Wenn ein Wunsch sich erfüllt


Wenn ein Wunsch sich erfüllt

Thorstens Stiefel standen immer noch vor ihrer Tür. Die alten, eingetragenen, zerschlissenen, an denen immer noch der Staub und der Matsch unzähliger Spaziergänge klebte. Nicht die brandneuen, teuren, die Jessie zusammen mit anderen Geschenken für ihn gekauft und liebevoll eingepackt hatte, ohne dass sie je ausgepackt worden waren. Wie Besucher aus einer anderen Zeit standen sie vor ihrer Pfefferkuchenhaus-Wohnungstür auf der hellbraunen „Merry-Christmas“-Fußmatte, direkt neben ihren roten Schuhen mit den grünen Schleifen und eingerahmt von den großen, roten Nikolaus-Plastikstiefeln, aus denen Schokolade und Süßigkeiten quollen. Tapfer beschützt von dem großen, pausbäckigen, winkenden Weihnachtsmann, der jeden unvorsichtigen Passanten im Treppenhaus mit einem enthusiastischen „Ho-Ho-Ho“, begrüßte.

Selbst matschige Fußspuren, die diese Stiefel hinterließen, waren noch auf dem Teppichboden ihres ansonsten sauberen Flurs zu erkennen. Und das, obwohl Thorsten nun schon seit vier Jahren tot war. Aber die Spuren stammten auch nicht von ihm, sondern von Jessie. Wann immer es auf Weihnachten zuging und die Nächte kälter oder sogar verschneit wurden, schlüpfte Jessie in diese klobigen Wanderstiefel, machte einen kleinen Spaziergang um den Block und lief dann ein paar Meter in ihre Wohnung hinein, bevor sie die Schuhe auszog und sie ordentlich zurückstellte. Dieses Ritual belebte die Erinnerung und dämpft die Einsamkeit, auch wenn es den Schmerz vergrößerte.

Dabei hatte der so reinliche Thorsten niemals Schuhe in ihrer Wohnung getragen. Niemals, bis auf den Abend vor seinem Tod. Eine ungewohnte Nachlässigkeit, die vielleicht auf den bald folgenden Hirnschlag hätte hinweisen können, die Jessie aber auf die ausgelassene Stimmung dieses letzten gemeinsamen Abends geschoben hatte.

Es war die perfekte Winterromantik gewesen. Ein Spaziergang im Schnee, der ausnahmsweise einmal zur passenden Zeit des Jahres gefallen war. Vertrautheit, ein liebevolles, aber nachdenkliches Gespräch, etwas Leidenschaft selbst nach den immerhin fast fünfzehn Jahren ihrer Beziehung, viel Gelächter und ein paar Tassen Glühwein. Der Abend vor Heiligabend, der Abend der höchsten Vorfreude, den sie fast noch mehr liebte als das Fest selbst, wenn das überhaupt möglich war.

Am nächsten Morgen war er tot gewesen. Er hatte einfach reglos neben ihr im Bett gelegen. Kein qualvoller Tod, wie ihr der Arzt versichert hatte, zumindest nicht für Thorsten. Aber umso mehr für sie. Keine Worte des Abschieds, nichts, was sie wirklich darauf vorbereitet hätte. Nur leere Augen, ein starres Gesicht und der Schock der Endgültigkeit. Am Abend hatte sie dennoch gefeiert. Sie hatte nicht anders gekonnt. Sie hatte Thorstens Geschenke aus seinem ihr schon lange bekannten „geheimen“ Versteck geholt, ihre eigenen dazu gelegt und alles sorgsam ausgepackt. Vor Kummer zitternd und doch innerlich wie steifgefroren, hatte sie alles unter den selbst geschmückten Baum gelegt, bevor sie alles wieder eingepackt und verstaut hatte.

Etwas Richtiges essen können hatte sie an diesem Abend auch nicht, obwohl der Kühlschrank von ihren Weihnachtseinkäufen zum Bersten gefüllt gewesen war. Lediglich Glühwein und Eierlikör und ihre Dose mit selbstgebackenen Keksen hatte sie sich geschnappt.

Damit hatte sie sich dann vor den Fernseher gesetzt, den Weihnachtsfilm ausgewählt, den sie fast jedes Jahr zusammen angesehen hatten – so oft, dass sie ihn beide hatten mitsprechen können und den Ton ganz laut aufgedreht. Doch die Stille, wenn die Schauspieler einmal nicht gesprochen hatten, hatte sie kaum ausgehalten. Deshalb hatte sie ihre gemeinsame Weihnachtsplaylist angeworfen. So laut, dass ihre Ohren geschmerzt und noch am Tag darauf geklingelt hatten. Aber der festliche Klangbrei hatte sie vom Denken abgehalten. Genau wie die Unmengen an Keksen und süßen Alkohol. Und das war es, was für sie gezählt hatte.

Ihre Nachbarn hatten getobt. Doch nur an diesem Abend. Denn die Tage danach war Jessie still gewesen. Keine Musik. Nur noch Kekse, Getränke und ein zielloses Herumgeistern durch ihre festlich geschmückte Wohnung. Ein Stöbern in Kisten. Ein Schwimmen, Baden, Ertrinken in Erinnerungen. Am ersten Weihnachtstag. Am zweiten. In der Zeit zwischen den Jahren. Irgendwann war auch die Musik wieder erklungen, diesmal auf ihren kabellosen Kopfhörern. Und während alle Welt aus dem Weihnachtstaumel erwachte, während die Tannenbäume auf den Müll und die Dekorationen in die Keller wanderten, ging Jessie nach draußen, streifte wie im Fieber durch die Läden und Online-Shops, plünderte die reduzieren Restbestände, den günstigen Schmuck und die heruntergesetzte Weihnachtsschokolade und verwandelte ihre Wohnung in einen Weihnachtstempel.

Kein Fenster blieb ohne Schneekristall-Aufkleber und Tannenbaum-Girlanden, kein Schrank ohne Krippen- und Weihnachtsmann-Figürchen und kaum ein Quadratzentimeter Boden, Decke oder Wand ohne Lichterkette, Sterne, Sprühschnee, Rentiere und Zuckerstangen. Mit jedem neuen Teil, das sie dieser stofflichen Fantasiewelt hinzufügte, fühlte sie sich etwas sicherer und geborgener. Zumindest, wenn es ihr einmal gelang, nicht nachzudenken.

Sie hätte ewig in dieser Welt verweilen können, in dieser selbst geschaffenen Zeitschleife, die ihr das Gefühl gab, dass Thorsten jeden Augenblick die Tür öffnen und mit ihr feiern könnte. Und am liebsten hätte sie ihre Wohnung nie wieder verlassen. Nein, das war nicht ganz richtig. Am liebsten – wenn sie ehrlich zu sich war – hätte sie diese Welt verlassen. Aber irgendwie konnte sie das nicht. Irgendwie wirkte ihre Geschichte, ihre eigene kleine Weihnachtsgeschichte, die mit ihrer Geburt begonnen hatte, unfertig und so wollte – und konnte – sie sie nicht einfach abschließen.

Also hielt sie am Leben fest und entschied sich sogar ihre kleine Traumblase gelegentlich zu verlassen und die Realität zu besuchen. Zumindest, dann, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Als dann ihr traditionell sehr langer Weihnachtsurlaub endete und sie ins Büro und damit in die Wirklichkeit zurückkehrte, merkte sie, wie hart diese sein konnte.

Jessie, gekleidet in ihren roten Elchpullover und die markante grüne Satinhose machte keinen sonderlich seriösen Eindruck. Und auch wenn in ihrem Betrieb keine offizielle Kleiderordnung existierte, sie keinen Kundenkontakt hatte und ihr Chef ihr Outfit zähneknirschend tolerierte, entging ihr nicht das Tuscheln unter ihren Kollegen, das allzu bald in nur noch dürftig kaschierte Beleidigungen und herablassendes Gelächter umschlug. Doch Jessie änderte ihren Kleidungsstil nicht. Sie konnte es nicht. Das war jetzt sie. Das war alles, was von ihr blieb. Und als jemand anders hätte sie das Haus überhaupt nicht verlassen können.

Und irgendwie hielt sie durch. Sie machte ihre Arbeit gut und wenn sie nach Hause in ihre Weihnachtswelt zurückkehrte, konnte sie das alles wieder für ein paar Stunden vergessen. Alles, außer Thorsten. Zumindest bis zum heutigen Tag. Eigentlich war es kein besonderer Tag. Wenn überhaupt war er – rein kalendarisch betrachtet – sogar einer von den besseren. Es war ihr letzter Arbeitstag, der einundzwanzigste Dezember und damit eigentlich die Zeit, in der ihr Spleen am wenigsten auffiel. Noch dazu schneite es, was für sich genommen schon ein Anlass zur Freude war.

Doch aus irgendeinem Grund hatten sich ihre Kollegen ausgerechnet heute etwas ganz Spezielles für sie überlegt. Es fing damit an, dass sie ihren Computer anschaltete und ein Pornobild als Bildschirmhintergrund vorfand. Genauer gesagt, ein Bild von einem alten, dicken, bärtigen Mann in einem Weihnachtsmann-Kostüm, mit orgastischem, geröteten Gesicht, der sich mit einer jungen Elfe vergnügte. Einer ihrer Kollegen – oder vielleicht alle – hatte sich den „Spaß“ erlaubt, auf eben jene junge Frau im Elfenkostüm Jessies Gesicht zu montieren. Als sie deswegen zu weinen anfing, hatten ihre kichernden Kollegen „Leise rieselt der Schnee“ angestimmt und den Text mit einem höhnischen „Mi Mi Mimimi Mi Miii!“ ausgetauscht.

Tief in sich wusste Jessie, dass sie alles recht gehabt hätte, sich deswegen bei ihrem Chef zu beschweren, aber als sie diesen schmunzelnd an der Tür vorbeilaufen sah, wusste sie, dass sie das gar nicht erst versuchen sollte. Und für eine Klage hatte sie nicht die Kraft. Außerdem brauchte sie diesen Job und war psychisch einfach nicht in der Lage, sich einen neuen zu suchen. Selbst, wenn ihr Kleidungsstil ihr bei Bewerbungsgesprächen nicht im Weg gestanden hätte.

Also nahm sie all das wortlos hin, machte sich einen Kakao mit Sahne, wie sie es immer zu tun pflegte, wenn sie die Arbeit zu sehr mitnahm, nur um festzustellen, dass er widerlich bitter schmeckte. Den Grund dafür erkannte sie bald: Jemand hatte ihre Sprühsahne-Flasche mit Rasierschaum befüllt.

Kraftlos hatte sie den Inhalt der Tasse in die Spüle geschüttet und war mit gesenktem Blick an ihren Platz zurückgetrottet. All das hatte sie ertragen. Hatte es wie so oft irgendwie an sich abprallen lassen. Doch als sie sich alle nach Feierabend zur Weihnachtsfeier und zum Wichteln getroffen hatten, hatte sie ein großes Paket vorgefunden, mit den Unterschriften fast aller Kollegen darauf.

Nichts Gutes ahnend, hatte sie es ausgepackt. Als sie es geöffnet und plüschigen, rot-weißen-Stoff vorgefunden hatte, war sie fast erleichtert gewesen. Immerhin konnte man sie mit einem Weihnachtsmann-Kostüm kaum verletzen. Aber als sie es unter dem Gelächter aller entfaltete und bemerkte, dass es nach Art einer „Irrenhaus-Jacke“ umgearbeitet worden war, war etwas in ihr zerbrochen. Sie hatte ihr Essen stehen lassen, genau wie das „Geschenk“ und war ohne ein Wort und mit eingefrorenem Gesicht verschwunden. Einige ihrer Kollegen schienen bemerkt zu haben, dass sie es übertrieben hatten und hatten aufgehört zu lachen oder sich sogar reumütig entschuldigt. Aber Jessie hatte es kaum wahrgenommen.

Sie war einfach gegangen, aus der Tür und die Straße hinab, durch den dicht fallenden Schnee, der sich fast anfühlte wie Thorstens tröstende Hände auf ihrem Rücken. Sie war in eines dieser altmodischen Kaufhäuser gegangen, die stets am Rande des Konkurses balancierten und hatte sich mit drei Tüten voller Weihnachtsdeko und Adventskalendern eingedeckt. Letztere waren besonders günstig zu haben gewesen, weil sie für die meisten so spät im Dezember eigentlich kaum mehr waren als überdimensionierte, überteuerte Pralinenschachteln. Für Jessie, die die ersten vierundzwanzig Tage jeden Monats auf diese Weise beging, war das nicht so schlimm gewesen. Vor allem, da einige sehr hübsche und mit extravaganten Motiven bedruckte Restposten darunter waren.

Zu Hause angekommen, hatte sie ihre Tüten abgestellt, alles ausgepackt und an den letzten, freien Stellen einer Wohnung angebracht, die man nur deswegen nicht als Messiewohnung bezeichnen konnte, weil alles seinen Platz hatte und überraschend sauber war. Dennoch hatte sie von ihren fünfundvierzig Quadratmetern Wohnung vielleicht noch etwas mehr als zehn Quadratmeter begehbare Fläche übrig und musste inzwischen selbst im Winter Dauerlüften, um nicht zu ersticken.

Auch deshalb hatte sie ihr übliches Ritual vollzogen. Sie war in Thorstens Schuhe geschlüpft, noch ein paar Meter gegangen und war schließlich in ihre Wohnung zurückgekehrt, hatte die Fußspuren wehmütig betrachtet, bevor sie sie den Boden wieder gesäubert hatte. Doch anders als sonst hatte sie danach keine Musik angemacht und nicht den Fernseher angeschaltet. Sie hatte einfach mit einem Becher Kakao still auf dem Sessel gesessen und nachgedacht.

Und je länger sie nachgedacht hatte, desto sinnloser war ihr ihr Leben erschienen. Ohne Thorsten hatte sie nichts. Ohne ihn war sie nichts. Und wenn sie niemand anderen mehr in ihr Herz lassen konnte – was sie nicht konnte – warum dann weitermachen? Ihr Blick schweifte über die hunderten von kleinen, billigen Figürchen, die sie unbekümmert fröhlich, mit unveränderlichen Gesichtsausdrücken anstarrten, wie treue, aber gehässige Kobolde. Über die dutzenden von Lichterketten, die wie verstaubte, glitzernde Lianen an Fenstern und Decken hingen. Über den Wald aus kleinen und großen, echten und falschen Tannenbäumen und Tannenzweigen, die ihre Nadeln begehrlich nach ihr auszustrecken schienen. Mit einem Mal fühlte sie sich nicht mehr wohl hier. Nicht mehr sicher. Und ihre Geborgenheit verwandelte sich in Wut.

Sie sprang auf, schleuderte ihre Tasse mit dem Kakao in ihren größten Weihnachtsbaum, wo sich der Inhalt samt Scherben über die Zweige verteilte. Daraufhin schmiss sie eine ganze Reihe Krippenfigürchen um und riss einige Adventskalender von der Wand. Schließlich ging sie zu einer besonders großen, aber nicht massiven Schneemann-Figur, die sehr teuer gewesen war, da sie von einer berühmten Designerin entworfen worden war und trat ihr direkt ins fröhliche Gesicht. Immer wieder und wieder, bis es sich in eine eingedrückte Fratze verwandelt hatte. Als sie sich ihr Zerstörungswerk betrachtete, fühlte sie sich noch miserabler und verspürte ein seltsames, schlechtes Gewissen. Es kam ihr vor, als hätte sie sich gerade selbst verletzt und nicht nur ein wenig Plastik und Pappe beschädigt.

Andererseits war Selbstverletzung wahrscheinlich genau das gewesen, was sie gewollt hatte. Jessie spürte, wie ihr erneut Tränen kamen. Nicht die lebendigen und schmerzhaft-schönen Tränen eines gelebten Lebens, sondern das kalte, transparente Seelenblut dumpfer Verzweiflung. „Muss ich weitermachen?“, fragte sie das große Foto von Thorsten, das ihn mit ihr im Arm vor einer kleinen, verschneiten bayrischen Hütte zeigte. Es war ihr letzter Urlaub gewesen und man sah ihnen beiden das Glück zweifelsfrei an, obwohl ihre Klamotten matschig und durchnässt gewesen waren.

Doch Thorsten antwortete nicht. Jessie würde die Antwort selbst finden müssen. Aber wie traf man eine Wahl zwischen zwei gleichermaßen beschissenen Alternativen? Welches Geschenkpaket sollte man auspacken, wenn beide nach Müll rochen? Weiterleben würde bedeuten, nach ein paar einsamen Tagen erneut hinaus zu ihren grausamen Kollegen zu gehen und bei dem Gedanken daran, sich aktiv etwas anzutun, ihren Körper zu vergiften oder zu zerstören, wurde ihr sofort schlecht. Nein, dachte sie müde, diese Wahl konnte sie nicht treffen.

Also stand sie auf, nahm sich ein Feuerzeug und zündete sämtliche der vielen Kerzen an, die in der Wohnung verteilt standen. Jede Duftkerze, jeden Adventskranz, jedes Teelicht, das eine gläserne Hütte oder einen Stern erleuchtete, bis ihre mit Papier, Pappe, Stoff und trockenen Tannenzweigen dicht gefüllte Wohnung in einem Meer aus winzigen Flämmchen schwamm. Dann öffnete sie ihr Fenster einen winzigen Spalt, nahm sich eine neue große Tasse mit einer Keramik-Schneeflocke als Henkel, füllte sie bis zum Rand mit Eierlikör, wählte eine Playlist mit weihnachtlicher Piano-Instrumental-Musik und setzte sich in den Sessel.

Die Lichter, die Düfte und die Musik gaben ihr fast das Gefühl, einer Messe beizuwohnen, auch wenn sie nie besonders gläubig gewesen war. Und der kleine Stuhl mit Thorstens Foto war ihr Altar. Je länger sie ihn betrachtete, je mehr der Alkohol wirkte und die schweren Duftöle sie in einen Nebel aus Tannen-, Zimt- und Apfelduft hüllten, desto mehr hatte sie das Gefühl, seine Hand in ihrer fühlen zu können.

„Entscheide für mich, Thorsten“, sagte Jessie schläfrig, „entscheide du, ob diese Geschichte weitergehen soll.“

Während sie langsam wegdämmerte, sah sie durch ihre halb geschlossenen Lider die Schatten und das Flackern der Kerzen und hörte das Pfeifen und Säuseln der kräftigen Windböen, die die Flammen tanzen ließen. Näher und immer näher an den so greifbaren, neuen Brennstoff.

~o~

Als Jessie erwachte, fröstelte es ihr. Die Temperaturen waren noch einmal gesunken und auf der Fensterbank hatte sich ein kleines Häufchen Schnee gebildet. Außerdem waren die Lichter aus. Alle Lichter. Selbst die der dicken, eigentlich windgeschützten Kerzen. Draußen war es noch dunkel. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr aber, dass es in nicht einmal einer halben Stunde dämmern würde. Jessie fühlte sich mies. Nicht nur wegen des Alkohols oder der Rückenschmerzen, die sie plagten. Schon der Gedanke daran, aufzustehen, erschien ihr absurd. Dennoch tat sie es.

„Das also war deine Entscheidung“, sagte sie mit Blick auf Thorstens Porträt, „na vielen Dank auch!“

Trotz ihrer Worte war sie zumindest ein wenig erleichtert. Verbrennen war kein schöner Tod und bei dem Gedanken, wie viele unschuldige Nachbarn sie mit ihrem „Gottesurteil“ gefährdet hatte, schämte sie sich in Grund und Boden. Vielleicht hatte Thorsten ihr diese Schuld ersparen wollen.

Jessie kämpfte sich hoch und torkelte zur Kaffeemaschine, um sich zumindest körperlich in die Lage zu versetzen, diesen Tag zu beginnen. Der starke Kaffee, den sie mit einem Schuss Lebkuchen-Sirup verfeinerte, trug auch dazu bei, dass ihr etwas wärmer wurde. Solange das Fenster offenstand, würde das aber kaum von Dauer sein. Also ging sie auf das Fenster zu, um es zu schließen und stockte plötzlich mitten in der Bewegung. Es war nichts, was sie durch das offene Fenster sah, was ihre Aufmerksamkeit weckte, sondern etwas, was sie daneben erblickte.

Genauer gesagt einer der Kalender, die sie gestern in ihrem spontanen Kaufrausch eingepackt hatte. Einer der wenigen, die sie bei ihrem Wutausbruch unbeschadet gelassen hatte. Es war ein besonderes Exemplar, das trotz des hochwertigen Drucklacks und des dicken, stabilen Kartons eher altmodisch wirkte. Er zeigte eine nächtliche Szene mit einem kleinen Bergdorf, über dem sich mehrere Sternschnuppen in der Nacht verloren und ein heller Vollmond sein Licht über den Häuschen und dem nahen Nadelwald verteilte. Man sah winzige Personen, die sich Schneeballschlachten lieferten oder mit Schlitten unterwegs waren. Und die Fenster in den kleinen gemalten Hütten waren hell erleuchtet. Doch nicht nur sie leuchteten. Auch der Kalender selbst leuchtete. In einem matten, violetten Licht.

Jessie stutzte. Das war ihr vorher nicht aufgefallen. Sie nahm den Kalender von der Wand und untersuchte ihn auf verborgene Lichtquellen, konnte jedoch keine entdecken. Neugierig suchte sie nach einem möglichen Ursprung der Beleuchtung und stellte fest, dass sie direkt vom großen Doppeltürchen für die vierundzwanzigsten Dezember ausging. Ein bisschen unheimlich war ihr das schon. Aber da sie nun wirklich nichts mehr zu verlieren hatte, zögerte sie nicht lang, sondern hing den Kalender zurück an die Wand – wo ein Weihnachtskalender, leuchtend oder nicht, nun einmal hingehörte – und öffnete das Türchen.

Dahinter war nichts als schwärze, abgesehen von einem kleinen, violetten licht, das beinah an ein Auge erinnerte. Noch bevor sie es genauer betrachten konnte, frischte der Wind auf. Er kam jedoch nicht durch das noch immer nicht geschlossene Fenster, sondern schien direkt aus ihrer Wohnung zu entspringen. Ihr Haar wurde zerzaust und sie fühlte, wie sich kleine Eiskristalle auf ihrer Kopfhaut bildeten. Dann verstummte die Musik und fast im selben Moment spuckte das violette „Auge“ eine verschleierte, großgewachsene, hagere, bleiche Frauengestalt in einem schwarzen Gewand und starrte sie unverblümt an.

Erschrocken stolperte Jessie zurück, verschüttete den heißen Kaffee über ihrem weißem „Merry Christmas“-Shirt und fiel fast über einen hölzernen, mit falschem Schnee dekorierten Rentierschlitten. Erst im letzten Augenblick gelang es ihr, das Gleichgewicht wiederzufinden.

