Hüter des Verfalls: Nacht der Wünsche

Wir Menschen sind Experten für Verdrängung. Wir verdrängen das Leid und die Verzweiflung, am Rand unseres Blickfelds. Die müden, sorgenvollen Blicke hunderter Passanten, deren Geschichten wir wie ungeöffnete Pakete vorbeiziehen und deren stumme Hilferufe wir teflongleich an uns abperlen lassen. Wir verdrängen die bittere Armut, die innerhalb und jenseits unserer Landesgrenzen allgegenwärtig ist. Wir verdrängen die Sklavenarbeit, die in jedem unserer Alltagsgegenstände steckt. Wir verdrängen die hohe statistische Wahrscheinlichkeit von Unfällen, Krankheiten und Alterseinsamkeit, die über unserem flüchtigen Glück thront wie ein Damoklesschwert, immer kurz davor, den letzten, schützenden Faden zu durchtrennen. All dies tun wir. Selten aus Bosheit, manchmal aus Selbstüberschätzung, viel öfter um nicht durchzudrehen. Um nicht zu stolpern, um den Mut nicht zu verlieren, obwohl wir doch gerade mit diesem Verhalten zeigen, dass wir ihn längst verloren haben.

Vor allen anderen Dingen jedoch verdrängen wir den Tod. Die Endlichkeit, die uns noch so viel ungreifbarer scheint als die Unendlichkeit. Wir verlachen den Tod, verleugnen ihn, verschieben ihn auf morgen, nächstes Jahr, irgendwann. Solange, bis er uns seine rostige Sense quer übers Gesicht zieht. Meist nicht um uns zu fällen, sondern um uns zu brandmarken. Denn der Tod greift uns nicht immer direkt an, sondern viel häufiger, jene, die wir lieben. Und diese Schläge sind die Schmerzhaftesten. Nicht, weil sie uns daran erinnern, wie zerbrechlich wir sind, sondern vor allem, weil sie uns zeigen, wie allein wir sind.

Ich habe einige solcher Schläge erlebt und der letzte und bitterste ist nicht frisch. Nur etwas mehr als Jahr ist es her, als der Tod mir meine Mutter nahm. Als er seine Sammlung vervollständigte, in die sich schon so viele eingereiht hatten. Es geschah plötzlich. Sie ging im Schlaf. Friedlich, könnte man meinen. Doch welchen Frieden sie auch immer erhaschte, mir sollte er nicht Zuteilwerden. Meine Tage sind ein Krieg. Ein Massaker in meinem Kopf. Und jede Granate, jeden Kugelhagel, den ich dem Tod trotzig entgegenschleudere, verletzt vor allem mich.

Manche mögen sagen, dass ich mich nicht so anstellen sollte. Ich bin kein Kind mehr. Ich bin zweiunddreißig Jahre alt. Ich sollte gereift sein. Verantwortungsvoll. Erwachsen. Als ich noch klein war, hab ich mir oft vorgestellt, wie das passiert. Dass sich irgendwann ein Schalter umlegt und eine mystische Metamorphose mich erwachsen werden lässt. Einfach so. Dass sie mir die Kraft gibt, mich den Herausforderungen des Lebens zu stellen, all die harten Bälle, die das Leben mir entgegenwirft, geschickt und smart zu jonglieren und dabei immer noch verdammt gut und glücklich auszusehen. Doch – Newsflash – so funktioniert das nicht. Jedenfalls nicht für mich.

Diese wunderbare Kraft erhielt ich weder mit achtzehn noch mit fünfundzwanzig oder dreißig Jahren. Ich bin immer noch ein Kind. Ein zweiunddreißigjähriges Kind. Ein Kind, das studiert hat. Ein Kind, das arbeiten geht. Ein Kind, das einen Arsch voll Affären hatte. Aber auch ein Kind ohne Kinder, ohne festen Freund, ohne Freunde. Ein einsames Kind.

Ich denke, ich habe jedes Recht, dieses gedrückte, verlorene Stimmung, in der ich mich durch die von Eisregen gepeitschten, weihnachtlichen Straßen schleppte, als Weihnachtsstimmung zu bezeichnen. Wo steht eigentlich geschrieben, dass damit nur die eskapistische, mit Harmonie und Vorfreude gesättigte Hochstimmung gemeint sein konnte, die sich die Leute über Kitschfilme, schnulzige Songs und klebrige Süßigkeiten in die Hirnwindungen pressen?

Ich meine, selbst diese verfluchte Weihnachtsgeschichte dreht sich um eine verfolgte, arme und von übernatürlichen Mächten vergewaltigte Schwangere, die keinen Platz zum Schlafen findet. Zieht man einmal das unrealistische Happy End ab, so bedeutet Weihnachtsstimmung von jeher vor allem eins: In der Kälte nach dem zu suchen, was man niemals finden wird. Seien es die richtigen Geschenke, unerreichbare Idealbilder von einem harmonischen Weihnachtsabend oder die Sehnsucht nach besserer Zeiten, von denen man weiß, dass sie nie zurückkehren werden.

Ja, ab einem bestimmten Alter ist Weihnachten nicht mehr als eine Geisterjagd. Lang verstorbene Eltern, Großeltern, Partner, Haustiere, vielleicht sogar Geschwister oder Kinder sitzen mit einem am Tisch. Unsichtbar und ungreifbar und doch unvergessen. Sie singen hohl gewordene Lieder, zitieren zerknitterte Gedichte, überreichen verstaubte Geschenke, blicken sehnsüchtig aus glanzlos gewordenen Augen und führen wie Schauspieler die Highlights einer Vorführung auf, die mit jeder Wiederholung an Kraft verliert und an Tragik gewinnt. Irgendwann ist man allein. Der letzte Lebende zwischen all den Gespenstern und das Gewicht der Erinnerungen auf den leeren Stühlen droht einen zu ersticken.

An solchen Nächten treibt es einen hinaus. Nicht, weil man ein Ziel hat, sondern nur, weil die Kälte der Straßen immer noch besser ist als die Last der Einsamkeit in der stillen Stube. Weil man dort atmen kann, weil sich die Leere dort zumindest etwas freier anfühlt.

Man will nichts, hofft nichts, sucht nichts. Doch manchmal, findet man etwas.

Wie etwa eine Puppe vor einem alten Haus. Nicht irgendeine Puppe. Kein gruseliges, lockenhaariges Ding aus einem Horror-B-Movie, sondern eine selbstgenähte Puppe aus dem Stoff meines kaputten Lieblings-T-Shirts, vernäht mit groben, ungeübten Stichen und mit zwei unterschiedlich großen Knopfaugen. Eine Puppe namens „Fleddy“, hergestellt an einem verschneiten Wintertag, geboren zwischen kleinen, ungeschickten Fingern und großen, stolzen, mütterlichen Augen. Eine Puppe, die seit einem Jahr in Mamas Grab liegt. Eigentlich.

Für gewöhnlich durchläuft jeder, der eine so unmögliche Entdeckung macht, denselben

Prozess aus Verleugnung und Rationalisierung, bis er irgendwann zu dem Schluss kommt, dass es vielleicht doch keine natürliche Erklärung für einen solchen Vorfall gibt. Ich jedoch übersprang diesen Prozess einfach.

