte mir eine Stelle, an der die Illusion des Seelenwirbels besonders hell und verwirrend strahlte, in der Hoffnung, dass der Stein dort vor Entdeckung sicher sein würde.

Vorsichtig hob ich die Hand und bewegte sie zu Karmons Brust, dort wo ich bereits das Kribbeln der Energie spürte, die sein Herz aussandte. Dann jedoch hielt ich kurz inne, vielleicht auch weil ich damit rechnete einen spöttischen oder mahnenden Kommentar von Autemga zu vernehmen. Doch meine eigene Stimme war die einzige, die mich quälte und ich denke, dass Autemga genau darauf setzte.

Er hatte die Alternativen offengelegt, sich so selbst als Fürsprecher seines Anliegens in meinem Geist platziert und hatte es gar nicht mehr nötig, mir ins Gewissen zu reden. Im Grunde war die Lage eindeutig. Wenn ich Autemgas Wunsch ablehnte, bliebe ich ein doppelter Gefangener als Sklave von Enrys Gruselkabinett und als Geisel eines Kwang Dru, der sich langsam aber sicher in einen Kwang Ana verwandelte. Akzeptierte ich, hatte ich vielleicht die Chance ersteres zu beenden und letzteres zu verzögern oder aufzuhalten. Oder aber Karmon nutzte die Gelegenheit mich loszuwerden und ich blieb fortan ein hilfloses Artefakt, das im besten Fall von einer Reinigungskraft entsorgt oder im schlimmsten Fall von Enry für irgendein krankes Vorhaben verwendet werden würde. Das war das Risiko. Doch in Deovan schien man nicht sonderlich weit zu kommen, wenn man ein solches nicht einging. Also gab ich mir einen Ruck, beugte mich ein Stück vor, führte Karmons Hand zur Gänze in seine Brust, bereitete mich auf das Kommende vor, so gut es mir eben möglich war und riss mich selbst von meiner einzigen Verbindung zur Außenwelt ab.

Was mit dem Stein geschah, bekam ich nicht mehr mit. Alles, was mir blieb, war gestaltlose Dunkelheit, meine eigenen, finsteren Gedanken und ein schier endlos erscheinender Ozean aus Zeit. Und je länger ich darin schwamm, je mehr ich mit den Armen ruderte, desto tiefer schien ich zu versinken.

~o~

Auch wenn jede Sekunde davon fast unerträglich gewesen war, konnte meine schmerzlose Marter nicht allzu lang gedauert haben, denn als sich meine Sinne wieder einschalteten, war mein Zeitgefühl noch nicht gänzlich verloren gegangen. So schätzte ich, dass meine Abwesenheit aus Karmons Körper zwei oder drei Stunden gedauert hatte. Dazu passte auch, dass wir uns nicht länger in der Zelle befanden, sondern in einem schwach beleuchteten, engen, verzweigten Gang mit einer Reihe von Türen und Falltüren darin. Der Rattenpalast, erinnerte ich mich. Offenbar hatte die Vorstellung begonnen oder würde bald beginnen. Was von beidem jedoch der Fall war, wusste ich nicht, da ich Sluras Briefing hierzu natürlich nicht mitbekommen hatte. „Karmon?“, sandte ich eine vorsichtige Frage nach Innen, „bist du da?“

Doch ich erhielt keine Antwort.

„Hey, Karmon. Hörst du mich, mein Freund und Grong-Shin?“, unternahm ich einen weiteren Versuch, „danke, dass du mich wieder in dich aufgenommen hast. Ich wusste, dass ich dir immer noch vertrauen kann. Aber bitte, antworte mir verdammt! Wie geht es dir? Was hast du mit Autemga besprochen? Was ist in der Zwischenzeit geschehen? Hat die Vorstellung schon begonnen?“

Ein kaltes, fernes Echo war alles, was mir auf meine Fragen antwortete. Karmon war noch da. Das war offensichtlich, da niemand anders mir den Stein in die Brust hatte setzen können, schon allein, weil niemand von seiner Funktion wusste, außer Autemga, dem mein Schicksal aber herzlich egal war, wie er ja eindeutig klargestellt hatte.

Doch diese Logik war nicht alles, was mich von der Fortexistenz meines alten Freundes überzeugte. Irgendwo am Rande meiner Wahrnehmung spürte ich etwas Ruhendes, Dunkles, Grübelndes, bei dem es sich nur um den Kwang Grong handeln konnte. Doch er schien entweder nicht mit mir kommunizieren zu wollen oder zu können, was beides kein gutes Zeichen wäre. So mischte sich in meine Erleichterung über all die auf mich einströmenden, köstlichen Sinneseindrücke auch ein diffuses Unbehagen.

Fürs Erste versuchte ich mich mit der Tatsache zu beruhigen, dass Karmon mir seinen Körper zur Steuerung überlassen hatte. Ein Kwang Ana hätte dies sicher nicht getan. Welcher Kampf also auch gerade in ihm tobte, er war noch nicht entschieden.

~o~

Unsicher blickte Callan ins Antlitz des hässlichen Wurms, der nur darauf wartete ihn zu verschlingen und – so der Zufall es wollte – als reichen Mann wieder auszuspucken. Ganz allein stand er vor dem Haus des Lebens und war damit der erste und das vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben. Doch dieses Wissen schenkte ihm keine Befriedigung. So oft hätte er dieses Glück gebrauchen können. Als ihm als zweites, schwächeres Kind seiner Eltern stets die lukrativsten Haushaltsjobs entgingen, die stattdessen seinem begabteren Bruder zufielen, weswegen er noch heute mit den Spätfolgen seiner Mangelernährung leben musste. Als sich vermeintliche Marktlücken als das gut erschlossene Spielfeld etablierter Großkonzerne entpuppten, als eigene, innovative Ideen von anderen kopiert und umgesetzt wurden, noch bevor er sie zur Marktreife hatte bringen können. Oder als er versucht hatte, sich als Freiwilliger für riskante, aber möglicherweise profitable Bio-Enhancement-Studien zu melden.

In all diesen Fällen war er zu spät gekommen, hatte anderen das Feld überlassen müssen. Und diesmal, wo er vor allen anderen Teilnehmern dieses Life-Runs vor Ort war, bedeutete es nichts. Hier, bei diesem Spiel, gewannen nicht die ersten, sondern höchstens jene, die am besten ausgerüstet und trainiert waren und vielleicht nicht einmal sie. Callan beherrschte die Wahrscheinlichkeitsrechnung, hatte sich diese Kenntnisse teuer erkauft und deshalb wusste er, wie gering seine Chancen waren, dieses Haus wieder lebend zu verlassen.

Natürlich, er hatte hart trainiert, hatte sich nicht geschont, so wie er sich sein gesamtes Leben nicht geschont hatte, nicht schonen konnte. Aber ohne ordentliche Nahrung, fast ohne Schlaf in seinem fünfzehn-Stunden-Tag in einem Job, der ihn völlig auszehrte, zu einem Lohn, der kaum für das Nötigste reichte, blieb nicht die Zeit oder die Möglichkeit, die eigene Stärke adäquat aufzubauen. Hätte er seinen Job nicht vor einer Woche gekündigt, hätte er niemals auch nur daran denken können an diesem Life-Run teilzunehmen. So hatte er immerhin die Zeit gehabt für ein wenig Training, für etwas Erholung und für einige Besorgungen und Gespräche.

Er hatte sogar einen Investor gefunden, der ihm Nahrung, eine Waffe und weitere mittelmäßige Ausrüstung geliehen hatte. Monument Inc., einen Hersteller von Denkmälern und Konservierungstechnologie. Diese Dinge boomten gerade auf den Lebensmärkten. Denn auch, wenn Deovan keine Trauerkultur kannte, konnte sich hier kaum jemand mit der eigenen Vergänglichkeit abfinden. Erst recht nicht die Erfolgreichen, von denen sich längst nicht jeder lebensverlängernde Technologien leisten konnte.

Callan entging die Ironie natürlich nicht. Ihm war klar, dass sein Sponsor nicht auf seinen Sieg setzte, sondern auf seinen spektakulären Tod und auf das, was am Ende von ihm übrig bleiben würde. Aber es war seine einzige Chance auf ein bessere oder auch nur erträgliche Zukunft, selbst wenn die Aussichten noch so gering waren.

Manchen würde sein Vorhaben als viel zu riskant erscheinen, aber nüchtern betrachtet war es pure Vernunft. Callan war am Ende. Körperlich, geistig, emotional. Er würde ohnehin nicht mehr lange durchhalten. Selbst wenn es ihm irgendwie gelang einen der niedrig bezahlten Bürojobs zu ergattern, würde er dort binnen Tagen kollabieren. Dabei war er nicht einmal wirklich lebensmüde, er hatte nur keine Lust mehr auf sein Leben in Deovan.

Könnte er davonfliegen und einen der anderen Planeten erreichen, auf denen der Wert einer Person nicht allein von ihrem Kontostand abhing, dann würde vielleicht das Feuer in ihn zurückkehren. Aber das Ticket für eines der Langstreckenshuttles war dermaßen unbezahlbar, dass er es sich in seinem ganzen Leben nie würde leisten können. Die Nutzung des Handels- und Transportnetzwerks für die nahen Satellitenwelten war zwar etwas günstiger, aber zum einen war es immer noch teuer genug und zum anderen funktionieren diese Welten nach einer ähnlichen Logik wie Deovan, nur dass man als Mittelloser dort in einer noch miserableren Situation war, da selbst das Atmen nicht umsonst war. So saß er fest in einem Gefängnis, gebaut aus Geld und dem Mangel daran und das schon sein gesamtes Leben.

Folglich war dieser feine Unterschied zwischen Lebens- und Deovan-Müdigkeit in der Praxis ohne Bedeutung, aber dennoch nährte er in Callan einen winzigen Rest von Hoffnung und manchmal sogar … Träume. Zwischen all den Werbeunterbrechungen, die halfen sein Überleben zu finanzieren, träumte er immer wieder eigene, selbstbestimmte Träume von einer fremden Welt unter blau glitzernden Bäumen, mit exotischen Früchten, geisterhaften Pilzen und seltsamen, freundlichen Kreaturen. Einer Welt, in die er sich einfach fallen lassen konnte.

Sollte er das Ende dieses Parcours erreichen, sollte tatsächlich ein solches Wunder geschehen und ihm das nötige Geld für ein Ticket einbringen, würde er nach diesem Ort suchen. Er wusste nicht, ob er existierte, aber selbst wenn nicht, mochte es dort draußen zumindest etwas Ähnliches geben.

„Man erzählt sich, der Tod in den tiefen Gassen soll schmerzloser sein“, begrüßte ihn die Stimme einer dunkelhaarigen, muskulös gebauten Deovani mit Stirnglatze und einem strahlenkranzartigen Haarring, der durch ein halbdurchsichtiges Kraftfeld stach, welches ihren gesamten Kopf umgab. Sie steckte in einem schwarzen, langen Panzerstoffmantel, auf dem an zwei Seiten in leuchtendem Grün das Logo des „Konglomerats von Rise“, einem als Gittermodell dargestellten Gebäude in einem doppelten Kreis, abgebildet war. Der Konzern war der Marktführer und beinah-Monopolist in der Baubranche in ganz Deovan und den umliegenden Welten. In ihrer linken Hand ruhte eine flache, aber breite und lange Waffe, bei der es sich wahrscheinlich um einen dieser extrem kostspieligen Swirler handelte. Ihre linke Hand war ohne Waffe, jedoch wies ein goldenes Glitzern daran auf kybernetische oder biologische Verbesserungen hin.

„Das mag stimmen“, erwiderte Callan, „ich will aber nicht sterben.“

„Nicht? Das ist sehr bedauerlich für Sie“, antwortete die Frau, „dafür wären Sie nämlich optimal ausgerüstet. Ein gebrauchter Pinpointer in der Basis-Version, kein Kopfschutz und offenbar keinerlei Modifikationen. Für mich sieht das eindeutig nach indirektem Selbstmord aus. Das Logo von ‚Monument‘ auf ihrer ungepanzerten Jacke, hätte außerdem hervorragend dazu gepasst.“

„Sie sind Nehmerin Devell, nicht? Die CEO von Rise“, stellte Callan fest.

„So ist es“, erwiderte Devell, „Das bin ich nun seit sechsundzwanzig Jahren und ich bleibe es wohl auch, falls ich diese Nacht überlebe.“

„Was machen Sie überhaupt hier?“, wollte Callan wissen, „nach allem, was ich weiß, sind Sie die viertreichste Person in ganz Deovan und den Satellitenwelten. Haben Sie das wirklich nötig? Ich meine, falls Sie gewinnen und Ihren Einsatz verdoppeln könnten, würden Sie theoretisch zur zweitreichsten Person aufsteigen, aber das kann doch nicht Ihre Motivation sein. Zum einen muss Ihnen doch bewusst sein, dass Enry gerade in Ihrem Fall alles daran setzen wird, dass Sie das Ende des House of Life nicht erreichen und zum anderen würde er Sie selbst dann nicht auszahlen können, wenn es Ihnen gelingt. Enrys ganzes Unternehmen inklusive seiner Person ist nicht ein Zehntel so viel wert.“

Das Gesicht von Devell verzog sich zu einem freudlosen Lächeln, „Sie wissen, dass wir alle danach streben, alles zu besitzen, was wir besitzen können und das Spiel unseres Lebens mit einem vollständigen Sieg zu beenden. Insofern hätte ich sicher nichts gegen diesen Gewinn einzuwenden, selbst, wenn er nicht so hoch ausfallen sollte. Aber Sie haben recht, das ist nicht meine Hauptmotivation. Ich komme vor allem hierher, um mein Leben in die gesegneten Hände des Zufalls zu legen.“

„Wenn Sie von Ihrem Reichtum gelangweilt sind, können wir gerne tauschen“, witzelte Callan.

Nun war Devells Lachen echt, „Nein, Danke, da wäre ich wirklich lieber tot“, bemerkte sie grinsend.