Ihr erster Impuls war es wegzurennen. Hinaus auf die Straße, unterzutauchen im Gedränge der Menschen. Doch dann fiel ihr wieder ein, dass ihr diese Menschen noch viel mehr Angst machten als diese unbekannte Frau. Denn bei ihr wusste sie zumindest nicht, ob sie Schlechtes von ihr zu erwarten hatte und was hatte sie schon zu verlieren? Also blieb sie stehen und entschied sich, diesem Geheimnis auf den Grund zu gehen.

„Wer bist du? Was … was willst du in meiner Wohnung?“, fragte sie die Unbekannte.

Und die Frau antwortete. In einer mystischen, rauchigen, getragenen Stimme, so hallend und düster wie eine Kirchenorgel in einer verfallenen Kathedrale.

„Um zu gewinnen, was verloren

um zu beleben, was erfroren

Finde die Dinge, die geboren

Aus dem, was du so lang vermisst

Zeig mir den Eifer deiner Träume

Besuch die altvertrauten Räume

Dann wird wie einstmals in der Scheune

Ein neues Leben wachgeküsst“

„Was?“, fragte Jessie verwirrt.

Die Frau räusperte sich hörbar. Schnippte mit den Fingern und ihr Schleier samt Gewand fielen hinab. Zum Vorschein kam eine junge, sommersprossige Frau mit extrem spitzen Ohren und langen, rot gelockten Haaren. Sie steckte in einem grünen Pyjama und wirkte entgegen ihres ersten Eindrucks weder blass noch dünn, sondern normalgewichtig und von gesunder Hautfarbe, was gut zu ihrem schalkhaften Grinsen passte.,

„Tut mir leid“, sagte sie, „es ist lange langer her, dass man meine Dienste in Anspruch genommen hat. Für gewöhnlich schätzten meine Klienten zu früherer Zeit das Getragene, Mystische, Verschlüsselte und Zeremonielle. Immerhin ist mein Geschäft die Trauer und der Umgang damit. Da ist das wohl nichts Ungewöhnliches. Aber du bist anders oder? Du magst es bunter und direkter, habe ich recht? Geht mir genauso. Also lassen wir diesen Firlefranz einfach. Ich bin übrigens Vernora.“

Die Frau lächelte breit und war Jessie sofort sympathisch. Lediglich ihr Atem, der nach einer Mischung aus Verfall, Anis und Zimt roch, irritierte sie.

„Jessie“, antwortete Jessie mechanisch und ziemlich verwirrt, „Geschäft … ist das … bist du … so was wie der Teufel und bietest mir einen Pakt an?“, fragte Jessie.

Die junge, nach der erwachsenen Version einer Weihnachtselfe aussehende Frau, fing herzhaft an zu Lachen.

„Ich? Der Teufel? Come on, glaubst du wirklich an so einen Mist?“, fragte Vernora, „Götter, Teufel, Dämonen, das alles gibt es nicht. Alles nur ein großer, alberner und ziemlich toxischer Spuk, wenn du mich fragst.“

„Aber du … d … du“, stotterte Jessie und zeigte hilflos auf die Frau, die gerade eben erst aus dem Kalender gekommen war.

„Ich bin ein Wunsch“, sagte Vernora, „das ist etwas völlig anderes. Wünsche sind real und manchmal gehen sie in Erfüllung. Für dich zum Beispiel. Wenn du willst.“

„Du … du willst mir einen Wunsch erfüllen?“, fragte Jessie und konnte ihr Glück kaum fassen.

„Nein … nein … nein“, widersprach Vernora energisch, „ich kann die Assoziationsmaschine schon hinter deiner Stirn rattern sehen, aber ich bin weder ein dummer Flaschengeist, noch eine launische Fee. Ich erfülle keine beliebigen Wünsche. Weder einen, noch drei, noch drei Millionen. Das wäre, als würde ein Kind auf seinen Wunschzettel das Wort „Irgendwas“ schreiben. Wer könnte damit was anfangen? Wo bliebe da die Hingabe? Die Fantasie? Nein, ich kann nur eine ganz bestimmte Art von Wunsch erfüllen. Doch ich denke, du wirst damit etwas anfangen können.“

Jessie wagte es kaum auszusprechen: „Kannst du … kannst du … du kannst Thorsten zurückholen?“

„Schlaues Mädchen“, sagte Vernora, die sich inzwischen einen kleinen Schemel herbeigezaubert und sich mit überschlagenen Beinen daraufgesetzt hatte, „genauso ist es. Ihn oder eine andere Person, die dir wichtiger ist als dein eigenes Leben.“

„Dann tu es!“, platze es aus Jessie heraus.

Wieder begann Vernora zu lachen und ihr seltsamer Mundgeruch ließ Jessie würgen. „So einfach ist das nun auch nicht. Damit Wünsche erfüllt werden können, müssen Vorkehrungen getroffen werden. Es braucht Einsatz und Leidenschaft und eine Menge Arbeit. So funktioniert das leider auf dieser Ebene und ich kann ihre Gesetze zwar ein wenig biegen, aber nicht brechen.“

Vernoras Tonfall wurde wieder ernst, ja geradezu düster und die Atmosphäre im Raum schien sich deutlich abzukühlen, „Es wird hart, das kann ich dir versprechen. Aber es kann funktionieren“, versprach Vernora, „also, wärst du bereit, diesen ungemütlichen Weg mit mir zu gehen, um zu bekommen, was du willst?“

„Das bin ich“, sagte Jessie ohne zu Zögern, „aber – auch wenn ich jeden Preis dafür bezahlen würde: Was willst du als Gegenleistung? Immerhin sprachst du von einem Geschäft. Was willst du von mir haben, außer meiner Bereitschaft diesen Weg zu gehen. Meine Seele?“

„Quatsch“, wiegelte Vernora ab, „ich arbeite quasi ehrenamtlich. Mein Lohn liegt in der Dankbarkeit und ein wenig auch im Amüsement. Ich liebe es zu sehen, wie meine Klienten sich abrackern, so viel muss ich eingestehen, aber ich liebe es auch, wenn sie Erfolg haben. Deine Seele kannst du gerne behalten. Sie ist – verzeih mir die Offenheit – ohnehin gerade in einem echt üblen Zustand.“

Da konnte Jessie nicht widersprechen. „Was also soll ich tun?“, fragte sie und blickte die mysteriöse Frau erwartungsvoll an. Vernora wirkte irgendwie phasenverschoben, so als würde sich ihre ursprüngliche Gestalt noch immer wie ein verzögertes Nachbild in ihrem Schatten verstecken.

„Du musst einige Dinge besorgen und erledigen. Deine Anweisungen findest du im Kalender. Heute und an den nächsten beiden Tagen. Öffne die Türchen nicht vorher. Auf gar keinen Fall, hörst du? Es mag keine Götter und Dämonen im religiösen Sinne geben. Aber es gibt andere Welten, es gibt Regeln und es gibt Konsequenzen für jene, die sie nicht befolgen“, warnte Vernora, „hast du verstanden?“

Jessie nickte.

„Dann willst du also deinen Wunsch erfüllen?“, fragte Vernora und streckte ihre Hand aus.

Auch Jessie hob die Hand, zögerte dann aber, „ich dachte, das hier wäre kein teuflischer Pakt“, sagte sie.

„Teuflisch nicht, aber ein Pakt ist es dennoch. Verbindlichkeit gehört dazu. Selbst, bei deinem Handytarif und seinem Streaming-Anbieter. Warum sollte das bei Wünschen anders sein?“, entgegnete Vernora.

Jessie dachte nach. Sie hatte ein etwas schlechtes Gefühl bei der Sache. Auf der anderen Seite war das hier eine einmalige Gelegenheit, von der sie gestern noch nicht mal zu träumen gewagt hatte. Und im Grunde war sie bereit, so ziemlich alles zu erdulden, um Thorsten wiederzubekommen.

Also streckte sie die Hand aus und schüttelte sie kurz. Vernoras Finger fühlten sich kühl und staubig an, wie sehr kalter Schnee. Gleichzeitig spürte sie ein kurzes, schmerzhaftes Ziehen in ihrem Arm, das bis hinauf in ihr Herz ging. Es verschwand zwar sofort wieder, aber dennoch realisierte sie, dass dieser Pakt mehr war als nur ein dahingesagtes Versprechen.

„Was passiert, wenn ich es nicht schaffe, die Bedingungen zu erfüllen“, stellte Jessie eine Frage, die sie wohl besser vorher gestellt hätte.

Jessie hatte den Eindruck, dass sich Vernoras Gesicht kurz verdüsterte. Doch sie ging nicht direkt auf ihre Frage ein. „Lege die genannten Dinge am Heiligen Abend unter den Kalender, zünde in ihrer Mitte eine Kerze an, mit einem Tropfen deines Blutes darauf und lege Kleidung für deinen Mann bereit“, sagte sie nur. Dann begann ihre Gestalt … einzufrieren und ihre Augen wurden … blind.

„Hey, warte! Sag mir einfach, was passiert, wenn ich es nicht schaffe!“, verlangte Jessie, doch Vernora erwachte nicht aus ihrer Starre. Stattdessen wurden ihre Kleidung und ihr Körper pechschwarz und zerfielen zu schwarzem, öligen Schnee. Eine dunkle Pfütze auf dem Boden war alles, was von ihr zurückblieb. Und der seltsame Geruch nach Gewürzen und Moder.

Gleichzeitig schloss sich das vierundzwanzigste Türchen wieder, der purpurne Schein darum verschwand und wanderte weiter zum Türchen des 21. Dezembers.

Jetzt, wo Vernora fort war, war sich Jessie gar nicht mehr so sicher, ob das alles eine so gute Idee gewesen war. Gleichzeitig hielt sich ihre Angst auch in Grenzen. Was sollte man ihr noch antun? Ihr Leben war bereits die Hölle.

Nichtsdestotrotz klopfte ihr Herz laut, als sie das Türchen für den 21. Dezember öffnete und einen zusammengefalteten Zettel aus vergilbtem Papier herausnahm. Was würde die merkwürdige Frau, dieser „Wunsch“ von ihr verlangen? Ein Blutopfer? Vielleicht sogar das Leben eines Kindes?

Mein Gott, an diese Möglichkeit hatte sie gar nicht gedacht. Sie würde jeden Preis bezahlen, ob Schmerz, Scham oder Anstrengung, aber eine Mörderin werden … ein unschuldiges Leben einfach so beenden …

Um sich nicht noch mehr in diesen abscheulichen Gedanken hineinzusteigern, beeilte sie sich den Zettel auseinanderzufalten und zu lesen, was dort in verschnörkelter Schrift geschrieben stand. Sie atmete erleichtert auf. Was dort als glasklare, schnörkellose Anweisung stand, war harmloser als sie erwartet hatte.

„Finde den Ring, den Thorsten verlor. Am Grund des Sees, an eurem besonderen Ort.“

Keine Blutopfer also. Und auch sonst nichts Unmoralisches. Jedoch trotzdem fast unmöglich. Der See, von dem die Rede war, war zwar nicht sehr groß oder tief, aber auch keine Pfütze und draußen war es sehr kalt. Selbst wenn sie so ein kleines Ding wie der Verlobungsring, den Thorsten einst bei ihrem nächtlichen Bad verloren hatte, noch am Grund des Sees finden sollte, würde sie dabei wahrscheinlich erfrieren. Anderseits glaubte sie nicht, dass die Frau ihr diese Aufgabe stellen würde, wenn ihre Erledigung vollkommen unmöglich wäre. Vielleicht würde der Ring ja auf magische Weise zu ihr finden, wenn sie einmal dort war. Wichtig war nur, dass sie ein Ziel hatte, eine Aufgabe, eine kleine Hoffnung.

Ja, allein ein Ziel zu haben, wirkte belebender als der süße Kaffee, der zusammen mit den Scherben auf ihrem Fußboden lag. Jessie entschied sich, das Aufräumen auf später zu verschieben. Fürs Erste hatte sie ein anderes Ziel. Sie ging in ihr Schlafzimmer und zog sich den warmen, dunkelroten Schneeflocken-Pullover über, den sie am eben jenem Tag getragen hatte. Dann nahm sich noch einen weiteren Pullover zum Wechseln, einige Handtücher, ein paar Zimtkekse und eine Thermoskanne mit heißem Kakao und stopfte alles in ihren abgewetzten großen Rucksack mit dem grinsenden Rentierkopf. Zuletzt streifte sie sich eine grüne, gepolsterte Funktionsjacke, zog ihre dicken Winterstiefel an und machte sich auf den Weg nach unten.

Inzwischen war die Morgendämmerung hereingebrochen und eine verschlafene, andächtige Stimmung lag über ihrem Viertel. Nur vereinzelt schlurften Menschen zu ihren Autos oder räumten etwas Schnee aus ihrer Einfahrt. Doch selbst diese Tapferen wirkten nicht ganz so verbissen und verkniffen wie sonst. Jessie liebte diese Atmosphäre. Es war, als wären all die lastenden Sorgen, all die alltäglichen Qualen endlich einmal sorgsam verstaut und unbeachtet. Als wäre das Leben so, wie es sein sollte, bevor die große Maschine wieder ihre Fahrt antrat und alle gnadenlos mitriss. Sicherlich war diese Betrachtung oberflächlich. Denn ganz verschwanden die Sorgen nie. Auch nicht zur Weihnachtszeit. Sie war dafür das beste Beispiel. Dennoch fühlte auch sie sich beschwingt und erwischte sich sogar dabei, wie sie leise „Süßer die Glocken nie klingen“, summte und sogar ein wenig tanzte und hüpfte. Sogar die abschätzigen Blicke ihrer Nachbarn, für die sie bestenfalls ein kranker Sonderling war, störten sie nicht allzu sehr. Allein die Chance Thorsten wiederzubekommen, egal, wie gering sie auch sein mochte, reichte aus, um jede dunkle Wolke aus ihrem Kopf zu vertreiben.

Sie kramte die Autoschlüssel ihres betagten Opel Corsas aus ihrer Tasche, öffnete ihren Wagen, dessen Türen mit Schlitten bemalt waren, stieg ein und drehte die Heizung voll auf. „Hallo Thorsten!“, sagte sie nach rechts gewandt.

Der so Angesprochene lächelte, aber antwortete nicht. Das lag in erster Linie daran, dass er ein mehr als menschengroßer Plüsch-Weihnachtsmann war, der ihren Beifahrersitz fast vollständig ausfüllte. Trotz dieses Defizits umarmte sie ihren Beifahrer und drückte ihm einen dicken Kuss auf das Stoffgesicht. Normalerweise brachte sie dieses kleine Ritual immer zum Weinen, doch heute brachte es sie sogar zum Lachen. Nicht mehr lange, dann würde ihr flauschiger Freund wieder einen Platz als Deko in ihrer Wohnung einnehmen.

Sie aktivierte die Navigations-App auf ihrem Handy und gab ihr Ziel ein. Normalerweise würde sie auch so dorthin finden, aber so aufgeregt und verkatert wie sie war, war sie sich da nicht ganz so sicher. Passend zu ihrer Stimmung wählte sie eine Compilation mit weihnachtlichen Rock-Songs, legte ihre Hände auf den samtenen, roten, mit Kunstschnee besprühten Lenkradbezug und begann ihren Weg über die wenig befahrene, verschneite Straße.

Es dauerte knapp dreißig Minuten, bis sie am Park angekommen war, der immerhin am anderen Ende der Stadt lag. Inzwischen war die Sonne vollständig aufgegangen. Als sie das Radio ausschaltete und ausstieg, überschwemmte sie eine regelrechte Welle aus Melancholie und Erinnerungen. Fast meinte sie, den Weg hinab zum See an Thorstens Seite zu gehen, so oft wie sich die Szenen der Vergangenheit in ihr Bewusstsein drängten. Aber bis auf einen gedankenverlorenen Jogger, der sie passierte und mit einem knappen Nicken grüßte, war sie allein.

Bereits auf ihrem Weg zu dem kleinen See bemerkte sie, wie unglaublich kalt es geworden war. Hatten die Temperaturen die letzten Tage immer knapp über dem Gefrierpunkt gelegen, fühlte es sich jetzt eher nach minus zehn oder minus fünfzehn Grad an. Sie hatte sich also so ziemlich den schlechtesten Tag für ihr kleines Abenteuer ausgesucht. Doch es war ihr ja klar gewesen, dass das hier alles andere als einfach werden würde.

Endlich am See angekommen, stellte sie fest, dass er immerhin noch nicht zugefroren war. Lediglich an seinen Rändern hatten sich kleine Eisschollen gebildet. Doch schon als sie ihre Finger in das Wasser steckte, verlor sie fast den Mut. Allein bei dem Gedanken, in dieses Wasser zu steigen, geschweige denn hineinzutauchen, wurde ihr ganz anders. Jessie war sicher keine Expertin auf diesem Gebiet, aber sie glaubte nicht, dass sie diese Wassertemperaturen mehr als ein oder zwei Minuten ertragen könnte, bevor sie jämmerlich erfror.

„Verdammt!“, sagte sie frustriert und zermarterte sich den Kopf darüber, wie sie den Ring denn sonst aus dem See bekommen sollte. Scheitern war keine Option. Vielleicht konnte sie ihn mit irgendeinem langen Stock, mit einer Angel, einer Harke oder etwas Ähnlichem erreichen. Zwar konnte sie selbst durch das nur circa fünf Meter tiefe Wasser nicht bis zum Grund des Sees blicken, aber vielleicht hatte sie ja Glück.

Sie ärgerte sich, dass sie an solche Utensilien nicht vorher gedacht hatte und wollte gerade zurück zum Auto gehen, um ihr Versäumnis nachzuholen, als sie etwas Erstaunliches erblickte. Direkt vor einem der Tannenbäume, die in der Nähe des Sees gepflanzt worden waren, entdeckte sie eine Tür. Es war eine Tür, ganz nach Jessies Geschmack. Rot lackiert und mit einem breiten Weihnachtskranz daran, nur dass dieser völlig vergilbt und vertrocknet war und dass darunter mit weißer Farbe zwei Eheringe gemalt worden waren. Zuerst nahm sie an, dass diese Tür, die sie vorher – aus welchem Grund auch immer – überhaupt nicht bemerkt hatte, in den Baum eingelassen war. Doch dann stellte sie fest, dass sie sich irrte. Die Tür, die immer wieder vollkommen verschwand, wenn sie sich zu weit nach links oder rechts bewegte, stand einfach frei in der kalten Luft herum.

Noch vor einigen Jahren wäre sie bei einem so unheimlichen Anblick wohl schreiend davongelaufen oder hätte sich für verrückt gehalten, aber nach dem, was sie in der Zwischenzeit durchlitten hatte, und ganz besonders nach dem Erlebnis heute früh, war sie bereit, es mit so ziemlich allem aufzunehmen. Zudem war ziemlich klar, dass dies der Weg wäre, den Vernora für sie vorgesehen hatte. Einen anderen konnte sie ohnehin nicht beschreiten.

Also öffnete sie die Tür und wappnete sich für etwas Ungeheuerliches. Doch alles, was sich im Türrahmen zeigte, war der dahinterliegende Abschnitt des Parks, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass es dort wieder tiefste Nacht war.

Etwas beruhigt von dieser vergleichsweise marginalen Veränderung trat sie durch die Tür und fand sich tatsächlich in einer identischen, aber nächtlichen Version des Parks wieder. Nun, fast zumindest, denn derselbe violette Schein, den sie im Kalender wahrgenommen hatte, lag hier über den Bäumen, dem Mond, den Sternen, dem Gras und so ziemlich jedem anderen Objekt. Das hier war kein einfaches Spiegelbild des Parks. Nicht einmal ein verzerrtes. Es war, wenn überhaupt, wie die Spiegelbilder in einigen Filmen, die sich unabhängig von ihrem Beobachter aus eigenem Antrieb bewegten. Zeitgleich mit dieser Erkenntnis fühlte Jessie sich nicht länger sicher an diesem Ort. Es war nicht die Angst vor Dieben, Mördern oder Vergewaltigern, die verunsicherte, sondern vor etwas völlig anderem. Etwas viel Böserem, dass hier jederzeit nach ihr greifen konnte.

Dieser Ort war eine Treppe ohne Geländer, ein hoher Turm ohne Sicherheitszaun, ein kindliches Schlafzimmer, wenn die Eltern verreist waren. Hier gab es keinen Schutz. Für niemanden. Schon gar nicht für sie.

Sie versuchte, sich zu beruhigen. Es gab keinen Gott und keine Dämonen, hatte Vernora behauptet und dieses Mantra sagte sie sich innerlich immer wieder vor. Doch eine gehässige Stimme in ihr begann sofort damit, diesen kümmerlichen Trost zu untergraben.

„Das mag so sein“, sagte diese Stimme, die kein telepathischer Eindringling, sondern lediglich ihr eigener Pessimismus war, „falls sie nicht gelogen hat. Und selbst wenn nicht, so gibt es Dinge wie Vernora und vielleicht noch weitere, von denen sie nicht gesprochen hat.“

„Halt die Klappe“, sagte sie zu sich selbst und versuchte an Thorsten zu denken. An seine Wärme, an sein liebes, gütiges Gesicht. Das half etwas. Leidlich beruhigt drehte sie sich um und keuchte vor Grauen, als sie die Tür nicht länger entdeckte. Sie bewegte sich nach links, nach rechts, nach vorne und nach hinten, doch sie tauchte nicht wieder auf. Was immer das genau für ein Ort war. Sie war an ihm gestrandet.

Panik griff nach ihr und drohte ihr bewusstes Denken zu verdrängen, nein abzutöten. Ihre Nackenhaare richteten sich auf, sie drehte ihren Kopf wie im Wahn hin und her und ihre Sinne wurden hyperempfindlich. Sie hörte Schnee knirschen, niedergedrückt wie von Schritten. Sie sah, wie sich Äste aus eigenem Willen bewegten, spürte unerwartet warme Luftzüge, bemerkte wie Schatten am verdunkelten Firmament vorbeihuschten, registrierte wellengleiche Bewegungen im Untergrund und sah kleinkindergroße, eisbleiche Wesen mit kohleschwarzen Augen, die sich immer wieder kurz hinter den Ästen hervorwagten. Grinsend, murmelnd, sie verhöhnend und Stückchen für Stückchen näher kommend.

Jedes mobile Lebewesen hatte drei basale Strategien, um mit nahenden Bedrohungen umzugehen. Flucht, Kampf und Starre. Letzteres war oft ein Todesurteil, wenn man sich nicht sehr glaubwürdig tot stellen konnte und genau in dieser miserablen Strategie drohte Jessie zu verharren. Zum Glück gelang es ihr jedoch rechtzeitig zu der menschlichsten aller menschlichen Eigenschaften zurückzukehren, die diesen urtümlichen Impulsen diametral entgegenstand und doch beim Überleben so hilfreich sein konnte: das bewusste Denken.