Warum? Nun, mein Leben ist für mich längst nur noch wie ein Traum. Nicht traumhaft schön, aber traumhaft blass und unwirklich und im Traum ist alles möglich. All die Verluste, die ich erlebt habe, erscheinen mir sogar viel weniger glaubwürdig, als ein kleines Erinnerungsstück an einem unerwarteten Ort zu finden.

Dennoch machte mich der Fund neugierig und diese Neugier übertrug sich sofort auf jenes Gebäude, vor dem die Puppe aufgetaucht war. Es war ein altes Mehrfamilienhaus. Nicht gänzlich verfallen, aber dunkel, mit blinden, verschmierten Fenstern. Manche davon geschmückt mit vergilbten Gardinen, manche dekoriert mit strohigen, verwelkten, verlassenen Pflanzen in fleckigen, weißen Vasen. Einsam und doch nicht allein stand es hier eingeklemmt zwischen den hochglanzpolierten Neubauten und den festlich geschmückten Geschäften wie ich daheim zwischen meinen stets gut gelaunten Nachbarn. Ein blinder Fleck, ein Schatten unter der Sonne, dessen Tür einen Spalt weit offenstand. Und dieser Spalt lud mich ein. Ja, er schien mir ehrlich, offen, unverstellt, ein Geheimnis, das bereit war, sich vor mir zu entblättern, wie alter, rissiger Putz.

Ich hob die Puppe auf, fühlte ihren regennassen, knirschenden Stoff und steckte sie mir in die Tasche wie einen Talisman. Für einen Moment zögerte ich, blickte die nächtliche Straße hinunter, über der sich die Lichterketten wie ein blendender Schutzschirm gegen die winterliche Dunkelheit stemmten. Ich sah vereinzelte Passanten ihrer Wege gehen, sich in ihren eigenen Gesprächen, Gedanken und Geschichten verlieren, wie Raupen, die sich in ihre Kokons einsponnen, blind und taub für die Außenwelt und sich doch nach ihr sehnend. Scheinbar selbstgenügsam im Fadengespinst der Stimmen und doch verzweifelt auf eine Metamorphose wartend, die niemals kommen würde.

Ich beneidete, bedauerte, belächelte sie einen Moment lang. Dann folgte ich meiner Neugier. Bereit, meinen eigenen Kokon zu betreten.

Die Tür war grün gestrichen und verstaubt. Ein vertrockneter Adventskranz hing daran. Mit Kugeln, auf denen sich das angelaufene, silberne Glitzern von billigem Plastik durch die abgeblätterte, rote Farbe abzeichnete.

Ich lauschte und schnüffelte an dem Spalt. Stille schlug mir entgegen. Die Luft roch etwas feucht, nach Holz und Mauerwerk, jedoch nicht verschimmelt. Eine abgestandene und doch beinah behagliche Wärme ging davon aus. Sie schien mir die Hand zu reichen. Eine faltige, zitternde Hand wie eine Großmutter, die ihren lang vermissten Enkel zu dampfendem Kakao und warmen Keksen einlädt.

Ich folgte der Einladung. Gab mich hin, während ich die Tür aufschob und leise hinter mir schloss. Ich bereitete mich darauf vor, das Licht meines Handys einzuschalten, aber das erwies sich als unnötig.

Ganz als hätten man mich erwartet, begrüßte mich ein zwar gedimmtes, aber ausreichendes Licht. Wie auch dort draußen stammte es von einer Lichterkette. Jedoch war es keine neumodische, sparsame Variante mit kleinen elektrischen Dioden, die versuchten eine Illusion von Behaglichkeit zu erzeugen, sondern vielmehr ein Relikt aus früherer Zeit. Aus transparentem Plastik geformte falsche Plastikflammen, in deren Innern ein in Draht gefangenes Feuer glühte.

Die Kette war nicht um das metallene Geländer geschlungen, welches sich sie eine lose gewickelte Haarlocke nach oben und unten schraubte, sondern steckte weit oben im steinernen Fleisch der Decke, von wo sie ihr schwaches, aber warmes Licht auf mich hinabsinken ließ und so nüchterne, grauen Treppenstufen und nackte, weiße Wände enthüllte.

Auf den ersten Blick war es ein gewöhnliches, leeres, verlassenes Haus. Ein Spekulationsobjekt, dass dessen Besitzer lieber hatte verfallen lassen, als jemandem den Luxus zu gönnen, darin zu wohnen oder eine baufällige Ruine, deren Beseitigung der Stadt bislang zu teuer gewesen war.

Doch da war noch mehr als das. Nostalgie. Sie blutete, schrie, sprudelte heraus aus den kerzenhaften Lichtern, wie auch in den schwebenden Schatten und schüchternen Nischen. Ein melancholischer Hauch, ein Kondensat erlebter und unerlebter Erinnerungen, wartend, kauernd wie ein Schwarm Motten, das sich schon viel zu lange nach jemandem sehnte, der es empfinden konnte.

Bilder aus meiner Kindheit trieben in mir hoch. Aus meiner Jugend. Aus den letzten, etwas besseren Jahren. Erinnerungen an meine Mutter Melly, an meinen Vater Norbert und meine Dalmatinerhündin Lilly, die mich allesamt in dieser Welt allein gelassen hatten. Es war ein Taumel, ein Schmerz, eine bittersüße Trauer. Jene Form von Trauer, nach der man süchtig werden konnte, da sie nicht mehr war als durch Zeit gewendete Liebe.

Ich wollte mich dem öffnen, doch mein Verstand kämpfte dagegen an. Als ein zivilisatorischer Reflex, ein eifersüchtiger, herzloser Wächter. Die Schatten waren nur Schatten, diese Erinnerungen bloße Assoziationen, geboren aus einem verzweifelten Geist. Dass das Licht bei meinem Betreten plötzlich aufgeflammt war, versuchter mein Verstand mit Dingen wie Bewegungsmeldern zu rationalisieren, auch wenn solche Erklärungen in diesem staubigen, weltentrückten Treppenhaus genauso wahrscheinlich schienen, wie Magie in meiner gewohnten Welt. Dabei war der wahre Grund für die Beleuchtung doch offensichtlich: Ich war hier willkommen. Nicht ich als Mensch, nicht ich als zufällige Beobachterin, sondern ich als Person. Das Haus wusste, wer ich war. Es kannte mich. Nun ging es darum, auch dieses Haus kennenzulernen.

Ich bewegte mich auf die Treppe zu. Einen Aufzug gab es hier nicht. Nur die Möglichkeit hinauf- oder hinabzusteigen. Ich weiß nicht, ob es das Haus war oder jede morbide, schwermütige Stimmung, in der ich mich befand, aber ohne lange darüber nachzudenken, entschied ich mich für den Weg hinab. Den Weg, den meinen Leben nun schon seit Jahren nahm.

