Die Glücksfabrik

Ein Friedhof, umwölkt von Nebelschwaden, verstreut und verharrend wie Trauernde, die selbst längst vergangen sind. Im Hintergrund die Silhouette einer Kleinstadt. Keine Idylle. Eine Hölle. Schwarz und gefräßig. Ein blasser Scherenschnitt, gezeichnet vom schmierigem Mondlicht. Kulissenhaft, fremd, unecht. Erfüllt von monotonen, mechanischem Lärm und greifbarer Verzweiflung. Ein dünner, blasser, einsamer Junge schleppt sich durch die Nacht. Das Gesicht schmutzig und eingefallen. Der Gang müde und gebeugt, mit den Augen eines hundertjährigen. Bombardiert von Schneeflocken, die wie die Splitter eines zerbröckelnden Sargdeckels auf ihn hinabstürzen. Kleine Monster, gierig auf die Wärme, die sein löchriger Mantel verzweifelt zu bewahren versucht, so wie seine zitternden Hände jenen Schatz, auf den er gehofft, für den er geschwitzt und geblutet hat und den er …

„Guten Morgen, Schatz. Frühstück ist fertig“, pfeift Tina fröhlich. Finn schlägt seine Augen auf, an denen die Traumbilder noch hartnäckiger kleben als das körnige Geschenk des Sandmanns. Langsam überlagert das Gesicht seiner Mutter die fremde Albtraumstadt. Es ist ein schönes Gesicht. Gütig, junggeblieben und umrahmt von braunen Locken. Sie trägt einen roten Pulli mit dem Schriftzug „Merry Christmas“, gebildet von Schneeflocken. Der Duft frisch aufgebackener Brötchen zieht herein und stemmt sich gegen das seltsame Mitleid mit dem Jungen aus seinen Träumen. Einen Moment lang ringen beide Eindrücke miteinander, kämpfen in Finns Brust einen Kampf auf Leben und Tod, doch als seine Mutter hereinkommt, die Vorhänge aufzieht und die Sonnenstrahlen als Verstärkung herbeieilen, ist der düstere Traum und sein Protagonist vergessen. Was ist schon ein schlechter Traum, am Morgen des Heiligen Abends?

„Ich komm’ gleich“, verspricht Finn gähnend und vor seinem inneren Auge läuft der Tag bereits wie der Teaser eines lang ersehnten Kinofilms ab. Eine Zusammenstellung aus Highlights. Leckeres Essen, erfüllte Wünsche, freundliche Worten und vor allem, ungestörte, schulfreie Stunden voller Entspannung. Doch da ist noch mehr. Ein kribbelndes, erhebendes Gefühl, welches sich am Ende des November wie aus dem nichts erhebt. Ein Antidot zur Kälte des Herbstes, das rauschhaft herausströmt aus den allgegenwärtigen Lichtern und sich wie Zuckerguss selbst über die profansten Alltagstätigkeiten legt. Die Adventstage sind magische Tage, auch wenn Finn längst nicht mehr an den Weihnachtsmann und nicht mal wirklich an Gott glaubt. Er ist bald zehn. Nahe dem Ende einer Kindheit, die erfreulich unbeschwert war. Keine Katastrophen, kaum Mobbing, keine schwere Krankheit. Noch weit genug entfernt von jenen Verpflichtungen, die höchstens als blasse Erzählungen am Horizont lauern. Maskiert von Hoffnungen, Illusionen und wohliger Distanz.

Unbeholfen und noch immer nicht gänzlich vom Griff des Schlafes befreit, stolpert Finn die Treppe hinab. Der Duft der Brötchen leitet ihn. Der Wohnzimmertisch ist reich gedeckt. Marmelade, Brötchen, Croissants, Käse, Obst und eine silberne Schale mit Lebkuchen und anderem Weihnachtsgebäck. Kleine, putzige Weihnachts- und Schneemänner stehen zwischen Tellern und dampfenden Tassen mit Kakao und Kaffee. Ihr Duft mischt sich mit dem würzigen Aroma von Zimtkerzen. Im großen Fernseher läuft ein Weihnachtscartoon, den Finn schon zwei Mal gesehen hat, der ihm aber immer wieder ein gutes Gefühl gibt.

„Guten Morgen“, murmelt Finn zu seinem Vater, Thomas, der entspannt auf der Couch sitzt, eine große Tasse Kaffee in der einen und ein halbes Marmeladenbrötchen in der anderen Hand. Sein schwarzes Haar ist noch ungekämmt, zwei müde, aber glückliche Augen strahlen aus seinem bärtigen Gesicht.

„Morgen, Finn“, antwortet er mit einem lächelnden Gähnen, „Fröhliche Weihnachten!“

„Wünsch‘ ich dir auch Paps“, nuschelt Finn, bevor er sich gegenüber von seinen Eltern auf die kleinere Couch setzt.

„Na ja, so richtig Weihnachten ist ja noch nicht“, erinnert seine Mutter augenzwinkernd.

„Ich weiß, ich weiß. Aber heut’ ist ja der Tag, auf den es wirklich ankommt, wenn man nicht gerade in den USA lebt. Da liegt die ganze Magie. Der Rest sind einfach nur zwei freie Tage, mehr nicht“, antwortet sein Vater schmatzend.

„Was hast du denn gegen freie Tage?“, fragt Tina scherzhaft.

„Absolut gar nichts“, erwidert Thomas, „rate mal, was ich mir vom Weihnachtsmann gewünscht habe.“

Beide lachen und auch Finn schmunzelt leicht. Er sieht sich nicht dazu genötigt, sich groß am Gespräch seiner Eltern zu beteiligen. Eltern sind immer etwas peinlich. Aber er fühlt sich bei ihnen dennoch wohl, fühlt sich geborgen und geliebt. Nur darauf kommt es an. Und das funktioniert auch ohne viele Worte.

Finn lässt sich tiefer in die weichen Kissen sinken, schüttet sich eine Tasse Kakao ein und nimmt sich einen herzförmigen Lebkuchen. Er ist aus Zartbitter, nicht aus Vollmilch, aber man kann nicht alles haben.

Während er kaut und trinkt, schaut er beiläufig zu dem Zeichentrickfilm, in dem gerade eine Gruppe Elfen hektisch durch den Schnee läuft, nimmt den ohnehin bekannten Verlauf der Handlung aber nicht so recht wahr. Seine Gedanken fliegen wie Motten hin und her zwischen den vielen möglichen Plänen für die Ferien, den geliebten Ritualen dieses speziellen Tages und leider auch dem seltsamen Traum, aus dem er eben erst erwacht ist.

„Schon übel, was dem armen Kind da alles passiert“, sagt seine Mutter und Finn braucht ein paar Sekunden, bis er begreift, dass sie sich nicht auf den Jungen aus seinen Traum bezieht, sondern auf den Protagonisten des Filmes, der von bösen Geistern gejagt, gequält und letztlich irgendwie vom Weihnachtsmann und seinen Elfen gerettet wird.

„Stimmt schon“, sagt Thomas abwesend und fragt sich unwillkürlich, was dem Jungen aus seinem Traum alles widerfahren ist. Was in der Stadt, in dem hässlichen schmutzigen Moloch lauert, der ihn ausgespien hat.

„So etwas sollte eigentlich nicht im Vormittagsprogramm laufen“, fügt seine Mutter hinzu.

„Ich bin kein Kleinkind mehr“, antwortet Finn automatisch und gedankenverloren, „und die letzten Jahre hab ich’s auch überstanden. Was auf unserer Welt geschieht, ist eh viel schlimmer.“

„Wo du recht hast“, meldet sich sein Vater, der sich mittlerweile sein Handy gegriffen hat und wahrscheinlich wie üblich durch seinen Twitter-Feed scrollt, „wir sind so was von am Arsch!“

„Thomas!“, ruft seine Mutter empört, „leg das Ding weg! Wir Frühstücken gerade mit unserem Sohn. Doomscrollen kannst du später immer noch.“

„‚Tschuldigung. Hast ja recht“, antwortete Thomas zerknirscht und legt sein Smartphone wieder neben seine Kaffeetasse.

Finn stört das nicht. Er bekommt auch ohne die Kommentare seines Vaters genug von dem mit, was auf der Welt schiefläuft. Gerade deshalb freut er sich, dass das Hier und Jetzt für ihn noch so angenehm ist und er ist fest entschlossen, jeden Moment zu genießen.

Noch immer nachdenklich wandert sein Blick im Raum umher und bleibt an der Kunsttanne hängen, die seine Eltern anstelle eines echten Baums aufgestellt haben. Er findet das etwas traurig, weil er den Duft von Tannennadeln eigentlich mag. Er versteht zwar irgendwie, dass sie keinen Baum für ihr Fest opfern wollen, wundert sich allerdings schon, dass sie bei Tannenzweigen und Adventskränzen offenbar keine moralischen Einwände haben. Na ja, Erwachsene eben.

Immerhin ist der Schmuck hübsch. Seine Eltern stehen eigentlich auf so langweilige, einfarbige Kugeln, aber auf sein Drängen hin haben sie sich doch für eher verspielten Schmuck entschieden. Kleine Häuser, Kirchen, Geschenkpakete, Engel, Elfen, Schlitten und weitere kleine, weihnachtliche Symbole baumeln nun am Plastikbaum und bieten viele kleine Geschichten, in denen man sich verlieren kann, wenn man will.

Finns Blick fällt auf einen kleinen, blonden Engel, der auf einem hölzernen Halbmond sitzt und eine Angel mit einem silbernen Stern daran festhält. Auch wenn Finn ein Großteil der Dekoration gefällt, hatte er diesen speziellen Schmuck schon immer genauso albern wie interessant gefunden. Wonach angelt dieser Engel eigentlich? Das hatte er sich schon oft gefragt. Warum sitzt er auf dem Mond, wenn er doch eigentlich auf den Wolken sitzen sollte? Hat Gott ihn bestraft und ausgestoßen, weil er unartig gewesen ist?

Fast als habe die kleine Figur seine Gedanken aufgefangen, blickt sie ihn unvermittelt an. Finn weiß natürlich, dass das nicht sein kann. Trotzdem ist er sich ziemlich sicher, dass es so ist, denn nicht nur die winzigen, lackierten Holzaugen blicken in seine Richtung. Auch die gesamte Figur, die er bislang halb von der Seite betrachtet hat, dreht sich zu ihm um und krümmt ihren kleinen Arm mit jener kugelförmigen Stummelhand, die keine Angel festhält, zu einer lockenden Geste.

Als Finn realisiert, dass das hier wirklich geschieht, bekommt er Angst. Natürlich, wer hätte die auch nicht gehabt, aber er ist auch neugierig und manchmal ist dieses Gefühl, dieser Drang, stärker als jede Angst. Erst recht bei einem Kind am Weihnachtsabend. Also steht Finn auf und geht langsam, fast wie schlafwandelnd auf die eigenartige Christbaumkugel zu.

Der Engel erhebt sich ebenfalls, drückt die hölzernen Knie durch, stellt sich aufrecht auf die untere Spitze des Mondes und beugt sich etwas vor. Sein Gesicht wirkt freundlich, einladend und zugleich verlangend.

Für Finn verblasst alles um ihn herum. Die Geräusche des Fernsehers, der Geruch seines Kakaos, das Klirren von Tellern und Tassen – nichts hat mehr Bedeutung. Es gibt nur noch den künstlichen Baum und den hölzernen Mond mit seinem kleinen, lächelnden Bewohner. Was er wohl von ihm will? Will er ihm seine kleine Welt zeigen? Ihm einen Eindruck davon vermitteln, wie es ist, sein Leben als Christbaumschmuck zu verbringen? Braucht er einfach ein wenig Gesellschaft? Als Teil eines solchen Anhängers muss es sehr einsam sein.

Mittlerweile steht Finn direkt vor dem Baum. Der Engel sieht ihn freudestrahlend an, folgt jeder seiner Bewegungen. Er ist irgendwie süß, irgendwie putzig und zugleich traurig, wie er da so steht. Verlassen und allein, umgeben nur von Plastiknadeln und glitzernden Kugeln, weit entfernt sogar von den anderen, unbeweglichen Figuren. Finn verspürt den jähen Wunsch, ihn zu trösten und streckt seine Hand aus.

Während er dies tut, verändert sich der kleine, hölzerne Mond. Hinter seiner Sichelform liegt nicht länger ein Geflecht aus grünen Kunststoffnadeln. Stattdessen entfaltet sich dort ein Kreis aus Schwärze, gespickt mit vielen, winzigen, wundersam glitzernden Sternen.

Finn erschrickt, als er dies sieht, aber er hat zu gute Laune, um wirklich Angst zu haben. Und eigentlich sieht es ja auch sehr schön aus, mit all den glitzernden, kleinen Sternen und dem samtschwarzen All, das sich wie eine Decke über die Nadeln legt. Ist das sein ganz persönliches Weihnachtswunder?, fragt sich Finn, ein besonderes Geschenk für ihn, weil er sich dieses Jahr so gut benommen hat, obwohl er gar nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubt? Haben seine Eltern sich geirrt? Gibt es den Weihnachtsmann doch und würde er ihn auf ein Abenteuer mitnehmen, ihm vielleicht sogar einen ganz besonderen Wunsch erfüllen?

Plötzlich fühlt auch Finn sich wie ein Junge in einer Weihnachtsgeschichte und auch wenn der rationale Teil von ihm das alles immer noch nicht so recht glauben will, wächst freudige Erregung in seiner Brust, während er sich der Figur nähert. Als sein Zeigefinger jedoch schließlich den Arm des Engels berührt, verwandelt sich seine Vorfreude schlagartig in Schrecken. Kaum, da der Kontakt zu der Figur hergestellt ist, verspürt er einen Ruck, einen beängstigend kräftigen Sog, der ihn direkt in jenen runden, wundersamen Ausschnitt eines fremden Sternenhimmels hineinziehen will, ja keine Widerrede duldet.