Es half ihr dabei, diese Gefahren für einen Moment auszublenden und sich auf das Wesentliche zu fokussieren. Den See. Der Ort, wo der Schatz lag, den sie finden musste. Der Ort, der jetzt zwar ungleich größer, aber dafür erfreulich ausgetrocknet als grauer, lehmiger Krater vor ihr lag. Nein, war sie überzeugt. Vernora hatte sie nicht hierher geschickt, um zu sterben. Sie hatte eine Chance. Und sie brauchte diese seltsame Anderswelt, um sie wahrnehmen zu können.

Sobald sie den Ring fand, würde sie auch ihren Heimweg finden. Von diesem Gedanken aufs neue motiviert, stürmte sie auf den ausgetrockneten See zu, während sie viele kleine Füße hinter sich trappeln hörte. Jessie lief schneller, doch gerade als sie den Rand des Sees erreicht hatte, spürte sie einen scharfen Schmerz. Sie geriert aus dem Gleichgewicht, stürzte auf dem Knie und blickte an sich hinab. An ihrem rechten Bein hingen zwei der Wichte, die sie hinter den Bäumen ausgemacht hatte und saugten mit kleinen, spitzen Zähnchen das Blut aus ihrem Bein.

Jessie, die eigentlich nie eine besonders athletische Person gewesen war, reagierte instinktiv. Sie schlug mit ihrer kleinen Faust so fest auf den Kopf eines der kalkbleichen Wichte ein, dass dessen Kopf zurückschnappte und ein Stück weit eingedrückt wurde. Entweder hatte sie hier übermenschliche Kräfte oder die Wesen waren fragiler, als sie aussahen. Auch wenn sie froh über diesen Erfolg war, war sie vom Anblick, des deformierten, röchelnden, kindlichen Gesichts und den leidenden, sterbenden Augen, die nun eine eisblaue Farbe angenommen hatten, zutiefst erschrocken. Doch sie konnte sich kein Mitleid leisten. Aus dem Augenwinkel sah sie weitere der Wesen auf sich zustürmen und so ließ sie dem anderen, noch immer fröhlich saugenden Wicht eine ähnliche Behandlung angedeihen. Diesmal zersprang sein Schädel regelrecht wie feines Porzellan.

Eilig stand Jessie auf und versuchte weiterzulaufen, nur um festzustellen, dass ihr ausgesaugtes Bein ihr nur bedingt gehorchte. Es war irgendwie schwach und ungelenk, fühlte sich wie eingeschlafen an und sie vermutete, dass diese kleinen Vampire ihr mehr angetan hatten, als ihr nur etwas Blut abzuzapfen.

Trotzdem wuchtete sich Jessie über das Seeufer und bemühte sich ihren Sturz den Abhang hinab so gut wie möglich zu steuern, indem sie ihre Hände in den kaltfeuchten, nur oberflächlich getrockneten Schlamm krallte. Es gelang ihr sogar einigermaßen. Sogar so gut, dass sie ohne weitere Verletzungen auf dem Grund des ausgetrockneten Sees ankam. Hastig drehte sie sich um und stellte erleichtert fest, dass die Kreaturen ihr nicht gefolgt waren. Wie eine Gruppe Schaulustiger hatten sie sich um den Rand des Sees gruppiert und beobachteten sie mit hungrigen, aber frustrierten Augen, so als ob es ihnen unmöglich wäre ihr zu folgen. Dann erkannte sie auch, warum. Der ganze See war umgeben von einer fast unsichtbaren Barriere, einer Kuppel aus Luft, die nur an einigen Stellen ganz schwach violett schimmerte.

Ermutigt von dieser Feststellung, gönnte sich Jessie eine Pause und betrachtete ihr Bein. Die Zähne der Kreaturen steckten noch immer in den Bisswunden. Als sie sie betastete, bemerkte sie, dass sie sich wirklich wie Porzellan anfühlten. Vorsichtig zog sie sie heraus und erschrak, als sofort nicht nur Blut, sondern auch eine ölige weiße Flüssigkeit aus den Wunden herausquoll. Hatten diese Wesen sie vergiftet? Kaum da sie diesen Gedanken gedacht hatte, verspürte sie einen unangenehmen Schwindel und meinte ein Kribbeln wahrzunehmen, das sich von ihrem Bein zu ihrem ganzen Körper hocharbeitete. Bevor sie noch mehr in Panik geraten konnte, riss sie sich zusammen und atmete ganz tief durch. Das Kribbeln schwand und der Schwindel auch. Offenbar war zumindest das Einbildung gewesen. Sie beschloss, sich um ihr Bein später Gedanken zu machen und sich wieder auf ihre Suche zu konzentrieren und darauf, wo sie eigentlich war.

Bei allem Grauen war dies doch ein fantastischer, ja unglaublicher Ort und sie musste sich eingestehen, dass sie sich gerade lebendiger fühlte als in all den Jahren zuvor. Der kühle Schlamm auf ihrer Hand, das seltsame Gefühl in ihrem Bein, der Anblick der geifernden, grinsenden und hungrigen Zwerge über ihr und der violette Sternenhimmel – all das fühlte sich nach Leben an. Nach realen, greifbaren Erfahrungen. Nach Gefahr und Abenteuer. Sie mochte hier leiden, vielleicht sogar sterben. Aber sie hätte gelebt. Hatte die bleierne Leere zumindest für diesen Moment vertrieben.

„Dankeschön!“, rief sie den Wichten lachend entgegen und warf ihnen eine Kusshand zu. Das war albern, vielleicht sogar wahnsinnig, aber es fühlte sich gut an. Sie war an dem Ort, an dem nicht nur Thorsten seinen Ehering verloren hatte, sondern an dem sie auch ihre ersten, unglaublichen Dates verbracht hatten. Seit seinem Tod hatte sie eine Mauer aus Schmerz von diesem Park ferngehalten. Niemals hätte sie sich träumen lassen, ihn noch einmal zu betreten und dabei zu lachen. Erst recht nicht unter solchen Umständen.

Ihre Augen wandten sich wieder von den Wichten ab und streiften über den dunklen Schlamm. Erst auf den zweiten Blick stellte sie fest, dass es sich um mehr als nur um Schlamm handelte. Der ganze Boden des fast getrockneten Sees war überfüllt mit Erinnerungsstücken aus ihrer gemeinsamen Zeit, die halb vergraben aus dem Schlamm hervorragten. Bilderrahmen mit Aufnahmen von Urlauben, spontanen Schnappschüssen von Grimassen und Blödeleien oder professionelle Studioaufnahmen von ihrer Hochzeit. Kleine Figürchen, Gebasteltes und Geschenke aus all den Jahren, sogar Briefe, Geburtstagskarten und vieles mehr. Alles umgeben vom selben violetten Glanz wie der Himmel. Als Jessie all dies durchstöberte, fühlte sie sich, als würde sie mit eigenen Händen ihre Vergangenheit durchwühlen. Doch so schön all dies war – schon nach ein paar Minuten stellte sich Ernüchterung ein. Denn auch wenn ihr das Wasser nicht mehr im Weg stand – das hier als die Suche nach der Nadel im Heuhaufen zu betrachten, wäre weit untertrieben gewesen.

Trotzdem stolperte sie eifrig über den Grund des Sees, suchte fieberhaft, pflückte Erinnerungsstücke aus dem Schlamm, zog sie aus vertrockneten Wurzeln, holte sie unter verrottenden Wasserpflanzen und aus kleinen Senken hervor, in denen sich noch etwas Wasser gesammelt hatte, das ebenfalls violett glitzerte. Einmal fand sie sogar einen Ring. Doch es war lediglich ihr schäbiger, günstiger Verlobungsring und nicht der Ehering, den sie benötigte.

Jessie hatte gefühlt bereits Stunden gesucht, als sie sich erschöpft, ergebnislos und verzweifelt in den Schlamm fallen ließ. Mittlerweile spürte sie ihr linkes Bein überhaupt nicht mehr. Und nicht nur das. Es hatte eine beinah papierweiße Farbe angenommen, fühlte sich seltsam hart an und gehorchte ihren Bewegungsimpulsen nur noch unter allergrößter Mühe. Ihre absurde Zuversicht und Lebensfreude von vorhin hatte sich gänzlich in Luft aufgelöst und als sie hinaufsah, sank ihr Mut sogar noch weiter.

Denn zwischen den Porzellanvampirchen, wie sie die hungrigen Wichte bei sich nannte, hatten sich noch viel schlimmere Kreaturen eingereiht. Dürre, bestimmt fünf Meter messende Giganten, deren Körper an eine Mischung aus Eis und Knochen erinnerte und deren menschenähnliche, mit großen Zähnen ausgestatteten Köpfe auf langen, drehbaren Hälsen steckten. Auch diese Geschöpfe schienen nicht zu ihr durchdringen zu können. Doch sie hatte eindeutig das Gefühl – nein, die Gewissheit – dass sie es viel intensiver versuchten als die Porzellanvampirchen. Sie hämmerten ihre absurd großen Köpfe gegen die zarte Barriere, rannten dagegen an, bissen in die Luft und gaben ab und an ein wütendes, schrilles Brüllen von sich. Wenn sie sie auf irgendeine Weise erreichten würden – da war Jessie sicher – würden sie es nicht bei ein wenig Blut belassen oder dabei ihr Bein in bewegungsloses Porzellan zu verwandeln.

Und dass ihnen dieses Kunststück am Ende gelingen würde, war nicht auszuschließen. Immerhin wusste Jessie wenig über diese Welt und ihre Gesetze.

„Tja, mein Leben war vorher auch nicht besser, oder?“, sagte sie zu sich selbst und dieser wahnwitzige Gedanke brachte sie erneut zum Lachen und hob damit ihre Stimmung wieder ein winziges Stück. Sie ließ sich in den Morast fallen, spürte dessen Kühle sogar durch ihre Winterklamotten hindurch und machte eine Art „Schlamm-Engel“ und genoss die Absurdität ihrer Lage auf verdrehte Weise.

Während sie so mit ihren Armen herumruderte, fand ihre rechte Hand plötzlich eine andere Hand. Sofort war Jessies Albernheit verflogen und sie sprang auf, eine weitere Abscheulichkeit vermutend. Doch was sie stattdessen erblickte, war eine gläserne Hand. Ihre Hand, wie sie nach einer kurzen Begutachtung feststellte, so sicher man sich bei einer solchen Nachahmung eben sein konnte. Und irgendwas in ihr sagte ihr, dass das was zu bedeuten hatte.

Sie grub ein wenig in dem weichen Schlamm und bemerkte, dass an dieser Hand ein Unterarm hing. Sie grub weiter und entdeckte auch einen Oberarm und schließlich sogar den Ansatz von Schultern. Das fachte Jessies Neugier noch mehr an. Sie grub und schaufelte wie im Wahn, nahm schließlich einen herumliegenden Spaten zur Hilfe, den sie Thorsten einmal für ihren Garten geschenkt hatte und legte so eine vollständige, gläserne Kopie ihrer Selbst frei. Mit dem unappetitlichen Detail, dass unter der transparenten Haut sämtliche Organe zu erkennen waren. Jedoch nicht gläsern, sondern lebendig, in Fleisch und Blut. Mit einer Ausnahme: Ihr Herz war als einziges ebenfalls transparent und in seiner Mitte steckte golden glitzernd Thorstens verlorener Ehering.

Eine Welle der Erleichterung und der Vorfreude rauschte über Jessie hinweg. Sie hatte ihren Schatz gefunden. Alles, was sie noch tun musste, war ihn zu erreichen. Und sie wusste auch schon wie. Sie nahm ihren Spaten und hieb direkt auf die Skulptur ein. Dieser Schlag reichte noch nicht aus, um sie zu zerstören. Aber der Brustkorb bekam Risse und zu ihrem Entsetzen fing die vermeintlich leblose Statue zu sprechen an.

„Bitte hör auf!“, flehte sie mit schmerzverzerrtem Gesicht, während violette Tränen über ihre gläsernen Wangen rollten, „ich will nicht sterben!“

Jessie hielt inne. Der Anblick war zutiefst erschütternd und vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie echtes, aufrichtiges Mitleid mit sich selbst. „Es tut mir leid, ich muss das tun. Ansonsten bekomme ich Thorsten nie zurück.“

„Thorsten ist fort!“, widersprach die gesprungene Glas-Jessie, „er hat seinen Frieden. Aber du bist noch hier und hast echtes Glück verdient.“

„Thorsten ist mein Glück“, sagte Jessie und merkte, wie das Mitleid mit ihrem Ebenbild abnahm, „und er wird zurückkehren. Das hat Vernora mir versprochen!“

„Er wird nicht zurückkommen. Eure Zeit war schön, aber sie ist vorbei. Das musst du akzeptieren“, sagte Glas-Jessie ängstlich und wimmernd.

Doch ihre flehenden Worte hatten genau den gegenteiligen Effekt. Jessies Mitleid schmolz wie Schnee in der Sonne. „DU LÜGST!“, brüllte sie und hieb mit all ihrer Kraft auf die gläserne Statue ein.

Mit einem jämmerlichen, von unglaublichen Qualen zeugenden Schrei zerbarst der durchsichtige Brustkorb, ein Strom von zähem, gläsernem Blut floss heraus und das Herz lag frei vor ihr.

„Bitte … bitte lass …“, versuchte ihr Ebenbild es noch einmal mit gebrochener, stammelnder Stimme.

„Halt dein Maul!“, sagte Jessie hart und rammte die Schaufel so oft in das leidende Gesicht, bis weder Augen noch Mund zurückblieben und die Statue endlich verstummte.

Dann schlug sie auf das Herz ein. Vorsichtiger diesmal, um den Ring nicht zu beschädigen. Mit einem trockenen Knacken zersprang das Organ. Interessanterweise blutete das Herz der Statue gewöhnliches, rotes Blut, das unaufhörlich und mit wachsendem Druck daraus hervorschoss. Der Ring, dachte Jessie erschrocken. Sie fiel auf die Knie, tastete in der wachsenden Blutpfützen herum und entging so auch dem Blutstrahl, der so hart war, dass seine Berührung inzwischen genügen musste, um Fleisch und Knochen zu zerstören.

Erleichterung erfüllte sie, als sie den Ehering letztlich doch fand. Hastig streifte sie ihn über den Finger, um ihn nicht zu verlieren. Eine durchaus reale Gefahr, denn auch wenn das unmöglich erschien, füllte sich der ausgetrocknete See nun immer weiter mit dem unerschöpflichen Herzblut ihrer zerstörten Statue. Zu schnell, um an der Oberfläche zu bleiben.

Jessie spürte, wie die Wucht der zähen Flüssigkeit sie kraftvoll nach unten drückte, während ihr erstarrtes Bein ihr das Schwimmen fast unmöglich machte. Sie röchelte, ruderte mit den Armen wie eine Nichtschwimmerin und schluckte salziges Blut, von dem ein bisschen in ihre Lungen geriet, während ihr Sichtfeld in dichtem Rot versank. Ein Hustenreflex versuchte ihren Willen zu brechen, versuchte ihren Mund mit Gewalt zu öffnen, obwohl das ihr Ende bedeuten würde. Sie würde ertrinken. Ertrinken in ihrem eigenen Blut.

Während sie langsam tiefer rutschte bekamen ihre panisch rudernden Arme etwas zu fassen. Sie kümmerte nicht darum, was es war, sondern griff einfach danach, klammerte sich fest und zog sich hoch. Es war ein großer, breiter, massiver Gegenstand und als ihr Kopf endlich aus dem Blutsee auftauchte, wäre sie vor Überraschung fast wieder hineingestürzt. Was sie so verzweifelt festhielt, war nichts anderes als der stark ramponierte Körper ihres Glas-Ebenbilds. Er musste sich irgendwie aus dem Schlamm gelöst haben. Doch auch wenn dies in ihr sowohl Schrecken als auch ein schlechtes Gewissen hervorrief, nutzte Jessie ihr improvisiertes Floß erfolgreich, um dem Sog der Flüssigkeit zu entgehen.

Sie schaffte es – trotzt des rauen Wellengangs – oben zu bleiben. Doch während der Wasserspiegel – oder eher Blutspiegel – mehr und mehr stieg, ergab sich ein neues Problem. Sie trieb ziemlich nah am Rand des Sees und bereits in wenigen Sekunden würde sie wieder in Reichweite der vierbeinigen Eisskelett-Geschöpfe und der Porzellanvampire sein, die sie bereits hungrig und erwartungsvoll anblickten. Jessie versuchte dem zu entgehen, versuchte irgendwie auf ihrem „Puppenfloß“ in die Mitte des Sees zu paddeln, bemerkte jedoch schnell, dass sie beide Hände brauchte, um sich an der rutschigen Statue festzuhalten. Außerdem hätte ihr das auf Dauer nichts gebracht. Sie musste ans Ufer, wenn sie nicht für den Rest ihres Lebens auf diesem See treiben wollte. Aber die Alternative wäre, gefressen zu werden. Oder Schlimmeres.

„Ich helfe dir“, hörte sie eine schwache Stimme direkt neben sich und verhinderte nur durch rasches Nachgreifen, dass sie in den Blutsee stürzte. Dadurch und durch die Hand der Statue, die sie festhielt. Sie war es auch, von der die Stimme kam.

„Ich … ich habe dich getötet“, sagte Jessie verwirrt und schuldbewusst.

„Ja, das hast du“, sagte die Statue mit der Ruine ihres zerstörten Mundes, „genau wie du dich selbst all die Jahre langsam getötet und lebendig begraben hast. Aber solange du atmest, lebt auch ein Teil von mir. Und dieser Teil würde alles für dich geben.“

Diese Worte rührten Jessie zu Tränen und zugleich kam sie sich unendlich mies und schmutzig vor. Ihr Ebenbild sollte sie hassen. Und doch …

„Was ist dein Plan?“, fragte sie, während sie zu einem der nahen Giganten blickte, der seinen Hals streckte wie ein neugieriger Hund. Seine Zähne waren nicht scharf. Nicht schärfer als die von Menschen, aber sie waren so groß wie Pflastersteine und sie hatte keinen Zweifel daran, dass er sie damit und mit seinen kräftigen Kiefermuskeln, die wie gespanntes Gummi über seinen Eisknochen lagen, langsam und qualvoll zermalmen könnte. Noch konnte er sie nicht erreichen, doch in einer, vielleicht zwei Minuten würde das anders sein. Das wusste auch das Ding. Es witterte und grinste voller Vorfreude.

„Steig auf meinen Rücken. Er wird dich tragen. Du wirst gleich über dir eine Treppe sehen. Nur für drei Sekunden. Dann verschwindet sie wieder und eine Flucht ist ausgeschlossen. Für immer. Betrete sie sofort und gehe bis zum Ende. Ich halte dir die Zwielichtschlinger vom Leib“, versprach sie.

Jessie nickte und kletterte auf den gläsernen Leib ihres Ebenbilds. Blut spritzte hoch und der Körper wackelte gefährlich, aber er versank nicht. Starr hielt sie den Blick nach oben gerichtet, wartend auf ihre Rettung und ignorierte das Kreischen und Mahlen der „Zwielichtschlinger“ und das schrille Gackern der Porzellanvampire. Sie wollte hier nicht bleiben. Auf keinen Fall wollte sie hier bleiben.

Dann endlich war es so weit. Über ihr erschien die versprochene Treppe. Dabei war es jedoch keine gewöhnliche Treppe, sondern eher ein schattenhafter, violetter Schemen. Dennoch zögerte sie nicht, zog sich hoch und gab sich alle Mühe trotz ihres lahmen Beins nicht abzustürzen. Irgendwie gelang ihr das. Aber während sie sich vorsichtig über die flache Treppe nach oben arbeitete, schien sie die schimmernde Grenze zu durchbrechen, die sie bislang geschützt hatte.

Und den Kreaturen entging das nicht.

Die kleinen Porzellanvampire waren eigentlich viel zu winzig, um sie in dieser Höhe zu erreichen. Doch davon ließen sie sich nicht abhalten. Sie nutzten ihre große Zahl, krabbelten übereinander und bildeten in unglaublicher Geschwindigkeit eine Räuberleiter. Die Zwielichtschlinger aber wahren schneller.

Ihre Köpfe schnellten vor und ihre Kiefer schlossen sich wie zuschnappende Bärenfallen. Zum ersten Mal seit Jahren hatte Jessie wirklich Angst um ihr Leben. Und das gab ihr Kraft. Trotz ihres Porzellanbeins schaffte sie es den Bissen der riesigen Münder zu entgehen und weiter die Stufen heraufzukrabbeln. Und dort oben, nur noch etwa zehn Stufen entfernt, erblickte sie sie: eine Tür ganz ähnlich wie die, die sie hergeführt hatte, nur lackiert in einem kräftigen Violett.

Getrieben von neuer Hoffnung beschleunigte Jessie ihr Krabbeln, brachte, zwei, drei weitere Stufen hinter sich und wand und drehte sich wie eine Schlange, um den Zwielichtschlingern zu entgehen. Dann – nur ein einziges Mal – war sie zu langsam. Aus ihrem Augenwinkel sah sie einen hellen Schatten und dann hörte sie ein hässliches Klirren als ihr Porzellanbein unter der Beißkraft des Ungetüms nachgab. Obwohl dieses Bein eigentlich taub sein sollte, spürte sie einen grauenhaften, spitzen Phantomschmerz, blickte reflexartig an sich herunter und stellte mit Entsetzen fest, dass der Zwielichtschlinger seinen Mund zu einem weiteren Biss öffnete. Diesmal – daran hatte sie keine Zweifel – würde er ihr gesundes Bein und ihren Unterleib abtrennen. Verzweifelt versuchte Jessie sich hochzuziehen, doch sie rutschte immer wieder ab, da der Boden glatt war von dem Blut, dass aus der Stelle floss, an dem ihr erstarrtes Bein in normales Gewebe überging.

Schließlich gab sie auf. Schwer atmend, entmutigt, erschöpft. Trotzig drehte sie sich zu der Kreatur um, deren Kiefer sich langsam und genüsslich schloss, entschlossen ihr wenigstens noch einen Zahn zu beschädigen. Ihr scharfer, eisiger und nach verbrannten Knochen riechender Atem hüllte sie todesversprechend ein. Dann kippte das Ungeheuer nach hinten. Und dann noch eins und noch eins, wie gefällte Bäume in einem seltsamen Wald. Glass-Jessie, dachte sie, da das für sie die einzige logische Erklärung war und die ein vielstimmiges, wütendes und erschrockenes Gackern verdeutlichte ihr auch, dass ihre Retterin die Räuberleiter der Vampire zum Einsturz gebracht hatte.

Jessie fühlte sich jetzt noch viel schuldiger, ihrem Ebenbild so übel mitgespielt zu haben. Aber sie fühlte auch unendliche Dankbarkeit und gönnte sich einen tiefen, erleichterten Atemzug, der in ein breites Lächeln mündete. Ihr Bein war zerstört, aber sie lebte und sie hatte den Ring, der sie Thorsten wieder näherbringen würde. Gerade als sie einen neuen Anlauf unternehmen wollte, um die verbleibenden Stufen hinter sich zu bringen, hörte sie ein wahnsinniges, helles Lachen hinter sich. Jessie handelte instinktiv. Sie sah nicht einmal wirklich hin, sondern schwang nur ihre Faust in die Richtung des Gelächters. Ein dumpfer, aber aushaltbarer Schmerz meldete sich in ihrer Hand, als das Porzellangesicht des anscheinend einzigen Vampirchens, der es auf die Treppe geschafft hatte, zersplitterte. Mit einem erstickten Ächzen stürzte der Blutsauger in die Tiefe.