Meine Schritte warfen weit hallende Echos, die so laut waren, dass ich zunächst zusammenzuckte, bevor ich mich an dieses Phänomen gewöhnt hatte. Eigentlich war es fast schön. Es gab diesen profanen, automatisierten Abläufen an Muskel- und Sehnenkontraktionen eine unerwartete Bedeutsamkeit, einen wirklichen, spürbaren Nachhall in der Welt. Erst nach und nach stellte ich fest, dass da noch mehr war. Leise, im Echo verborgene Melodiefragmente, die sich im Takt meiner Schritte verbanden. In diesem Fall zu einer langsamen, hallenden Spieluhrversion von „Leise rieselt der Schnee“. Getragen und verletzlich, schüchtern und verloren entfaltete sich diese kleine Melodie durch meine Reise und zum ersten Mal seit langer Zeit kam ich auch im positiven Sinne in Weihnachtsstimmung.

Es dauerte kaum dreißig Stufen, bis ich eine Tür erreichte. Eine gepflegte, weiße Tür mit halbrundem Sichtfenster, einem Mobillee mit kleinen roten Vögeln davor und einer Klingel, samt schwarz umrahmten Klingelschild. Es war meine Haustür. Jener Eingang in die ordentliche, schicke Eigentumshölle, die ich eben erst verlassen hatte.

Interessanterweise verängstigte mich dieser Anblick mehr als dieses düstere, vergessene Bauwerk, das mich in sein Inneres gelockt hatte.

Dieser Horror speiste sich nicht etwa aus der Deplatziertheit der Tür oder der Tatsache, dass sie gar nicht hier sein dürfte, sondern vielmehr aus der verhassten Banalität, die sie repräsentierte. Was konnte es Schlimmeres geben, als in einen mystischen Ort hinabzusteigen, hoffend auf Geheimnisse und Wunder, und dann doch nur das zu finden, was man vom Alltag her kannte?

Ich überwand meine an Ekel grenzende Enttäuschung und öffnete die Tür, was mir mühelos gelang. Dahinter lag ganz wie befürchtet mein Wohnzimmer, genauso wie ich es kannte. Der große weiße Marmortisch mit den Blumen darauf, der breite, hölzerne Esstisch mit den sechs zumeist unbenutzten Stühlen, die Bücherregale aus hellem Holz, der verstellbare Fernsehsessel vor dem großen Flatscreen, die gläsernen Vitrinen mit Kunstfiguren und Erinnerungsfotos, aber auch ein Tannenbaum, geschmückt mit roten, weißen und goldenen Kugeln.

Auch sonst war alles festlich hergerichtet. Girlanden, Kerzen, Schneekugeln und sogar eine Krippe, die mir meine Mutter mal als Kind geschenkt hatte und deren Figuren ich über die Jahre nach und nach ergänzt oder ausgetauscht hatte. Vor allem jedoch war ich dort. Blass und flach wie eine virtuelle Projektion saß ich auf meinem Fernsehsessel, ein Glas Wein in der Hand und verfolgte einen Weihnachtsfilm, den ich nie gemocht, den meine Mutter aber von Herzen geliebt hatte. Und ich erkannte die Szene wieder, auch wenn ich sie nie aus dieser Perspektive gesehen hatte. Dies war der Heiligabend des letzten Jahres. Das erste Weihnachten, das ich allein verbringen musste.

Neugierig geworden umrundete und beobachtete ich mich. Mein Blick war leer und abwesend und auch, wenn ich mich an diesem Abend nicht im Spiegel betrachtet hatte, passte es zu den Gefühlen, die ich damals empfunden hatte und die ich im Grunde immer noch empfand.

Ich sah mich selbst an. Eine junge Frau. Unscheinbar. Weder hübsch noch hässlich, aber von bemerkenswerter Traurigkeit. Ein Produkt des Lebens, gefertigt in der Schmiede der Jahre. Ich winkte, sprach mich an, aber ich reagierte nicht auf mich. War dies nur ein begehbarer Film, der mir den Kitzel eines Dialogs mit mir selbst vorenthielt? Das wäre denkbar. Aber als ich es wagte, mich zu berühren, fühlte ich Haut und festes, weiches Fleisch. Ein Schauer durchfuhr mich zusammen mit Mitleid. Einer unverdächtigen, unschuldigen Form von Selbstmitleid. Ich legte den Arm um mich und drückte mich fest an mich, wollte mir das Gefühl geben nicht allein zu sein, aber diese Version meiner selbst reagierte noch immer nicht. Und doch fühlte ich mich irgendwie getröstet und befriedigt, so als hätte ich endlich einen blinden Fleck geschaut, nach dem ich mein ganzes Leben lang gesucht hatte.

Ich sah auf den Bildschirm, merkte, dass das Verfolgen der Bilder mich anstrengte. Sie verliefen, flohen langsam vor meiner Blickrichtung wie Sand vor einem Windhauch, so als wäre ich nicht berechtigt sie zu sehen. Und so war es auch. Sie waren nicht für mich bestimmt, verstand ich. Nicht für dieses ich. Sie gehörten allein meinem vergangenen Ich.

Ich sah mich in meiner Wohnung um und bemerkte, dass sie nicht existierte. Nicht gänzlich. Es gab nur das Wohnzimmer. Alle anderen Räume, die Küche, der Flur, das Schlafzimmer, waren lediglich angedeutet und verloren sich in einer zerfasernden Dunkelheit. Weder hörten sie abrupt auf, noch wurden sie von fehlender Beleuchtung verborgen. Sie bröckelten einfach in die Nichtexistenz hinein. Ich ging auf einen dieser Durchgänge zu. Für einen kurzen Augenblick hatte ich das Gefühl, von meinem anderen Ich beobachtet zu werden, aber als ich mich umdrehte, starrte sie lediglich auf den Fernseher und trank ihren Wein. Ich ging weiter, näherte mich dem Übergang zum Flur, wo sich feine Streifen des Parkettbodens wie verödete Flussläufe in der Dunkelheit verloren. Dann griff ich in das dunkelgraue Nichts hinein und fühlte etwas Kaltes, Weiches und Feuchtes. Ekel durchzuckte meinen Körper und ich zog meine Hand hastig zurück. Sie war sauber. Vollkommen sauber und doch roch sie mit einem Mal erbärmlich vergoren und pilzig.

Zum ersten Mal war meine Abscheu vor diesem Ort größer als die Faszination und ich überlegte ernsthaft, ihn zu verlassen. Dann aber besann ich mich eines besseren. Dieser Ort konnte nichts dafür, dass ich närrisch genug war, seine Regeln herauszufordern. Ich hätte die Schwärze nicht berühren müssen und für die Zukunft würde ich besser aufpassen. Von diesen Überlegungen ermutigt streckte ich meinen Rücken durch, verbarg meine stinkende Hand in meiner Hosentasche und verließ den Raum.

Zurück auf dem Flur überlegte ich, wo ich als Nächstes hingehen sollte. Wenn diese Tür das letzte Jahr repräsentierte, könnte ich dann nicht … allein der Gedanke ließ fast mein Herz zum Stillstand kommen. Was wäre, wenn ich das vorletzte Jahr betreten und meine Mutter antreffen, sie aber nicht auf mich reagieren würde? Würde es mich – trotz allem – trösten oder mich zerstören?