Erschrocken blickt Finn zu dem Engel. Sein Gesicht hat sich nicht verändert, ist keiner gehässigen Dämonenfratze gewichen, sondern trägt noch immer ein freundliches, unverdächtiges Lächeln zur Schau. Doch gerade das verstört den Jungen noch viel mehr als es jedes finstere Monster es gekonnt hätte.

Erfüllt von Adrenalin versucht Finn sich aus dem Griff des Winzlings zu lösen, der ja nicht mal ein wirklicher Griff war, sondern nur bloßer, flüchtiger Hautkontakt. Aber auch wenn sie Finns Hand nicht gepackt hält, hält ihn die Figur dennoch erbarmungslos fest. Es ist beinah, als wäre sein Finger mit Sekundenkleber an die Hand der Figur geheftet worden und als er noch etwas kräftiger zieht, verspürt Finn einen heftigen Schmerz in seiner Fingerkuppe.

Gleichzeitig sieht er den fremden Nachthimmel vor ihm wachsen. Sieht ihn näher und näher rücken. Fast glaubt er, dort Sterne und Planeten ausmachen zu können. Planeten, von denen einer langsam wächst, deutlichere Gestalt annimmt und auf unbestimmbare Weise nach ihm verlangt, während plötzlich ein eiskalter Wind in seinen Rücken bläst und ihn förmlich drängt, auf diese Miniaturwelt zuzugehen, sie zu besuchen, ja ein Teil von ihr zu werden.

Aber Finn will nicht dorthin. Er will nirgendwohin gehen. Die Magie ist für ihn verflogen. Alles, was er jetzt noch möchte, ist, diese gemeine Figur in Stücke zu brechen, hier bei seinen Eltern zu bleiben und um achtzehn Uhr seine Geschenke auszupacken. Doch der Engel hält ihn verbissen fest. Und nicht nur das, jetzt beginnt er auch, mit seinen Flügeln zu schlagen und ihn aktiv auf das immer größer werdende, fast den halben Raum ausfüllende Firmament zuzuziehen, in der eine von staubigen Betonbauten und dampfenden Fabrikschloten bedeckte Welt hypnotisch und wortlos nach ihm ruft.

Finn hingegen, will nach seinen Eltern rufen, die noch immer gebannt und zugleich desinteressiert auf den Fernseher starren, aber er bekommt den Mund nicht auf. Er versucht, seine andere Hand zur Hilfe zu nehmen, aber auch die kann er nicht bewegen. Es ist, als wäre alles jenseits seines rechten Arms schon gar nicht mehr hier, sondern bereits in jener düsteren, gierigen Welt angekommen.

Doch auch wenn sein Körper ihm kaum noch gehorcht, so ist Finns Wille noch frei. Und dieser Wille treibt seinen Arm mit jedem Quäntchen Kraft dazu, den Kräften, die auf ihn wirken, zu widerstehen. Mit Erfolg.

Mit einem hässlichen, schmerzhaften Reißen löst er sich von dem Arm des Engels, nicht ohne ein winziges Stückchen Haut an ihm zurückzulassen. Als das tückische, hölzerne Wesen die Trennung bemerkt, wirft es seine Angel aus, die plötzlich nicht über einen hölzernen Stern, sondern über einen metallenen Haken verfügt und trifft sein Ziel. Er will ihn einfangen, da ist sich Finn sicher. Doch seine Panik und seine Entschlossenheit kommen seinen Reflexen zugute, sodass der Haken keine Beute macht, sondern lediglich einen oberflächlichen Kratzer an seiner Hand hinterlässt.

Finn stolpert zurück und außer Reichweite der Figur, aber der Schmerz und vor allem der Schock sind zu viel für ihn. Unvermittelt kippt er in einen Bewusstseinszustand irgendwo zwischen Tiefschlaf und Ohnmacht.

~o~

Eine mechanische Kakofonie scheppernder Maschinen hämmert auf seine Ohren ein. So laut, dass er sich wundert, dass sie nicht augenblicklich und endgültig ihren Dienst einstellen. Doch es sind nicht allein die Geräusche, die ihn plagen. Da ist auch das, was ihm Augen zeigen, von denen er nicht einmal sicher ist, ob es die eigenen sind.

Vor ihm, etwa auf der Höhe seiner Brust, schiebt sich ein stinkender, breiter Wurm aus verrottendem Gummi quietschend über die schlecht geölten, kleinen Räder einer stählernen Serpentine, die irgendetwas transportiert, was er nicht oder zumindest nicht genau erkennen kann. Alles, was er sieht, sind graue, schimmernde, neblige Blöcke in vagen geometrischen Formen. Träge dahintreibend wie Geisterschiffe auf einem vergessenen Fluss. Er weiß nicht, ob dies ihre wahre Gestalt ist, oder ob er diese Dinge nur nicht erkennen kann. Entweder, weil in ihnen eine fremdartige, verhüllende Magie oder der profane Zauber der Gewöhnung, des bis zur Stumpfheit Bekannten zur Wirkung gelangt. Ein vollendetes, gleichgültiges Desinteresse, das wirkt wie ein sprichwörtlicher Tarnzauber.

Doch auch, wenn er nicht genau weiß was, stellt er zweifellos irgendetwas her. Seine tauben, schmerzenden Hände bewegen sich wie von selbst, aber es ist, als würden sie dabei ins Ungewisse greifen. In eine kalten amorphen Raum absurder Wahrscheinlichkeiten und fein orchestrierter Bewegungen, die alle nach einem Muster ablaufen, das er nicht verstehen kann. Dennoch muss er hineingreifen, schnell und entschlossen. Und er darf keinen Fehler machen, denn Fehler machen alles nur schlimmer. Für sie gibt es hier keine Entschuldigung.

Neben ihm stehen andere. Mädchen und Jungen und graue, humanoide Dinger. Manche haben Gesichter. Andere nicht. Hat er sie nur vergessen oder haben sie selbst sie vergessen? Oder ist es lediglich ein Schutz seines Geistes vor der Ablenkung? Vor der gefährlichen Ablenkung, die der Anfang vom Ende sein kann? Das mag stimmen. Aber trotzdem: Manche Gesichter sind zu schön, zu echt, zu lebendig, um sie für immer zu ignorieren.

Nur Sekundenbruchteile erlaubt er sich, in diese Gesichter zu sehen oder dem Verlauf der ratternden Serpentinen zu folgen. Die Halle hinunter, wo gebogene Giganten auf die Objekte hinabfahren, wie die amputierten Arme von Gottesanbeterinnen oder die Schnäbel pickender, mechanischer Vögel. Finn hat Angst vor ihnen. Angst davor, dass sie sich von ihren zugedachten Plätzen entfernen und Jagd auf ihn machen könnten. Angst davor, danebenzugreifen, sodass der Ärmel seines Hemdes in das gierige Fließband gerät und ihn dorthin bringt, wo jene gleichgültigen Giganten alles zerdrücken, verformen und verändern.

Doch das ist nicht seine größte Angst. Seine größte Angst lauert dort oben in der weitläufigen Dunkelheit über ihm. Jene Dinge, jene Augen, die ihn beurteilen, beobachten, bewerten und vermessen. Jene, die ihn ergreifen, austauschen und ihn, wenn sie nicht zufrieden sind, in die tieferen Ebenen hinabzerren könnten. Nicht jetzt, nicht hier, sondern während seines Freigangs. Jener heiligen Stunde, in der er nicht in der Fabrik stehen oder schlafen muss. Der einzigen Zeit, in der er sich frei bewegen kann und in der ihn jede dieser Bewegungen ins Verderben führen kann.

~o~

„Alles in Ordnung, Schatz?“, schallt es Finn besorgt entgegen. Der Engel und die Maschinen sind Vergangenheit. Und doch ist Finns Erleichterung nicht so groß, wie sie eigentlich sein sollte. Alles scheint normal zu sein und mehr oder weniger gut. Er sieht die vertrauten Gesichter seiner Eltern. Er spürt die Arme seiner Mutter, die ihn festhält, ihm Sicherheit gibt und er sieht den besorgten Gesichtsausdruck seines Vaters, der ihm diese Frage gestellt hat.

Aber zugleich hat er Schwierigkeiten, diese Gesichter zuzuordnen und wiederzuerkennen. Sind das hier wirklich seine Eltern? Und wenn ja, darf er dann überhaupt hier sein? Erlauben ihm seine Pflichten wirklich, dass er sich um diese Zeit so weit vom Gelände entfernt oder werden sie ihn bestrafen und …

Ein heftiger Schwindel befällt Finn und zumindest für den Moment kippt die Realität wieder in ihre gewohnte Bahn zurück. Es gibt Träume, Halluzination und es gibt den Ort, an dem er sich gerade befindet. Den Ort, an dem seine Eltern für Sicherheit sorgen und ihn vor jeder Gefahr beschützen.

„Ja“, antwortet Finn endlich benommen, „mir war nur ein wenig schwindelig. Ansonsten ist alles okay.“

„Gar nichts ist okay“, beharrt seine Mutter, während sie ihm hilft aufzustehen, „niemand kippt ohne Grund einfach um. Was hast du überhaupt hier am Weihnachtsbaum gemacht?“

Für einen Moment überlegt Finn ernsthaft, ihr und seinem Vater alles zu berichten. Aber er ist in einem Alter, in dem er langsam darauf Wert legt, für erwachsen und selbstständig gehalten zu werden und eine solche Geschichte ist diesem Ziel sicher nicht dienlich.

„Einer der Anhänger hing schief, das war alles“, lügt Finn, „das hat mich irgendwie gestört.“

Sein Vater lacht trocken, „ich wusste gar nicht, dass du so einen Ordnungsfimmel hast. Deinem Zimmer zumindest sieht man es jedenfalls nicht an.“

Er zwinkert freundlich, aber Tina tadelt ihn trotzdem und wirft ihm einen düsteren Blick zu, „das ist sicher nicht der richtige Moment, um unseren Sohn zu maßregeln.“

Dann sieht sie – deutlich freundlicher – zu Finn, „setz dich erst mal hin und iss noch was. Vielleicht war es einfach nur eine Unterzuckerung. Aber wenn es dir nicht bald besser geht, müssen wir zum Arzt.“

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„Am heiligen Abend?“, fragt sein Vater empört. Als Tina ihn daraufhin noch finsterer ansieht, fügt er eilig hinzu, „das war ein Scherz. Natürlich würde ich für unseren Sohn alles tun.“

Finn glaubt ihm. Sein Humor ist manchmal ziemlich peinlich, aber sein Vater hat ihn gern, das weiß er. Finn beginnt zum Sofa zu gehen, aber er merkt dabei, dass seine Knie noch immer zittern. Auch seiner Mutter entgeht das nicht. Sie ergreift seine Hand, um ihm Halt zu geben.

„Was hast du da?“, fragt sie alarmiert, als ihre Finger zufällig über die Wunde streichen, die ihm der Angelhaken des Engels beigebracht hat.

„Nur ein Kratzer“, wiegelt Finn ab, der das alles einfach nur möglichst schnell vergessen will, „vielleicht von den Tannennadeln oder dem Baumschmuck.“

Sie blickte skeptisch zum Baum herüber und runzelt die Stirn. „Welcher Anhänger war es denn?“, fragt sie Finn.

Kurz ist er erneut versucht, es ihr zu sagen, in der Hoffnung, dass sie den Anhänger entfernen und das Mistding in den Müll werfen würde. Dann jedoch kommt ihm der Gedanke, dass er damit vielleicht seine Mutter gefährden würde, zumindest, falls seine Begegnung mit dem hinterhältigen Wesen keine Einbildung gewesen war. „Ich weiß es nicht mehr genau“, antwortet Finn schulterzuckend.

„Ich verstehe“, antwortet seine Mutter und lässt seine Hand los, als Finn sich schließlich auf dem Sofa niederlässt, „ich hole mal etwas Desinfektion. Das sollte besser gereinigt werden. Auch mit kleinen Wunden ist nicht zu spaßen. Thomas, du hast ein Auge auf Finn und rufst sofort den Notarzt, falls er wieder ohnmächtig werden oder auch nur apathisch wirken sollte. Hörst du!“

„Natürlich!“, stimmt sein Vater zu.

Für einen Moment entspannt sich Finn etwas, trinkt einen weiteren Schluck von seinem immer noch warmen Kakao und genießt die Fürsorge seiner Mutter, die sich auf den Weg in die Küche macht. Finn folgt ihr mit seinen Blicken und in seiner Brust wird es so kalt, dass nicht einmal das wärmende Getränk etwas dagegen ausrichten kann. Mitten im Rücken seiner Mutter klafft ein Loch.

Es ist nicht, wie bei einem dieser Horrorfilme, die er manchmal unerlaubterweise angesehen hat oder den ekelhaften Videoclips, die manchmal in seiner Klasse kursieren. Er sieht weder Blut noch Eiter, noch ausgefranste Wundränder. Es ist eher so, als hätte man irgendeinen amüsant gemeinten Filter auf den Körper seiner Mutter gelegt, der einen kreisrunden Bildausschnitt aus ihr entfernt. Finn blinzelt, reibt sich die Augen, aber das änderte alles nicht daran, dass der Flur durch einen Teil des Körpers seiner Mutter hindurch sichtbar bleibt, bis sie schließlich durch die Küchentür verschwindet.

„Alles gut, großer?“, fragt sein Vater, dem wohl nicht entgangen ist, dass sein Sohn ziemlich blass geworden ist.

„J .. Ja“, stottert Finn, sieht zu seinem Vater und fühlt sich etwas erleichtert, als er feststellt, dass er immer noch vollständig ist, „vielleicht muss ich mich einfach ein bisschen hinlegen.“

„Natürlich, Champ“, sagt er, „sobald deine Mutter sich um deine Wunde gekümmert hat.“

Finn nickt, aber gleichzeitig fragt er sich, ob er das wirklich zulassen will. Ist das hier noch seine Mutter? Ist er wirklich aus diesem seltsamen Traum zurückgekehrt, in dem er nicht mal er selbst gewesen war oder ist das lediglich ein besonders perfider Szenenwechsel? Was ist mit ihm los? Wird er langsam verrückt oder hat der Engel ihm irgendetwas angetan?