„Jessie the Vampire Slayer“, sagte Jessie verwegen zu sich selbst und lachte. Dann nahm sie all ihre Kraft zusammen und kroch auf die Tür zu.

~o~

„Soll ich einen Doctor rufen?“, fragte die Stimme einer Frau mit einem grau melierten, schwarzen, langen Zopf und einem breiten, amerikanischen Akzent. Sie stand über sie gebeugt, trug eine schwarze Funktionsjacke, hatte ein freundliches, etwas faltiges Gesicht und schien vielleicht zehn Jahre älter zu sein als Jessie.

Jessie wollte antworten, aber es gelang ihr nicht direkt. Ihr war unglaublich kalt. Sie zitterte und fühlte nasse Kälte überall an ihrem Körper. Aber auch wenn sie sich dreckig fühlte, hatte sie wenigstens nicht das Gefühl jeden Moment sterben zu müssen. Auch spürte sie die Kälte in ihren Gliedern, was dafür sprach, dass die Erfrierungen noch nicht so schlimm sein konnten, dass ihre Nerven abstarben. Und da sie wusste, dass ein Krankenhausaufenthalt ihr jede Chance auf ein Wiedersehen mit Thorsten nehmen würde, brachte sie ihre klappernden Zähne unter Kontrolle und rang sich zu einer Antwort durch.

„Nein … nein … es geht schon“, sagte Jessie und realisierte erst jetzt so recht, dass sie wieder in der normalen Welt war und dass die Frau sie wohl irgendwie aus dem eisigen Wasser gezogen hatte. Panisch tastete sie nach dem Ring und fühlte heiße Erleichterung als sie ihn an ihrem Ringfinger vorfand.

„Danke“, fügte Jessie hinzu und versuchte sich mit zitternden Händen hochzustemmen.

„Hey, careful“, warnte die Fremde und reichte ihr die Hand, um ihr zu helfen, „nicht, dass du mir noch ohnmächtig wirst.“

Jessie ergriff dankbar ihre Hand und schaffte es so in eine aufrechte Position. Und zwar auf beiden Beinen, wie sie überglücklich feststellte. Was auch immer ihr die Porzellanvampire angetan hatten, war wie es aussah nicht von Dauer. Gleichzeitig bemerkte Jessie, dass die Frau einen schwarzen Labrador-Mischling an der Leine in ihrer anderen Hand führte, der neugierig und tröstend an ihrer nassen Hand leckte. Es kitzelte und ließ sie schmunzeln. Gerührt kraulte sie den Hund mit ihrer tropfnassen Hand im Nacken.

„Erfrieren ist keine gute Art, es zu beenden. Genauso wenig wie Ertrinken. Es gibt bessere Methoden. Aber die beste von allen, ist zu leben“, sagte die Frau freundlich, wenn auch milde maßregelnd, während sie ihre Hand um ihren Rücken legte, um sie zu stützen und die Wagenladung an Handtüchern und Decken vom Runterfallen abzuhalten, die sie Jessie um den Körper gelegt hatte.

Sofort begriff Jessie, dass die Frau ihr kleines Abenteuer – verständlicherweise – missverstanden hatte.

„Ich wollte mich nicht umbringen“, stellte sie noch immer zitternd klar, „ich bin lediglich ausgerutscht.“

„Du triebst mitten im See“, sagte die Frau, „man muss sich schon sehr ungeschickt anstellen, um versehentlich da hinzukommen.“

„Ich bin eine Expertin darin, mich ungeschickt anzustellen“, stellte Jessie klar, was der Unbekannten ein Lächeln entlockte.

„Wie heißt denn die Expertin?“, fragte sie.

„Jessie“, antwortete sie, „und meine beiden Retter?“

„Isabelle und Krümel“, erwiderte sie, „und es muss dir nicht peinlich sein, was du versucht hast. Wir alle tun manchmal dumme Dinge. Auch ich war ein paar mal kurz davor. Ja, ich sehe fast denselben Ausdruck in deinen Augen wie damals in meinem Spiegel.“

Jessie überlegte, ob sie nochmal versuchen sollte, die Lage klarzustellen, aber sie wusste, dass sie sich die Mühe sparen konnte. Immerhin konnte sie Isabelle auch nicht den wahren Grund für ihren Tauchgang erzählen und es würde sie auch zu viel Kraft kosten. Trotzdem musste sie verhindern, dass Isabelle sie ins Krankenhaus oder in die Nervenklinik fuhr.

„Es war wirklich ein Unfall“, versuchte Jessie es mit einer Halbwahrheit, „aber als ich ausgerutscht bin, habe ich mir gedacht – wieso nicht alles beenden? Die Einsamkeit. Das Leid. Es war ein dummer Gedanke. In der Theorie wirkt Sterben so leicht, aber wenn es dann so weit ist, ist es einfach nur grauenhaft. Dann merkt man, dass man unbedingt leben will.“

Diese letzten Worte sagte sie mit solcher Überzeugung, dass es sie selbst überraschte, aber da das Skeptische in Isabelles Blick etwas nachließ, schienen ihre Worte ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben.

„Gut, dass du das erkannt hast. Aber du siehst trotzdem awful blass aus. Ich sollte dich zumindest zur Kontrolle ins Krankenhaus bringen.“

„Nein! Bitte nicht“, sagte Jessie, „nicht so kurz vor Weihnachten. Dieses Fest ist mir wichtig und ich werde garantiert nicht umkippen. Versprochen. Alles, was ich brauche, ist eine kurze Pause und etwas Wärme. Ich will jetzt einfach nur nach Hause.“

Isabelle betrachtete sie zweifelnd, seufzte dann aber schließlich. „Wie du meinst. Ich bin ja nicht deine Mutter. Ich fahre dich natürlich gern nach Hause. Aber in diesem Zustand solltest du nicht allein sein. Was hältst du davon, wenn wir kurz in meinen Bus gehen, du dir trockene Klamotten anziehst und dich etwas aufwärmst. Dann fahren wir zu dir.“

„Da bin ich dabei“, sagte Jessie lächelnd und kraulte Mango hinter dem Ohr, der zufrieden brummte „ich glaube dein kleiner Freund hier würde es mir auch übel nehmen, wenn ich ihn zu schnell verlasse.“

~o~

Nur wenige Minuten später saß Jessie zusammen mit Mango und Isabelle im Innenraum ihres Kleintransporters, hatte zum ersten Mal seit langer Zeit einen schlichten, schwarzen, aber sehr flauschigen Pullover ohne weihnachtliche Motive an, der ihr lediglich ein bisschen zu klein war und eine Tasse dampfenden Kaffee in der Hand. Ihre eigenen Klamotten und Vorräte und auch ihr geliebter Elch-Rucksack waren nicht mehr auffindbar gewesen. Die Wärme tat gut und damit meinte sie nicht allein das Getränk, die trockene Kleidung oder die Heizung des Wagens, sondern auch die Atmosphäre. Isabelle und Mango waren beide sehr freundliche Zeitgenossen und obwohl sie ihr fremd waren, fühlte sie sich zu keinem Zeitpunkt bedroht oder unwohl.

„Einen schönen Van hast du da“, sagte Jessie.

„Danke“, erwiderte Isabelle breit lächelnd, „eigentlich hätte ich gern einen Wohnwagen. Wir beide sind viel unterwegs. Aber dazu fehlt mir das Cash. Der Schlingel hier frisst mein Erspartes schneller als ich gucken kann.“

„Wohnst du etwa hier?“, entfuhr es Jessie, auch wenn ihr die Frage etwas ungehörig erschien.

„Oh God, no“, sagte Isabelle, „das würde mir wahrscheinlich meinen Rücken endgültig ruinieren. Ein bequemes Bett will ich dann doch und einen Briefkasten auch. Nein, ich habe meine eigene, viel zu kleine Wohnung.“

„Also bist du auch allein?“, fragte Jessie.

Isabelle nickte.

„Einsamkeit ist scheiße“, bemerkte Jessie.

„Indeed“, erwiderte Isabelle und nahm einen großen Schluck von ihrem Kaffee, „Ein schlimmeres Gift als Alkohol und sie kann genauso süchtig machen. Vor allem, wenn man genügend arschige Menschen getroffen hat. Auch ich gönne mir manchmal zu viel davon. Aber ich versuche mich zu bessern. Und Mango hilft.“

„Hast du viele Freunde?“, fragte Isabelle.

„Ein paar“, antwortete Isabelle, „doch die meisten wohnen beschissen weit weg. Der Rest sind mehr lose Bekannte. Und du?“

„Keinen einzigen“, sagte Jessie bitter, „nicht, seit mein Mann … mich verlassen hat. Ich werde Weihnachten wohl wieder allein feiern.“

„Das lässt sich ändern“, sagte Isabelle grinsend, „wenn du möchtest, komme ich an Heiligabend zu dir. Dann feiern wir drei gemeinsam.“

„Danke, aber ich brauche kein Mitleid“, lehnte Jessie ein wenig überrumpelt ab. Sie wollte ihre Retterin nicht kränken. Aber sie musste ablehnen, schon allein, um sich ein wenig Würde zu bewahren. Die Aussicht nicht allein zu feiern war verlockend, aber wenn alles glattging, würde Thorsten bald wieder bei ihr sein und wenn nicht, nun … was dann passierte, musste sie abwarten.

„Aber du brauchst nette Menschen um dich“, beharrte Isabelle freundlich und kein Stück gekränkt, „ich bin einer davon. Und du auch, wie mir scheint. Also, warum tun wir uns nicht zusammen? Das Schöne an Einsamkeit ist, dass man sie bekämpfen kann. Notfalls auch mit verrückten Schrullen wie mir.“

Sie grinste und Jessie konnte – trotz ihrer Vorbehalte – ihrem Charme nicht widerstehen, umso weniger, da just in diesem Moment Mango an ihr hochsprang und ihr das Gesicht ableckte, fast als hätten die beiden das einstudiert.

„In Ordnung, dann am Heiligabend um 18:30 Uhr“, sagte Jessie lächelnd.

Jessie wusste trotzdem nicht, ob das so eine gute Idee war. Wenn es ihr gelang Thorsten zurückzubringen, würde er sicher verwirrt sein und ein wenig Zeit brauchen, aber sie war dieser Frau auch was schuldig und es konnte doch sicher nicht schaden sich einen Freundeskreis aufzubauen. Auch Thorsten würde das guttun.

„Wonderful“, sagte Isabelle euphorisch, „dann bring‘ ich einen Apfelkuchen und meinen berühmt-berüchtigten scharfen Nudelsalat mit. Und wenn du dich bis dahin umbringen solltest, bin ich wirklich sauer.“

„Kommt nicht infrage“, sagte Jessie, deren Laune inzwischen ziemlich gestiegen war.

„Okay“, sagte Isabelle, „dann fahre ich dich mal nach Hause. Wie ist die Adresse?“

~o~

Die Fahrt verlief genauso angenehm wie ihr Gespräch auf der Rückbank und Jessie fühlte sich geradezu beschwingt, als sie in ihre Wohnung zurückkehrte. Ja, je mehr sie darüber nachdachte, desto besser gefiel es ihr, endlich mal wieder einen Gast zu haben. Während sie die Scherben ihres gestrigen Wütens beseitigte, machte sie sich auch schon Gedanken, wo Mangos Körbchen stehen könnte und was sie von ihrer üppigen Deko in den Keller räumen musste, um Platz für den Esstisch zu haben. Ja, sie suchte sogar schon Rezepte für ein Abendessen raus, machte sich eine kleine Einkaufsliste und besorgte alle nötige im Supermarkt.

Doch als der Abend hereinbrach, konnte sie auch die Erschöpfung und die emotionalen Spuren, die ihre grässlichen Erlebnisse in dieser Anderswelt bei ihr hinterlassen hatten, nicht länger ignorieren. Zwar trieb sie die körperliche Erschöpfung früh ins Bett, jedoch konnte ihr Geist einfach nicht abschalten. Immer wieder blitzten die Gesichter der gackernden Porzellanvampire, die Szenen ihres abgeschlachteten, flehenden Ebenbilds und die gefräßigen Köpfe der Zwielichtschlinger vor ihrem inneren Auge auf. Ein Teil von ihr wollte all das ins Reich der Einbildung schieben, aber schon allein ihr Bein machte ihr das unmöglich. Es war zwar noch existent, warm und lebendig, aber auch von auffallend vielen blauen Flecken und – was ihr besonders viel Angst machte – kleinen Bissspuren gezeichnet. Am schlimmsten jedoch war der Gedanke daran, was sie morgen erwarten könnte und welche Prüfung ihr Vernora noch aufladen würde. Ein paar Mal stand sie deshalb auf und ging zum Kalender, kurz davor, das Türchen vor seiner Zeit zu öffnen. Allein Vernoras Warnung hielt sie davon ab. Sie wollte nicht riskieren, Thorsten durch ihre Ungeduld endgültig zu verlieren.

Um eine Minute nach null Uhr hoffte sie kurz darauf, endlich die Pein ihrer Ungewissheit ablegen zu können, aber auch dann leuchtete das Kalendertürchen noch nicht violett auf. Sie vermutete, dass sie bis zum Sonnenaufgang warten musste und zwang sich dazu noch ein paar Stunden zu schlafen. Immerhin ahnte sie, dass sie morgen all ihre Kraft brauchen würde.

Irgendwie gelang ihr das auch. Zwar stürmten die imaginären Abbilder der Kreaturen, denen sie nur knapp entkommen war, auch mit geschlossenen Augen immer wieder auf sie zu. Aber sie bekämpfte sie. Bekämpfte sie mit einem Schutzkreis aus Wärme und Geborgenheit. Ein Kreis, in dem sie und Thorsten standen, aber auch Isabelle und Mango. Schließlich schlief sie ein und ihre Träume waren nicht einmal halb so düster, wie sie befürchtet hatte.

~o~

Als Jessie erwachte, riss sie das nun endlich leuchtende Türchen förmlich auf. Wie zuvor lag dahinter ein Zettel, den sie rasch entfaltete.

„Hole das Krokodil aus dem Haus seiner Kindheit“, war darauf notiert.

Das also war ihre Mission. Selbstverständlich ging es nicht um ein echtes Krokodil, auch wenn ihr das fast lieber gewesen wäre, sondern um das alte Kuscheltier, das Thorsten als Kind so geliebt hatte. Es lag noch im Haus seiner Eltern, gut bewacht von seiner Mutter, zu der sie leider kein allzu gutes Verhältnis hatte. Schon früher waren sie nicht die besten Freunde gewesen, aber seit Thorstens gestorben war, machten sie sie für seinen Tod verantwortlich und hatte deutlich klargemacht, nie wieder mit ihr reden zu wollen. Ihr Schwiegervater machte ihr zwar keine solch absurden Vorwürfe, aber er respektierte den Wunsch seiner Frau, weswegen er auch ihre tränenreichen Anrufe immer schnell weggedrückt hatte, als sie in den dunkelsten Stunden ihrer Trauer einfach jemanden zum Reden gebraucht hatte.

Selbst ohne blutsaugende Ungeheuer würde das ein verdammt unangenehmer Besuch werden und Jessie zerbrach sich bereits den Kopf darüber, wie sie ihre Schwiegermutter davon überzeugen könnte, ihr dieses Stofftier auszuhändigen. Sie konnte ihr wohl kaum den wahren Grund erzählen und mit sentimentalen Worten würde sie ihr Herz noch viel weniger erweichen können. Eher noch würde sie einen Einbruch wagen. Doch das Haus hatte gewiss eine Alarmanlage und eine Videoüberwachung und ihre Chancen, im Knast zu landen, waren damit ziemlich hoch.

Jessie war schon nah daran aufzugeben, als sie zufällig noch einmal in das Kalendertürchen blickte und entdeckte, dass es mehr als nur den Zettel enthielt. Darin lag auch ein Schlüssel. Ein verschnörkelter, altmodischer und stark verzierter Schlüssel, dessen antiker Bart jedoch in einem modernen Schließsystem endete und der im bekannten Violett schimmerte. Sollte das etwa der Haustürschlüssel von Thorstens Elternhaus sein? Jessie kam das absurd vor. Aber vielleicht auch nicht absurder als das, was sie bislang erlebt hatte.

Sie steckte den Schlüssel ein und überlegte, wann sie ihn ausprobieren sollte. Wahrscheinlich am besten nachts. Soweit sie wusste, gingen Thorstens Eltern früh schlafen. Oft schon gegen 22 Uhr. Wenn sie sich also um halb elf dorthin begab, den Schlüssel benutzte und sich leise in Thorstens altes Zimmer schlich, welches sie all die Jahre nach seinem Auszug noch immer pflegten wie ein Museum, sollte sie das Krokodil unbemerkt entwenden können.

Sie müsste nur darauf achten, dass die Nachbarn nicht zu neugierig wurden. Wenn sie jedoch selbstbewusst genug auftrat und einfach die Tür aufschloss, ohne sich lange am Schloss zu schaffen zu machen, sollten sie vielleicht annehmen, dass sie die Erlaubnis hatte, ins Haus zu kommen. Immerhin war sie trotz allem die Schwiegertochter und selbst die größten Klatschmäuler in der Nachbarschaft konnten sich nicht sicher sein, dass es nicht eine unerwartete Versöhnung gegeben hatte.

Mit diesem Plan vor Augen, nahm sie sich zunächst einmal ein Taxi, um ihr am Park abgestelltes Auto abzuholen und zu ihrem Haus zurückzubringen, was ihr ohne weitere Zwischenfälle gelang. Den Rest des Tages bemühte sich Jessie darum, ihre Nervosität niederzukämpfen. Unter anderem fuhr sie mit den Vorbereitungen für ihre kleine Weihnachtsfeier fort, räumte überflüssige Dekoration weg und stellte Stühle für sich, Isabelle und Thorsten an den kleinen Esstisch, der lange nur als Unterlage für ihr minutiös aufgebautes und beleuchtetes Miniatur-Weihnachtsdorf gedient hatte.

Bereits um zwanzig Uhr stieg sie ins Auto, immerhin wohnten Thorstens Eltern in einer anderen Stadt und sie wollte nicht an Stau und Feierabendverkehr scheitern. Als sie einstieg, verzichtete sie zum ersten Mal darauf, den falschen Thorsten zu umarmen. Zwar ließ sie die große Weihnachtsmann-Figur auf dem Beifahrersitz sitzen und fühlte sich dadurch nach wie vor ein wenig beruhigt, aber nachdem sie durch Isabelle zum ersten Mal seit langer Zeit wieder echten, freundlichen Körperkontakt mit einem Menschen hatte, kam ihr dieses Ritual irgendwie etwas hohl vor. Auch verzichtete sie auf Weihnachtsmusik und machte lediglich leise das Radio an, um nicht in völliger Stille dazusitzen.

Es erwies sich als eine gute Entscheidung, früh loszufahren, denn wie befürchtet landete Jessie trotz der späten Stunde mitten im Feiertagsverkehr und einem ausgewachsenen Stau. Das gab ihr Zeit zum Nachdenken. Vor allem darüber, was passieren würde, wenn sie ihre Aufgabe nicht erfüllte oder wenn sie dafür zu lange brauchte. War es ein Problem, wenn sie ihre Mission nicht am selben Tag abschloss? Und wenn ja, war dann zwölf Uhr die Grenze oder hatte sie bis zum Sonnenaufgang Zeit, um das Kuscheltier zu besorgen? Und wenn sie es nicht schaffte, was würde dann geschehen? Welche Konsequenzen hätte Vernora dann für sie in Petto? So ganz präzise war sie in ihren Aussagen nicht gewesen.

Diese Gedanken quälten sie noch immer, als sie von der Autobahn abfuhr, auf der sich ein Heer von Menschen zu ihren Liebsten aufmachte. Sie war sich fast sicher, dass keiner von ihnen so spezielle Probleme und Sorgen hatte wie sie.

Jessie schaute auf die Uhr. 22:01 Uhr. Im Grunde war sie also doch recht pünktlich angekommen. Um nicht direkt von ihren Schwiegereltern bemerkt zu werden, sollten diese noch wach sein, nahm sie einen etwas anderen Weg und bog in eine Seitenstraße ein. Dort fand sie auch gleich einen Parkplatz, auch wenn die Lücke für ihren Geschmack ein wenig zu eng war. Eine schnelle Flucht würde von dort wohl nicht möglich sein, aber sie konnte es sich auch nicht leisten, sich zu viel Zeit mit der Suche zu lassen. Wenn sie ewig hier herumkurvte, würde sie nur neugierige Blicke auf sich ziehen.

Als sie ausstieg, klopfte ihr Herz so laut, dass sie der festen Überzeugung war, man müsste es in der gesamten Nachbarschaft hören. Trotz ihres Vorsatzes, das zu unterlassen, konnte sie nicht verhindern, dass ihr Blick immer wieder zu den Fenstern der mit spärlicher Weihnachtsdeko erleuchteten und geschmückten Häusern wanderte. Doch sie sah weder einen hastig zurückgezogenen Vorhang, noch neugierige Gesichter. Offenbar hatten selbst die Gaffer und Klatschmäuler gerade Wichtigeres zu tun, als die Straße im Blick zu behalten. Jessie bemühte sich dennoch darum, zwar leise, aber möglichst entspannt und unauffällig über den sorgsam vom Schnee gereinigten Gehweg zu schreiten, auch wenn in ihrem Inneren alles pulste und zitterte.

Schließlich kam sie zum Haus von Thorsten Eltern. Als einzige hatten sie keine Lichterketten angebracht. Ob dies aus Trauer über den Tod ihres Sohnes oder aus allgemeiner Verbitterung heraus geschehen war, wusste sie nicht. Vielleicht sind sie sogar tot, überlegte Jessie und fühlte trotz allem eine gewisse Trauer bei diesem Gedanken, so als würde die Welt noch etwas einsamer werden als sie es ohnehin schon war. Dieser Gedanke war natürlich lächerlich – ihre Schwiegereltern taten gar nichts, um ihre Einsamkeit zu lindern – aber jeder Mensch weniger, der einem vertraut war, der die eigene Geschichte ein Stück weit kannte, war nun einmal ein Verlust, ob er einen nun mochte oder nicht. Und immerhin hatten sie ihr ja auch keine Gewalt angetan.

Sie suchte nach Anzeichen, dass ihre Schwiegereltern noch lebte und fand den frisch von Schnee befreiten Gehweg vor ihrem Haus und das Auto der beiden, einen großen, gebrauchten SUV, vor der Einfahrt. Aber das musste natürlich nicht viel bedeuten.