Gegen seinen Willen, musste auch Callan lächeln, „Ach, Sie wissen gar nicht wie erfrischend es ist, jede Sekunde seines Lebens darüber nachdenken zu müssen, wie man auch am nächsten Morgen noch weiteratmen kann. Vielleicht sollten Sie es auch mal ausprobieren.“

„Stimmt, das weiß ich tatsächlich nicht mehr“, erwiderte Devell, „ich habe diese unerquickliche Phase meines Lebens aus meinem Gedächtnis löschen lassen, um mich nicht unnötig damit zu belasten. Seelenhygiene, Sie verstehen? Das Beispiel meiner Angestellten reicht mir voll und ganz.“

„Hat die Löschung geholfen?“, wollte Callan wissen, „Ihren Seelenleben meine ich.“

„Nicht wirklich“, meinte Devell trocken, „Sorgen verfügen auch ohne Altlasten über eine hervorragende Wachstumsprognose.“

„Wer ist das?“, fragte Callan, als er sah, wie sich eine dritte, männliche Person näherte, die offensichtlich ihr heutiges Trio vervollständigen wollte und die eher den Eindruck eines hochgerüsteten Androiden, als den eines Deovani erweckte.

„Verfolgen Sie keine Unterhaltungsformate?“, erwiderte Devell.

„Keine Zeit“, antwortete Callan.

„Dann helfe ich Ihnen aus. Das ist Norwell Rage, ein Aufsteiger aus dem Insivible Land. Er hat in den letzten vier Jahren eine Serie von Siegen bei allen möglichen Challenges hingelegt. Kein Wunder, er hat mehr Verbesserungen unter seiner straffen Haut, als meines Wissens je in einem Individuum verbaut wurden. Sicher ist er auch nicht ganz talentlos. In Wahrheit war sein Erfolg aber nicht sein Verdienst. Er ist eine Investition verschiedener großer Unternehmen in ihre eigene Sicherheit. Ein Märchen für den Pöbel, damit er weiter hart arbeitet und denkt, dass er es schaffen kann. Auch Rise hat in ihn investiert.“

„Sie haben sich also Ihren eigenen Konkurrenten herangezüchtet?“, fragte Callan.

„Nicht wirklich“, antwortete Devell, „ich dachte eigentlich, das wäre Ihnen bekannt, aber dieser Ort hier gehört zu den wenigen Orten in unserer schönen Heimat, an dem wir keine Konkurrenten sein müssen. Natürlich gibt es Teilnehmer, die sich in den Rücken fallen oder sich schlicht ignorieren, aber am erfolgreichsten ist man mit Kooperation. Davon, andere aus dem Weg zu räumen, hat man hier wenig. Wir können es alle schaffen oder keiner, aber je mehr von uns die Creeps beschäftigt halten, desto größer sind unsere Chancen.“

„Warum denken Sie über Strategien nach, wenn Sie sterben wollen?“, fragte Callan.

„Ich will nicht sterben“, erinnerte Devell, „jedenfalls nicht unbedingt. Wie gesagt, ich strebe eine Art Gottesurteil an und wenn ich nicht mein Bestes gebe, kann das Schicksal wohl kaum meinen Wert bemessen.“

„Das wundert mich. Seit Uranor Geschichte ist, haben Religionen keine allzu große Konjunktur mehr“, bemerkte Callan.

„Sie haben davon gehört?“, wunderte sich Devell, „ich an Ihrer Stelle hätte das Geld für ein Nachrichten-Abo lieber in meine Ausrüstung gesteckt.“

„Mein letzter Arbeitgeber war in der Nachrichtenbranche tätig. Da bekam ich das ein oder andere mit“, erklärte Callan.

„Und er hat diese Informationen nach Ihrem Ausscheiden nicht aus Ihrem Gedächtnis löschen lassen?“, fragte Devell.

„Nein“, erwiderte Callan mit unglücklich verzogenem Mundwinkel, „Sie haben Sie mir als Teil meiner Bezahlung überlassen. Das schien ihnen günstiger als Dominanten.“

Devell lachte, was jedoch nicht allzu spöttisch klang, „Gute Entscheidung. Aus unternehmerischer Sicht, meine ich. Immerhin sind ihre Informationen korrekt, aber ihre Schlussfolgerungen sind es leider nicht. Mit Uranor ist lediglich der planende Faktor aus dem Religionsmarkt verschwunden. Der Markt ist jetzt quasi unreguliert und die Kulte können sich frei entfalten. Ob sich dabei das beste Produkt durchsetzen wird, muss sich erst noch zeigen.“

„In Deovan gibt es ohnehin keinen Abnehmer für ein solches Produkt. Nicht mal Ihnen kaufe ich Ihre vermeintliche Religiosität ab. Dafür sehen Sie die Dinge viel zu nüchtern“, meinte Callan.

„Da irren Sie sich“, entgegnete Devell, „Deovan ist ein einziger großer Kult. Wir verehren abstrakte Konzepte und glauben an selbstgesetzte Prophezeiungen von Erfolg und disruptiven Ideen. Wir klammern uns an Vertragsriten und fantasieren von der magischen, perfekten Selbstordnung der Dinge. Wir opfern uns tagtäglich im Heiligen Krieg um den besten Geschäftsabschluss, während Millionen winziger Fische um eine Handvoll Leviathane herumschwirren, in der albernen Hoffnung ihnen gleich werden zu können, indem sie sie eifrig putzen oder sich von ihnen fressen lassen. Vor allem aber verehren wir den Zufall, hoffen auf ihn, widmen ihm jeden unserer Atemzüge und führen seinen Namen stets stumm auf unseren Lippen. Ich bin da nicht anders, nur weil ich diese Dinge durchschaue. Ich kann mir vieles leisten, Geber Callan, aber dafür, an gar nichts zu glauben, reicht mein Vermögen nicht aus.“

„Warum ändern Sie die Dinge dann nicht?“, fragte Callan, „oder versuchen es wenigstens?“

„Weil ich Angst habe“, antwortete Devell leise.

„Angst?“, fragte Callan, „Sie sind im Begriff einen der tödlichsten Orte von Deovan zu betreten. Und das ohne materielle Not. Wovor bitte haben Sie Angst?“

„Vor Veränderungen“, erklärte Devell nachdenklich, „für jemanden, der in Deovan so weit aufgestiegen ist wie ich, ist allein der Gedanke an sie verheerend.“

„Auch der Tod wäre eine Veränderung“, stellte Callan fest.

„Ja, aber die einfachste“, antwortete Devell, „er verlangt einem nichts weiter ab als Schweigen.“

Callan sah zu Rage, der sich inzwischen zu ihnen gesellt hatte.

„Gute Geschäfte, Nehmer Rage“, begrüßte er den groß gewachsenen Mann, dessen Gesicht man durchaus als gutaussehend begreifen konnte. Zumindest, wenn man darüber hinwegsah, dass es vielleicht eine Spur zu kantig und zudem von einer finsteren, mürrischen Ernsthaftigkeit erfüllt war, die fast an Misanthropie grenzte. Sein silbern glänzender Körperpanzer hüllte ihn fast vollständig ein und nur in seinem Gesicht und ab seinem Hals war hellbraune Haut erkennbar. Rund um seinen Körper schwebten kleine, kugelförmige Drohnen, die wie mit winzigen Schleppseilen mit ihm verbunden waren und die wahrscheinlich der Verteidigung dienten. In der rechten Hand trug er eine Art sechsläufigen Raketenwerfer, während die linke zu einem scharfkantigen Gewirr aus Klingen und Fräsen umgemodelt worden war und sicher ausgereicht hätte, um ein Loch in einen Asteroiden zu bohren.

Der deutlich über zwei Meter große Mann nickte nur knapp und grunzte, nicht wie ein Tier, sondern wie ein wortkarger, schlechtgelaunter Einsiedler.

„Oh, er ist kein Nehmer“, bemerkte Devell, „er ist erfolgreich, aber nicht sonderlich reich. Eine seltene Kombination in Deovan, wenn man so darüber nachdenkt und die er seinen eher unvorteilhaften Sponsorenverträgen zu verdanken hat. Vor allem aber redet er nicht viel. Das gehört quasi zu seinem Markenzeichen.“

„Dann wird eine Kooperation sicherlich schwierig“, überlegte Callan.

„Da drin müssen wir nicht viel reden. Nur überleben“, stellte Devell fest.

Kurz darauf öffnete sich das große Wurmmaul und der „Life-Run“ begann.

~o~

„Hör mir zu, Schlächter“, meldete sich eine Stimme, die ich zunächst für Karmons oder Autemgas hielt, jedoch schnell registrierte, dass sie weiblich war und noch dazu von außen kam und nicht in mir erklang. Sie gehörte eindeutig Slura.

„Crave ist eine beeindruckende Kreatur, aber ich kann trotzdem noch nicht einschätzen, wie er sich gegenüber den Gästen verhalten wird“, fuhr Slura fort, „für den Fall, dass er Schwäche, Mitleid oder Ungehorsam zeigt oder sich zu leicht überrumpeln lässt, musst du dich bereithalten, unsere drei Life-Runner zu behindern und den ein oder anderen von ihnen zu verletzen, vielleicht sogar zu töten. Doch warte dafür auf meine Anweisung und handle auf keinen Fall auf eigene Faust. Bis dahin beobachte alles genau und mache dich mit dem Rattenpalast vertraut. Verlasse jedoch nicht den blau markierten Bereich, da dahinter die weiteren Areale beginnen. Das würde zwar Sinn ergeben, wenn du eine Falle stellen wolltest, aber dafür ist es noch zu früh.“

„Alles klar“, antwortete ich gehorsam, auch wenn ich mir alles andere als sicher war, wie ich im Ernstfall auf solch einen Befehl reagieren würde. Das Letzte, was ich wollte, war noch mehr unschuldiges oder auch schuldiges Blut an meinen Händen.

Doch selbst, wenn ich meine moralischen Zweifel beiseite ließ, blieb mehr als ungewiss, ob ich jemandem irgendetwas entgegensetzen konnte, dem es gelang Autemga zu überrumpeln.

In einem Punkt jedenfalls stimmte ich mit Slura überein: Es wäre sicher eine gute Idee, sich mit seiner Umgebung vertraut zu machen. Also verhielt ich mich wie eine brave Ratte, hielt mich im Schatten und erkundete mein Labyrinth.

~o~

„Der erste Creep, mit dem wir es zu tun bekommen werden, ist auch als ‚der Bulle‘ bekannt“, erzählte Devell, die sich hinter Rage, aber vor Callan durch die wurmförmige Eingangsschleuse auf den eigentlichen Parcours zu bewegte, „ziemlich stark, aber nicht sonderlich schlau. Wahrscheinlich der leichteste Gegner, mit dem wir hier konfrontiert werden, was natürlich noch längst kein Grund ist, ihn zu unterschätzen.“

„Er wird sterben!“, behauptete Rage so arrogant wie knapp, „wie alle anderen.“

Trotz dieses Alphagehabes und Devells einigermaßen aufmunternder Worte spürte Callan, wie die Angst ihn zu durchströmen begann. Er hatte gedacht, dass er für das hier bereit wäre, aber das stimmte nicht. Er hatte seinen Frieden nicht gemacht. In seiner Welt gab es keinen Frieden, auch wenn die Waffen die meiste Zeit über schwiegen und in seinem Herzen gab es ihn schon gar nicht.

Die geschmeidigen, kraftvollen Bewegungen des schweigsamen, aufgepimpten Muskelbergs vor ihm hätte ihm wahrscheinlich etwas Sicherheit schenken sollen. Aber sie taten es nicht. Nicht nur, dass er sich der Loyalität des Kämpfers nicht sicher war, er erinnerte ihn auch viel zu sehr an seine eigene Situation. In sie beide mochte investiert worden sein, aber dieser Mann war eine Wette auf das Leben, er hingegen eine Wette auf den Tod. Ein bitterer Geschmack lag plötzlich auf Callas Zunge, als sich die breiten Tore von selbst öffneten, auf denen eine Reihe von im Comicstil gezeichneten Soldaten von einer unmenschlichen, riesenhaften Bestie zerrissen wurde. Vor ihnen erstreckte sich eine Mischung aus Schlachtfeld und Friedhof. Große, mannshohe Grabsteine mit Todesdaten von Frauen und Männern, von denen keiner älter als dreißig Jahre geworden war. Auch Inschriften, die auf einigen davon eingraviert waren, waren wenig erbaulich.

Sprüche wie „Ich bereue alles“, „nach langem Todeskampf“, „hier liegt, was man noch von ihr fand“, „wertlos und zerfetzt“, „wimmernder Abfall“ und dergleichen mehr verhöhnte die realen Lebenden genauso wie die hoffentlich fiktiven Toten. Eingebettet waren diese traurigen Mahnmale in schwarze, kalte, von Kunstblut – oder echtem Blut – durchzogene Erde, in der auch Schwerter, Äxte und Schusswaffen steckten, die schon bessere Zeiten gesehen hatten. Zudem gab es hier zwei große Mausoleen, die bis hinauf zur Decke reichten und somit eine gute Deckung für sie, aber auch für den Bullen abgaben, sowie ruinenhafte, mit Krallenspuren versehene Mauerfragmente. Das Ganze war ein regelrechtes Labyrinth, jedoch konnten sie immerhin einen Blick auf das etwa zweihundert Meter entfernte Ausgangstor erhaschen, hinter dem die nächste Herausforderung auf sie wartete. Falls sie so weit kamen.

„Sollen wir einfach zum Ausgang sprinten?“, fragte Callan.

„Das wäre sicher keine gute Idee“, meinte Devell, „der Bulle ist ganz bestimmt schneller als wir und er kennt das Gelände gut. Ich denke, wir sollten zügig, jedoch vorsichtig vorgehen und uns aufteilen, aber dabei in Sichtweite bleiben. Damit kann er uns weder einzeln, noch alle auf einmal ausschalten, und …“

Devell stockte, als sie Rage mit einem verächtlichen Grunzen vorpreschen sah.

„Er hält wohl nicht viel von Taktik“, kommentierte Callan, „geschweige denn von Kooperation.“

„Sieht ganz so aus“, meinte Devell schulterzuckend, „wir bleiben aber dennoch bei unserem Plan. Sie nehmen die linke Seite und ich die Rechte und wir versuchen hinter Rage zu bleiben. Wenn er den Lockvogel spielen möchte, bitteschön!“

Callan nickte und lief los, was auch Devell ihm gleichtat.