Egal, eigentlich will er gar nicht darüber nachdenken. Alles, was Finn gerade will, ist in sein Zimmer zu gehen, einzuschlafen und in seiner bekannten, unbeschwerten Realität wieder aufzuwachen.

Doch just in diesem Moment kehrt seine Mutter zurück und leider bringt sie nicht nur eine Flasche mit alkoholischem Desinfektionsmittel, sondern auch das seltsame, kreisrunde, allen Naturgesetzen trotzenden Loch in ihrer Brust mit. Lächelnd und doch mit einem besorgten Gesichtsausdruck schreitet sie auf ihn zu und Finn bemerkt, wie er unwillkürlich ein Stück näher an seinen Vater heranrückt.

„Hey, Schatz, was ist los? Ich wusste gar nicht, dass du so eine Mimose sein kannst“, sagt seine Mutter freundlich, während sie einen Wattebausch mit dem Desinfektionsmittel benetzt, „so sehr tut es auch gar nicht weh.“

Finn, der krampfhaft versucht, seinen Blick von dem Nichts im Bauch seiner Mutter abzuwenden, wünscht sich nichts sehnlicher als dass die Angst vor ein wenig flüchtigem Schmerz das größte Problem in seinem Leben wäre. Da er sich aber immer noch davor scheut, seiner Mutter auch nur das Geringste von seinen wirklichen Sorgen zu verraten und er es nicht fertigbringt, einfach im Boden zu versinken, streckt er die verletzte Hand aus, wendet seinen Kopf in Richtung seines Vaters, der ihm ermutigend zuzwinkert und schließt die Augen. Wenn er das hier schnell hinter sich bringt, so denkt er, wird er sicher bald in sein Zimmer gehen und alles vergessen können.

Finns Motivationstaktik funktioniert gut, so lange zumindest, bis der Wattebausch in Kontakt mit seinen Wunden kommt. Es tut nicht sehr weh, nicht so, dass es unter normalen Umständen nicht auszuhalten gewesen wäre. Aber die Umstände sind nicht normal. Ganz und gar nicht und so zuckt Finn nicht nur bei der Berührung zusammen, sondern kann sich auch nicht gegen den starken Reflex wehren, seine Augen zu öffnen.

Als er dies tut, blickt er direkt in das lächelnde Gesicht seines Vaters und erstarrt. Dort, wo bislang dessen rechtes Auge gewesen war, spannt sich glatte, profillose Haut. Finn spürt, wie ein Schrei in ihm wächst. Aber irgendwie schafft er es, ihn zu unterdrücken. Er weiß genau, sollte er jetzt eine Szene machen, würde man ihn ins Krankenhaus, zum Arzt oder sonst wohin bringen. Bis vor wenigen Stunden wäre das für ihn noch kein Drama, sondern höchstens nervig gewesen, denn er hatte gewusst, dass seine Eltern es gut mit ihm meinen.

Doch jetzt ist es anders. Jetzt weiß er weder, ob das noch seine Eltern sind, noch ob der Ort, an den sie ihn bringen würden, gut für ihn wäre.

Finn sieht sich im Wohnzimmer um, sieht den Baum, der nun wieder völlig unschuldig dort steht und hat doch für einen kurzen Moment das Gefühl, er würde sich krümmen. Nicht wie bei einem Windstoß, der gegen den Wipfel drückt, sondern so als ob sich der gesamte Baum samt Ständer ein Stück weit in den Boden hineindrehen würde. Gleichzeitig scheint der Ton des noch immer laufenden Cartoons mal unglaublich laut und dann wieder dumpf und weit entfernt zu klingen und die bekannten Dialoge laufen nicht nur zu schnell ab, sondern klingen zerstückelt, verdreht und werden immer wieder unterbrochen von weißem Rauschen. Noch einmal schließt Finn die Augen, öffnet sie wieder und alles scheint wieder normal. Alles, außer seinen Eltern.

Plötzlich kann er die Berührungen seines Vaters und seiner Mutter kaum mehr ertragen. „Danke, Mama“, zwingt er sich in möglichst freundlichem Ton zu sagen, „das wird jetzt bestimmt heilen. Aber das alles hat mich wirklich angestrengt. Vielleicht sollte ich noch ein paar Stunden schlafen. Ist ja noch früh. Bis die anderen kommen, bin ich sicher wieder fit.“

Während Finn das sagt, springt er so hastig auf, dass er gegen den Tisch stößt und die dort stehenden Tassen gefährlich kippeln und schwappen. Noch immer etwas benommen und zitternd vor Angst quetscht Finn sich am Tisch vorbei, doch seine Mutter hält ihn fest.

Mit klopfendem Herzen dreht er sich um und sieht sie an. Sie hat sich erneut verändert. Ein Teil ihrer Haare ist einfach von ihrer Kopfhaut verschwunden und auch ihre linke Hand existiert nicht mehr. Sie ist einfach am Handgelenk abgetrennt, ohne dabei zu bluten, wobei ihre Rechte ihn umso energischer festhält. Plötzlich fühlt er sich gefangen. Vom Griff und mehr noch von den Blicken seiner schwindenden Mutter und seines einäugigen, ratlosen Vaters. Finn wird übel. Richtig übel.

„Soll ich dich nicht lieber nach oben begleiten?“, fragt seine Mutter und Finn ist kurz davor ein lautes, hysterisches ‚Nein!‘ zu brüllen. „Das ist nicht nötig“, sagt er dann doch so gefasst wie möglich, „ich kann auch alleine gehen. Frühstückt ruhig zu Ende. Ihr könnt ja später nach mir sehen und mich wecken, wenn … wenn ihr wollt.“

Finn zwingt sich zu einem schiefen Grinsen und versucht probeweise seine Hand aus der seiner Mutter zu lösen. Zu seiner großen Erleichterung lässt sie es zu.

„In Ordnung, aber sei vorsichtig, Schatz!“, ruft sie ihm hinterher und in ihrer Stimme schwingt etwas so Besorgtes mit, dass Finn kurz den Drang verspürt, sich noch einmal zu ihr umzudrehen. Doch er weiß nicht, ob er diesen Anblick noch einmal ertragen würde, also beginnt er schweigend die Treppe hochzugehen. Dabei fällt ihm auf, dass die Treppenstufen etwas anders aussehen, als er es gewohnt ist. Einige der Marmorierungen scheinen ihm viel, viel dunkler als zuvor. Fürs Erste schiebt er diesen Eindruck auf seine gereizten Nerven und den Irrsinn, den er gerade erlebt hat.

Dennoch macht er sich ein nervöses und halb ernstes Spiel daraus, diese Flecken bei seinen Schritten auszusparen. Letzten Endes jedoch wird seine Neugier zu groß. Er beugt sich hinab und berührt einen der schwarzen Flecken mit dem rechten Zeigefinger. Sein Finger geht glatt durch das Material hindurch und für einen Moment verspürt Finn einen Luftzug und eine plötzliche Kälte, bevor er seine Hand erschrocken zurückzieht. Eine Kälte, nicht so bitter wie die in der Arktis, aber durchaus wie in der zugigen Fabrikhalle aus seinem Traum.

Finns Angst bekommt neue Nahrung. Er krallt sich fester an das noch immer massive Geländer, um das eine Lichterkette und eine Girlande aus Tannenzweigen geschlungen sind und achtet noch genauer darauf, die dunklen Stellen nicht zu berühren. Schwitzend, schwindelnd und vor Furcht fast völlig gelähmt erreicht er endlich seine Zimmertür, die er mit klatschnassen, rutschigen Händen öffnet. Halb erwartet er, dort nichts als Schwärze oder eine weitere, düstere Traumszene vorzufinden, aber zu seiner Erleichterung hat sich in seinem Zimmer nichts verändert.

Die Weihnachtsdekoration, Poster, die Kalender, sein Laptop, die Actionfiguren und Modellautos, seine Kuscheltiere, sein Schreibtisch, seine Bluetooth-Lautsprecher, sein gut gefülltes Bücherregal, sie alle stehen noch an ihrem Platz.

Dasselbe gilt auch für seine Schlafcouch, die er besser nie verlassen hätte. Die schwarze Matratze mit der weißen Bettdecke liegt noch immer zerwühlt und einladend da. Ein Teil von Finn sehnt sich danach, sich sofort hineinzulegen, sich die Bettdecke über den Kopf zu ziehen und alles zu vergessen, aber das kann er nicht. Noch nicht.

Zum ersten Mal seit Beginn dieses Irrsins hat er die nötige Ruhe, um ein wenig nachzudenken. Also setzt er sich lediglich auf die Bettkante und versinkt in seinen Gedanken, während sein Blick zur Tür gerichtet bleibt, halb fürchtend, halb hoffend, dass seine Eltern ihn besuchen könnten.

Verständlicherweise beschäftigt er sich zunächst mit der Frage, wie all das überhaupt möglich ist, nur um schnell festzustellen, dass er darauf nicht einmal im Ansatz eine Antwort finden kann. Als ähnlich fruchtlos erweist sich die Überlegung, ob er sich gerade in einem Traum befindet oder nicht.

Sollte es ein Traum sein und sollte er irgendwann daraus erwachen, wäre ohnehin alles gut, aber solange muss er davon ausgehen, dass all das hier wirklich geschieht. Viel interessanter ist für ihn ohnehin die Frage, wie es enden wird und was er tun kann, um zu verhindern, dass das, was von seinem Leben übrig ist, auch noch im Chaos versinkt.

Auch wenn Finn es nicht genau weiß, so vermutet er, dass seine Begegnung mit dem kleinen Holzengel und dessen Angriff seine Misere erst so richtig in Gang gesetzt hatte. Hätte er den Schmuck also doch gegenüber seiner Mutter als Übeltäter nennen sollen, damit sie ihn entsorgt oder das gleich selbst versuchen sollen? Hätte ihm das sein normales Leben zurückgegeben? Finn hält das natürlich für möglich, aber so ganz überzeugt ist er nicht. Zum einen ist er nicht sicher, ob seine jetzige „Mutter“ der Figur wirklich Schaden zufügen würde.

Immerhin ist es ja möglich, dass sie und sein Vater mit dem Wesen unter einer Decke stecken. Zum anderen sind da noch diese Träume, diese Visionen von einem anderen Leben, von denen ihn die erste schon heute Morgen heimgesucht hat, noch bevor er die Dummheit besessen hatte, den verfluchten Baumschmuck zu berühren.

Wahrscheinlich steckt also mehr dahinter und der Engel ist gar nicht der Regisseur hinter dieser Horrorshow. Aber wer ist es dann? Welche Mächte könnte ein harmloser Junge wie er so sehr verärgert haben, dass sie ihn derart hassten?

Finn ist nicht religiös, zumal seine Eltern es auch nicht sind, aber er ist auch alles andere als ein Teufel. In der Schule hat er sich nie groß beim Mobbing hervorgetan, für seine Eltern war er bislang auch nicht gerade ein Ärgernis gewesen und wenn es neuerdings eine Sünde war, fiktive Soldaten in Games abzuknallen, dann müsste wohl gerade die halbe Welt einen solchen Horrortrip durchmachen. Nein, er hat niemandem einen Anlass gegeben, ihn zu hassen. Er ist einfach nur ein Junge, der sich bis vor wenigen Stunden noch wahnsinnig auf Weihnachten gefreut hat und da er nicht weiß, wer ihm so übel mitspielt oder warum, kann er auch nichts dagegen tun. Er ist machtlos, begreift Finn resigniert, vollkommen machtlos.

Sein Gehirn, welches sich bisher erfolgreich in kalte Logik geflüchtet hat, erinnert sich bei diesem niederschmetternden Gedanken wieder daran, dass es im Körper eines noch nicht ganz zehnjährigen Jungen steckt und reagiert mit der Produktion einer der wohl verbreitetsten Flüssigkeiten auf dieser Welt: Tränen. Finn, der vollkommen überfordert mit seiner Situation ist, beginnt hemmungslos zu weinen. Ja, die Welle des allzu verständlichen Selbstmitleides, die über ihm zusammenschlägt, ist so heftig, dass sie für einen Moment sogar seine Angst erstickt.

Vielleicht ist es diese Gefühlslage, dieses Verzweifeln an der Welt, diese ungeplante Suche nach Trost in der Trostlosigkeit, die ihn auf einen Gedanken bringt, der ganz und gar nicht aus der Logik, sondern aus einem sehnsüchtigen Rückgriff auf die Vergangenheit geboren ist.

Nein, er hat nie an Gott geglaubt, aber bis vor wenigen Jahren hat er noch an den Weihnachtsmann geglaubt. Ein wohlmeinendes Wesen, dessen ganz reale Macht er jedes Jahr wieder unter dem Weihnachtsbaum zu sehen geglaubt hatte.

Klar, inzwischen weiß er nur zu gut, dass es seine Eltern sind, die ihm seine Geschenke kaufen. Aber nun, da er sich so vollkommen hilflos und allein fühlt, nun da er sich an irgendetwas festhalten will, scheint es ihm nur natürlich, diese Gestalt in seinen Gedanken wiederzubeleben. Wie automatisch wandert sein Blick durch den Raum und bleibt an seinem fast vollständig geplünderten Weihnachtskalender hängen. Darauf ist eben jener Santa Claus abgebildet, einen großen Jutesack auf dem Rücken, der vor Geschenken überläuft, ein gütiges Lächeln im rauschebärtigen Gesicht und umringt von strahlenden, rotbäckigen Kindern, die an diesen Gaben teilhaben wollten.

Auch wenn Finn sich dabei ziemlich albern vorkommt, kniet er sich vor den Kalender, als wäre er ein weiteres dieser gezeichneten Kinder, dem es irgendwie gelungen ist, plastische Gestalt anzunehmen und beginnt ein spontanes, unbeholfenes Gebet.