Als sie sich schließlich der Tür des stockdunklen Hauses näherte, bemühte sie sich darum, sich so zu bewegen, dass sie vom Fenster aus nicht sichtbar wäre. Nur für alle Fälle. Dann holte sie den Schlüssel heraus, atmete noch einmal tief ein und steckte das leuchtende Kuriosum hinein. Der Schlüssel passte perfekt.

„Zeig mir, was du hast, Vernora“, flüsterte Jessie unhörbar leise und wünschte sich, dass Isabelle und Mango in diesem Augenblick an ihrer Seite wären. Doch sie war auf sich gestellt und musste das hier allein durchstehen.

Sie drehte den Schlüssel herum, wobei sie penibel auf jedes verdächtige Geräusch und jede verräterische Bewegung achtete. Das Schloss leuchtete in mattem Violett auf und der Mechanismus klickte. Als sie die Tür leise aufzog, war auch der dunkle Flur dahinter von einem lilafarbenen Glimmen erfüllt. Sie drehte sich noch einmal um, sah zu den spießigen, aber völlig gewöhnlichen Nachbarhäusern. Dann tauchte sie ein, in die Überreste ihrer Vergangenheit.

~o~

Es war nicht so wie bei ihrem Besuch im Park. Zwar war der Flur genauso ausgestattet wie sie ihn in Erinnerung hatte – geschmacklose, schwere Möbel in nicht zusammenpassenden Farben, eine Kolonie von Schuhen, die schon lang nicht mehr getragen wurden, Mäntel und Jacken, die wie die Häute erlegter Tiere an überforderten Garderobenhaken hingen und eine muffige, unordentliche Atmosphäre. Doch in ihrer Erinnerung endete der Flur bereits nach wenigen Metern in der Tür zum Wohnzimmer.

Hier und jetzt jedoch gab es diese Tür nicht. Stattdessen setzte der Flur sich immer weiter fort. Selbst nachdem sie hunderte möglichst leise und zunehmend unsicherere Schritte zurückgelegt hatte. Die einzige Tür, die dort existierte, war jene, die zum Badezimmer führte.

Sie überlegte, ob sie diese öffnen sollte und rang sich schließlich dazu durch. Die Alternative wäre aufzugeben und die Probe anzutreten, ob es aus dieser Version des Hauses überhaupt ein Entkommen gab und diesen Schritt scheute sie im Moment.

Als sie die Tür öffnete, stand auch ihr Mund vor Überraschung offen. Das Bad dahinter war zwar völlig gewöhnlich, wenn man von dem violetten Schein absah, der die Dusche, den Boden, die Wände, die Toilette, die Armaturen und die Shampoos umspielte. Aber eine Sache daran war ganz und gar nicht gewöhnlich. Auf der Toilette, mit heruntergelassener Hose, mit einem Dreitagebart und einem gütigen, abwesenden Lächeln saß Thorsten. IHR Thorsten. Die Ellenbogen auf die nackten Knie gestützt, die mittellangen, hellbraunen Haare etwas unordentlich und den Blick in die Ferne gerichtet.

Jessie weinte vor Freude, Angst, Schmerz und Unglauben. Laut schluchzend, jauchzend, glucksend konnte sie ihrem Vorhaben, leise zu sein, nicht länger nachkommen. War das ein Geschenk? Eine Überraschung? Hatte Vernora ihr Leid nicht länger ausgehalten?

„Hallo Schatz!“, rief sie und stürmte auf ihren Mann zu, umarmte seine haarige, warme Haut und drückte ihm einen dicken Kuss auf die Lippen. Seine Lippen waren echt. Sie waren warm und lebendig, aber sie erwiderten ihren Kuss nicht. Sie regten und bewegten sich kein Stück. Selbst als sie ihn fester umarmte, mit ihm sprach, an ihm rüttelte, tat sich überhaupt nichts. Jessies Freudentränen schmeckt bitter, als sie verstand, dass dieser Thorsten nichts weiter war als eine böse Verhöhnung. Ein Köder voller Haken, der ihre Seele zerriss. Eine zynische, finstere Fata Morgana. Und dennoch könnte sie sich nicht lösen, hielt sein Bein umklammert, benetzte die Statue aus Fleisch mit ihren Tränen. Irgendwann sah sie auf die Uhr. Es war bereits 23:11 Uhr. Sie hatte nur noch eine gute Dreiviertelstunde, bevor sie jede Chance darauf verlor, den echten Thorsten wiederzubekommen.

Erschrocken riss sie sich los und suche das Bad hektisch nach einer verborgenen Tür oder einem anderen Ausweg ab. Tatsächlich entdeckte sie eine Art Schwachstelle an der Wand. Dort klang ihr Klopfen hohl, doch sie konnte weder mit ihren Fäusten, noch mit den Gegenständen, die sie im Badezimmer fand, einen Durchbruch schaffen. Schließlich gab sie auf, ließ die Badezimmertür offenstehen und rannte einfach weiter, ohne ein Ziel, ohne eine wirkliche Hoffnung.

Doch als sie eine weitere, verschlossene Badezimmertür entdeckte, stutzte sie. Sie war sich sicher, die Türe nicht geschlossen zu haben. Also öffnete sie sie, in der Hoffnung, dass es eine andere Tür sein würde. In gewisser Weise hatte sie damit recht. Auch diese führte zwar ins Bad, aber aus diesem Bad kam ihr ein leicht süßlicher Geruch entgegen. Er stammte von Thorsten, der auch hier wieder auf der Toilette saß. Doch war sein Gesicht in diesem Raum blass, eingefallen und zeigte dunkle Flecken. Jessie kollabierte. Sie schrie, bis ihre Lungen schmerzten. Vor Ekel und Schmerz hätte sie die Tür am liebsten direkt wieder zugeschlagen. Doch bevor sie das tat, bemerkte sie an der „hohl“ klingenden Wand einen kleinen Riss.

Er würde nicht genügen, um hindurchzubrechen, da war sie sicher, aber sie verstand dennoch, was das bedeuten konnte. Sie kämpfte ihren Schmerz herunter, ließ auch diese Tür offen und rannte weiter bis zur nächsten und dann wieder zur nächsten. Während ihrer verwirrenden Odyssee, beobachtete sie einen Thorsten, der zusehends verrottete, dessen Fleisch schmolz und von Maden übersät wurde und zugleich einen Riss, der wuchs und letztlich zu einer Öffnung wurde. Eine Öffnung, durch die sie eine Couch und das Flackern eines Fernsehers erkennen konnte.

Als diese Öffnung endlich groß genug war, um hindurchzupassen, war von Thorsten nicht mehr übrig als ein paar morsche Knochen und violetter Staub.

Jessies Uhr zeigte 23:46 Uhr an. Sie hatte fast keine Zeit mehr. Sie rannte, sprang durch die Öffnung in das Wohnzimmer ihrer Schwiegereltern. Dort saßen sie, auf ihrer antiken, braunen, viel zu großen Couch. Die beiden waren alt, ausgezehrt und grau, aber sie hielten Händchen und waren eng aneinander gekuschelt. Der Fernseher lief und zeigte eine kurze Szene eines Krimis, in der ein Kommissar mit einer Kommissarin sprach und die sich immer wieder wiederholte. Doch sie beachteten den Fernseher, der neben einem vertrockneten, ungeschmückten Weihnachtsbaum stand, gar nicht, genauso wenig wie sie Jessie beachteten. Ihre Aufmerksamkeit galt allein einer regelrechten Landschaft aus geschlossenen und aufgeschlagenen Fotoalben, die sich auf ihrer Sitzgarnitur ausbreitete. Eines davon hielt ihre Schwiegermutter in der Hand. Neugierig trat Jessie näher und beugte sich nach vor, um zu sehen, was es zeigte. Trotz ihres Zeitdrucks konnte sie sich nicht dagegen wehren, wie bei fast allem, was mit Thorsten zu tun hatte. Ein wenig hatte sie Angst, ihre Schwiegereltern doch noch auf sich aufmerksam zu machen, aber da Thorsten sich nicht bewegt hatte, hoffte sie einfach, dass es hier genauso war. Dass die beiden nicht mehr als ein dreidimensionales Stillleben waren.

Das aufgeschlagene Fotoalbum zeigte ihre Schwiegereltern mit dem kleinen Thorsten an irgendeinem Weihnachtsabend. Er musste zu dem Zeitpunkt etwa neun oder zehn Jahre alt gewesen sein, trug eine viel zu große rote Bommelmütze und hielt ein ferngesteuertes Auto in der Hand, das man ihm wohl geschenkt hatte. Seine Eltern lächelten. Sie wirkten glücklich zu dieser Zeit. Freundlicher und gelöster, so als hätte sich ihre Verbitterung erst viel, viel später eingeschlichen. Auf dem Foto war noch mehr abgebildet. Doch das konnte sie nicht sehen, wegen etwas, was es verdeckte. Erst konnte Jessie nicht genau bestimmen, was es war, doch dann erkannte sie zwei Augäpfel, die – noch befestigt am Sehnerv – direkt über dem Bild baumelten. Erschrocken wich sie zurück und bemerkte erst auf den zweiten Blick, dass diese Augen ihren Schwiegereltern gehörten, dass sie einfach aus den Höhlen ihrer ausgezehrten, aber noch lebenden Mumiengesichter gefallen waren. So als hätten sie sich herausgewagt, um der verlorenen Harmonie dieser Szene möglichst nahe zu sein.

Finsterstes Grauen und schmerzhaftes Mitleid kroch in Jessies Herz. Sie wollte den beiden helfen, egal, wie sie zueinander standen, aber sie wusste, dass sie es nicht konnte. Laut ihrer Uhr hatte sie noch knapp zehn Minuten. Also riss sie sich los, verdrängte diesen Anblick aus ihrem Bewusstsein, tröstete sich damit, dass das hier nicht die Wirklichkeit war und hoffte, dass sie Thorstens Zimmer von hier aus würde betreten können. Sie konnte es. Es befand sich genau an derselben Stelle wie in der realen Welt, hinter einer weißen Tür, an die Aufkleber von Comic-Figuren geheftet waren.

Angesichts der fortgeschrittenen Zeit zögerte Jessie nicht länger. Sie öffnete die Türe und staunte nicht schlecht, als sie einen neunjährigen Jungen auf seinem Bett sitzen sah. Nicht irgendeinen Jungen, sondern eindeutig Thorsten. Passend dazu war sein Zimmer nicht mehr jenes Museum eines verstorbenen erwachsenen Mannes, der schon die letzten zwanzig Jahre nur sehr sporadisch dort zu Besuch gewesen war, sondern das eines Kindes, mit passenden Postern, Kisten voll Spielzeug und einer Menge Kuscheltiere. Das Krokodil jedoch war nicht darunter, wie Jessie erstaunt feststellte.

„Hallo, was machst du in meinem Zimmer?“, fragte der kleine Thorsten, den Jessie schon in diesem Alter sehr sympathisch fand. Trotz des violetten Glimmens, das ihn umgab, hatte er nichts Unheimliches an sich. Er war einfach nur ein Junge, der ein wenig verträumt in die Welt schaute.

„Ich möchte mir nur etwas ausleihen“, sagte Jessie lächelnd und zwang sich, nicht auf die Uhr zu sehen. Ganz gleich, ob das hier nur eine Illusion war oder irgendwie mit dem echten Thorsten zusammenhing – durch Nervosität und Hektik würde sie rein gar nichts erreichen.

„Klar“, sagte der Junge freundlich und lächelte, „warum nicht. Ich mag dich irgendwie. Du bist anders als meine Eltern. Sie sehen mich nie, besuchen mich nie, aber du schon. Als darfst du auch was von meinen Sachen haben. Aber nur, wenn du gut drauf aufpasst, okay? Such dir einfach was aus. Kennen wir uns vielleicht?“

„Bisher noch nicht“, antwortete Jessie ebenfalls lächelnd und verspürte plötzlich das überwältigende Bedürfnis, den kleinen Thorsten zu knuddeln. Aber das konnte nicht nur alles kaputtmachen, sondern wäre irgendwie auch sehr sehr weird gewesen. Stattdessen ging sie zu seinen Kuscheltieren, wühlte sich durch kleine Bären, Eulen oder Dinosaurier und suchte noch einmal genau sein Zimmer ab. Doch sie fand nichts. Verstohlen blickte sie nun doch einmal auf die Uhr und erstarrte. 23:56 Uhr. Die Zeit war fast abgelaufen. Aber sie musste das Krokodil finden. Irgendwo musste es sein. Vielleicht hatte Thorsten es ja auch woanders hin mitgenommen.

„Du, hör mal“, fragte sie geradeheraus, „du hast so viele wunderschöne Tiere. Aber hast du vielleicht auch ein kleines Krokodil?“

Plötzlich veränderte sich Thorstens Blick, wurde ängstlich und er rückte so weit auf seinem Bett zurück, wie er nur konnte.

„Nein“, brachte er blass und zitternd hervor, während er seinen blauen Strickpullover ganz festhielt. Erst jetzt bemerkte sie die kleine Beule unter seinem Pullover. Sie war nicht sicher, aber sie konnte durchaus die Form eines Stofftieres haben.

„Hast du es dort?“, fragte Jessie so freundlich wie möglich, konnte aber ihre Ungeduld nicht ganz verbergen.

„Nein!“, wiederholte der Junge, „lass mich in Ruhe“.

Doch Jessie konnte ihn nicht in Ruhe lassen und … sie sah auf ihre Uhr – sie hatte auch nicht mehr viel Zeit, um ihn zu überzeugen.

„Ich will es nur mal kurz sehen“, sagte sie und kam näher, die Hände ausgestreckt.

„Verschwinde!“, verlangte Thorsten und Jessie hatte den Eindruck, dass es im Zimmer dunkler wurde, während Thorsten sich weiter zurückzog und seine Arme auf dem Bett aufstützte.

Jessie ahnte, was Thorsten vorhatte, noch bevor er es tat.

Gerade als er vom Bett aufspringen wollte, hechtete sie zur Tür und schloss sie mit ihrem violetten Schlüssel ab, der in diesem Haus offenbar als eine Art Universalschlüssel funktionierte und steckte ihn wieder ein. Dann sprang sie auf Thorsten zu und hielt ihn fest.

„Lass mich los! Hilfe! Du bist eine böse Frau!“, rief er und jedes dieser Worte verletzte Jessie tief. Doch sie hatte keine Wahl. Mit einem geschickten Griff verhinderte sie, dass der Junge sich bewegte und zog sein T-Shirt zurück. Was sie dort entdeckte, verschlug ihr die Sprache und wenn sie sich nicht vor Schreck verkrampft hätte, hätte sie Thorsten losgelassen. An seinem Bauchnabel, an einer dicken, warzigen, violetten Nabelschnur hing das Stoffkrokodil wie ein künstlicher Embryo und starrte sie an. Nicht mit toten Augen, sondern mit einem wachen Bewusstsein, so als wäre es ein echtes Tier oder mehr als das und fletschte die Zähne, die im Gegensatz zum Rest des Körpers sehr echt aussahen.

Jessie wurde schlecht. Sie wusste, was sie tun musste, auch sich allein bei dem Gedanken daran schon alles in ihr zusammenzog. Aber sie stand kurz davor, Thorsten zurückzubekommen. So kurz davor. Also versteinerte sie ihr Herz und griff sich eine Bastelschere von Thorstens Schreibtisch.

Der Junge kreischte. So laut, dass sie fürchtete, seine unheimlichen Eltern würden sich doch noch aus ihrer Starre lösen und hereinkommen und ihr Kind vor seiner zukünftigen Witwe verteidigen. Jessie ergriff die Schere fester und tat ihr Bestes, um gegen Thorstens wilde Versuche, sich zu befreien, anzuarbeiten.

„Du verstehst das nicht. Ich muss das tun. Ich muss das tun, damit du leben kannst“, versuchte sie ihn zu beruhigen und Thorsten wurde tatsächlich ruhig, jedoch nicht, weil er Jessies Erklärungen Glauben schenkte. Wahrscheinlich eher, weil er begriffen hatte, dass er gegen die Kraft der Erwachsenen nicht ankam und dass selbst die kleinen Zähne des Krokodils, die hilflos nach Jessies Händen und Armen schnappten, keinen Unterschied machten.

„Nein, DU verstehst nicht“, sagte Thorsten traurig, „Terry ist mein Freund. Ohne ihn bin ich nichts. Ohne ihn muss ich sterben. Bitte geh. Nimm dir all mein Spielzeug. Alles, was du haben willst. Aber lass mich leben!“

Jessie spürte, wie ihr die Tränen in den Augen standen und ihre Sicht verschleierten. Sie hasste sich, verachtete sich und bemitleidete sich und Thorsten zu gleichen Teilen. Doch ihre Entscheidung stand fest. Sie blickte auf die pulsierende Nabelschnur, legte die Schere an und schnitt. Thorsten brüllte und kreischte erbärmlich, als sie ihn vorsichtig losließ. Das kleine Krokodil tobte und versuchte Jessie zu beißen. Doch sie packte es am Schwanz und steckte es in ihren mitgebrachten Tannenbaum-Rucksack.

Dann sah sie zum kleinen Thorsten. Er lag auf dem Boden. Seine Schreie waren verstummt. Sein Gesicht war wächsern und leer wie bei einer Schaufensterpuppe. Er war tot, eindeutig. Und sie hatte ihn getötet.

Jessie fühlte eine Welle überwältigender Scham in sich aufsteigen. Sie brach in die Knie und übergab sich direkt neben dem erstarrten Körper. Als sie endlich damit aufhören konnte, piepste ihr Handy. Es war genau Mitternacht. Sie hatte es geschafft. Zu einem grauenhaften Preis. Ihre Seele fühlte sich an wie ein zerfetzter Lappen, den man durch den Dreck dutzender Gassen gezogen hatte. Aber sie musste nach vorne sehen. Sie musste hier weg. Wie wahr das war, wurde ihr klar, als ein Beben durch den Raum ging und der Boden hinter ihr damit begann in konturlose Schwärze zu versinken. Jessie rannte. Und schaute nicht zurück.

~o~

Das Entkommen aus dieser Version des Hauses gestaltete sich jedoch nicht so einfach wie erhofft. Denn nicht allein der Raum, in dem sie den kleinen Thorsten seiner Lebenskraft beraubt hatte, stürzte hinter ihr ein, sondern auch der Rest des Gebäudes. Bilder fielen herab, Kommoden stürzten herunter, Bilderrahmen und Jacken verschwanden und aus dem Augenwinkel verfolgte Jessie, wie auch die große Couch samt ihrer reglosen Schwiegereltern der gefräßigen, schlingenden Schwärze zum Opfer fiel. Sie fragte sich, wie es sein musste, dort hineingesaugt zu werden. Würde man einfach nur verschwinden, still und gedankenlos oder würde man ewig fallen, ohne je das Bewusstsein zu verlieren, ohne die leiseste Aussicht auf ein Ende?

Jessie hoffte, es nie herausfinden zu müssen, aber sie vermutete letzteres. Sie erreichte die Öffnung zum Badezimmer und stellte mit Erschrecken fest, dass sie kleiner war als zuvor. Nicht mit Sicherheit zu klein, um hindurchzupassen, aber fast. Jessie sah nach hinten, wo die letzten Gegenstände im violett-schwarzen Nichts verschwanden und aus lautem Poltern eine beängstigende Stille wurde. Der Abgrund war nur noch einen Meter von ihr entfernt und sie war kurz davor in sinnlose Panik zu verfallen. Doch irgendwie gelang es ihrem Verstand noch einmal, ihre Angst zu beherrschen.

Mit verschwitzten Händen zog sie ihren Rucksack herunter und warf ihn durch das Loch. Dann versuchte sie hinterher zu klettern … und trat ins Leere. Sie spürte einen Sog. So fest, dass sie das Gefühl hatte, ihre Haut würde ihr von den Beinen geschält und rutschte ein Stück herab. Dann hörte sie Stimmen. Leise Stimmen, flüsternd und klagend als ob sie wüssten, dass es ihnen verboten war zu sprechen, sie jedoch die Stille, die gewaltige, endlose, gleichgültige Stille nicht länger ertragen konnten.

Sie würde eine von ihnen werden, das wusste Jessie jetzt. War dies der Kern, das Wesen jener Ebene, die Vernora geöffnet hatte oder war dies das Jenseits? Der Ort, der nicht nur die bösen, sondern jeden einzelnen Menschen am Ende erwarten würde? Der Ort, an dem auch der wahre Thorsten leidend ausharrte?

Jessies Seele fror, tobte, bäumte sich auf. Kurz bevor sie komplett hinabglitt, bekamen ihre Hände den Riss in der Wand zu fassen. Sie krallte sich fest wie eine Ertrinkende an Treibholz, auch wenn die Bruchkanten in ihr Fleisch schnitten. Der Chor schwoll an und sie meinte Wortfetzen zu verstehen, die in Ohren wenig Sinn ergaben. „… die zerrotteten Hallen …“, „… die langgestreckten, tobenden Flure …“, „… das eins und eins und eins und keins …“, „… die stimmenmorsche Einsamkeit …“, „… selbstgespiegelt … selbstverdreht … komm zu uns … Fallen ist so leicht … Schweben … schreien … schweigen … geben … das hier ist echt … geträumt dein Leben.“

Die Stimmen machten ihr Angst. Erzeugten Mitleid, das wie Selbstmitleid schmeckte und waren doch verlockend. Denn ja, Fallen war leicht. Zumindest, wenn man nichts zu verlieren hatte. Doch das hatte sie. Thorsten, Isabelle, Mango, das kommende Weihnachtsfest. Sich selbst.

„Nein!“, protestierte Jessie entschlossen, „wenn dieses Leben ein Traum ist, will ich weiter träumen.“

Sie straffte ihre Muskeln, zog sich hoch und quetschte sich durch das Loch. Es war eng, tat weh und sie zog sich Schürfwunden zu, aber irgendwie gelang es ihr hindurchzukommen.

Endlich war sie zurück in dem widerlichen Badezimmer und stellte zu ihrer Erleichterung fest, dass das gefräßige Nichts vor der Wand haltgemacht zu haben schien. Zumindest vorerst.

Sie wollte gerade in den Flur einbiegen, als ihr etwas auffiel. Sie hatte ihren Rucksack vergessen. Eben jenen Rucksack mit dem Stoffkrokodil darin. Panisch suchte sie den Boden des Badezimmers ab, das Waschbecken, die verstaubte, fleckige Dusche und sogar die dreckige Toilette, aber sie entdeckte nichts. Rein gar nichts. „Scheiße!“, fluchte sie und ihr wurde übel bei dem Gedanken all dies umsonst durchgestanden zu haben. Doch vielleicht war das letzte Wort noch nicht gesprochen. Immerhin war das Stofftier darin lebendig gewesen. Es war also nicht ausgeschlossen, dass es sich auf eigene Faust befreit und den Rucksack irgendwie mitgenommen hatte. Dieser Gedanke dämpfte zwar ihre Verzweiflung, rief aber auch ein sehr unangenehmes Gefühl in ihr wach. Ihr war nicht gerade wohl bei dem Wissen, dass eine aggressive Kreatur hier frei herumlief. Mochte sie noch so klein sein. Selbst eine kleine Kreatur war in der Lage, ihre Halsschlagader durchzubeißen.