Callan verzichtete jedoch darauf, sich hinter den Grabsteinen zu verstecken, weil ihm klar war, dass der Bulle ihre Anwesenheit und Position sicher bemerkt haben würde. Jedoch schlug er dennoch Haken und nutzte die Hindernisse als Deckung für den Fall, dass ihr Gegner sich statt für den Nahkampf doch für den Einsatz einer Schusswaffe entscheiden sollte. Devell kümmerte sich weit weniger um ihre eigene Sicherheit und lief schneller und selbstsicherer, entweder weil sie ihr Schicksal herausfordern wollte, oder weil sie sich auf das Kraftfeld und ihre Schutzkleidung verließ.

Sie war jedoch immer noch vorsichtiger als Rage, der einfach stur geradeaus stürmte, was ihm bis jetzt noch keinen Nachteil einzubringen schien, da sich nach wie vor kein Gegner zeigte, während er dem Ausgang immer näher kam.

Callan jedoch beschlich ein ungutes Gefühl, nicht nur, aber auch, weil ihn die in unregelmäßigen Abständen in den Boden eingravierten Muster aus Knochen und Schädeln Unbehagen bereiteten. Auch wenn sich noch nichts dergleichen gezeigt hatte, dachte er sofort an Fallen und versuchte diese Bereiche deshalb unbedingt zu meiden. Gleichzeitig sah er sich sorgfältig um, lauschte auf jedes Geräusch und versuchte zu erkennen, ob sich irgendetwas hinter den Mausoleen oder den großen Grabsteinen bewegte. Doch der Bulle war nirgends zu entdecken. Wo zum Teufel war er?

Devell schien dieselbe Frage zu plagen, doch sie war nicht unbedingt der introvertierte Typ. „Hey, du hässlicher Creep. Zeig dich! Wir wollen kämpfen!“

„Halten Sie ihr Maul!“, entfuhr es Callan.

„Na, na. Wie unhöflich von Ihnen!“, brüllte Devell grinsend von der anderen Seite.

In diesem Moment erreichte Rage das Tor, doch noch bevor er hindurchgehen konnte, schnappte es mit einem donnernden Geräusch zu und brachte eine dicke Metallwand zwischen ihn und das nächste Areal. Der Mann fluchte ungehalten und donnerte seine künstlich verstärkten Arme gegen das Material, was jedoch außer einer Menge Krach wenig bewirkte.

„Wir sind eingesperrt“, rief Callan verzweifelt, „Enry spielt nicht fair. Er versucht uns gleich am Anfang jede Chance zu nehmen.“

„Schwachsinn!“, meinte Devell, „denke Sie doch darüber nach. Diese Life-Runs werden für ein gut zahlendes Publikum live übertragen. Auch ich habe mir ein paar davon angeschaut, wenn auch mit einem anderen Setting. Wenn es niemand schaffen würde, wäre das eine miserable Werbung und Enrys Geschäft würde schnell zusammenbrechen. Es muss einen Ausweg geben, wir müssen nur …“

In diesem Moment ging ein lautes Donnern durch das ganze Areal und brachte sowohl Callan, als auch Devell ins Schwanken, während sie mit offenen Mündern dabei zusahen, wie sich eine riesige
Beule in der Friedhofserde bildete und einige der tonnenschweren Grabsteine wie Spielzeuge anhob. Die Beule wurde größer und größer, bis die Erde hinabrutschte und ein hässliches Carnid-Insektoides-Geschöpf mit einem gewaltigen Mund voller scharfer, dolchartiger Zähne offenbarte.

„Das … das ist nicht der Bulle“, stotterte Devell und eröffnete sofort das Feuer. Die flirrenden Drehgeschosse des Swirlers, die dafür konstruiert worden waren, sich tief ins Fleisch ihres Zieles hineinzuwinden und sich nach Möglichkeit bis hinein in die lebenswichtigen Organe zu wühlen, versagten jedoch und blieben in der dicken Haut der Kreatur stecken wie Dartpfeile in Hartgummi.

Callan, dessen Pinpointer ebenfalls begann Munition zu spucken, erreichte nicht einmal das. Die winzigen Perforationsgeschosse prallten vollkommen wirkungslos an der Haut des Wesens ab und es war wohl ihr beider Glück, dass sich die Kreatur auf den gefährlichsten Gegner stürzte: Rage. Der wiederum nutzte seine verstärkte Sprungkraft, um sich kurzerhand wie ein Drachentöter auf den Rücken der sechs Meter hohen Kreatur zu befördern und seine klingenbewehrte Nahkampfhand in den Rücken des Wesens zu schlagen. Am lauten, wütenden Schrei, den der Creep daraufhin ausstieß, erkannten sie, dass das zumindest einigermaßen funktionierte. Es war jedoch kein tierhafter Schrei, der aus dem Maul des Geschöpfes drang. Er trug Worte. Verständliche, wütende Worte.

„Verfluchter Parasit!“, schrie das Wesen, führte eine seiner Klauen zu dem verbesserten Deovani und pflückte ihn wie eine Mücke von seinem Rücken.

Rages Schutzdrohnen wurden sofort aktiv, attackierten die Klaue der Bestie und ließen dunkle Blutstropfen hinabregnen, doch auch sie konnten den Show-Veteranen nicht davor schützen, dass er mit Wucht gegen eines der Mausoleen geschleudert wurde, wo er entweder benommen oder tot liegen blieb.

Währenddessen schritt das Wesen langsam und genüsslich auf den Mann zu, seinen Kiefer gierig geöffnet, die geschmeidigen Muskeln pulsierend, mit Kraft und Überlegenheit.

„Glauben Sie immer noch, dass Enry uns eine faire Chance lässt?“, meinte Callan, der sich inzwischen zu Devell begeben hatte, „Sehen Sie sich das Vieh doch an, das kann niemand einfach so bezwingen. So etwas kann man doch unmöglich an den Anfang eines solchen Parcours setzen.“

„Da haben Sie womöglich recht“, gestand Devell ein, „aber ich glaube nach wie vor, dass es einen Ausweg gibt. Wir können die Kreatur vielleicht nicht besiegen, aber zum Glück müssen wir das gar nicht. Alles, worum es beim Life-Run geht, ist den Ausgang zu erreichen. Wir müssen nur dafür sorgen, dass sich diese Tür wieder öffnet und dann schnell hindurchschlüpfen. Ich bin mir sicher, dass es dafür irgendeinen Mechanismus gibt. Wenn wir den nur finden …“

„Die Knochenmuster“, flüsterte Callan.

„Was?“, fragte Devell.

„In den Boden sind regelmäßige Muster aus Knochen und Schädeln eingraviert. Zuerst habe ich sie für die Auslöser von Fallen gehalten, aber vielleicht sind sie es gar nicht und geht es gerade darum, sie auszulösen“, erklärte Callan.

„Interessant“, meinte Devell, „das könnte funktionieren. Mir diese Muster noch gar nicht aufgefallen und auch in früheren Übertragungen haben Sie sie nicht verwendet. Es ist wohl von Vorteil, jemanden dabei zu haben, der es gewohnt ist im Staub zu kriechen.“

Devell versuchte, ihrem herablassenden Spott ein wenig Freundlichkeit beizumengen, was ihr aber nur leidlich gelang.

„Dann ist unser Vorgehen klar“, sagte Callan, dem es nicht neu war, von anderen herablassend behandelt zu werden, „einer von uns muss diese Muster aktivieren, während der andere das Biest beschäftigt hält.“

„Um die Kreatur kümmere natürlich ich mich“, meinte Devell.

„Warum?“, fragte Callan, „Ihre Waffe ist nicht viel effektiver, als meine.“

„Das mag sein“, gab Devell zu, „aber diese Kreatur kann reden und wer reden kann, der lässt sich vielleicht auch bequatschen.“

Inzwischen hatte das Geschöpf Rage erreicht, der anscheinend doch noch nicht tot war. Denn als sich ihm das große, weit geöffnete Maul näherte, um ihn aufzunehmen, stürzten sich nicht nur die automatischen Verteidigungsdrohnen, sondern auch eine von Rage abgefeuerte Raketen-Salve auf den Creep. Die Phalanx der Geschosse explodierte wie ein vernichtendes Inferno in Autemgas Kopf, aber er biss dennoch ungerührt zu. Die Schreie von Norwell Rage, als erst das Kraftfeld und schließlich seine Knochen von offenbar schier unzerstörbaren Zähnen durchstoßen wurden, waren unbeschreiblich. Aber sie dauerten nicht lange an.

„Viel Glück bei Ihren Verhandlungen“, meinte Callan, der diese Geschehnisse genauestens beobachtet hatte, sarkastisch.

Devell zuckte mit den Schultern und zog einen Schmollmund, „machen Sie sich um mich nur keine Sorgen. Ich habe Unterredungen mit Leuten geführt, die weit schlechtere Manieren hatten, als dieses Ding. Bringen Sie nur die Knochen zum Tanzen. Den Rest erledige ich.“

Callan nickte. Im Grunde war es ihm nur recht, wenn diese Kreatur ihre Augen vorerst nicht auf ihn richtete. Also lief er los.

~o~

„Hausgast Norwell Rage: verstorben“, meldete eine einprogrammierte, mechanische Stimme beinahe beiläufig über das offenbar an Karmons Kopf angebrachte Headset. Doch diese trockene Information wäre eigentlich nicht nötig gewesen, da ich das blutige Ableben des hochgerüsteten Kämpfers von der Decke und aus dem Schatten heraus verfolgt hatte. Anscheinend wurden meine Dienste hier nicht wirklich gebraucht. Doch bevor mir dieser Gedanke auch nur ein wenig Erleichterung verschaffen konnte, fiel mir wieder ein, wo ich mich befand. Immerhin wusste ich nur zu gut, was in Deovan mit Personen geschah, die nicht gebraucht wurden.

Doch nicht nur mein eigenes mögliches Schicksal kümmerte mich. Das da unten waren reale Personen, die sich aus purer Verzweiflung entschieden hatten, diese Tortur mitzumachen. Autemga mochte zwar unser Ticket nach Draußen sein – falls Karmon und er in ihrem Zwiegespräch etwas Entsprechendes vereinbart hatten –, aber wenn ich auch nur daran dachte, dieser Bestie die Daumen zu drücken oder sie dabei zu unterstützen, die beiden verbliebenen Gäste zu töten, brauchte ich mir nun wirklich nicht mehr anmaßen irgendetwas aus meinen früheren Fehlern gelernt zu haben.

Nein, entschied ich. Ich würde den beiden Life-Runnern kein Haar krümmen, selbst wenn es mein Ende bedeuten würde.

~o~

Auch wenn Devells Schlussfolgerung nicht einer gewissen Logik entbehrte, war Callan nicht sehr wohl dabei, seinen Fuß auf eines der Knochenmuster zu setzen. Immerhin war es trotzdem gut möglich, dass er ebendiesen Fuß dabei verlieren würde. Die harten Jahre seines Lebens in Deovan hatten ausgereicht, um ihm praktisch jeden Funken Zuversicht und Optimismus aus dem Leib zu brennen. Wieder schossen die Bilder von den geisterhaften Wäldern und ihren freundlichen, ätherischen Bewohnern durch seinen Kopf und sicher zum zehntausendsten Mal schloss er kurz die Augen, in der Hoffnung, sich genau dort wiederzufinden, sobald er sie wieder öffnen würde. Aber wie üblich geschah das nicht. Also stellte er sich einer weiteren, unangenehmen Entscheidung in der einzigen Welt, die er kannte und trat mitten auf die Knochenstruktur.

Sofort schoss ein schmerzhafter, elektrischer Impuls durch seinen ganzen Körper. Jeder seiner Nerven stand in Flammen und für einige Augenblicke meinte er zu fühlen, dass sein Herz seinen Dienst eingestellt hatte. Dann jedoch tat es einen schmerzhaften Satz und schlug weiter und als die leeren Augenhöhlen des Schädels rot aufflammten und in dessen Mund in grüner Schrift das Wort „unlocked“ erschien, verstand er, dass er keine Falle ausgelöst, sondern dem Entkommen aus diesem Raum ein kleines Stückchen näher gekommen war. Schmerz war lediglich der Preis dafür. Die Frage war nur, wie viel er davon noch zahlen konnte, bevor er umkippte.

~o~

„Hey!“, brüllte Devell in Richtung der Kreatur, die sich gerade die letzten schmackhaften Bissen von Rage einverleibte, „was machst du hier?“

„Fressen“, knurrte das Geschöpf, während es seinen breiten Kopf kurz in Devells Richtung wandte, „aber keine Angst, ich bin gleich fertig. Dann bist du an der Reihe. Du siehst gesünder aus. Weniger Metall. Mehr Lebenskraft.“

„Davon rede ich gar nicht“, meinte Devell, „was macht ein so mächtiges Wesen wie du an diesem Ort? Warum lässt du dich einsperren wie ein harmloses Tier im Zoo, wo du doch wahrscheinlich problemlos dieses ganze Gebäude niederreißen und jeden hier drin und wahrscheinlich in der halben Stadt verspeisen könntest?“

Der wuchtige Kopf von Autemga schnappte zu und schluckte die letzten Überreste von Rage im Ganzen herunter, mitsamt seinem Kampfanzug und den verbliebenen Verteidigungsdrohnen, die ihn noch immer umschwirrten, wie trauende Kinder ihren toten Vater.

Devell hatte den Eindruck, dass das Wesen dabei noch ein kleines Stück wuchs und wie wir alle wissen, hatte er recht damit.

„Weil ich es will!“, sagte Autemga mit einem Raubtiergrinsen, während er sich nun mit seinem gesamten Körper zu Devell drehte, was die Grabsteine und den Boden erzittern ließ. Staub und Erde rieselten von seinem beachtlichen Leib. „Es gibt mir eine Gelegenheit, zu wachsen und zu lernen. Unter kontrollierten Bedingungen. Völlig entspannt und ungestört. Aber natürlich hast du recht. Ich könnte wahrscheinlich alles hier vernichten und vielleicht werde ich das auch noch tun. Doch fürs Erste begnüge ich mich mit euch beiden.“

„Womöglich bist du ja auch gar nicht so stark“, neckte Devell ihn, „vielleicht schränkt dich ja auch einfach der Act-Blocker von Nehmer Enry so sehr ein, dass du zum harmlosen Schoßhündchen geworden bist.“

„Glaub, was du willst“, entgegnete Autemga gleichgültig, „du kannst mich nicht in meiner Ehre verletzen. Sie bedeutet mir nichts. Und selbst wenn du recht hast, macht das für dich keinen Unterschied. Dich zu töten, ist mir nicht verboten, wie du weißt. Es ist meine Aufgabe.“

„Weißt du, was mit dem Bullen geschehen ist?“, fragte Devell in einem weiteren Versuch etwas Zeit zu schinden.