„Hör zu. Ich … ich … weiß nicht, ob es dich gibt … aber wenn und wenn du es kannst, dann bitte bring mein Leben wieder in Ordnung. Bitte! Was anderes wünsch‘ ich mir nicht. Du kannst alles zurücknehmen, was meine Eltern mir gekauft haben, und es jemand anderem geben. Ich brauche keine Geschenke mehr, auch nicht in den nächsten Jahren. Ich will nur, dass alles wieder so wird, wie es gestern war. Okay? Das ist alles!“

Bei seinen letzten Worten kullern weitere Tränen aus Finns Augen. Er zittert und blickt auf das bemalte Stück Pappe und Plastik, in dem wohl kaum mehr Magie steckt als die, die die darin enthaltenen Schokoladenplättchen auf seinem Gaumen entfalten können. Verloren starrt er auf das Motiv. Sekunden. Minuten. Doch nichts geschieht. Natürlich nicht, was hat er denn erwartet? Dass Santa aus dem Kalender steigen würde, sein goldenes Buch in der Hand, und alles heile zu machen? Das war naiv, aber was soll er denn sonst tun? Alles löst sich vor seinen Augen auf. Er ist ja schon froh, dass sein Bett und sein Zimmer noch existieren. Er mag zu alt sein, um an Wunder zu glauben, aber was er braucht, ist nun mal ein verfluchtes Wunder.

Und genau das bekommt er auch, wenn auch sicher nicht so, wie Finn es sich vorgestellt hat. Das Bild auf dem Kalender verändert sich. Jedoch nicht allmählich, sondern binnen eines einzigen Augenaufschlags. Der bislang so freundliche Weihnachtsmann verzieht seine Augenbrauen zu einem strengen, beinah wütenden Blick. Die Geschenke in seinem Sack weichen leeren, schmutzigen, zerrissenen Paketen, verdorbenen Lebensmitteln und abgenagten, schmutzige Knochen und die Kinder um ihn herum, die nicht mehr länger in freudiger Erwartung, sondern gleichsam flehend und ängstlich zu ihm hinauf sehen sind zu schmutzigen, abgemagerten Fleischskeletten mit eingefallenen, schattenumwölkten Augen geworden.

Das Schlimmste jedoch ist, dass die Figuren sich bewegen. Die verhungernden Kinder regen sich dabei lediglich in kurzen, abgehackten, sich wiederholenden Schleifen, wie animierte Figuren auf einem GIF. Der Weihnachtsmann jedoch dreht seinen bärtigen Kopf so geschmeidig wie ein lebendiges Wesen und sieht Finn direkt an. Mehr tut er nicht. Er spricht nicht, steigt nicht aus dem Bild heraus, aber das muss er auch gar nicht. Nichts davon hätte Finn mehr Angst einjagen können als dieser Blick. Er ist so streng, so unnachgiebig, so tadelnd, dass Finn verschüchtert zusammenzuckt.

Wenn das die Antwort auf sein Gebet ist, gibt es keine Hoffnung mehr für ihn. Dennoch kann er seinen Blick nicht von dem Kalender und den strengen, dunkelgrünen Augen des mitleidlosen Geschenkebringers lösen. Zumindest so lange nicht, bis die schrecklichen, darbenden Kinder ihre Animation beenden, ihre leichenblassen Gesichter vom Weihnachtsmann abwenden und Finn ebenfalls ansehen.

Wie bei einer einstudierten Choreografie zeigen sie mit ihren gemalten Fingern anklagend auf ihn und krümmen sie dann zu einer lockenden, auffordernden Geste, nicht unähnlich der des Engels. Gleichzeitig tut sich im Mantel des Weihnachtsmannes ein schwarzes, sternengefülltes Loch auf, wie es Finn nur allzu gut bekannt ist. Ein muffig riechender Wind erhebt sich, bringt seine Vorhänge, seine Poster und Spielzeuge zum wackeln und übt einen kräftigen, gierigen Sog auf ihn aus. So kräftig, dass Finn enorme Mühe hat, sich dagegen zu wehren. Zentimeter für Zentimeter rutscht er auf die Wand mit dem Kalender zu, während sich das funkelnd-schwarze All und der trostlose Planet darin immer weiter vergrößern.

Erst als der Strudel so groß geworden ist, dass er fast den gesamten Kalender und die Wand dahinter einnimmt, überwindet Finn seine Schreckstarre. Er klammert sich mit den Fingern an der Bettkante fest und zieht sich mit seiner gesamten Kraft von seiner Schlafcouch herunter. Trotz der geringen Fallhöhe schlägt er hart und schmerzhaft auf dem Boden auf, während der stinkende Wind um seine Ohren pfeift und vielstimmiges Klappern und Rascheln seinen Kopf erfüllt.

Ihm selbst scheint sein Bett jedoch etwas Schutz zu gewähren und so klammert er sich mit beiden Händen daran fest, während sich der mysteriöse Wind zu einem Sturm verstärkt … und dann urplötzlich abebbt.

Einige Minuten verharrt Finn vollkommen regungslos, den Kopf fest in den schwarzen Batman-Teppich vor seiner Schlafcouch gepresst. Dann erst bringt er den Mut auf, über das schützende Hindernis hinweg zur Wand zu blicken. Der unheimliche Sternenhimmel ist verschwunden. Auch der Kalender hängt nicht länger an der Wand, sondern liegt umgedreht auf seiner Matratze. Ist es vorbei? Vorsichtig und immer noch etwas skeptisch, streckt er seine rechte Hand aus und angelt nach dem Kalender. Als er ihn schließlich berührt, rechnet er halb damit, dass etwas Schlimmes geschehen wird. Dass der Kalender sich wie ein hungriger Mund um seine Hand schlingen, das Papier und das scharfe Plastik ihn verstümmeln oder sich erneut ein Tor nach … wohin auch immer … öffnen wird. Da dies aber nicht geschieht, zieht er den Kalender zu sich heran und bemerkt dabei, dass auf dessen Rückseite anstelle von Werbetext und Nährwert-Angaben etwas Neues geschrieben steht.

„Dem Ausgleich hast du dich entzogen

Obgleich der Wunsch längst abgewogen

Nun wirst du frieren, leiden, schwinden

Dich gänzlich einsam, hilflos finden

Wenn erst die Schatten dich umkreisen

Die lauten und noch mehr die leisen

dann liegt dein letzter Ausweg hier

Verborgen in der letzten Tür.“

Finn runzelt die Stirn und fragt sich, was ihm diese Worte sagen sollen. Ist es eine Antwort des Weihnachtsmannes auf seine Bitte? Irgendwie kann er sich gut vorstellen, dass diese saubere, schwungvolle und goldene Schrift aus seiner Feder stammt. Aber was hatte er getan, dass er so eine düstere Drohung verdient hatte? Wurde von ihm verlangt, dass er sich diesem unheimlich Sog hingibt? Dass er diese unbekannte, unheilvolle Welt betritt? Aber warum? Er hatte nichts angestellt, das so eine Strafe rechtfertigen würde und er will dort nicht sein, um keinen Preis. Allein die Vorstellung lässt seine Adern gefrieren.

Nein, schwört er sich, er wird sich dem Wunsch dieses bärtigen Tyrannen nicht beugen. Eine heftige, trotzige Wut steigt in Finn auf und er ist kurz davor den Kalender zu zerreißen, als ihm die letzten beiden Zeilen des kleinen Gedichts in den Sinn kommen:

„… dann liegt dein letzter Ausweg hier. Verborgen in der letzten Tür.“

Da Finn nicht gerade ein dummer Junge ist, ist ihm relativ schnell klar, worauf die etwas kryptische Botschaft abzielt. Er dreht den Kalender um und erschrickt, als er feststellt, dass dieser noch immer die düstere, anklagende Szene zeigt, die er zuletzt abgebildet hatte, die sich jedoch wenigstens nicht mehr bewegt. Auch deshalb hält er dem abscheulichen Anblick stand und sucht nach dem vierundzwanzigsten Türchen, das nun unter dem hinkenden, mit Lumpen umwickelten Fuß eines hohläugigen Mädchens verborgen liegt. Er schiebt seinen Fingernagel in den vorgestanzten Rand und öffnet es.

Darin liegt ein Schokotäfelchen, jedoch nicht in irgendeiner weihnachtlichen Form, wie er es von den anderen Kalendertürchen gewohnt ist, sondern in Gestalt eines detailliert ausgearbeiteten Schlüssels. Vorsichtig nimmt Finn das Stück Schokolade heraus und inspiziert es. Es scheint ein ganz gewöhnliches Schokoladentäfelchen zu sein, auch wenn es vom Stil her nicht so recht zum Rest des Adventskalenders passen will. Er betrachtet die Zeichnung hinter dem eingezogenen Plastikrahmen. Darauf ist eine rostige Tür dargestellt. Mechanisch, bedrohlich und so kalt, wie die Welt in seinen Träumen. Finn zählt eins und eins zusammen. Er weiß, was es bedeutet, was er damit tun soll. Und das steigert seinen Hass auf den Weihnachtsmann ins Unermessliche.

Mit einem zornigen Ächzen zerbricht Finn das Täfelchen in seiner Faust und wirft die Stücke einfach achtlos auf den Teppichboden. „Du kannst mich mal!“, schreit er dem böse blickenden Weihnachtsmann auf dem Kalender entgegen und zerreißt nun doch noch den Kalender. Ein Teil von ihm fragt sich bereits eine Sekunde danach, ob das wirklich so klug gewesen war, aber gleichzeitig tut es so gut, all seine aufgestaute Angst, Ratlosigkeit und Wut endlich entladen zu können, dass er sich nicht groß darum schert.

Doch was soll er jetzt tun? Wenn der Weihnachtsmann ihm ein Feind und keine Hilfe ist, wer ist es dann? Soll er sich seinen Eltern endlich offenbaren? Steckten sie vielleicht noch immer in ihren verschwindenden Körpern und können ihm irgendwie zur Seite stehen? Finn möchte das glauben, aber zugleich hat er zu viel Angst davor, was er vorfinden wird, wenn er jetzt einfach wieder nach unten geht. Vielleicht sind seine Eltern längst verschwunden oder zu etwas geworden, dass ihm ganz und gar nicht helfen will.

Soll er also lieber die Polizei rufen? Oder besser einen Arzt? Und was soll er machen, wenn die Schatten kommen, von denen das Gedicht geredet hat? Ist das überhaupt mehr als eine gemeine Drohung, die ihm Angst machen soll? Finn will noch immer keine Antwort auf all diese Fragen einfallen, aber er ist fest entschlossen, eine zu finden.

Er rückt sein Bett ein Stück von der Wand weg, um nicht direkt im Schlaf von ihr eingesaugt zu werden, falls Santa Claus noch einmal ein Attentat auf ihn verüben würde. Dann legt er sich auf den Rücken und sieht verzweifelt und nachdenklich zur Decke hinauf, bemüht darum, nicht ständig ängstlich in die dunkleren Bereiche seines verwüsteten Zimmers zu blicken. Als ihm das schließlich gelingt, beginnen seine Gedanken zu kreisen und beenden ihre kurze, fruchtlose Reise in einem tiefen, beinah traumlosen Schlaf.

Der einzige Traum, der ihm begegnet, ist nur wenige Sekunden lang. Er zeigt den zerlumpten, verhärmten Jungen, der einen schmutzigen, gerollten Zettel aus seinem Mantel zieht und ihn behutsam und zitternd in steinerne, dicke Hände legt. Hände, die aus einem Grabstein ragen, der so üppig und groß ist, dass er mehr einer Statue oder einem Denkmal ähnelt. Ein schwarzes, drei Meter hohes, flaches Ungetüm, an dessen Rändern sich steinerne Kugeln, Schleifen und Tannenzweige wie Obst aus dem Füllhorn eines Gottes ergießen. Kaum da der Junge die Rolle fallengelassen hat, zieht er die eigenen Hände fluchtartig zurück, während sich die steinernen Pranken wie ein Schnappverschluss um die dargereichte Gabe schließen. Dann endet der Traum und verliert sich in einem Strom aus Gefühlen. Eine seltsame Mischung aus Angst, Hoffnung, Vorfreude und Glück, das so stark ist, wie nichts, was Finn oder auch dieser Junge je zuvor empfunden hat.

Als Finn wieder aus seinem ungewollten Schlaf erwacht, ist es draußen bereits dunkel geworden. Aus den harmlosen, winzigen Schatten hinter verschobenen Möbeln und umgekippter Deko ist ein Meer aus Finsternis geworden, welches lediglich von der Straßenlaterne in der Nähe seines Fensters ein wenig eingehegt wird. Das fremdartige Glücksgefühl ist wie weggeblasen. Stattdessen ist Finn beinah gelähmt vor Angst und dass er während des Schlafs nicht gefressen oder eingesaugt wurde, macht es nicht wirklich besser.

Wer sagt ihm denn, dass man nicht nur darauf gewartet hat, dass er endlich wach wird, und die Show so richtig genießen kann? Zitternd blickt er sich im Zimmer um. Keiner der Schatten bewegt sich und es erscheinen auch keine gefräßigen Strudel oder zum Leben erwachten Spielzeuge. Dennoch hat er das Gefühl, dass sich alles hier fremder anfühlt als sonst. Dünner. Er muss wieder an die Drohung des Weihnachtsmannes denken, aber schon, um nicht sofort den Verstand zu verlieren, schiebt er den Eindruck einmal mehr auf seine überreizten Nerven und seine bisher durchgestandenen Erlebnisse. Ein Blick auf seine Wanduhr verrät ihm, dass es bereits Viertel nach sieben ist. Die Bescherung und das Abendessen müssen längst angefangen haben und doch haben seine Eltern noch nicht nach ihm gesehen.

Ein dicker Kloß wächst in Finns Hals. Sind sie jetzt ganz verschwunden? Ist er jetzt völlig allein mit dem, was auch immer hier jetzt wohnt?

„Nein, das darf nicht sein“, flüstert er, in dem Versuch diesen Gedanken zu verscheuchen und schüttelt dabei selbstbestätigend den Kopf. Um sich aber wirkliche Gewissheit zu verschaffen, gibt es nur einen einzigen Weg.