Misstrauisch spähte sie in den von Zwielicht erfüllten Flur und lauschte über das Klopfen ihres Herzens hinweg. Da sie weder etwas sah, noch hörte, wagte sie sich hinaus und begann ihren Rückweg, von dem sie hoffte, dass er sie auch zurückführen würde und dass sie überhaupt in die richtige Richtung gehen würde. Als sie nach einiger Zeit die offenen Badezimmertüren erblickte, wurde zumindest diese Sorge ihr genommen. Dennoch konnte sie nicht aufhören, sich ständig umzublicken, in jede finstere Ecke zu starren und ab und an innezuhalten, um nach verdächtigen Geräuschen zu lauschen. Ein paar Mal hörte sie auch was. Ein geschmeidiges, schabendes Geräusch, das zuverlässig verstummte, kurz nachdem sie angehalten hatte. Doch seine Quelle konnte sie nicht entdeckten.

Trotzdem – oder gerade deswegen – wuchs in ihr der Impuls, einfach blindlings loszurennen. Aber irgendwas in ihr warnte sie. So als würde das die Falle, an deren Rand sie sich bewegte, sofort zuschnappen lassen. Kurz vor dem Eingang, als sie sich dem Badezimmer mit dem frisch verstorbenen Thorsten näherte, berührte sie etwas mit dem Fuß. Sie ging in die Knie, um es zu untersuchen und stellte fest, dass es die Überreste ihres zerfetzten grünen Rucksacks mit dem aufgestickten Tannenbaum waren. Am Stoff waren noch die Spuren von sehr kleinen und spitzen Zähnen auszumachen. Den Zähnen eines Rächers. Des Rächers einer zerstörten Kinderseele.

Jessie schluckte. War sie die Heldin oder die Böse in dieser Geschichte? Oder nur eine verwirrte Frau, die einen wirklich miesen Weg einschlug? So oder so: Sie hätte nicht hierherkommen sollen. Doch für solche Überlegungen war es nun zu spät. Sie stand kurz vor ihrem „Happy End“ und musste sich darauf fokussieren, egal wie happy es am Ende werden würde.

Jessie ging weiter und passierte das erste Badezimmer mit dem reglosen, aber lebendig aussehenden Thorsten. Nur noch ein paar Schritte trennten sie von der verlockenden Eingangstür. Ängstlich verharrte sie. Fasste dann endlich Mut und trat einen weiteren Schritt vor. Niemand hielt sie auf. Sie legte die Hand auf den Türgriff und drückte ihn herunter. Nichts geschah. Jessie wurde eiskalt, bis ihr einfiel, was der Grund dafür sein könnte.

„Der Schlüssel, du dumme Kuh“, schallt sie sich selbst und griff in ihre Hosentasche. Sie war leer. Sie langte in die andere und fand auch dort nichts vor, außer ihrem nutzlosen Handy.

„Nein!“, sagte sie verzweifelt, „Bitte Nein!!!“

Sie ging erneut auf die Knie, tastete den Boden ab, auch wenn das natürlich vollkommen sinnlos war. Viel wahrscheinlicher war, dass die Leere den Schlüssel gefressen hatte, als sie versucht hatte zu entkommen, oder …

Plötzlich hörte sie ein krachendes Geräusch hinter sich. Sie fuhr herum und blickte direkt ins Gesicht des Krokodils. Nicht in das des süßen Stoffkrokodils, sondern eines geschuppten, gewaltigen Monsters, das sie mit bösen Augen anstarrte und das – den herumliegenden Splittern nach zu urteilen – gerade durch die Decke gebrochen war.

Diesmal hatte Jessie nicht mal die Zeit, um zu verzweifeln. Denn sie brauchte ihr ganzes Bewusstsein, um sich mit einem unbeholfenen Sprung in Sicherheit zu bringen, als der kräftige Kopf der Bestie nach vorne ruckte und exakt dort in die Luft biss, wo sie gerade noch gestanden hatte. Jessie wusste, dass sie nicht entkommen konnte und das fachte ihren Trotz an. Sie stieß sich von der Wand ab, nahm sich ein großes Stück von der heruntergefallenen Deckenverkleidung und hieb nach dem Hals der Bestie. Sie traf und verursachte sogar einen leichten Kratzer. Doch dieser machte das Tier nur noch wütender. Es wandte sich erstaunlich schnell um, visierte ihren Fuß an und biss hinein. Jessie brüllte vor Pein als die dolchartigen Zähne ihre Muskeln und Sehnen zerfetzten. Das ist mein Ende, dachte sie und machte sich darauf gefasst, bei lebendigem Leib gefressen zu werden, als sie in ihrem schmerzgetränkten Delirium etwas Violettes durch den hellen Bauch des Wesens leuchten sah. Der Schlüssel, dachte Jessie und lachte trotz aller Schmerzen freudlos auf. So kurz vor dem Ziel zu scheitern, war einfach zu ironisch. Dann ging Jessies Lachen wieder in einen gepeinigten Schrei über, als das Vieh seinen Zähne aus ihrem Bein zog, wenn auch nur, um ihren Fuß, den es nur halb erwischt hatte, vollends zu verschlingen.

Just in diesem Moment nahm sie eine schattenhafte Bewegung wahr, gefolgt von einem hellen Glitzern. Dann sah sie Hände. Gläserne Hände einer gläsernen Frau mit zersplittertem Brustkorb, die den Kiefer der Kreatur mit Gewalt auseinanderhielten. Das Vieh werte sich, kratze am Glas und peitschte mit dem Schwanz, aber es gelang ihm nicht, die Frau zu vertreiben, die exakt so aussah wie Jessie.

„Du … aber wie …“, sagte Jessie fast mehr verwirrt als erleichtert.

„Solange du lebst, lebe auch ich. Und dies ist meine Heimat, also kann ich dir folgen, wenn ich dich finde. Doch manche Dinge kann ich nicht. Diesen Schlüssel holen zum Beispiel“, erklärte ihr ihr gläsernes Ich über das Brüllen und Toben des Krokodils hinweg.

Jessie verstand. Ungeachtet der Schmerzen und immer wieder einen misstrauischen Blick auf den gefährlichen Kopf der Kreatur werfend, wandte sie sich dem Bauch des Krokodils zu, dort, wo der Schlüssel violett glitzerte … und schnitt. Sie hatte mit harter Reptilienhaut gerechnet, aber an dieser Stelle war das Monster weich wie Stoff und statt Blut quoll ihr lediglich Watte entgegen, obwohl das Monster schrie wie am Spieß und sie dem wütend peitschenden Schwanz nur knapp entging. Sie langte hinein, tastete umher, fand den Schlüssel und holte ihn heraus. Als sie dies tat, veränderte sich die Kreatur, schrumpfte rasant und wurde wieder zu einem kleinen, harmlosen Kuscheltier, das nicht mehr versuchte nach ihr zu schnappen.

„Danke!“, sagte Jessie erleichtert und drehte sich zu ihrem Glas-Ich um. Doch das war verschwunden. Sie stand ganz allein am Rande dieser seltsamen Dimension und starrte in die Dunkelheit, in der sie die klagenden Stimmen der Leere nun wieder lauter vernahm, so als hätten sie doch entschieden sich den Rest dieser bizarren Welt zu holen. Inklusive ihr. Für Jessie gab es hier nichts mehr zu tun. Sie nahm sich das Stoffkrokodil mit spitzen Fingern und steckte den Schlüssel in die Tür. Sie ging auf.

~o~

Die Ankunft in der Realität war für Jessie jedoch nicht die erhoffte Erleichterung. Zum einen war ihr Fuß noch immer verletzt – wenn auch nicht ganz so schlimm wie in der violetten Dimension – und zum anderen machte sie eine tragische Entdeckung, als sie anders als erwartet nicht im Flur, sondern mitten im Wohnzimmer wieder herauskam. Es war genau, wie sie ursprünglich befürchtet hatte: Ihre Schwiegereltern waren tot. Und das schon eine Weile, wie es schien.

Ihre Pose erinnerte grob an die, in der sie sie in der violetten Welt vorgefunden hatte. Sie lagen beieinander, die verwesenden Hände ineinander gekrallt, so als wollten sie auf keinen Fall allein sterben. Ob sie beide gleichzeitig gegangen waren oder einer von ihnen den plötzlichen Tod seines Partners nicht ertragen konnte und ihn bis zu seinem eigenen Tod festgehalten hatte, ließ sich genauso wenig sagen, wie woran sie eigentlich gestorben waren. Da jedoch die Leiche ihrer Schwiegermutter etwas frischer aussah, vermutete sie fast, dass es genauso gewesen war. Dass Nelly einfach am Körper ihres toten Mannes gewacht hatte, bis sie verdurstete, verhungerte oder an den Auswirkungen der Leichengifte gestorben war.

Diese Theorie traf Jessie sogar noch härter als der Verwesungsgeruch oder der Anblick der toten Körper. Sie konnte sich genau vorstellen, wie es war. Ganz allein auf der Welt und des letzten Sinns beraubt. Hätte sie aus lauter Schock und vergebener Hoffnung damals nicht den Notruf gewählt, hätte es ihr mit Thorsten genauso ergehen können. Sie fühlte sich schuldig. Waren ihre Schwiegereltern tatsächlich so unfassbar einsam gewesen? So einsam, dass ihr Tod niemandem aufgefallen war? Hätte sie sie besuchen sollen, obwohl sie es so vehement abgelehnt hatten? Sie wusste es nicht. Aber sie wusste, dass sie nun eigentlich jemanden benachrichtigen sollte.

Mit Schwierigkeiten rechnete sie nicht. Nichts wies auf einen Mord hin. Der Geruch hätte allein schon ihre Anwesenheit erklärt, zumal sie nicht eingebrochen war und noch dazu die Schwiegertochter der beiden. Außerdem waren sie ja nicht kürzlich verstorben. Aber dennoch hätte sie sich lange mit der Polizei auseinandersetzen müssen. Hätte ein Bestattungsunternehmen informieren und viele Dinge erklären und Fragen beantworten müssen. Und ganz sicher hätte man sie wegen ihres demolierten Fußes ins Krankenhaus geschickt.

Doch das ging nicht. Sie musste Thorsten wieder bekommen. Jetzt mehr denn je. Egal wie sehr sie sich schämte oder schuldig fühlte.

Also humpelte sie zitternd und emotional wie körperlich völlig ausgezehrt in den Flur, überließ die beiden ihrem so grauenhaften wie romantischen Tod, öffnete die Haustür und schloss sie vorsichtig wieder hinter sich ab. Sie warf einen raschen Blick in die Fenster der nahen Häuser. Die Lichter waren erloschen und die Leute schliefen. Niemand hatte ihren Besuch bemerkt. Zumindest hoffte sie das.

Die frische, kalte Luft ließ sie schwindeln und sie musste sich kurz an einem Baum festhalten, während sie zu ihrem Auto humpelte. Ihr Fuß schmerzte mörderisch und sah auch nicht besser aus. Aber dennoch schleppte sie sich weiter, wobei sie immer wieder kurz anhalten musste, um zu verschnaufen. Ihre Ohren rauschten und piepsten und ihr Kopf fühlte sich unangenehm leicht an. Mühsam ließ sie das Haus hinter sich, überquerte sie Seitenstraße und … brach mitten auf der Fahrbahn zusammen.

~o~

Jessie schreckte auf, als sie das Geräusch eines Motors und von fahrenden Reifen hörte. Auch wenn sie sich fühlte wie ausgekotzt, versuchte sie sich zu bewegen, doch ihre Muskeln gehorchten ihr kaum. „Hilfe. Bitte. Ich …“, stammelte sie, während das Geräusch näherkam. Wer immer es war, schien sie nicht zu hören. Das Geräusch schwoll an und wurde ohrenbetäubend laut als …

„Alles gut“, sagte eine sanfte, raue Stimme neben ihr, während sich das Motorengeräusch wieder entfernte. Erst jetzt stellte sie fest, dass sie nicht auf, sondern neben der Fahrbahn lag. Auf dem Schoss eines Mannes. Er roch nach saurem Schweiß und Alkohol, aber er war noch angezogen. Das war ein gutes Zeichen. Der Mann führte eine Flasche an ihren Mund. Instinktiv verschloss sie ihn, während sie versuchte, sich aufzurichten.

„Das ist nur Wasser“, sagte der Mann und zeigte eine Plastikflasche mit Sprudel vor. Verschwommen sah sie ein bärtiges, schmutziges Gesicht. Als sich ihr Blick klärte, gesellten sich freundliche Augen und ein offenes, aber besorgtes Lächeln dazu, „ich bin vielleicht nicht der klassische Gentleman, aber ein Triebtäter bin ich nun wirklich nicht.“

Seine Stimme war zwar tief und rau, aber auch sehr artikuliert und klar. Sie klang nach Bildung. Auch, wenn der Mann Lumpen trug und aussah und roch, als hätte er lange keine Dusche gesehen. Jessie blickte an sich herunter. Ihr Fuß war verbunden worden. Und das ziemlich ordentlich, soweit sie das beurteilen konnte. Nicht mit dreckigem Stoff, sondern mit sauberen Mullbinden. Der Alkoholgeruch schien ebenfalls dorther zu kommen.

„Wie haben sie?“, fragte sie verwundert. Der Mann präsentierte einen Verbandskasten, der recht mitgenommen, aber gut sortiert aussah. Er enthielt sogar ein Fläschchen mit medizinischem Alkohol und einen Satz Operationsbesteck.

„Ich war früher Arzt“, sagte er, „klingt wie ein Witz, ist aber wahr. Zum Glück trage ich noch immer ein paar Andenken an diese Zeit mit mir herum. Aber ich bin nicht gerade top ausgestattet. Ich würde ja den Notruf rufen, aber ich habe kein Handy, ihres konnte ich aus irgendeinem Grund nicht mal für einen Notruf entsperren und die Passanten haben sich allesamt verzogen. Offenbar hatten die keine Lust auf die Unannehmlichkeiten.“

„Das ist nicht schlimm“, beeilte sich Jessie zu sagen, „ich kann auf solche Unannehmlichkeiten nämlich auch verzichten. Vielen vielen Dank, dass sie mir geholfen haben. Ohne sie läge ich vielleicht zermatscht auf der Straße. Aber ins Krankenhaus will ich nicht. Nicht so kurz vor Weihnachten.“

All das sprach sie mit ziemlicher Vehemenz aus.

„Schon gut, schon gut“, sagte der Mann und machte eine deeskalierende Geste, „das scheint ihnen ja wirklich sehr wichtig zu sein. Aber das ist wohl trotzdem keine gute Idee. Ihr Fuß sieht übel aus. Tierbiss, würde ich vermuten. Ich habe ihn zwar desinfiziert, aber es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob das auch gutgehen wird. Selbst wenn es zu keiner Sepsis kommt, sollte das besser genäht werden, sonst gibt das im besten Fall eine dicke Narbe.“

„Damit muss ich dann wohl leben“, sagte Jessie und kämpfte sich wackelig auf die Beine.

„Das tun Sie. Wenn Sie Glück haben“, entgegnete der Mann schnippisch, „es kann jedoch auch sein, dass Sie unterwegs wieder umkippen. Ihr Körper steht unter Schock. Und nicht nur wegen der Verletzung, wenn ich Sie mir so ansehe. Was haben Sie gemacht? Einen Tauchgang in die Hölle? Einen Tanz mit einem Mantikor?“

„So ungefähr“, sagte Jessie seufzend, „deswegen muss ich jetzt zu meinem Auto und mir das Höllenwasser bei einer warmen Dusche abwaschen. Und dann gönn’ ich mir eine große Handvoll Schokolade. Das hilft. Und wie das hilft. Haben Sie Harry Potter gesehen?“

„Ich habe vor allem gesehen, was Leute anrichten, die in so einem Zustand Auto fahren“, erwiderte der Mann, „wenn Sie schon so dickköpfig sind, dann lassen Sie mich wenigstens fahren.“

Jessie sah ihn überrascht an, diesen verfilzten, stinkenden, bärtigen, unbekannten, nach Alkohol riechenden Mann, der ihr gerade ernsthaft vorgeschlagen hatte, sie mit ihrem eigenen Auto herumzufahren.

„Ich bin kein Alkoholiker, falls Sie das denken“, sagte der Mann mit klarer und nüchterner Stimme, „nur jemand, der sehr viel Pech hatte.“

„Das denke ich nicht“, antwortete Jessie, was zumindest halb der Wahrheit entsprach, „aber wissen sie, die, die mich kennen, halten mich für verrückt. Und das vielleicht zurecht. Aber ich bin nicht verrückt genug, um mich von einem fremden Mann – egal ob Bettler oder Börsenmakler – nachts durch die Gegend fahren zu lassen. Verdammt, ich kenne nicht mal ihren Namen.“

„Matthias“, erwiderte der Mann, „und ihre Einstellung ist verständlich. Dennoch sind Sie verrückt genug, mit dieser Verletzung keinen Arzt aufzusuchen. Ich habe Ihnen nur eine Alternative geboten. Hören Sie, ich bestehe nicht darauf, Sie zu fahren. Ich will Ihnen nur helfen. Wenn es nach mir geht, entsperren Sie jetzt Ihr Handy und rufen einen Arzt. Aber ich werde sie nicht in Ihrem Zustand auf den Straßenverkehr loslassen. Das wäre unterlassene Hilfeleistung.“

Jessie betrachtete Matthias noch einmal genau. Konnte sie diesem Mann trauen? Auch wenn er dreckig war, sah er eigentlich nicht nach einem schmierigen Dreckskerl aus, wobei man sich da nie sicher sein konnte. Auf der anderen Seite hatte er sie gerettet und sie standen sie hier schon viel zu lange unweit vom Haus ihrer toten Schwiegereltern herum und verschwendete Zeit. Matthias zu vertrauen wäre wohl das geringere Risiko, als sich am Ende doch zur Verdächtigen zu machen. Und wenn er sich doch als Monster entpuppte, hatte sie ja immer noch den Plüsch-Thorsten als ihren Bodyguard.

Jessie entfuhr ein Lachen.

„Was ist so lustig?“, fragte Matthias interessiert.

„Meine eigene Naivität“, antwortete Jessie und streckte ihre Hand aus, „mein Name ist Jessie und sie sind nun offiziell mein Fahrer.“

~o~

„Es ist wahr, Sie sind wirklich vollkommen verrückt“, meinte Matthias, als er den Plüsch-Weihnachtsmann auf dem Beifahrersitz entdeckte. Anders als Jessies Kollegen, sagte er dies aber ohne Bosheit, sondern mit einem gutmütigen, kumpelhaften Spott.

„Zumindest hat er mich noch nie enttäuscht und altern tut er auch nicht. Außerdem hat er einen viel gepflegteren Bart als sie“, antwortete Jessie.

„Vielen Dank auch“, erwiderte Matthias grinsend und setzte sich auf den Fahrersitz, wobei sie sich auf der Rückbank so weit wie möglich von ihm entfernt niederließ. Nicht in erster Linie aus Misstrauen, sondern vor allem, wegen seines penetranten Geruchs. Trotzdem war es ein sehr seltsames Gefühl, dass dieser Mann mit ihren Autoschlüsseln vorne saß, während sie verletzt und benommen auf dem Rücksitz saß. Er könnte sie überall hinfahren. Nach Hause, in ein Krankenhaus, zur Polizei, über eine Klippe oder an einen abgelegenen Ort ohne Zeugen. Sie glaubte das nicht wirklich, aber ausschließen konnte sie es dennoch nicht.

„Welche Adresse soll ich ansteuern?“, fragte Matthias.

Jessie nannte sie.

„Puh, können sie mir irgendwie den Weg beschreiben? Hier in der Stadt kenne ich mich aus, aber jenseits davon leider nicht so gut“, sagte Matthias.

„Kann ich“, sagte Jessie und deutete auf ihr Smartphone. Für lange Wegbeschreibungen fühlte sie sich zu erschöpft.

Matthias nickte und hielt die Hand hin. Zumindest so lange, bis er begriff, dass er das Handy nicht bekommen würde. Jessie wollte es nicht auch noch aus der Hand geben, sondern stellte lediglich den Ton auf laut. Matthias zog seine Hand zurück, legte sie ans Lenkrad und fuhr los. Zu Jessies Erleichterung war er ein guter Fahrer, auch wenn es eine Weile her sein musste, dass er am Steuer gesessen hatte.

Während Matthias auf die Hinweise der Navigations-App achtete und den Wagen durch den spärlichen Verkehr lenkte, sah Jessie aus dem Fenster und beobachtete den Wohnblock ihrer verstorbenen Schwiegereltern, der sich langsam von ihnen entfernte. Sie hoffte, dass sie jetzt an einem besseren Ort waren oder zumindest ihre Ruhe hatten. Und sie hoffte, dass es keine Zeugen gab. Viel Gedanken darüber machte sie sich jedoch nicht. Müdigkeit und Erschöpfung setzten ihr zu und während sie die Welt an sich vorbeiziehen sah, glaubte sie einen blassen, violetten Rand um die Bäume, Häuser und Autos zu sehen. Sie war sich nicht sicher, aber konnte den Eindruck auch nicht gänzlich abschütteln. Hatte sie diese seltsame Sphäre nie wirklich verlassen? Dieser Gedanke ängstigte Jessie, aber diese Angst blieb eigenartig fern, während die Wärme der Kabine und das sanfte Schaukeln des Wagens ihre Lider niederdrückten.

„Hey, nicht wegdämmern“, sagte Matthias, „gerade sollten sie unbedingt bei Bewusstsein bleiben. Zumindest, wenn ihnen etwas an ihrem Leben liegt.“

„Mir geht es gut“, sagte Jessie. Was psychisch glatt gelogen und körperlich zumindest leicht geflunkert war, „ich werde nicht ohnmächtig werden. Ich bin einfach nur fertig und erschöpft.“

„Warum denn eigentlich?“, fragte Matthias, „was haben sie durchlitten? Das heißt: Wenn sie es mir erzählen wollen.“

„Will ich nicht“, sagte Jessie barsch und fügte etwas sanfter hinzu, „zumindest gerade nicht. Aber Sie können mir Ihre Geschichte erzählen. Wie Sie vom Arzt zum … zum freischaffenden Retter von Menschen in Not wurden.“

„Wie sie meinen“, sagte Matthias lachend, „aber so lange ist unsere Fahrt wahrscheinlich nicht. Ich kann ihnen aber die Kurzversion erzählen. Es ist fast wie der amerikanische Traum. Nur rückwärts. Ich war ein anerkannter und nicht ganz unfähiger Unfallchirurg an einer kleinen, aber feinen Klinik. Ich war zwar keiner von diesen Ärzten, die in den Club der Millionäre aufsteigen, aber ich hatte doch ein ganz gutes Auskommen. Geld war mir aber nicht so wichtig, mir ging es wirklich mehr um das Wohl meiner Patienten. Dann wurde meine Klinik privatisiert von so einer großen Krankenhauskette. Wie Mc Donalds, nur dass sie keine fettigen Burger, sondern kranke und verletzte Menschen über die Ladentheke schoben.