Da ich letzteres vermute, fasste ich einen anderen Plan. Am Heiligabend 2018 war meine Mutter im Urlaub mit einer Freundin gewesen und dennoch war ich nicht ganz allein gewesen.

Also passierte ich die nächste Tür und die übernächste. Erneut begleiteten Fetzen von Weihnachtsmelodien meine nun schnelleren Schritte, bevor ich erneut stehen blieb. Wieder sah ich meine Tür vor mir. Aber sie sah anders aus. Sie war diesmal hellblau, weil ich sie damals noch nicht überstrichen hatte und anstelle von Vögeln wurde sie von einem klassischen Weihnachtskranz geschmückt. Doch das war nicht alles, was anders war als bei der ersten Tür, die ich geöffnet hatte. Diese Tür war staubiger, der Türgriff war feucht, das Sichtfenster verschmiert, die Farbe blätterte an einigen Stellen ab und der Kranz war gelb und vertrocknet. Keine Tür zu einer Ruine, aber doch zu einem Haus, das seit einigen Jahren nicht mehr bewohnt wurde.

Auch mein Mund wurde trocken, bei den Assoziationen, die die Tür in mir weckte. Was würde ich in diesem Raum vorfinden? Ich beschloss, das nicht länger meiner grausamen Fantasie zu überlassen und öffnete die Tür.

Dahinter fand ich erneut mein Wohnzimmer. Weihnachtlich geschmückt, jedoch mit Veränderungen, die nicht nur die Möbel und die Dekoration betrafen. Überall lagen Staub und Spinnweben. Nicht im grotesken Maße, aber doch in einem Ausmaß, wie es nach vier Jahren der Vernachlässigung zu erwarten war. Der Sessel, den ich mir im Sommer dieses Jahres gekauft hatte, war verwaist. Das galt jedoch nicht für das große, plüschige, grüne Körbchen, das rechts von diesem Sessel nicht weit entfernt vom Weihnachtsbaum stand.

Darin lag Lilly, eng zusammengerollt und friedlich schlummernd. Sie trug ihr lilafarbenes Halsband und die von meiner Mutter genähte Hundeweste und anders als ich im Jahre 2021 schien sie keine geisterhafte Erscheinung, sondern ein Lebewesen aus Fleisch und Blut zu sein, auch wenn ihr Körper geschmückt war mit einer Schicht aus Staub und Spinnweben. Noch bevor ich mich ihr nähern konnte, schlug dieses Wesen die Augen auf und sah mich an. Erst dachte ich, Lilly hätte lediglich ein Geräusch aus dieser konservierten Vergangenheit gehört, aber als sie aufstand, freudig auf mich zustürmte, ich in die Knie ging und sie mir das Gesicht ableckte, begriff ich, dass sie mich wirklich wahrnahm. Gerührt schloss ich die Arme um sie und weinte. Mein Gott, ich hatte diese Hündin schon vor Jahren an den Krebs verloren und ihren letzten herzzerreißenden Atemzug miterlebt und doch war sie hier. Fröhlich, lebendig und berührbar.

In diesem Moment schien mir dieses Haus wie ein betretbares Geschenk, das mir eine gütige Macht gegeben hatte, um mich für all den Schmerz der letzten Jahre zu entschädigen.

„Hey, mein Schlabberohr“, sagte ich mit hoher Stimme, „schön dich zu sehen!“, und die raue Zunge leckte meine Freudentränen weg. Für sicher fast eine halbe Stunde tobte und kuschelte ich mit dieser lebenden Erinnerung und wünschte mir, dass es niemals aufhören würde. Dann jedoch bemerkte ich etwas Beunruhigendes.

Etwas stimmte mit Lillys Fell nicht. Es war nichts Großes, weswegen es mir nicht direkt aufgefallen war, aber mit in ihrem schwarzweiß-gefleckten Fell gab es kahle, weiche Stellen. Als ich sie näher betastete, stellte ich fest, dass meine Finger mühelos in sie eintauchen konnten. Ich erschrak und erwartete einen Schmerzenslaut von Lilly, aber meine Hündin schien es kaum zu bemerken. Als ich meine Finger aus ihrem Fell zurückzog, bemerkte ich dasselbe pilzige Aroma, das mir die dunkelgraue Substanz an den Rändern der Erinnerungen gegeben hatte.

Plötzlich wurde mir eiskalt und mit einem mal sah der Raum nicht mehr ganz so festlich aus wie zuvor. Ja, selbst vor Lilly hatte ich plötzlich etwas Angst. Die jedoch legte sich schnell wieder, denn ihr Verhalten änderte sich nicht im Geringsten. Sie ließ mich sogar ihr Gebiss untersuchen, wobei ich feststellte, dass auch zwei ihrer Zähne aus diesem eigenartigen Material bestanden. War das ein Zeichen des Verfalls? Das Merkmal einer verblassenden Erinnerung? Oder war das hier alles nur Täuschung, die nach und nach ihre beschönigende Magie verlor.

Nein, entschied ich, vor dem bloßen Gedanken zurückschreckend. Es war sicher nur dieser Ort. Er war eine Schatzkammer, ein Ort der Wunder, aber auch ein Gefängnis, das seine Insassen langsam verblühen ließ. Wenn ich Lilly nur mit mir nehmen würde, wenn ihre Pfoten den winterlichen Asphalt berühren und in einem neuen Körbchen Platz finden würden, würde diese Krankheit ganz sicher verfliegen. Davon war ich überzeugt. Selbst ich hatte inzwischen das Gefühl, dass dieses Haus mich krank machte. Die feuchte Luft, der hallende Klang meiner Schritte und dieser Geruch an meinen Fingern nagten gewaltig an meiner anfänglichen morbiden Faszination. Doch bevor ich gehen konnte, gab es noch etwas zu tun.

Ich sah mich ein letztes Mal in meinem 2018 um, dessen weitere Räume ebenfalls nicht ausgebildet worden waren, nahm Lillys Leine, die auf dem Tisch lag und ging zurück auf den Flur. Als meine Füße über die Türschwelle traten, befürchtete ich für einen Moment, dass Lilly mir nicht würde folgen können, doch dann hörte ich ihre tapsenden Pfoten, die anders als meine Füße keine hallende Weihnachtsmelodie spielten.

Als wir 2020 erreichten, klopfte mein Herz wie verrückt. Die Tür sah fast genauso aus wie 2021, mit dem Unterschied, dass ein wenig Staub darauf lag. Ich blickte hinunter zu Lilly, die sich neben mich gesetzt hatte und hatte fast das Gefühl, dass die Hündin ermutigend zurückblickte. Ich streichelte ihr über den Kopf und öffnete mit einem letzten schweren Atemzug die Tür.

„Jessy“, schalte es mir sofort entgegen, „wo bist du gewesen?“. Meine Mutter hielt ein halb ausgepacktes Geschenk in der Hand und erweckte den Eindruck beschäftigt zu sein, auch wenn sie ähnlich wie Lilly mit einer dünnen Staubschicht bedeckt war, als hätte sie sich seit zwei Jahren nicht bewegt.