Unsicher erhebt er sich aus seinem bequemen Rückzugsort und tritt in die mit Teppichboden ausgelegte Schwärze hinein, die ihm tiefer und undurchdringlicher erscheint, als in gewöhnlichen Nächten. Fast hat er dabei das Gefühl, dass zähes, kaltes Wasser seine Knöchel umspielt, doch der Luftwiderstand ist ganz normal und auch als er aus seinem Zimmer hinaus in den hell erleuchteten Flur hechtet, sieht dieser aus wie gewohnt. Abgesehen davon, dass alles leicht schräg wirkt und von einer feinen, unscharfen, matt glitzernden Aura umgeben ist, die ihm das Gefühl gibt, plötzlich eine Brille zu brauchen. Es ist nicht so, dass er seine Umgebung überhaupt nicht mehr erkennt, aber alles ist verschmiert, unscharf und im unangenehmsten Sinne des Wortes „traumhaft“.

Dennoch geht er weiter, denn in seinem unheimlichen Zimmer zu bleiben und darauf zu warten, dass ihn irgendjemand – oder irgendetwas – holt, erscheint ihm auch nicht gerade verlockend. Er passiert das kleine Badezimmer, das zur oberen Etage gehört. Die Tür steht einen Spalt offen und neben den skeletthaften, um wenige Grad gekippten Silhouetten von Waschbecken, Toilette und Dusche sieht er darin auch eine Dunkelheit, deren Ränder so unscharf und zugleich so präsent sind, dass er den Eindruck hat, sie wolle jeden Moment aus dem Zimmer herausschwappen. Einen Sekundenbruchteil sieht er dort auch silbrige Reflexionen. Sind das Wasserhähne und Handtuchhalter – oder eher Augen?

Finn spürt kalten Schweiß an seinen Fingern und macht instinktiv einen weiten Bogen um die Badezimmertür, während er die Treppe betritt. Von unten erklingt Weihnachtsmusik. „Ihr Kinderlein kommet“, um genau zu sein, jedoch ist der Gesang etwas zu langsam. Nicht so sehr, dass die Sängerin wie ein Ungeheuer klingt, aber dennoch langsamer als er sein sollte. Dasselbe gilt für die Stimmen seiner Eltern, die wie aus weiter Ferne zu ihm nach oben dringen. Auch sie erwecken den Eindruck, in 0,8-facher Geschwindigkeit abgespielt zu werden. Obwohl all das nicht gerade einladend wirkt, zwingt sich Finn nach unten zu gehen. Immerhin scheinen seine Eltern und auch seine anderen Verwandten ja noch am Leben zu sein. Das ist doch ein gutes Zeichen, oder nicht? Und selbst, wenn nicht, wo sonst soll er hin?

Bei jedem Schritt achtet er sorgsam auf seine Füße, um nicht doch noch in irgendeinen Strudel gesogen zu werden. Aber das erweist sich als unnötig. Die Stufen sehen diesmal unverdächtig aus, abgesehen davon, dass auch sei unscharf, schräg und verschwommen wirken.

Mit jeder Stufe, die Finn nach unten geht, verwandelt sich seine ohnehin schon geringe Zuversicht noch weiter in Angst. Angst davor, was er dort unten sehen könnte und was womöglich aus seinen Eltern, seinem Onkel, seiner Tante und seinen Großeltern geworden ist.

Was er dann tatsächlich erblickt, als er das Wohnzimmer betritt, ist nicht so schlimm wie befürchtet, aber doch schlimm genug. Auf den ersten Blick wirkt alles, wie bei einem ganz gewöhnlichen Weihnachtsabend. Sein Onkel Thorsten, seine Tante Rosie, seine beiden Großmütter Brigitte und Frieda, sowie seine Großväter Hans und Herbert sitzen gemeinsam mit seinen Eltern am großen, extra ausgezogenen Esstisch. Vor ihnen Weine und Limonaden, Nudel- und Kartoffelsalat, Fleisch und Fisch und Schalen mit Klößen und Gemüse. Dazwischen kleine Porzellanweihnachtsmänner, Tannenzweige, mit Sternen bedruckte Servietten und flackernde Kerzen und Teelichter, deren Lichtschein unter dem traumhaften Schmierschleier wie verlaufende Tinte ineinander verschwimmen.

Finns Platz ist als einziger nicht besetzt, was niemanden zu stören scheint.

Die Körper seiner andere Verwandten wirken erfreulich normal und menschlich, doch seine Eltern sind leider genauso unvollständig, wie sie es gewesen waren, bevor Finn sich hingelegt hat. Mehr noch, sie haben sich weiter verändert. Bei seinem Vater ist nun nicht länger nur ein Auge, sondern auch seine Nase flacher Haut gewichen und bei seiner Mutter fehlen inzwischen beide Hände, weswegen sie die einzige ist, die sich nicht an dem Festmahl beteiligt. Die anderen jedoch essen mit großem Appetit und unterhalten sich angeregt, wobei es ihm schwerfällt, einzelne Wörter oder Sätze herauszuhören.

Noch hat ihn niemand bemerkt und so recht weiß er nicht, ob er das bedauern oder sich darüber freuen soll. Sein Blick wandert zu dem reich geschmückten Weihnachtsbaum, an dem noch immer der verhängnisvolle Mondengel hängt. Inzwischen wirkt die kleine Figur beinah wie ein wahrhaftiger, herabgestiegener Diener Gottes, da die Lichter des Baumes lange Schlieren und zähe Nachbilder in Finns Augen erzeugen und den Engel so in einen goldenen Glorienschein hüllen. Doch löst dieser Anblick alles andere als Ehrfurcht in Finn aus. Vielmehr wird ihm beinah schlecht vor Hass. Er fragt sich, ob alles anders gekommen wäre, wenn er dieses unselige Ding nie berührt hätte. Für einen Moment denkt er darüber nach, diesen teuflischen Anhänger einfach zu zerstören, aber gleichzeitig fürchtet er sich vor der Berührung und davor, seine Situation dadurch noch weiter zu verschlimmern. Denn wenn er in den letzten Stunden eines gelernt hatte, dann, dass es immer noch schlimmer kommen konnte.

Also beherrscht er seine Zerstörungslust und sieht stattdessen zum Boden hinab. Die meisten Pakete unter dem Baum sind bereits geplündert worden. Davon zeugt zerrissenes Geschenkpapier, aber auch eine Reihe von Büchern, Klamotten, Süßigkeiten und ähnlichen Gaben, die ausgepackt und unbeachtet herumstehen. Offenbar hatte man die Bescherung wirklich ohne ihn durchgezogen und seine Eltern hatten es nicht für nötig gehalten, ihn zu wecken und zu sich zu holen und auch seine Tante, sein Onkel und seine Großeltern hatten nicht nach ihm gefragt.

In die nagende Angst, in ihm, mischt sich Enttäuschung. Selbst, wenn seine Eltern sich aus irgendeinem abgefuckten Grund völlig verändert haben, so tut es ihm doch weh, dass sie sich überhaupt nicht mehr um sein Wohlergehen sorgen und keinen Wert auf seine Gesellschaft legen. Und wenn das wirklich der Fall ist, dann hat er auch von ihnen keine Hilfe mehr zu erwarten.

Mit einem Mal fühlt Finn sich unendlich einsam. So einsam und vergessen, wie nie zuvor in seinem Leben. Und weil das so ist, hat er praktisch keine andere Wahl, als die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ungeachtet der Konsequenzen.

„Hallo, habt … habt ihr schon ohne mich angefangen?“, stellt er unsicher seine eigentlich obsolete Frage.

Mehrere Köpfe fahren herum, jedoch nicht die seine Eltern. Dafür sehen seine anderen Verwandten genau in seine Richtung, und zwar dermaßen synchron, dass man glauben könnte, sie folgten dem Befehl eines unsichtbaren Dirigenten. Nun, da sie ihn ansehen, erscheinen ihm die Gesichter seiner Verwandten eigenartig, ja beinahe so, als wären sie nur lose auf ihre Köpfe gelegt.

Auch ihre Gesichtsausdrücke passen nicht zu dem feierlichen Anlass. Sie sind nicht wirklich böse oder bedrohlich, aber auch alles andere als herzlich. Sie erinnern ihn an die Blicke von Lehrern, die einen Schüler während des Unterrichts im Flur beim Rauchen erwischt haben. Es scheint ihm beinah, als wären sie der einhelligen Meinung, dass er nicht hier sein sollte. Da sie es jedoch bei ihren missbilligenden Blicken belassen, kehrt Finn ihnen den Rücken zu, fasst all seinen Mut zusammen und tippt seinem Vater auf die Schulter.

Darauf immerhin reagiert er.

„Oh, hallo Finn. Schön, dich zu sehen. Setz dich doch“, sagt er unbekümmert und beschenkt ihn mit einem freundlichen Lächeln.

Auch wenn sein halb verschwundenes Gesicht diesem Lächeln etwas Gespenstisches gibt, tun diese Worte unheimlich gut. Finn folgt einem kindlichen Impuls und schließt seine Arme um seinen Vater.

Der erwidert die Umarmung und die echte, vertraute Körperwärme vertreibt fast den Schrecken aus seinem Herzen. Als Finn sich aber schließlich aus der Umarmung löst, kehrt er fast umgehend zurück. Das Lächeln seines Vaters verschwindet augenblicklich und er wendet sich wieder seinem Essen zu, ganz als wäre überhaupt nichts geschehen.

„Hey, Papa!“, versucht es Finn noch einmal, „warum habt ihr mich nicht geweckt?!“

Dieses Mal jedoch beachtet ihn sein Vater nicht. Ob es daran liegt, dass nun auch noch sein zweites Auge verschwunden ist oder daran, dass er sich mit leidenschaftlicher Hingabe Kloßteig in seinen unablässig kauenden Mund stopft, kann Finn nicht sagen.

„Papa! Verdammt! Rede mit mir!!“, krächzt Finn verzweifelt.

Ein mahnendes Räuspern dringt an Finns Ohr. Aus dem Augenwinkel fängt er einen strengen Blick von Opa Herbert auf.

„Setz dich“, antwortet sein Vater nun doch schmatzend, jedoch mehr als beiläufig, während ihm etwas Kloßteig aus dem Mund rutscht und neben seinen soßenverschmierten Teller fällt.

Finn gehorcht und nimmt niedergeschlagen neben seiner Mutter Platz. Für eine Schrecksekunde hat er das Gefühl, direkt durch den Stuhl hindurchzufallen, doch ehe das geschehen kann, erinnert sich die Sitzfläche an ihre Funktion und verhindert seinen Sturz. Mit leerem Blick starrt Finn auf den Teller, die Gabel und vor allem das scharfe Messer vor ihm. Dabei befallen ihn Gedanken, die niemanden – schon gar nicht einen Jungen in seinem Alter – je heimsuchen sollten. Statt diesen dunklen, zerstörerischen Impulsen jedoch nachzugeben, sieht er Hilfe suchend zu seiner Mutter. Ihre Augen sind noch da und anders als in denen seiner Onkel, Tanten und Großeltern, ja selbst seines Vaters, entdeckt er darin echtes Erkennen … und Mitgefühl. Dass sie trotzdem immer noch nicht mit ihm geredet hat, mag daran liegen, dass auch ihr Mund mittlerweile nicht mehr ist als ein gähnendes Loch.

„Mama“, flüstert Finn tonlos, „hilf mir!“, auch wenn er selbst nicht weiß, wie sie das hätte bewerkstelligen sollen.

Aber sie will ihm antworten. Das spürt er, erkennt es in ihren Augen. Doch es gelingt ihr nicht. Alles, was sie tun kann, ist, ihren Sohn in die halb verschwundenen Arme zu nehmen. Finn flüchtet sich in diese Umarmung, versinkt darin, hoffend, Schutz vor diesem ungerechten Wahnsinn zu finden, der dabei ist, sein Leben zu verschlingen.

Finn breitet seinerseits die Arme aus, um sie um die Hüften seiner Mutter zu schließen und knallt hart mit dem Gesicht gegen die Stuhllehne, als er dabei ins Leere greift. Benommen rappelt er sich auf und sucht nach seiner Mutter. Sie ist noch da. Gewissermaßen. Ihr mundloser Kopf schwebt wie das Produkt einer bizarren Doppelbelichtung aus einer alten Fotografie einfach in der Luft. Der Rest von ihr jedoch, ist verschwunden.

„Nein!“, fleht Finn, dessen Verstand kurz davor ist, sich im Wahn zu verlieren, den stummen Tadel seiner gleichgültigen Verwandtschaft ignorierend, „geht nicht weg, Mama. Bitte, lass mich nicht allein!“

„Sie ist nicht weg, nicht wirklich. Sie wechselt nur die Blickrichtung. Und das tut sie sehr widerwillig. Das ist ein Zeichen großer Liebe. Deshalb verblasst sie, anstatt sich zu verschließen“, hörte er hinter sich die Stimme eines Jungen. Finn drehte sich um und erstarrt. Unweit des verschwommenen, festlich gedeckten Tisches steht ein dünner, blasser, lumpiger Junge, dessen erschöpftes Gesicht er sehr gut kennt. Es ist der Junge aus seinem Traum. Doch anders als dort, lächelt er. Es ist kein böses, kein schadenfrohes Lächeln. Eher wirkt es erleichtert und fast ein wenig mitfühlend, auf eine ehrliche, wohlwollende Art.

Dadurch wirkt er sympathisch, ja sogar fast wie jemand, mit dem Finn unter anderen Umständen gerne Freundschaft geschlossen hätte. Doch leider sind die Umstände nicht anders und das Auftauchen des Jungen löst bei ihm eher Zorn als Wohlwollen aus.

„Was meinst du damit?!“, fährt Finn den Jungen an, „Was weißt du über das, was mit mir passiert? Bist du dafür verantwortlich?“

Der Junge zuckt verlegen mit den Schultern, „Ja und Nein. Es war mein Wunsch. Aber ER ist es, der ihn erfüllt.“

Finn nimmt an, dass mit „ER“, Santa Claus gemeint sein muss.