Dann wurde wirklich aus allem Geld gemacht. Privatpatienten wurden mit unnötigen Operationen ausgequetscht und Kassenpatienten im Akkord abgefertigt und aus der Klinik entlassen – oder eher geworfen – bevor sie richtig gesund waren. Von den Überstunden und der laxen Hygiene will ich gar nicht erst anfangen. Tja, und dann hab ich einfach ein paar Mal zu oft den Mund aufgemacht, mich für meine Mitarbeiter und Patienten eingesetzt. Das hat denen nicht wirklich gefallen. Die haben mich aber nicht direkt entlassen, so dumm wahren sie nicht. Erst haben sie mir einen Kunstfehler untergeschoben, mit dem netten Nebeneffekt, dass sie keine Abfindung zahlen mussten. Als die Prozesse zu Ende waren, hatte ich nichts mehr, nicht mal mehr die Erlaubnis meinen Beruf auszuüben. Die haben mir einen Ruf verpasst als wäre ich Mengeles Urenkel. Um den Knast bin ich zwar herumgekommen, aber ich hab nicht mal mehr ‘nen Aushilfsjob gefunden. Dann kam der Alkohol und … tja. Den bin ich zwar wieder losgeworden, aber die Obdachlosigkeit nicht.“

„Das klingt fast wie in einem Thriller“, fand Jessie, die der Geschichte gebannt gelauscht hatte.

„Aber es ist leider wahr“, sagte Matthias, „und – Thriller hin oder her – ich kann Ihnen versichern, dass mein Leben seitdem nicht sonderlich aufregend war. Eher so richtig … beschissen.“

„Das tut mir leid“, sagte Jessie und meinte es so. Sie hielt Matthias für glaubwürdig. Das Zittern in seiner Stimme, die verkrampften Hände am Lenkrad, die Tränen, die sie in seinen Augen gesehen hatte, während sie erzählte. Das war alles echt. Die Frage war nur, ob auch der Teil mit der Verschwörung gegen ihn stimmte oder ob er es wirklich mit seinem hippokratischen Eid nicht so genau nahm. Das wäre beunruhigend, denn immerhin wusste dieser Mann, wie er schnitt und wenn ihm das Skalpell locker saß …

„Was mögen Sie an Weihnachten?“, fragte Matthias unvermittelt.

„Was?“, antwortete Jessie überrumpelt.

„Nun, Sie scheinen ja ziemlich darauf zu stehen. Also wenn Sie mir schon nicht erzählen wollen, was Ihnen widerfahren ist, dann sagen Sie mir wenigstens, was Sie an diesem Fest so fasziniert“, antwortete Matthias.

Jessie dachte nach. Diese Frage hatte sie sich seltsamerweise selbst noch nicht oft gestellt. Aber es gefiel ihr, darüber nachzudenken. Es lenkte sie von der Frage ab, ob sie gerade mit einem irren Chirurgen durch einen leibhaftigen, violetten Albtraum navigierte oder nicht.

„Die Geborgenheit“, antwortete Jessie, „es ist wie eine Rückkehr in den Mutterleib. Man wird beschenkt, umsorgt und kann einfach nur genießen, einfach nur sein, während die Außenwelt, jene Welt der Verpflichtungen, der Missgunst, der Konkurrenz, des Messens und gemessen Werdens aufhört zu existieren. Wenigstens für ein paar Tage.“

„Ich dachte, es geht bei Weihnachten ums Schenken“, erwiderte Matthias, „das sind eigentlich ziemlich viele Verpflichtungen, oder? Und gemessen wird man auch. ‚Wie teuer war das?‘ ‚Hast du dir genug Gedanken gemacht?‘ All dieser Kram.“

„Das spielt keine Rolle“, sagte Jessie, „nicht bei den richtigen Menschen. Bei ihnen geht es nur darum, zu zeigen, dass man sich mag. Liebe zu geben. Ob durch Geschenke, Gesten, Blicke oder Worte, ist völlig egal. Aber man hat Raum zu sein. Zu leuchten. So, wie es sein sollte. Mit den richtigen Menschen hat man das.“

„Das klingt wirklich schön“, gestand Matthias ein, „kennen Sie solche Menschen?“

„Ich kannte einen“, sagte Jessie knapp und spürte wie ihre Tränen zu fließen begannen. Matthias bohrte nicht nach, sagte nichts. Aber als er ihr mit seiner staubigen Hand über die Schulter streichelte, respektvoll und unaufdringlich, ließ sie es zu.

~o~

„Wir sind da“, sagte Matthias als sie vor ihrem Haus anhielten. Es war tatsächlich ihr Haus. Keine Klinik, kein Wald und auch kein versteckter Folterkeller. Sie stiegen aus und Matthias reichte ihr den Schlüssel. Sie fühlte sich wenig schlecht für ihr Misstrauen und sprach es aus.

„Danke, dass Sie kein Arschloch sind“, sagte sie lächelnd.

Matthias grinste, „Nein, das bin ich wahrscheinlich nicht. Auch wenn mich mein plüschiger Beifahrer vielleicht nicht in jedem Jahr auf die Brave-Kinder-Liste geschrieben hätte. Aber sie haben von mir nichts zu befürchten. Ich kann mir vorstellen, was für Ängste Sie ausgestanden haben und das tut mir leid.“

„Schon in Ordnung“, sagte Jessie, „aber wo gehen Sie jetzt hin? Sie sind weit weg von … zu Hause.“

Schon als sie das Wort ausgesprochen hatte, verzog sie vor Scham das Gesicht.

„Tja ich fürchte, mein Zuhause ist sehr mobil momentan“, erwiderte Matthias lachend, „aber ich finde schon einen Ort zum Übernachten.“

„Sie können bei der Kälte unmöglich auf der Straße schlafen“, protestierte Jessie, holte ihre Geldbörse hervor und drückte Matthias dreihundert Euro in der Hand, „Holen Sie sich davon irgendeine warme Unterkunft mit Dusche.“

„Ich würde ja sagen, dass ich das nicht annehmen kann, aber in meiner Situation kann ich mir das wohl nicht erlauben“, entgegnete Matthias scherzhaft, konnte jedoch nicht verhindern, dass er beschämt zu Boden sah.

„Es ist in Ordnung“, sagte Jessie und zwang sich zu lächeln, auch wenn ihr gerade nur nach Schlafen zumute war, „es sind keine Almosen, sondern eine Bezahlung. Eine erbärmliche Bezahlung für ihre Fahrdienste, ihre Anständigkeit und die Rettung meines verrückten Lebens. Aber mehr habe ich nicht bei mir. Ich bin auch nicht im Millionärsclub. Doch ich hätte ein anderes Angebot. Wenn Sie mögen, dass kommen Sie am Heiligabend um 18:30 Uhr wieder hierhin. Dann schiebe ich noch ein Essen nach und Sie wären nicht allein.“

Matthias Gesicht hellte sich auf. Doch nicht so weit, dass es beängstigend wirkte. Trotzdem hoffte sie, ihm keine falschen Hoffnungen gemacht zu haben. Spätestens wenn Thorsten an diesem Abend wieder da war und sie wie ein verliebter Teenie an seinem Arm hängen würde, würde er aber sicher nicht auf falsche Gedanken kommen.

„Vielen Dank!“, sagte Matthias, „das nehme ich gerne an. Dann kann ich gleich nachsehen, ob Sie noch leben.“

Er sagte das leichthin, aber man merkte, dass die Sorge hinter seinen Worten aufrichtig war.

„Doch fürs Erste will ich Sie mal in Ruhe lassen. Sie haben wahrscheinlich genug, über das Sie nachdenken müssen“, sagte Matthias, machte eine Abschiedsgeste und machte sich auf den Weg, die Straße hinunter.

Jessie erwiderte seine Geste und überlegte kurz, ob sie nach günstigen Hotels für Matthias recherchieren sollte. Immerhin kannte er sich in der Stadt nicht aus. Aber sie war einfach zu müde. Und wenigstens hatte er jetzt etwas Geld. Das sollte ihm weiterhelfen.

Schon fast zu erschöpft, um noch aufrecht zu stehen, fummelte Jessie ihren Schlüssel in die Tür, ging die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf und machte sich auf den direkten Weg in ihr Bett.

~o~

Jessie schlief lang. Sicher mehr als dreizehn Stunden, sodass sie erst am frühen Nachmittag erwachte. Aber immerhin erwachte sie – trotz Matthias Bedenken. Ihr Schlaf war traumlos und vergleichsweise erholsam. Als sie erwachte, suchte sie instinktiv nach einem verräterischen violetten Leuchten, doch ihre Wohnung wirkte ganz normal. Entweder sie war wirklich in der Realität angekommen oder die Traumwelt tarnte sich lediglich vor ihr. Die Vorstellung, dass diese klagenden Stimmen, diese finstere Leere, dieser albtraumhafte Abgrund nur eine dünne Lackschicht von ihr entfernt sein könnte, war grauenhaft. In diesem Licht war sie auch nicht allzu erfreut darüber, dass ihr Fuß viel besser aussah und die Schmerzen auf ein moderates Maß zurückgegangen waren. Lag das an Matthias schnellem und fachgerechten Eingreifen oder hatte das andere Gründe?

Da sie keine Möglichkeit hatte, das abschließend herauszufinden, folgte sie der Realitätshypothese, schlurfte zum Kalender und hoffte inständig, dass sie nicht zu viel Zeit verschwendet hatte, um ihre dritte Aufgabe noch erfüllen zu können.

Hier um das Kalendertürchen „23“ begegnete ihr das vermisste Leuchten und der Zettel in seinem Inneren – nun, der war unerwartet. Anstelle einer Aufgabe stand dort geschrieben:

„Fleißiges Mädchen. Du hast es fast geschafft. Heute hast du dir eine Auszeit verdient. Was du noch brauchst, wirst du leicht finden. Ich verrate es dir morgen, auf der Rückseite. Grüße, dein Wunsch.“

„Was auch immer das heißen soll“, murmelte Jessie und war zum einen erleichtert, nicht noch eine kräftezehrende Mission vor sich zu haben. Zum anderen hatte sie jedoch ein unangenehmes Bauchgefühl bei der ganzen Sache. Nicht jede Überraschung war ihr willkommen. Weihnachtsfreak hin oder her.

Um sich nicht verrückt zu machen, verbrachte sie den Tag fast so, wie sie es vor Thorstens Tod getan hatte. Sie nahm etwas aus ihrer Spardose und besorgte Geschenke in der Stadt, wobei sie Isabelle einen Reiserucksack, Mango einen fetten Kauknochen und einen Quietsche-Elch und Matthias einen schicken, aber reduzierten Anzug besorgte, in der Hoffnung, dass er damit bei einem Vermieter oder Arbeitgeber eine gute Figur machen würde. Für Thorsten hingegen verpackte sie seine alten Geschenke, die er nie hatte öffnen können, neu, denn sie hatte vor, ihm noch so viel mehr zu schenken und sie fand nichts, was dem Anlass angemessen gewesen wäre.

Dennoch machte Jessie ihr Einkaufsbummel viel Freude. Es war gut, wieder jemand anderem etwas Gutes tun zu können. Doch während sie so durch die Stadt lief, war das unwirkliche Gefühl wieder da, dass sie seit dem Verlassen von Thorstens Elternhaus begleitet hatte. Ab und an meinte sie die Gesichter der Passanten um sich herum nur verschwommen, ruckelnd und undeutlich wahrzunehmen, so als wären sie nur Teil eines alten Films auf einer 360 Grad Leinwand und immer wieder sah sie in Straßenlaternen, Fensterscheiben oder Ampeln ein mattes, violettes Glühen, das nur für den Bruchteil einer Sekunde aufflackerte. Das zerstörte ihr Weihnachtsgefühl nicht vollständig – zumal nichts Schreckliches passierte – aber zusammen mit der Aufregung wegen Morgen sowie den Schuldgefühlen wegen ihrer Schwiegereltern und dem jungen Thorsten nagte es durchaus an ihr.

Als sie zurück in ihre Wohnung kam, war ihr deshalb nur nach Verdrängung zumute. Also trank sie den ein oder anderen Schluck, schaute Filme und hörte laut Weihnachtmusik und bemühte sich, die Realität nicht allzu kritisch zu betrachten. Am Ende spielte sie spielte sogar einen trashigen, weihnachtlichen Shooter namens „Gory Christmas“ auf ihrem Laptop, in dem sie als muskelbepackter Santa einen Aufstand blutrünstiger Zombie-Elfen niederschießen musste. Und während der Bildschirm vor Pixelblut, fliegenden Zipfelmützen und zerfetzten Strumpfhosen fröhlich flackerte, vergaß sie sogar für eine gewisse Zeit alle Sorgen.

Völlig überreizt und betäubt schleppte sie sich ins Bett und schlief ein.

Am nächsten Tag ging es ähnlich unspektakulär weiter. Sie putzte und räumte die letzten Kleinigkeiten weg, kochte, deckte den Tisch, verpackte alle Geschenke und lief ansonsten im Zimmer auf und ab, während sie auf die Rückseite des Zettels starrte, die enttäuschend leer blieb. Schließlich ging sie zu dem Kalender und legte den Ring und das kleine, erfreulich unbewegte Krokodil darunter ab. Dann nahm sie sich eine Dicke Zimtkerze mit ihren Initialen, die ihr Thorsten einmal zum Geburtstag geschenkt hatte, stach sich in den Finger, sodass ein Tropfen Blut darauf fiel, der sich deutlich von der hellbraunen Kerze abhob und zündete sie an. Zuletzt legte sie eine blaue Jeans und Thorstens Lieblingsshirt, das nach all den Jahren noch ganz dezent nach seinem Parfüm duftete, dazu und überließ den kleinen Altar dann sich selbst. Sie hoffte, dass es kein Problem sein würde, wenn noch eine Komponente fehlte, immerhin wartete sie ja noch auf Vernoras Anweisung.

Um 17:45 Uhr klingelte es an der Tür. Eine Dreiviertelstunde zu früh.

~o~

Jessies Herz klopfte, als sie zur Tür ging. Und das nicht einmal wegen all des Übernatürlichen, das in ihr Leben getreten war oder wegen der unterschwelligen Angst, dass es die Polizei sein könnte, die ein paar unangenehme Fragen an sie hatte. Es war einfach ein unglaublich seltsames Gefühl, wieder Besuch zu empfangen. So seltsam, dass sie sich fragte, ob es eine gute Idee gewesen war. Immerhin waren es praktisch Wildfremde, die sie sich eingeladen hatten. Was, wenn sie sie ausrauben würden? Was, wenn sie sich überhaupt nicht verstanden? Weder mit ihr, noch mit Thorsten. Vor allem aber fragte sie sich, ob es klug war, diese Leute ausgerechnet an dem Abend zu sich zu holen, an dem sie ein Ritual durchführen wollte, um ihren verstorbenen Mann wiederzubeleben. Ja, je mehr sie darüber nachdachte, desto bescheuerter kam ihr diese Entscheidung vor. So als hätte sie sich einfach an ihrem logischen Denken vorbeigemogelt. Wie sollte sie jetzt noch in Ruhe das tun, was Vernora von ihr verlangen würde, wenn Isabelle und Matthias sie dabei beobachteten? Wie sollte sie ihnen den „Altar“ und das plötzliche Erscheinen von Thorsten und Vernora erklären, ohne dass sie in Panik davonliefen?

Als sie die Tür öffnete und die fröhlich lächelnde Isabelle vor sich sah, ein Geschenk und eine Tüte in der Hand und neben sich Mango, der schwanzwedelnd und aufgeregt an ihr schnupperte, wurden all diese berechtigten Bedenken jedoch sofort hinweggefegt. Allein die Tatsache, dass jemand sie besuchte und sich für sie interessierte, jagte ihr einen Schauer der Dankbarkeit über den ganzen Körper. Sie würde eine Möglichkeit finden, sagte sie sich. Hatte Vernora nicht gesagt, dass sie alles, was sie brauchte, hier in ihrer Wohnung finden würde?

„Hallo Jessie“, sagte Isabelle, „können wir reinkommen? My bad, ich weiß, wir hatten 18:30 Uhr gesagt, aber ich war ungeduldig.“

„Natürlich“, sagte Jessie und machte eine einladende Geste.

Isabelle trat ein und sah sich mit staunendem Gesicht in Jessies Wohnung um, die Jessie von einer weihnachtlichen Rumpelkammer in ein zwar üppig geschmücktes, aber begehbares Weihnachtswunderland verwandelt hatte. Den Altar beachtete sie dabei gar nicht. Offenbar ging er in der allgemeinen Pracht unter.

„Das … das ist … awesome!“, sagte Isabelle staunend, „Als Kind hätte mich das zu Tränen gerührt. Da kann jeder Weihnachtsmarkt einpacken.“

„Nun, ich habe dafür auch so einige Weihnachtsmärkte eingepackt“, sagte Jessie lachend und Isabelle stimmte ein, während Mango alles aufgeregt beschnupperte, bevor er sich der Tannenbaum-Wasserschüssel zuwandte, die sie für ihn bereitgestellt hatte.

„Setz dich doch“, sagte sie und zeigte auf einen der beiden leeren Stühle, vor denen bereits ein komplettes Gedeck, sowie Teller mit Brot und ein paar Antipasti standen.

„Bekommen wir noch mehr Besuch?“, fragte Isabelle stirnrunzelnd, während sie sich setzte, „ich dachte, du kennst niemanden.“

„So war es bisher auch“, erwiderte Jessie und goss sich und Isabelle etwas Glühwein in die uralten Weihnachtsmarkttassen, die sie damals noch von ihren Eltern bekommen hatte, „aber irgendwie habe ich in den letzten Tagen neue Bekanntschaften geschlossen. Einer davon hat fest zugesagt und vielleicht kommt auch noch ein Überraschungsgast.“

„So ist das mit den Wünschen“, sagte Isabelle schmunzelnd, „manchmal schreit man sie dem Universum jahrelang weinend ins schwerhörige Gesicht, ohne dass es mit der Wimper zuckt. Und dann … Boom kommt die Lieferung.“

Sie klatsche in die Hände, um ihre Worte zu unterstreichen und zwinkerte.

„Aber es freut mich wirklich für dich“, sagte Isabelle, während sie ihren versprochenen Nudelsalat und ihren Apfelkuchen auf den Tisch stellte, „Und auch für mich. Vielleicht bauen wir einsamen Schrullen uns ja heute einen ganz tollen Freundeskreis auf.“

„Vielleicht“, sagte Jessie lächelnd.

„Und wenn nicht, haben wir wenigstens uns und ein gutes Essen“, sagte Isabelle und nippte an ihrem Glühwein.

„Ach, ich mag dieses Zeug“, sagte Jessie, „Wie Wein, der sein Festtagsgewand trägt. Dabei mag ich Alkohol sonst nicht so sehr, aber so was ist perfekt.“

„Ich kann dir auch was anderes holen“, bot Jessie an und drehte den Zettel in ihrer Hand. Es juckte ihr in den Fingern draufzuschauen, aber das würde Fragen provozieren, die sie nicht beantworten wollte. Wenn sie dagegen allein wäre …

„Nein, alles perfekt“, sagte Isabelle, während sie eine Kaustange für Mango aus ihrer Hosentasche zauberte, der sie schon erwartungsvoll ansah und sie ihm ins Maul gab.

Ungeachtet ihrer Verneinung stand Jessie auf. „Nee, ich hol uns noch was ohne Alkohol. Will ja nicht, dass wir alle nach ein paar Stunden schon neben den Geschenken unterm Baum liegen.“

„Wie du meinst“, sagte Isabelle und entdeckte zum ersten Mal Jessies Verband, „aber du bist verletzt. Da solltest du wohl besser nicht zu viel herumlaufen.“

„Schon in Ordnung“, sagte sie, „bin gestern wo reingetreten und war beim Arzt. Er meinte, ein wenig Bewegung ist okay.“

Kaum da Jessie in der Küche angekommen war, wo ihre Weihnachtsbraten im Ofen brieten – sie hatte vorsichtshalber einen aus Fleisch und einen veganen gemacht, da sie nichts über die Vorlieben ihrer Gäste wusste – blickte sie auf den Zettel aus dem Kalender. Er war leer. Immer noch. Wann rückte dieser verfluchte Wunsch endlich mit seinen Bedingungen raus? Sie wollte dieses Weihnachten genießen. Immerhin war es ihre Chance auf das erste Glück seit vielen Jahren. Während sie ein paar Gläser und eine Flasche Wasser holte, schaute sie immer wieder auf den Zettel. Ohne Ergebnis.

Gerade als sie alle Gläser beisammen hatte, klingelte es an der Tür. Noch ein Frühankömmling.

Jessie eilte los, stellte die Gläser und das Wasser auf dem Tisch ab und öffnete.

Erst dachte sie, dass nun doch ein Polizeibeamter den Weg zu ihr gefunden hatte, denn sie erkannte den gepflegten Mann, der dort vor ihrer Türe stand, kaum wieder. Matthias trug eine nagelneue Jacke, eine saubere Hose, roch nach günstigem, aber ordentlichem Parfüm und hatte seine Haare und seinen Bart gestutzt. In seiner Hand trug er eine Tüte, in der ein paar kleine Pakete aufblitzten.

„Wow, Herr Doktor!“, entfuhr es Jessie, „Ihre modische Operation ist aber mal geglückt.“

„Danke“, sagte Matthias, „Sie haben wir aber auch großartig assistiert. Und ich bin froh, sie munter und lebendig anzutreffen. Wie geht es ihrem Fuß?“

„Erstaunlich gut“, sagte Jessie, womit sie meinte, dass er praktisch vollkommen verheilt war, auch wenn sie sich bemühte, das zu verbergen, „aber mein Magen knurrt. Ich glaube, da müssen wir was tun.“

„Selbstverständlich“, sagte Matthias schmunzelnd, „gute Ernährung ist wichtig.“

Matthias trat ein und entdeckte die anderen beiden Gäste. Isabelle kam ihm mit der Begrüßung zuvor. „Oh, schöner Mann. Wo hat Jessie dich denn aufgetrieben?“, fragte sie.

„Sie war meine Patientin … könnte man sagen“, sagte Matthias nervös und streckte Isabelle die Hand hin, „ist so eine Art Hausbesuch.“

Isabelle warf einen vielsagenden Blick zu Jessie, die ein wenig errötete.