„Das weiß ich nicht“, knurrte Autemga, „und es ist mir auch egal. Wir haben ohnehin genug geredet. Ich habe Hunger!“

Mit diesen Worten drückte sich Autemga mit einem gewaltigen Satz vom Boden ab und steuerte direkt auf Devell zu.

~o~

Callans Körper fühlte sich wie eine einzige Wunde an. Seine Muskeln krampften, seine Beine gehorchten ihm nur noch unter Protest, aber immerhin war es ihm gelungen bereits sechs der Knochenmuster zu aktivieren. Die Frage war nur, wie viele davon es noch gab und wo sie sich versteckten, denn die Tür war noch immer verschlossen und seine Kräfte verließen ihn genauso schnell wie seine Ideen. Er hatte seinen geschundenen Knochen wirklich ein enormes Tempo abverlangt und bereits einen Großteil des Areals abgesucht. Er hatte sogar hinter allen Grabsteinen und sogar rund um die beiden Mausoleen nachgesehen, doch diese sechs Muster blieben bislang die einzigen, die er gefunden hatte. Immerhin war es ihm bisher gelungen der Aufmerksamkeit der Kreatur zu entgehen, was er wohl vor allem Devell zu verdanken hatte. Aber das nützte ihm nichts, wenn sich diese Tür nicht öffnete. Denk nach, Callan, ermahnte er sich und versuchte seinen erschöpften von Panik durchdrungenen Geist zu etwas Kreativität zu ermuntern, wo könnte sich noch eins dieser Dinger befinden?

~o~

Devell war nicht schneller als Rage und garantiert nicht schneller als Autemga und so fand sie sich im Handumdrehen praktisch hilflos begraben unter einer der Klauen des bedrohlichen Wesens wieder, dessen intelligente Augen ihn triumphierend betrachteten und ihm das ankündigten, was seine starken Kiefer binnen weniger Augenblicke mit ihm anstellen würden.

Devell schrie in Panik auf. Doch vielleicht war sie doch nicht ganz so hilflos, wie es schien.

„Du musst das nicht tun“, sagte Devell betont weinerlich und leicht theatralisch, während sie heimlich, aber mit flinken Fingern begann, eine kleine, blaue, quadratische Plastikverpackung zu öffnen, die sie an ihrem Gürtel befestigt hatte.

„Ich tue stets nur das, was ich will“, knurrte Autemga, „und das hier, meine Liebe, will ich unbedingt!“

Noch während das Wesen dies sagte, schleuderte Devell den kleinen grauen Block gegen Autemgas Bauch, wo dieser haften blieb wie ein Magnet.

Bitte, lass es schnell genug gehen, betete Devell zum Gott des Zufalls, während sich über ihr ein hungriges Maul öffnete, in dem noch die Reste von Rages Leiche und Ausrüstung erkennbar waren.

~o~

„Das ist es!“, rief Callan und fragte sich, warum ihm das nicht früher aufgefallen war. Eigentlich war es naheliegend und dennoch war ihm erst jetzt der Gedanke gekommen, dass die Mausoleen vielleicht nicht einfach nur Kulisse waren, sondern, dass sie auch ganz gewöhnliche Eingänge besaßen. Leider hatte er für diese Erkenntnis ein wenig länger gebraucht und so war seine Ablenkung in Form des CEOs fast aufgebraucht, da das Monster jede Geduld verloren hatte und zum direkten, kompromisslosen Angriff übergegangen war. Für einen Moment durchzuckte ihn ein seltsamer Impuls. Der Wunsch, ja geradezu ein Verlangen, dieser Frau beizustehen.

Er wusste nicht genau, wo es herkam, aber ihm war bewusst, dass man in jener anderen Welt, von der er immer wieder träumte, genau so etwas getan hätte, ohne auch nur zu zögern. Callan aber war hier in der harten Wirklichkeit von Deovan, hatte wenig Zeit und musste diese verfluchte Tür aufbekommen. „Sie würde mir auch nicht helfen“, sagte er sich, während er auf das linke der beiden Mausoleen zu rannte, „Sie würde mir das Leben bis zum letzten Tropfen aus dem Leib quetschen, wenn ich ihr Angestellter wäre. Weil es ihr einen Vorteil brächte. Weil sie es muss, um auf den Märkten zu bestehen.“

Schwer atmend und von Panik ergriffen schlitterte er auf die Tür zu, während er hinter sich Devells erschrockenen Schrei hörte. Seine Hand fand den steinernen Griff. Er zog daran. Drehte ihn. Drückte ihn. Doch nichts passierte. Nicht einmal die kleinste Bewegung kam in die Tür und auch als er sich mit seinem vollen Körpergewicht dagegen warf und mit seiner kleinen Waffe auf den Eingang des Mausoleums schoss, rührte sich nichts.

Er trat einen Schritt zurück und begutachtete die Tür einen Moment genauer. Sein Blick wanderte zum Rahmen, dessen feine Linie keine Unebenheiten, keine Tiefe besaß. „Nur aufgemalt“, flüsterte er frustriert und war kurz davor aufzugeben. Dann jedoch besann er sich einen Besseren. Das hier war seine letzte Chance, er würde nicht aufgeben, bevor er an jeder Tür gerüttelt hatte. Das war die Lebensart seiner Welt und auch wenn er sie hasste, konnte er sich nicht dagegen wehren.

Während er rannte, vernahm er erneut einen Schrei. Und diesmal war er viel viel lauter.

~o~

„Was passiert mit mir?“, brüllte Autemga, wobei sich zweifellos Angst und Schmerz in die mächtige, überlegene Stimme mischten. Ein grauer Fleck breitete sich von der Stelle aus, an der der von Devell geschleuderte Gegenstand gelandet war. Ein Fleck, der sich erst amöben- und dann spinnennetzförmig ausbreitete und erweiterte. Das Biest bewegte sich nicht, stand dort wie paralysiert, wie eingefroren.

Devell genoss den Anblick, ließ sich ein wenig Zeit, bevor sie antwortete. „Devilium. Ein Produkt meiner Firma. Ein intelligenter Baustoff, der in der Lage ist, sich ohne weiteres Zutun in Strukturen von geringer und mittlerer Komplexität zu transformieren. Er kann auch Risse kitten und Schäden reparieren. In biologischen Organismen geht er allerdings eigene Wege. Er zerstört Zellwände, verhärtet Muskeln, verstopft Kapillaren. Die Lähmung ist meist nur der Anfang. Der Rest des Prozesses ist weniger angenehm.“

„Danke für die Information“, sagte Autemga, „damit kann ich arbeiten.“

Plötzlich verkrümmte Autemga sich, schüttelte sich in spastischen Krämpfen, die wie Bugwellen durch sein Fleisch fegten und seine Haut zum Erzittern brachten. Einige Augenblicke lang verteilte sich der Baustoff noch weiter in ihm. Dann hörte es auf und das Material begann wie erstarrter Beton aus seinem Körper herauszubröckeln. Noch einmal schüttelte sich Autemga und offenbarte eine unverminderte Beweglichkeit, während er sich von den letzten Resten des Devilliums befreite, die wie harter Regen auf Devells Gesicht niedergingen.

„Verdammt!“, fluchte Devell.

„Ja, das bist du!“, versprach Autemga knurrend und senkte seinen Kopf.

~o~

Callan jubilierte innerlich. Auch die zweite Tür des Mausoleums hatte sich widerspenstig gezeigt, aber mit der richtigen Kombination aus Geschick, Geduld und Gewalt war sie aufgesprungen. Auch wenn das Innere nur schwach beleuchtet war, glaubte er doch, darin ein weiteres Knochenmuster zu erahnen.

Unwillkürlich drehte er sich herum zu dem Koloss, der noch immer wie ein personifiziertes Todesurteil über Devell kniete. Noch hatte er sie nicht vernichtet, aber er wusste, dass es jeden Moment passieren würde.

Callan musste das – hoffentlich – letzte Siegel schnell auslösen und sich dann direkt in den nächsten Raum begeben, bevor die Kreatur sich an Devell satt gefressen hatte.

Doch stattdessen ertappte er sich dabei, wie er umkehrte und direkt auf Devell und den Giganten zustürmte. Er hatte keinen Plan, geschweige denn eine Erklärung für sein Verhalten, abgesehen vielleicht von diesem Bild in seinem Geist. Dem Bild, das ihn fast immer begleitete. Dem Bild von sphärischen bläulichen Wesen unter einem fremden Mondlicht.

~o~

Mit seinen kraftvollen Kiefern biss Autemga direkt in Devells Gesicht. Oder besser gesagt: Er versuchte es, denn das Kraftfeld, das es umgab, schleuderte seinen breiten Kopf mit Wucht zurück und katapultierte das gefährliche Gebiss damit nicht nur aus ihrer Reichweite, sondern raubte ihrem Angreifer auch kurz das Bewusstsein. Ihre Erleichterung hielt aber nicht lange an, denn sie bemerkte an einem kühlen Luftzug auf ihrer Haut, dass sich das Kraftfeld vorerst erschöpft hatte.

Gleichzeitig wusste sie, dass der betäubende Effekt bei solch einem Wesen nur wenige Sekunden andauern würde. Doch sie wollte nicht aufgeben. Nun, wo ihr Leben jeden Augenblick enden würde, wollte sie diesen Verlust nicht akzeptieren. Aber ihre Möglichkeiten waren begrenzt, um nicht zu sagen: nicht vorhanden. Wegkriechen wäre vielleicht möglich, solange die Kreatur noch abgelenkt war, aber dann würde das Wesen ihren Unterleib fressen und ihre Qual verlängern, da sie niemals rechtzeitig entkäme. Sie hatte noch etwas von dem Devilium übrig, doch selbst wenn es nicht so ineffektiv gewesen wäre, hätte sie nicht mehr die Zeit gehabt, es einzusetzen.

Kaum da sie ihre Optionen erwogen hatte, hatte sich Autemgas Blick schon wieder geklärt und er hätte ihr sicher mit seinem zweiten Biss den Kopf vom Hals abgerissen, wenn nicht plötzlich ein Schuss die Aufmerksamkeit des Creeps auf sich gezogen hätte.

Er klang jedoch nicht nach den lächerlichen Pinpointer-Geschossen von Callan, sondern nach den deutlich wuchtigeren Kalibern von Rage. Lebte er etwa doch noch? Oder hatte sich ihnen spontan ein vierter Teilnehmer angeschlossen, der über eine ähnlich gute Bewaffnung verfügte? Devell hielt sich nicht lange mit dieser Frage auf und folgte stattdessen einer spontanen Eingebung, nun wo sich Autemgas Kopf wieder von ihr weggedreht und er seine Klaue von ihrer Brust gelöst hatte.

Sie löste eine weitere Devilium-Cradle von ihrem Gürtel, betätigte einen Schalter an dem kleinen Paket und rief „Shelter“, während sie es direkt über sich in die Luft warf. Die Cradle formte sich sofort zu einer Art kleinen, aber dickwandigem Tunnel, der sich etwa einen halben Meter über Devells verletzlichen Körper spannte und ihr so einen vorübergehenden Schutz vor seinen Angriffen bieten würde. Sie erhob sich und begann gebeugt hindurchzugehen. Wer auch immer sie gerade gerettet hatte, brauchte sicher Unterstützung.

Kaum da sie die Hälfte des von ihr geschaffenen Provisoriums durchquert hatte, ging ein Ruck durch den Tunnel und ließ winzige Brocken des Baumaterials auf sie hinab regnen. Ob Autemga versucht hatte das Konstrukt zu zerbrechen oder ein Geschoss ihres Retters fehlgegangen war, ließ sich nicht sagen, doch sie rannte noch schneller und verließ den Ausgang mit einem gewagten Hechtsprung, gefolgt von einer riskanten Seitwärtsrolle, was sie beides relativ unbeschadet überstand. Mit schmerzenden Muskeln und geflutet von Adrenalin stemmte sie sich in die Höhe und erblickte zu ihrer Überraschung Callan, der sich irgendwie Rages Raketenwerfer angeeignet hatte und sein Bestes tat, um ihren Gegner wütend zu machen. Offenbar mit Erfolg, denn inzwischen hatte der Mann die volle Aufmerksamkeit der Kreatur, die Devell wohl vorerst vergessen hatte.

„Devell!“, hörte sie Callan rufen, „Schnell, kommen Sie zu mir. Ich kenne den Ausweg!“

„So ein Idiot“, sagte Devell kopfschüttelnd, ließ sich aber nicht lange bitten und rannte so schnell sie konnte. Die Frage war nur: würde das reichen?

~o~

Autemga hatte andere Pläne. Die in den Tiefen von Uranor erzeugte Kreatur war begierig, sich diese Männer einzuverleiben. Slura hatte ihm eingebläut sich zurückzuhalten und den Kunden wenigstens eine kleine Chance zu lassen und er war intelligent genug, um zu wissen, dass er auch nach diesen Regeln handeln musste, wenn er seinen Platz an diesem Ort länger behalten wollte. Autemga war eine Kreatur des Willens, aber er besaß eine gewisse Selbstkontrolle, die diesem Willen diente. Deshalb hatte er ein wenig mit seinen Gegnern gespielt, die Dinge in die Länge gezogen und sich, soweit es eben ging, beherrscht, aber jetzt hatte er genug. Seine Geduld war endgültig erschöpft. Er war kein Fußabtreter für Abschaum.

Wie ein leibhaftiger Dämon und mit weit geöffnetem Maul preschte Autemga auf Callan, diesen anmaßenden Schwächling, zu und ignorierte die zwar schmerzhaften, aber nicht lebensgefährlichen Schäden, die dessen Geschosse bei ihm anrichteten. Sie würden ihn nicht aufhalten.

~o~

Callan beobachtete das Heranstürmen der Kreatur mit Entsetzen, aber auch mit einer Art friedlichen Gelassenheit. Wenn das hier schiefging würde immerhin nichts von ihm übrigbleiben, was man in einen Soul Companion transferieren konnte. Monument würde zumindest in diesem Punkt leer ausgehen. Vielleicht jedoch …

Als Autemgas stampfender Leib, der tiefe Spuren im Boden hinterließ, nur noch wenige Meter entfernt war, atmete Callan noch einmal tief durch, drückte ein letztes Mal auf den Auslöser, schleuderte dann seine Waffe direkt in Autemgas Maul und sprang so weit zurück, dass sein Schädel schmerzhaft gegen die halb geöffnete Mausoleumstür donnerte.