„Dann nimm deinen Wunsch zurück“, verlangt Finn, „sofort!“

„Das geht nicht“, erwidert der Junge bedauernd, aber entschlossen, „und selbst wenn doch, würde ich es nicht tun. Das würdest du an meiner Stelle auch nicht.“

„NINM IHN ZURÜCK!!“, wiederholt Finn wütend. Einem Impuls folgend nimmt er das scharfe Messer von seinem Platz, umrundet den Tisch und eilt auf den Jungen zu. Er will ihn nicht töten, so weit ist er noch nicht, aber er will ihm weh tun, und ihn so dazu bringen, seinen grausamen Wunsch doch irgendwie rückgängig zu machen. Doch aus diesem Vorhaben wird nichts. Nur wenige Zentimeter von dem Jungen entfernt, prallt Finn auf eine unsichtbare, aber undurchdringliche Barriere.

Dreimal versuchte Finn sie zu überwinden. Er rennt, tritt und wirft sich dagegen, aber als das immer noch nichts bringt, lässt er schließlich das Messer fallen und sinkt auf die Knie. Hilflos sieht er den fremden Jungen an. Seinen Meister, seinen Gott, ob es ihm nun gefiel oder nicht.

„Du kannst mich nicht berühren“, erklärt der Junge ruhig, „wir wandeln auf getrennten Pfaden. Eigentlich solltest du überhaupt nicht mehr hier sein. ER … ER hat mir versichert, dass du schon das Tor betreten haben wirst, wenn ich den Wechselweg beschreite.“

Finn versteht nur die Hälfte, von dem, was der Junge da sagt. Aber selbst das, was er versteht, will er eigentlich gar nicht verstehen.

„Warum hasst du mich so sehr?“, fragt Finn schmerzerfüllt und blickt vor Angst und Verzweiflung zitternd in die dunklen, erschöpften Augen des Jungen. Augen, die die Hölle gesehen hatten und jedem, der sie ansah davon berichteten.

„Ich hasse dich nicht“, erwiderte der Junge nachdenklich, „und glaub mir, ich wünschte mir wirklich, dass es einen anderen Weg geben würde, dieses … Leben zu verlassen und Glück, Liebe und eine echte Familie zu finden. Aber den gibt es nicht. ER war der einzige, der mir helfen konnte und sein Spiel hat Regeln. Strenge Regeln, die niemand brechen sollte, dem etwas an seinem Leben liegt.“

„UND WAS FÜR GOTTVERDAMMTE REGELN SIND DAS!?“, brüllt Finn in einem erneuten, kurzen Zornesausbruch, wie ein ersterbender Motor, der sich ein letztes Mal störrisch aufbäumt.

„Ein Leben für ein Leben. Einen Platz für einen Platz. Was ich an ihn herantrug, war ein mächtiger, großer Wunsch, wie man ihn nur alle dreißig Jahre äußern kann, wenn man sich bis dahin zurückhält. Und das ist schwer, glaub mir. Es gibt andere Wünsche, die er erfüllen könnte. Man möchte eine schmackhafte Mahlzeit, etwas Wärme, ein paar Stunden Freizeit, saubere Kleidung, fröhliche Gesellschaft, eine Nacht friedlichen Schlaf. Aber man beherrscht sich, so gut man kann, weil die Flucht, weil der Neuanfang das Wichtigste ist. Und dann, wenn man seinen Wunsch schließlich ausspricht, wenn man ihn auf den kostbaren zerknüllten Zettel schreibt, den man seit Jahren in seinen Lumpen verborgen gehalten hat, dann erfüllt er ihn. Ohne Wenn und Aber.“

„Ich habe mir auch etwas gewünscht“, wimmerte Finn schluchzend, „ja, ich habe sogar zu ihm gebetet und nur Spott und Tadel geerntet. Obwohl ich nichts Böses getan habe. Das ist nicht gerecht.“

Finn lachte bitter. Es war eine Bitterkeit, wie sie nur eine einst reine Seele entwickeln konnte, die man jahrelang in Zynismus gehärtet hatte. „Santa geht es nicht um Moral und schon gar nicht um Gerechtigkeit. Es geht ihm allein um Gehorsam. Und der wird belohnt. Meistens zumindest. Und wenn sich zwei Wünsche widersprechen, gewinnt der ältere und stärkere. Außerdem hast du keinen Grund, dich zu beschweren. Du hast in Glück und Überfluss gelebt, für fast zehn Jahre. Diesen Luxus hatte ich nicht, auch nicht in der Zeit vor meinem Dienst. Erst heute werde ich ihn endlich erleben können. Wenn du nach Gerechtigkeit suchst: Da hast du sie.“

Die letzten Worte spricht der unbekannte Junge in einem Tonfall aufrechter Empörung aus. Und jedes davon fühlte sich wie ein Schlag in Finns Gesicht an.

„Was wird jetzt mit mir passieren?“, fragt Finn leise.

„Du wirst meinen Platz einnehmen, so wie ich deinen“, sagt der Junge und kann sich ein vorfreudiges Glucksen nicht verkneifen, „ich werde alles genießen: Gutes Essen, Wärme, Spiel, Spaß und Geborgenheit. Vor allem Geborgenheit. Ich werde erwachsen werden und all den Schrecken der letzten Jahre vergessen. Und du wirst arbeiten. Tag um Tag. In der Fabrik.“

Die Fabrik. Die Fabrik aus seinem Traum. Die maschinelle, entmenschlichende Hölle unter wachsamen, bösen Augen. Schon der Gedanke daran lässt Finns Magensäure in seine Kehle schießen.

„Es ist nicht so schlimm“, versucht der Junge Finn zu trösten. „Nein, es ist schlimm“, korrigiert er sich nach kurzem Zögern, „sehr schlimm sogar. Aber man kann es überstehen, wenn man gehorcht. Wenn man sie nicht verärgert und tapfer durchhält. Ich habe es geschafft. Das … das wird dir auch gelingen.“

Finn sieht in das verlebte Gesicht und die stumpfen, müden, bitteren Augen seines gleichaltrigen Pendants und erkennt darin seine eigene Zukunft.

„Was hat Santa überhaupt davon, wenn ich in der Fabrik arbeite? Was stellt man dort her?“, fragt Finn aus einer spontanen Eingebung heraus, auch wenn diese Frage eigentlich gerade so ziemlich die letzte ist, die ihn beschäftigt.

„Glück“, erklärt ihm der Junge, „Glück für Menschen wie dich … und nun auch für mich. Aber nicht irgendein Glück, sondern das Weihnachtsgefühl, das die Festtage für euch … für uns … so besonders macht. Das zumindest hat ER mir erzählt. Ich weiß aber nicht, wie genau es entsteht. Manchmal glaube ich, es fließt direkt aus uns … aus den Arbeitern heraus, wird uns abgesaugt wie Milch aus dem Euter einer Kuh. Vielleicht kommt es aber auch von irgendwo anders her. Ich weiß es nicht genau. Wie sollte ich auch, weder zu mir noch zu den anderen hat man je ein Wort darüber verloren. Vor heute Abend hat nicht einmal ER mit mir gesprochen. Fast alles, was ich weiß, musste ich mir selbst zusammenreimen. Es gibt keine Einweisung, keine Schulung. Die Augen reden nicht mit uns, nehmen nie Kontakt zu uns auf. Außer zu jenen, die einen Fehler machen. Die … werden geholt und … weggebracht.“

Ein Schatten verdunkelt sein Gesicht und er gerät ins Stocken als ihn jene Erinnerungen heimsuchen. „Du musst es einfach nur formen. Dir die Handgriffe von den anderen abschauen. Sie geben dir einen Tag zum Lernen, in dem sie dir Fehler verzeihen oder sie zumindest nicht direkt bestrafen. Dann musst du es können. Fehlerlos. Und es fortan täglich tun. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.“

„Was, passiert, wenn ich mich weigere?“, fragt Finn mit einem Trotz, der nicht aus Willensstärke, sondern allein aus unerträglicher Angst heraus geboren ist.

„Auch das weiß ich nicht genau“, sinniert der Junge nachdenklich, „aber ER hat mich davor gewarnt, hier zu lange zu verweilen. ER meinte, SIE seien nicht gnädig, wenn man zu lange in der Zwischenwelt verweilt. ER meinte, SIE, die Schatten, seien die wilderen, bösartigeren Verwandten der Augen in der Glücksfabrik und wenn du einige Tage dort verbracht hast, wirst du verstehen, warum mir dieser Gedanke solche Angst macht. Ich muss los. Es tut mir leid. Wirklich!“

Kaum, da er diese Worte ausgesprochen hat, beginnt sich mitten im Wohnzimmer ein Tor zu öffnen. Kein schwarzer Strudel mit funkelnden Sternen, sondern ein verkleinerter Ausschnitt ebenjenes Zimmers, indem sie sich gerade befinden. Mit dem Unterschied, dass alles ganz alltäglich aussieht. Nichts ist verschwommen, seine Eltern sind vollständig und glücklich und statt Beklemmung und Angst ist der Raum von festlicher Geborgenheit erfüllt.

Finn erscheint es wie ein Paradies. Ein Paradies, das ihm noch heute Morgen zwar schön, aber auch banal und selbstverständlich erschienen wäre. Instinktiv strebte er auf das Tor zu, will ebenfalls an diesem Tisch Platz nehmen, aber die unsichtbare Barriere hält ihn zurück. Enttäuscht schaut er zurück zu seinem Gegenüber und seine Augen weiten sich in Entsetzen. Der Junge ist verschwunden. An seiner Stelle steht nun eine perfekte Kopie von ihm selbst, mit dem einzigen Unterschied, dass jene Version von ihm unfassbar glücklich zu sein scheint.

„Bitte, nimm mich mit!“, sagt er zu seinem Spiegelbild. Flehend und demütig, weil er für Zorn keine Kraft mehr hat.

„Das geht nicht“, sagt der Junge, der nun er ist, mit seiner eigenen Stimme, „wir sind Wechselbälger und ein Tausch ist ein Tausch. Du hast deinen eigenen Pfad. ER wird ihn dir gezeigt haben. Und ich empfehle dir, ihn zu beschreiten. Bevor es zu spät ist.“

Mit diesen Worten betritt er das Tor, steigt einfach hindurch und Finn muss mit ansehen wie diese Version seiner Selbst am weihnachtlich gedeckten Tisch Platz nimmt, seiner überraschten Mutter einen Kuss aufdrückt und beginnt sich den Teller mit Speisen vollzuladen. Finn beobachtet, wie die Version seiner Mutter auf der anderen Seite in seine Richtung sieht, ja, IHN ansieht, als würde ein Teil von ihr noch ahnen, dass dort ihr wirklicher Sohn steht, vielleicht ein letztes Mal, bevor dieser Zweifel für immer verschwindet. Entgegen jeder Vernunft wirft sich Finn noch einmal mit aller Macht gegen die Barriere. Aber natürlich geschieht nichts. Genauso gut hätte er versuchen können, mit seiner Faust eine Ziegelmauer zu sprengen.

„Mach das Tor wieder auf!“, brüllt Finn noch einmal, „mein Gott, mach es auf! Ich habe das nicht verdient! ICH HAB ES NICHT VERDIENT!“

Hinter ihm erklingt ein zischendes, wütendes Wispern, dem er in seiner Verzweiflung keine Beachtung schenkt. Er hat nur Augen für diesen winzigen Ausschnitt seines einstigen Lebens, welches fortan einem anderen gehören soll. Noch immer hofft er auf ein Wunder, eine überraschende Wendung, darauf, dass das alles nur irgendeine moralische Lektion gewesen war, die letztlich in einem Happy End münden muss. Doch kein Weg tut sich für ihn auf und niemand in diesem andersweltlichen Diorama beachtet ihn jetzt mehr. Auch seine Mutter nicht. Warum auch? Ihre kleine Familie ist wieder vollständig, war es immer gewesen und er gehört nicht länger dazu.

Stattdessen wird das Tor kleiner, immer kleiner, bis es schließlich vollständig verschwindet, so als wäre es überhaupt nie dagewesen.

In Finn wird es still. Unerträglich still. Und diese Stille ist auch rings um ihn herum. Hatte er bislang noch die leiernde Weihnachtsmusik, das Klappern der Teller, das Klingen der Messer und Gabeln und das leise Schmatzen seiner Verwandtschaft vernommen, ist all dies nun Vergangenheit.

Und diese Ruhe, diese unheilvolle Ruhe gibt ihm das Gefühl, ein entscheidendes Signal missachtet zu haben. Es ist, als würde man sich nach Ladenschluss noch in einem Kaufhaus aufhalten, nachdem alle Lichter gelöscht und alle Türen verschlossen worden sind. Dann, wenn man allein ist mit seinem Herzschlag, dem dumpfen Hallen der eigenen Schritte und der uneindeutigen Drohung leiser, verstohlener Geräusche, die manchmal aus schattengetränken Regalkaskaden dringen.

Alarmiert wendet Finn sich zum Tisch um. Alle dort, haben in ihren Bewegungen innegehalten. Sein Vater isst nicht länger wie ein Wahnsinniger, was nicht verwunderlich ist, denn er besitzt inzwischen weder einen Mund, noch Ohren, Augen oder sonst irgendein erkennbares Gesichtsmerkmal. Alles, was von ihm übrig geblieben ist, ist eine gleichgültige Schaufensterpuppe aus Fleisch. Das immerhin ist mehr, als man von seiner Mutter sagen kann. Es kann natürlich Einbildung sein, aber Finn meint, dass das letzte Nachbild ihrer im verwaschenen Halbdunkel leuchtenden Augen gerade dann spurlos verschwindet, als er sich umgedreht hat. Jetzt ist Finn endgültig allein … wobei … nicht ganz.

Seine Onkel und Tanten, sowie sein Opa und seine Oma sitzen noch immer regungslos am gedeckten Tisch. Ihre Gesichter sind noch existent, doch auch sie sind vollkommen starr. Eingefroren in einem tadelnden, missmutigen Ausdruck. Lediglich in ihren Augen scheint noch Leben zu sein. Sie starren ihn an. Und er starrt zurück. Starrt direkt in das verwitterte, faltige Gesicht seiner Oma Brigitte und dabei erkennt er ohne jeden Zweifel, dass es nicht seine Oma ist. Auch sie ist eine Schaufensterpuppe oder zumindest etwas Ähnliches. Das, was sie notdürftig als Mensch maskiert, ist kaum mehr als Farbe, die ein unbekannter Künstler auf ihren Leib gepinselt hat. Mit dem kleinen, feinen Unterschied, dass diese Farbe lebt. Kaum, dass er dies gedacht hat, beginnen seine Verwandten sich wieder zu regen, rücken ihre Stühle synchron zurück und gehen wie ein Wesen auf ihn zu.