„Du bist also Arzt? Nun, dann solltest du dir vielleicht mal mein loses Mundwerk ansehen“, antwortete, „mir macht es zwar keine Beschwerden, aber andere beschweren sich ziemlich gerne darüber.“

„Für Kieferchirurgie bin ich leider nicht zuständig“, antwortete Matthias lachend, „aber da ich im Studium mal ein Psychotherapie-Seminar besucht hatte, kann ich Ihnen zumindest sagen, dass es gesund ist, Dinge auszusprechen.“

„Wunderbar, dann spreche ich offen aus, dass ich dieses Gesieze albern finde“, sagte Isabelle, „wir sind hier nicht im Behandlungszimmer, sondern beim Weihnachtsessen. Oder nicht?“

„Klar doch“, sagte Matthias, „Mein Name ist Matthias.“

„Isabelle“, antwortete Isabelle, „heißt angeblich ‚die ewig Schöne‘. Da haben sich meine Eltern wohl verkalkuliert. Spätestens seit zehn Jahren zweifle ich den Wahrheitsgehalt dieser Aussage an.“

„So weit lagen sie gar nicht daneben“, schmeichelte Matthias, „aber mit den Namen ist das so eine Sache. Ob ich ein Geschenk Gottes bin, wage ich auch zu bezweifeln.“

„Oh, das sind wir alle, Darling“, antwortete Isabelle, „selbst wenn Gott nur ein hirnloser Energieblitz in der kosmischen Leere sein sollte. Wir haben alle etwas Liebenswertes an uns. Wobei, nein, das ist schnulziger Blödsinn. Einige sind ein Haufen Scheiße in teurem Geschenkpapier, vor allem die, die sich für die Größten halten. Aber ich glaube, du bist keiner von denen. Schlimmstenfalls bist du ein Paar Socken. Hübsche Socken, die man auch trägt.“

„Was?“, fragte Matthias verwirrt.

„Mein Mundwerk“, erinnerte Isabelle, „ich hatte doch gesagt, dass du es lieber behandeln solltest. Nicht wahr, Jessie, das hatte ich doch gesagt.“

Jessie nickte bekräftigend, aber davon abgesehen hörte sie einfach nur zu. Sie genoss das Geplänkel zwischen den beiden, die Gemeinschaft, die sich ankündigende Harmonie. Seit ihren Tagen mit Thorsten hatte sie sich nicht mehr so geborgen gefühlt.

„Was heißt eigentlich Jessie?“, fragte Isabelle, in dem Versuch Jessie mehr in das Gespräch einzubeziehen, „weißt du das?“

Jessie schüttelte den Kopf. Sie hatte sich über ihren Namen nie groß Gedanken gemacht.

Isabelle tippte auf ihrem Handy herum. „Jessica bedeutet ‚Gott wacht über dich‘.“

„Wohl eher nicht“, sagte Jessie und lachte dabei zynisch auf. Diese Aussage kam ihr auch wirklich absurd vor. Wenn Gott über sie wachte, hatte er dabei einen wirklich miesen Job gemacht. Zumindest bisher.

„Na ja, es gibt auch Wachleute, die mal ein Nickerchen einlegen“, kommentierte Isabelle, „aber da steht noch eine Bedeutung. ‚In die Zukunft schauen‘. Das klingt doch besser, oder?“

Ja, dachte Jessie als sie die beiden ansah. Genau das wollte sie. Und wie sie das wollte. Wenn sie jetzt noch Thorsten wieder bekam, war sie die glücklichste Frau auf dieser Welt.

„Das stimmt“, sagte Jessie strahlend.

In diesem Moment vibrierte der Zettel in ihrer Hand.

~o~

Jessie spürte, wie ihre Hände schwitzig wurden und es unangenehm in ihrer Brust kribbelte. Jessie überlegte, ob sie sich eine Ausrede einfallen lassen sollte, um sich vom Tisch entfernen zu können, aber wer wusste schon, ob sie die noch brauchen würde, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Also passte sie einen Moment ab, als sich das Gespräch ihrer Gäste um den schlafenden Mango drehte, ihre Blicke auf den Hund gerichtet waren und sie nicht weiter auf sie achteten. Schnell blickte Jessie auf den Zettel.

„Danke für deine Gaben, Jessie. Du hast sie tapfer erkämpft und die Erfüllung deines Wunsches ist nah. Der Körper von Thorsten ist schon bereit. Er wird geboren. Kannst du ihn sehen? Sieh genau hin, dort auf dem Stuhl“, stand dort zu lesen und Jessie wandte sich zu dem leeren Stuhl.

Tatsächlich sah sie dort etwas. Einen feinen violetten Umriss. So fein, dass man ihn kaum erkennen konnte, wenn man nicht wusste, wonach man Ausschau halten musste. Und die Umrisse passten tatsächlich. Sie formten die Silhouette ihres Thorsten, der wartend und beobachtend am Tisch saß, seine Hände direkt neben dem leeren Teller.

Jessies Herz fuhr Achterbahn. Sie konnte nicht glauben, dass dies hier wirklich geschah. Aufgeregt sah wieder hinunter und beobachtete wie die Buchstaben verschwanden und neuen Lettern Platz machten.

„Er wird bei euch sein. In wenigen Minuten. Doch etwas fehlt ihm. Sein Geist hat gelitten. Seine Seele ist verrottet in all den Jahren. Er hat sie vergessen. Die Güte, die Wärme des Lebens, die Freundlichkeit, das Mitgefühl. Dinge, wie sie hier zu finden sind. An diesem Tisch.“

Jessies Freude verwandelte sich in Asche. Ihr gefielen diese Andeutungen nicht.

„Nein“, flüsterte sie unhörbar leise, „nein, bitte nicht“, bevor die Worte auf dem Zettel ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigten.

„Je zwei Liter Blut. Geschnitten aus der Quelle. Mitfühlendes Blut, freundliches Blut, liebevolles Blut. Damit Thorstens Herz sich erhellt. Damit eure Liebe neu entstehen kann“, forderte Vernora erbarmungslos und Jessie las es dreimal in der Hoffnung, dass es wieder verschwinden würde. Doch die Zeilen blieben.

„Ich wollte eigentlich Tierarzt werden, weißt du“, hörte sie Matthias sagen, während er Mango hinter dem Ohr kraulte.

„Warum bist du es nicht geworden?“, fragte Isabelle.

„Tja, es klingt vielleicht seltsam. Aber ich kann es nicht ertragen, Tiere sterben zu sehen“, erwiderte Matthias.

Isabelle kicherte so laut, dass ihr Glühwein sich auf dem Boden verteilte. „Ach und bei Menschen schon?“

„So meine ich das nicht“, sagte Matthias ernst, „das macht mich genauso fertig. Es ist nur … ein Mensch weiß in der Regel, was mit ihm passiert. Er weiß um die Risiken und darum, dass Menschen Fehler machen können. Aber Haustiere – insbesondere Hunde – vertrauen uns. Gerade wenn sie ein gutes Verhältnis zu ihrem Besitzer haben, haben sie uns Menschen erlebt wie gütige Götter. Wie ein Wesen, das Futter herbeizaubert, das lästige Parasiten entfernt, Spielzeuge selbst aus den engsten Winkeln hervorholt und Schmerzen verschwinden lassen kann. Sie verstehen oft nicht, was wir tun, aber sie gehen davon aus, dass das, was wir tun, gut für sie ist. Da ist ein fast unerschütterliches Vertrauen. Dieser Gedanke, dass dieses Vertrauen verletzt wird, dass sie merken, dass wir sie enttäuschen, sie vielleicht sogar in eine Falle gelockt haben, während ihnen ihr Leben entgleitet, das … nun, das war einfach zu viel.“

Jessie schluckte schwer. Sie hörte Matthias Worte, Matthias mitfühlende Worte und merkte doch, wie ihr Blick zu dem scharfen Steakmesser neben ihrem Teller wanderte, wie sie die Adern am Körper ihrer Freunde suchte. Am Hals. Am Handgelenk. Wie sie überlegte, ob sie beide überraschen könnte. Dass sie wohl einen von ihnen bewusstlos schlagen musste, damit sein Blut nicht auf dem Boden versickerte, sondern in den vier großen Wassergläsern, die zusammengenommen zwei Liter fassen sollten, bevor sie …

„Ich kann das nicht“, flüsterte sie bebend zu dem Zettel, „ich kann das einfach nicht.“

„Ein Wunsch ist ein Wunsch“, erschien zur Antwort, „und er wird sich erfüllen. Auf die eine oder andere Weise. Doch es muss kein Leid geben. Es kann ganz einfach sein. Für euch alle. Gib ihnen dies. Gib es ins Essen. Es lässt sie einschlafen. Erzeugt ein Koma. Zerstört das Gehirn. Doch das Blut fließt weiter. Warm und lebendig.“

Direkt unter dieser Botschaft erschien ein Tütchen mit weißem Pulver. Fast sah es aus wie feiner Kunstschnee. Direkt als Jessie das Pulver sah, wollte sie es beseitigen, es die Toilette runterspülen. Doch dann sah sie zum vermeintlichen leeren Platz mit Thorstens Silhouette. Sie meinte, dass er sie ansah. Dass seine Augen sich langsam abzeichneten wie bei einem Geist. Er war nah. So verdammt nah. Die Liebe ihres Lebens stand kurz vor ihrer Wiedergeburt. Und hatte sie nicht schon zu viel durchgestanden, um jetzt abzubrechen? Jessie seufzte leise und steckte das Pulver mitsamt Zettel in die Hosentasche.

„Alles in Ordnung, Jessie? Du bist so still“, fragte Isabelle und blickte ihr besorgt in die Augen.

„Es ist alles in Ordnung“, entgegnete Jessie und zwang sich ein fragiles Lächeln auf die Lippen, „es ist nur so lange her, dass ich Weihnachten nicht allein gefeiert habe. So viele Jahre. Es ist schön, wieder Gesellschaft zu haben, aber auch überwältigend. Da … da verhält sich wohl manchmal eigenartig.“

„Sollen wir lieber gehen?“, fragte Matthias.

„Nein!“, sagte Jessie energisch, fast panisch und krallte dabei ihre Hände hart in die Tischplatten. Erschrocken sahen die beiden sie an und sogar Mango erhob sich verwirrt aus dem kleinen Körbchen, das Isabelle ihm mitgebracht hatte. „Bitte geht nicht“, fügte sie sanfter hinzu, „ich schaff das schon. Ich … ich will nicht mehr allein sein.“

„Das bist du nicht“, sagte Isabelle freundlich und nahm ihre Hand, „wenn du willst, komme ich so oft vorbei, wie du möchtest.“

„Auch ich werde sicher Platz in meinem vollen Terminkalender finden“, versicherte Matthias mit einem warmen Lächeln.

„Danke“, sagte Jessie erleichtert, „das ist so unheimlich lieb von euch. Soll ich … soll ich jetzt die Hauptspeise holen?“, fragte sie.

„Gerne“, antworteten ihre Gäste wie aus einem Mund.

„Ich habe eine vegetarischen und einen Rindfleischbraten gemacht“, sagte sie, „was möchtet ihr?“

„Den vegetarischen“, sagte Isabelle sofort.

„Ich auch“, fügte Matthias hinzu, „eigentlich bin ich da flexibel, aber Rindfleisch mag ich nicht so gerne.“

„Alles klar“, sagte Jessie, „dann schnapp ich mir den anderen.“

~o~

Sie hatte gerade beide Braten aus dem Ofen geholt und unsicher das kleine Tütchen mit dem Pulver herausgenommen, als sie ein forderndes Stupsen in ihrer Kniekehle fühlte. Ertappt, zuckte sie zusammen. Als sie sich umdrehte, stellte sie jedoch fest, dass es lediglich Mango war, der sie erwartungsvoll ansah. Offenbar war er von dem köstlichen Geruch angelockt worden.

Doch als Jessie in seine so sanften wie forschenden Augen sah, war sie sich da nicht mehr so sicher. Es konnte Einbildung sein, aber sie glaubte nicht nur gewöhnlichen hündischen Appetit darin zu erkennen, sondern auch … Wissen, Verständnis, Mitgefühl und eine tiefe, flehende Bitte.

Jessie schluckte schwer, sah den Hund einfach nur an und kraulte ihn hinter dem Ohr, ohne dass dieser seinen Blick abwandte.

„Tut mir leid, mein kleines Früchtchen“, sagte sie schließlich mit belegter, halb flüsternder Stimme, „aber das ist allein meine Entscheidung.“

Dann wandte sie sich von Mango ab und wieder dem Tütchen mit dem Schneepulver zu.

~o~

„Schmeckt wirklich super“, lobte Matthias während er sich weiteren Seitanbraten auf den Teller schaufelte, „ich hätte so was früher mal probieren sollen.“

„Die Tiere hätten sich sicher gefreut“, neckte ihn Isabelle, die sich schon die dritte Portion genehmigt hatte.

„Das stimmt“, gab Matthias zu, „auch wenn man als einziger Mensch wohl nicht viel bewirken kann.“

„Das ist nicht wahr“, widersprach Jessie ernst und etwas angespannt, während ihr Blick zwischen ihren neuen Freunden hin und her wanderte, „wir alle haben mehr Macht, als wir glauben. Unsere Entscheidungen bedeuten etwas.“

„Definitiv“, stimmte Isabelle laut gähnend zu, „und meine Entscheidung so viel zu essen, werde ich sicher bald bereuen. Vor allem fühl ich mich ziemlich müde. Vielleicht sollten wir uns einfach rüber auf die Couch setzen und irgendeinen Film anmachen. Du kennst doch sicher einen schönen Weihnachtsfilm, oder?“

„Oh ja, einige“, stimmte Jessie zu, „ich suche gleich einen aus.“

„Aber vorher sollten wir doch noch Geschenke austauschen“, erinnerte Matthias, „immerhin ist Heiligabend, wie Isabelle zutreffen meinte. Da kann man auf bestimmte Rituale nicht verzichten. O der etwa doch?“

„Nein“, sagte Jessie etwas abwesend. Noch immer machte ihr ihre Entscheidung zu schaffen. Doch nun war es wahrscheinlich zu spät. Unwillkürlich drehte sie sich zu ihrem „Altar“ um, bevor sie es bemerkte und schnell wieder zu Matthias sah. „Aber lasst mich erst aufessen, okay?“

Jessie hatte ihren Braten kaum angerührt. Inzwischen war er so kalt geworden, wie die Oliven, der Nudelsalat und die gefüllten Peperoni, die als Beilage daneben ruhten.

Mit zitternden Händen blickte sie zu Matthias, der genüsslich kaute und dem man anmerkte, wie lang er nicht mehr ordentlich gegessen hatte. Dann sah sie zu Thorsten, der sich weiter materialisierte. Inzwischen konnte man sein Gesicht ausmachen. Feine, flimmernde Linien, deren Existenz aber nicht mehr zu leugnen war. Doch weder Matthias noch Isabelle nahmen von ihrem toten Mann Notiz. Er hingegen sah Jessie direkt an. Durchdringend, erforschend und dann … stand er auf.

Er erhob sich einfach, während Matthias, Isabelle und Mango wie eingefroren im Augenblick erstarrten. Und wären er das tat, während Thorsten sich ihr näherte, wurde er von einer bloßen, dreidimensionalen Strichzeichnung zu einem Wesen aus Fleisch und Blut. Als er schließlich neben ihr stand, komplett in dem weißen Shirt und der grauen Jeans, die sie ihm zurechtgelegt hatte, konnte sie sein Aftershave riechen. Sie konnte seinen feuchten, etwas sauren Atem spüren und die Wärme und den Druck der Hand, die schwer auf ihren Schultern lastete.

Jessie wandte ihren Kopf und überwand ihre Nervosität, überwand sich, Thorsten ins Gesicht zu sehen. Wie oft hatte sie sich diesen Moment ausgemalt, wie oft innerlich an dieser Szene gebaut. Stein für Stein, Träne für Träne, Traum für Traum. Wie oft hatte sie sich den elektrisierenden Strom von Wiedersehensfreude, von Glückseligkeit, von unfassbarer Liebe ausgemalt.

Doch nun … war alles anders. Die Augen, die jahrelang als gedankliches Abbild über ihren Schlaf gewacht hatten, waren unbewegt, starr und von einer passiven, gleichgültigen Bosheit erfüllt, In ihnen tanzte das klagende Nichts zur Melodie verstümmelter Lieder. Nein, was sie nun fühlte, war keine Liebe. Es war nichts außer Trauer und Angst. Ja, sie hatte Angst, dass Thorsten, dass dieses Ding ihr einfach die Kehle zerdrücken könnte. Fähig dazu wäre es gewiss. Doch irgendwie wusste sie, dass das nicht geschehen würde. Noch nicht. Es lag an diesem purpurnen Glanz. Er umgab Thorstens Körper wie eine zweite Haut, wie jenes Schutzschild, das auch die Zwielichtschlinger davon abgehalten hatte, sie zu fressen und er lag nun auch vor den in der Zeit erstarrten Gesichtern von Isabelle und Matthias.

„Es ist noch nicht zu spät“, flüsterte eine Stimme in ihrem Ohr, „er kann werden, was du dir erträumst. Wenn du den Preis zahlst. Den einfachen, sanften, schmerzlosen Weg hast du ausgeschlagen. Hast ihn einfach in den Müll geschüttet. Aber es kann noch funktionieren. Noch ist alles eine Möglichkeit, ein Vorschlag, eine Simulation. Aber wenn du schneidest, kannst du es wahrmachen. Wenn du schneidest, zerreißt du den Schleier und dann … wird er dir helfen. Thorsten wird bei seiner eigenen Geburt assistieren und verhindern, dass jemand von ihnen diese Raum lebend verlässt. Schneide, Jessie. Öffne den Weg in deine Zukunft. Befreie dich von allem Ballast.“

Jessie lauschte. Sie lauschte dem endlos ausklingenden Akkord der leisen Weihnachtsmusik, die genauso im Moment eingefroren oder vielleicht auch nur extrem verlangsamt war, wie ihre Gäste. Sie lauschte den verblassten Gesprächen, dem vergangenen Lachen und den echohaften Liedern aus ihrer kostbaren, unwiederbringlichen, unschuldigen Vergangenheit mit Thorsten. Doch vor allem lauschte sie dem Klang der Emotionen, die Isabelle, Matthias und Mango in ihr erzeugten.

Dann hörte sie auf zu lauschen, packte das Messer, beugte sich vor und schnitt. Die Schneide zerriss den Schleier, die violette, schützende zweite Haut und durchtrennte Thorstens ungeschützte Kehle.

Die unheilige Gestalt wehrte sie nicht. Sie sah sie nur an – verständnislos, seelenlos – doch sie glaubte auch zu sehen, wie sich der grausame, von ihr verschuldete Tod des kleinen Thorsten und der ihres realen Mannes in dieser toten Oberfläche spiegelten und ihre Tränen flossen wie das Blut aus der Kehle ihres Mannes.

Sie hatte Mitleid mit ihm, erschütterndes, quälendes Mitleid, aber es war das Mitleid mit einer Erinnerung. Mit einem Leben, das so nie wieder kommen würde. Das man nicht fortführen, sondern nur imitieren konnte. Nicht als echtes Leben, nur als Tragödie oder als Farce. Dieses starre, kalte Gefäß vor ihr hätte selbst das grausamste Opfer nicht lebendig machen können, davon war Jessie nun überzeugt. Es war nicht lebendiger als die Weihnachtsmann-Figur in ihrem Auto. Nur weniger flauschig und viel, viel boshafter.

„Hat sich dein Wunsch erfüllt?“, hörte sie die Stimme von Vernora sagen als der blutleere, falsche Thorsten wie ein nasser Sack auf dem Boden aufschlug. Anders als erwartet klang Vernora freundlich, ja sogar erleichtert.

„Ja“, sagte Jessie, die verstand, dass der „Wunsch“ ihr nie hatte schaden wollen. Auch wenn Vernora sicherlich zugelassen hätte, dass sie sich selbst schadet, „danke für dein Geschenk.“

„Dieses Geschenk hast du dir selbst gemacht“, sagte eine andere Stimme. Es war ihre eigene.

Jessie drehte sich um und erkannte ihre Glasskulptur, deren Herz wieder schlug und deren Gesicht nicht länger zersplittert war.

„Es tut mir leid, so unendlich leid, was ich dir angetan habe“, sagte Jessie.

„Schon in Ordnung“, sagte die Glas-Jessie, „du hast letztlich richtig entschieden. Und du hast dich geheilt. Und damit auch mich. Frohe Weihnachten, Jessie.“

„Frohe Weihnachten“, antwortete Jessie. Dann verschwand die Glasfigur zusammen mit jedem Funken des violetten Glanzes und allen Verlockungen und übernatürlichen Möglichkeiten, die er offeriert hatte. Die Zeit nahm wieder ihre Arbeit auf und die Realität ergriff ihre Krone.

„Alles in Ordnung?“, fragte Isabelle, der Jessies Tränen nicht entgangen waren.

„Nein“, antwortete Jessie mit einem tränenverschmierten Lächeln, „nicht alles. Die Gegenwart ist toll. Aber die Vergangenheit schmerzt. Es … er sollte hier sein. Ich wünschte, mein Mann wäre hier. Verdammt, nach all den Jahren wünsche ich mir das immer noch.“

„Das ist normal“, sagte Jessie, „die schönen Zeiten schneiden oft tiefer als die schlimmen. Denn denen müssen wir nicht nachtrauern. Aber das, was du hier gerade mit uns erlebst, kommt auch nicht zurück. Sollten wir es da nicht lieber genießen?“

Jessie nickte nachdenklich.

„Hey, nicht so schwermütig“, tadelte Matthias, „ich finde, Mango hat da die richtige Philosophie. Er freut sich, dass er satt, in guter Gesellschaft und am Leben ist und hat sich noch dazu den besten Platz auf der Couch ergattert. Ich denke, daran sollten wir uns ein Beispiel nehmen.“

„Da ist was dran“, sagte Jessie grinsend und rannte zur Couch wie ein alberner Teenager, wobei Matthias und Isabelle ihrem Beispiel folgten, „essen kann ich später ja auch noch. Falls Mango mir den Braten nicht wegfuttert. Und die Bescherung kann auch warten. Ich fühle mich gerade beschenkt genug.“

Jessie ließ sich direkt neben Mango auf die Couch fallen, der das mit einer gebrummten Beschwerde quittierte, bevor er sich wieder gemütlich zusammenrollte und seinen Kopf an ihr Knie legte. Matthias setzte sich neben sie und Isabelle nahm auf dem Sessel Platz, auf dem Jessie so viele Abende einsam und hoffnungslos verbracht hatte.

Isabelle schnappte sich direkt die Fernbedienung und aktivierte ein Streamingportal. „Welchen Weihnachtsfilm, kannst du denn nun empfehlen?“, fragte sie, „du scheinst mir da eine Expertin zu sein.“

Jessie dachte nach und blickte noch einmal kurz zu dem Altar, auf dem Thorstens Kleidung unberührt und zusammengefaltet lag. Die Kerze jedoch war erloschen.

„Keinen Weihnachtsfilm“, sagte Jessie kopfschüttelnd, „sucht ihr irgendetwas aus. Was, ist mir egal. Hauptsache, es ist etwas, dass ich noch nie gesehen habe.“

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