Doch weitaus lauter donnerte die Detonation in Autemgas Rachen. Wie eine kleine, kollabierende Sonne fegte sie durch ihn hindurch, sprengte Fleischstücke aus ihm heraus, ließ den gewaltigen Körper taumelnd auf den Boden kippen, wo er zuckend liegen blieb und einen schrillen, grauenhaften Schmerzensschrei von sich gab.

„Wieder ein Sieg auf Kosten des Lebens“, sagte Callan leise zu sich selbst, während er sich seinen schmerzenden Hinterkopf hielt, „ein Sieg, der keiner ist.“

„Callan!“, hörte er plötzlich Devells befehlsgewohnte Stimme, „bringen Sie uns hier raus, wenn Sie können. Schnell!“

„Er ist bald tot. Wir haben Zeit“, sagte Callan, der plötzlich das drängende Bedürfnis verspürte, sich auszuruhen, schon allein weil niemand wusste, was genau sie im nächsten Abschnitt erwarten würde.

„Einen Scheiß ist er. Der Dreckskerl hat einen Angriff überlebt, der selbst einen bio-enhanceden Krobex-Bullen erledigt hätte. Wenn sie das letzte Siegel gefunden haben, dann aktivieren sie es gottverdammt. Und zwar jetzt sofort!“, verlangte Devell.

„Wie Sie meinen“, erwiderte Callan nicht gänzlich überzeugt angesichts der schwerverletzten Kreatur, „wir aktivieren es gemeinsam. Es ist dort drin!“

„Sie trauen mir nicht?“, fragte Devell etwas belustigt.

„Nein und wir haben anscheinend keine Zeit einen Vertrag aufzusetzen“, entgegnete Callan, während er das Mausoleum betrat.

Devell, die sich ihm gehorsam anschloss, zuckte mit den Schultern. „Sie haben mir auch ohne Vertrag geholfen, warum?“

„Kooperation“, erklärte Callan, „Sie waren es doch, die die Vorzüge davon gepriesen hat. Und Sie hatten recht: ich hätte wenig Lust, dem nächsten Gegner allein gegenüberzustehen.“

„Und Sie denken trotzdem, dass ICH das will?“, fragte Devell.

„Ich weiß nur, dass Sie eine Exit-Option haben, im Gegensatz zu mir“, erwiderte Callan.

„Das hier IST meine Exit-Option, wie Sie ebenfalls wissen“, entgegnete Devell seufzend. Dann betätigte sie einen Schalter an ihrem Overall, woraufhin das Halbdunkel des Mausoleums in eine fast taghelle Beleuchtung getaucht wurde und eine weitere der Knochenstrukturen enthüllte.

„Das letzte Siegel“, kommentierte Callan.

„Dann aktivieren Sie es!“, verlangte Devell, „worauf warten Sie noch?“

„Die Aktivierung ist nicht umsonst“, erwiderte Callan, „Sie kostet Schmerzen. Heftige Schmerzen. Und sie verursacht Krämpfe. Ich weiß nicht, wie viele dieser Schocks meine Muskeln noch verkraften können. Oder mein Herz.“

„Heulsuse!“, meinte Devell, lächelte aber dabei, „dann soll ich das wohl übernehmen, oder?“

„Sie haben einen Körperschild und einen Nehmer-Stoffwechsel, vielleicht wird Ihnen gar nichts passieren“, gab Callan zu bedenken.

„Oder aber ich werde davon erst recht gegrillt“, meinte Devell, „wer weiß schon, wie Envy die Dinger konfiguriert hat.“

„Wollten Sie Ihr Schicksal nicht ohnehin herausfordern?“, erinnerte Callan sie.

Devell schüttelte den Kopf und setzte sich in Bewegung, „Wissen Sie, dass ich kurzzeitig ernsthaft darüber nachgedacht habe Ihnen ein Jobangebot zu machen, falls wir beide hier lebend rauskommen? Nun, bis jetzt jedenfalls.“

„Ich hätte ohnehin verzichtet“, antwortete Callan, „ich habe gehört, dass die Jahresrate an Todesfällen durch Überarbeitung und Selbstmord in Ihrem Unternehmen bei dreiundzwanzig Prozent liegt.“

„Womit wir zu den Top-Arbeitgebern in der Branche zählen“, erwiderte Devell grinsend und trat mit dem Fuß auf den Schädel. Sofort sprangen Funken aus dem Symbol heraus und krochen an ihrem gesamten Körper hoch, und ein lautes Summen erklang, gefolgt von dem durchdringenden Geruch nach Ozon, den Callan bereits kannte, nur dass er diesmal um einiges intensiver war. Dann wurde Devell in ein unstetes, blaues Leuchten gehüllt. Sie gab gurgelnde, undeutliche Geräusche von sich. Ihre Muskeln krampften. Schließlich brach sie in die Knie und das Leuchten verschwand.

„Alles in Ordnung?“, fragte Callan.

Erst antwortete Devell nicht, dann jedoch wandte sich ihr Kopf mit der palmenhaften Frisur zu ihm um. „Ja“, bestätigte sie, „es war ziemlich unangenehm, aber ich glaube, ich werde es überstehen. Aber wie Sie bereits betonten, habe ich auch meinen Schild und einen Nehmer-Organismus. Ich weiß natürlich nicht, wie stark die Schocks waren, die sie zuvor getroffen haben, aber ich schätze, dass dieser hier einem schlecht ausgerüsteten Geber wie Ihnen den Herzmuskel gebraten hätte. Von einem Have-Non wäre wahrscheinlich nur eine Pfütze geblieben.“

„So viel zur Chancengleichheit“, meinte Callan.

„Daran hatten Sie doch nicht wirklich geglaubt, oder?“, fragte Devell, während sie sich zitternd erhob.

„Nein“, meinte Callan, „aber ich dachte bislang zumindest, dass ich wenigstens irgendeine Chance hätte, das hier lebend zu überstehen. Zumindest rein statistisch.“

„Der Zufall akzeptiert unsere Gebete leider meist nur in harter Währung“, antwortete Devell, „aber manchmal schickt er einem einen Gesandten.“

„Meinen Sie damit sich selbst?“, fragte Callan.

„Möglicherweise“, antwortete Devell und legte die empfindlichen Teile ihrer Ausrüstung an, die sie zuvor sicherheitshalber abgelegt hatte, „doch es trifft auch auf Sie zu. Sie haben mich vorhin ebenfalls aus der Scheiße geholt. Offenbar war das eine gute Investition. Doch jetzt haben wir genug geplaudert. Wir sollten schnell von hier verschwinden. Der Zufall besitzt leider nicht sonderlich viel Geduld.“

Callan nickte zustimmend. Doch als sie gemeinsam auf die Tür zugingen, schnappte diese wie von selbst mit einem lauten Knall zu. Sofort stürmte Callan auf die Tür zu, stellte jedoch fest, dass sie auf dieser Seite nicht nur keinen Griff besaß, sondern auch mit Metall verstärkt war und sich praktisch nahtlos mit der Wand verbunden hatte.

„Verflucht! Offenbar hatten Sie recht“, sagte Callan düster, „wir hätten nicht so lange zögern sollen. Nun sind wir hier gefangen.“

„Wahrscheinlich wäre das hier so oder so passiert“, entgegnete Devell, „ich denke, das war Teil des Mechanismus. Das hier ist immerhin eine Grabstätte. Anscheinend soll sie unsere werden. Aber das wird nicht geschehen.“

„Was meinen Sie?“, wollte Callan wissen.

Devell löste eine weitere Devilium-Cradle von ihrem Gürtel. Die Letzte. „Das hier ist eine Erfindung meiner Firma. Damit kann ich Konstrukte errichten, aber auch Materialien beeinflussen. Ich muss es lediglich an einer der Wände platzieren und wir sind frei.“

„Ich verstehe“, sagte Callan, dessen Gesicht sich ein wenig aufhellte, „haben Sie damit diesen Tunnel gebaut?“

„Exakt“, erwiderte Devell.

„Hören Sie das?“, fragte Callan als von draußen ein wütender und zugleich gepeinigter Schrei erklang, gefolgt von einer kurzen, aber heftigen Erschütterung.

„Der Zufall ist erwacht“, befand Devell, „und er will uns holen.“

„Denken Sie, dieses Wesen weiß, dass wir hier drin sind?“, überlegte Callan.

„Sicher“, erwiderte Devell, „es so intelligent wie ein Deovani. Womöglich intelligenter. Selbst wenn es uns nicht gesehen hat, wird es zu diesem Schluss kommen.“

„Und dann versuchen hier einzubrechen“, vermutete Callan, als plötzlich ein lautes Zischen ertönte, welches von allen Ecken des Mausoleums zugleich zu kommen schien.

„Das muss es nicht“, meinte Devell, „zumindest noch nicht. Derselbe Mechanismus, der die Tür verschlossen hat, beginnt nun offenbar auch den Sauerstoff abzusaugen. Die Kreatur wird erst abwarten, bis wir erstickt oder ohnmächtig sind. Das senkt ihr Risiko.“

„Also nutzen wir Ihre Technologie, um das zu verhindern. Doch wo ist die beste Stelle dafür?“, fragte Callan.

„Was meinen Sie?“, sagte Devell, „immerhin kennen Sie das Areal besser als ich.“

„Ich dachte, sie hätten sich die Livestreams angesehen“, entgegnete Callan.

„Das habe ich. Aber das bringt uns wenig. Enry lässt die Gebiete ständig neu generieren“, erklärte Devell, „Alles, was wir haben, ist Ihr Orientierungssinn.“

Callan überlegte, hörte auf das leise Atmen, die vorsichtigen Schritte des Wesens und versuchte sich eine gedankliche Karte aus seinen Erinnerungen abzurufen.

„Dort“, sagte er schließlich und zeigte auf eine bestimmte Stelle.

~o~

„Karmon“, meldete sich Sluras Stimme in meinem Ohr und mein Herzschlag beschleunigte sich sofort. Es konnte eigentlich nur einen Grund geben, aus dem die Andrin sich bei mir meldete. Sie brauchte einen Vollstrecker.

„Ja, Slura“, antwortete ich so neutral wie möglich, „Was kann ich für dich tun?“

„Es geht um Crave“, bestätigte Slura meine Ängste, „ich denke, er könnte deine Hilfe gebrauchen.“

„Warum?“, erkundigte ich mich, „er ist vollständig geheilt. Für mich sieht es eher danach aus, als würde er die beiden sofort in Fetzen reißen, sobald sie diese Kammer verlassen.“

„Genau darum geht es“, antwortete Slura, „er ist viel zu stark und hält sich kaum zurück. Auf diese Weise kommen unsere anderen Creeps überhaupt nicht zum Einsatz. Außerdem soll Devell überleben. Ihre Firma hält nicht viel von ihrer Selbstmord-Aktion und hat uns einiges geboten, wenn wir sie heil durch das Haus kommen lassen, sie aber im Glauben lassen, den Tod herausgefordert zu haben. Ich habe Crave bereits befohlen, sie nicht so hart ranzunehmen, aber ich glaube nicht, dass er auf mich hören wird. Sein Aggressionslevel ist enorm gestiegen und seine Adrenalin-Werte sind jenseits von Gut und Böse. Vor allem sehe ich es aber in seinen Augen. Er will Blut sehen. Wir könnten den Act-Blocker nutzen, um ihn zu stoppen, aber das wäre zu offensichtlich und würde Enry nicht gefallen. Er will keine Marionetten dort unten haben, sondern möglichst reales Drama. Deshalb will ich, dass du ihn zur Vernunft bringt. Notfalls mit Gewalt.“

„Ich soll Devell vor Crave beschützen?“, fragte ich verblüfft.

„Nein“, widersprach Slura, „jedenfalls nicht direkt. Sie darf dich auf keinen Fall sehen und Callan auch nicht. Kein Gast soll dich jemals sehen, außer, wenn du ihn angreifst. Niemand soll auf die Idee kommen, dass er im House of Life auf Verbündete hoffen kann. Bring’ Crave zur Vernunft, bevor die beiden das Mausoleum verlassen, was ihnen sicher bald gelingen wird, und verschwinde dann so schnell du kannst.“

„Was ist mit dem anderen?“, wollte ich wissen, „mit Callan? Soll Crave ihn auch verschonen?“

„Überlasse es ihm“, antwortete Slura, „wenn Crave es schafft, gut. Die Zuschauer lieben Underdog-Geschichten bis zu einem gewissen Punkt. Aber wenn er seine Blutgier stillen muss, dann an ihm. Immerhin ist er beinah ein Have-Non“, machte Slura deutlich.

~o~

Autemga hungerte. Die Kraft, das Wachstum, welches er aus Rage gezogen hatte, war bereits in seinem Wesen aufgegangen und auch wenn es ihn etwas stärker gemacht hatte, verschaffte es ihm keine Befriedigung mehr. Autemga kannte keinen Frieden, abgesehen von den kurzen Momenten nach dem Fressen. Das war nun einmal sein Wesen und es war zu einem gewissen Grad auch das Wesen zweier seiner Väter. So hatte er die Anweisung, die seine Dienstherrin ihm wiederholt übermittelt hatte, zwar vernommen, war jedoch nicht sonderlich geneigt, sie zu befolgen.

„Du darfst Devell nicht töten, Crave!“, hatte sie gesagt und dabei den so unnötigen wie passenden Namen verwendet, den sie ihm gegeben hatten, „der Aufsichtsrat ihrer Firma hat interveniert. Sie wollen, dass sie überlebt. Also verletze sie, wenn es sein muss, aber lass sie am Leben. Hast du verstanden?“

Autemga hatte nicht geantwortet. Aber er hatte sich daran gehalten. Technisch gesehen. Wahrscheinlich hätte er seine Gegnerin längst verschlungen, wenn sie nicht so eine beachtenswerte Gegenwehr gezeigt hätten. Doch im Endeffekt lebten sie sogar beide noch. Bisher.