Finn hat nicht viel Zeit, nachzudenken. Er will einfach nur fliehen und der beste Ort für eine Flucht aus einem verfluchten Haus war noch immer die Tür. Oder etwa nicht? Immerhin hatte er doch die Laterne gesehen, also musste es noch ein Außen geben.

Finn rennt los. Er spurtet so schnell durch den Flur, wie in seine schlaksigen Beine tragen und kann nur um Haaresbreite vermeiden, zu stolpern, während er hinter sich langsame, aber beharrliche und gleichförmige Schritte hört.

Endlich erreicht er die Tür, drückt den Griff herunter und zieht daran. Nichts geschieht. Sein Herz schlägt ihm vor Enttäuschung bis zum Hals, als er den Schlüsselbund im Schloss entdeckt und sich erinnert, dass seine Eltern schon immer ein wenig zu Paranoia geneigt hatten.

Er widersteht dem Drang, sich umzudrehen und dreht den Schlüssel mit fliegenden Fingern im Schloss herum. Erneut betätigt er den Griff. Diesmal springt die Tür auf und überlässt ihn dem grenzenlosen Irrsinn.

Es fällt schwer zu beschreiben, was genau Finn dort sieht. Denn selbst Worte haben eine natürliche Grenze, an der sie scheitern müssen, wenn sie nicht allen Sinn und jede Struktur verlieren und in eben jenen Malstrom gesaugt werden wollen, dem sich Finn nun gegenübersieht. Es ist nicht der Vorgarten, nicht die Straßenlaterne und nicht die Straße, die zu ihren Nachbarn führt, so viel ist sicher. Was immer er von seinem Zimmer aus gesehen hatte, war nicht mehr als ein vergessenes Abbild einer Realität gewesen, die es für ihn nicht mehr gab.

In dieser Wirklichkeit jedoch liegt dort draußen ein Nichts. Ein schwarzes, lebendiges Nichts, in dem sich formlose Dinge bewegten, die sich farblich nicht vom Hintergrund unterschieden und die dennoch schemenhaft zu erkennen sind und vor denen fragmenthafte Artefakte seiner bekannten Welt umhertreiben. Es ist wie ein Meer, mit Wellengang, Gezeiten und Bewohnern und mit Tonnen voller Treibgut.

Halbe Gesichter, die wie Muschelscherben auftauchten und wieder zerfließen, zertrümmerte Melodien, die erratisch umhertreiben, geborstene Weihnachtskugeln, Gestecke und Krippenfiguren, verzerrte Rufe nach Hilfe und Erlösung, deren Echos sich zu nervenzerfetzenden Missklängen emporschrauben und vieles, vieles mehr. Ein Friedhof zersplitterten Lebens, ein Kaleidoskop gescheiterter Träume, das sich schneller und schneller zu drehen beginnt. So schnell, dass Finn schlecht wird. Er würgt, krümmt sich und erbricht dabei das bisschen Frühstück, welches er an diesem noch viel harmonischeren Morgen zu sich genommen hatte. Womöglich ist das seine Rettung, denn kaum da sein Mageninhalt auf den Boden klatscht, schlägt er die Tür mit zittrigen Fingern zu und er wendet sich ab.

Statt in jenes Pandämonium blickt er nun in die erstarrten Gesichter seiner Großeltern, seines Onkels und seiner Tante, die sich wie eine Wand vor ihm aufgebaut haben und wie ein Strafgericht auf ihm herabsehen. Zornig. Unerbittlich. Mitleidlos und – vor allem – hungrig. Finn reagiert instinktiv. Er ist natürlich kein Kämpfer, auch wenn er für sein Alter immerhin überdurchschnittlich sportlich ist, aber da ihm nichts Besseres einfällt, nimmt er einen großen, stabilen Schirm mit metallener Spitze aus dem Schirmständer und schlägt damit unbeholfen auf seine Verfolger ein.

Er hat rein reflexhaft gehandelt und nicht wirklich darauf gehofft, dass ihm das weiterhelfen würde, aber das tut es. Der Regenschutz fährt durch die Leiber seiner falschen Verwandten wie ein heißes Messer durch Butter und das ist nicht allein als Metapher zu verstehen. Ihre Körper zerfließen buchstäblich zu einer weichen, schmierigen Masse, die als blubbernde Pfütze auf dem Boden zurückbleibt. Ekel und Erleichterung befallen Finn zu gleichen Teilen als er auf die schleimigen, leicht nach verschmortem Plastik riechenden Überreste hinabblickt. Doch zwei Beobachtungen dämpfen seine Euphorie über diesen beinah zu leichten Sieg. Aus den Augenwinkeln hat er gesehen, wie sich dunkle Schemen von den zerschmolzenen Menschenimitationen lösten. Zugleich fällt ihm auf, dass die Überreste, der zum Teil noch aus der Pfütze hinausragenden Figuren nicht länger Gesichter besitzen.

In diesem Augenblick vermeidet es Finns Bewusstsein noch aus reinem Selbstschutz beide Beobachtungen zusammenzubringen, aber er erkennt dennoch, dass die Gefahr nicht vorüber ist. Er darf nicht zögern. Keine Sekunde. Aber wohin soll er gehen? Da draußen wartet die Hölle oder Schlimmeres, wie er selbst gesehen hat. Nicht einmal die Glücksfabrik konnte so grauenhaft sein wie, dieser schlammige See aus Dunkelheit.

Ein magisches Tor, wie jenes, durch das sein Nachfolger gegangen war, hat Finn nicht und das Angebot des Weihnachtsmannes hat er ausgeschlagen. Buchstäblich. Aber vielleicht … ja, es gab da noch den Keller.

Er führt über einen gemeinsamen Waschkeller in die Wohnung ihres Nachbarn Karl Kugert, mit dem sie einen so guten Kontakt pflegten, dass sie sogar den Schlüssel zu dessen Haus besitzen, so wie er auch den ihren.

Ist es nicht möglich, zumindest rein theoretisch, dass sein Haus nicht von diesem Fluch betroffen ist, ja dass es außerhalb dieser grauenhaften Zwischenebene liegt? Wenn schon seine Eltern für ihn verloren sind, so kann Finn vielleicht dort ein wenig Hilfe finden. Das ist natürlich alles anderes als garantiert, aber eine bessere Lösung fällt ihm nicht ein und so würde er diesem aufgeblasenen Coca-Cola-Maskottchen wenigstens einen Teil seiner Pläne durchkreuzen.

Ja, je mehr Finn darüber nachdenkt, desto besser gefällt ihm diese Option. Also greift er sich den Schlüssel des Nachbarn vom Schlüsselbrett, überwindet mit einem großen Satz die ekelhaften Hinterlassenschaften seiner Verwandten und strebt auf den Keller zu. Er ist jedoch kaum mehr als zwei oder drei Schritte gegangen, als er hinter sich ein platschendes Geräusch vernimmt. Finn folgt dem Drang, sich umzudrehen und sieht, dass die seltsamen Schaufensterpuppen, die seine Verwandten gemimt hatten, sich wieder bewegen. Zwar beginnen sie noch nicht damit, die Verfolgung wiederaufzunehmen, aber dafür biegen und drehen sich ihre halb geschmolzenen Leiber vor seinen Augen, bis sie schließlich gemeinsam das Wort „Geh!“ bilden, mit Opa Herberts Arm und seinem abgetrennten, gesichtslosen Kopf als Ausrufezeichen.

Die makabere Aufforderung kostet Finn beinah jenen Funken Mut, den er dafür aufwenden wollte, den finsteren Keller zu betreten, aber er überwindet sich trotzdem. Immerhin würde er diesem Befehl ja auf gewisse Weise gehorchen. Zitternd und mit schweißnassen, kalten Händen geht er auf den Treppenabsatz zu und blickt dabei immer wieder nervös zu der nun verwaisten Festtafel mit den angebrochenen Speisen und den noch immer flackernden Kerzen, deren Schatten ihre eigenen, kleinen Kreaturen zu gebären scheinen. Als er schließlich die Kellertreppe erreicht, tastet er nach dem Lichtschalter, findet ihn und hämmert regelrecht darauf. Doch nichts passiert.

Er kippt ihn wieder in die andere Richtung, wartet einige Sekunden und drückt ihn noch einmal, mit demselben Ergebnis. Der Keller bleibt stockdunkel. Nervös sieht Finn sich um und kramt dann in der Tasche nach seinem Smartphone, um die Taschenlampe zu verwenden, doch der Akku ist offenbar leer. Finn lässt sich nicht entmutigen, geht zum Tisch, an dem noch immer die gesichtslose, verhöhnende Nachbildung seines Vaters sitzt und greift vorsichtig nach einer der brennenden Duftkerzen, die in diesem Fall nach Zimt und Tannenadeln riecht.

Bewaffnet mit dieser kümmerlichen, aber auch wohlduftenden und Hoffnung spendenden Lichtquelle, bringt er die erste Stufe hinter sich und bleibt schockiert stehen, als die Kerze urplötzlich und ohne erkennbare Ursache erlischt.

Finn verzichtet darauf, sich eine weitere Kerze zu holen. Er hat es begriffen: wenn er durch den Keller gehen will, muss das in vollkommener Dunkelheit geschehen. Er hat so seine Zweifel, ob das eine gute Idee ist, aber Finn will sich nicht geschlagen geben und er spürte, dass er nicht mehr viel Zeit hat, zu hadern. Jedes Mal, wenn er sich umgedreht hatte, hatte er aus dem Augenwinkeln winzige Bewegungen wahrgenommen und er könnte schwören, dass sich die Wände und die Möbel etwas auf ihn zubewegt hatten, genau wie auch die unförmigen Körper, die ihm jene groteske Warnung ausgesprochen hatten.

Finns Reserven sind fast erschöpft. Er ist kurz davor, aufzugeben. In den letzten Stunden hatte er Dinge gesehen, bei denen ihm zuvor schon das bloße Wissen um deren Existenz Albträume beschert hätte. Er hatte nicht nur seine Eltern verloren, sondern auch jede Perspektive auf ein schönes, geborgenes Leben. Nun wünscht er sich nichts sehnlicher als sich auf dem Boden zusammenzurollen und sich endlich auszuruhen.

Doch wenn er aufgibt, das weiß er genau, wird ihm das keine Erholung, sondern nur weiteren Schrecken bringen. Also geht er hinab, die Füße vorsichtig voraustastend, die Hände fest ans Geländer geklammert. Aber es ist nicht Mut, der ihn antreibt. Es allein die Angst davor, was geschehen kann, wenn er hier bleibt und die noch größere Angst vor der Glücksfabrik, jenem Ort, der das müde, verbitterte Gesicht des Wechselbalgs geformt hatte.

Bei den ersten Schritten, die er die Kellerstufen hinabsteigt, wendet er sich noch jedes Mal fast sehnsüchtig zum schmierig beleuchteten Wohnzimmer um. Wie ein Taucher, der vor seinem Sturz in die nasse Dunkelheit noch einmal tief Atem holen muss. Er gibt dieses Verhalten jedoch schnell auf, als er feststellt, dass er jedes bisschen Konzentration benötigt, um nicht auszurutschen und hinzufallen.

Die harten Stufen sind dabei alles, was ihn gelegentlich aus der Illusion reißt, durch einen Fluss auf Finsternis zu waten. Einen Fluss, der früher oder später in jenem Albtraum münden musste, den er vor der Haustür erblickt hatte.

Er setzt dennoch seinen Weg fort und hofft darauf, dass sich seine Augen wenigstens etwas an das fehlende Licht gewöhnen würden, dass sie ihm wenigstens graue Umrisse liefern würden. Aber das geschieht nicht, denn der Keller scheint nicht nur jede Lichtquelle abzulehnen, sondern sogar jeden Funken Restlicht zu fressen, den er finden kann. Es ist fast, als wäre er kein Raum, sondern ein eigenständiges, intelligentes Wesen und als ihm dieser Gedanke kommt und in ihm Fuß fassen will, kämpft ihn Finn sofort verzweifelt zurück, um nicht gänzlich von seiner Angst gelähmt zu werden.

Da ihm seine Augen nicht weiterhelfen, konzentriert er sich auf seine anderen Sinne. Seine Nase fängt von Zeit zu Zeit schwache Gerüche von Essen und Duftkerzen auf, die wie verschüttete Suppe die Treppen hinabrinnen, während seine Ohren nicht viel mehr empfangen als Stille und das schlurfende Kratzen seiner – oder zumindest irgendwelcher Füße – auf den Treppenstufen.

Dann, gerade als Finn glaubt, zumindest einen sicheren Schrittrhythmus gefunden zu haben, tritt sein Fuß ins Leere und sein schwindendes Gleichgewicht reiß ihn mit. Er fällt nicht tief und verletzt sich auch nicht ernsthaft. Immerhin. Eigentlich scheint er sogar eher gestolpert als gefallen zu sein, denn als er sich aufrappelt und nach Orientierung suchend die Treppe ertastet, stellt er fest, dass er in seiner Nervosität wohl lediglich versucht haben musste, zwei Stufen auf einmal zu nehmen, was nicht wirklich gut gegangen war.