„Eigentlich ist es ja keine Art, seine Mutter allein zu lassen, wenn sie ihre Geschenke auspackt. Auch wenn ich dir mal unterstellen will, dass du mir einfach nur die Peinlichkeit ersparen wolltest, mich vor dir zu blamieren, wenn ich den Inhalt versehentlich in Stücke reiße.“

Der strenge Ausdruck auf dem Gesicht meiner Mutter wich einem Lächeln und auch mein Herz lächelte. Ich fühlte mich wie ein Kind, das aus einem schrecklichen Albtraum erwacht war und nun feststellte, dass die Wirklichkeit ausnahmsweise viel, viel besser war.

„Ich bin nur kurz wen holen gegangen“, sagte ich mit fröhlicher Stimme und wies auf Lilly, die sich anschickte, schwanzwedelnd auf meine Mutter zuzulaufen. Ich spürte, wie mein Herz taute und gab zumindest in diesem Moment einen Fick darauf, wie viel Wirklichkeit in all dem steckte. Ich war nicht mehr allein. Endlich war ich wieder mit zwei der drei Lebewesen vereint, die mir wirklich wichtig gewesen waren und die ich nie ersetzen konnte, wie sehr ich es auch versucht hatte.

„Lilly!“, sagte meine Mutter und auch ihr Gesicht erhellte sich noch weiter, bevor ein kleiner Schatten darauf fiel, „… aber sie ist doch längst …“

Der nachdenkliche Ton in der Stimme meiner Mutter verlor sich in einem Kichern, als eine raue Hundezunge über ihr Gesicht leckte.

„Es ist so schön, heute bei euch zu sein“, sagte meine Mutter mit einer zerbrechlichen, gerührten Melancholie. Ich spürte, wie ich Gänsehaut bekam und trat etwas näher. Meine Mutter hatte sich inzwischen wieder meinem Geschenk zugewandt.

„Bist du irre, Süße?“, fragte sie, als ihr Blick auf die nagelneuen Premiumkopfhörer fielen, die ich mir damals für sie zusammengespart hatte. Meine Mutter war verrückt nach Musik gewesen.

„Natürlich, Mama. Das solltest du doch am besten wissen. Aber ich hoffe, das Geschenk war kein Irrtum“, sagte ich lächelnd und nahm sie in den Arm. Ihre Berührung fühlte sich echt an. Warm und voller Leben, auch wenn mein Glück dadurch getrübt wurde, dass ich unwillkürlich nach einer stinkenden, dunklen Stelle, einer kleinen Lücke in der Perfektion suchte, so wie ich sie leider auch bei Lilly entdeckt hatte.

„Aber natürlich nicht. Abgesehen davon, dass es viel zu teuer ist“, erwiderte meine Mutter.

„An Weihnachten über Geld zu reden, ist das Letzte, was man tun sollte. Findest du nicht?“, fragte ich sie und entließ sie aus meiner Umarmung. Leider war ich fündig geworden. Es gab einen kleinen, zu weichen Punkt an ihrem Nackenansatz, wie eine Sollbruchstelle für meine wiedergefundene kleine Familie.

„Du hast ja recht, Süße“, gab sich meine Mutter geschlagen, „Lass uns einfach was Schönes essen. Deine Geschenke hast du ja schon ausgepackt, oder? Mein Gedächtnis lässt in letzter Zeit zu wünschen übrig. Setz dich doch, liebes, dann hole ich das Essen aus der Küche.“

Ich wollte sie gerade darauf aufmerksam machen, dass die Küche nicht existierte, als sie unbekümmert in die dunkelgraue Masse eintauchte, die sich um sie schmiegte wie ein See um einen hineingeworfenen Kiesel.

„Nein, tu das nicht!“, rief ich warnend, aber da war meine Mutter schon verschwunden. Lilly schnüffelte ihr hinterher, winselte und zog an der Leine und wäre diese Leine nicht gewesen, wäre sie meiner Mutter ganz sicher gefolgt. „Nein, mein Schlabberohr“, sagte ich zu ihr, „du bleibst schön bei mir.“

Ein Teil von mir wollte einfach gehen, diese Enttäuschung hinter sich lassen, aber ein anderer wollte meiner Mutter in das stinkende Unbekannte folgen. Dieser Zwiespalt hielt mich für geschlagene drei Minuten an Ort und Stelle, als meine Mutter einfach wiederkam. Als wäre sie lediglich in einem anderen Raum gewesen, schälte sie sich aus der ekeligen Masse heraus und es war unmöglich zu sagen, wo diese Masse endete und ihr Körper begann.

Sie trug ein Tablett mit Tellern, auf denen dampfende Nudeln lagen, einer Sauciere mit Pilzrahmsauce, sowie zwei großen Portionen Tiramisu. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich überhaupt keinen Hunger verspürte. Aber selbst, wenn es anders gewesen wäre, wäre ich gerade nicht in der Stimmung gewesen zu essen.

„Mama, wir müssen hier weg!“, sagte ich.

Meiner Mutter, die gerade das Tablett auf dem Tisch abgestellt hatte, sah mich verwirrt an. Ihre staubigen Haare hingen ihr verschwitzt ins Gesicht, so als ob sie allein das Servieren schon angestrengt hätte. Es gab ihr etwas fahriges, beinah irres, obwohl ihr Blick äußerst klar wirkte. „Warum denn, Liebes? Sind meine Kochkünste so furchteinflößend?“

„Sieh dich doch um!“, versuchte ich sie zu überzeugen, „das ist nicht unser Wohnzimmer. Das ist … nur eine Illusion. Ein Nachbau. Die anderen Räume existieren nicht einmal. Ich weiß nicht, was genau hier los ist oder wie es funktioniert, aber du musst mit mir kommen. Nach draußen, in die echte Welt.“

Meine Mutter betrachtete mich als hätte ich behauptet, unumstößliche Beweise für die Existenz des Weihnachtsmanns gefunden zu haben. „Was redest du denn da, Schatz?“, sagte sie verwirrt und etwas besorgt, „das ist dein Haus und es ist ganz normal.“ Doch als sie sich in dem Zimmer umsah, schlich sich ein winziger Zweifel in den Blick meiner Mutter und ich entschied mich, ihn zu nähren.

„Selbst, wenn du nicht siehst, was ich sehe“, sagte ich zu ihr, „du hast dich doch selbst gewundert, wo Lilly plötzlich herkommt. Sie war tot, Mama, seit Jahren schon, genau wie …“

Ich brach ab, als mir bewusst wurde, was ich im Begriff war zu sagen.

„… genau wie ich“, sagte sie und ihre Stimme bekam etwas Trauriges und Abwesendes. „Deshalb … deshalb hab ich so viel vergessen. Weißt du Schatz, ich wusste nicht mehr, wie ich hierhergekommen bin. Was vorher war. Alles ist so … grau.“

Dass sie dieses Wort verwendete, um ihre Amnesie zu beschreiben, jagte mir einen kalten, glitschigen Schauer über den Rücken.