Freiwillig eingekerkert wie leckere Mäuse in der Falle und reif dafür, verschlungen zu werden. Sobald sie ihr Versteck verlassen hätten, das wusste er, würde er sich nicht mehr beherrschen können. Gerade diese Devell war zu verführerisch. Sie war die Mächtigere, die Interessantere seiner Gegner und davon abgesehen war es ihr gelungen ihn zu demütigen, was er nur schwer auf sich beruhen lassen konnte. Callan hatte versucht ihn zu töten, das war das eine. Aber das Gefühl von diesem Stoff, der seinen Körper versteinert hatte, ihn fesselte und beinah zerriss, das würde er weder vergessen, noch verzeihen. Sie mussten sterben. Alle beide. Und wenn das Enry oder Slura nicht gefiel – nun, dafür würde sich sicher eine Lösung finden.

„Ich hoffe, du bist nicht kurz davor, etwas sehr Dummes zu tun“, drang eine Stimme in Autemgas Gedanken, die ihm mittlerweile genauso bekannt wie verhasst war.

„Adrian“, sagte er und wandte sich zu der großgewachsenen, dunklen Gestalt um, die wie aus dem Nichts neben ihm erschienen war, „der kleine Parasit im Körper eines großen Geistes. Was lässt dich immer noch glauben, dass du mir einen Rat erteilen kannst?“

„Bei Logik kommt es nicht darauf an, wer sie anwendet, sondern allein, ob sie schlüssig ist“, erwiderte ich ruhig.

„Ach, ist das so?“, antwortete Autemga während er seinen massigen Körper in eine herausfordernde, bedrohliche Haltung brachte, „und welche Logik soll das sein?“

„Wenn du Sluras Befehl missachtest, verlierst du die Position, die du gerade erst erlangt und für die du dich verkauft hast. Du verlierst die Chance dich zu entwickeln und riskiert einen Konflikt, für den du vielleicht noch nicht bereit bist und der dir rein gar nichts einbringt. Das zu tun, wäre wirklich unlogisch und inkonsequent“, erklärte ich.

„Und wenn schon“, entgegnete Autemga, „was kümmert mich Logik? Ich bin ein Impuls, ein Fanal, eine Naturgewalt. Ich bin kein Geschöpf der Logik.“

„Ich weiß, du bist ein Geschöpf des Willens. Aber Willenskraft bedeutet nicht nur, zu bekommen, was man will und sich gegen andere durchsetzen zu können, sondern auch sich selbst zügeln zu können, um Größeres zu erreichen. Du willst mir doch nicht erzählen, dass du dazu nicht in der Lage bist“, provozierte ich ihn.

„Denkst du, das weiß ich nicht?“, knurrte Autemga, „denkst du ernsthaft, diese Versager hätten so lange überlebt, wenn ich mein volles Potenzial gezeigt hätte?“

Plötzlich schwand ein Teil des Zorns auf Autemgas Gesicht und machte einer nachdenklichen Überheblichkeit Platz.

„Du hast gar nicht darüber nachgedacht, nicht?“, vermutete Autemga.

„Nein, das hast du nicht. Du bist ein Kind, Adrian“, fügte das Wesen mit einem finsteren, mentalen Lachen hinzu, „ein hilfloses Kleinkind, das zu unmündig ist, um in die Pläne der Erwachsenen eingeweiht zu werden. Karmon sieht das genauso wie ich. Deshalb redet er nicht mehr mit dir. Also – Kind – störe mich nicht weiter bei meiner Jagd und erzähl mir vor allem nicht, wer ich bin oder was ich kann. Wenn du mich weiter provozierst, wirst du es früh genug erfahren.“

„Du kannst mich natürlich angreifen“, antwortete ich und versuchte seine Behauptung bezüglich Karmon zu verdrängen, „du kannst dich selbst schwächen und ablenken für einen kurzfristigen Genuss, den du vielleicht nicht einmal bekommst. Denn wer weiß, vielleicht endet deine kurze Geschichte heute. Das hier ist kein See voller Amorphium und Karmons Körper, den ich gerade kontrolliere verfügt durchaus über die Kraft dir zu schaden. Du kannst dieses Risiko eingehen. Oder aber du lässt diese beiden ziehen, labst dich stattdessen an deinen nächsten Opfern und gibst dir selbst die Gelegenheit weiter zu wachsen und all deine Väter zu übertreffen und zu beschämen. Es liegt allein an dir. Ich erwarte deine Entscheidung und werde darauf reagieren. Nicht mehr. Nicht weniger.“

Obwohl sich unsere telepathische Verbindung auf die Übertragung konkreter Botschaften beschränkte, konnte ich förmlich sehen, wie es in Autemga arbeitete. Trotzdem hielt ich mich bereit, einem Angriff zu begegnen.

„Du bist nicht nur ein Kind, sondern auch ein Hypnotiseur“, befand Autemga schließlich, „du betörst einen mit deinen Gedanken, bis man fast meint, dass es die eigenen wären. Und du tötest das Feuer, das in anderen brennt. Doch obwohl ich das weiß, kann ich mich nicht dagegen wehren. Mein Feuer ist abgekühlt, meinen Appetit hast du mir verleidet und auch wenn ich dich dafür verachte, werde ich mich fügen. Du kannst dich also zurückziehen. Ich werde dieser Devell nichts antun.“

„Callan auch nicht“, fügte ich hinzu, „er bietet eine gute Show und du hast schon einen Gast auf dem Gewissen. Einen berühmten noch dazu, wie ich hörte. Das muss reichen.“

„Von mir aus“, knurrte Autemga, „sie werden leben. Vorerst.“

„Das freut mich zu hören“, antwortete ich, „doch mache dir keine Illusionen. Ich beobachte dich aus dem Schatten. Und ich kann dein Feuer nicht nur kühlen, sondern auch verlöschen lassen. Vergiss das nicht.“

„Bete, dass wir uns nie begegnen, wenn du schwach und allein bist“, drohte Autemga, „und dass Karmon nicht zu bald erkennt, wie entbehrlich du bist.“

„Ich war nie ein Freund des Betens“, antwortete ich, „und seit Uranor bin ich es erst recht nicht mehr. Ich werde einfach darauf achten, nie mehr schwach zu sein.“

Den Zusatz mit Karmon ließ ich unkommentiert. Denn in einem hatte er Recht, selbst wenn seine Behauptungen gelogen waren, er wusste weit mehr darüber, was mein einstiger Grong-Shin dachte, als ich. Und das erniedrigende, enttäuschende Gefühl, das diese Erkenntnis begleitete, gehörte sicher zu den unangenehmsten in meinem gesamten Leben.

Schon allein aus Angst, dass dieses Gefühl mich zerfressen könnte, suchte ich Zuflucht im Hier und Jetzt und zog mich zurück in den Rattenpalast, um mein Versprechen zu halten und jeden von Autemgas Schritten genauestens zu beobachten.

~o~

Auf Callans Empfehlung hin hatte Devell ihre Cradle recht weit hinten an der linken Wand des Mausoleums platziert. Als sich das Gestein daraufhin vergleichsweise leise zurückzog, strömte frische, sauerstoffreiche Luft in die Grabkammer, die sie beide gierig in sich aufnahmen. Schließlich war eine ausreichend große Öffnung entstanden, um hindurchzutreten. Callan ging dabei voraus, den praktisch nutzlosen Pinpointer schussbereit erhoben und spähte vorsichtig in beide Richtungen. Als er weder den Creep, noch eine verdächtige Bewegung entdeckte, wurde er mutiger, trat endgültig ins Freie und sah sich dort genauer um – mit demselben Ergebnis.

„Er ist nicht hier“, teilte Callan Devell mit, die noch immer wartend am Ausgang stand.

„Es könnte eine Falle sein“, warnte Devell, „womöglich hat er sich auch eingegraben und wartet im Untergrund auf uns.“

„Vielleicht hat er meinen Angriff auch einfach nicht überlebt“, flüsterte Callan und ging dabei erst sehr zögerlich und dann etwas schneller auf den Ausgang zu, der sich wie erhofft geöffnet hatte.

„Und woher glauben Sie, kamen dann diese Geräusche?“, meinte Devell, die sich ihm trotz ihrer Zweifel anschloss.

„Psychologische Kriegsführung womöglich. Enry will uns Angst machen, um uns zu schwächen und uns vielleicht sogar daran zu hindern, das Mausoleum zu verlassen, damit wir ersticken“, schlug Callan vor.

„Vielleicht …“, antwortete Devell nicht sehr überzeugt, während sein Blick über die Grabsteine, die Rückseite des Mausoleums und sogar hoch zur Decke des Soldatenfriedhofs wanderte, die mit grausamen, aber recht amateurhaften Zeichnungen von verwundeten und verstorbenen Soldaten geschmückt war.

Callan bemerkte, wie plötzlich ein leichter, kühler Wind durch das Areal pfiff und kurz darauf hörte er das Geräusch der beiden eisernen Glocken, die sich auf den Dächern der Mausoleen befanden und deren Schwingung ihm unangenehm in den Ohren dröhnte. Es war gespenstisch, aber dennoch hatte er den Eindruck, dass es ein gutes Zeichen war. Sie hatten den Friedhof von seinem bösen Geist befreit und das hier war ihre zwar düsterer, aber wohlverdiente Triumphmelodie. Warum sonst sollte sie erklingen?

Obwohl der Ausgang nur noch ein paar dutzend Meter von ihnen entfernt, hinter einem künstlich wirkenden Grabhügel lag, gingen sie in normalem Schritttempo, was vor allem daran lag, dass Devell jeden Zentimeter des Gebiets praktisch mit den Augen sezierte und sich ständig nervös umdrehte.

„Ist das nicht ein wenig albern, so zu schleichen?“, meinte Callan.

„Vorsicht ist nie albern, wenn es ums Überleben gibt“, erwiderte Devell konzentriert.

Mit einem Mal legte sich der Wind wieder und wich einer ebenso plötzlichen bedrückenden Schwüle, die Callan das Atmen schwer machte und seine Brust wie einen Schraubstock einzuklemmen schien. In dieser stickigen, schweren Luft schwamm – erst dezent, schließlich jedoch in unerträglicher Intensität – ein widerlicher Leichengeruch mit, der aus diesem zwar gefährlichen, aber kulissenhaften Ort endgültig ein echtes, greifbares Feld der Toten machen. Schließlich hielt es Callan nicht mehr aus. Er rannte.

„Bleiben Sie hier, Sie Dummkopf!“, warnte Devell, doch Callan hatte genug. Er konnte es keinen Moment länger an diesem Ort aushalten.

Schnell, wenn auch nicht sonderlich elegant, flogen Callans geschundene Glieder über den Friedhofsboden und als er schließlich nur noch einige Schritte von der Tür und dem dahinterliegenden dunklen Zwischengang entfernt war, öffnete sich der Boden unter seinen Füßen.

„Nein!“, fluchte Devell und rannte nun ebenfalls, während Callan stolperte, hinabrutschte und offenbar irgendwo stecken blieb, da weder sein Oberkörper, noch sein Kopf in dem Treibsand verschwanden, für den eigentlich nur Autemga verantwortlich sein konnte.

Devell rechnete fest damit, dass Callans restlicher Körper hinabgezogen werden und stattdessen eine Blutfontäne emporschießen würde, doch als sie ihn erreichte, kletterte der Geber gerade erstaunlich mühelos aus dem gerade entstandenen Loch hinaus.

„Schauen Sie“, sagte er zu ihr und zeigte auf den Grund der Senke. Dort lagen Knochen und Schwerter in einer zunächst willkürlich anmutenden Ordnung, die Devell jedoch bald darauf entziffern konnte.

„Zufall“, las sie die Botschaft, die Autemga Ihnen hinterlassen hatte.

„Sieht so aus, als wäre Ihr Gott uns gewogen“, kommentierte Callan.

„So scheint es“, stimmte Devell zu, „womöglich eine Anweisung von ganz oben. Offenbar sind wir unterhaltsam genug für eine weitere Runde.“

„Wenigstens hat hier irgendjemand Spaß“, sagte Callan und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht.

„Genießen Sie meine Gesellschaft etwa nicht?“, erwiderte Devell beleidigt.

„Nein“, sagte Callan offen, „an diesem Trip hier genieße ich gar nichts.“

„Aber das ist kein Grund beleidigt zu sein“, fügte er mit einem verkniffenen Grinsen hinzu, „außer mir sind Sie das sympathischste Wesen in diesem Haus.“

Devell lachte herzhaft. Dann gingen sie weiter. Immer tiefer in ihre selbstgewählte Hölle.

~o~

Vor allem um Sandras Maskerade von einer hilfsbereiten, freundlichen Gemeinschaft nicht auffliegen zu lassen, hatte Kollom sich am Ende tatsächlich dazu herabgelassen, das Catering für die gesamte Belegschaft zu übernehmen. Widerwillig und mit einem bohrenden Gefühl von Zorn und Erniedrigung im Bauch, war er dafür in die firmeneigene, vollautomatische Kantine gegangen und hatte sie alle mit prickelnden süßen Getränken und dampfenden, würzig riechenden Teigfladen versorgt, über die sich Garwenia und der Rest des ersten Teams, aber auch Ara, Sandra, Nanita und natürlich Kollom selbst hermachten. Lediglich Yonis hatte die Erfrischung brüsk und mit ernster, tadelnder Mine abgelehnt. Das Außenteam hingegen, welches sich inzwischen auf dem Weg zu seinem Einsatzort befand, hatte seine Portion als Wegzehrung bekommen. Die Bleigeweihten waren leer ausgegangen. Nach allem, was sie wussten, benötigten sie keine Nahrung. Sie waren vielmehr die Nahrung für ihr bösartiges Metall.

„Haben Sie keine Angst, dass das Transportschiff angegriffen wird?“, fragte Garwenia kauend, während sie den Flug des automatischen Gleiters, mit dem das Außenteam zum Einsatzort kommen sollte, auf der schematischen Karte verfolgte. Die Videoübertragungsfunktion der Transportdrohne hatte Sandra sicherheitshalber deaktiviert und auch die Fenster des Fluggeräts waren mit Panzerplatten verschlossen worden, damit sich keiner der Passagiere zu viele Gedanken über die Stadt unter ihnen machen konnte. Der Kernkomplex von Deovan war zwar durchaus eine Art Kriegsgebiet für den täglichen Überlebenskampf, aber wie das Opfer umfangreicher Bombardements oder Barrikadenkämpfe sah die Stadt nicht unbedingt aus.