Dass es hier unten wenigstens noch einige Konstanten gibt, beruhigt ihn ein wenig. Aber nicht alles ist so beschaffen, wie er es gewohnt ist. Der Boden, der in ihrem Wohnkeller eigentlich mit weichem Teppichboden ausgekleidet sein sollte, ist hart, glatt und irgendwie klebrig, sodass jeder seiner Schritte ein knarzendes, saugendes Geräusch verursacht. Finn versucht, sich keine Gedanken darüber zu machen, was das bedeuten könnte. Er fokussiert sich ganz auf seine Bewegungen, tastet sich zur Wand vor, deren raue Tapete ihm erfrischend vertraut vorkommt und erschrickt, als er plötzlich ins Leere greift. Sein Erschrecken darüber verflüchtigt sich erst, als er realisiert, dass lediglich die Tür zum Vorratskeller offensteht. Von dort spürt er einen kühlen Luftzug und ein bedrohliches, lauerndes Kribbeln, so als weise der veränderte Luftdruck auf eine unsichtbare Bedrohung hin, die sich irgendwo zwischen den nicht erkennbaren Vorräten und Putzutensilien versteckt.

Auch wenn sich diese Bedrohung nicht offenbart, beeilt Finn sich, an der Tür vorbeizuhuschen und hangelt sich vorsichtig weiter, bis er den Griff der Waschkellertür erreicht.

Jetzt wird sich zeigen, ob er hier gefangen ist. Er hält den Atem an, als er mit klammen Fingern den Schlüssel in das Schloss steckt, aufschließt und die Klinke betätigt. Was er sieht, überrascht ihn. Er hat mit Schwärze gerechnet oder mit einem weiteren grauenhaften Malstrom, wie er vor der Haustür lauert, aber was ihn stattdessen erwartet, ist kaltes, künstliches Licht.

Auch wenn das Licht kaum den Ort erreicht, an dem er sich gerade aufhält, ist es so ziemlich das Schönste, was er sich gerade vorstellen kann. Wie ein Verdurstender, der eine Oase entdeckt hat, stürzt sich Finn förmlich in den Waschkeller und schlägt donnernd die Tür zu der Finsternis hinter sich zu. Er atmet erleichtert durch. Der angenehm vertraute Geruch nach unverputzten Wänden und frisch gewaschener Wäsche schlägt ihm wie ein Kuss der lang vermissten Realität entgegen und während er sich mit beschwingtem Schritt und wachsender Hoffnung an den Waschräumen vorbeibewegt, entdeckt er dort sogar das ein oder andere Wäschestück.

Ist das sein Weihnachtswunder? Hat er den Wahnsinn tatsächlich hinter sich gelassen? Finn wagt es kaum, das zu glauben, selbst wenn die Umgebung, die sich wieder scharf und unverschwommen präsentiert, eindeutig dafür spricht. Halbwegs sicher, davon ist Finn überzeugt, wird er sich erst dann fühlen, wenn er die Wohnung ihres Nachbarn Karl betreten und ihn als echte, lebendige Person aus Fleisch und Blut angetroffen hat. Dann, und erst dann, wird er um seine Eltern trauern und ein neues Leben beginnen können. Ein Leben, verloren, fremd und beängstigend, aber wenigstens ohne einen Job im Herzen der Folter.

Endlich entdeckt er die Tür zur benachbarten Wohnung. Mit einem aufgeregten Kribbeln in der Brust öffnet er sie. Erneut werden seine Erwartungen enttäuscht. Denn vor ihm erstreckt sich nicht etwa der Keller seines Nachbarn, sondern ein Türrahmen-füllender, rahmenloser Spiegel, in dem er sein eigenes, erschöpftes und abgekämpftes Spiegelbild erblickt.

Sofort bricht das aufkeimende Gefühl von Normalität in ihm zusammen. Wütend und erfüllt von der letzten, schwachen Hoffnung, sich irgendwie einen Weg bahnen zu können, tritt er gegen die verhasste, gläserne Abnormität, doch der Spiegel hält. Erstarrt und hilflos blickt Finn sich selbst in die enttäuschten Augen und nimmt dabei etwas wahr. Nicht an sich selbst, sondern an der Wand hinter sich, wo sich in grünen, tannennadelartigen Ausblühungen eine Botschaft manifestiert.

„Verloren“, teilt ihm die Ausblühung lakonisch mit und kaum, da er die Botschaft gelesen hat, färbt sich das Licht in dem Raum rot und eine dissonante Weihnachtsmusik beginnt zu spielen. Es ist kein Lied, das er kennt oder das überhaupt in seiner Welt existiert und doch besitzt sie Ähnlichkeiten zu allen Weihnachtsliedern, die je geschrieben wurden. Nur, dass sie nicht festlich, erhaben und schön anmutet, sondern bedrohlich, dissonant und leiernd, so als würde ein Dämon aus der äußersten Leere versuchen, Kirchenlieder zu spielen.

Mit einem mehr als mulmigen Gefühl wendet Finn sich um. Sein Unbehagen vergrößert sich noch, als er mitten im Raum eine lebensgroße Holzfigur entdeckt, die auf einem ebenso großen Sichelmond sitzt. Es ist eine vergrößerte Kopie des Engels, der ihn am Tannenbaum zu sich gelockt hat. In der Hand eine Angel mit einem scharfen, metallenen Haken. Auf dem hölzernen Kopf ein unbewegtes Gesicht, in dem allein seine Augen sich regen. Für zwei Herzschläge bleibt Finn wie erstarrt stehen. Dann rennt er los, steuert auf die Lücke zwischen der Figur und der Mondsichel zu. Er weiß nicht, wohin er rennt, er weiß nur, dass er hier nicht bleiben kann.

Die Augen der Figur verfolgen ihn wie ein Torwart einen fliegenden Ball. Mit einem gewagten Hechtsprung überwindet er das Hindernis und taucht direkt unter der Figur hindurch. Er rennt weiter, hört ein leises Zischen und spürt einen jähen Schmerz in seinem Rücken.

Ein Schrei verlässt seine Lippen, nicht nur wegen der Pein, die der Angelhaken in seinem Fleisch verursacht, sondern vor allem wegen der schlagartig hereinbrechenden Dunkelheit. Das rote Licht leuchtet nicht länger und die Musik ist verstummt. Mit zusammengebissenen Zähnen versucht Finn den Haken aus seinem Fleisch zu entfernen, aber es tut zu sehr weh. Finn dreht sich um, mehr aus einem Reflex, als aus Absicht. Das Gesicht des Engels blickt ihn aus vollkommener Dunkelheit heraus an. Es leuchtet, schillert, lächelt wiedererkennend … und fliegt direkt auf ihn zu.

Finns Überlebensinstinkte verdrängen sein Denken. Mit der Kraft übermenschlicher Panik zerreißt er die Angelschnur, die sich dabei tief in seine Handflächen schneidet und beginnt blind durch die Dunkelheit zu rennen. Immer wieder kollidiert er mit den Wänden, strauchelt, fällt, rappelt sich hoch und erreicht die Kellertür, die sich Gott sei Dank von beiden Seiten öffnen lässt. Die Angst und die Schmerzen rauben ihm fast das Bewusstsein, aber er rennt weiter, erreicht den Wohnkeller, stolpert halb besinnungslos die Treppe hoch und erreicht endlich das beleuchtete Wohnzimmer. Finn blickt hinab in den verfluchten Keller und nach zwei hoffnungsvollen Sekunden, in der dort harmlose Dunkelheit vorherrscht, stellt er mit Entsetzen fest, dass ihm das Gesicht noch immer folgt. Doch nicht nur eines. Dutzende. Wie beinah körperlose Raubtiere schweben sie einfach in der Luft. Die Münder weit geöffnet, die starrenden Augen voller gerechter Wut. Er sieht zurück ins Wohnzimmer. Der Esstisch ist wieder besetzt.

Die geschmolzenen Körper, die ihm die erste Warnung gesandt haben, sind dort versammelt. Doch nicht als Menschen oder menschenähnliche Geschöpfe, als fette, warzige Würmer mit ekelhaften Stummelbeinen sitzen sie dort. Schmatzend, grunzend und mit geliehenen Gesichtern jene schräge Melodie singend, die Finn im Keller vernommen hatte. Als sie ihn sehen, springen sie auf, stolpern schwankend von ihren Sitzen und rennen halb kriechend und halb laufend auf ihn zu.

Finn tut es ihnen gleich. In blanker Panik rast er die Treppe herauf, die unheimliche Meute unmittelbar hinter ihm. Die einen gefährlich lautlos, die anderen über die Stufen schabend, rumpelnd und kriechend. Finn hat nur noch ein Ziel: in sein Zimmer zu kommen und alles zu tun, um seine ungerechte Pflicht doch noch zu erfüllen. Irgendwie. Um jeden Preis. Überall ist es besser als hier.

Sein Atem geht rasselnd und pfeifend. Manchmal erblickt er aus den Augenwinkeln grinsende Münder und schwärendes, schmelzendes Fleisch. Doch er hält seinen knappen Vorsprung und erreicht die obere Etage. Dann jedoch verlässt ihn sein Glück. Kaum da er die letzte Stufe hinter sich gebracht hat, verlassen die um das Geländer gewickelten Lichterketten ihre Position, kriechen wie Schlangen hinunter auf den Boden und spannen sich vor seinen Füßen. Finn stolpert. Der Länge nach fällt er hin und spürt, wie ihm der Atem aus den Lungen getrieben wird und das Blut aus seiner mit dem Angelhaken verschlossenen Wunde strömt. Getrieben von primitivster Furcht dreht er sich um und sieht seine Verfolger auf sich zueilen wie eine lebendige Woge, die sich an der Treppenkante bricht. Mit zitternden Händen stemmt Finn sich in eine halb aufrechte Position und langt nach dem Türgriff. Leider bekommt er ihn nicht zu fassen. Dafür spürt er einen heftigen, brennenden Schmerz in seinem rechten Unterschenkel. Sie fressen mich, begreift er, sie fressen mich bei lebendigem Leib.

Noch einmal nimmt er alle Kraft zusammen und versucht ein zweites Mal den Türgriff zu erreichen. Diesmal gelingt es ihm. Er drückt ihn herunter, befreit sich wild strampelnd und tretend von seinen Angreifern, schlägt die Türe zu, dreht den von innen steckenden Zimmerschlüssel um und hämmert so fest auf den Lichtschalter, dass seine Handfläche knallrot wird und seine Wunde weiter aufreißt.

Diesmal funktioniert der Schalter und enthüllt sein vertrautes, nicht von jenem unwirklichen, verschwommenen Traumglanz getrübtes Zimmer. Selbst die eigenartige Dunkelheit ist daraus verschwunden. Ohne das Chaos und den Kalender, von dem Santa ihn noch immer mit strengem Blick anstarrt, hätte Finn beinah angenommen, dass das alles wirklich nur ein mieser Traum gewesen war. Doch über solche schönen Illusionen ist er längst hinaus.

Misstrauisch blickt er zur Tür. Sie ist noch immer intakt und verschlossen. Vorerst zumindest. Niemand scheint sie einzurennen oder sich dagegen werfen zu wollen und auch die schwebenden Gesichter können oder wollen dieses lächerliche Hindernis nicht einfach durchdringen.

Finn blickt auf den Teppichboden, den er schon viel zu lang nicht mehr gesaugt hat und sucht nach den verstreuten Splittern des zerstörten Schokotäfelchens. Er weiß, was er zu tun hat, jedoch nicht, ob er es auch tun kann.

Wieder sieht er das Gesicht des Wechselbalgs vor seinem geistigen Auge. Dieses ausgezehrte, desillusionierte Gesicht. Dieses Produkt jahrelanger, produktiver, wohldosierter Folter.

Noch immer hadert Finn mit sich, als die Zimmertür schließlich doch mit einem Krachen explodiert. Praktisch im selben Moment lässt auch er sich auf die Knie nieder, klaubt und leckt die flusige, staubverklebte Schokolade vom Boden, frisst gierig jeden Splitter, jeden Krümel, den er findet, während er spürt, wie er von Leibern und leiblosen gleichermaßen zerdrückt, zerrissen und zerfleischt wird.

Wenige Sekunden später ist sein Körper nur noch eine zerschundene Ruine. Treibend in einem Meer aus Schmerzen und Chaos, und nur Lidschläge, bevor er ganz das Bewusstsein verliert, entdeckt er endlich eine Türe. Sie zeigt ihm nicht seine Eltern, nicht seine ersehnte Vergangenheit, sondern lediglich seine gefürchtete Zukunft. Und doch kriecht Finn mit letzter Kraft hindurch.

Jetzt steht er dort. Direkt in der Fabrik aus seinem Traum. Die Fabrik, wo ein Glück produziert wird, das niemand der Angestellten hier empfinden darf. Ein Glück, das allein für jene bestimmt ist, die sich gerade an Geborgenheit, Gemeinschaft, Genuss und schönen Dingen erfreuen. Jenes unbestimmte, ungreifbare Weihnachtsgefühl, das diese Zeit zu etwas Einzigartigem macht, das hinausströmt in die Herzen seiner Eltern, des Wechselbalgs, seiner Freunde und Verwandten und all der unbedarften Kinder, die jetzt noch Profiteure und vielleicht eines Tages selbst Opfer dieses perversen Wechselspiels sind. Auch wenn es ihn ein wenig tröstet, dass er dafür arbeiten wird, seinen Eltern ein gutes Gefühl zu geben, ist Finns Herz erfüllt von Angst und Bitterkeit.

Immerhin sind seine Wunden geheilt und ein zerknüllter, linierter Zettel ruht in seiner jetzt unversehrten, rechten Hand. Ein wahres Weihnachtswunder, denkt er zynisch und muss dabei kräftig husten von dem intensiven Geruch nach Rost, Schutt und kalten Steinen.

„Danke, Santa“, raunt er verbittert und blickt zu seinen neuen Kollegen, die mechanisch ihre Pflicht tun. Sie beachten ihn nicht, haben einfach nur Augen für ihre Arbeit und er weiß, dass er ihrem Beispiel folgen muss, wenn er die großen Augen, deren Blicke er über sich spürt, nicht erzürnen will.

Vierzig Jahre, denkt er. Vierzig Jahre, ohne zu leben und zu altern. Vierzig Jahre, bis er vielleicht eine neue Familie finden und sie jemand anderem rauben wird. Das ist alles, was ihm bleibt. Daran muss er festhalten. Darauf muss er hoffen.

Denn was ist man ohne Hoffnung, am Heiligen Abend?

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