„Es wird besser werden“, behauptete ich, „sobald wir erst draußen sind. Du musst einfach mit mir kommen.“

„Mit dir kommen?“, fragte meine Mutter, „aber wenn das der Himmel ist, fallen wir von den Wolken.“

„Das ist nicht der Himmel“, sagte ich halb amüsiert und halb zynisch, „ganz bestimmt nicht, auch wenn dieser Ort voller Wunder ist. Vertrau mir einfach.“

„Natürlich, liebes“, sagte meine Mutter, „dir vertraue ich doch immer.“

Sie gab sich einen Ruck und ging auf mich zu. Ihre Schritte wirkten mit einem Mal unsicher und ungenau, so als würde sie von einem Skript abweichen, dem sie bislang gefolgt war.

Ich öffnete die Tür und wir traten heraus. Als wir den deprimierenden, trostlos erscheinenden Flur betraten, fiel ein Stein von meinem Herzen. Ich hatte meine Mutter befreit oder wenigstens etwas, das mit etwas Glück meine Mutter sein konnte.

„Dieser Ort gefällt mir nicht“, meinte meine Mutter, deren Stimme so dumpf klang, als stünde sie unter Droge.

„Mir auch nicht“, pflichtete ich ihr bei, „und deshalb werden wir ihn schnellstmöglich verlassen.“

Ich machte mich daran, die Treppe ins Erdgeschoss hinaufzusteigen, als ich plötzlich ein Geräusch hörte. Ein lautes Kratzen, Scharren und Graben, als wenn ein dutzend Hände sich durch dichtes Erdreich wühlen würden. Es kam von oben. Von ganz oben.

„Was ist das?“, fragte meine Mutter.

„Das will ich überhaupt nicht wissen“, sagte ich, „lass uns so schnell wie möglich verschwinden!“

Ich lief schneller, blieb jedoch abrupt stehen, als mir etwas einfiel. „Papa!“, sagte ich und wunderte mich, dass ich erst jetzt auf diesen Gedanken gekommen war. Mein Vater war bereits 2011 gestorben. Bei einem Autounfall. Er war ein großartiger Mann gewesen, so großartig, dass meine Mutter nie über seinen Tod hinweggekommen war.

„Aber Kind“, meinte meine Mutter, „meinst du, das ist so eine gute Idee. Er ist so lange tot. Ich …ich vermisse ihn auch. Sehr sogar. Aber wir alle verdienen unsere Ruhe und wenn Gott gewollt hätte, dass …“

„Hätte Gott dieses Haus hier gewollt?“, fragte ich barsch, „ich glaube nicht. Und dennoch ist es da. Gott hat mir alles genommen. Falls es ihn überhaupt gibt. Aber nun kann ich es mir zurückholen. Dich, Lilly und auch Papa. Ob du nun willst oder nicht.“

Meine Mutter wirkte nach wie vor nicht überzeugt. „Aber Nina, bitte, lass uns einfach …“

„Bleib hier, Mama, wenn du nicht mitkommen willst und pass auf Lilly auf. Ich bin gleich zurück. Wenn etwas passiert, komm sofort zu mir. Ich bin nur zehn Türen weiter. Ich versuch‘ mich zu beeilen. Sobald ich Papa gefunden habe, fliehen wir von hier.“

Ich rannte los, die Einwände meiner Mutter ignorierend. Ich hatte kein gutes Gefühl dabei, sie und Lilly alleinzulassen, aber ich konnte nicht ohne meinen Vater gehen. Diese Gelegenheit würde vielleicht nicht wieder kommen und wenn ich dieses Haus verließ, konnte ich es vielleicht nie wieder betreten.

Während ich rannte, wurden die gespielten Weihnachtsmelodien lauter und wirkten leicht verstimmt und auch die Treppe veränderte sich. Sie bekam mehr Risse und an einigen Stufen fehlten ganze Stücke, so dass ich gut auf meine Schritte achtgeben musste. Dennoch drehte ich mich ein paar mal um, um mich zu vergewissern, dass Lilly und meine Mutter noch immer dort oben auf mich warteten.

Schließlich erreichte ich die Tür zum Jahr 2010. Dem letzten Weihnachten, das mein Vater erlebt hatte. Und diese Tür war kaum mit denen vergleichbar, die ich zuvor geöffnet hatte. Sie besaß keine Farbe mehr. Das Holz war rissig und voller Stock- und kleiner Schimmelflecken und das gesamte Glas des Sichtfensters war mit einer schmierigen Schicht bedeckt. Auch der Türgriff war angelaufen und rostig, aber er bewegte sich dennoch, als ich ihn hinunterdrückte.

Die Luft, die mir entgegenschlug, ließ mich husten. Sie roch schimmlig, abgestanden und vergoren. Mein Wohnzimmer sah nicht viel besser aus. Dort, wo die Wände noch existierten, waren auch sie fleckig und feucht. Die Weihnachtsdekoration war gesplittert und von Staub zugedeckt. Ein Adventskranz, der auf dem morschen Esstisch lag, sah aus, als würde er förmlich zerfließen, und zwar nicht nur das Wachs der Kerzen, sondern auch die Nadeln.

Hinzu kamen die Fliegen. Sie trieben wie Schwadronen von Schlachtschiffen zwischen Wolken aus Staub und auch wenn sie flogen und summten, so hatte ich nicht den Eindruck, dass es sich um gewöhnliche Fliegen handelte. Ja, es schien mir eher, als würden sie aus demselben grauen Material bestehen, dass sich wie schwärendes Fleisch durch die Wände drückte. Ich blickte hoch zur Decke. Sie existierte nicht mehr. Stattdessen verloren sich die Reste der Tapete irgendwann in einem endlos scheinenden, grauen Schacht, in dem sich irgendetwas zu bewegen schien. Mein Blick fiel auf die Couch, die ich zu dieser Zeit noch besessen hatte. Dort saß mein Vater. Verstaubt und erstarrt in einem karierten Hemd, mit dem Rücken zu mir und seinen Kopf dem nicht mehr funktionsfähigen Fernseher zugewandt.

Ich zögerte. Der Gestank und der Anblick drückten mich förmlich hinaus, zusammen mit einem überwältigen Gefühl der Depression und Sinnlosigkeit. Aber ich weigerte mich aufzugeben. Ich würde meinen Vater nicht im Stich lassen. Langsam, um jeden Schritt kämpfend, ging ich vorwärts. Die Fliegen wichen größtenteils vor mir zurück. Jedoch bedeckte ich sicherheitshalber Mund und Nase sorgfältig. Das war keine schlechte Entscheidung, denn einige landeten dennoch auf mir, krochen über meine Schulter, meinen Nacken, mein Gesicht und suchten – vorsichtig und schüchtern – nach einem warmen, dunklen Platz in den sie sich einnisten konnten.

„Papa“, nuschelte ich durch meine vorgehaltene Hand und rechnete nicht damit, dass er mich hören würde. Aber da irrte ich mich offenbar.

Er drehte sich zu mir um und sofort wünschte ich mir, er hätte es nicht getan. Sein Gesicht war fast verschwunden. Seine Augen waren tote, graue Klumpen. Lediglich seine Nase, Teile seiner Stirn und seiner Wangen lagen noch über seinem Schädel wie eine zerborstene Totenmaske. Der ganze Rest bestand allein aus der gräulichen Masse, die grob die Form seines einstigen Kopfes angenommen hatte. Hervorgehoben durch feine, weiße Linien, die sich wie eine Vorzeichnung aus Kreide um seine Konturen gelegt hatten.