„Zumindest hätten wir ihnen einen Geleitschutz mitgeben sollen“, fügte die Bravianerin hinzu, die von Sandra zur Gruppenführerin des ersten Teams ernannt worden war.

Verdammt, dachte Sandra, etwas überrumpelt von Garwenias Einwand. „Das ist nicht nötig“, versuchte sie sich an einer hastig gestrickten Ausrede, „unser Radar hat keine verdächtigen Aktivitäten in diesem Gebiet festgestellt.“

Garwenia wirkte nicht überzeugt. „Das muss nichts heißen“, sagte sie, „wer fähig ist, derart vernichtende Waffen einzusetzen, der wird auch in der Lage sein, Ihre Ortungssysteme zu täuschen. In so einem Fall würde ich an Ihrer Stelle lieber auf Nummer sicher gehen. Ganz besonders, wenn es um die Sicherheit meiner Einsatzkräfte geht.“

Sie ist zu schlau, ärgerte Sandra sich. Nach außen hin setzte sie jedoch ihre freundlichste Mine auf. „Natürlich haben Sie recht“, antwortete Sandra, „leider stehen uns die dafür nötigen Ressourcen nicht zur Verfügung. All unsere verbliebenen Begleitschiffe befinden sich entweder in Reparatur oder sind viel zu weit entfernt. Es tut mir aufrichtig leid!“

Garwenia sah sie prüfend an, nickte dann jedoch. „Schon gut. Dafür können Sie ja nichts. Ich mache mir einfach nur Sorgen. Wenn wir wenigstens eine Kameraübertragung hätten.“

„Diese Funktion haben unsere Transporter nicht“, log Sandra, „Wir haben stattdessen in eine fortgeschrittene Panzerung investiert, die jedoch leider die meisten Übertragungssignale stört. Sie werden Ihre Kamerabilder bekommen, sobald die beiden Teams ankommen und den Transporter verlassen. Bis dahin müssen sie sich leider gedulden.“

„Die beiden Teams?“, fragte Garwenia mit hochgezogener Augenbraue, „ich dachte, es gäbe nur …“

„Geberin Sandra“, hörte sie Yonis vom anderen Ende des Labors rufen und war zum ersten Mal dankbar die Stimme der uralten Abscheulichkeit zu hören.

„Entschuldigen Sie mich bitte kurz“, sagte sie zu Garwenia, wandte sich dann ab und ging zu Yonis herüber, der neben Kollom, aber etwas abseits von Nanita und Ara stand, die gerade ebenfalls in ein Gespräch vertieft waren.

„Was haben Sie sich dabei gedacht?“, raunte Yonis leise, aber zornig.

„Wobei?“, fragte Sandra unschuldig.

„Stellen Sie sich nicht dumm, Sie wissen genau, was ich meine“, entgegnete das uralte Wesen, „Ihre vollkommen hirnrissige Lügengeschichte natürlich.“

„Sie wollten, dass ich Sie beruhige“, antwortete Sandra gefasst, „genau das habe ich getan. Mit Erfolg. Oder haben Sie etwa den Eindruck, dass sie revoltieren wollen?“

„Wieso sollten sie auch?“, giftete Yonis, „Sie sind keine Angestellten, sondern Partner und werden vom CEO von MKH höchstpersönlich bewirtet. Und wenn sie irgendwann etwas nicht tun wollen, was wir von ihnen verlangen, können wir sie höchstens lieb darum bitten, da jeder Befehl und jede deutliche Anweisung ihr Märchen sofort würde auffliegen lassen. Von Sanktionen ganz zu schweigen.“

„Da muss ich widersprechen“, schaltete sich Kollom ein, dessen Zorn sich anscheinend gelegt hatte, der jedoch auch ein wenig zerstreut wirkte, „ich muss sagen, dass Sandra … sehr gut improvisiert hat. Wie … hätten Sie es denn angestellt?„

Yonis sah Kollom herablassend an. Seine Seitengesichter verzerrten sich zu wütenden Fratzen. „ich hätte ihren mickrigen Willen gebrochen. Ich hätte ihnen Gehorsam eingetrichtert und ihnen klargemacht, dass bedingungslose Kooperation der einzige Weg für sie ist, das hier zu überleben und ihren gnädigerweise wiederhergestellten Geisteszustand zu behalten. Ich hätte sie unter Druck gesetzt, um jedes Quäntchen Nutzen aus ihnen herauszupressen.“

„Und damit hätten sie einen Haufen verschüchterter Versager produziert“, entgegnete Sandra, „keine leistungsfähigen Mitarbeiter.“

„Wie leistungsfähig diese Leute sind, muss sich erst noch zeigen. Bislang sind sie nur gut darin zu fressen und zu trinken“, ätzte Yonis.

„Haben Sie etwas Geduld“, sagte Sandra, „die Mission hat noch nicht mal richtig angefangen und ich hatte nicht den Eindruck, dass sie unser Briefing nicht verstanden hätten. Sie etwa?“

„Nein“, gestand Yonis ein, „aber das muss nichts heißen. Auch wer versteht, was er zu tun hat, kann immer noch grandios darin versagen.“

„Das mag sein“, erwiderte Sandra, „aber was wollen Sie tun? Alles auffliegen lassen? Und was dann? Würde das dem Projekt in irgendeiner Weise helfen?“

Yonis schwieg. Stattdessen meldete sich Kollom zu Wort. „Bestimmt nicht“, sagte er, „aber Sie sollten dennoch versuchen, sie so gut wie möglich im Griff zu behalten, packen Sie sie bei ihrer Dankbarkeit, ihrer Schuld, ihrer patriotischen Ehre oder …“

Plötzlich stockte Kollom und blickte sie beide ratlos an. Für einen Moment erschien es Sandra, als würde der CEO sie nicht einmal erkennen. „Wir … ich …“, stotterte er so verwaschen als wäre seine Zunge zu dick für seinen Mund.

„Sparen Sie Ihre Kraft“, sagte Yonis betont ruhig zu Kollom, doch seine Seitengesichter verrieten Besorgnis. „Geberin Sandra, versuchen Sie es nicht zu vermasseln und achten Sie darauf, dass die Ergebnisse der Mission korrekt festgehalten werden. Ich werde später wieder zu Ihnen stoßen. Fürs Erste muss ich Kolloms Gesundheitszustand überprüfen. Sie sehen ja, dass es ihm nicht gut geht. Wahrscheinlich eine Nahrungsmittelunverträglichkeit.“

„Wahrscheinlich“, wiederholte Sandra zweifelnd und betrachtete den unsteten Blick, das verschwitzte Gesicht und den seltsam verkrümmten Mund des CEOs. Sie wusste, dass Yonis log, aber gerade war es ihr nur recht, die beiden Männer los zu sein.

„Gute Besserung, Kollom“, rief sie ihm hinterher, während er von Yonis aus dem Labor geführt wurde. Sowohl die Mitglieder des erstens Teams, als auch Nanita und Ara sahen ihnen dabei neugierig hinterher. Sandra wusste nicht, was sie davon halten sollte. Grundsätzlich wäre sie über Kolloms Tod nicht allzu traurig, aber andererseits war er auch so etwas wie ihr Verbündeter und inzwischen war sie schon ein wenig neugierig auf diese Organisation, der er und angehörten. Insofern hoffte sie unterm Strich, dass er genesen würde.

„Was ist mit ihm los?“, hörte sie Nanita fragen, die sich kaum, da die beiden Männer den Raum verlassen hatten, zu ihr gesellte.

„Yonis geht von einer Nahrungsmittelunverträglichkeit aus“, antwortete Sandra wahrheitsgemäß.

„Das tut er nicht“, antwortete Nanita, „selbst dann nicht, wenn er das wirklich behauptet haben sollte. Yonis hat noch mehr Gesichter, als man an auf den ersten Blick erkennen kann.“

„Kennst du ihn so gut?“, fragte Sandra.

„Ja“, antwortete Nanita, „in meiner Zeit als Kolloms rechte Hand haben wir oft mit ihm zusammengearbeitet, wenn auch nur auf Freelancer-Basis. Doch mich interessiert nicht, was er über Kolloms Gesundheitszustand denkt. Mich interessiert, was Sie denken.“

„Ich weiß nicht“, antwortete Sandra ausweichend, „er sah tatsächlich ziemlich fertig aus. Vielleicht ist es wirklich etwas Körperliches, dass sich mit dem richtigen Mittel schnell behandeln lässt.“

„Lügen Sie mich nicht an“, sagte Nanita eisig, „wir beide wissen, was mit ihm in Uranor passiert ist. Und Sie haben mir versprochen, mir zu helfen, Beweise für seine Unzurechnungsfähigkeit zu sammeln.“

„Und daran werde ich mich halten“, betonte Sandra, „doch das hier war kein Beweis. Das war allerhöchstens ein Indiz.“

„Aus dem mehr werden kann, wenn wir diese Spur verfolgen“, sagte Nanita.

„Sie verfolgen? Sollen wir Kollom und Yonis etwa einfach hinterherlaufen und ihnen durch die Vordertür entgegenstürmen?“, fragte Sandra, „da könnten Sie Kollom genauso gut direkt fragen, ob er was zu verbergen hat. Nein, Nanita. Ich mache das auf meine Weise. Ich werde Ihnen Beweise liefern, wenn ich welche finde. Aber noch habe ich keine gefunden.“

„Sie sollten nicht vergessen, dass wir noch immer eine Freibrief-Vereinbarung miteinander haben“, erinnerte Nanita.

„Und Sie sollten nicht vergessen, dass Sie meine Untergebene sind“, antwortete Sandra und hielt dem drohenden Blick von Nanita stand.

„Sie sind angekommen!“, hörte Sandra Garwenia von ihrem Terminal aus rufen, gerade als Nanita den Mund für eine erneute Erwiderung öffnete.

„Es tut mir leid“, sagte Sandra zu Nanita, „ich muss wieder an die Arbeit. Und Sie ebenfalls, wenn Sie nicht gefeuert werden wollen.“

~o~

Das gesamte Typ-1-Team saß an den Terminals und starrte gebannt auf die ersten Bilder vom Ort der Explosion, die von den Schutzanzügen der Typ-2-Einsatzkräfte stammten und deren persönliche Sicht wiedergaben. Zum ersten Team gehörte neben Garwenia auch Triff, jener schmalbrüstiger Echsenmann mit den intelligenten Augen, Lörrung, ein Mann aus Rihn mit seltsamen Runen-Tätowierungen und mürrischem, arroganten Gebaren, Zuh, eine düster gekleidete, hagere, verschwiegene Frau aus dem fernen Loth Numor mit totenbleichem, kantigen Gesicht, Glatze, trockenen Lippen, unregelmäßigen Fingernägeln und gelblich-fahler Haut. Sowie Regevo, ein schwächlicher, nervöser Bravianer, dessen Zungenschlag und Wortwahl jedoch nahelegte, dass er aus einer der höheren Kasten stammte.

Das zweite Team hingegen wurde angeführt von der Lomäine Rischah, die zwar nicht die kräftigste aus dieser Gruppe war, jedoch eine gewisse Erfahrung als Truppenführerin im Kampf gegen die lomanischen Küstenräuber und zudem trotz – oder vielleicht auch wegen – ihrer besonderen Augen eine vorzügliche Beobachtungsgabe besaß. Ihr unterstanden Hord, der mutmaßliche Kannibale aus Dank Qua, Kirwa, die wendige Vogelfrau, die Bravianerin Rovenia und Nozzequa, eine kampferprobte Andrin mit fehlender Nase und mehreren Narben im Gesicht und an den Gliedmaßen, die von überstandenen Folterungen stammten. Jedes Mitglied dieses Teams wurde begleitet von einem vermeintlichen „Androiden“, einem Bleigeweihten, der ihnen hier, in den schwächer kontaminierten Randbereichen den Rücken freihalten sollte.

Jedem Mitglied des ersten Teams waren zudem die Kamerasicht und die Vitalwerte eines Mitglieds des Außenteams zur Beobachtung zugeordnet. Auch die Messgeräte, mit denen das Außenteam Druckverhältnisse, Strahlungswerte und andere Faktoren erfasste, sollten von ihnen im Auge behalten werden. Garwenia hatte darüber hinaus die Aufgabe, alles zu koordinieren und sich mit Rischah zu besprechen, wenn nötig.

Sandra und auch Nanita platzierten sich links und rechts von Garwenia und blickten genau wie sie auf die Helmkamera von Rischah, die neben der glänzenden Außenhülle der Transportdrohne vor allem ein Szenario umfassender Zerstörung abbildete. Eine schlammige, verlorene Einöde, in der sich eine Vielzahl skelettierter Gebäuderuinen erhob, die ihre entblößten Stahlknochen durch eine milchige Decke aus gelblich-weißem Nebel steckten, der mit zunehmender Sichtweite immer dichter wurde.

Zudem gab es auch eine Handvoll scheinbar intakter Strukturen, die sich aber größtenteils im Nebel verloren. Weitaus interessanter – und beunruhigender – war jedoch ein anderes Phänomen. Direkt vor Rischahs Augen flimmerte eine regelrechte Wolke aus kalkweißen und roten Partikeln im Wind, bei denen es sich um Asche hätte handeln können, wenn sie sich nicht teilweise wie aus eigenem Antrieb gekrümmt und bewegt hätten, als handele es sich um winzige Krebstierchen. Tatsächlich musste Sandra an jene Urzeit-Krebse aus ihrer Kindheit denken, deren Pflege ihr nichts als ein stinkendes Becken mit brackigem Wasser eingebracht hatte.

Aber natürlich war ihr klar, dass diese Partikel nichts derart harmloses sein konnten, zumal sie nicht nur friedlich durch die Luft schwebten. Manche von ihnen teilten sich wie übergroße Einzeller, während andere sich zu größeren Strukturen verbanden und wieder andere sich gegen die massiven Anzüge der Bleigeweihten und die dünnere Schutzausrüstung des Außenteams drückten, als wollten sie dort hineingelangen. Bislang noch ohne Erfolg.

„Was bei den schwimmenden Sanden ist das?“, fragte Garwenia alarmiert und blickte zuerst zu Sandra und dann zu Nanita.

„Keine Ahnung“, antwortete Sandra, „aber die Anzüge sollten dichthalten.“

Letzteres war nicht mehr als eine wilde Hoffnung, immerhin wusste Sandra ja, wie gering das Sicherheitsbudget für die Mission bemessen gewesen war.