„Nina“, formte sein fließender, wabbeliger Mund matt und spie dabei einen würgereizerregenden Gestank aus, „Mein Stern. Die Tage … so zäh … so viele … GASTLICHE LEERE … traurig … traurig, dass du da bist … hier …. UMARMENDE SCHATTEN … nicht frei … nicht an der kalten, frischen Luft. Ein Kalender … DIE WEICHE GEWALT … ein Zeitkerker … ein Setzkasten. … ein Vorrat … Du … mein Stern. Erblindet. Dumpf. Festgewachsen.“

Er hustete und ein Klumpen der grauen Masse klatschte auf den dreckigen Boden.

Grauen erfasste mich, riss an meinen Nerven wie ein Sturm. Seine Worte schlugen wie Streubomben in meine Seele ein. Zerfetzten, durchlöcherten sie. Höhlten sie aus. Mein Blick ging zurück nach oben. Zu der endlosen Decke. Zu den bewegten Wänden. Und diesmal erkannte ich, woher die Bewegung stammte. Es waren nicht die Wände selbst, die sich kriechend auf und ab-bewegten. Es waren Röhren. Hellere Röhren in denen etwas hinauf und dunklere in denen etwas hinabfloss. Und als ich sie erkannt hatte, entdeckte ich noch mehr. Verlängerungen dieser Röhren. Wie Adern steckten sie in der Masse, blitzten durch den zerstörten Boden, gruben sich in die Überreste der Möbel und ganz besonders hinauf in die Couch, auf der mein Vater saß.

„Bleib hier, Nina“, sagte mein Vater, „lass uns gemeinsam brüten, schwinden … wie alte Gedanken … wie demente Erinnerungen … sie nehmen, sie ersetzten … aber mit dir … dauert es länger.“

Sein Arm schnellte hervor, unerwartet schnell und legte sich auf meine Schulter. Packte mich. Ich riss mich los, hieb auf die weiche Masse ein. Durchtrennte sie, wischte seine abgetrennte Hand weg wie einen Klumpen Schlamm und rannte.

Ich hörte meinen Vater weinen. Hörte ihn aufheulen in einem Ausdruck von aufrichtigem, menschlichen Leid, aber ich verhärtete mein Herz, lief weiter, schlug die Tür hinter mir zu und sperrte ihn aus.

Seine Worte aber folgte mir. Ein Zeitkerker. Ein Setzkasten. Ein Vorrat. Eine böse Ahnung glomm in mir auf und brachte mich dazu, nicht wie geplant hinauf, sondern weiter hinabzueilen. Meine Schritte quälten mich. Verzerrte, hallende Töne verbanden sich zu antiweihnachtlichen Kakofonien, spukten dröhnend in meinem Kopf herum, während mein Leben rückwärts an mir vorbeizog. 2007. Mein erster, fester Freund. 2004. Mein erster Kuss. 2000. Das Jahr, in dem ich mir beim Eislaufen beide Knöchel gebrochen hatte.

Die Türen änderten ihr Erscheinungsbild, ihre Form und ihren Zustand. Sie wurden hässlicher, älter, zerstörter, während noch immer von weit oben das beständige Graben zu hören war. Schließlich passierte ich 1990. Das Jahr meiner Geburt. Bewacht mehr von einem verschimmelten, geborstenen Brett als von einer Tür, und schließlich 1989. Die Zeit vor meiner Zeit. Die Zeit ohne Erinnerungen. Die Zeit eines anderen. Ich betrachtete die Tür oder was von ihr übrig war. Ein rostiger Türgriff streckte sich wie eine nach Hilfe suchende Hand durch eine dicke Platte aus Schimmel. Er war alles, was an eine Haustür erinnerte, abgesehen von einem ovalen, grünspanigen Messingschild mit einem schwer lesbaren Namen. Kevin Rössling. Entnahm ich dem, was ich erkennen konnte. Jeder Zweifel schwand. Ein Gefängnis. Dämmerte es mir. Hier wurde Leben eingesperrt. Zur Nutzung, zur Aufbewahrung, zum Amüsement von … wem oder was auch immer.

Alles in mir warnte mich davor, doch ich drückte die Klinke. Ich musste es sehen. Ich zog an der Tür. Teile des Schimmels brachen ab wie Krusten an den Rändern eines Käsebrötchens und mit einem weiteren Ruck ging sie auf. Ich ging nicht hinein. Ich weiß nicht einmal, ob es möglich gewesen wäre. Dahinter war kein Raum. Nicht wirklich. Keine richtige Dreidimensionalität. Nur diese graue Schicht und die weißen Linien, die ein Zimmer andeuteten und eine müde, entleerte Person, ein weiß umrahmter humanoider Klumpen, der darin hing wie eine Marionette an verschimmelten Fäden. Der Schatten eines Schattens, die Asche eines Lebens. An diesem Ort gab es nichts mehr. Nur noch Gestank.

Der Geruch ließ mich erbrechen und mein Erbrochenes wurde augenblicklich absorbiert, aufgesogen und hinaufgeleitet in die wartenden Röhren, die schon lange nichts mehr hatten, was sie nehmen konnten.

Ich musste hier weg. Sofort. Zurück in meine Einsamkeit. Zurück in die Trostlosigkeit meiner Existenz. Denn das hier war noch schlimmer. Dieser Ort schenkte weder Wärme noch Erinnerungen. Er fraß sie auf. Mit Haut und Haar. Er war ein Friedhof für lebendig Begrabene.

Ich schlug die Tür zu, drehte um, ließ die endlose Ahnenreihe gestohlener Leben unter mir unerforscht und strebte stattdessen nach oben. Zum Eingang, dort wo Lilly und meine Mutter auf mich warteten oder was immer sie auch waren.

Je höher ich lief, desto melodischer wurde die Melodie der Stufen und seltsamerweise blieb das nicht ohne Auswirkungen auf meine Stimmung. Ob ich es nun wollte oder nicht: Als ich das Erdgeschoss erreichte, war der Schrecken beinah vergessen und es hatte sich fast wieder so etwas wie Harmonie bei mir eingestellt. Dazu passte, dass die gruseligen, grabenden Geräusche endlich aufgehört hatten.

Leider waren sie nicht das einzige, was fehlte. Sowohl Lilly, als auch meine Mutter waren verschwunden. „Lilly, Mama! Wo seid ihr?“, rief ich, doch außer dem Widerhall meiner Stimme von den kühlen, dunklen Wänden erhielt ich keine Antwort. War das alles nur Einbildung gewesen? War das eine Strafe des Hauses dafür gewesen, dass ich zu tief geforscht hatte? Oder war das meine letzte Chance, all dem zu entkommen?

Ja, dachte ich, vielleicht waren meine Erlebnisse, ja das gesamte Haus keine boshafte Falle, sondern nur eine Erinnerung daran gewesen, dass es nichts außer Leid brachte, sich an der Vergangenheit festzuklammern. Eine Mahnung, dass man sich seiner Zukunft stellen, hinaus in die Welt gehen und sich ein schöneres Leben selbst erschaffen musste, so sinnlos es auch scheinen mochte. Womöglich war das mein bittersüßes Weihnachtswunder gewesen. Mein augenöffnender, lehrreicher Schrecken, so wie in Dickens Weihnachtsgeschichte oder im Film „Ist das Leben nicht schön?“.

Ich musste loslassen, dachte ich. Endlich loslassen. Oder ich würde verrotten. Mit diesem Gefühl im Herzen ging ich zur Eingangstür und versuchte sie zu öffnen. Es gelang mir. Ich sah die nächtliche Straße vor mir. Die kalte, feuchte Luft blies mir entgegen – abweisend und unbehaglich – und kühlte das Feuer meiner Entschlossenheit. Ich streckte die Hand aus und spürte den lieblosen Biss des eisigen Regens. Ich schnüffelte, suchte, lauschte angestrengt, doch so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte doch keinen Neuanfang in dieser Luft entdecken. Die Welt dort draußen war für mich kaltes, verdorrtes, unfruchtbares Land, auf dem nichts mehr wachsen würde, egal wie viele Samen ich mir auch aus dem Herzen schnitt. Genauso hätte ich versuchen können, die Arktis urbar zu machen. Unwillkürlich umschloss meine Hand den immer noch feuchten Stoff der kleinen Puppe, die ich mit meiner Mutter gemacht hatte. Er gab mir Halt und ein Ausmaß von Vertrautheit, dass mir tröstende Tränen in die Augen trieb.

Plötzlich, als hätte die kleine Puppe sie herbeigezaubert, spürte ich eine raue Zunge an meiner anderen Hand. Ich drehte mich um und sah in das zerzauste Fell und die treuen Augen von Lilly. Es war meine stinkende Hand, an der sie leckte, und doch schien es sie nicht zu stören. Sie akzeptierte mich, wie ich war, hatte es immer schon getan. Ich hob meinen Blick und sah meine Mutter an der Wand lehnend. Wartend im Schatten, nicht drängend oder bedrohlich, aber empfangend. Ihr Lächeln war warm und vertraut.

„Wo wart ihr gewesen?“, fragte ich.

„Ich Sicherheit“, sagte meine Mutter nur und ein Tanz aus Schatten und diffusem Licht umspielte ihr Mundwinkel.

Ich sah noch einmal hinaus in die Welt. Schwankend. Zweifelnd. Müde. Versuchte sie mit der Wärmer meiner Erinnerungen zu füllen, mit dem Abglanz von Schönheit und Harmonie, die ich einst gekannt hatte. Doch es fiel mir schwer. Verdammt schwer.

„Ihr könnt nicht mitkommen, oder?“, fragte ich, die Antwort erahnend.

„Nein, liebes“, sagte meine Mutter. Und das ergab Sinn. Die Wärme ihrer Erinnerung konnte sich allein hier halten in diesem staubigen, warmen Ort. In der Kälte und Unsicherheit der Zukunft würde sie vergehen. Mama sprach die Alternative nicht aus und doch lag sie wie ein angenehm würziger Geruch im Raum. Sie konnten nicht mitkommen, aber ich konnte bleiben.

Fast wie von selbst legte sich meine Hand um den Griff und zog die Tür zu. Die Kälte verschwand. Anders als bei meiner Ankunft, hörte ich diesmal etwas Klacken und Einrasten und wusste, dass sich diese Tür nie mehr für mich öffnen würde. Ich hatte meine Wahl getroffen.

„Papa kann nicht mitkommen, oder?“, vermutete ich, während ich mich auf meine Mutter zubewegte, Lillys warmen, anschmiegsamen Körper nah an meinen Beinen.

„Nein“, sagte meine Mutter wissend und etwas traurig, „er ist schon zu weit entfernt. Aber wir sind uns noch nah. Nah genug für einen besinnlichen Abend.“

Ich ergriff ihre Hand und gemeinsam gingen wir unsere letzten Schritte auf dem Weg in eine gemeinsame Gegenwart.

Oben lag eine Tür. Meine Tür. Frisch und sauber, wie neu gebaut. Dahinter lag mein Wohnzimmer. Blitzblank und prachtvoll dekoriert. Ja, noch deutlich prachtvoller als ich es bislang für meine reale Wohnung fertiggebracht hatte. Ein Meer aus Lichtern lenkte von der grauen Masse in den Durchgängen ab und würziger Tannenduft vertrieb bisweilen jeden Anflug von Fäulnis.

Wir setzten uns direkt vor den Baum auf den Boden. Unsere Gesichter einander zugewandt, Lillys weichen Kopf auf meinem Schoß. Der Boden war nicht unbequem, fühlte sich fast so weich wie an, wie ein Wasserbett, so als wäre die Illusion hier noch nicht zur Perfektion getrocknet. Dazu passten die Spuren. Spuren von dünnen Füßen und langfingrigen Händen, die sich noch blass an Boden und Händen abzeichneten und ein paar dünne, strähnige graue Haare, die wie glanzloses Lametta an den Tannennadeln hingen.

Es sollte mir Angst machen. Das alles sollte mir Angst machen. Ich hatte meine Zukunft und das Schicksal meines Vaters gesehen. Ich hatte den Zweck dieses Ortes gesehen. Ja ich wusste nicht einmal, ob Lilly und Mama echte Menschen, lebendig gewordene, dem Untergang geweihte Erinnerungen oder nur sprechende, hechelnde und laufende Auswüchse dieser ekelhaften, grauen Maße oder der Erbauer dieses Setzkastens, dieses Kalenders, dieses Gefängnisses waren.

Aber all das spielte jetzt keine Rolle. Es war Weihnachten und wenn dieses Fest irgendeinen Sinn hatte, dann den, die grauenhafte Realität und die Schrecken der Zukunft für eine kurze Zeit auszublenden, um sich der Illusion von Frieden und Hoffnung hinzugeben. Sorgenfrei. Glücklich und im Kreise der Familie.

Eine Welle von Assoziationen rollte durch meinen Geist und plötzlich hatte ich das überwältigende Bedürfnis zu singen. Auch meine Mutter und selbst Lilly öffneten die Münder, präsentierten ihre schönen, noch überwiegend weißen Zähne, entließen ihren etwas ranzigen Atem und begleiteten mich auf ihre Weise, wie ein Organismus, ein einziger, dreifaltiger Geist, so laut, dass vielleicht selbst mein Vater und der verblasste, vergessene Kevin Rössling, dort unten in den Tiefen der Vergangenheit einen Nachhall ihrer Stimmen vernehmen konnten:

Have yourself a merry little Christmas
Let your heart be light
From now on
Your troubles will be out of sight

Have yourself a merry little Christmas
Make the Yule-tide gay
From now on
Your troubles will be miles away

Here we are as in olden days
Happy golden days of yore
Faithful friends who I dear to us
They gather near to us once more

Through the years
We’ll always be together
If the Fates allow
Hang a shining star upon the highest bough

So have yourself a merry little Christmas
Have yourself a merry little Christmas
So have yourself a merry little Christmas now

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