„Alles in Ordnung, Rischah?“, fragte Garwenia besorgt.

„Bis jetzt schon“, erwiderte Rischah in deren ohnehin schon sirrende Stimme sich bereits leichte Störfrequenzen mischten, „aber ich habe so etwas noch nie zuvor gesehen. Es erinnert mich ein wenig an die Kleinstlebewesen in den Ozeanen meiner Heimat. Jedoch leben die nicht in der Luft und sind auch nicht so … zudringlich. Kann das tatsächlich etwas mit dieser Waffe zu tun haben?“

„Ausgeschlossen ist das zumindest nicht“, meinte Sandra „Was sagen die Messwerte?“

„Die nukleare Strahlung liegt bereits hier auf gesundheitsschädlichem Niveau“, antwortete Garwenia, „ohne Anzug wäre man dort draußen wahrscheinlich nach etwa zwei Stunden jenseits jeder Rettung.“

„Die Temperatur liegt bei ca. 38,7 Grad Celsius. Der Luftdruck ist etwas höher als gewöhnlich. Auch scheint es hier eine erhöhte Konzentration an giftigen Schwefelverbindungen zu geben und die Werte für … Mantianz und … Plectarität befinden sich im mittleren orangenen Bereich.“

„Der Einfluss von Magie und Geflechtenergie“, erklärte Nanita. „das haben wir eigentlich in Ihrer Einführung bereits klargestellt.“

„Kann man ihr nicht verübeln, dass sie das vergessen hat“, bemerkte Regevo, „ich kann mir immer noch nicht vorstellen, wie man solche Dinge überhaupt messen will. Ich meine, das sind die Wurzeln unserer Existenz, das Mystischste und Unbegreiflichste, was man sich nur vorstellen kann, und keine Säcke mit Getreide.“

„Man kann alles messen“, wandte Lörrond ein, „wer je in den Archiven war, würde das nie bezweifeln. Bezüglich Magie gibt es immer ein paar Ungenauigkeiten, das stimmt, aber die Geflechtenergie lässt sich mit den richtigen Methoden gut erfassen.“

„Wir messen sie nicht nur, wir nutzen sie auch“, bemerkte Nanita plötzlich, mit einem Anflug von Nationalstolz in ihrer Stimme, „für die Energiegewinnung, für die Fortbewegung, einfach für alles.“

Regevo erbleichte, „das ist ein Spiel mit dem Feuer … nein, das ist praktisch Selbstmord.“

Sandra schenkte Nanita einen wütenden Blick. Sie wusste genau, dass dies keine unbedachte Bemerkung gewesen war, sondern pure Absicht. Nanita antwortete ihr mit einem kühlen Lächeln.

„Wo genau sollen wir hingehen?“, schaltete sich Rischah ein.

„Erkundet einfach das Gebiet“, erwiderte Sandra, die froh war, dass Nanitas Bemerkung keine größeren Wellen geschlagen hatte, „dringt tiefer vor. Am besten, ihr fangt bei den intakten Gebäuden an. Sucht nach weiteren Auffälligkeiten. Nach ungewöhnlichen Phänomen, nach allem, was euch irgendwie bemerkenswert erscheint.“

„Wo wir gerade dabei sind: woran bemerken wir, dass der Feind erneut angreift?“, wollte Rovenia wissen, die nervös zum diesigen Himmel aufblickte.

„Wie gesagt, das wird nicht passieren. Wenn, dann warnen wir euch sofort, sodass ihr rechtzeitig in die Drohne zurückkehren könnt. Dort sollte es halbwegs sicher sein“, versuchte Sandra zu beruhigen.

„Wie steuern wir die Roboter?“, erkundigte sich Nozzequa, in deren Sichtfeld sich einer der plumpen, stummen Bleigeweihten befand.

„Das müsst ihr nicht“, antwortete Sandra, „sie agieren autonom. Sie sind darauf programmiert, euch selbstständig zu folgen und euch zu beschützen. Ihr könnt ihnen trotzdem Befehle geben. Tut dies jedoch besser nur im Notfall.“

Tatsächlich nutzten sie eine Technologie, die den Bleigeweihten einfache motorische Impulse in ihre vergifteten Gehirne sandte und sie so wirklich zu einer Art Androiden werden ließen. Jedoch waren sie sicher nicht halb so gut kontrollierbar und wie sie auf Anweisungen des Außenteams reagieren würden, war ungewiss.

„Wovor sollten sie uns denn beschützen?“, fragte Kriwa, „ich dachte, wir untersuchen den Schauplatz eines Bombenangriffs.“

„Wie gesagt, wir wissen nicht genau, wie die Waffe des Feindes wirkt“, erklärte Sandra, „Vor dem Angriff gab es hier eine Menge Leben. Es könnte vernichtet worden sein. Oder verändert.“

„Wenn das so ist, könnten die Nachwirkung der Waffe auch uns verändern“, bemerkte Hord besorgt, während er mit seinen muskulösen Armen die lebendigen Partikel vor seinem Gesicht verscheuchte.

„Ein Grund mehr sich zu beeilen, oder nicht?“, mischte sich Nanita ein. Der Sarkasmus in ihrer Stimme war unüberhörbar.

~o~

„Was … wo bin ich?“, fragte Kollom vor dessen Augen sich seine Umgebung in undeutlichen Doppelbildern entfaltete. Unter sich und um seine Handgelenke herum spürte er weiches, stabiles Leder. Auf seiner Kopfhaut hingegen nahm er etwas Kühles, Kribbelndes wahr. Vor allem aber schmerzte sein Schädel höllisch und das Gefühl extremer Unwirklichkeit, welches ihn erfüllte, wurde noch stärker, als er ein ihm vage bekanntes, sechsfaches Gesicht über sich erblickte.

„Ich … ich kenne sie … sie …“, stotterte er.

„Disruptor Yonis“, erklärten zwei der Gesichter während die anderen vier einen verkniffenen, konzentrierten Gesichtsausdruck präsentierten. „und ja, sie kennen mich. Noch. Aber wenn wir nicht sofort etwas tun, wird auch dieses Wissen verschwinden.“

„Was haben Sie mit mir vor?“, fragte Kollom ängstlich und versuchte sich panisch von den Fesseln zu befreien, die ihm auf dem Behandlungsstuhl fixierten.

„Lassen Sie mich hier raus!“, brüllte er, während Tränen über sein stumpfes, verzerrtes Gesicht rannen, „Lassen Sie mich sofort gehen! Hilfe!“

„Beruhigen Sie sich“, seufzte Yonis, „Sie machen noch den gesamten Konzern auf uns aufmerksam. Ich will Sie nicht foltern. Ich will Sie behandeln und retten, was auch immer von ihrem Gehirn übrig ist.“

Dann legte der Disruptor irgendetwas Kleines, Glitzerndes in eine faustgroße, würfelförmige Öffnung, innerhalb irgendeiner mannshohen, ovalen Maschine ein, deren Aufbau und Zweck Kollom vollkommen schleierhaft war. Jedenfalls so lange, bis sich Yonis’ Hand zurückzog und er einen genaueren Blick auf das Objekt erhaschen konnte.

Mein Zeitlinienring, schoss es Kollom durch den Kopf. Seine Verwirrung lichtete sich für einige Augenblicke und seine Muskeln entspannten sich. Erinnerungen tropften fragmenthaft in sein Bewusstsein, wie Wasser durch einen verstopften Abfluss.

„Ja … natürlich“, sagte Kollom nun etwas ruhiger, jedoch immer noch verwaschen, „Astrera … haben sie die Gespräche führen können, die sie … die sie führen wollten?“

„Nicht alle“, offenbarte Yonis, während er mit beinah automatisierten Bewegungen einige Einstellungen vornahm, „es gab ein paar Komplikationen mit … ach lassen wir das. Im Moment würden sie es ohnehin nicht verstehen. Zumindest glaube ich, dass ich genügend über die Prozedur weiß, um sie durchzuführen. Hoffen Sie, dass ich Recht habe. Für sich selbst und für Deovan.“

Ein blaues Leuchten erfüllte die Öffnung und der Zeitlinienring flackerte in einem weißlichen Glühen auf, so als hätte man ihn in einen Hochofen gelegt, jedoch ohne dabei seine Form zu verlieren. Dann ertönte ein klackendes Geräusch, als ihn irgendein Mechanismus ins Innere der Maschine zog.

„Sind Sie bereit?“, fragte Yonis.

„Nein!“, wimmerte Kollom, dessen kurzzeitige Klarheit bereits wieder im Schwinden begriffen war. Der einst so mächtige Mann war nun kaum mehr als ein desorientiertes, gebrochenes Häufchen Elend.

„Schade“, sagte Yonis böse grinsend und drückte auf eine Schaltfläche, woraufhin sich das Kribbeln auf Kolloms Kopfhaut ins Unermessliche steigerte, „leider war das eine rein rhetorische Frage.“

~o~

Als Adrians Worte ins Stocken geraten, erscheint es Tarena fast so, als sei sie aus einem tiefen, hypnotischen Traum erwacht und die Stille, die den perfekt gesetzten, fehlerfrei vorgetragenen Worten folgt, drückt so schwer auf ihr Gemüt, dass sie sich regelrecht nach irgendeiner Art von Laut sehnt. So erscheint ihr das heftige Donnern und Beben, welches kurz darauf durch das gesamte Efryum geht, beinah wie ein Segen. Erst als Andy leise zu weinen anfängt, begreift sie, dass es sich nicht um irgendeinen spektakulären Effekt handelt, der auf eine dramatische Kunstpause folgt, sondern um eine gnadenlose Intervention der Realität.

Die kleine Kuppel, die bislang recht massiv gewirkt hat, bekommt feine, aber deutlich sichtbare Risse. Glassplitter verschiedenster Größe regnen auf sie hinab, sodass Tarena sich und vor allem Andy vor diesem gefährlichen Bombardement abschirmen muss. Any, die anders als Tarena die ganze Zeit über stehengeblieben war, gerät ins Stolpern, gewinnt jedoch im letzten Moment ihr Gleichgewicht wieder. Im Gegensatz zu Adrian, der inmitten von all dem regungslos verharrt, so als sei er am Boden festmontiert.

„Was ist los?“, brüllt Tarena, während ein weiteres, etwas kleineres Beben dem ersten folgt, begleitet von einem lauten, ohrenbetäubenden Knall, der ein wenig an ein Überschallflugzeug oder in Tarenas Fall an die gefürchteten Brunftschreie der Prädatoren ihrer Heimat erinnert.

Statt ihr zu antworten, stellt sich Any breitbeinig hin, um einen sichereren Stand zu haben und nimmt wieder ihr Pendel zur Hand. Erst langsam und dann in immer schnelleren und größeren Kreisen schwingt sie es im Uhrzeigersinn über den Boden bis es schließlich so schnell und waagerecht rotiert wie der Propeller eines Hubschraubers.

Ein weiterer, heftiger Knall ertönt, doch die Erschütterung bleibt diesmal aus. Stattdessen vernimmt Tarena Schreie. Laute, überraschte, gepeinigte Schreie, begleitet von vielfachen Explosionen und plötzlicher, endgültiger Stille.

Die Schwingbewegungen von Anys Pendel werden langsamer, es senkt sich herab, beschreibt immer kleinere Kreise und kommt schließlich gänzlich zum Stillstand. Instinktiv wartet Tarena auf eine weitere Erschütterung, doch sie bleibt aus.

„Sie haben uns gefunden“, antwortete Any mit einiger Verspätung auf die Frage von Tarena, die dem verängstigten, leise wimmernden Andy zärtlich über den aufgeblähten, schwitzigen Kopf streichelt.

„Wer hat uns gefunden?“, fragte Tarena verwirrt.

„Es war nur ein Spähtrupp“, sagte Any mehr zu sich selbst, als zu Tarena, „die Regulationskräfte des Efryum haben sie vernichtet, ja, aber geschah es auch schnell genug?“

„Ein Spähtrupp von wem, verdammt?!“, hakte Tarena nach.

Any sah sie so erschrocken an, als hätte sie gerade erst wieder bemerkt, dass sie überhaupt da war. „Das wirst du noch erfahren, im Laufe der Geschichte“, antwortete sie noch immer leicht abwesend.

„Wir können uns doch hier nicht weiterhin gemütlich zur Märchenstunde niederlassen, während irgendjemand versucht uns die Bude unterm Hintern kaputtzuschießen“, empörte sich Tarena.

„Es gibt keinen Grund aufzuhören“, erwiderte Any, „das Efryum wird seine Schäden langsam reparieren. Wir wissen nicht, ob und wann überhaupt ein weiterer Angriff erfolgen wird. Doch selbst wenn er kommt, ist dies der sicherste Ort, den es gibt. Du hast ja gesehen, wie gut die Struktur mit den Angreifern fertig wurde. Außerdem brauchen wir die Informationen, die Adrian in seinem Kopf verborgen hält. Und vergiss nicht – nur hier bist du vor dem Einfluss deines neuen Herren sicher und darfst auf Hilfe für deine Liebsten hoffen. Dies, Tarena, ist unsere Festung. Unsere einzige und letzte Bastion. Wir müssen sie verteidigen.“

„Das würde ich ja gern, wenn ich wüsste wie und vor allem wovor!“, sagte Tarena genervt.

„Vor einem Feind“, antwortete Any kryptisch, „und über das wie werde ich dich informieren, sobald ich deine Hilfe benötige. Hoffe einfach, dass es nicht soweit kommt.“

„Du bist vollkommen wahnsinnig Any, weißt du das?“, seufzte Tarena und fasste sich hilflos an den Kopf.

„Nein“, sagte Any und schüttelte ihren Kopf in gleichmäßigen, gemessenen Bewegungen, „ich bin nur so weit davon entfernt, dass es auf viele so wirkt, als ob ich es wäre.“

Dann wandte Any ihren Blick von Tarena ab und sah stattdessen zu dem Fortgeschrittenen, der wie eine Mischung aus göttlichem Chronist und archaischem Märchenerzähler neben ihr saß, seinen Katalog auf den Knien. „Adrian“, sagte sie zu ihm, so freundlich, neutral und bestimmt wie die automatische Durchsage einer Zuglinie, die sich ihrer nächsten Haltestelle näherte, „fahre fort!“

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